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Amalie Dietrich

Charitas Bischoff: Amalie Dietrich - Kapitel 63
Quellenangabe
typebiography
authorCharitas Bischoff
titleAmalie Dietrich
publisherG.Grote'sche Verlagsbuchhandlung
seriesGrote'sche Sammlung von Werken zeitgenössischer Schriftsteller
volumeSiebenundneunzigster Band
year1909
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
created20080319
projectid74f86c48
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33

Die letzten Jahre

Nach der Heimkehr verlebte Amalie dreizehn Jahre im Hause Godeffroy. Sie arbeitete soviel sie mochte in dem Museum, von dem sie einen großen Teil zusammengetragen hatte. Als die Sammlungen später in den Besitz der Stadt übergingen, wurde sie am Botanischen Museum angestellt und von der Stadt besoldet.

Ihr Verkehr war sehr mannigfach. Sie war ein gern gesehener und wohl der originellste Gast in einigen der ersten Familien der Stadt, und sie war gut Freund in allen Apotheken. Aber auch in mancher Kellerwohnung und in manchem Hof ihres Stadtteils verkehrte sie freundschaftlich und hatte für alle Leiden einen guten Rat, einen bittern aber wohltuenden Trank oder ein scharfes Zugpflaster.

Immer wieder bedauerte sie, daß sie so wenig gelernt hätte. Wenn im Winter die Vorträge begannen, sah man die ärmlich gekleidete, alte Frau mit den verwitterten Zügen in der ersten Reihe der Zuhörer sitzen und mit leuchtenden Augen den Ausführungen lauschen. Sie war wohl einer der verständnisvollsten Zuhörer.

Nach Godeffroys Tode mußte sie die Wohnung am »Alten Wandrahm« verlassen und in ein einfaches, städtisches Stift ziehen. Sie hätte in ein vornehmeres Stift kommen können, aber sie fürchtete, daß sie mit ihrer Einfachheit und einigen Absonderlichkeiten, die sie im Busch angenommen hatte, nicht dahinein passen würde. Das kleine Vermögen, das sie sich in Australien zusammengespart hatte, verborgte sie in gutmütiger Weise und verlor alles. Als Charitas den Verlust bedauerte, sagte sie: »Es tut mir ja leid um deine Kinder. Ich werde auch so fertig. Das Leben nehme ich mir nicht um verlorenes Geld, das hab ich nicht einmal getan, als ich mein Glück verlor.«

Sie, die Weitgereiste war häuslich geworden, aber als sie einmal las, daß in Berlin ein Kongreß für Anthropologie stattfände, bei dem auch über Australien vorgetragen werden sollte, fuhr sie hinüber und ging gleich, die alte braune australische Ledertasche in der Hand, zur Versammlung und bat um Einlaß. Der Diener verweigerte es, weil Frauen ausgeschlossen waren. Da sie ihn immer wieder bat, sie doch in einem Winkel auf der Galerie zuhören zu lassen, ging er endlich zum Vorsitzenden, dem Geheimrat Neumeyer, und erzählte, wer da wäre. Da ging Neumeyer an die Tür, holte sie herein und führte sie durch die Reihen der Anwesenden. Er stellte sie dem Vorstand vor und sagte: »Frau Dietrich erbittet sich einen Platz in irgend einem Winkel; ich denke, ihr gebührt ein Ehrenplatz in dieser Versammlung.« Dicke Tränen rollten ihr bei diesen Worten über die gefurchten Wangen.

Wenn der Sommer kam, fuhr sie manchmal auf einige Tage nach dem einsamen Pastorat in Nordschleswig, in dem ihre Tochter lebte. Sie kam unangemeldet und ging von der letzten Poststation stundenlang gradeaus über Felder und Gräben auf den Kirchturm zu.

Den Tag über suchte sie in Feld und Heide, was sie interessierte. Nachmittags saß sie gern ein Stündchen beim Lehrer und redete mit ihm in ihrer anschaulichen Weise über Krankheit und Tod, Welt und Gott. Abends spielte sie mit ihrem Enkel, einem muntern Jungen; sie half ihm, sich in die Vala-Vala wickeln und befestigte in seinen blonden Locken den Kamm, den die Gouverneursfrau von Tongatabu ihr geschenkt hatte. Und wenn er in vollem Kriegsschmuck zwischen den Bäumen des Pastorats unter des Vaters Studierstube die wildesten Tänze der Papuas nachahmte, lachte sie, daß ihr die Tränen über das faltige Gesicht rollten.

Als sie 1891 ihre Tochter im neubezogenen Pastorat in Rendsburg besuchte, zog sie sich in der scharfen Märzluft eine Lungenentzündung zu. Während ihrer Krankheit phantasierte sie. Charitas hörte, wie sie nachts rief: »Wilhelm! was wir wurden, – das danken wir dir! – Hörst du, Charitas, du auch!«

Ruhig und gefaßt sprach sie von ihrem Tod: »Macht nur ja keine Umstände,« sagte sie. »Mit mir sind im Leben nie Umstände gemacht. Nimm ja keins von den neuen Laken, und den Sarg so billig es angeht. Pflanzt einen Efeu auf mein Grab, damit gut.«

Als sie schwer nach Luft rang, flüsterte sie: »Mutter! – Mutter! – Wer überwindet – Krone – des Lebens. – Nun darf ich doch – zu dir kommen!«

Der Tod glättete ihr die vielen Runzeln und Falten. Alle Kanten, Gegensätze und Schlacken verschwanden. Die ihr nahestanden, erkannten in dem edlen Gesicht die schlichte Größe der tapfern Kämpferin.

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