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Amanda und Eduard

Sophie Friederike Brentano: Amanda und Eduard - Kapitel 13
Quellenangabe
typefiction
authorSophie Mereau
titleAmanda und Eduard
publisherKore
editorBettina Bremer und Angelika Schneider
firstpub1803
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
created20070821
projectid5df59af8
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Dreizehnter Brief.

Amanda an Julien.

Ich sitz' allein in meinem Zimmer, von den seligsten Träumen umgaukelt. Die Kleider, welche ich heute trug, liegen zerstreut umher. Ich küsse sie, ich drücke sie an mein Herz – seine Blicke, sein Hauch haben sie umschwebt und geheiligt. Ach, Julie! wie liebe ich diese Erinnerungen! wie süß ist diese Träumerei! Endlich, endlich bin ich glücklich! – Die Stunden hüpfen wie silberklare Wellen um mein Dasein; aus dem verworrenen Spiel menschlicher Wünsche, tönt eine leise Harmonie zu mir her – die ganze Natur ist ein schöner, ewig ungetrübter Spiegel, der mir heiter nur mein eignes Glück zurückstrahlt!

Wenn ich Dir sagen werde, was heute geschehen ist, und was ich fühle, so wirst Du vielleicht erstaunen, und wie in Deinem vorigen Briefe fragen, ob ich noch dieselbe Amanda bin, und ein so weises Mißtrauen in sie setzte? – Aber, Julie, so lange wir noch nicht geliebt haben, dürfen wir nicht hoffen, uns selbst recht zu kennen. Eine fremde, höhere Macht bestimmt dann unsere Handlungen, ja sie reicht bis in das Heiligthum unserer Gedanken und wir freuen uns noch ihrer Allgewalt. Wahre Liebe ist nicht möglich ohne das vollkommenste Vertrauen; wir haben keine Gründe dazu, aber wir bedürfen auch keine. Unser Gefühl reicht weiter, als unsre Ueberzeugung, und ein heiliger Glaube bürgt uns für das fremde Herz, wie für unser eignes.

Ich schrieb Dir zuletzt, auf welche Art ich von Eduard Nachricht erhalten. Vom Schreibtisch gieng ich zu den Blumen, die einen kleinen Garten vor meinen Fenstern bilden, und suchte bei ihnen eine Antwort, denn diese Sprache hatte mir etwas so liebliches, daß auch ich sie wählen wollte. Ich brach einen schönen, frischen Myrthenzweig, und umwand ihn dicht mit Stundenblumen, deren schöne, vergängliche, aber sich schnell wieder erholende Blüthe Du wohl kennst. Dann schrieb ich auf ein Blättchen: »Liebe hält das Flüchtige fest und erneuert das Vergangene.« Der Kleine sprang vergnügt und schnell mit seinem Auftrage fort. Eduard wiederholte auf diese Weise seine Erinnerungen öfterer; wir sahen uns zwar zuweilen, aber stets in Gesellschaft, wo, eben der geheime Wunsch, einander näher zu sein, uns mehr von einander entfernte. Ich antwortete einigemal, und der Knabe vollzog seine Aufträge mit einer Geschicklichkeit und Besonnenheit, die mich in Erstaunen setzte. Aber bald befremdeten sie mich nicht allein; sie erschreckten mich. Diese früh geübte Verstellung mußte ja eine Rinde um sein Herz legen, die vielleicht nie ein Strahl der Wahrheit zu durchdringen fähig war. Durfte diese zarte Seele mit einem Geheimniß belastet werden, diese Unbefangenheit etwas zu verheelen haben, und sind Verschwiegenheit und Tugenden für Kinder? Nein! um diesen Preis konnte ich meine Freunde nicht erkaufen, und was ich auch dabei verlor, so schrieb ich dies doch Eduard, und verbot ihm, mir ferner auf diesem Wege Nachricht von sich zu geben.

So giengen mehrere Tage traurig hin, an denen ich nichts von ihm hörte, und mein Herz war weit entfernt, in dem Gedanken: gut gehandelt zu haben, Beruhigung und Freude finden zu können; ja es warf mir vielmehr meine Bedenklichkeit und Unempfindlichkeit bitter vor.

Heute war es, wo ich, wie ich oft zu thun pflege, allein spazieren gieng. Ich gieng durch blühende Alleen, zwischen Hecken und über gemäheten Wiesen; unachtsam auf das was um mich her vorgieng und ganz meinen Träumen hingegeben, war ich weit gegangen, als ich sahe, daß eine dunkle Wolke sich tief in die Thäler hereinneigte,und bereit schien, sie mit ihrem Seegen zu tränken. Die Linden hauchten starke, begeisternde Gerüche aus, eine laue, zärtliche Luft drang mir entgegen, und die ganze Natur erschien mir wie die Geliebte des Himmels, die ahnend den Thränen der Liebe entgegen harrt. – Jetzt stand ich ganz nah vor einem Garten; die kleine Thür, von grünen Ranken und blauen Blumen beinah verdeckt, stand halb offen, und ich trat, vor den nahen Stürmen flüchtend, eilig hinein. Meine Blicke suchten nach einem Obdach, als ein junger Mann mir entgegen kam, den ich sogleich für Eduard erkannte. Er selbst war der Bewohner dieses Gartens, und wir fühlten uns durch dies wunderliche Spiel des Zufalls unbeschreiblich überrascht und befangen. Es war das erstemal seit jenen schönen Tagen auf dem Lande, daß wir uns allein sahen, und es schien, als wären wir uns durch die Briefe selbst, nur fremder geworden. Und – es ist gewiß – Liebe verträgt keine fremde Mittheilung, so wie sie keine andre Nahrung als sich selbst bedarf. Was sollen Zeichen, die der Verstand erfand, wo keine Begriffe auszudrücken sind, wo nur ein Blick aus dem verklärten Auge des Geliebten, der Seele die Gewißheit, daß ihr unnennbares Gefühl auch von dem verwandten Wesen verstanden und empfunden wird? –

Wir giengen durch einige Gänge, die nach dem Gartenhaus führten, als eine Nische von Acazienbäumen und Rosen beinah' verschlossen, meine Aufmerksamkeit erregte. Ich bog die Zweige zurück und gieng hinein. Die Bildsäule eines Amors, fein und richtig gearbeitet stand in reizender Gestalt da. Sein Bogen und seine Pfeile lagen zerbrochen vor ihm; keine Binde verdeckte seine Augen, Aber mit ernster Schalkheit legte er den Finger auf den Mund. – Ein hoher Rosenstock, der noch in voller Blüthe stand, verbreitete ein röthliches, unbeschreibliches Licht. Hier, sagte Eduard, vor diesem Gott, der verschwiegen, aber nicht blind ist, und gern auf ewig seinen Waffen entsagte, bete ich täglich die Göttin an, die selbst ich nicht darzustellen wagte.

Laut rauschte es jezt durch die Blätter und große Regentropfen fielen herab. Wir mußten eilen, in das kleine Zimmer zu kommen, das uns in seine freundliche Einsamkeit aufnahm. Könnte ich Dir doch den Eindruck mittheilen, den dieser reizende Aufenthalt der Ruhe und des Vergnügens, auf Deine bewegte Amanda machte! – Alles schien mir zu sagen, daß eine harmonische Seele hier ihre schönsten Stunden verlebe. Ueberall sah ich gefällige, zusammenstimmende Farben; wenige, aber mit Sinn gewählte Gemählde erhoben die Wände, überall dufteten Blumen aus den zierlichsten Gefäßen, köstliche Früchte wie unter hesperischem Himmel gereift, schimmerten unter frischen Blättern hervor, eine Laute lag weichlich auf den Polstern, und nicht fern davon grünte noch der Myrthenzweig, wie durch Zauberei erhalten.

Hier, wo so viele Bilder erweckt, und das berauschte Herz sich angenehm aus seiner Träumerei gezogen fühlte, fanden wir uns bald mit Gesprächen, wie mit Blumenketten, verschlungen. Ein jedes zeigte frei seinen Geschmack, seine Meinungen, die oft wie labyrintische Pfade durch Blumenthäler von einander abwichen, und doch am Ziel in schöner Harmonie sich immer wiederfinden. – Was soll ich Dir noch sagen, Julie? – Ach! Deine glückliche Amanda, vergaß ganz, daß es Verhältnisse, Klugheit und Mißtöne in der Welt giebt, und das selige Gefühl, ihren schönsten Traum erfüllt zu sehen, und endlich das gleichgestimmte Herz gefunden zu haben, das sie ganz zu verstehen vermag, durchathmete ihr ganzes Wesen!

Der Regen hatte aufgehört. Die grünen, getränkten Bäume schimmerten, frisch und lachend in die Fenster herein, und ein glühendes Licht wankte durch die bebenden Zweige an den zierlichen Wänden. Wir traten ans Fenster und athmeten die gereinigte Lüfte. Ach, Julie! welch ein Abend! Erst jetzt habe ich Worte für die Bilder, die ich da nur mit stummem Entzücken in mich sog! Die Sonne sandte einen stillen, aber brennenden Blick über die Gegend. Fröhlich flatterten Schwalben, mit glänzender, silberner Brust, wie weisse Blüthen, durch den Sonnenblick, der golden und blendend durch die Berge hervorschoß, und alles, was er berührte, mit überirdischem Reiz verklärte. Das ferne Bergschloß hüllten düstre Schatten, aber weit hinter demselben glühte der entlegendste Berg, wieder in röthlichem Gold. Der Sonnenblick zog weiter; das Thal versank schwermüthig in den Bergschatten, indeß sich von dem Schloß, der Schleier wegzog. Ein heiliger Glanz lag nun auf dem grauen, verfallenen Gestein, den kleinen, aufblühenden Gebüschen, die es umgaben, und dem ganzen düstern Bergprofiel. Graue Regenwolken, von der Abendsonne mit goldenen Flecken zerstreut, zogen wie flammende Wagen, flüchtig an den Höhen vorüber; in Westen glänzte ein endloses Aethermeer, und ein dunkles Gewölk, mit vergoldetem Rand, schwamm wie ein glückliches Eiland darinnen, und war immer goldner und strahlender, je weiter die Sonne hinabsank. – Ach, Julie! was war es, was mich, verloren in diesen Anblick, ganz von der Erde hinwegzog, in ein unbekanntes Land, von fremden seligen Gefühlen, und mein Auge mit unnennbaren Thränen erfüllte? – Nur dunkel, dachte ich: O! dort in dem strahlenden Wolkenland, von Menschen entfernt, und von der Unendlichkeit umgeben, mit dem Geliebten zu sein in ewiger Jugend und Liebe! – Da blickte ich auf, und sah Eduard, der in einiger Entfernung von mir stand. Ich kehrte aus meiner wunderbaren Entzückung zurück, und fühlte mich wieder freundlich an die Erde gefesselt. Wir waren fröhlich und sprachen viel, nur von dem, worüber wir hätten sprechen sollen, nehmlich: auf welche Weise wir uns künftig sehen oder schreiben wollten, kein Wort. Erst beim Abschied dachten wir daran, aber dieser Abend schien uns zu schön, zu heilig, als von dergleichen Dingen zu sprechen; wir überließen alles den Göttern und trennten uns wehmüthig, aber unendlich glücklich.

Ich gieng zurück. Alles war still um mich. Ich bewunderte dies weite Schweigen in der Natur. So, dachte ich, war es im Anfang aller Dinge; aber die Liebe erschien, und alles war belebt. Ich kam nach Hause, und erstaunte, alle Gesichter noch eben so gleichgültig zu finden, als ich sie verlassen. War ich es denn allein, deren Augen von Vergnügen glänzten, deren Seele mit Wonne an den vergangenen Momenten hieng? – Ist denn die Welt so arm an Freuden? Ich blieb allein; mein Mädchen bat um die Erlaubniß einige Bekannte zu besuchen, und ich gab sie ihr gern. Vielleicht erwartet sie ein liebendes Gespräch, und ich würde mich mit ihr freuen; sie ist ein gutes Geschöpf. In der ganzen Welt sehe ich nur Liebe, allenthalben Liebe, und ich begreife nicht, wie ohne sie etwas der Rede werth sein könne? – Ich habe mich ans offene Fenster gesetzt, und die zärtliche, warme Luft, zu mir herein wallen lassen. – Du weißt nun alles, und ich verlasse Dich, um von neuem zu träumen.

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