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Amanda und Eduard

Sophie Friederike Brentano: Amanda und Eduard - Kapitel 19
Quellenangabe
typefiction
authorSophie Mereau
titleAmanda und Eduard
publisherKore
editorBettina Bremer und Angelika Schneider
firstpub1803
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
created20070821
projectid5df59af8
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Neunzehnter Brief.

Eduard an Amanda.

Wir halten hier in einem elenden Ort, weil mein Bedienter krank geworden ist. Nur mit Mühe konnte sich Barton, der mich einige Tagereisen mit begleitet, entschließen, diese Nacht hier zuzubringen, denn rastlos lies er mit mir dahin jagen, und der Wagen flog ihm nie schnell genug. Ich lasse mir alles gefallen, ich habe keine Kraft, keinen Willen mehr. Amanda, Amanda, was ist aus mir geworden? – O! wie wenig wußte ich, was Trennung war, wie frevelnd war der Muth, mit dem ich sie zu ertragen hofte! – Ich fürchte in eine gänzliche Melancholie zu verfallen, und wird es nicht besser mit mir, so kehre ich, trotz allen Gründen, allen Verhältnissen zu Dir zurück. Du bist das einzige Wesen auf der Welt, dem ich ausschließend angehöre. Andre bildeten mich zum Menschen, aber Du erhobst mich zum Gott; von Dir getrennt, sinke ich tiefer hinab, je höher ich stand. – Die ganze Natur scheint fühllos gegen meine Qual. Der blaue Himmel und die lachenden Fluren, spotten meines Kummers, die Menschen können mein unendliches Leid nicht fassen, und ihre unselige Kunst, entfernt mich schnell, und immer schneller von dem Ort, der all' meine Liebe, mein Leben, meine Freiheit in sich schließt. – Vergolde nur immer, Abendsonne! die träumende Erde, du vergoldest die Träume meines Herzens nicht mehr! Ich bin tod, ohne gestorben zu sein. Der magische Ring ist zerbrochen, womit mein Sinn alle Erscheinungen in lieblicher Einheit zusammen hielt, und die Harmonie des Weltalls, ist mit der Harmonie meiner Seele entwichen. Die Unendlichkeit hat Grenzen, und ein kaltes Schicksal ist in dem Kreis meiner Gedanken an die Stelle der göttlich freien Willkühr getreten. Ich hasse die Welt, und in der Welt mich selbst am meisten.


Amanda! schöne Seele! – Deine Wirkungen sind allgegenwärtig, wie die Gottheit und begegnen mir da, wo ich es nicht im geringsten vermuthete. Eine arme Vertriebene, die tiefer als viele andere ihres Gleichen gebeuget zu sein schien, kam zu uns, und klagte uns ihr Leid. Als sie aus einer unscheinbaren Brieftasche eine kleine Schrift hervorzog, die als Beglaubigungsschein ihres Unglücks gelten sollte, entfaltete sich ein andres Papier, worauf ich Deine Hand zu erkennen glaubte. Kaum bemerkte sie meine Aufmerksamkeit, als sie mir es überreichte, und mit ungewöhnlicher Rührung Dein Lob anstimmte. Ich las Deine freundlichen Worte, deren feine Wendung ein größrer Balsam auf die Wunde der Unglücklichen war, als selbst Dein ansehnliches Geschenk. Ich küßte die geliebte Schrift; es war das erste, was ich seit unsrer Trennung von Dir sahe; ich wünschte, sie zu besitzen, und bot der Frau eine beträchtliche Summe. Sie schlug sie aus, jedoch mit sichtbarer Resignation. Ach! es ist traurig, wenn das feinere Gefühl gegen Mangel zu kämpfen hat! – Ich gab ihr das Geld, und ließ ihr Deine Schrift, jedoch auch nicht ohne Resignation.


Wir sind wieder weiter gereißt, da der Kranke sich bald gebessert hatte. Unsre Pferde laufen unerträglich schnell vorwärts, und der Raum schmilzt vor unsrer fliegenden Eil behende hinweg, indeß er zwischen mir und Dir immer mehr anwächst. Ach! Amanda, ich kann die Trennung von Dir, immer weniger ertragen! Meine Gesundheit leidet, und nur die Hoffnung auf einen Brief von Dir, hält mein fliehendes Leben noch fest. – Doch, sorge nicht, Geliebte, ängstige Dich nicht! es wird besser werden, oder ich kehre, so bald ich meinen Vater ein einzigmal umarmt habe, unaufhaltsam zu Dir zurück.

Ich bin so stolz geworden, und so demüthig, daß ich mich selbst nicht mehr kenne. Stolz – denn ich habe Barton, ihn, der mir sonst alles war, noch nicht gewürdigt, mit ihm von Dir zu sprechen, so sicher er es wol erwartet hatte, und mit Recht erwarten konnte. Ach, er weiß es doch nicht, was Du bist, und kann es nicht fassen – auch konnte ich es ihm nicht beschreiben. Ich möchte eine eigne Sprache haben, um von Dir sprechen zu können. So kränke ich meinen Freund, dem ich so vieles verdanke, vorsätzlich, durch die eigensinnigste Verschlossenheit, und gleichwol ist er mir unentbehrlich. Ich bitte ihn, bei mir zu bleiben, wenn er weggehen will; er darf mich keinen Augenblick verlassen. Es ist so unaussprechlich schauerlich, sich Allein zu fühlen – ich habe das nie gefühlt, und müßte ich es nur auch jetzt nicht! – Ich war ein Uebermüthiger, der der ganzen Welt trotzen zu können glaubte – jetzt scheint mir jeder Dank zu verdienen, der mich erträgt.

Heute hab' ich Dein Bild zum erstenmal angesehen, das war ein seliger Augenblick! – bis jetzt erlaubte ich mir es nicht, weil ich mich selbst fürchtete. Die Thränen stürzen mir aus den Augen, aber es waren wohlthätige, süße Thränen. Es ist so wenig von Dir, und mir doch so unendlich viel.


Hier, im Wirthshaus ist ein kleines Mädchen, das Deinen Namen führt. Wie ich erschrack, als ich den Namen nennen hörte, wie rasch ich mich wandte! – Das Kind darf mich nun nicht mehr verlassen, es ist ein liebliches Geschöpf, und hat einen Zug um den Mund, der ihm viel Aehnlichkeit mit Dir giebt. Ich betrachte es mit süßem Schmerz, und träume mir viel. – Zuweilen wünsche ich – verzeih'! – es möchte Dein Kind sein, dessen Dasein vielleicht ein Geheimniß bleiben sollte, und das nun, durch Zufälle hieher gekommen sei. Dann wird mir das Mädchen so heilig, ich drücke sie mit Wollust an mein Herz, und ihre Augen schienen mir verklärter als vorher. Mich dünkt, es würde mir um vieles besser sein, wenn ich das Kind immer um mich haben könnte. Ich habe schon diese Idee gegen die Aeltern geäussert, und ernsthaft mit ihnen darüber gesprochen, aber sie wollen nichts davon hören.

Barton treibt schon wieder zum Aufbruch. Er schildert mir meinen harrenden Vater, wie er meiner Ankunft mit unruhiger Sehnsucht entgegen sieht. Amanda, ach! wie kann ich weiter, da mich alles, alles zurückzieht? – Diese Qualen kennst Du nicht. – Was macht Wilhelm? Denkt er noch an mich? Was gäb' ich darum, ihn bei mir zu haben! Er hieng mit so treuer, warmer Liebe an Dir, und ich war oft eifersüchtig, wenn – o Bilder, o Erinnerung! –

Ganz Dein.

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