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Amalie Dietrich

Charitas Bischoff: Amalie Dietrich - Kapitel 46
Quellenangabe
typebiography
authorCharitas Bischoff
titleAmalie Dietrich
publisherG.Grote'sche Verlagsbuchhandlung
seriesGrote'sche Sammlung von Werken zeitgenössischer Schriftsteller
volumeSiebenundneunzigster Band
year1909
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
created20080319
projectid74f86c48
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16

Wolfenbüttel, d. 5. 8. 1866.

Liebe Mutter!

Meine verschiedenen kurzen Briefe wirst Du erhalten haben, nun will ich mal wieder ausführlicher schreiben. Wie ich Dir schon sagte, geht es mir jetzt körperlich besser, und dadurch ist's auch mit dem Lernen leichter. Wirklich, ich hätte nie gedacht, daß auch für mich eine Zeit kommen könnte, wo ich mich sicher und ruhig in diesem Hause bewegen kann. Das tue ich jetzt. Die Schulglocke ist geradezu meine Stütze, mein Halt. Ich weiß jetzt genau, wohin ich gehöre, wenn sie durchs Haus schallt. Nichts kann regelmäßiger sein als unser Leben hier. Ich habe nun, da ich mitkann, viel Freude an allen Stunden. Oft borge ich mir von unsern Vorsteherinnen Bücher, die mich in der einen und andern Sache privatim noch weiter fördern und das Verständnis klären. Du solltest nur einmal hören, wenn Annette und ich Sonntags oder auf Spaziergängen uns stundenlang über das unterhalten, was wir in den Stunden gehabt haben. In der Geschichte der Pädagogik hatten wir Schleiermacher. Annette und ich lasen daraufhin sein Leben, viele seiner schönen Briefe und ein kleines Buch, seine Monologe. Wie schön drückt er alles aus! Wir sind über vieles ganz entzückt. Höre nur, wie schön: »In nahen Bahnen wandeln oft die Menschen und kommen doch nicht einer in des anderen Nähe; vergebens ruft der ahnungsreiche, den nach herzlicher Begegnung verlangt: es hört der andere nicht!« O, so ist es doch! So gern habe ich mich oft anschließen wollen, aber – »es hört der andere nicht.«

Annette und ich lesen auch in der Bibel und sprechen uns über das Gelesene aus. Wie gesagt, ich wachse hinein in die Anforderungen dieses Hauses, und sobald wir nur Herr über die Verhältnisse um uns werden, da kommt eine Leichtigkeit der äußeren und inneren Bewegung über uns. Ich sehne mich, das, was ich lerne, bald anzuwenden, und Henriette macht mir Hoffnung, daß ich in nicht allzu ferner Zeit unterrichten darf. Sie ist sehr unternehmend. In Wolfenbüttel hält sie Vorträge über Fröbel, und daraus hat sich ein Verein gebildet, der einen Kindergarten und eine Elementarklasse gründet. Sie hat das Wolfenbüttler Schloß für diese Zwecke überwiesen bekommen, und sobald ich so weit bin, darf ich mich da üben.

Augenblicklich freilich ist in der Stadt ein Stillstand, was diese Dinge anbetrifft, denn denke Dir nur, es ist Krieg zwischen Preußen und Österreich. Bei uns hier draußen geht freilich alles seinen gewohnten Gang, unser Unterricht erfährt keine Unterbrechung, wir hören nur bei Tisch, wie die Zeitungsberichte besprochen werden. Im Schloß, wo sonst die Kinder sind, liegen verwundete Krieger. In manchen Stunden: französische und englische Konversation, zupfen wir Scharpie. Wir mustern alle unsere Leib- und Bettwäsche, und was schadhaft ist, wird den Kriegern geopfert.

Für heute lebe wohl, und sei herzlich gegrüßt von
Deiner Charitas.

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