Projekt Gutenberg

Textsuche bei Gutenberg-DE:
Autoren A-Z: A | B | C | D | E | F | G | H | I | J | K | L | M | N | O | P | Q | R | S | T | U | V | W | X | Y | Z | Alle
Gutenberg > Sophie Friederike Brentano >

Amanda und Eduard

Sophie Friederike Brentano: Amanda und Eduard - Kapitel 18
Quellenangabe
typefiction
authorSophie Mereau
titleAmanda und Eduard
publisherKore
editorBettina Bremer und Angelika Schneider
firstpub1803
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
created20070821
projectid5df59af8
Schließen

Navigation:

Achtzehnter Brief.

Amanda an Julien.

Es ist vorbei! – Zwei Wesen sind getrennt, die ohne einander nicht leben können. Abgerissen sind die Fäden, die mein Herz an das gesellige Leben banden, und alle Freuden erscheinen mir ohne ihn, wie entseelte Körper. – O! allmächtiges Gefühl der Liebe, das im Innersten des Herzens wohnt, und mit unbekannter Kraft, Trauer oder Freude über die ganze Welt ausgießet, vergebens müht sich der bildende Verstand, Dir die Erscheinungen nach seinem Gefallen darzustellen, vergebens strebt die meisternde Vernunft, Dich in ihre Formen zu gießen – in hoher Freiheit, waltest Du, unumschränkt nach Deinem Willen. Deine Wahl ist die ewige Harmonie der Natur, der geheime Zusammenklang lebendig fühlender Wesen. Ewig suchst Du darnach, und, wo Du sie findest, aller Schranken und Hindernisse spottend, da ist einzige, ewige Wahrheit. Oft weißt Du in der Tiefe des Unglücks, Dir Deinen Triumpf zu bereiten, nach dem vergebens das glücklichste Leben sich sehnt. Und weh' dem, dem es gelingt, mit Dir den kalten Bund zu schließen, daß Du folgsam Dich den niedern Bedingungen des Verstandes anschmiegst; denn bald schweigst Du ihm ganz, und er steht da, ein kaltes, trauriges Monument, des einst in ihm wohnenden Lebens! –

O! Julie! ich war glücklich! glücklich, wie es wol nie eine Sterbliche war, und werden wird! – Stunden hoher Begeisterung und ruhiger Einfalt, der geistigsten, schönsten Poesie, und bescheidner, nüchterner Lebensfreuden, schlössen sich reizend an einander. Ja! es gab Momente, wo uns das Herz so groß ward, wo uns Phantasie, Liebe und Naturgenuß, ganz über alle gewöhnliche Verhältnisse hinweg, ins Gebiet der Ideale empor hob, wo wir alles andere verachteten, und zu sterben wünschten, weil nach solchen Augenblicken, kein irdisches Glück mehr unsrer Sehnsucht werth schien. Aber es gab auch Stunden, Tage, wo wir friedlich auf dem sanften Strom des gewöhnlichen Lebens hinabgleiteten, uns in den mannigfaltigen Beziehungen der Menschen, in geselligen Verhältnissen glücklich fühlten, und mit freundlicher Ruhe einander ins Auge blickten. – Das war es eben, was uns so selig machte, daß wir uns allenthalben begegneten, auf den ewigen Höhen der Begeisterung, und in den flüchtigen Wellen des Augenblicks, allenthalben uns einander nahe fühlten. – Und dies alles ist vorbei! Julie, wenn Du dies je gefühlt hast, wenn Du es nur ahnen kannst, so komm zu mir, und lehre mich, mich selbst ertragen! – Eine stürmische Sehnsucht ruft mich weg in ferne Gegenden, wo ich ihm zu begegnen hoffe. Wilde Phantasien umschwärmen mich; es ist der sanfte Ton der Empfindung nicht mehr, der in nahem Bezug, auf die Gegenwart allein, meinen Träumen die fröhlichste Bedeutung lieh. Die Welt ist tod für mich, und in der ganzen Natur, bewegt kein erfreuender Ton mehr mein Herz mit leisem Widerklang.


Daß Eduard von mir getrennt, weißt Du, aber warum so schnell, und so geheimnißvoll? – Das wußte er selbst nicht, und wird es erst aus dem Munde seines Vaters erfahren. Sein Freund Barton, den er so oft verehrte, kam hieher, um Eduard's Angelegenheiten in Ordnung zu bringen, und vielleicht auch, wie ich fast vermuthe – mich näher zu beobachten. Es ist ein Mann, der die Welt sehr zu kennen scheint, und den eine gewisse Sicherheit und Schicklichkeit im Betragen, überall willkommen sein läßt. In seinem Gesicht hat sich, um den Mund, noch ein leiser Zug von Gutmüthigkeit erhalten, aber die Augen sprechen viel Klugheit, beinah Schlauheit aus. Er ist in unserm Haus bekannt geworden, und ich sehe ihn öfters, aber noch kann ich kein Vertrauen zu ihm fassen. Und wie sollte ich? er scheint zu verständig, um mich verstehen zu können.

Albret hat sich jetzt, wie immer, auf eine eigenthümliche Weise benommen. Nach unsrer Trennung, bei der auch Eduard trostloser war, als er selbst erwartet hatte, sagte ich ihm alles was ich fühlte. Der Schmerz macht aufrichtig, und das bestürmte Gemüth kannte keine Schranken, keine Rücksichten mehr. – Er hörte mich gelassen an, ohne ein Zeichen von Ueberraschung, mit einem Lächeln, wie man die Träume eines Kindes belächelt. »Amanda,« sagte er, als ich schwieg, »Du kennst Dich selbst, Du kennst die Menschen nicht. Unbedachtsam hälst Du die hinfällige Pflanze, die einen Frühling lebt, für den Sprößling eines Baumes, der allen Wettern trotzen, und mit den Zeiten wachsen wird. Zu späte Reue ist schrecklich; bedenke das! – du bist mir werth.« Diese Aeusserung reizte meine Empfindlichkeit. Ich fühlte mich so groß, so unendlich in meiner Liebe, daß jeder Zweifel an ihrer Dauer, ihrer Stärke, mir Lästerung zu sein schien. – Indessen, was mir auch darinnen mißfällig sein konnte, so fand ich doch, Albrets Benehmen, in diesem Fall untadelich, ja! edel. – Seitdem hat er nie wieder über diesen Gegenstand, mit mir gesprochen, aber täglich verwickelt er mich absichtlich, immer mehr in einen Wirbel von Zerstreuung und Lustbarkeiten, wo ich ihm nicht glänzend genug erscheinen kann. Ich gestehe Dir, daß ich nicht weiß, was ich davon denken soll. Bin ich das Spielzeug seiner Eitelkeit, oder neuer, mir unbekannter Absichten? – Ach! die Liebe macht mich für alles andere ungeschickt, und raubt mir alles Urtheil!


Eduard hat mir geschrieben. Seitdem weiß ich, daß die Welt noch Reiz für mich hat; ich ahne wieder einen leisen Einklang im Spiel des Lebens, und bin mir selbst wieder gegeben. Seine Klagen haben mich geweckt, und die Sorge, ihn zu trösten, führt meinem eignen Herze Beruhigung zu. Wie sehr wünschte ich, meine Julie, daß Deine Einrichtung, Dir jetzt verstattete, zu mir zu kommen. Deine Gegenwart ist mir nie so nothwendig gewesen, und sie würde das begonnene Werk vollenden. – Nanette ist seit einiger Zeit wieder hier, aber sie scheint sich von mir zu entfernen, wenigstens ist sie so unbefangen nicht mehr, wie vormals. Zuweilen blickt sie mich liebevoll an, und ein fremder Zwang scheint ihren Mund zu verschließen; dann aber glaub' ich auch, Mißtrauen und Zweifel in ihren Augen zu lesen. – Und, soll ich Dirs gestehen? – beinah' ist es mir jetzt gleichgültig. – Ach! seit ich ihn verloren habe, welchen Verlust kann ich noch fürchten?

 << Kapitel 17  Kapitel 19 >> 






TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.