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Amalie Fürstin von Gallitzin

Hanny Brentano: Amalie Fürstin von Gallitzin - Kapitel 6
Quellenangabe
authorHanny Brentano
titleAmalie Fürstin von Gallitzin
publisherHerdersche Verlagshandlung
year1910
correctorJosef Muehlgassner
senderwww.gaga.net
created20170513
projectidc4ba34d1
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Übersiedelung der Fürstin Gallitzin nach Münster.

Teils um seine Ideen weiteren Kreisen bekannt zu machen, teils um aus Antworten und Verbesserungsvorschlägen neue Anregungen zu schöpfen, hatte Fürstenberg gedruckte Exemplare der Schulordnung vom Jahre 1776 an eine Reihe hervorragender Männer versandt. Auch Hemsterhuis, den er gelegentlich eines Aufenthaltes im Haag kennen gelernt hatte, erhielt ein solches Exemplar. Bei dem regen Interesse der Fürstin Gallitzin für Erziehungs- und Unterrichtsfragen war es selbstverständlich, daß Hemsterhuis ihr von den Aufsehen erregenden Fürstenbergschen Reformen auf dem Gebiete des Schulwesens erzählte und ihr die Verordnung zu lesen gab. Sie war, wie Hemsterhuis an Fürstenberg schrieb, »von der Tiefe, der Wahrheit und dem außerordentlichen Nutzen dieser Abhandlung überrascht« und begann sogleich deren Übersetzung ins Französische, »damit auch diejenigen, welche des Deutschen unkundig sind, daraus Nutzen zu ziehen vermöchten«; außerdem wollte sie eine Vorrede verfassen, welche ihre Ansichten »über die Methode der Erziehung des Kindes von der Geburt bis zu dem Alter, für welches die Verordnung berechnet ist«, enthalten sollte. Die Übersetzung wurde Fürstenberg durch Hemsterhuis vorgelegt und fand dessen volles Lob, weil sie sich seiner Meinung nach oft besser und deutlicher ausdrückte als das Original und mehr Gutes stiften würde als die Verordnung selbst.

Während der Arbeit an dieser Übersetzung entstand in Fürstin Amalie der Wunsch, den Mann, in dessen Wirken so viel Geist und Charakter zu Tage traten, persönlich kennen zu lernen, seinen Rat für die Erziehung ihrer Kinder zu erbitten und die von ihm veranlaßten Schuleinrichtungen in Augenschein zu nehmen. Vor der Übersiedelung nach Genf sollte daher ein Besuch in Münster abgestattet werden.

Am 8. April 1779 schrieb Hemsterhuis an Fürstenberg: »Die Frau Fürstin von Gallitzin, soweit ich Menschen zu beurteilen vermag, eine der geistreichsten Personen, die es gibt, ist so sehr von Ihrer Schulanstalt begeistert, daß sie gern drei oder vier Tage in Münster zubringen möchte, um aus der Nähe zu betrachten, wovon sie sich mit Recht eine so schöne Vorstellung macht, vorausgesetzt, daß Ew. Exzellenz es ihr gestatten, den Lehrstunden ohne allen Zwang beizuwohnen, ganz so wie eine gewöhnliche Schülerin. Ließe sich das so machen, dann wäre der Fürstin der geeignetste Zeitpunkt für diese kleine Reise der 22. oder 24. künftigen Monats Mai. Sie würde auch das Datum wechseln können, falls es ihr zu der bezeichneten Zeit nicht vergönnt wäre, dem berühmten Gründer dieser Schulen persönlich ihre Verehrung zu bezeugen. Ew. Exzellenz darf ich wohl bitten, hierüber mit einer Antwort mich beehren zu wollen.« – Wenige Tage nach Empfang dieses Briefes erwiderte Fürstenberg: »Der Besuch der Fürstin Gallitzin würde für uns noch weit ehrenvoller sein, wenn ich mir schmeicheln dürfte, daß die Ausführung unseres Planes dem vorgesetzten Ideal völlig entspräche; aber wenngleich ich auch nicht versichern kann, daß sie ihrerseits nicht vielleicht später bedauern wird, sich die Mühe gegeben zu haben, unsere Anfänge in Augenschein zu nehmen, so glaube ich doch, daß ihr Besuch unserer Anstalt großen Vorteil bringen wird. Ich habe ein zu großes Verlangen, ihr meine Verehrung zu bezeigen, als daß ich es über mich gewinnen könnte, am 24. Mai abwesend zu sein ...« Einen Monat später meldete Hemsterhuis, daß die Fürstin in seiner Begleitung die Reise antreten werde.

Der Aufenthalt in Münster umfaßte nur acht bis zehn Tage (etwa vom 24. Mai bis zum 2. oder 3. Juni), genügte aber, um Fürstin Amalie mit hoher Bewunderung für alles von Fürstenberg Geleistete zu erfüllen und sie davon zu überzeugen, daß es hier mehr für sie zu lernen gab, als sie geahnt hatte. Wie gering erschienen ihr jetzt die eigenen, mühsam zusammengesuchten Kenntnisse, wie unbedeutend die Erfahrungen, die sie während der letzten Jahre bei der Erziehung ihrer Kinder gesammelt! Schon beim Abschiede sprach sie Fürstenberg gegenüber die Absicht aus, den Besuch zu wiederholen und länger auszudehnen, und gleich nach ihrer Heimkehr ließ sie ihm durch Hemsterhuis schreiben, daß die Ausführung dieses Vorhabens nunmehr beschlossene Sache sei. Die Antwort Fürstenbergs auf diese Mitteilung ist nicht erhalten, muß aber viel Schmeichelhaftes für die Fürstin gebracht haben, da Hemsterhuis sich zu der folgenden Erwiderung veranlaßt fühlte: »Mit großer Freude ersah ich aus dem letzten Schreiben, das Ew. Exzellenz an mich zu richten die Gnade hatten, daß Sie während unseres Aufenthaltes in Münster der bewunderungswürdigen Fürstin von Gallitzin bis auf den Grund der Seele geschaut und darin dieselben Entdeckungen gemacht haben, wie ich sie während einer mehrjährigen vertrauten Freundschaft zu machen Gelegenheit hatte. Diese Freude hatte aber für mich nichts Überraschendes, da ich im voraus von der großen und seltenen Seelengemeinschaft zweier so außerordentlicher Personen überzeugt war. Ew. Exzellenz wünsche ich Glück dazu, daß Sie in Ihrer Stadt eine solche Dame Ihres Standes besitzen werden; welche überdies nicht verfehlen wird, daselbst sich noch mehr zu vervollkommnen.«

Derselbe Brief enthält die Meldung, daß die Fürstin am 20. oder 25. Juli (1779) aus Nithuis abzureisen gedenke; ihr Entschluß, nach Münster zu ziehen, habe bei ihrer Freundin, der Prinzessin von Oranien, »Tränen und Verwunderung« hervorgerufen.

Der Plan der Fürstin, Genf zu dauerndem Aufenthalt zu wählen, war noch nicht endgültig aufgegeben. Sie wollte ihn ausführen, nachdem sie etwa ein Jahr in Münster geweilt und Fürstenbergs Schuleinrichtungen gründlich studiert haben würde. Ende Juli nahm sie Abschied von ihrem Gatten, der durch seine Stellung zum Verbleiben im Haag gezwungen war, von ihren Freunden und dem stillen Nithuis, in dem sie manch liebe Erinnerung hinterließ, und reiste mit ihren Kindern nach der westfälischen Hauptstadt. Hemsterhuis hatte sie begleitet und blieb einige Tage mit ihr in ihrem neuen Aufenthaltsort; dann schied er schweren Herzens von der treuen Freundin, deren häufige und ausführliche Briefe ihn fortan für ihre Abwesenheit entschädigen sollten.

Fürstenberg konnte sich anfangs der Fürstin nur wenig Widmen. Er verschaffte ihr eine Wohnung im oberen Stock eines dem Major von Tönnemann gehörenden Hauses auf der »Grünen Stiege« Jetzt »Grüne Gasse« Nr 32, dem Grafen Erbdroste zu Vischering gehörig., und da sie einen Teil ihrer Sachen vom Haag aus direkt in die Schweiz vorausgeschickt hatte, half er ihr auch bei der Einrichtung ihres Heimes mit Möbeln aus, worüber er dem Geheimrat Wenner am kurfürstlichen Hofe in Bonn berichtete: »Die Frau Fürstin von Gallitzin ist hier angekommen. Ich habe zwei Kommoden aus meinem Zimmer bei Hof geliehen und es über mich genommen, dieses bei Sr. Kurfürstlichen Gnaden zu rechtfertigen. Zur mehrern Sicherheit können Ew. Wohlgeboren Sr. Kurfürstlichen Gnaden davon Nachricht geben.« Aber schon am 6. August verließ er Münster, um in Hofgeismar eine Badekur zu gebrauchen, und Fürstin Amalie blieb mit ihren Kleinen allein in der fremden Umgebung. Da wollte sie anfangs ein »Gefühl von Leere und Öde« befallen, wie sie in einem Briefe an Hemsterhuis klagt, doch bald raffte sie sich auf und tat, was sie konnte, um sich in die neuen Verhältnisse hinein zu finden. Die schönen Sommertage wurden zu weiten Spaziergängen in die Umgegend benützt, auf denen Land und Leute studiert wurden. Die liebliche, wald- und wiesenreiche Gegend, deren Einförmigkeit durch verstreute Teiche und langgezogene Wassergräben unterbrochen wird, sagte dem schlichten Sinne der Fürstin ungemein zu. In vollen Zügen genoß sie den tiefen Frieden, der über den fruchtbaren Gefilden lagert; gern ruhte sie im Schatten der stillen Eichenhaine von langer Wanderung aus, um dann durch die stattliche Allee uralter Bäume einem der großen Bauernhöfe zuzuschreiten, in denen neben sicherem Wohlstand Einfachheit und Gemütlichkeit herrschen. Neugierig trat sie oft in das Wohnhaus; durch die geräumige Diele oder Tenne, zu deren Seiten sich die halb oder ganz offenen Stallungen befinden, in die freundliche Küche mit den kleinen, bunten Fensterscheiben und dem blank geputzten Geschirr an den Wänden, dem starken Tisch und den massigen Stühlen aus Eichenholz und dem einfachen Schrank in der Ecke, auf dem die Gebetbücher der Hausgenossen ihren Platz haben. Mit freundlichen Worten gelang es ihr gewöhnlich, das Mißtrauen, das der westfälische Bauer jedem Fremden entgegenbringt, zu überwinden und die am Herd beschäftigte Hausfrau in ein Gespräch zu verwickeln, das ihr Einblick gewährte in die gottesfürchtige, ehrliche Gemütsart der Münsterländer und sie deren gesundes Urteil und schlichten Menschenverstand schätzen lehrte. Auf dem Heimwege blieb sie dann wohl sinnend vor den Kruzifixen, Muttergottesstatuen und Heiligenbildern stehen, die sich häufig am Straßenrande finden und oft mit eigenartigen frommen Sprüchlein den Vorübergehenden grüßen. Alles heimelte sie an in diesem Lande, und durch ihre suchende Seele zog still die Ahnung, daß sie hier den Frieden finden würde, nach dem sie halb unbewußt verlangte. Und diese Ahnung gab ihr neuen Mut zu fleißiger Arbeit an sich und ihren Kindern: mit Eifer, ja mit »Wut«, wie sie an Hemsterhuis schrieb, wandte sie sich ihren durch den Umzug unterbrochenen Studien wieder zu; sie wollte alles wissen, alles erlernen, was sich überhaupt erlernen läßt, und um möglichst viel Zeit dafür zu gewinnen, gab sie sogar das Klavierspiel auf, das sie bisher mit großer Lust betrieben hatte. »Sie wissen«, heißt es in einem ihrer späteren Briefe an Hemsterhuis, »daß ich mich freiwillig der Musik entzog, der Musik, die mich ein wenig liebte und an der ich leidenschaftlich hing und heute noch hängen würde, wenn ich es mir erlauben dürfte. Aber abgesehen davon, daß sie mir Stunden der kostbaren Zeit raubte, die ich den Pflichten gegen mich selbst und meine Kinder widmen muß, entnervt sie die Seele und versetzt sie in einen Zustand der Passivität und Empfindsamkeit, welcher die Festigkeit, Gleichmäßigkeit und Ruhe stört und der Abwesenheit alles dessen, was man leidenschaftlichen Ton nennt, sehr nachteilig ist, – Eigenschaften, die einen Erzieher von der Vollkommenheit, von der ich noch sehr weit entfernt bin, charakterisieren müssen.« – Die Zeit, welche die Beschäftigung mit ihren Kindern ihr ließ, benützte sie zum genaueren Bekanntwerden mit Fürstenbergs Schuleinrichtungen, und abends, wenn Prinzessin Mimi und Prinz Mitri schon längst in ihren Bettchen lagen, saß ihre Mutter noch am Schreibtisch, über gelehrte Werke gebeugt, mit Lesen und Notieren beschäftigt. »Die mathematischen Wissenschaften nehmen meine wenigen freien Augenblicke in Anspruch«, meldet sie dem Freunde im Haag, »ich sehe ein, daß ich auf diesen Gebieten bisher kaum stammeln gelernt habe, und um meiner Kinder willen, deren Erziehung all meinen Studien die Richtung gibt, muß ich mir darin große Sicherheit aneignen ... Auch das Lateinische beschäftigt mich, und ich beginne den Horaz zu buchstabieren, von dem ich entzückt bin ...« Und bald darauf: »Ich lese Locke und vergleiche ihn mit Leibniz, um mich mit der deutschen Philosophie, die zum Teil auf diesen beiden Autoren fußt, vertraut zu machen.«

Die Tage wurden der eifrig Studierenden zu kurz, und sie mußte die Nächte zu Hilfe nehmen, ja sie brachte es so weit, daß ihr fünf Stunden Schlafes genügten. An manchen Tagen nahm sie sich nicht einmal Zeit zum Essen. »Eines Tages«, so berichtet Dr. Katerkamp, »verfiel sie gegen Abend in eine tiefe Schwermut, ohne einen Grund für Traurigkeit zu wissen; während dieses Zustandes kommt der Bediente zu ihr und fragt, ob sie nicht wenigstens eine Tasse Schokolade nehmen wolle. Sie willigte ein, und nachdem sie dieselbe genommen, fühlt sie sich auf einmal erheitert; nun erst fällt es ihr ein, daß sie den Tag vergessen hatte, Speise zu nehmen.«

Dieses arbeitsame Leben im Verein mit der sie umgebenden Ruhe und der Möglichkeit, sich jederzeit neue geistige Anregung verschaffen zu können, erfüllte die Fürstin mit einer bisher kaum gekannten Befriedigung. »Ich fühle mich leichter«, schrieb sie an Hemsterhuis, »so daß ich weniger über die Erde schreite als fliege. Alles in mir scheint Harmonie, nicht eine so exaltierte Harmonie, wie sie durch eine starke Spannung aller Saiten der Seele hervorgerufen wird, sondern eine ernste Harmonie, welche, indem sie die Seele sich jeder Art von Genuß öffnen läßt, doch nicht zu erschöpfen vermag. Eine Welt ist in mir, und daher das Bedürfnis, nachzudenken, so viele Reichtümer zu ordnen, mein Gefühl mit meiner Vernunft in Einklang zu bringen, zu befestigen, auszudehnen in mir die Kraft, welche regiert, im Verhältnis zu dem, was ihr zu regieren gegeben ist. Kurz, ich habe das Bedürfnis, mich groß zu fühlen in allen Augenblicken meines Lebens, um nicht erröten zu müssen, wenn ich einen Thron einnehmen sollte.«

Nach Fürstenbergs Rückkehr aus Hofgeismar hatte sich zwischen ihm und Fürstin Amalie ein freundschaftlicher Verkehr angebahnt, in den bald auch die Professoren des Gymnasiums und andere gelehrte Freunde des Generalvikars gezogen wurden. Die Fürstin disputierte mit diesen Herren über verschiedene wissenschaftliche Fragen, suchte bei ihnen Belehrung auf ihr noch fremden Gebieten und bemühte sich ihrerseits, sie mit den ihr so vertrauten griechischen Philosophen bekannt zu machen, die ihrer Meinung nach in den Gelehrtenkreisen Münsters zu wenig geschätzt wurden. »Werden Sie es glauben«, berichtet sie nach dem Haag, »daß ich alle Kollegen dazu bringe, den Plato zu lesen? ... Ich habe geschworen, sie alle zu platonisieren, ehe ich Münster verlasse.«

Aus diesen im Anfang des Jahres 1780 niedergeschriebenen Worten läßt sich ersehen, daß die Fürstin, trotzdem sie sich in Münster so wohl fühlte, noch nicht an ein dauerndes Bleiben in der Stadt dachte; vielleicht wollte sie dem sie in Genf erwartenden Dentan gegenüber nicht wortbrüchig werden. Da griff ein unerwartetes Ereignis, alle Pläne umstürzend, in ihr Schicksal: Dentan starb. Am 13. November 1780 schrieb Hemsterhuis an Fürstenberg: »Mein Herr, Sie wissen jedenfalls, daß Herr Dentan aus Genf der Fürstin von Gallitzin überaus ergeben und von ihr und dem Fürsten dazu bestimmt war, dereinst der Gouverneur ihres Sohnes zu sein. Gestern abend nun traf die schmerzliche Nachricht seines Todes ein, nachdem er nur sechs Tage lang an einem heftigen Fieber krank gewesen. Da ich das überaus empfindsame Gemüt der Fürstin kenne, so gebe ich ihr heute zunächst Nachricht von der Krankheit des Herrn Dentan und nehme mir die Freiheit, Sie zu bitten, ihr sodann allmählich und mit aller Ihnen notwendig scheinenden Vorsicht diesen Unglücksfall mitzuteilen. Ich weiß, wie sehr sie diesen ausgezeichneten Mann verehrte, und ich fürchte nur für die Wirkungen des ersten Schlages; für die Folge setze ich in ihre Weisheit und Geisteskraft vollstes Zutrauen. Der Fürst, welcher gleich mir von dieser unerwarteten Nachricht tief betrübt ist, hatte sich vorgenommen, Ihnen selbst zu schreiben; da er jedoch, wie ich weiß, mit Geschäften überladen ist, dürfte er wohl kaum Zeit dazu finden. Der Anteil, den Sie an dem Wohlbefinden der Fürstin nehmen, ist für mich genügsame Entschuldigung ob meiner obigen Zumutung. – Ich hoffe in kurzem eine kleine Tour nach Münster machen zu können; sollte jedoch die Fürstin meine Anwesenheit dort sogleich wünschen, so wird ein Wort von ihr oder von Ihnen mir genügen.«

Durch Dentans Tod änderte sich die ganze Lage der Fürstin, wie sie in ihrem Tagebuch schreibt. Der Hauptbeweggrund für eine Übersiedelung nach der Schweiz fiel damit fort; denn was sie sonst in Genf zu finden gehofft hatte, den anregenden Verkehr mit geistig hochstehenden Männern, hatte sie ja schon in Münster in ungeahnt reichem Maße gefunden. Es wäre unvernünftiger gewesen, als sie zu handeln gewöhnt war, wenn sie die ihr bereits liebgewordene Stadt und den Freundeskreis, der sich mit jedem Tage inniger an sie schloß, verlassen hätte, um abermals in die Fremde zu ziehen, in ein Land, in welchem sie jetzt völlig vereinsamt dagestanden hätte. Auch die Rückkehr in den Haag oder nach Nithuis schien ihr nicht wünschenswert, hätte sie dort doch auf die geistigen Anregungen verzichten müssen, die Münster ihr bot. So beschloß sie denn, sich in der westfälischen Hauptstadt zu »etablieren«, wie sie sich ausdrückte. Ein Bedenken, ob sie recht daran tue, sich und die Kinder dauernd von ihrem Gatten zu trennen, scheint ihr nicht gekommen zu sein, wenigstens enthalten ihre Briefe und Tagebücher nicht den geringsten Hinweis darauf; für sie, die damals noch Glaubenslose, konnte die Heiligkeit der Ehe keine besondere Bedeutung haben, und die frivolen Ansichten der vornehmen Kreise ihrer Zeit waren nicht danach beschaffen, ihr dafür das rechte Verständnis zu eröffnen. Überdies geschah die Trennung mit voller Zustimmung des Fürsten, der ihren Plänen für die Erziehung der Kinder, die für alle ihre Unternehmungen die Richtschnur bildete, nie hindernd in den Weg trat.

Die Fürstin kaufte das Haus, in dem sie seit ihrer Ankunft in Münster wohnte und das außer der Billigkeit (der Kaufpreis betrug 6000 Taler in Gold) den Vorzug hatte, in einer ruhigen Gegend zu stehen und von einem großen Garten umgeben zu sein, und richtete es mit ihren Möbeln, die sie aus Genf zurückkommen ließ, bequem, aber überaus einfach ein. Für die Sommermonate mietete sie ein paar bescheidene Zimmer in einem dem Grafen von Merveldt gehörenden Pächterhofe bei dem Dorfe Angelmodde, von dem Levin Schücking eine anheimelnde Beschreibung gibt: »In der Entfernung von etwa einer Stunde von Münster liegt eine Gruppe freundlicher Häuser um einen weißgetünchten Kirchturm gesammelt, der sich zwischen Obstbaumästen in einem kleinen Flusse, der Werse, spiegelt und ein angebautes hügeliges Land beherrscht – eine stille westfälische Landschaft, von dichten Wallhecken durchschnitten und von Eichenwäldern umsäumt, an die sich die zerstreuten Bauernhäuser lehnen. Mit leisem Wellenschläge drängt sich der Fluß durch dieses friedliche Gefilde und bespült den Pächterhof zu Angelmodde, auf dem die Fürstin Gallitzin die Sommermonate einer Reihe von Jahren zubrachte. Eine große Kammer und einige kleinere Stuben bildeten ihre glanzlose Residenz; dort, um den altväterlichen Kamin, versammelte sie den Kreis ihrer Freunde, unter ihnen ... eine Menge damals gefeierter Namen, um über die höchsten Ideen, welche der Menschheit am Herzen liegen, nach Klarheit zu ringen ...«

Dort in Angelmodde, das ihr bis an ihr Lebensende teuer blieb, verbrachte die Fürstin viele schöne Tage in wohltuender Einsamkeit, wenn es ihr in der Stadt zu laut, zu unruhig geworden war, aber auch viele schmerzdurchbebte Stunden, wenn körperliche und seelische Leiden ihren Mut zu brechen drohten. Das stille Bauernhaus Das einst von der Fürstin bewohnte Häuschen ist vor einigen Jahren niedergebrannt. am Ufer der Werse war Zeuge manch schweren Seelenkampfes, manch lauter Selbstanklage, – doch es kam der Tag, da es auch Zeuge sein durfte des schönsten Sieges, der einem Menschenherzen beschieden sein kann: in Angelmodde bereitete Fürstin Amalie sich in tiefster Andacht vor, nach langen Jahren zum erstenmal wieder zum Tische des Herrn zu treten.

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