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Amalie Dietrich

Charitas Bischoff: Amalie Dietrich - Kapitel 58
Quellenangabe
typebiography
authorCharitas Bischoff
titleAmalie Dietrich
publisherG.Grote'sche Verlagsbuchhandlung
seriesGrote'sche Sammlung von Werken zeitgenössischer Schriftsteller
volumeSiebenundneunzigster Band
year1909
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
created20080319
projectid74f86c48
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28

Harpole-Hall, d. 3. Februar 1871. Northamptonshire.

Liebe Mutter!

Deinen Brief von Holborn Islands erhielt ich grade, als wir im Begriff waren hierher nach Harpole zu ziehen. Wäre Dein Brief früher eingetroffen, so hätte ich doch noch versucht, das Aquarium aufzusuchen. Mit den Kindern ging es nicht gut, die wollen Elefanten, Tiger und Löwen sehen. Liebe Mutter, gibt es denn nicht auch noch andere Dinge in der Welt, für die man sich interessieren kann, als die Fische der Südsee oder die Flora und Fauna von Australien? Das verspreche ich Dir gern, wenn ich wieder mal nach Hamburg komme, dann soll mein erster Gang ins Museum Godeffroy sein. –

Ich bin schon längst nicht mehr in London, sondern auf einem herrlichen Landsitz in Northamptonshire, wohin wir im August übersiedelten. Ich lerne jetzt also auch das englische Landleben kennen. Nach den lauten, anregenden, zum Teil aufregenden Zeiten in London ist die Ruhe und die Schönheit, die die Natur bietet, gradezu überwältigend. Das schöne Herrenhaus steht in einem herrlichen Park, sein Schmuck sind alte riesenhafte Bäume, wellenförmige, smaragdglänzende Rasenflächen, große, stille Teiche und rosenbewachsene Inseln. Soweit das Auge blickt, vornehme Schönheit!

Als wir durchs Tor fuhren, hatten sich die Kutscher, die Gärtner und das übrige Personal aufgestellt, um die Herrschaft ehrerbietig zu begrüßen. Das durchschauerte mich, und mir traten die Tränen in die Augen. Wenn mir schon so feierlich zumute war, wie mußten erst Buxtons fühlen, denen diese Huldigungen galten! Die Kinder jubelten über die Aussicht auf die fast ungebundene Freiheit, die ihnen winkte. Bei schönem Wetter wurden die Stunden im Freien gegeben. In lachendem, leuchtendem Sonnenschein hielten wir unsern Einzug. Ich könnte mir denken, daß diese schwellende Schönheit einem eine Gefahr zur Erschlaffung werden könnte. Die langen Spaziergänge, die ich täglich in London mit den Kindern machte, fallen ja hier weg, und dadurch gewinnt man eine Masse Zeit, zumal da ich auch hier einen Kindergarten habe. Die Kinder sollen sich am Nachmittag frei tummeln, ich beaufsichtige nur öfters ihre Gartenarbeiten. Ich habe hier viel Zeit zum Lesen, und da Mrs. Buxton eine sehr reichhaltige Bibliothek hat, so sitze ich oft bis spät in die Nacht und lese Englisch und Deutsch; Französisch schon mehr aus Pflichtgefühl, damit ich es nicht wieder vergesse. Als neulich Mrs. Buxton von einer Reise aus London zurückkam, brachte sie mir einen wunderhübschen roten Lederkasten mit, auf dem in Goldbuchstaben mein Name steht. Als ich ihn neugierig öffnete, sah ich auf zwölf Bände Shakespeare. Ich war so beschämt! Das für mich! Jeder Band in rotem, weichem Leder mit Goldschnitt. – Umgang haben wir nur mit den Pastorsleuten, die sind schon alt und sehr freundlich. Der Pastor ist trotz seiner vorgerückten Jahre eine imposante, aristokratische Erscheinung. Als ich ihnen als Deutsche vorgestellt wurde, zeigten sie großes Interesse, und Mr. Dundas sagte lebhaft: »In meiner Jugend habe ich mich viel mit der deutschen Sprache beschäftigt. Sie würden mir eine Freundlichkeit erweisen, wenn Sie meine eingerosteten Studien etwas aufpolieren möchten.«

Da Mrs. Buxton nichts dagegen einzuwenden hatte, so erklärte ich freudig meine Bereitwilligkeit. Nun kommt er zweimal wöchentlich am späten Nachmittag. Jetzt habe ich also zu meinen drei Kindern einen weißhaarigen Schüler. Mrs. Buxton erzählte mir, daß Mr. Dundas mit dem höchsten Adel zusammenhängt. Er ist der jüngste Sohn eines Earl, und Lord Fitz William, der ganz in unsrer Nähe sein Schloß hat, ist sein Onkel. Ich bin ein rechter Glückspilz, denn die größte Anregung und die meiste Förderung hat nicht der Pastor in den Stunden, die habe ich. Nach der Stunde, oder an den Abenden, wo ich im Pastorat verkehre, belehrt und unterrichtet er mich. Er gibt mir auch oft Zeitungen, die mich jetzt, des Krieges wegen, sehr interessieren. Er hält ein Blatt: The Scotsman, da lenkt er meine Aufmerksamkeit besonders auf Artikel, die ein Thomas Carlyle schreibt. Die Engländer sympathisieren im allgemeinen mehr mit Frankreich als mit Deutschland, aber Mr. Gundas und Carlyle sind durchaus auf unsrer Seite. Ich war neulich ganz stolz, als Mr. Dundas auf eine Stelle zeigte, wo Carlyle wie auf etwas ganz Besonderes darauf aufmerksam machte, wie in Deutschland die Bildung nicht nur bei den begüterten sondern auch bei den ärmsten Leuten zu finden sei. Das hinge damit zusammen, daß wir in Deutschland Schulzwang hätten. – Manchmal bin ich ganz verwundert über Mr. Dundas' Ansichten, und ich meine, es müsse zwischen einem englischen und einem deutschen Pastor doch Wohl ein großer Unterschied sein. Neulich fragte er mich, ob ich schon einmal einer Fuchsjagd beigewohnt habe. Ich verneinte; da sagte er, wenn nächstes Jahr die Jagdzeit käme, dürfe ich nicht versäumen mir diesen Anblick zu verschaffen, Mrs. Buxton würde uns gewiß sehr gern im Wagen folgen lassen. Es sei ein lustiger Anblick, an einem nebligen Herbstmorgen die vielen aufgeregten rotbefrackten Jäger hinter der Meute herjagen zu sehen. Ob wir denn das in Deutschland nicht hätten? – Ich sagte, ich glaubte nicht; meines Wissens würde bei uns der Fuchs geschossen, und ich hätte auch gehört, daß Bauern auf dem Lande ihm Fallen stellten, wenn er sich an Hühnern vergriffe. Mr. Dundas sprang ganz erregt auf und sagte: »Die das tun, müßten gehängt werden!«

Ach, und was ist mir neulich passiert? Darüber wirst Du ebenso lachen wie ich! Es sollte im Dorfe ein Wohltätigkeitskonzert stattfinden, und Mr. und Mrs. Dundas fragten mich, ob ich nicht meine Kräfte in den Dienst der guten Sache stellen wolle; ich erklärte, daß ich dazu außer stande sei. Sie wollten es nicht glauben und meinten ungefähr: »deutsch und musikalisch« sei ein und dasselbe. Ein Lied könne ich doch singen? sagten sie immer wieder, und die Frau Pastorin setzte sich ans Klavier, und ich mußte singen. Ich sang allerlei, denn sie hatten ein Buch mit deutschen Liedern, endlich kamen wir auf: »Was ist des Deutschen Vaterland!« Pastors erklärten einstimmig, das müsse es sein, und nun wurde geübt. Ich fand es furchtbar komisch und konnte das Lachen kaum lassen, aber ein paar Tage vor dem Konzert sah ich an den Häusern Zettel kleben mit Programm und Namen. Es machte Mrs. Buxton viel Spaß, und sie half mich schmücken für die große Tat.

Sowohl die Leute aus Harpole wie aus den umliegenden Dörfern hatten sich zusammengefunden, und herzklopfend sah ich in die vielköpfige Menge. Zu Anfang zitterte meine Stimme sehr, dann aber vergaß ich, wo ich war, und ich sang begeistert: »Das ganze Deutschland soll es sein! O Gott vom Himmel sieh darein, und gib uns echten deutschen Mut, daß wir es lieben, treu und gut.«

Wie kritiklos das Publikum war, kannst Du daraus sehen, daß ich es zweimal singen mußte. Mrs. Buxton war auch da, sie nahm mich vorher und nachher in die Arme und küßte mich. Der Gedanke an unsern Krieg hob mich über mich selbst hinaus. – Muß man als Deutsche denn nicht auch ganz begeistert sein, daß wir nun endlich ein einiges Deutsches Reich haben? Wie stolz schlug mein Herz, und wie bewegt war ich, als am 3. September die Nachricht hier eintraf, daß Napoleon kapituliert hatte. Nie werde ich den Augenblick vergessen, als ich das erfuhr. Buxtons gaben gerade eine Mittagsgesellschaft, es waren außer Pastors Freunde aus London geladen. Nach der Suppe kam das Mädchen herein und legte einen kleinen Zettel vor Mr. Buxtons Platz, der wirft einen Blick darauf und dann sieht er mich lange ernst und schweigend an. Die andern unterhielten sich und achteten nicht auf ihn, ich aber sah ihn an und wunderte mich, welche Beziehung der Zettel zu mir haben könnte. Da nahm Mr. Buxton sein Glas, schlug daran, und als alle verstummten und ihn erwartungsvoll ansahen, sagte er feierlich: »Napoleon hat bei Sedan kapituliert!«

Eine so wichtige, welterschütternde Kunde enthielt der kleine Zettel! Einen Moment allgemeines, tiefes Schweigen, dem eine große Erregung folgte. Mr. Dundas beglückwünschte mich sehr herzlich, die andern fragten, ob Verwandte von mir im Kriege seien. Als ich das verneinte, sprachen sie sehr ungeniert ihre Meinung aus; sie bedauerten Napoleon und die Franzosen. In diesem Augenblick tat es mir sehr leid, daß ich so fern von der Heimat war, daß ich nicht die allgemeine Freude teilen konnte.

Es fällt mir auf, wieviel religiöses Interesse in diesem kleinen, stillen Dorfe herrscht. Außer der Kirche ist hier noch eine Baptisten- und eine Methodistengemeinde. Wir gehen jeden Sonntag alle zur Kirche, auch von den Dienstboten gehen so viele, wie nur irgend entbehrt werden können.

Mr. Dundas hat über dem Talar ein weißes Meßgewand, was ihm in meinen Augen einen katholischen Anstrich gibt. Wenn er so ernst und würdevoll predigt, kann ich mir gar nicht vorstellen, wie der sich in einem roten Jagdfrack und mit weißledernen Beinkleidern ausnehmen mag. –

In der Kirche fühle ich mich immer sehr ergriffen, wenn die ganze Gemeinde kniet, wenn alle ihr Gesicht mit den Händen bedecken und wieder und wieder dumpf murmeln: »O Herr, erbarme dich unser!« Es macht in der kleinen alten Kirche einen viel tieferen Eindruck als in einer der Prachtkirchen Londons.

Der Sonntag stimmt mich immer sehr wehmütig, besonders jetzt im Winter, mir scheint, er lastet schwer auf uns allen. Selbst jede harmlose Fröhlichkeit, etwa das Singen eines Kinderliedes, wenn es nicht religiösen Inhalts ist, wird als ein Anrecht empfunden. An den Sonntagen hilft auch die schöne Umgebung nicht, ich fühle mich dann so wehmütig gestimmt, so einsam; ich habe eine solche Sehnsucht, wonach, das weiß ich selbst nicht, aber es kommt eine verzehrende Unruhe über mich, und unter dem Eindruck dieses Gefühls ging ich neulich zu den Methodisten.

Der Raum, in dem der Gottesdienst abgehalten wurde, ist nichts anderes als ein Schuppen. Auf roh gezimmerten Bänken, die auf einer Lehmdiele standen, saßen arme, alte Leute, die, noch ehe der Gottesdienst anfing, laut und schwer seufzten. Dann trat der Redner auf; er sah in der Kleidung ärmlich aus, trug keine Amtstracht, und als er zu sprechen anfing, merkte ich, daß er sehr schlechtes Englisch sprach. Trotzdem verstand er es, seine Zuhörer zu packen. Er knüpfte an unsere Sehnsucht an und gab ihr die Richtung nach dem himmlischen Jerusalem. Er schilderte die Stadt mit den goldenen Gassen so lebendig, ermahnte zu Mut und Ausdauer auf dem steilen Wege dahin, daß er die kleine Gemeinde in fieberhafte Erregung brachte, alle um mich herum schluchzten und stöhnten, und das wirkte so ansteckend, daß ich ebenfalls schluchzte. Es wurden wesleyanische Gesänge aus alten schadhaften Büchern gesungen, aber auch die Gesänge waren so drastisch, so gefühlvoll, daß man sich gar nicht wieder mit der Wirklichkeit zurecht fand. Nach beendetem Gottesdienst kam der Redner sehr freundlich auf mich zu, reichte mir die Hand, fragte wer ich sei, und wollte mir das Versprechen abnehmen, mich ständig zu dieser Gemeinschaft zu halten. Das Versprechen gab ich nicht, aber ich muß gestehen, es kostete mich große Überwindung fest zu bleiben, ich hatte stark mit zwei Mächten zu kämpfen, eine Stimme sagte: »Seid nüchtern und wachet!« Viel stärker aber zog mich mein ganzes Gefühl zu diesen schluchzenden, stöhnenden Leuten. Auch im Hause hat die Wirkung noch lange angehalten. Ich wollte aber doch davon loskommen und ging in die Bibliothek, um mir ein Buch zu holen, Mrs. Buxton hat es mir ein für allemal erlaubt. Mir fiel beim Suchen ein altmodisch gebundenes Buch in die Hände, es waren die Werke von Novalis. Wie eigentümlich hat mich dies Buch ergriffen, ich las bis tief in die Nacht hinein. Als ich an das Lied kam: »Oft muß ich bitter weinen,« da überwältigte es mich ganz, es paßte so ganz zu der Stimmung des Nachmittags. Immer weiter las ich, und wie seltsam berührte es mich, als ich hier in dem englischen Dorfe las, daß Novalis einst in Freiberg gewesen ist und in den dortigen Bergwerken gearbeitet hat. Wie der Stimme eines Freundes lauschte ich seinen poetischen Schilderungen des Bergmannslebens. Die ganze Vergangenheit wurde wach in mir. Ich sah mich plötzlich zwischen Freiberg und Siebenlehn. Wie sehnsüchtig hatten oft meine Blicke auf dem hochgelegenen Freiberg geruht, wie geheimnisvoll, wie verheißend hatten seine Türme gewinkt, besonders wenn sie im Abendrot von der scheidenden Sonne vergoldet wurden. Wie weit lag das hinter mir! Mir war, als hätte ich vor hundert Jahren schon einmal gelebt, und nun kam Novalis hier im fremden Lande und schob den Vorhang von der Vergangenheit, und Bilder und Stimmungen zogen an meiner Seele vorüber, und ich mußte dankend auf meinen Knien mit Novalis bekennen:

Was wär' ich ohne dich gewesen?
Was würd' ich ohne dich nicht sein?
Zu Furcht und Ängsten auserlesen,
Stand' ich in weiter Welt allein.
Nichts wüßt' ich sicher, was ich liebte,
Die Zukunft wär' ein dunkler Schlund.
Und wenn mein Herz sich tief betrübte.
Wem tät ich meine Sorge kund?

Mit diesen Gedanken und Empfindungen ging ich endlich zur Ruhe.

Die Methodisten haben mich aufgeregt, es war ganz gut, und ich bin sowohl ihnen wie Novalis dankbar, daß sie mich in die Tiefe geführt haben, aber zu ihnen halten will ich mich darum doch nicht.

Mit treuer Liebe
Deine Charitas.

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