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Amanda und Eduard

Sophie Friederike Brentano: Amanda und Eduard - Kapitel 22
Quellenangabe
typefiction
authorSophie Mereau
titleAmanda und Eduard
publisherKore
editorBettina Bremer und Angelika Schneider
firstpub1803
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
created20070821
projectid5df59af8
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Zwei und zwanzigster Brief.

Amanda an Eduard.

Eduard! ich bin allein – die romantische Stille der Nacht, ruht auf allen Wesen. Vor gerißnen, dunklen Wolken, steht einsam der Stern der Liebe; Ein geistiger Schein verklärt das ferne Gebirge, indeß tiefe ambrosische Nacht, das vor mir liegende Thal bedeckt.

Ach! aus allen Wesen ist die Bedeutung gewichen; ein kaltes Licht strömt von dem Stern hernieder, und in den leisen, durch die Nacht verstreuten Tönen, liegt Trauer und Wehmuth. – Eduard, ist dies die Welt, die einst so schön, so heiter war? – Welch ein allmächtiger Zauber lag in Deiner Nähe! – Du wußtest es nicht, nein! Du wußtest nicht, wie Du geliebt wurdest. – Die Luft hauchte mir Deinen Athem, in dem Geflüster der Blätter hörte ich Deine Stimme, der Mond beleuchtete nur Deinen Pfad. Ich wußte es, eine solche Nacht ließ Dich nicht ruhen. Du eiltest hinaus, in die Natur, vor Deinen Augen entfaltete sich eine neue Welt, himmlische Freiheit und Liebe empfing Dich, und die heiligen Stimmen der Nacht, riefen wunderbare Bilder vor Dein Gemüth.

Dann, ach! das wußte ich auch – zog Dich ein allmächtiger Zug zu mir hin. Du wandeltest durch blühende Haine, blühender und lebendiger als sie, und eine stärkere Sehnsucht entflammte Dich. Wenn ich dann hinaus sah, in die nächtliche, liebeathmende Welt, und hinter jedem Gesträuch Dich ahnen durfte, wie ward mir dann die Gegend so lieb, so heilig! Wie strömte aus Deinen Blicken ein neuer, himmlischer Reiz über sie hin! – Deine Wünsche waren jugendlich wie die Frühlingsblumen, Deine Phantasie himmlisch, wie das Licht der Sterne, Deine Gefühle lebendig, wie der rauschende Bach. – Jetzt überfällt mich namenlose Wehmuth, wenn ich die blühende Natur um mich erblicke, und mich von Dir getrennt, in dieser blühenden Natur. Vergebens sage ich mir, daß jedes Glück – auch die Liebe, enden muß, besser gewaltsam durch Trennung als langsam durch die Zeit – das Innerste des Herzens widerspricht, und meine Thränen strafen mich Lügen.

Seit einigen Tagen ist Julie hier, und wie wohl mir ihre Gegenwart thut, wirst Du fühlen, da Du weißt, wie ich sie liebe; doch habe ich manches an ihr anders gefunden, als ich mir es dachte. – Sie will um ihre, nicht ganz feste Gesundheit, zu stärken, diesen Sommer das hiesige Bad brauchen, und hat sich gefreut, dies mit meinem Wunsch, sie bei mir zu seh'n, vereinigen zu können. Die Jahre, während wir uns nicht sahen, haben den Duft der Jugend von ihrem Geist abgestreift, und sie hat manches in ihrem Wesen, was mir weh thut, was ich hart nennen möchte, wenn ich es nicht wegen der Uebereinstimmung des Ganzen gern ertrüge. Sie ist ganz das, was sie sein wollte, eine Frau, die Vergangenheit und Zukunft, stets im Bezug auf die Gegenwart denkt, mit ihren Verhältnissen in Eintracht lebt, den Lebensgenuß weise vertheilt, um damit bis ans Ende auszureichen, und die Befriedigung des, allen Menschen eignen Triebes nach Glück, mehr von dem Verstand als dem Gefühl erwartet. Freilich läßt sich von einem solchen Gemüth schwerlich Billigung und lebhafte Theilnahme an einer Leidenschaft erwarten, die wie die unsrige, alle Verhältnisse des Lebens vergißt, den ganzen Himmel in Momente zusammen faßt, und aus dem geheimnißvollen Quell der Gefühle, unendliche Freuden und unendliche Qualen schöpft. Gleichwol liebe ich sie, weil sie mir giebt, was sie mir geben kann, weil Jugendgefühle, Erinnerungen, mich an sie binden, und ich ehre sie, weil sie unbefangen das ist, was sie sein kann, und sich für nichts anders gehalten wissen will. – Verschieden werden die Menschen geboren, und mag doch immer jeder seine Eigentümlichkeit, – nur in einer schönen Form – zu erhalten suchen! Wie thörigt begehren Manche die unendlich reiche Mannigfaltigkeit der Naturen mit der flachen Einförmigkeit einer einzigen Form vertauscht zu sehen!


Eduard! Deine Klagen dringen mir ans Herz. Verbanne diese wilde Traurigkeit, die mich ängstigt; ich verlange, ich fodre es. – Auch ich will ruhiger sein; und bin es schon. Ich habe Augenblicke, Stunden, wo ich mit gefaßtem Gemüth, über unsre Trennung nachzudenken vermag. – Mühsam suche ich dann alle Gründe hervor, um Vortheile für Dich darinnen zu finden. Der vorzügliche Mensch, sage ich mir, soll harmonisch ausgebildet werden; das Gefühl darf nicht die Oberhand behaupten, nicht das schöne Gleichgewicht verletzen, und dann in allen Verhältnissen des Lebens, sich eine despotische Herrschaft über die andern Geisteskräfte, anmaaßen. Ach! aber dann fällt es mir schwer aufs Herz, daß wir das, was in der Zukunft vielleicht noch reifen wird, mit den geliebtesten Freuden der Gegenwart erkaufen; das Schöne dem Nützlichen, das Freie dem Gesetz aufopfern, und wie gefallne Engel den hohen Pfad verlassen mußten, der uns, vereinigt, zu mehr als irdischem Glück und Hoheit führte. – Warum mußten wir so viel besitzen? – Ach! dem, der einmal den Himmel besaß, dünkt ein gleichgültiger Zustand schon Verdammung zu sein. – Doch, Eduard! wo gerathe ich hin!

Ich beneide Dich um die Neuheit, das fremde Leben, welches Dich umgiebt, wie Du mich um meine stillen Träume. Jedes hält den Andern für glücklicher, wünscht sich an seine Stelle, und gönnt ihm doch seine vermeinte, beßre Lage. – Ach! in dem fremdesten Gewühl, und in der einsamsten Hütte, wird das treue Herz von Sehnsucht gequält!

Es beunruhigt mich oft, daß ich Dir nicht öfterer schreiben kann, und daß meine Briefe Dich erst so spät erreichen. – Ich zittre für jeden Aufschub, und möchte Dir gern jede Unruhe, jede Sorge ersparen. Zuweilen, Freund, durchfliegt mich eine himmlische Zuversicht. Weissagend, verheißt mir eine innre Stimme: wir sind nicht für einander verloren! – Der stille Gang der Schicksale führt uns wieder zusammen, diese Sehnsucht bleibt nicht ungestillt, aber wenn und wie? noch weiß ichs nicht! – O! ist nur erst der Schleier des Geheimnisses hinweg gerollt, der über Deinen Verhältnissen ruht! – Daß er dann bald erscheine, jener selige Moment des Wiedersehens! – bald, wenn noch die Glut der Gefühle ihn unendlich macht, und die himmlischen Geister der Phantasie um die Wahrheit ihre Blüthenkränze flechten!


Oft erfreut es uns, Julien und mich, auf die verschlungnen Pfade der Vergangenheit, wie von einer Höhe herabzusehen. Erst dann, wenn Jahre dazwischen liegen, wird erst bemerkt, was in der Gegenwart sich zu nahe vor die Augen drängte. Schon frühe trennten sich unsre Wege, aber wir bemerkten es nicht. Wenn wir von der Zukunft träumten, und Julie bald ein Ruheplätzchen zu finden wünschte, wenn ihre Phantasie sich kaum einige Meilen weit wagte, und sie das reinliche Landhaus, und ein stilles, regelmäßiges Leben bald festhielt, so reizte mich der Gedanke: mehr von der Erde zu sehen, ganz unaussprechlich; die unbestimmte Ferne zog mich an, und als das höchste Glück, dachte ich mir stets, an der Seite eines geliebten Mannes, ein schönes, vielseitiges Dasein zu genießen, tausendfach zu leben. – Ihr, der Gnügsamen, ward, was sie wünschte, und sie erfüllte die Lage, die sie so oft sich dachte; mich trieb das Streben, das hohe, was ich kannte, in Einem vereinigt zu finden, rastlos im Gebiet des Lebens umher, und als es mir ward, als ich kaum das harmonische Dasein fühlte, das alle Wünsche begränzte – ach! da verschwand der Himmel, und einsam und verlassen fand ich mich auf der Erde wieder!


Du schriebst mir lange nicht, Eduard! Dein Schweigen ängstet mich. Schon einige Posttage sind vergangen, wo ich Seligkeit erwartete, und alle Bitterkeit getäuschter Sehnsucht fand. Ach! Dein Bild webt sich in alle meine Träume, und meine süßesten Hoffnungen ruh'n in Deinem Herzen! Oft überflieg' ich, was uns trennt, und lebe dann mit Dir, ein neues, schönes Leben. Und theilst Du sie mit mir, diese Sehnsucht nach Wiedersehn? – wie soll ich mir Dein Schweigen erklären? – wie, wenn Du Dich der Freude überließest, während ich voll Trauer jede Freude verschmähe, und Dich stets allenthalben vermisse? – Ich bat Dich ruhig zu sein, und müßte verzweifeln, wenn Du es wärest. Nur das kann mich beruhigen – wenn Du mir nichts verheelst, Dich durch keine Spizfindigkeit des Verstandes, keinen Trugschluß der Vernunft verleiten läßt, das hohe Gesetz des Vertrauens zu brechen, das, wie durch Zauberei, Eins in des Andern Seele lesen läßt.

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