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Amanda und Eduard

Sophie Friederike Brentano: Amanda und Eduard - Kapitel 23
Quellenangabe
typefiction
authorSophie Mereau
titleAmanda und Eduard
publisherKore
editorBettina Bremer und Angelika Schneider
firstpub1803
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
created20070821
projectid5df59af8
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Drei und zwanzigster Brief.

Eduard an Amanda.

Ich bin nun hier auf dem Gute meines Vaters, und habe zum erstenmal einen Busen voll Sturm in diese friedlichen Fluren gebracht. Hier war ich als Knabe – glücklich ohne es zu wissen, eine heitre Welt stand vor meinem Blick, mein Leben war Genuß und Thätigkeit. Hier war ich oft als Jüngling, mit Wunsch und Gefühl. Oefters weinte ich da an einem schönen Abend oder Morgen, Thränen, deren Quelle ich nicht kannte. Ach! es waren schon damals Thränen der Sehnsucht, die ich Dir weinte, obwol ich Dich nicht kannte, einzige Amanda! warum sah ich Dich damals nicht, warum verband uns nicht Ein Himmel, Eine Flur? – Und als ich Dich endlich fand, als mich die Liebe mit Dir vereinigte, wie war es möglich, Dich wieder zu verlassen? – Ich habe viel darüber nachgedacht, was mich ans Leben hält, und was überhaupt den Menschen so ans Leben fesselt, und ich weiß es, ich habe es gefunden, es ist die Liebe, einzig sie allein. Wenn ich aufhöre zu lieben, so höre ich auch gewiß auf zu leben. Nur Liebe oder Eigennutz sind die Bande, die alle menschliche Gesellschaft zusammen halten, und wenn ich mich in schwarzen Stunden der Selbstqual ungeliebt und ohne Liebe denke, so schaudert mir, und ich ergreife rasch Dein Bild oder Deine Briefe. – Ich bin jung, und habe wenig Leiden erprüft, aber doch nicht selten schmerzlich die Nichtigkeit aller Freude gefühlt. Meine lebhafte Phantasie zauberte mich in alle noch ungeprüfte Lagen bis zur Wirklichkeit hinein. Ehe ich Dich kannte, fühlte ich öfters unbeschreibliches Verlangen, banges Gefühl von Alleinsein. Die Natur war damals meine Geliebte. Wie oft bin ich auf die Knie gesunken, den Busen voll Sturm, das Auge voll Thränen, und habe die Blumen geküßt und die Erde! – Dann schwärmte ich rastlos umher, und ich brauche Dir nicht zu sagen, daß es kein gemeiner Taumel, kein gewöhnlicher Durst nach Vergnügen war. Eine Art von Verzweiflung jagte mich, und bei allem Reichthum meiner Gefühle, dünkte ich mich arm. Da führte mein Genius Dich zu mir – und alles, was ich je empfunden, wiederholte sich schöner bei Dir. Der Sehnsucht Thräne, der Wehmuth Seligkeit, die tiefe Ehrfurcht, das stumme Entzücken, – das alles gab ich nun Dir, und Du warst reicher als die Natur, Du nahmst und gabst. – O! Einklang der Seelen! Mittheilung ohne Worte! O! selige, selige, selige Zeit! – Gleich einer glücklichen Insel ragt sie aus dem Strom des Lebens hervor. Die Liebe leitete uns auf geheimnißvollem Weg dahin; aber wir mußten sie verlassen, unser Weg hat weiter keinen Zusammenhang mit ihr, und einsam und getrennt treibt der Strom den öden Nachen hinab. – Was soll ich nun allein auf den dunklen Wellen, wo Du, leuchtendes Gestirn! mir fehlst? – Ach! ich bin so kleinmüthig! und das macht die Entfernung allein, die Entbehrung, die mich alles Sinnes und Muthes beraubt! – Die Welt weicht von mir zurück. Leiser, und immer leiser verhallen in dem weiten All die Töne der Liebe, der Freude, unvermerkt löset sich ein Band nach dem andern, und an dem großen Accord menschlicher Wünsche und Freuden schließt sich der Ton meines Herzens nicht mehr an.


Dein Brief thaut Balsam auf mein wundes Herz, und gräbt die Wunde doch tiefer. Ich denke mich bis zum Wahnsinn in alle verschiedenen Lagen hin, worinnen ich Dich so oft gesehn. Ach! daß ich die Träume, die die Sehnsucht Deinem Auge entlockt, wenn Du einsam in die nächtliche Gegend blickst, nicht von Deinen Wangen küssen kann! daß ich nicht mehr gegenwärtig bin, um die Musik Deiner Rede zu vernehmen, wenn Deine Lippen sich so anmuthsvoll bewegen, daß ich oft selbst das Hören darüber vergaß! – Kann der todte Buchstabe mir ersetzen, was einst so lebensvoll, so göttlich vor mir stand? – Nein! meine Empfindung gleicht der Empfindung eines Greises, der aus dem Schatten der Ruhe noch einmal auf den schimmernden Blumenpfad seiner Jugend zurückblickt. Alles Glück liegt hinter ihm, und vor ihm, eine stille, leere, dunkle Gegend.

Ein Plätzchen habe ich hier gefunden, heimlich zwischen Bergen und Gesträuch, dem Garten ähnlich, wo einst Engel zu mir herabstiegen. Hier will ich mir eine kleine Kapelle bauen, einfach, prunklos und mit weichem Boden, daß man leise geht, wie der verstohlne Tritt der Liebe. Ueber dem Altar hängt Dein Bild; auf ihm liegt alles, was ich je in seligen Stunden von Bändern, Blumen und Briefen von Dir erhielt. Vier Säulen sind darinnen, der Phantasie, Erinnerung, Hoffnung und Liebe geweiht, und jede trägt das Gemälde einer Sonne aus der kurzen Blüthenzeit meines Glücks. Zuweilen muß ich auch einen Menschen mit mir dahin führen, um dort zu beten, denn welcher Genuß ist ungetheilt ? – Aber behutsam, sehr behutsam werde ich sein in meiner Wahl, und wol manches Jahr wird hingehen, daß keiner in den Tempel meiner Allgegenwärtigen tritt. Und wenn auch einer der Erste seines Jahrhunderts wäre, so müßte er dennoch geliebt, glücklich geliebt haben, wenn er mich begleiten dürfte. Aber große Menschen werden nicht ohne Liebe; sie allein bringt uns den Vollkommnen näher. – Wäre nur meine Kapelle schon fertig, daß ich mich in den heissen Augenblicken der Unruhe und der Sehnsucht, dahin verbergen könnte!


Amanda! ich bin in Verzweiflung! – In meiner Zerstreuung hab' ich vergessen, dem Boten, der Briefe in die Stadt trägt, diesen Brief an Dich mitzugeben. Das Aussenbleiben desselben wird Dich beunruhigen, und ich kann diesen Gedanken nicht ertragen. Ich lasse das schnellste Pferd satteln, und fliege in die Stadt, um die Post noch zu erreichen. O! daß es so unbändig wäre und sich nicht halten ließe, und mich ohne Rast zu Dir hintrüge!


Ich bin wieder besser, meine Amanda, ich bin ganz gesund. – Ach! was habe ich gelitten, daß ich Dich so lange in dieser Ungewißheit lassen mußte, aber die Krankheit übermannte mich mit unbeschreiblicher Stärke und Schnelligkeit; ein heftiges Fieber raubte mir das Bewußtsein, und vergönnte mir nur selten einen leichten Augenblick; ich habe viel phantasirt, und bin sehr glücklich gewesen. Ganz deutlich erinnere ich jetzt mich dessen, was meiner Krankheit vorher gieng, und ich will es Dir erzählen, weil ich Dir nichts verheelen darf. – Ich ritt, nachdem ich Dir zuletzt geschrieben, mit fliegender Eil, um noch vor Abgang der Post in der Stadt zu sein. Auf meinem Weg lag eine Fähre, die ich passiren mußte. Es war so früh, daß man auf der andern Seite niemand vermuthete, und ich mußte lange warten. Die Luft wehte kalt, der Himmel sah schwarz umzogen, und meine Ungedult war fürchterlich. Schon wollte ich mich in die Wogen stürzen und hinüberschwimmen, als ein alter Schäfer herbei kam, und mich gutmüthig festhielt. Er stellte mir die Gefahr bei dem herannahenden Sturm so lebhaft vor, daß ich einige Augenblicke lang schwankte, und ein kleines Gespräch mit ihm anknüpfte. Und hier – so bitter war meine Stimmung – war ich recht bemüht, diesem Menschen, der mit seinem Dasein zufrieden schien, das Traurige desselben mit wilder Lebhaftigkeit aufzudecken. In dieser öden Gegend, wo Stunden weit keine menschliche Wohnung, nur Sand und dünner Graswuchs zu sehen ist, mußte dieser Mensch zwei mal 24 Stunden lang – allein mit seinem Hund die Schaafe hüten, wo dann ein andrer ihn ablöste. Bitter fragte ich den Mann: Wie magst du nur das Leben ertragen? – Aber er begriff mich nicht, und erzählte mir nur, wie er dann Einen Tag in seiner Hütte zubrächte, und mit seinem Weibe des kleinen Lohns sich freue, und sein Gärtchen bestelle. – Dies Gespräch machte mich noch ungeduldiger, und da die Fähre noch immer nicht gekommen war, so nahm ich keine Gründe mehr an. Ich verließ mich auf mein gutes Pferd und meine Kräfte, und wünschte, daß ein verzweifelter Kampf mit den Wogen, dem Leben, das in manchen Augenblicken keinen Reiz mehr für mich hat, wiederum Werth geben möchte. – Glücklich erreichte ich das Ufer, und nun weiter nach der Stadt. Ich kam zu spät, und das brachte mein Blut noch mehr in Wallung; eine unnatürliche Glut rann durch meine Adern; ich fühlte die Krankheit, aber ich faßte die Idee, sie zu bekämpfen, und ihr durchaus nicht unterliegen zu wollen. Unverzüglich ritt ich wieder fort, durch eine dunkle, stürmische Nacht. Aber mir war wohl, sehr wohl. Das Ungewisse der Schatten, erhöhete meinen gespannten Zustand. Allmächtig, wie ein Gott, wandelte ich allein in einer unendlichen Welt. Die ganze Natur schien mir unterthan, ich fürchtete, ich hofte nichts; Leben und Tod lag in meiner Hand. Auf einer unermeßlichen Nebelbahn kam mir ein ferner, freundlicher Lichtstrahl entgegen. Du warst es; wie eine leuchtende Sonne nahtest Du mir, und wir stiegen höher, immer höher. – Gegen Morgen kam ich an das Wasser und dachte mit Vergnügen der gestern überstandnen Gefahr. Diesmal fand ich die Fähre und ließ mich gleichgültig übersetzen. Meine Verwandten erschracken, als ich nach Hause kam. Ich sprach unbeschreiblich viel in Prosa und Versen, mit der größten Lebhaftigkeit. Nach einigen Stunden gelang es ihnen, mich ins Bett zu bringen, und von diesem Augenblick an weiß ich wenig mehr. – Mehrere Wochen sind mir ohne helles Bewußtsein vergangen, doch war Dein Bild in allen meinen Träumen. Sie sagen: ich soll noch nicht ausser Gefahr sein, doch fühle ich jetzt meine Kräfte täglich mehr zurückkehren, und meine einzige Sorge ist Deine Bekümmerniß. Fürchte nur nichts mehr, Geliebte! Du liebst mich und ich lebe.

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