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Amalie Dietrich

Charitas Bischoff: Amalie Dietrich - Kapitel 56
Quellenangabe
typebiography
authorCharitas Bischoff
titleAmalie Dietrich
publisherG.Grote'sche Verlagsbuchhandlung
seriesGrote'sche Sammlung von Werken zeitgenössischer Schriftsteller
volumeSiebenundneunzigster Band
year1909
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
created20080319
projectid74f86c48
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26

Bowen, d. 8. Oktober 1870.

Liebe Charitas!

Mit tiefer Bewegung habe ich Deinen Brief aus London gelesen. Du hast es so gut, da sei wachsam, und laß Dich nicht verwöhnen! Ich sehe aus Deinem Brief, daß Du Interesse für alle möglichen Dinge hast, aber mir scheint, gerade für Naturwissenschaft hast Du herzlich wenig. Es wird wohl Zeit, daß ich bald nach Hause komme und Dich einführe in die Wunderwelt, in der ich mich bewege. Du müßtest ja eine lebendige Leiche sein, wenn Dich nicht höchste Begeisterung ergriffe bei dem, was ich erlebe. Du schreibst mir von allem möglichen, ich habe aber nicht gehört, ob Du in London auch den zoologischen Garten besucht hast, ob Du im Aquarium warst. Du müßtest ja manches gesehen haben, was von hier hinüber gekommen ist. Ich weiß, daß sie in London den australischen Hund, den Dingo haben. Ich wollte ihn schicken, aber Godeffroys schreiben mir, daß sie ihn in London kaufen können.

Warst Du eigentlich im Aquarium? Ich denke: nein; sonst müßtest du doch ganz begeistert sein! – Und doch, was ein Aquarium bietet, kann Dir nur einen schwachen Begriff von dem geben, was ich hier erlebe. –

Von Bowen ging ich nach Port Denison und von da aus unternahm ich im Kanoe, begleitet von zwei Gehilfen, eine Exkursion nach den etwa 26 englischen Meilen entfernten »Holborn Islands«. Wir hatten uns für diese Tour besonders für den Fischfang ausgerüstet, aber selbstverständlich richtete ich mein Augenmerk auch auf alle übrigen Meereserzeugnisse. Was war das für eine paradiesisch schöne Fahrt! Die Worte fehlen mir. Dir ein Bild von dem zu geben, was ich hier schauen durfte.

Zwischen den Inseln und dem Festlande war das Wasser so still, so klar, daß es die erhöhten und bewaldeten Ufer des Festlands treu widerspiegelte. Über uns hatten wir einen klaren, blauen Himmel, und unter uns? – Ach, eine Welt, die mich in Bewunderung erschauern ließ! In eine Märchenwelt blickte das entzückte Auge. Üppige Tange, dunkel gefärbt, wechselten mit zarten, fein geformten Algen, deren Farben vom dunklen Braun bis zum zartesten Grün und Rosa wechselten. Ich habe von allen gesammelt, und ich habe mir vorgenommen, Dir nächstens von den Algen eine kleine Sammlung zu schicken. Da ich viele Dubletten von allem habe, so kann ich das ausnahmsweise mal tun. Sind diese kleinen, tannenförmigen, feinen Gewächse nicht bildschön? Und doch, alle diese Sammlungen geben nur einen armseligen Begriff von dieser Märchenpracht. Es gehört eben eins zum andern. Diese Pflanzenwelt ist belebt durch eine farben- und formenreiche Tierwelt. Neben den anmutig beweglichen Tangen und Algen stehen starr die schön geformten Korallen, da ist neben dem blendendsten Weiß das leuchtende Rot und das dunkle Violett. Und doch ist auch in diesen starren Formen Leben. Neben bunten Muscheln siehst Du drollige Seeigel, Seesterne, Seerosen, das Ganze belebt durch schwerfällige Krebse. Wie Geister der Unterwelt schweben große, durchsichtige Quallen daher, das Interessanteste sind aber die Fische!

O, die Fische solltest Du sehen! Dieser Reichtum an Formen und Farben! Ich hatte eine reiche Ausbeute. Es freut mich so, und es ist mir eine Beruhigung, daß Godeffroy die Fische nach der Natur malen läßt mit ihrer Farbe, wie sie sich hier zeigen, ich fürchte sonst, daß der Spiritus doch den Farbenzauber zerstört. Wenn man so von oben hinabsieht, scheint da unten paradiesischer Friede zu herrschen, aber so bald man tiefer eindringt und sich mit den einzelnen Individuen mehr abgibt, da wird man gewahr, daß da unten eine Raub- und Mordbande ihr Wesen treibt. Man sieht, daß auch hier unten gleichsam ein »Gut und Böse« miteinander im Kampfe ist. –

Ich habe hier einen rundlichen Haifisch gefangen, – sonst sind Haifische doch länglich, – dessen peitschenartiger Schwanz mit scharfen, spitzen Stacheln besetzt ist, mit diesem Schwanz schlitzt er den Fischen den Bauch auf und verschlingt sie. Aber auch andere plumpe, farblose Fische fing ich, die mich tückisch mit schiefem Maul aus boshaften Augen anzusehen schienen, ihre Flossen sahen aus wie Stummelfüße, und ihr dunkler Körper war wie mit Warzen und häßlichen Höckern und Stacheln besetzt. Wirklich widerliche, ekelhafte Ungeheuer waren dabei, und als ich sie so vor mir hatte, wanderten plötzlich meine Gedanken weit, weit weg, zurück in meine Jugend, in die Niederstadt, ich sehe die alte Krummbiegeln mit ihrer Hornbrille in unsrer Stube in der Niederstadt, und ich höre, wie sie sagt: »Molche und Drachen mußt de dorch de Welt schleppen, wenn de mit dem Mann zusammen kommst!«

Aber neben diesen häßlichen Kreaturen gibt es sowohl bildschöne, lichte, helle Fische, wie auch solche, die gleichsam den Humor vertreten, und über deren Aussehen ich oft laut lachen muß. Da kommt ein dicker, fast kugelrunder Kerl an, mit einem, vom Kopf bis zum Schwanz lächerlich dick geschwollenen Bauch, er sieht so korpulent und unbeholfen aus, aber die kleinen flügelartigen Flossen spreizt er kokett, als wollte er sagen: »Ich kann noch mit den Jüngsten!«

Viele haben ein breites, plumpes Maul, was ihnen ein sehr dummes Aussehen gibt, andere aber sehen ganz pfiffig und lustig aus, das sind die mit dem spitzen Maul, sie erinnern an Igel. Und diese Farben solltest Du sehen! Vom zartesten Gelb bis zum tiefsten Orange, vom leuchtenden Rosa bis zum dunklen Purpur. Da sind blau und gelb Gestreifte, schwarz oder goldig Gepunktete. Manche sehen aus, als hätte ihnen ein mutwilliges Kind auf ihr hübsches Festkleid häßliche, große Tintenkleckse gespritzt. Dann gibt es viele, die als extra Schmuck gleichsam mit langen, flatternden Bändern geziert sind. Meist gehen diese fadenartigen Bänder von den Flossen aus, bei manchen setzen sie aber schon am Kopf und bei noch andern am Schwanz ein. Manche haben am Unterkiefer einen stattlichen Schnurrbart, andere haben oben am Kopf ein schneidiges Horn, was gleichsam in einer feinen Feder endigt. Mit am wunderbarsten sind mir aber die erschienen, deren Oberkiefer in eine lange, starke Doppelsäge ausläuft. Diesen Sägefisch habe ich mehrfach gefangen, ich habe den ganzen Fisch, wie auch die Säge einzeln nach Hamburg geschickt. Wenn ich das herrliche Material einpacke, stelle ich mir immer vor, wie Herr Schmeltz alles im Museum aufstellt. Schade, daß man den schönen Tieren und Pflanzen nicht etwas von ihrem Drum und Dran mitgeben kann. Losgelöst aus der märchenhaften Umgebung kann alles nicht so wirken, wie es sollte. Wie wird mir sein, wenn ich Dir dann später alles selbst zeigen kann!

Für heute lebe wohl; und sei herzlich gegrüßt von
Deiner Mutter.

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