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Amalie Fürstin von Gallitzin

Hanny Brentano: Amalie Fürstin von Gallitzin - Kapitel 4
Quellenangabe
authorHanny Brentano
titleAmalie Fürstin von Gallitzin
publisherHerdersche Verlagshandlung
year1910
correctorJosef Muehlgassner
senderwww.gaga.net
created20170513
projectidc4ba34d1
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»Nithuis.«

In der Herzenseinsamkeit, in welche Fürstin Amalie sich an der Seite ihres vornehmen Gemahls und inmitten des bunten Treibens um sie her versetzt sah, wandte sie sich trostsuchend ihren Kindern zu. Ihre gesellschaftlichen Pflichten hatten ihr bisher wenig Zeit gelassen, sich um die Kleinen zu kümmern; Prinzessin Mimi und ihr kleiner Bruder hatten die Mutter nur selten und dann meist in eleganter Toilette im Kinderzimmer erscheinen sehen, die übrige Zeit des Tages blieben sie Dienstboten und Bonnen überlassen, die ihnen in allem zu Willen sein mußten. Auf einmal wurde das alles ganz anders. Die Fürstin war zu der Überzeugung gekommen, daß es auf Erden kein heiligeres Band gebe, als das der Liebe zwischen Mutter und Kindern, keine edlere Aufgabe, als das Erziehen und Bilden unschuldiger junger Wesen, deren Seele und Geist noch dem Einfluß des Guten und Schönen offen stehen, in deren Herzen das Saatkorn der Liebe dankbaren Boden findet. Dieser Aufgabe wollte sie von nun an alle ihre Kräfte widmen. Doch gleichzeitig mit diesem Entschlusse kam ihr die Erkenntnis, daß ihr noch so manches fehlte, was dessen Ausführung möglich gemacht hätte: Sie erinnerte sich ihrer eigenen wissenschaftlichen Unbildung, die sie daran hinderte, ihre Kinder selbst zu unterrichten, und der in ihrem Geiste herrschenden Verworrenheit, die während der letzten Jahre, in welchen sie so selten dazu gekommen war, über sich nachzudenken, eher zu- als abgenommen hatte. Und es wurde ihr klar, daß sie noch viel, sehr viel an sich selbst arbeiten mußte, wenn sie ihre Pflichten als Mutter und Erzieherin so erfüllen wollte, wie sie ihr vorschwebten, und daß dies nur in Stille und Zurückgezogenheit geschehen konnte, nicht aber in dem zerstreuenden, zeitraubenden Leben der Gesellschaft. Nur eine Angst quälte sie: würde es ihr, der 25jährigen Frau, noch möglich sein, das in der Jugend Versäumte nachzuholen? und würde ihr Gemahl überhaupt seine Einwilligung zu ihrem Vorhaben geben, das so ganz aus dem Rahmen dessen, was in ihren vornehmen Kreisen üblich war, herausfiel? – Ihr sollte von einer Seite Hilfe kommen, von welcher sie eine solche nicht erwartete.

Während des bereits erwähnten Aufenthaltes Diderots im Haag sprach die Fürstin mit dem Philosophen von ihren Plänen und Zweifeln, und er war es, der sie in ihrem Beschlüsse bestärkte: bei ihren Geistesgaben und ihrer Energie, meinte er, könne es ihr nicht schwer fallen, sich die fehlenden Kenntnisse in kürzester Zeit zu verschaffen. Außerdem bestimmte er den Fürsten, der viel auf sein Urteil gab, ihr die gewünschte Freiheit zur Ausführung ihrer Idee zu gewähren. Gallitzin mochte wohl das Ganze für eine vorübergehende Laune seiner jungen Gemahlin halten, für eine »Überspanntheit«, die durch Nachgiebigkeit am schnellsten beseitigt werden könnte. Doch hierin sollte er sich täuschen.

Als Diderot im nächsten Sommer auf der Rückreise aus St Petersburg wieder seine Freunde im Haag besuchte, fand er die Lebensweise und das Benehmen, ja selbst das Aussehen der Fürstin bereits völlig verändert: statt der kunstvollen, von Perlenschnüren durchzogenen Frisur, die sie früher getragen hatte, fiel ihr kurzgeschnittenes Haar jetzt in natürlichen Locken auf den schlanken Hals herab, und die Reifröcke und Schneppentaillen der damaligen Mode hatten einfachen, bequemen Gewändern Platz machen müssen. Nur auf diese Weise war es der Fürstin gelungen, der Gesellschaft klar zu machen, daß sie nichts mehr mit ihr zu tun haben und ihre eigenen Wege gehen wolle. Der Brief, den Diderot diesmal über sie nach Paris schrieb, lautete ganz anders als der vorjährige und verriet, daß die Veränderung, die mit ihr vorgegangen war, selbst ihm, der sie gewissermaßen mit veranlaßt hatte, zu weitgehend erschien. »Die Fürstin«, so heißt es da, »führt ein Leben, das sowohl mit ihrer Jugend und der Beweglichkeit ihres Geistes als mit dem leichten Sinn ihrer Zeit in Widerspruch steht ... Sie geht wenig aus, hat Lehrer in der Geschichte, der Mathematik, den alten Sprachen, verläßt, als verstehe sich das von selbst, ein Galadiner bei Hofe, um nach Hause zu gehen, wenn ihre Unterrichtsstunde gekommen ist, bemüht sich, ihrem Gatten zu gefallen, überwacht selbst die Erziehung ihrer Kinder, hat allem Pomp entsagt, steht früh auf und geht zeitig zu Bett, und mein Leben regelt sie nach dem ihres Hauses. Wir finden Vergnügen daran, zu disputieren wie die Teufel. Ich bin nicht immer gleicher Meinung mit der Fürstin, obgleich wir beide ein wenig von der Manie fürs Altertum besessen sind.«

Was Diderot hier über die Meinungsverschiedenheiten zwischen ihm und der Fürstin sagt, bezieht sich darauf, daß es ihm nicht gelang, sie zu seinem gottesleugnerischen philosophischen System zu bekehren, für welches sie vergebens Beweisgründe von ihm forderte. Seine Behauptung, daß die Welt durch einen »Zufall« entstanden sei, konnte sie nicht befriedigen; ihre wahrheitsdürstende Seele, die – ihr selbst noch unbewußt – tief religiös veranlagt war, sehnte sich mehr und mehr nach der Erkenntnis des höchsten Wesens, dessen Walten über der Welt und ihrem eigenen Geschick sie dunkel ahnte. Eher als in Diderot glaubte sie in einem andern berühmten Philosophen jener Zeit, den sie kurz vorher kennen gelernt hatte, einen Führer und Lehrer zu finden: in dem holländischen Gelehrten Franz Hemsterhuis.

Hemsterhuis (geb. 1722), von dem einer seiner Biographen sagt: »Von sanfter Gemütsart, aber anziehend und geistreich im Verkehr mit Gleichgesinnten, war er zurückhaltend im Umgang mit der Welt; Einfachheit, Bescheidenheit, Heiterkeit, die stets mit der Tugend vereint auftritt, waren die Hauptzüge seines Charakters«, bekleidete einen Staatsbeamtenposten, der ihn pekuniär sicherstellte, ihm jedoch genügend Zeit für seine wissenschaftlichen, künstlerischen und literarischen Arbeiten ließ. Er war ein vielseitig gebildeter Mann, der in den sogenannten exakten Wissenschaften, Mathematik und Physik, ebenso bewandert war wie in der Literatur und Philosophie des Altertums. Besonders war er ein Verehrer von Plato und Sokrates, deren Lehre er zu der seinigen gemacht hatte. Gern beschäftigte er sich auch mit der Kunst und ihren Aufgaben; er führte den Zeichenstift mit großem Geschick, und eine reichhaltige Sammlung alter, geschnittener Steine von hohem Kunstwerte, die er selbst angelegt hatte, bildete seinen besondern Stolz. Seine Kenntnisse wie seine Charaktereigenschaften und Liebhabereien mußten ihn der Fürstin Gallitzin interessant machen, hauptsächlich, als sie bei näherer persönlicher Bekanntschaft und beim Lesen seiner Schriften erfuhr, daß seine Weltanschauung der ihren verwandt war: Wie sie war er ein Gegner der gottesleugnerischen Philosophie Diderots und seiner Genossen, wie sie glaubte er an ein höheres Wesen und an die Unsterblichkeit der Seele und sah er die Aufgabe des Menschen auf Erden in dem Streben nach allem Edlen und Schönen, – aber auch wie sie war er weit davon entfernt, das positive Christentum als die einzig wahre und beseligende Religion zu erkennen. Auf dieser Übereinstimmung der Ansichten baute sich zwischen der jungen Fürstin und dem einsamen, alternden Gelehrten eine innige und ernste Freundschaft auf, die bis zum Tode des letzteren, von einigen vorübergehenden Trübungen abgesehen, fortbestehen sollte.

Die Fürstin wählte Hemsterhuis zu ihrem und ihrer Kinder Lehrer, beriet sich mit ihm in allen Erziehungsfragen, schöpfte aus stundenlangen Gesprächen mit ihm eine Fülle neuer Ideen und dankte ihm durch tätige Anteilnahme an seinen Arbeiten, so daß er oft äußerte, diese seien mehr ihr Werk als das seine. Die schönsten seiner Schriften, die ihm die größte Bewunderung seiner Zeitgenossen eintrugen, entstanden unter der Mithilfe seiner »Diotima«, wie er die Fürstin nach einer klugen Priesterin in einem Dialog Platos nannte, während sie ihn stets als ihren »Sokrates« bezeichnete. Die Freundschaft zwischen diesen zwei geistig und sittlich hochstehenden Menschen übte auf beide einen tiefgreifenden und vorteilhaften Einfluß aus.

Im Herbst 1774, bald nachdem sie Hemsterhuis näher kennen gelernt hatte, entschloß Fürstin Amalie sich, eine noch größere Einsamkeit und Stille um sich und ihre Kinder zu schaffen, als das im Hause ihres Gemahls möglich war. Sie wünschte ihr hohes Ziel mit mehr Nachdruck als bisher zu verfolgen und zugleich ihre Kleinen so lange als irgend möglich vom gesellschaftlichen Leben fernzuhalten, in welchem sie während der letzten Monate, nach einigen Andeutungen in späteren Briefen zu schließen, mancherlei trübe und kränkende Erfahrungen gemacht hatte. So mietete sie denn mit Bewilligung des Fürsten, der sich gutmütig ihrem Wunsche fügte, für sich und die Kinder einige bescheidene Zimmer in einem einsamen Bauernhause an der Straße vom Haag nach Scheveningen, und ließ über der Haustür die Aufschrift »Nithuis« (Nicht zu Hause) anbringen, um dadurch anzuzeigen, daß sie keine Besuche empfange. Außer ihrem Gemahl und ihren Lehrern durften nur wenige auserlesene Freunde die Schwelle von Nithuis überschreiten: die Fürstin von Oranien, eine geborne Prinzessin von Preußen, und deren kleiner Sohn, welcher Prinz Mitris Spielgefährte war und sich später als König Wilhelm I. der Niederlande noch gern der im Schoße der Gallitzinschen Familie verlebten Tage erinnerte; ferner einige russische Edelleute, die sich auf der Durchreise in Holland aufhielten, darunter zwei Brüder Romanzow, Vettern des Fürsten, mit denen die Fürstin einen freundschaftlichen Briefwechsel unterhielt und die von tiefer Verehrung für ihre »Sestriza« (Schwesterchen) erfüllt waren, und deren Begleiter, ein Herr von Grimm; dann, als besonders geschätzte und stets mit Freuden empfangene Gäste, der Herzog von Serent nebst Gemahlin, die eine Zeitlang zu Leiden lebten, wo sie auch von der Fürstin besucht wurden. Als der Herzog im Sommer 1775 als Erzieher des jungen Herzogs von Angoulême, des späteren Königs Karl X., nach Paris berufen wurde, setzte er den ihm lieb gewordenen Verkehr mit Fürstin Amalie brieflich fort; in späteren Jahren nannte er sich mit Recht einer ihrer ältesten und treuesten Freunde und sie eine »unvergleichliche, heiligmäßige Freundin«. Hemsterhuis verbrachte regelmäßig zwei Nachmittage der Woche bei der Fürstin, außerdem wechselten beide häufige und ausführliche Briefe.

Das bescheidene Einsiedlerleben der Fürstin Gallitzin, die noch vor kurzem für eine der elegantesten und gefeiertsten Modedamen gegolten hatte, ihre Studien, ihre, den andern Müttern ihrer Gesellschaftsklasse ganz unfaßbar erscheinende Ideen, die Kinder selbst zu unterrichten und ihnen, wie sie sich ausdrückte, »Mutter in einem höheren Sinne« zu werden, alles das mußte begreiflicherweise den Spott der vornehmen Welt hervorrufen und Grund zu boshaften Bemerkungen geben. Die Fürstin ließ sich dadurch nicht im geringsten stören; sie fühlte sich bei der neuen Lebensart so wohl, daß sie in einem späteren Briefe an Hemsterhuis sagen konnte: »Es ist die volle Wahrheit, daß alles in allem die Momente meines Lebens, wo ich das erhabenste Glück verkostete, die beiden ersten Jahre des Aufenthaltes zu Nithuis waren.« Sie fand in dem Umgange mit ihren Kindern, in der wachsenden Klarheit ihrer Gedankenarbeit eine solche Seligkeit, daß nun höhere Bedürfnisse sich zu äußern anfingen: Gott und ihre Seele gaben ihr stets neuen Stoff zu Betrachtungen und Forschungen. Näher und näher kam sie dem rechten Wege, der ihr jedoch nicht in Nithuis und nicht von ihrem »Sokrates« gezeigt werden sollte.

siehe Bildunterschrift

Kaspar Max Droste zu Vischering.
Nach einer Lithographie von Joh. Barth van den Hove

Die Fürstin hatte noch kein Jahr in ihrem stillen Nithuis gehaust, als ihr Freundeskreis eine willkommene Erweiterung fand: ein angesehener Gelehrter aus Genf, Dentan mit Namen, kam im Auftrage der Schweizer Regierung nach dem Haag und wurde durch geschäftliche und wissenschaftliche Beziehungen mit Hemsterhuis bekannt, der ihn auch bei der Fürstin einführte. Da sie in ihm einen Mann von umfassenden Kenntnissen und sympathischem Wesen erkannte, bat sie ihn, ihr während seines Aufenthaltes im Haag in einigen Fächern Unterricht zu erteilen und mit ihr philosophische Werke zu lesen und zu besprechen. So erschien denn nun auch Dentan ein- bis zweimal wöchentlich in der bescheiden eingerichteten Studierstube der Fürstin, ward unter dem Namen »Lysis« in den Freundschaftsbund zwischen ihr und Hemsterhuis aufgenommen und wetteiferte mit dem letzteren in bewundernder Verehrung für die eigenartige Frau. »Ich lebte zwischen zwei Freunden«, schrieb die Fürstin nach vielen Jahren in Erinnerung an diese Zeit in ihr Tagebuch, »die sozusagen bloß für mich lebten und sich mir auf zeitlebens gewidmet hatten.«

Dentan, der mit heißer Liebe an seinem Vaterlande hing und sich nie dazu verstanden hätte, es dauernd zu verlassen, suchte in seiner Schülerin den Wunsch zu erwecken, die Schweiz und besonders seinen Wohnort Genf kennen zu lernen. Er schilderte ihr in beredter Weise die Herrlichkeiten der Alpenwelt und die Reize des Genfer Sees, dessen Ufer damals noch in stiller Abgeschiedenheit dalagen. Er erzählte auch von den vielen gelehrten und berühmten Männern, die Genf zu ihrem Aufenthalte gewählt hatten, und in denen sie Lehrer und Freunde finden würde. Solche Worte blieben nicht ohne Eindruck auf die Fürstin, deren für Naturschönheiten sehr empfängliches Gemüt in dem flachen, einförmigen Holland den Mangel landschaftlicher Reize zuweilen schwer empfand; und fast mehr noch lockte die Aussicht auf geistig anregenden und fördernden Umgang sie zu einer Reise in die Schweiz. Zum Überfluß traf ein Brief eines der Brüder Romanzow ein, die damals gerade in Genf weilten. »Wissen Sie, Sestriza,« schrieb der junge Graf, »daß ich mehr als einmal, seit ich hier bin, gedacht habe, daß Genf ein Aufenthalt sei, der Ihnen sehr zusagen würde? Sie würden dort sicher glücklich sein, wenn nicht über Ihr eigenes Glück, doch über das von andern. Gefühlvoll, wie Sie sind, würden Sie Freude genießen beim Anblick glücklicher und fühlender Wesen, welche den Bestand dieses Staates bilden. Genf scheint der Sitz des gesunden Verstandes, daher der Zufriedenheit und des Glückes zu sein.«

Es galt nur noch, Hemsterhuis für eine Übersiedelung nach Genf zu gewinnen, denn von ihm als ihrem Berater und treuesten Freunde glaubte Fürstin Amalie sich nicht trennen zu können. Und doch sollte gerade durch ihren neuen Plan das Freundschaftsband zwischen ihnen gelockert werden.

Hemsterhuis gab dem Drängen der Fürstin nach und schloß einen förmlichen Vertrag mit ihr ab, worin er sich – wie aus einem ihrer späteren Briefe an ihn hervorgeht – verpflichtete, »alles zu verlassen« und sie zu begleiten; er sollte seine amtliche Stellung aufgeben und dafür als ihr und ihrer Kinder Lehrer festen Gehalt beziehen. Nun wurde auch Fürst Gallitzin in den Plan eingeweiht und um seine Einwilligung gebeten. Er fand nichts dagegen einzuwenden – vermutlich, weil ihm vorgestellt wurde, daß es so für die Erziehung seiner Kinder am besten sei – und ließ um eine bedeutende Summe das Schloß Lavigny am Genfer See ankaufen, um seiner Familie einen angenehmen und bequemen Aufenthalt zu sichern. Als die Angelegenheit jedoch so weit gediehen war, daß es sich nur noch darum handelte, den Tag der Abreise festzusetzen, zeigte Hemsterhuis, der die Fürstin schon seit einiger Zeit mit unbegründeten Vorwürfen über Erkaltung ihrer Freundschaft u. dgl. gequält hatte, eine Verstimmung, die nur zu deutlich verriet, daß er sein gegebenes Versprechen gern rückgängig gemacht hätte. Ein solcher Wankelmut erregte den höchsten Unwillen der Fürstin, für die es ein unbegründetes Zurückweichen von einem gefaßten Plane nicht gab. Zugleich fragte sie sich, warum sie von einem Manne, der weniger Energie und Entschlossenheit besaß als sie selbst, sich so lange hatte führen und beraten lassen. Mehr als alles aber kränkte es sie, daß Hemsterhuis, der ihre Wahrhaftigkeit, ihren Haß gegen Lüge und Verstellung kannte und zu teilen vorgab, sich nicht dazu entschließen konnte, offen mit ihr über die Sache zu reden. »Hören Sie doch auf, lieber Sokrates«, schrieb sie ihm, »Ihren Kopf zu zerbrechen, um die fragliche Angelegenheit zu verschleiern. Sie haben einen Fehler begangen, der alle andern nach sich gezogen hat. Sie haben sich übereilt, als Sie Verpflichtungen eingingen, die Sie nicht erfüllen konnten, die Ihnen jedoch damals in weiter Ferne zu liegen schienen und von denen Sie nicht glaubten, daß der Tag ihrer Einlösung je erscheinen werde. Als aber dieser Augenblick gekommen war, hatten Sie nicht den Mut, Ihren Irrtum offen einzugestehen. Dieser Mangel an Mut machte all die Umwege nötig, die Sie anwandten, um eine aufrichtige Erklärung zu vermeiden.« Sie enthob ihn seines Versprechens, bestand aber auf dem Entschlusse der Übersiedelung für sich und die Kinder. »Lange genug«, so heißt es weiter in dem strengen Briefe, »habe ich mein Los abhängig gemacht, von nun an will ich es allein bestimmen ... Ich will mich meiner Arbeit und meinen ernsten Pflichten mit freiem Kopfe widmen können; ich will aus unserer Freundschaft alles streichen, was diesen Zweck nicht fördert, alles, was uns nicht gegenseitig glücklich und besser macht, und ich will fortan nur mir allein die Sorge anvertrauen, mein Los diesem Ziele gemäß zu gestalten. Dieser Entschluß ist so wohl erwogen und steht so fest, daß keine menschliche Kraft im stande ist, mich auch nur um einen Schritt weit davon abzulenken, und so wertvoll mir der Umgang mit Ihnen auch immer erscheinen wird, so werde ich mich gezwungen sehen, ihn einzuschränken, wenn Sie darauf bestehen, ihn auf einer Täuschung zu begründen ...« Sie bietet ihm dann von neuem ihre Freundschaft an, deren Bande sie »im Grunde der Seele« fühle, aber unter der Bedingung, daß die Quälereien der letzten Jahre aufhören, und daß beide Teile wieder so frei sein sollten wie vor dem Eingehen irgend welcher Verpflichtungen. Wenn Hemsterhuis diese Bedingung nicht erfüllen könne oder wolle, so bleibe ihr nichts übrig, als ganz mit ihm zu brechen. »Ich werde Ihre Antwort auf diesen Brief abwarten«, so schließt sie, »um entweder wieder nach der Feder zu greifen oder sie für immer ruhen zu lassen; wenn Sie mich zu dem letzteren verurteilen, so empfangen Sie meine Versicherung, daß die stillen Wünsche meiner Seele Sie unaufhörlich begleiten werden und daß mein Herz niemals aufhören wird, meinen Sokrates zu segnen. So oder so werde ich alles, was die Vergangenheit uns an Peinlichem gebracht hat, der tiefsten Vergessenheit anheimfallen lassen.«

Hemsterhuis' Antwort auf diesen Brief, an dem die Fürstin während mehrerer Tage, also in Ruhe und mit Überlegung geschrieben hatte, ist nicht erhalten, doch muß er sich jedenfalls ihren Bedingungen gefügt haben, da das freundschaftliche Verhältnis zwischen ihm und Fürstin Amalie fortbestehen blieb; mit seinem Einfluß auf ihr inneres und äußeres Leben aber hatte es von nun an ein Ende.

An Stelle von Hemsterhuis erklärte sich Dentan auf die Bitte des fürstlichen Paares bereit, als Erzieher der Kinder mit nach Schloß Lavigny zu ziehen, und im Sommer 1779 sollte die Übersiedelung stattfinden, doch es trat eine Verzögerung ein, – eine Verzögerung, die auf das weitere Leben der Fürstin tiefgreifenden Einfluß hatte und die erste Ursache ihrer späteren inneren Wandlung wurde. Eine große Rolle bei dieser Wendung der Dinge spielte unabsichtlich ein Mann, der eines der Hauptmitglieder der Münsterschen familia sacra werden sollte: der Generalvikar des Fürstbistums Münster, Franz Freiherr von Fürstenberg.

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