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Amalie Dietrich

Charitas Bischoff: Amalie Dietrich - Kapitel 54
Quellenangabe
typebiography
authorCharitas Bischoff
titleAmalie Dietrich
publisherG.Grote'sche Verlagsbuchhandlung
seriesGrote'sche Sammlung von Werken zeitgenössischer Schriftsteller
volumeSiebenundneunzigster Band
year1909
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
created20080319
projectid74f86c48
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24

Bowen, d. 20. September 1869.

Liebe Charitas!

Deinen Brief aus London habe ich mit sehr gemischten Gefühlen gelesen. Ich freue mich, daß Du glücklich in Deinem neuen Heim angekommen bist. Aber Deine Reiseerlebnisse haben mir doch viel zu denken gegeben. Wie konntest Du so leichtgläubig sein? Wenn fremde Menschen einem mit Vorschlägen kommen, so prüft man doch und verspricht nicht ins Blaue hinein. Wenn du jedem Ansinnen anderer gleich nachgeben willst, wirst Du im Leben noch schwere Erfahrungen machen. So trachte nun, daß Dein Herz fest werde! Über den Teil Deines Briefes, der Dir selbst wohl als der wichtigste erscheint, bin ich in Wahrheit recht erschrocken. Willst Du wohl Deine Gefühle im Zaum halten!! – So ein Kind wie Du bist, kommst eben aus dem Institut heraus, und da verlierst Du wahrhaftig sofort Dein Herz an den ersten Mann, der Dir entgegentritt. Ich habe solche Angst und Sorge um Dich! Was Du dir gleich einbildest! Was hat er denn gesagt? Was hat er denn geschrieben, das Dich im mindesten berechtigen könnte, Dich im Geiste mit ihm zu beschäftigen? Einen kühleren, sachlicheren Brief kann man doch schwerlich schreiben, aber Deine Phantasie baut wieder einmal Luftschlösser. Höchstens, daß Dich der Herr zum Briefschreiben auffordert, das ist der einzige Satz, der Dir eine kleine Berechtigung zum Nachdenken geben könnte. Ich rate Dir aber, laß seine goldene Feder in Ruhe, soweit sie Dich angeht. Das einzig Gescheite bei der ganzen Sache ist, daß Du den Brief im Koffer vergrubst, da wo er am tiefsten ist, da laß ihn nur ruhig liegen, das dicke Winterzeug wird seine eigentümliche Wirkung dämpfen. – Jetzt faß mal Deine Aufgabe ins Auge! – Wozu bist Du nach London gegangen? Doch wohl nicht in erster Linie, um da Dein Glück zu suchen, was doch so, wie Du Dir's ausmalst, in Wolkenkuckucksheim hängt. Man hat Dir doch gesagt, daß Du da Pflichten zu erfüllen hast. Mir schreibst Du sehr weise:

Wer andere wohl zu leiten strebt,
Muß fähig sein, viel zu entbehren!

Das präg' Dir doch recht ein!

Macht Dir denn Deine Aufgabe nicht Freude? Es ist doch eine ehrenvolle Aufgabe. Ich kann von mir sagen, mich macht mein Beruf ganz glücklich, ich kann mich so sehr freuen, wenn Godeffroy mir seine Zufriedenheit ausspricht, das ist mir jedesmal ein solcher Sporn, ich weiß dann gar nicht, was ich alles für ihn tun könnte. Je sicherer ich auf den verschiedenen Gebieten werde, desto reicher fühle ich mich. Du bist viel besser für Deinen Beruf vorbereitet als ich, daraus folgt, daß man mit Recht von Dir mehr verlangen kann, aber was tust Du statt dessen? Du träumst Dich in eine unwirkliche Welt. Wach' auf! Was wird Dir alles geboten! Das ganze große London! Brauchst Du nicht alle Deine Sinne, um mit Nutzen aus diesem reichen Strom zu schöpfen? Dein Geschick, Deine Zukunft überlaß Gott und der Zeit. Laß Dich nicht von jedem biegen, wie er will, sondern werde zielbewußt und treu in der Arbeit!

Seit sechs Wochen bin ich hier in Bowen, wo ich auch wieder viel mit den Eingeborenen zusammenkomme. Vor allem habe ich nun auch einen recht brauchbaren Gehilfen gefunden, einen Deutschen, der schon jahrelang in Australien lebt und sich daher auch ganz gut mit den Papuas verständigen kann. Dadurch ist es mir geglückt, hier recht viele Gebrauchsgegenstände einzutauschen. Schade, daß Du nun wohl so bald nicht wieder nach Hamburg kommst, wo Du sie sehen könntest.

Die Kultur dieses Stammes, wie überhaupt der Festlandbewohner, steht auf einer recht tiefen Stufe, und nur bei Herstellung ihrer Waffen und der Gegenstände, die zur Jagd und Fischerei dienen, zeigen die Papuas eine gewisse Geschicklichkeit. So habe ich hier z. B. Angelhaken aus Schildpatt bekommen und einige Wurfbretter, die sie benutzen, um den leichten Speeren größere Flugkraft zu verleihen. Die Papuas können nämlich keine Metalle verarbeiten, und daher bestehen all ihre Waffen entweder aus hartem Holz oder aus Stein. So habe ich hier auch mehrere Steinmesser eingetauscht, die aus dreikantigen grünlichen oder schwarzen Steinen hergestellt sind. Oft ist am Griff ein Stück Känguruhfell befestigt. Als Kitt benutzen die Papuas eine Art Baumharz, das mit Wachs und Honig verknetet wird und sehr gut hält.

Sehr geschickt zeigen sich die Eingeborenen beim Flechten von Körben. Hierzu verwenden sie gespaltene Zweige, meist die der Prokuratorpalme, die erst sorgfältig mit Muscheln und Steinen geglättet werden.

Du solltest nur einmal sehen, welch drolligen Eindruck es macht, wenn die Frauen bei aller Arbeit immer ihren Babykorb mit auf dem Rücken tragen. Als ich neulich eine schwarze Mutter anredete und mir ihr »piganini« zeigen lassen wollte, zog sie es einfach an den Füßen heraus, und das kleine Ding schien diese Behandlung durchaus nicht als etwas Ungewöhnliches zu empfinden. Herr Hesse sagte mir, daß ein Schwarzer nie sein Kind schlagen würde. Wenn die Kinder eben laufen können, so werden sie gleich sich selber überlassen, dafür sind dann aber auch die Erwachsenen noch ganz wie unerzogene Kinder.

Schon lange hatten Godeffroys geschrieben, ich möchte ihnen doch Skelette der Eingeborenen besorgen, das war aber für mich allein gar nicht so einfach. Kinderskelette allerdings konnte ich leicht bekommen, denn die Leichen der Kinder werden meist nur in einen hohlen Baum gesteckt, der mit rot und weißer Farbe bestrichen wird. Krieger dagegen werden sehr feierlich bestattet. Meist baut man auf zwei nahestehenden Bäumen oder auf einem eigens dafür hergerichteten, gabelförmigen Gestell ein breites Graslager, auf dem die Toten aufgebahrt werden und hier so lange liegen, bis die Sonne die Gebeine bleicht. Jetzt fürchten die Papuas, daß ihre Angehörigen ›weiße Männer‹ werden und als solche schwer arbeiten müssen, darum begraben sie sie nun in flachen Hügeln, häufig in Ameisenhaufen, vor deren Eingang sie dann einige große Steine legen, oder sie sammeln die Knochen und legen sie in einen hohlen Baum. Die Angehörigen knüpfen aus gelben Grashalmen eine lange Schnur, die sie sich mehrfach um den Hals winden als Zeichen der Trauer, und sie enthalten sich eine ganze Weile bestimmter Speisen, weil sie fürchten, daß sonst der Geist des Verstorbenen ihnen etwas zuleide tun könnte. Überhaupt ist die Geisterfurcht bei allen Wilden sehr stark ausgeprägt, deshalb werden auch oft den Verstorbenen die Beine zusammengebunden, damit sie nicht als Gespenster wiederkommen können.

Ich schicke nun mit diesem Schiff dreizehn Skelette und mehrere Schädel nach Hamburg. Hoffentlich werden Godeffroys damit zufrieden sein. Bei den männlichen Schädeln fehlt immer oben ein Vorderzahn; der wird nämlich mit vielen Zeremonien den Knaben ausgeschlagen, wenn sie ins Jünglingsalter treten.

Ich habe hier überhaupt wieder sehr reiches Material gewonnen. In den Wäldern findet man in dieser Gegend den »native bear«, ein sehr harmloses, niedliches Tierchen, das freilich nicht zur Familie der Bären gehört, sondern ein Beuteltier ist, aber durch sein tollpatschiges, plumpdrolliges Wesen an einen jungen Bären erinnert. Zu niedlich ist es, wenn das Junge groß genug ist, um den Beutel zu verlassen, so setzt es sich gewöhnlich auf den Rücken der Mutter, die ihr Kindchen auch ebenso geduldig auf den Buckel nimmt wie die schwarzen Mütter ihr piganini.

Aber wenn mich auch so ein harmloses Tierchen oft rührt, es hilft nichts, Godeffroys wollen es für die Sammlungen haben, da darf ich mein Gefühl nicht fragen.

Nun leb' wohl für heute. Tu auch Du freudig Deine Pflicht, und stell' Dir vor, daß es jetzt gar nicht mehr lange dauert, dann komme ich zurück, und dann hat für uns beide die Zeit des Entbehrens und Sehnens ein Ende. Daran hab' ich all die Jahre gedacht, darauf hoffe auch Du.

In treuer Liebe
Deine Mutter.

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