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Amanda und Eduard

Sophie Friederike Brentano: Amanda und Eduard - Kapitel 10
Quellenangabe
typefiction
authorSophie Mereau
titleAmanda und Eduard
publisherKore
editorBettina Bremer und Angelika Schneider
firstpub1803
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
created20070821
projectid5df59af8
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Zehnter Brief.

Amanda an Julien.

Ich komme eben aus dem Garten. Ein heitres, schimmerndes Morgenlicht ergoß sich über die Gegend; die Stauden und Blumen hauchten ihren Geist in den süssesten Gerüchen aus. Alle Lauben dufteten, alle Vögel sangen – Himmel und Erde umfaßten mich mit freundlicher Liebe. Ich fühlte mich an Körper und Geist unaussprechlich wohl, und empfänglich für jeden Eindruck.

Nur Eins noch, ihr Götter, rief ich in fröhlicher Begeisterung, und ich bin selig wie ihr!

Was mein Gemüth in diese freie, empfängliche Stimmung versetzt hat, daß mir alles neu verklärt, in einem schönern Licht erscheint, ist, ich fühle es, wol etwas besseres als die flüchtige Anwandlung einer heitern Laune. Es ist der Nachklang einer höhern Harmonie, die gestern, mit göttlicher Hand alle Saiten meines Herzens berührte. Nanette ließ in ihrem Gartensaal eine Musik aufführen. Die geschmackvolle Einrichtung des Gartens, der freundliche Himmel, die muntre, liebenswürdige Wirthin, alles dies öfnete bald die Herzen für jeden gefälligen Eindruck. Ein paar fremde Virtuosen, Bekannte von Nanetten, die ganz in ihrer Kunst lebten, führten, von den übrigen gut unterstützt, verschiedene der besten Compositionen, meisterhaft aus. Bei einer der schönsten Stellen fiel mein Blick auf einen jungen Mann, der ganz in den Tönen zu leben schien. Denke Dir einen wahren Geniuskopf, und um diesen Kopf die Glorie inniger Entzückung. Die Töne verklärten sich in dem schönen Auge und schwebten wie Geister auf den feinen Lippen. Er hatte für nichts anders Sinn; seine ganze Seele war der Harmonie hingegeben; und daß ihn nichts stören konnte, war es eben, was mich ganz störte. – Diese schöne Rührung, der höchste Triumph der Kunst, die ich selbst in unharmonischen Zügen nie unbewegt wahrnehmen kann, wie mußten sie sich auf einem solchen Gesicht verherrlichen! – Ich konnte und wollte meine Augen nicht von der holden Gestalt wegwenden, und fand ein unbeschreibliches Vergnügen darinnen, mir die reine entzückte Stimmung dieser harmonischen Seele auf das lebhafteste zu denken. – Welch eine Wonne ist es, Julie, das Beschränkte unserer Natur zu vergessen, und mit der Einbildungsgewalt in fremde Seelen einzudringen! – So hatte ich, ganz in diese Betrachtungen vertieft, nicht eher wahrgenommen, daß das Spiel zu Ende war, bis ich den Jüngling fortgehen und unter die Spielenden treten sah. Er nahm mit freimüthigem, gebildetem Wesen ein Notenblatt; die Musik begann von neuem; er sang. Nie habe ich eine reinere, lieblichere Stimme gehört; er sang mit einer Wahrheit, Biegsamkeit, mit einer Seele, die unwiderstehlich in alle Herzen drang; auch die Gleichgültigsten wurden bewegt. Sein Gesang bezauberte mich so sehr, daß ich ihn selbst darüber vergaß; mein Herz zerschmolz in schmerzlich süßer Wehmuth, und überließ sich ganz einem Gefühl, das ich nie zuvor empfunden, das eine wunderbare Mischung von Ahnung und Erinnerung, nicht bloßes Wohlgefallen an der Kunst war.

Als die Musik geendigt hatte, führte Nanette den Sänger zu mir, und stellte mir ihn als ihren sehr nahen Verwandten vor, der eben jetzt von einer kleinen Reise zurück gekommen sei. Ich erinnerte mich nun, daß ich sie unter dem Namen Eduard schon mehrmals hatte von ihm sprechen und vieles von ihm erzählen hören. – Unser Gespräch lenkte sich natürlich auf den nächstliegenden Gegenstand, die Musik, und gewann gar bald Leben und Bedeutung, besonders da wir mit Vergnügen in unserm Geschmack viel Uebereinstimmendes bemerkten. Nanette horchte einige Zeit mit muthwilliger Miene zu, aber bald, des ernstern Gesprächs überdrüßig, unterbrach sie es mit einer Neckerei, nahm Eduard am Arm, und hüpfte mit ihm weg. Sie beschäftigte sich auch den ganzen Abend sehr angelegentlich mit ihm, und schien in seiner Unterhaltung unendlich viel Vergnügen zu finden. Ich fühlte mich weniger theilnehmend wie sonst; doch freute ich mich im Stillen an dem anmuthsvollen Wesen, das in Allem, was Eduard sagte und that, sichtbar ward. Warum besitze ich nicht die Kunst, Dir sein Bild durch einige genievolle Züge lebendig vor Augen zaubern zu können? – – Sicher würdest Du mit Lust darauf verweilen, und Dich von diesem Auge, aus welchem Dir eine Welt von schönen Gefühlen entgegen strahlt, dieser hellen, geistvollen Stirn, diesem ganzen ausdrucksvollen Gesicht nur mit Mühe wieder wegwenden können.

Auch Albret schien von dem ersten, allgemeinen günstigen Eindruck, nicht ausgenommen. Doch als ich ihn schärfer beobachtete, bemerkte ich bald, daß er etwas, dem jungen Mann nachtheiliges, in seinem Gemüth verschloß, so sehr er es auch mit seiner gewöhnlichen Feinheit zu verdecken wußte; denn er hat sich so sehr in seiner Gewalt, daß nur sein Auge denen, die ihn genau kennen, die wahre Stimmung seiner Seele ahnen läßt. Wie bewundrungswürdig ist doch dieser Ausdruck des Auges, und worinnen besteht er eigentlich? – Hier ist alles unendlich zärter, feiner, geistiger als in den übrigen Theilen des Gesichts, wo sich das, was in der Seele vorgeht, durch Röthe oder Blässe, oder Zusammenziehen der Haut entweder leicht verräth, oder bei festen Muskeln geschickt verheelen läßt. Aber das Auge ist unter allen das, was zunächst an Begeisterung, ans Unbeschreibliche gränzt – es ist hier, wo die Seele am unmittelbarsten zu wirken scheint.

Doch, ist es nicht seltsam, daß ich im engen Zimmer sitze und schreibe, indeß mich im Freien alles zum fröhlichsten Leben und Empfinden einladet? – Lebe wohl, und freue Dich, Du theilnehmendes Wesen, daß Deiner Freundin heute ein sehr heit'rer Tag aufgegangen ist.


Brief noch nicht fort ist, muß ich Dir noch einmal schreiben. Ich habe diesen ganzen Tag allein zugebracht; selbst Nanetten habe ich nicht gesehen, und doch war mir so wohl, doch fühle ich mich so glücklich, meine Julie! – Eine leichte duftige Sommernacht schwebt' über der Landschaft. Der Himmel mit allen seinen glänzenden Augen blickte heiter herab. Der Mond strahlt mit halbem Antlitz, und wirft ein leichtes Nebelmeer zwischen die Berge hin. Kleine Johanniskäfer fliegen wie herabgefallene Sterne durch die dunkeln Büsche. Eine neue, muntre Welt umgiebt mich; alle Verhältnisse scheinen mir leicht, von freundlichen Genien gewoben. Die Gegenwart begränzt meine Wünsche, ich erwarte, ich verlange nichts. Und wenn ich mich frage, woher diese Stimmung, weiß ich es? – woher – doch ich kann dies nicht verschweigen – ja! ich habe ihn heute gesehen.

Meinem Garten gegenüber liegt eine kleine, anmuthige Anhöhe, da gieng er in der lieblichen Abendkühlung. Er blieb stehen und betrachtete rings die Gegend, und zuletzt, da ihn das einsame Plätzchen anzuziehen schien, warf er sich auf den frischen Rasen nieder; halb verbarg ihn ein blühendes Gesträuch, und ich sah, daß er ein Buch hervorzog. – Es ist nichts, ich weis es; leicht möglich, daß er nicht einmal bemerkte, wer ihm gegenüber stand, aber ich fühle, daß meine heitre Stimmung durch dies Nichts gewonnen hat.

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