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Amanda und Eduard

Sophie Friederike Brentano: Amanda und Eduard - Kapitel 12
Quellenangabe
typefiction
authorSophie Mereau
titleAmanda und Eduard
publisherKore
editorBettina Bremer und Angelika Schneider
firstpub1803
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
created20070821
projectid5df59af8
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Zwölfter Brief.

Amanda an Julien.

Hab' ich bis jetzt geträumt? oder sendet eine höhere Sonne nur zuweilen einen flüchtigen, aber göttlichen Blick auf unser düstres Leben? – Was für Stunden sind mir geworden! Das erste goldne Alter der Menschheit ist zurückgekehrt, alle Mißverhältnisse sind verschwunden, alle Fesseln zerbrochen, und ungehindert folgen die Herzen dem süßen Zug der Harmonie. Ich trage in meiner Seele ein hohes Bild; ich denke an nichts, kein Mensch hat Recht auf meine Theilnahme, ich lebe jetzt nur mir, nur meinem Himmel. Zu welcher Höhe von Glück bin ich auf einmal emporgestiegen? Welch ein göttlicher Frühlingshauch hat alle Blüthen meines Gefühls entfaltet? Julie! wenn Du jetzt nicht mit mir fühlst! – Du sagtest mir es oft – und ich bestritt es zuweilen – wenn zwei gleichgestimmte Herzen sich fänden, das sei die lieblichste Blüthe des Lebens. O! freue Dich mit mir, holde Jugendgespielin! Laß Dich von keiner Sorge, keiner Bedenklichkeit zurückhalten. – Wahrheit des Gefühls, wo und wenn sie auch erscheint, und wie sie sich auch äussert, ist immer ehrwürdig, immer heilig! –

Ich begleitete Nanetten auf ihr neuerkauftes Gut, das in einer mäßigen Entfernung von hier liegt. Sie hatte noch einige ihrer Bekannten eingeladen, und in unserm Wagen fuhr ihr Vetter Eduard, und noch ein andrer junger Mann, der zu unserm nähern Umgang gehört. Nanette war ausgelassen lustig; aber diese Laune ist bei ihr stets von einer gewissen Kindlichkeit begleitet, wodurch sie für mich erst reizend wird. Sie neckte und plagte die Männer auf mancherlei Weise. Eduard machte sie Vorwürfe über seine Sentimentalität, mit welcher er eigentlich nur seine gränzenlose Eitelkeit zu verdecken strebe, und sein unliebenswürdiges Betragen gegen die Weiber. Sie schloß mit der Prophezeihung, daß es mit ihm noch ganz anders werden würde. »Mein Herz, sagte Eduard lächelnd, ist gleich dem Diamant, den kein Feuer zerschmelzen kann, ausser die reinen Strahlen der Sonne.« Er sah mich flüchtig, aber ausdrucksvoll an, und Nanette fuhr fort, ihm zu sagen, daß er ihr wol auf vier Wochen lang gefährlich werden könnte; sie schlug ihm vor, den Verliebten zu spielen, und ermahnte ihn, seine Rolle aufs natürlichste vorzutragen. – Dann fieng sie Händel mit unserm andern Begleiter an, der immer viel von Verhältnissen und Uebereinstimmung sprach. Er nannte ihre Laune einen schönen Auswuchs, der eigentlich nur bewies, daß sie in ihrem Innern nicht ganz harmonisch sei. »Was das für phantastische Grillen sind! rief sie aus. Wie, ich sollte die gute, freundliche Stimmung, die mir stets ungerufen und unerwartet vom Himmel kommt, grämlich von mir weisen, weil sie sich nicht zu allen meinen innern und äussern Verhältnissen schickt! – Ich bitte, verschonen sie mich mit ihrer Uebereinstimmung, und lassen sie mir meine Fragmente, die mir auch das Fremde, Unharmonische ertragen lehren.!«

Der Abend war unbeschreiblich schön, und ich schlug vor, den Rest des Weg's zu Fuß zu machen. Eduard stimmte mir sogleich bei; doch Nanettens Bequemlichkeit war stärker als ihre vorgenommene Liebe zu ihm; sie lies ihn unter tausend scherzhaften Verhaltungsregeln, mit mir allein wandern und blieb im Wagen. – Der Weg gieng durch ein verwachsenes, süß duftendes Gehölz. Julie! was war es, was ich empfand? – hast Du es je gefühlt, was, ganz von dem gewohnten Gang der Gedanken getrennt, verschieden, mit zarten, leisen Schwingen, alle Saiten Deines Herzens rührt? – was Deinen Sinn von der Weiblichkeit abschneidet, und mit geheimnißvollem Zug, Dich in ein fremdes, himmlisches Leben führt, wo selbst die Flügel des Gedankens nicht hinreichen? – welch' eine Wehmuth, eine Ahnung quoll mir aus den Abendgerüchen des Waldes, den bethauten Pflanzen, aus der zarten Dämmerung, die schon durch die fernen Sträuche hervordrang, entgegen! Ich hatte so manches Gespräch anknüpfen, Eduard über manches fragen wollen, aber ich war stumm, doch ohne mißvergnügt darüber zu sein. Eduard schien meine Gefühle zu theilen, doch, vielleicht mehr gewohnt mit Eindrücken zu spielen, suchte er sich und mich, auf eine angenehme Weise zu zerstreuen, und ich wußte es ihm Dank, denn ich kam gefaßter zu den Uebrigen zurück. Wir hatten von gleichgültigen Dingen gesprochen, und doch schien es, als hätte dieser Gang uns einander näher gebracht. Was ist das, Julie, was ohne Worte, die Seelen leise zusammen bindet? hast Du es je erklären können?

Es ward Nacht, wir waren angekommen, und ohne Müdigkeit zu fühlen, war ich froh, allein zu sein. Die Bilder des Tages giengen lächelnd vor meiner Seele vorüber; aber bald that es mir unbeschreiblich weh, daß ich mit Eduard nicht mehr gesprochen hatte. Ich wußte noch so wenig von ihm; seine ganze Vergangenheit war todt für mich, seine Zukunft konnte uns leicht auf immer trennen, und ich lies die kurzen Augenblicke der Gegenwart unbenutzt vorbei! – Es schien mir in meiner Unruhe, als könnte diese schöne Gelegenheit nie wieder kommen, und doch beschloß ich sie wieder zu suchen. – Ich erwachte mit dem Tag, die Morgenröthe erschien mit ihrer Rosenstirn und ihren goldnen Füßen. Alles zog mich ins Freie; und ich folgte gern. Wie verändert war alles! Der Duft der Ahnung ruhte nicht mehr auf dem Thal, die Begeisterung hatte ihren Schleier aufgerollt, aber ein Glanz, ein Leben, eine Herrlichkeit schwebte über der Gegend, die ich nicht zu beschreiben vermag.

Ich war wie von unsichtbaren Händen empor getragen, mein ganzes Wesen, war leichte, freie, süße Freude. Lange schwelgte ich auf der Höhe in reinem Luftstrohm, dann lies ich mich die Felsen herab, und stand nun da, in einsam lieblicher Wildniß. Vor mir wehte und wogte die Gegend in sichtbarem Aether; Himmelswärme spielte um meine Wangen, Begeisterung küßte meine Seele, und frohe Schauer durchbebten mich. – Augenblicke voll unendlicher Seligkeit giengen mir vorüber; dann kehrten meine Gedanken zur Erde zurück, ich fühlte mich angenehm beschränkt, meine Wünsche überflogen diese Höhen nicht; ich hatte alles was ich wünschte – denn ich liebte. Da sah ich auf, und die schöne Gestalt die in meinem Herzen wohnte, stand lebendig vor mir. Nachdenkend, mit schönem Ausdruck, stand er auf der Höhe und bemerkte mich lange nicht. Endlich aber, wie von Zephirs getragen, kam er herab, leicht und glücklich über die gefährlichsten Stellen. Was soll ich Dir noch sagen, Julie? – Dieser Morgen band meine Seele auf ewig an die seine. – Alles um uns her blühte schöner, ein zarter, heimlicher Sinn säuselte in jedem Lüftchen, das uns küßte. Das Herz war des Herzens gewiß, jedes unsrer Worte war voll Geist und Leben, ein hoher Genius trug alles weit über das Mittelmäßige empor. – Ich zwang mich nicht. Was mir ins Herz kam, das sagte, das that ich. Ach! wie lange, wie innig hatte ich mich nach einem verwandten Wesen gesehnt, wie bitter mir die gestrige, verlorne Stunden vorgerückt – jetzt von der ganzen Natur zur Freude eingeladen, von allem Zwange fern, an seinem Arm, der heiß ersehnte Augenblick – denk' Dir, was ich empfand!

Wir kommen wieder unter Menschen. Etwas Unnenbares hatte ihn an mich gefesselt, hielt ihn ganz an mich gebannt. Die gleichgültigste Kleinigkeit, wie erhielt sie durch seine Gegenwart ein besonderes, unbeschreibliches Interesse! – in Allem was wir sprachen, lag ein geheimer Sinn, den der Scharfsinn des Andern immer leicht und glücklich zu finden wußte; ein zufriedenes Lächeln war dann die Belohnung. – Ohne Geist, welche traurige Liebe! Aber wenn das Auge von Begeisterung glänzt, und ein süßes Staunen über die Vorzüge des Geliebten die Seele erhebt, dann – Himmel! o Entzückung!

O, Julie! – die süße erfinderische Liebe! – Eben kömmt Wilhelm, dessen Anhänglichkeit an mich sich nicht mindert, und immer stärker zu werden scheint, zu mir. Ich höre ihn hastig die Treppe herauf springen; die Mutter hält ihn auf; fragt, wo er die schönen Blumen her habe? Gefunden, ruft er dreist und schnell, macht sich los und schlüpft zu mir herein. Er hält mir einen großen, mahlerisch schönen Rosenzweig, mit voll entfalteten und noch halb geschlossnen Blüthen entgegen, und aus der kleinen festgeschloßnen Hand zieht er ein feines Blatt Papier hervor, das in leicht geschriebenen Zügen, folgendes enthält: »Ein reizender Knabe spielt an meinem Garten. Sein Anblick erfreut mich; ich finde Mittel ihn gesprächig zu machen, und erfahre, daß er in Amanda's Nähe lebt, daß er sie liebt – wie könnt' er anders? – Ich breche die schönsten Rosen meines Gartens; wie ihr Duft umschwebt mich das Andenken an die schönsten Tage, aber wie ihr Stachel, verwundet mich der Zweifel, ob sie auch je wiederkehren? – Bote der Liebe! bringe sie der Gebieterin, und wenn ihr der Duft gefällt, wenn sie den Zweifel zu heben würdigte, vielleicht durch Dich – o! dann eile schneller als ein Gott und segnender, zu dem Sehnsuchtsvollen zurück! « O! wie schmeichelt dieser Duft, dieses Geschenk der Liebe aus eines Amors Hand – wie mich die Nähe des Gottes ergreift!

Der Kleine hat mir noch vieles von dem schönen, jungen Mann erzählt, vieles, was mich entzückte. – Leb' wohl. Ich sende – ja ich sende ihn zurück. Der nächste Augenblick und mein Herz mag entscheiden, mit welcher Antwort.

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