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Amalie Dietrich

Charitas Bischoff: Amalie Dietrich - Kapitel 5
Quellenangabe
typebiography
authorCharitas Bischoff
titleAmalie Dietrich
publisherG.Grote'sche Verlagsbuchhandlung
seriesGrote'sche Sammlung von Werken zeitgenössischer Schriftsteller
volumeSiebenundneunzigster Band
year1909
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
created20080319
projectid74f86c48
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5

Amaliens Traum

»Na Malchen, weil der Vater nicht zu Haus ist, habe ich dich mal in den hellen, lichten Tag schlafen lassen. Ich hab' derweile das Vieh beschickt, Ziege gemolken, Schwein, Gänse und Hühner gefüttert. Ich bin heute extra früh aufgestanden, ich hatte gar keine Ruhe mehr im Bett; immer mußte ich an den Karl denken! Wie halt' ich's nur aus, daß ich den Jungen in meinem ganzen Leben nicht wieder sehen soll! Und eine Griechisch-Katholische nimmt er sich! Ach Malchen, wie hätt' ich wohl denken können, daß ich so was an meinem Kinde erlebe! Was wird denn nun aus all den schönen Betten, die ich in Jahren aufgespart habe, wenn der Junge gar keine abkriegt! Wenn mal jemand da herunter reiste, da würde ich bitten und betteln, daß er sie ihm mitnähme. Wenn man nun in einer so großen Stadt wie in Freiberg wohnte, da könnte man wohl eher einen auffinden, und wenn ich's ins Wochenblättchen setzen lassen sollte. Die schönen Betten! Alle von selbstgeschlachteten Gänsen, und die Federn hat man selbst geschliffen, der Vater hat so treu dabei geholfen. Na, wenn's durchaus nicht anders ist, mußt du sie mal alle allein haben. Aber du bist ja wohl noch gar nicht wach, du hörst ja gar nicht zu! Wo sind denn deine Gedanken?«

»Ach Mutter, sei nur nicht böse, ich hab' freilich kaum zugehört, oder doch, ja, ich hab' gehört, daß du egal von Gänsen und Betten gesprochen hast und vom Karl, und ich war mit meinen Gedanken noch ganz bei meinem Traum, der war sonderbar, und ich habe so lebhaft geträumt, daß ich mich noch gar nicht zurechtfinden kann. Bleib nur noch ein bißchen sitzen, mein gutes Mutterchen, ich helf' dir nachher, da werden wir fix fertig; und ans Nähen brauch' ich heut nicht.«

»Hat der Vater denn nichts Zugeschnittenes zurückgelassen?«

»Nein, laß nur. – Wie schade, so deutlich und so merkwürdig war mein Traum. Aber ob ich ihn dir so erzählen kann? Ich weiß nicht, ob ich die Worte so setzen kann!«

»Du? Da ist mir nicht bange! Wenn du nur erst den Anfang hast.«

»Ja, ja,« sagte Amalie ernst sinnend, und fing dann zögernd an, überwand aber bald jede Scheu und Befangenheit und erzählte so lebendig, daß die Mutter ihr staunend folgte.

»Mir träumte, ich stand in einem großen, dunklen Raume. Weißt du, Mutter, ich habe einmal einen verlassenen Schacht gesehen. Nun so etwas war es, wo ich stand. Eine düstere Ebene, wo in weitem Umkreis nichts Grünes wuchs, nur taubes Geröll. Aber mir war kein blauer Himmel, sondern eine graue, kalte Steindecke; und ebenso graue Wände schlossen die Ebene ab. Von den Wänden tropfte trübes Wasser. Ich sah mich lange um, bis ich überhaupt das graue Gestein sehen konnte. Ich war nicht allein in diesem großen, unheimlichen Gewölbe, ich merkte, du warst gar nicht weit von mir; ich tastete nach dir, da preßtest du mich heftig an dich und ich fühlte, daß dein Gesicht naß von Tränen war. Als du sprachst, klang mir deine Stimme hohl und fremd; und ich verstand nicht, was du sagtest. Vor mir war ein großer Haufen Steine aufgerichtet, ich machte mich los von dir und tastete an dem Steinhaufen herum. Ich versuchte, ob ich nicht hinaufreichen könnte. Wenn ich mich auf die Zehen stellte, da ging es. Bei dem Tasten kam meine Hand an ein Gefäß, eine Schüssel oder Schale war es. Ich gab dir die Schale und sagte: ›Halt doch mal, ich muß sehen, was darin ist.‹ Ich tat einen Griff hinein und wurde gewahr, daß lauter Ringe darin waren. Ich ließ sie spielend durch die Finger gleiten, und obgleich ich nur schlecht sehen konnte, hatte ich die bestimmte Empfindung, daß sie alle schwarz und rostig waren. Ich schob dir das Gefäß zu, und da sah ich plötzlich, daß doch einer der Ringe blank war und im Dunkeln aufblitzte. Da suchte ich den heraus. O, die Freude über den glänzenden Ring! Ich steckte ihn an den Ringfinger der rechten Hand, hielt glücklich prüfend die Hand nach unten und sagte: ›Mutter! Sieh doch nur!‹ ... O, mir wurde so warm und wohl in dem kalten Gewölbe; und die Wärme und das belebende Gefühl ging von dem Ring aus. Übermütig bewegte ich die Hand auf und ab, und da –! Der Ring fiel in das Geröll. ›Ach mein Ring!‹ rief ich angstvoll, ›komm, Mutter, hilf mir doch suchen‹. Ich hörte keine Antwort von dir. War ich denn in dieser Einöde allein? Wo warst du denn? Ich tastete nach dir, ich rief dich, und da sah ich wie halb durch Nebelschleier freilich wieder eine Gestalt, aber du warst es nicht. Es war ein Kind, das deine Züge trug, es war blaß und traurig und schien in seinem dünnen Hemdchen zu frieren. Ich wollte immer näher heran an das Kind, aber ich konnte nicht. Was eigentlich zwischen uns war, das konnte ich nicht sehen, aber da es auf feuchten, spitzen Steinen zu stehen schien, rief ich heftig hinüber: ›Was stehst du da? Geh doch fort von da! Geh doch hinaus ins Freie, in den Sonnenschein! Geh, geh!‹ Ich wollte es fassen, aber es zerfloß, und meine Hände fühlten nur kalten, feuchten Nebel. Ach, wie konnte ich mich auch mit dem Kinde aufhalten. Ich mußte doch den Ring suchen. Ach wie hoffnungslos in dem dunklen Raume einen so kleinen Gegenstand zu suchen! Wie konnte ich ihn zwischen dem Geröll wohl wieder finden? Aber suchen mußte ich! O, ich fühlte einen solchen Eifer, eine so brennende Unruhe in mir. Ich achtete nicht darauf, daß ich mir an den spitzen Steinen die Hände blutig ritzte. Erschreckt fuhr ich oft zusammen, denn ich hatte beim Tasten ekles Gewürm berührt. Molche und Kröten sahen mit starren, verglasten Augen meinem Treiben zu. Ich aber ging gebückt und mußte suchen, immer, immer suchen! Und ich blieb immer in dem dunklen Raume, und ich kroch immer auf den glitschigen Steinen herum. Kniee und Rücken schmerzten, die Hände bluteten, aber es half nichts, ich suchte den Ring! Daß die Höhle gar keinen Ausgang hatte! Daß man gar kein Stückchen Himmel sah! – Müde richtete ich mich auf, – da war's mir, als würden die riesigen Steinwände auseinander geschoben und Licht – und Himmel winkten. Ich wankte dem Licht entgegen, und o, wie weit und hell wurde es! Und was sah ich alles! Als ich in die Schule ging, hat uns der Lehrer mal ein Bild gezeigt: Adam und Eva im Paradiese. So war das, was ich im Traume sah, hohe Palmen, große, bunte Vögel, in der Ferne Berge, Wasser, und auf dem Wasser Schiffe, und in dieser merkwürdig schönen Gegend liefen fremdartige Menschen herum, schwarz waren sie, so wie ich es in Reisebeschreibungen gelesen habe. Hier in dieser glühenden Sonne wanderte ich frei und glücklich umher, und ich wäre wohl noch da, wenn du mich nicht plötzlich gerufen hättest.«

»Na, dann war's in einer Weise ja gut, daß ich dem Wandern ein Ende machte. Aber Malchen, wie du erzählen kannst! Wenn ich nun ein Traumbuch hätte, könnten wir mal nachsehen. Der Ring?! – Hm. – Ach was sitzen wir hier und simulieren! Das Ganze kommt doch natürlich alles von der Krummbiegeln. Ich sag's dir noch mal, geh du ja nicht zu ihr. Ich geh' lieber gelegentlich mal hin, ich hab' ruhigeres Blut, mir macht ihr Reden keine bunten Träume. Aber wo denkst du hin! Sieh doch nur mal nach der Uhr. Mein schönes Frühaufstehen ist ganz drauf gegangen.«

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