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Amalie Dietrich

Charitas Bischoff: Amalie Dietrich - Kapitel 9
Quellenangabe
typebiography
authorCharitas Bischoff
titleAmalie Dietrich
publisherG.Grote'sche Verlagsbuchhandlung
seriesGrote'sche Sammlung von Werken zeitgenössischer Schriftsteller
volumeSiebenundneunzigster Band
year1909
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
created20080319
projectid74f86c48
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9

Familie Dietrich

Am nächsten Abend kam Dietrich und legte wie gewöhnlich Bücher und Papiere vor sich hin. Mutter Cordel hatte einen Haufen Federn am andern Ende des Tisches aufgeschichtet, den sie und Gottlieb schleißen wollten. Das war eine ruhige Arbeit. Dabei konnten sich die Jungen ungestört unterhalten; und hatten die Alten Lust, so konnten sie zuhören.

»Ich fühle,« begann Dietrich, sich an Nelles wendend, »daß ich Ihnen einige Mitteilungen über mich selbst und meine Familie schuldig bin.«

›So,‹ dachte Vater Gottlieb, ›er findet doch wirklich, daß er uns etwas schuldig ist!‹

Malchen rückte ganz nahe an Dietrichs Seite und lauschte gespannt auf das, was er sagte.

»Liebes Malchen,« begann er, »wenn im Laufe meiner Erzählung allerlei vorkommt, was du noch nicht verstehst, so habe Geduld mit dir und mit mir. Ich kann mich vielleicht noch nicht so bald in deine Vorstellungsweise finden. Entweder frag', oder denke, daß durch Wiederholung des heute abend Erzählten dir später das volle Verständnis aufgehen wird. Heute,« – mit einem Blick auf Nelles, – »müßt ihr es alles so nehmen wie ich es euch biete: Ich heiße Wilhelm August Salomo Dietrich. Auf den Namen Salomo komme ich nachher noch zurück. Mein Vater war Advokat in Zwenkau bei Leipzig –«

Hier ließ Gottlieb die Hände ruhen und sah verwundert auf, hatte er nicht oft zu Malchen gesagt: »Denk nur nicht, daß ein Pfarrer oder etwa gar ein Advokate hier in die Niederstadt zu dir kommt!« Und nun geschah das Merkwürdige, – der Sohn eines wirklichen Advokaten kam und begehrte sein Kind! Schade, daß der Sohn nicht auch Advokat war!

Dietrich fuhr fort: »Ich verlor früh meine Mutter, und da ich ein zartes, kränkliches Kind war, gab mich mein Vater zu einer Tante nach Herrnhut, sie hieß Charitas, und diese Tante hat mir in jeder Beziehung die Mutter ersetzt. Mein Vater wünschte, daß ich Arzt werden möchte, und ich war damit einverstanden. Als ich noch nicht weit in meinen Studien vorgedrungen war, starb mein Vater, und man teilte mir mit, daß ich mein Studium aufgeben müßte, da mein Vater ganz mittellos verstorben sei. – Nach langen Beratungen ging ich in Bürgel in Thüringen in die Apothekerlehre, und als ich ausgelernt hatte, kam ich hierher zu Kleeberg.«

»Ja,« sagte Gottlieb, »war es denn nicht schade, daß Sie die schöne Stelle aufgaben? Ein Apotheker, – das läßt man sich gefallen.«

Über Dietrichs Gesicht flog ein Ausdruck von Ungeduld und Verstimmung, und er fuhr zögernd fort: »Wir haben in unsrer Familie eine eigentümliche Neigung, die sich bei einigen von uns zu einer Art Leidenschaft ausgebildet hat: es ist die Liebe zur Natur. Besonders das Pflanzenreich hat es uns angetan. Es ist den Dietrichs wunderbar damit gegangen. Nicht allen von uns ist diese Neigung zum Segen ausgeschlagen, der eine und andere hat über dieser Leidenschaft den eigentlichen Beruf versäumt und ist dadurch in Armut und Dürftigkeit gekommen. Wer aber keinen Nebenberuf hatte, sondern sich dem Dienste der Naturwissenschaften ungeteilt hingab, dem haben sie's auch gelohnt, nicht nur, daß er das höchste Glück in dem Berufe selbst fand, o nein, durch angestrengte Arbeit und Hingabe haben manche Hervorragendes geleistet und sind dadurch zu hohem Ansehen gekommen.

Nun, – auch mir liegt die Liebe zur Botanik sozusagen im Blute, und ich bin fest entschlossen, ihr ausschließlich zu dienen, deshalb habe ich auch den ›Apotheker‹ über Bord geworfen. Jeden Tag, den ich nicht in der Natur verbringe, halte ich für einen verlorenen. Ich erwarte dafür kein Verständnis von Ihnen! – Meine Neigung und mein Sammeltrieb hat sich, im Vergleich zu meinen Vorfahren, ganz bedeutend erweitert. Während sich das Interesse meiner Verwandten auf Botanik beschränkte, so habe ich mich auch dem Studium der Insekten, Amphibien, Steine, Muscheln, – na, kurz, aller Erscheinungen, die man in der Natur findet, – hingegeben. Ich halte auch Vorträge über Chemie und Physik, davon werden Sie ja gehört haben. – Mehrere meiner Verwandten haben botanische Sammlungen zusammengestellt und in den Handel gebracht. Das will auch ich tun, nur daß ich mich nicht, wie ich soeben erwähnte, auf Pflanzensammlungen allein beschränke. Wenn Malchen sich in meine Interessen hinein arbeitet, so wird sich ihr eine ungeahnte, reiche Welt erschließen! Aber merk dir: Wer will haben, der muß graben! Es gibt kaum einen Beruf, der so viel Entbehrungen einerseits und so viel Glück anderseits gewährt. Hör nur, was der große Linné selbst über diesen Beruf sagt« – und Dietrich schlug eins der dicken Bücher auf, die er mitgebracht hatte, wandte sich zu Malchen und las mit schwärmerischem Ausdruck: »Wenn irgendeine Wissenschaft, die ihren Verehrer auszeichnen soll, den Mut des Enthusiasmus, und das Ertragen von Mühe und Beschwerlichkeiten erfordert, so ist es die Botanik. Bei allen andern wissenschaftlichen Berufsarten kann ein Mann es zu einer Größe und Berühmtheit auch auf seinem Studierzimmer bringen und sich von da aus einen unsterblichen Namen erwerben. Nicht so der Botaniker und Naturforscher. Die Natur mit ihren vielen Merkwürdigkeiten und Geheimnissen will selbst an Ort und Stelle betrachtet sein. Ihr Dienst ist der mühsamste, so wie ihre Kenntnis die reizendste und angenehmste. Wohl kaum eine andere Wissenschaft hat eifrigere Liebhaber, keine so viele, die die Märtyrer ihrer Ergebenheit und ihres Studiums geworden sind.‹ – Daß auch von uns unbedingte Opferfreudigkeit und Hingabe an den Beruf gefordert wird, müssen wir uns immer sagen. Jetzt aber will ich dir einiges über meine Vorfahren erzählen! –

Im Jahre 1688 wanderte ein Salomo Dietrich als vertriebener mährischer Bruder von Böhmen nach Thüringen. Salomo ist der erste Dietrich, von dem wir etwas wissen. Damit die Familie ihn nicht vergißt, hat mein Vater mir den Namen mitgegeben. Salomo Dietrich brachte ein hübsches Stück Geld mit aus Böhmen und mit dieser Summe kaufte er sich in Ziegenhain bei Jena einen Bauernhof. – Salomo Dietrich wurde im Jahre 1711 ein Knabe geboren, den er Adam nannte. Bei den mährischen Brüdern war es Sitte, ihren Kindern biblische, besonders alttestamentliche Namen zu geben. Du findest hier in diesem Buche allerhand Mitteilungen über meine Verwandten, da triffst du außer Salomo und Adam auch einen David, Michael und Nathaniel. – Ich möchte dich bitten, dir besonders Adam und Gottlieb Dietrich zu merken. Adam Dietrich war der erste, bei dem das Interesse für die Botanik zum Ausdruck kam. Das ging so zu: Als Adam den Hof des Vaters übernommen hatte, wurde ihm von der Universität Jena der Auftrag erteilt, allwöchentlich die nötigen Pflanzen für die botanischen Vorlesungen zu besorgen. Bei Adam erwachte hierdurch das Interesse für die Pflanzen. Er ließ sich von den Professoren belehren, borgte sich Bücher, sammelte und preßte Pflanzen. Er brachte es durch Eifer und Begabung mit der Zeit zu einer gewissen Berühmtheit in der Botanik, und wurde allgemein der Ziegenhainer Botanicus genannt. Weitere Kreise wurden auf ihn aufmerksam und der größte Botaniker seiner Zeit, der berühmte Schwede Linné, setzte sich brieflich mit ihm in Verbindung. Diese Briefe sind der Stolz der Familie Dietrich. Einige Glieder der Familie blieben auf dem Lande, einige erhielten städtische Ausbildung, und zu den letzteren gehörte mein Vater. Wie sich aber äußerlich auch ihr Leben gestaltete, von Adam an saß allen Dietrichs die Liebe zur Botanik sozusagen im Blute, manche von uns hat sie aufwärts gebracht, und manchen ist sie zum Verderben geworden; sie haben darüber Haus und Hof oder ihren nächstliegenden Beruf versäumt. Du begreifst, daß ich dir heute lieber von denen erzähle, die der Botanik ihr Emporkommen verdanken. – Aber magst du auch mehr davon hören, oder soll ich die weitere Erzählung auf später verschieben?«

Adam Dietrich

Adam Dietrich

»O nein, erzähl' nur ja weiter! Was könnte uns lieber sein, als daß wir recht viel von deiner Familie erfahren!«

»Gut, wenn du für meine Familie Interesse hast, dann kannst du hier in diesem Buche weitere kurze Mitteilungen finden. Von den zweien aber, die wir nach unserer Hochzeit besuchen werden, will ich dir noch einiges erzählen. In Jena wohnt Doktor David Dietrich, er ist an der Universität Lehrer der Botanik. In seiner freien Zeit fertigt er Sammlungen an, grade wie ich es auch tue. Von meinem Onkel Gottlieb Dietrich in Eisenach ist sehr viel mehr zu erzählen, er hat ganz wunderbare Erlebnisse und Begegnungen gehabt. Er war ein außergewöhnlich gut begabter und hübscher Junge. Sein Großvater, der Botanicus, nahm sich des lebhaften Jungen in ganz besonderer Weise an, er unterrichtete ihn und wußte auch andere einflußreiche Herren für ihn zu interessieren. Der Pfarrer Wunder in Jena-Prießnitz, der Superintendent Öhmer und der Geheime Kirchenrat Dr. Griesbach nahmen sich seiner an und ermöglichten es, daß er in Jena das Gymnasium besuchen konnte.

Eines Tages, – er war im Jünglingsalter, – geht er hemdsärmlig durch die Wiesen und hat den Arm voll Pflanzen, da begegnen ihm zwei stattliche Herren, die fragen ihn, was er da für Blumen habe, und wundern sich, als Gottlieb jede Pflanze mit lateinischem Namen zu nennen weiß.

Nun gehen die drei eine Strecke miteinander, und dabei fragen sie Gottlieb nach seinen Verhältnissen. Endlich bleiben sie stehen, und der eine der Herren sagt zu Gottlieb: ›Du gefällst uns! Hättest du wohl Lust, die Flora von Karlsbad kennen zu lernen? Dann komm nur übermorgen nach Weimar in mein Haus, um uns von dort aus nach Karlsbad zu begleiten.‹

Der Herr bezeichnet die Wohnung und nennt seinen Namen.

Jubelnd lief Gottlieb davon, und zwar sofort nach Jena-Prießnitz; denn dieses freudige Ereignis mußte er vor allem seinem väterlichen Freunde, dem Pfarrer Wunder, mitteilen.

›Junge!‹ rief der erfreut, ›du sollst mal sehen, nun ist dein Glück gemacht! Zu Herrn v. Knebel sollst du kommen? Na, dann war der andere Herr Goethe!‹

Und der Pfarrer hatte recht. Alles kam, wie es verabredet war: im offenen Reisewagen fuhren die drei in die schöne, weite Welt. Wo sich seltene Pflanzen zeigten, da sprang Gottlieb vom Rücksitz, holte sie und nannte Namen, Klasse und Ordnung. Die beiden Herren hatten ihr Botanikbuch und verglichen Gottliebs Angaben mit dem Text im Buche. Als es bergauf ging, stiegen sie aus und wanderten. Auf dem Ochsenkopf angekommen, hielten sie Umschau. Alle drei waren gute Beobachter; da fiel ihnen sofort unterhalb des Berges eine Moorfläche auf, die einen wunderschönen purpurroten Schein verbreitete. Was konnte denn das sein? Interessiert stiegen sie hinunter, und Gottlieb, als Jüngster eifrig voran, pflückt eine der Blumen, die den ganzen Grund bedecken und ruft triumphierend: ›Es ist der Sonnentau, Drosera rotundifolia, der diesen schönen Schein verbreitet!‹

Goethe zieht sorgfältig die zusammengeklappten behaarten Blätter auseinander und findet Überreste von kleinen Insekten und spricht die Vermutung aus, daß die Blume das Insekt getötet und das Blut ausgesogen hat zur eignen Ernährung. So ist Goethe einer der ersten gewesen, der eine insektenfressende Pflanze beobachtete.«

»Was?« sagte Malchen, die Dietrichs Erzählung mit gespanntestem Interesse gefolgt war, »ist denn das wahr? Hatten diese schönen Pflanzen wirklich die kleinen Tiere aufgefressen? Können sie das denn?«

»Ja freilich können sie das. Spätere eingehende Beobachtungen haben Goethes Vermutungen bestätigt.«

»So schön waren sie, und dabei so hinterlistig! Ganz arglos sind die kleinen Dinger gewiß darauf gekrabbelt, und da finden sie einen so scheußlichen Tod!«

»Freilich sind sie schön, sieh sie dir mal an: hier ist das Bild. Einzeln wirken sie nicht so schön, aber du solltest mal einen so purpurnen Teppich sehen, was das für ein bezaubernder Anblick ist. Wart' nur, im Sommer zeig ich dir das alles. Ich sehe zu meiner großen Freude, daß du Interesse an diesen Dingen hast, da wirst auch du leicht alles lernen, was zu unserm Beruf gehört. Du hast ja ein gutes Gedächtnis, so daß du die lateinischen Namen, Klassen und Ordnungen behältst?«

»Versuch's nur mit mir! O, wie ich dir helfen will! Wie ich dir alles herbeiholen will; es soll mir nichts zu schwer sein. Sieh mal, ich habe ein Paar gesunde, starke Arme, und laufen und klettern kann ich; ich bin gar nicht schwindelig, und bange bin ich auch nicht!«

»Ja, wovor solltest du denn bange sein?«

»Na, viele fürchten sich doch vor Schlangen und Kröten.«

»Ach, dummes Zeug! Darüber bist du doch hinaus!«

»Was du tust, das tu' ich mit, durch dick und dünn!«

»Das erwarte ich von dir!«

»Aber bitte, erzähl' mir weiter von deinem Onkel Gottlieb.«

»Ja, ja! Der Onkel wird dir diese Sachen noch selbst erzählen, aber es ist gut, wenn du schon vorher etwas weißt. –

Die Reisenden kamen ohne weitere Zwischenfälle nach Karlsbad. Hier ging der Onkel schon vor Sonnenaufgang ins Gebirge, und nun lese ich dir lieber vor, was Goethe selbst über Gottlieb geschrieben hat: ›Reichliche Lektionen brachte er mir sodann an den Brunnen, ehe ich noch meinen Becher geleert hatte. Alle Mitgäste nahmen teil; die, welche sich dieser schönen Wissenschaft befleißigten, besonders. Sie sahen ihre Kenntnisse auf das anmutigste angeregt, wenn ein schmucker Landknabe im kurzen Westchen daherlief, große Bündel Kräuter und Blumen vorweisend, sie alle mit Namen, griechischen, lateinischen, barbarischen Ursprungs bezeichnend, ein Phänomen, das bei Männern und Frauen viel Anteil erregte.‹ Hier aber will ich nur kürzlich bemerken, daß der folgende Lebensgang des jungen Dietrich solchen Anfängen gleich blieb. Er schritt unermüdlich auf dieser Bahn weiter, so daß er, als Schriftsteller rühmlichst bekannt, mit der Doktorwürde geziert, den großherzoglichen Gärten in Eisenach bis jetzt mit Eifer und Fleiß vorsteht. – –«

Dietrich klappte jetzt den Band Goethe zu und sagte, während er das Bild einer Blume vor Amalie entfaltete: »Sieh dir mal diese Pflanze an, die ist nach meinem Onkel Gottlieb benannt, sie heißt › Dietrichia coccinea‹.«

Amalie sah das Blatt mit einer Art Ehrfurcht an und sagte: »Das ist gewiß eine große Ehre für deine Familie.«

»Ja, allerdings ist das eine Ehre, wir sind darauf ebenso stolz, wie wenn ein andrer einen Orden bekommt. Es ist mein geheimer Wunsch, daß auch ich einst etwas so Bedeutendes für die Wissenschaft leisten könnte, daß irgendeine neue Art auch einst meinen Namen tragen möchte. Der Name Dietrich hat in Gelehrtenkreisen einen guten Klang. Nun freue dich auf unsere Hochzeitsreise!«

»Vater, – Mutter, was sagt ihr nur, daß wir so weit hinaus reisen? Ganz nach Thüringen! Ja, ich freue mich!«

Mit dem Federschleißen waren die alten Nelles nicht weit gekommen, sie hatten mit Staunen den Erzählungen ihres Schwiegersohnes gelauscht.

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