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Amanda und Eduard

Sophie Friederike Brentano: Amanda und Eduard - Kapitel 20
Quellenangabe
typefiction
authorSophie Mereau
titleAmanda und Eduard
publisherKore
editorBettina Bremer und Angelika Schneider
firstpub1803
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
created20070821
projectid5df59af8
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Zwanzigster Brief.

Amanda an Eduard.

Umwehe mich, Abendluft, und hauche mir Frieden in die beklommene Brust! – Ich tauche mich in dem kühlenden Luftstrom, ich athme die Düfte der Nacht, aber sie mildern die Sehnsucht des Herzens nicht. In der Dämmerung, im Lüftchen, im Blumenduft, überall wohnen Erinnerungen; überall bist Du und bist Du nicht! – O! daß ich Dich verlieren mußte! –

Es ist unbegreiflich, wie Deine Gegenwart in mein ganzes Leben verschlungen war. Alles war durch sie geweiht, und allmächtig hauchte sie Leben und Begeisterung, auch in die gleichgültigsten Dinge. Jetzt tritt mir allenthalben eine unerträgliche Leerheit entgegen. Gefühllos seh' ich, wie sich die Menschen um mich her bewegen; gefühllos thue ich, was Andre von mir begehren. Mein Herz ist tod; mit Dir hat mich mein beßres Selbst verlassen. Und dennoch regt sich in mir ein unendliches Verlangen nach Glück. Ach! ich hatte es gefunden, und ich ließ es entfliehen, das einzige Glück, welches für mich blühte! – Eduard! ich theile Deine jugendlichen Hoffnungen nicht, mir ahnet eine lange, grauenvolle Trennung. Jetzt erst denke ich: ach! warum reisete ich nicht mit ihm? O! kalte, unerträgliche Rücksichten, die mich noch jetzt zurückhalten! – Der Mensch denkt sich oft in seinem Kreise so wichtig, so unentbehrlich, und kaum hat er ihn verlassen, so sieht er, wie ein andrer ihn leicht, und oft weit besser ausfüllt. Aber da, wo ein höheres Leben für ihn blüht, wo sein heiligstes Dasein, an dem göttlichen Hauch harmonischer Freiheit und Liebe, sich mit den schönsten Blüthen entfaltet, die ganze Welt sich seinem Aug' verklärt, und er gut sein muß, weil ihm alles andre gut erscheint, da ist er an seiner Stelle, da muß er sich, aller Hindernisse trotzend, ewig zu erhalten suchen.

Ich fuhr gestern spazieren, und wählte den Weg, den Du gereist bist. Es war mir, als käme ich Dir näher; ja, einige Augenblicke lang, dauerte die süße Täuschung, als eilte ich in Deine Arme. Es ward Abend; die Natur lag in ruhigen Träumen, still und frei vor mir; das graue Bergschloß, das Deinem Gärtchen gegenüber liegt, lächelte, wehmüthig zärtlich in die Abendglut; die Fenster, der ländlichen, umher zerstreuten Hütten, glänzten Ruhe und Einfalt. Komm, o! komm, rief ich laut, die Sehnsucht tödtet Deine Amanda! – Ach! da zerrann die Täuschung, und als ich wieder zurück fuhr, lebten alle Qualen der Trennung, tausendfach in mir auf.

Und so war es denn ein Traum, das ganze wunderbare Glück unsrer Liebe? Eine Erscheinung, die flüchtig wie alles andere, und bedeutungslos verschwindet? – Ist es möglich, frage ich mich oft mit kindischem Zweifel, daß man so glücklich sein kann, wie wir es waren? so glücklich im Genuß der Gegenwart? – Vergangenheit umzieht ihre Freuden mit ätherischem Duft, und reizt die Sehnsucht, nach unmöglichen Genüssen; die Zukunft kleidet ihre Bilder, in das blendende Gewand der Täuschung; die Phantasie zieht sich aus einer fremden Welt Paradiese herab, die nie sein werden – aber Gegenwart, Wahrheit; wenn auch diese so beseligen, so begeistern, dann, ja! dann ist es nur das Werk der Liebe, der Allesvermögenden! Aber wie selten finden sich so gleichgestimmte Seelen, wie selten vereinigt sie ein so wunderbares Band! – Ach! unendlich wie mein Glück, soll auch mein Schmerz es sein! Wie gern gäb' ich noch eine solche Zeit, wie diese war, zu leben, mein Dasein, mit allen übrigen Genüssen, dafür hin, und stürbe, mit dem letzten Kuß beglückt, in Deinen Armen!


Ich habe Deinen Brief! Wie süß hab' ich geweint, als ich ihn las! – O! Allgewalt der Liebe, auch getrennt umwindest du deine Lieblinge, mit ätherischen Blüthen des Entzückens! – Ich hatte mich sehr auf diesen Tag gefreut, und wohl mir, daß die Hoffnung mich nicht betrog! Sie täuschet also doch nicht immer, diese Trösterin der Getrennten? – Wie wächst mein Vertrauen nach dieser Ueberzeugung!

Beruhige Dich, Eduard, wir werden uns wiedersehen. Bekämpfe diese Heftigkeit, die Deine Gesundheit untergräbt; ach! sie ängstet mich unaussprechlich! – Hoffe Alles – die Zeit – unser Wille – ich bin ruhig – Nein, Eduard! ich kann Dir nicht heucheln, der schöne Bund der Aufrichtigkeit, den wir zusammen schlössen, soll unter keinem Vorwand, auch den gutmüthigsten nicht von mir verletzt werden. Ich bin nicht ruhig. – Hoffnung und Zweifel belebt und tödtet mich; mein Geist entflammt in Sehnsucht, und das Leben ist Qual ohne Dich. – Wie wird sich das geheimnißvolle Benehmen Deines Vaters lösen? – Welche Pläne verschließt sein Busen, die Dich vielleicht weit, weit von mir entfernen? und soll ich Dich vielleicht nie wiedersehn?


Wilhelm, der einst unser kleine Vertraute war, spricht oft von Dir. Er kann die Stunden, die er bei Dir zugebracht hat, nicht genug rühmen, und wird oft ungeduldig, wenn ich ihm auf seine Fragen, mit trübem Blick versichre, daß Du noch immer nicht wiederkömmst. Der Knabe ist jetzt mein einziger Trost. In den ersten Tagen der Trennung, wo ich für Alles tod war, war auch er mir gleichgültig geworden, aber sein süßes Geschwätz, und der Gegenstand desselben, hat mir bald Theilnahme abzulocken gewußt. Seine Bildung beschäftigt mich nun wieder, das heißt, ich pflege die zarten Blumen, die die Natur in das kindliche Herz pflanzte, Wohlwollen, Frohsinn, Wahrheitsliebe. Du weißt, wie bittre Vorwürfe ich mir einst machte, daß ich ihm Verstellung abgedrungen hatte; ich suche es jetzt durch die einfachsten Erklärungen wieder gut zu machen, und jede Spur einer Handlung zu vertilgen, die nur die Liebe entschuldigen konnte.

Täglich, stündlich ruht mein Blick auf den Lauben, den Schattengängen, wo wir beide oft, in lieblicher Einsamkeit, die schönsten Stunden unsers Lebens verträumten. Eduard! diese leise flüsternde Bäume, die stumm wankenden Schatten, haben eine Sprache, die bis in das Innerste meiner Seele dringt! Dann fühle ich mich oft so frei, so hoffnungsvoll, wie in den Tagen der Liebe. Aber bald fehlt mir der Einzige, und es stürmt von neuem in der Seele.

Und keiner, keiner, der mein Leiden mit empfinden könnte! – Nur Du leidest in der Ferne mit mir. Einsam trauren wir beide, und der süße Trost der Mittheilung ist uns versagt. Gute Nacht! ganz Dein.

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