Projekt Gutenberg

Textsuche bei Gutenberg-DE:
Autoren A-Z: A | B | C | D | E | F | G | H | I | J | K | L | M | N | O | P | Q | R | S | T | U | V | W | X | Y | Z | Alle
Gutenberg > Sophie Friederike Brentano >

Amanda und Eduard

Sophie Friederike Brentano: Amanda und Eduard - Kapitel 29
Quellenangabe
typefiction
authorSophie Mereau
titleAmanda und Eduard
publisherKore
editorBettina Bremer und Angelika Schneider
firstpub1803
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
created20070821
projectid5df59af8
Schließen

Navigation:

Zweiter Brief

Amanda an Julien

Nur mit Mühe, meine Freundin, vermag ich mich aus dieser Verwirrung von prosaischen Dingen heraus zu reissen. Albrets Angelegenheiten sind zum Theil in großer Unordnung; und doch möchte ich dem Vertrauen, mit welchem er mir die Berichtigung derselben übertrug, gern auf das Vollständigste entsprechen. Täglich kommen Briefe; täglich giebt es neue Geschäfte abzuthun. – Wie verändert, wie tief verändert ist alles um mich her! – Wohin sind die lieblichen Bilder, die himmlischen Träume, geliebte Schmerzen? – Oft dünkt es mir, ich sei mit kalten Blicken in die todte Sphäre hinüber getreten, wo alles in das öde Gebiet des Irrdischen versinkt, wo die klingenden Spiele der Phantasien schweigen, kein Zauberduft die Wesen mehr umwallt, und die Nothwendigkeit nicht mehr durch den Schleier des Schönen verhüllt, offen und vernehmlich ihre Ansprüche geltend macht. – O! warum ist das Leben denn ein immerwährender Kampf! – Frei tritt der Mensch in die Welt; noch wird seine Jugend von dem Wiederschein einer höhern Sonne beglänzt; aber überall lauern die unterirdischen Geister, die Sorgen der Erde, ihn zu sich herab zu ziehen; wohin er flieht, verfolgen sie ihn, und rettet er sich auf die Höhen der Liebe und Phantasie; so dringen die Stürme des Himmels die Pfeile des Schicksals auf ihn ein, und beängstigen sein schlagendes Herz!


Wilhelm soll mich nun nie verlassen; er war mir immer lieb, aber nun ist er mir heilig. Mit sonderbarem Gefühl betrachte ich ihn, als ein Wesen, das mir so ganz hingegeben ist, und fühle dann mit ruhigem Selbstbewußtsein, daß er sich dieses Looses wohl erfreuen darf. – Ich werde für seine künftige Bildung sorgen, so gut ich kann, das heißt, ich werde ihm seine Eigenthümlichkeit zu erhalten suchen. Denn die Menschen werden verschieden gebohren. Wie die Pflanze, das Thier, jede Erscheinung, eine besondere Form hat; so auch sie. Keiner darf deshalb zürnen, wenn ihm die Natur vorzügliche Gaben versagte, denn jeder erscheint, wie er kann, und ist darum für sich nicht schlechter, wenn er sich nur den Sinn erhält, über seine Verhältnisse zu den Andern frei denken zu können. – Der Mensch, so denke ich, Julie, soll immerhin Alles um sein selbst willen thun, aber man kann ihn lehren, sein eigenes Glück darin zu finden, daß er für Andre lebt. Diese einfache Idee spricht unmittelbar an das Herz, und ist dem Kinde, dem ungebildeten Menschen, verständlich. Jede Aufopferung für einen Andern, die nicht aus Neigung geschieht, ist unnatürlich; sie zerwühlt das eigene Herz und steht fruchtlos im Aeußern da. Menschen sollen recht gegen einander handeln, aber nicht großmüthig. Großmuth ist anmaaßend, weil sie nur höhern Wesen zukömmt, und grausam, weil sie Andere erniedrigt. –

Könnte nur, – ich wiederhole es – ein jeder seine Natur verstehen lernen! Und glücklich der, dessen Neigungen ein freies, angemessenes Gebiet im Leben finden, wo sie sich äußern können, denn die Neigungen sind immer gut!

Sehr oft sehe ich auch jetzt den Grafen **, der sehr bekannt mit Albrets Angelegenheiten ist, und mir in meiner verwickelten Lage, viele Dienste leistet. – Manches von dem, was er mir aus Albrets Leben erzählt, giebt mir Aufschluß über Vieles, was mir so lange dunkel geblieben ist, und neue Veranlassung über die unselige Verschlossenheit dieses Mannes zu trauern. – Denn ich weiß es wohl, Julie, daß Aufrichtigkeit nicht immer eine gesellige Tugend genannt werden kann; daß der Mensch, der für Andere und mit Andern leben will, oft etwas von der Wahrheit seines eigenen Wesens aufopfern muß, um des Ganzen willen. Auch möchte ich nicht gern zu denen gehören, die bitter auf die Klugheit schimpfen, weil sie zu ungeschickt sind, ihr eigenes Leben, so wie sie gern es wollten, durchzuführen. Aber, ich fühle es jetzt innig in der Seele, geoffenbart: nichts kann beruhigen als Wahrheit, nichts erfreuen, nichts beglücken, als sie. – Und darum ist – die Zeit der Liebe, auch die schönste, glücklichste Zeit des Lebens, weil da reine, ewige Wahrheit ist; denn niemals werde ich so thöricht sein, das Unendliche, Himmlische – Wahn, und das Irrdische, Beschränkte, – Wahrheit zu nennen.

 << Kapitel 28  Kapitel 30 >> 






TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.