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Amalie Fürstin von Gallitzin

Hanny Brentano: Amalie Fürstin von Gallitzin - Kapitel 13
Quellenangabe
authorHanny Brentano
titleAmalie Fürstin von Gallitzin
publisherHerdersche Verlagshandlung
year1910
correctorJosef Muehlgassner
senderwww.gaga.net
created20170513
projectidc4ba34d1
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Leiden und Tod der Fürstin Gallitzin.

Von den Folgen ihrer schweren Krankheit im Frühling 1783 hatte sich Fürstin Amalie nie mehr ganz erholt. Ihre Tagebücher berichten immer wieder von körperlichen Leiden mancherlei Art, vor allem bereiteten ihr heftiges Hüftnervenweh, Schlaflosigkeit, nervöser Druck im Kopfe sowie krampfartige innerliche Schmerzen viele qualvolle Stunden. Sie schildert sich als »schier immer kränkelnd auf die drückendste Weise an einer ängstlichen Zusammenziehung aller Gefäße« und klagt oft über Schwermut und Schwarzseherei, in die sie durch Krankheit versetzt worden und die sie nur mit Mühe durch das feste Vertrauen zu Gott und die Überzeugung, daß sie auf Erden nur ein Pilgrim sei, überwinden könne. Kaum kann sie einmal eine Besserung melden, so heißt es auch wieder: »Wie bald erfuhr ich, daß der, der äußerlichen Trost sucht, gar bald zu schanden wird! Nur wenige Tage dauerte diese erschlichene Ruhe; die Körper- und Seelenbedrängnisse kamen gar bald und nur um so viel mutlosmachender zurück.« Sie ging aber auch keineswegs schonend mit ihrer Gesundheit um, ermüdete sich durch weite Spaziergänge mit ihren Kindern, badete zuweilen dreimal an einem Tage, in der Meinung, ihren geschwächten Körper dadurch neu zu stärken, und gönnte sich sowohl daheim als auf ihren Reisen keinerlei Bequemlichkeiten. Oft auch verleitete ihr Wohltätigkeitssinn sie zu Anstrengungen, denen ihre Kräfte nicht gewachsen waren. Overberg erzählte z. B., daß sie es sich zur Pflicht gemacht hatte, wöchentlich eine Nacht am Lager eines armen Kranken zu wachen. Zuweilen ging sie noch spät abends von Hause fort, um einer notleidenden Familie Hilfe zu bringen oder einem Sterbenden mit Gebet und Trostworten beizustehen. Kam einmal ein seltener Leckerbissen auf ihren Tisch, so entzog sie ihn sich, um ihn irgend einem Armen oder Kranken zukommen zu lassen. »Die fromme Fürstin«, »die heiligmäßige Frau« hieß sie daher auch bei den Leuten von Angelmodde und in dem Armenviertel von Münster.

Im Sommer 1805 weilte die Fürstin mehrere Wochen in Vreden i. W., um die dortige Äbtissin, die ihr befreundete Gräfin Therese von Truchseß, in einer schweren Krankheit zu pflegen. Sobald die Gefahr überstanden schien, kehrte Fürstin Amalie nach Münster zurück, doch bald nach ihr traf dort die Nachricht vom Tode der Äbtissin ein. Die anstrengende Krankenpflege und die darauf folgende unerwartete Gemütserschütterung vermehrten die Schwäche und die Leiden der edeln Frau in besorgniserregender Weise. Zwar konnte sie noch mehrere Stunden des Tages außer Bett zubringen, doch fühlte sie sich nie mehr ganz frei von Schmerzen, die sie mit großer Geduld ertrug. Dr. Katerkamp erzählt aus jener Zeit den folgenden Beweis für den einfachen und mildtätigen Sinn der Fürstin: Man hatte ihr geraten, einen großen, weichen Teppich zu kaufen, um sich das Auf- und Niedergehen im Zimmer, die einzige Bewegung, die sie sich noch gestatten konnte, bequemer und weniger schmerzhaft zu machen. »Sie ließ einen gewöhnlichen aus Amsterdam verschreiben, aber durch Versehen des zum Ankauf Beauftragten wurde ein levantinischer geschickt, welcher zweckmäßiger, aber viel teurer als die gewöhnlichen war. Die Fürstin forderte durchaus, daß er wieder verkauft werden solle, um einen wohlfeileren anzuschaffen, damit der Überschuß zum Almosen gegeben werde. ›Es ist unrecht‹, sagte sie, ›daß ich mit Füßen trete, was eine arme Familie auf einige Zeit ernähren kann.‹ Zum Glück kam es nicht zu dem Verkaufe, denn es zeigte sich bald, daß die gewöhnlichen nicht weich genug wären, den beabsichtigten Zweck zu erreichen,«

Im Frühling des nächsten Jahres machte sich ein schneller Kräfteverfall bemerkbar, und seit dem 2. März konnte die Fürstin ihr Lager überhaupt nicht mehr verlassen. Die Niedergeschlagenheit aber, die sonst fast immer eine Folge ihrer Leiden gewesen war, blieb diesmal aus: in Gebet und fromme Betrachtungen versunken lag sie still da, lohnte jeden ihr erwiesenen Liebesdienst mit herzlichen Dankesworten und erklärte, es sei ihr unmöglich, Gott um Verminderung ihrer Beschwerden zu bitten, sie bitte ihn nur um Geduld. Overberg gestand, er könne sich nicht erinnern, ihr Antlitz je so heiter, ruhig, freudenvoll, so himmlisch schön gesehen zu haben, als oft in der Zeit ihrer letzten Krankheit inmitten der ärgsten Schmerzen. Gern ließ sie sich etwas Erbauliches vorlesen, aber selbst hierbei dachte sie noch mehr an andere als an sich selbst: sie wählte den Lesestoff so, daß er auch den jeweiligen Vorlesenden – Overberg, Prinzessin Mimi und Komtesse Amalie teilten sich in dieses Amt – interessieren oder ihm nützen mußte.

Die Leiden der Kranken wurden mit jedem Tage qualvoller. Wassersucht hatte sich eingestellt und als deren Folge Atemnot und entsetzliche Beängstigungen. Die Fürstin selbst erwartete täglich den Tod und wunderte sich jeden Morgen von neuem, daß sie das Tageslicht noch einmal begrüßen dürfe. Die Arzte, Medizinalrat von Druffel und Hofrat Forkenbeck, die beide sowohl ihrer Geschicklichkeit als ihres christlichen Sinnes wegen von der Fürstin sehr geschätzt wurden, machten kein Hehl daraus, daß Hilfe nicht mehr in ihrer Macht stand. Trotzdem empfing die Kranke sie stets mit Freundlichkeit und Dank und unterhielt sich eine kleine Weile aufs liebenswürdigste mit ihnen, wenn ihr Zustand es nur irgend gestattete. So war es auch am Abend des 26. April gewesen, und die Ärzte hatten sie sorglos verlassen, ohne sich für die Nacht auf etwas Schlimmes gefaßt zu machen. Gegen 12 Uhr aber wurde die Fürstin von heftigen innerlichen Schmerzen und atemraubender Angst befallen. Sie fühlte, daß sie vor dem letzten Kampfe stehe, und während sie sonst in ihren Leidensstunden so wenig Menschen wie möglich um sich sehen wollte, befahl sie diesmal, alle Hausgenossen zu wecken und im Krankenzimmer zu versammeln, damit sie von ihnen allen Abschied nehmen könne. Auch Dr. Druffel wurde schnell geholt. Bei seinem Eintritt fand er die Leidende auf einem Stuhle sitzend, gestützt auf eine vor ihr kniende Magd, geschwind und mühsam atmend und durch Schmerzenslaute unterbrochene Gebete flüsternd. Einmal sagte sie recht vernehmlich: »Ich segne« (einige der Umstehenden verstanden: ich sehe) »euch noch alle, meine Kinder«, und nannte dann die Namen ihrer vertrautesten Freunde. Der Arzt bat sie, einen Schluck Wein zur Stärkung zu nehmen; nachdem sie sich anfangs geweigert hatte, willigte sie mit den Worten ein: »Doch, ja! alles, was Sie wollen!« und nippte an dem Glase, das man ihr hinhielt. Als sie bald darauf etwas Erleichterung zu fühlen schien, fragte man sie, ob sie nun weniger leide. »Ich leide wie zuvor«, war ihre Antwort, »aber ich werde zu schwach, um den Schmerz ausdrücken zu können.« Dr. Druffel riet ihr, sich wieder ins Bett tragen zu lassen. »Ja«, meinte sie, »sagt mir nur, wo ich mich hinlegen soll, um recht bald zu sterben.« – »Sterben?« fragte Overberg mit sanftem Vorwurf, »wollen wir denn nicht leiden, solange Gott will?« Da erwiderte die Kranke mit dem Ausdruck freudigen Vertrauens: »O, das versteht sich! von ganzem Herzen gern!« Und sie überlegte selbst, wie man sie am leichtesten wieder ins Bett bringen könnte.

Inzwischen war Mitternacht vorübergegangen und der neue Tag war angebrochen. Es war der Sonntag Jubilate. Der Arzt bat Overberg, der schon bei Beginn der Krankheit die obrigkeitliche Bewilligung erwirkt hatte, im Nebenzimmer die heilige Messe zu lesen, sobald als irgend tunlich mit dem Gottesdienste zu beginnen, da man nicht wissen könne, wie lange die Sterbende bei Bewußtsein bleiben werde. Die heilige Ölung hatte sie schon auf ihren besondern Wunsch in der österlichen Zeit empfangen, so wie sie auch während ihrer ganzen Krankheit mehrmals wöchentlich kommuniziert hatte. Overberg folgte der Aufforderung des Doktors, blieb mit der Fürstin allein und hörte noch einmal ihre Beichte, wobei er, wie er selbst nachher äußerte, durch die Reue und Demut, mit denen sie schon oft gebeichtete Sünden nochmals bekannte, aufs tiefste ergriffen wurde. Während der heiligen Messe flüsterte die Sterbende wiederholt die Worte: »Geschwind, geschwind!« als fürchte sie, scheiden zu müssen, ohne den Leib des Herrn empfangen zu haben. Allmählich aber wurde sie ruhiger, faltete fromm die Hände und sprach zweimal leise, doch so, daß die neben ihr Knienden es deutlich verstehen konnten: »Du weißt es, daß ich nichts habe, als was ich von dir empfangen habe!« – Die heilige Messe war bis zur Kommunion des Priesters vorgeschritten. »Nun brachte ich ihr also«, erzählt Overberg in einem Bericht, den er für die Freunde der Fürstin niederschrieb, »zum letztenmal den Leib des Herrn, den sie mehrere hundertmal mit brennender Begierde und Liebe von meiner Hand empfangen hatte. Als sie von ihrer Tochter hörte, daß ich mit dem allerheiligsten Leibe käme, richtete sie sich, ihrer großen Schwäche ungeachtet, auf ihre Knie, faltete die Hände und sah die heilige Hostie mit einem Blick an, den ich nie vergessen werde: es war der Blick der Sehnsucht, der Liebe, der Demut, des Dankes und des Trostes, die ihr Herz gewöhnlich bei der heiligen Kommunion erfüllten, aber wohl noch nie so ganz als diesmal, da sie dem Ziele aller ihrer Wünsche, nämlich den zu schauen, den sie hier unter Brotsgestalt verborgen empfing, so nahe war.«

Nach der heiligen Kommunion verharrte die Fürstin einige Minuten in stiller Anbetung, dann richtete sie sich, von ihrer Tochter gestützt, im Bette auf, rief dreimal laut und sehnsüchtig den Namen des göttlichen Heilands, neigte den Kopf zur Seite und verschied. Prinzessin Mimi erkannte erst an den Tränen Dr. Druffels, der den Puls der Sterbenden fühlte, daß sie ihre Mutter verloren hatte, »die geliebteste, beste, trefflichste Mutter, jetzt unser Schutzengel bei Gott!« wie sie am selben Tage dem fernen Bruder schrieb. »Ihre zarte, große, liebevolle, heilige Seele ging über in die Hände ihres Geliebten, der in äußeren schrecklichen Leiden ihr innere namenlose Wonne gab«, meldete Graf Stolberg seinen Geschwistern, und Gräfin Sophie fügte einige Tage später hinzu: »Man mußte tief in diese liebevolle Seele, die alles vereinigte, was man bei andern einzeln findet, hineingeschaut haben, um zu wissen, was ihre Freunde an ihr verlieren. In diesem Leben sehen wir sie nicht mehr, aber solange ich lebe, werde ich mit ihr fortleben, mich jedes ihrer Worte zu erinnern suchen, immer besser zu verstehen, was sie war, ihren heiligen Wandel, was sie mir war als Mutter, als Freundin, als Vertraute jeder meiner Sorgen, meiner Empfindungen, in deren große, liebevolle Seele man alles hineinlegen konnte, in deren Umgang man alles fand, was die Erde zum Himmel macht.«

Einige Tage vor ihrem Tode hatte die Fürstin den Wunsch geäußert, auf dem Dorfkirchhof in Angelmodde begraben zu werden, »an dem Platz, wo man die Armen begräbt«. So wurde sie denn am 30. April von den Freunden hinausbegleitet und dicht bei dem bescheidenen Kirchlein, in dem sie so viele Stunden der Andacht verbracht hatte, zur letzten Ruhe gebettet. Ein einfaches, an die Kirchenmauer gelehntes Kruzifix schmückt die Stätte. In den Sockel des Kreuzes ist der Spruch Philipper 3, 8 eingegraben: »Ich achte alles für Schaden, gegen die alles übertreffende Erkenntnis Christi, und halte es für Kot, damit ich Christus gewinne«, und darunter die Worte: »So war gesinnet, so lebte die Mutter der Armen und Bedrängten, die Fürstin Amalia von Gallitzin, geborne Gräfin von Schmettau, deren Gebeine vor diesem Bilde in der Hoffnung ihrer glorreichen Auferstehung ruhen. Sie starb den 27. April 1806 im 58. Jahr ihres Alters. Bethe für sie.«

siehe Bildunterschrift

Kirche zu Angelmodde mit Grabmal der Fürstin Gallitzin.
(Phot. E. Alpers, Hannover)

Wie das Gedächtnis an die Verklärte in Angelmodde hochgehalten wurde, zeigt ein Brief Stolbergs an seine Schwägerin, der er von einem späteren Besuche in dem Dorfe berichtet: »Die guten Leute, bei denen sie zu wohnen pflegte, und andere erzählten mir viel von ihr. Diesem hatte sie Brot und Saatkorn angeschafft, jenes Kinder in der Schule freigehalten, hier die junge Hausfrau, die sie vor einigen Jahren ins Haus genommen und erzogen, ausgestattet, dort einer Familie ein Feld von 170 Reichstalern gekauft, überall Bibeln, Katechismen, andere gute Bücher verteilt, Hausrat gegeben usw. usw. Solange sie lebte, waltete der Geist ihrer Demut im Schweigen der guten Leute, aber izt wird ihr Dank desto lauter. Die Aussaat war still und das Korn verbarg die Erde; aber das Rufen der Ernte ist desto lauter. Immer findet man ihren Grabhügel mit Blumen und Blüten bestreut, und auch aus der Stadt kommen oft Leute hin, die sich an ihr Grab hinsetzen.« Und noch mehr als drei Jahrzehnte nach dem Tode der edeln Frau konnte Levin Schücking schreiben: »Wenn man die ältesten Leute des Ortes nach der, die da schlummert, fragt, sieht man eine Rührung die gebräunten Gesichter überschatten; sie erzählen dann von der kleinen, gebückten Frau, die so oft im schlichten Gewande von schwarzem Sammet unter sie getreten und die Mutter der Armen geworden.«

Keiner ihrer Freunde hat die Fürstin je, weder zu ihren Lebzeiten noch nach ihrem Tode, irgend eines Charakterfehlers beschuldigt, und selbst Personen, die ihre Überzeugungen und Ansichten nicht teilten und manches in ihrem Wesen zu tadeln oder zu bespötteln fanden, haben ihren Geist, ihre Herzensgüte, ihr »wahrhaft fürstliches Gemüt« anerkennen müssen. Ganz anders ist dagegen sie selbst in ihren Tagebüchern mit sich verfahren. Wer diese Aufzeichnungen lesen würde, ohne die Urteile der Zeitgenossen der Fürstin zu kennen, müßte die merkwürdige Frau für das Gegenteil von dem halten, was sie in Wirklichkeit war. Sie ist jeder Regung ihrer Seele, jedem ihrer Gedanken und Gefühle mit einer Gründlichkeit und Strenge nachgegangen, die an Selbstquälerei grenzen. Immer wieder lesen wir Klagen über ihre Ungeduld im Verkehr mit den Kindern, über ihr liebloses Verurteilen fremder Fehler, ihren Hochmut, ihre Selbstliebe, Empfindlichkeit usw., auch dann, wenn sie die Versuchung dazu gleich bei der ersten Regung siegreich zurückgeschlagen hatte. Ihre vermeintliche Schuld drückte sie so sehr, daß sie nicht eher Ruhe fand, als bis sie gebüßt hatte. Sie ging darin so weit, daß sie z. B. der Person, an die sie auch nur einen Augenblick lang unfreundlich gedacht hatte, diesen Gedanken gestand, um dann wegen desselben demütig um Verzeihung zu bitten. Hatte sie bei einem Lobe, das ihr von irgend einer Seite erteilt wurde, ein Gefühl von Genugtuung, von Eitelkeit gespürt, so strafte sie sich, indem sie dem Lobspendenden eine ihrer Schwächen bekannte, um ihm zu beweisen, daß sie schlechter sei, als er glaube.

Dieses förmliche Suchen nach eigenen Fehlern entsprang in erster Linie einem zu weitgehenden Vervollkommnungstrieb, den ihr schon Hamann vorgeworfen hatte, aber auch der mit ihren körperlichen Leiden zusammenhängenden Verzagtheit und Hypochondrie, die sich zeitweise in ihrem ganzen Wesen äußerte. Sagt doch einmal sogar die Gräfin Stolberg: »Es ist wirklich unmöglich, sich von dem immer regen Leben und Interesse ihres Umgangs einen Begriff zu machen, wenn man nicht selbst ein Zeuge davon gewesen, – und da muß man sie freilich in den Augenblicken sehen, wo ihr völlig wohl wird.« Daß sie es in jahrelangem Leiden gelernt hatte, schließlich auch der krankhaften Schwermut erfolgreich entgegenzutreten, hat sie auf ihrem letzten Schmerzenslager beweisen dürfen. Die Bitte, die sie im Jahre 1790 in ihr Tagebuch geschrieben hatte: »O Gott, stärke meine noch junge Neigung zu den Dornen, daß ich nimmermehr aufhöre, sie zu umfassen!« war herrlicher erfüllt worden, als sie je zu hoffen gewagt hatte. Und mag die Gewissenhaftigkeit, mit der sie auch die geringste Neigung zum Bösen aus ihrem Herzen zu tilgen suchte, ihr viele trübe Stunden bereitet haben, mögen die Selbstvorwürfe, mit denen sie sich zuweilen überschüttete, oft genug unverdient gewesen sein, – ohne diese sorgfältige Überwachung des eigenen Ich hätte sie schwerlich jemals eine so hohe Stufe christlicher Vollkommenheit erreicht, daß Overberg, der sie ja besser kannte als jeder andere, nach ihrem Tode sagen durfte: »Menschlicherweise zu urteilen, hat sie sogleich oder doch gar bald nach ihrer Auflösung dasjenige aus Erfahrung erkannt, was sie in ihrem Leben auf Erden so standhaft und fest glaubte, nämlich daß die Leiden dieser Zeit gar nicht zu achten sind im Vergleich mit der künftigen Herrlichkeit, die an uns soll offenbar werden, und daß unsere gegenwärtige (im Vergleich mit den ewigen Leiden und Freuden) leichte und kurze Trübsal uns eine über alle Maßen große und ewig dauernde Herrlichkeit verschafft.«

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