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Amanda und Eduard

Sophie Friederike Brentano: Amanda und Eduard - Kapitel 32
Quellenangabe
typefiction
authorSophie Mereau
titleAmanda und Eduard
publisherKore
editorBettina Bremer und Angelika Schneider
firstpub1803
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
created20070821
projectid5df59af8
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Fünfter Brief.

Eduard an Barton.

Ich gieng vor einigen Monaten aufs Land. Mein Vater selbst rieth es mir, weil er meine Gesundheit nicht für ganz befestigt hielt. Aber während der ersten Tage, die ich in der freien Natur zubrachte, war mir sehr weh zu Muthe. Hier erst, fühlte ich schmerzhaft den Unterschied zwischen jetzt und ehmals, fühlte, daß die Musik in meiner Seele verstummt war. Ein Schleier schien zwischen mir und der Natur herunter gefallen zu sein; ich hörte die sehnende Nachtigall nicht, sähe unbewegt die neubelebte Gegend. Oft lief ich weit, und strebte mit Ungeduld an einen Ort zu kommen, und wenn ich nun da war, so hatte ich keinen Zweck gehabt; alles war stumm, und ich mußte rastlos weiter. – Da drang das Andenken an Amanda, an ihre unnennbare Liebenswürdigkeit, mit voller, siegender Gewalt in mein Herz. O! süßes, süßes Glück der Liebe! rief ich einsam, du einziges nicht zu vergleichendes Gut! O, könnten alle meine Seufzer, alle meine Thränen, Flügel werden, und ich so, Dich wieder erreichen! – Aber, Freund, ich fühlte bald das Gefährliche dieser Stimmung, und ich hatte nun schon Kraft genug, mich heraus zu reissen. Ich beschloß in der Gegend Bekanntschaft zu suchen; vielleicht konnte ich hier finden, was ich so sehr bedurfte – neues Leben, neue Liebe. Denn Barton, was ist denn das Leben, ohne weiblichen Umgang? – Warum sollte ich es nicht sagen: das Weib ist die Seele von Allen. Sie sind die innersten, feinsten Triebfedern des großen Kunstwerks, alles menschlichen Thuns und Beginnens; wir sind die äusseren Räder, und natürlich, daß unsre stärkern Bewegungen immer sichtbar sind, während jene, meist ungesehn, und nur dem geschärften Auge bemerkbar wirken.

Ich suchte mich also, mit der Gegend und ihren Bewohnerinnen, bekannt zu machen.

Bald führte mich das Ungefähr in eine Gegend, die mich unbeschreiblich anzog. Mitten im Walde, lag die schönste Ruine, die ich je gesehen habe. Die ganze Stelle hatte eine wunderbare Mischung, von süßer, weichlicher Ländlichkeit, und reizender romantischer Wildheit; nie hab' ich etwas Lieblicheres gesehen. Ich stand vor den Ruinen, in der dunkelsten, angenehmsten Schwärmerei vertieft, und ward nur durch das Haus des Amtmanns, darinnen gestöhrt, das recht unschicklich in die edlen Trümmer hineingebaut war, als ich an einem Fenster desselben, ein frisches, weibliches Gesicht erblickte. – Es ist nicht zu leugnen, daß der Anblick eines artigen Mädchens, in einer einsamen, schönen Gegend, einen tiefen Eindruck auf die Einbildung macht, und ich empfand dies um so mehr, da mir unwillkührlich Werthers Amtmanns Tochter, dabei einfiel. – Auch hatte ich schon vorher im Wirthshause, von der Schönheit dieses Mädchens gehört, und, daß schon viele, sich, ihr zu gefallen, hier aufgehalten hätten. – Da ich jetzt so ganz Herr meiner Zeit war; so entstand der Plan sehr leicht, einige Zeit in dem Orte zu leben, und es war nicht schwer, in dem Amthause selbst aufgenommen zu werden, um so mehr, da das außerordentliche, schlechte Wirthshaus des Orts, meine Bitte vollkommen rechtfertigte.

Ich wohnte nun da, und konnte täglich, so viel ich wollte, den Anblick eines wirklich schönen Mädchens genießen, die, mit ein paar jüngern Geschwistern, ihrem Vater, einem freundlichen, verbindlichen Mann, der für vieles Sinn zu haben schien, und der Mutter, einer geschäftigen Hausfrau, das reizendste, liebenswürdigste Gemälde von der Welt darstellte. – Ich fühlte mich wirklich glücklich, weil ich unter Menschen lebte, die es zu sein, und es zu verdienen schienen, und war' ich bald wieder abgereist, so hätte ich eine reine, schöne Erinnerung für mein Leben gewonnen; so aber blieb ich, und zerstöhrte meine angenehme Illusion.

Es entgieng mir nicht, als einige Wochen vorbei waren, daß ich von Agnes, – dies war der Name des schönen Waldmädchens – mit günstigem Auge angesehen wurde. Sie hörte meine Gespräche mit der ungetheiltesten Aufmerksamkeit an, und ihr schönes Auge lächelte mir immer den süßesten Beifall zu. Sie selbst sprach nicht viel, aber alles was sie sagte, schien mir einfach, gefühlvoll und zärtlich – genug, es gefiel mir, denn es lag fast immer etwas Schmeichelhaftes für mich darinnen. Beinah' glaubte ich, sie im Ernst zu lieben. Schon malte mir in manchen Stunden, meine Phantasie, ein reizendes Bild der Zukunft. Hier – in lieblicher Wildniß, beglückt durch die Liebe der schönen, unschuldigen Geliebten, in Einsamkeit, das Leben zu verträumen – konnte dies Glück, das mir so freundlich entgegen kam, nicht das unruhige Herz befriedigen? – Ach! nur quälte es mich, daß ich bei allem diesen, so leicht die Gränze sah, daß ich hinter den Armen der Liebe, der jugendlichen Begeisterung, die um das ganze Landleben ein frisches, entzückendes Colorit verbreiteten, gleich die dumpfe, leere Einförmigkeit, das Drückende der Eingeschränktheit, mußte hervorblicken sehen! – Auch Agnes schien mir nicht ganz zufrieden, oft hörte ich ihre stillen Seufzer, und ich dachte mir sogleich, daß Sehnsucht, nach einem geliebten Wesen, der Grund dieser kleinen Verstimmung sein müßte, denn nur eine schöne Trauer, war mir bei ihr denkbar. Und wenn ich dann diese Vermuthung leise äußerte, dann bestärkte mich ein süßes Lächeln, das halb zufrieden, halb verlegen war, ganz fest in meinen Ideen. – Soll ich Dir sagen, daß ich mir oft, dem Mädchen gegenüber, die so sanft und tief zu fühlen schien, bittere Vorwürfe darüber machte, daß ich, aller vorigen Sehnsucht, all' der schönen Bilder, die mich umgaben, zum Trotz, oft eine tiefe, unerträgliche Leere in meinem Herzen empfand? – Ach! dachte ich, und meine eigenen Gedanken stimmten mich zur Wehmuth, du kömmst mir entgegen, liebende Seele, mit allen deinen Blüthenträumen von Lebensglück, die vom schmeichelnden Hauch der Hoffnung verführt, zum erstenmal lieblich erwachen – und die Kälte, die oft wie ein schneller Nachtfrost aus meinem einst so tief gekränkten Herzen dringt, wird vielleicht die schönsten dieser Blüthen verderben!

Nach einiger Zeit, erhielt Agnes einen Besuch aus dem benachbarten Städtchen; es war ein Mädchen, die sie ihre vertrauteste Freundin nannte. Sie schien von einem neuen Geist belebt, nie war sie mir so schön, so lebhaft, so anziehend erschienen. Das halblaute Geschwätz, die Neckereien, das frohe Gelächter der beiden Mädchen, nahm kein Ende, und kaum war das Mittagsmahl vorbei, so sprangen sie beide in den Wald. Wie süß, wie reizend dünkte mich der frohe Sinn dieser harmlosen Geschöpfe! und wie freute ich mich, diese einzige, liebe Gabe des Himmels, auch bei dem geliebten, von der Natur so reich ausgestatteten, Mädchen zu finden!

Ich gieng von einer andern Seite gleichfalls in den Wald, und suchte mir ein romantisches Plätzchen zu meinem Ruheheert. Ich lag auf weichen Rasen, und ein dichter Busch, entzog mich allen Blicken. Der wohlbekannte, frische, geliebte Waldduft kam mir entgegen, und drang in mich mit allen den stillen, dunkeln Bildern von Einsamkeit, von ländlichem Leben und einfachem Glück, und mit der Gegenwart, schmolz die Vergangenheit in meinem Sinn wunderbar zusammen. – Ich fühlte auf Augenblicke ganz das süße, reine Leben, das nichts will, und alles in sich trägt. – Da hörte ich Stimmen, und erkannte bald Agnes und ihre Freundin. Es freute mich, etwas von ihrem schuldlosen, vertrauten Geschwätz zu erfahren. Sie sprachen sehr lebhaft, und blieben nicht weit von mir stehn. O! ja, sagte Agnes, ich bin Wilhelm gewiß sehr gut, aber sage mir selbst, was habe ich denn für Aussichten mit ihm? – wer weiß, ob er die Stelle bekömmt, und wenn auch – soll ich mich denn ewig auf dem Lande begraben? Warum soll ich denn nicht auch das Leben genießen, wie die Mädchens und Weiber in großen Städten, wovon mir so viele erzählt haben? – Nein! ich muß Dir sagen, ich sehne mich recht von hier weg; und ich glaube, was mir auch schon viele versichert haben, daß ich ganz für die Stadt geschaffen bin. Ach! schweig nur, sagte die andere, Wilhelm gefällt dir nicht mehr, weil du den Fremden lieber hast. – Nein, antwortete Agnes lebhaft, ich kann dir versichern, daß ich Wilhelm weit mehr liebe, als ihn. Aber die Mutter hat erfahren, daß der Fremde sehr reich, und der Sohn eines vornehmen Mannes ist, und wenn er mir nun wirklich gut wäre; so könnte ich ja durch ihn, ein sehr großes Glück machen – und Wilhelm, könnte ich deswegen doch immer noch sehen.

Wie schneidend dies Gespräch mit meinen Gefühlen und mit dem einfachen Reiz der Waldgegend abstach, brauche ich Dir nicht zu beschreiben. – Mit meiner Liebe war es aus. Dieses Mädchen war Alles das, nur noch unausgebildet, was verdorbene Weiber in großen Städten vollendet sind. Die schaale Bewunderung, der Flittertand, die leeren, rauschenden Freuden, galten ihr für das Höchste, wofür sie alles hingeben möchte. Ihre Seufzer, die mir so süß, so gefühlvoll geschienen hatten, galten der Einsamkeit, welche sie hinderte, ihre Vorzüge zu zeigen, die, wie sie meinte, hier keinen würdigen Schauplatz hätten, und für die Reize ihrer Lage, für die Freuden des Gefühls, der Einfachheit, hatte sie keinen Sinn. Das kluge Mädchen war mir nun ganz zuwider geworden; ich lachte über meine Menschenkenntniß, meine Eitelkeit und reis'te bald geheilt hinweg. – Aber, ist es denn gleichwohl nicht traurig, Barton, daß da, wo wir die schönste Wahrheit zu umfassen glauben, oft nur eine häßliche Lüge, ihr Gaukelspiel mit uns treibt? Und durft' ich denn so streng mit ihr rechten, da mein eigenes Herz, nicht rein von Betrug gegen sie war? – Denn, laß uns ehrlich sein, Barton, leider ist es wahr, daß die meisten Weiber alles aus Eitelkeit thun, daß die Reden der Geistreichen, wie das Schweigen der Geistlosen nur darauf berechnet ist, und daß all' ihr süßes Wesen gegen uns, was wir für Liebe nehmen, größtenteils nur eitle, selbstsüchtige Zwecke zum Grund hat, aber, Freund! was thun wir?

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