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Amalie Dietrich

Charitas Bischoff: Amalie Dietrich - Kapitel 41
Quellenangabe
typebiography
authorCharitas Bischoff
titleAmalie Dietrich
publisherG.Grote'sche Verlagsbuchhandlung
seriesGrote'sche Sammlung von Werken zeitgenössischer Schriftsteller
volumeSiebenundneunzigster Band
year1909
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
created20080319
projectid74f86c48
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11

Wolfenbüttel, 2. 5. 1865.

Meine liebe Mutter!

Seit Ostern bin ich hier! Der Abschied von Fräulein Trabert wurde mir sehr schwer. Ihre letzten Worte waren: »Na, mein Charichen, nun sei hübsch fleißig, daß du bald fertig wirst, und dann komm! Wir wollen ein frohes Wiedersehen feiern, so Gott will! Wenn du kommst, back' ich Kuchen!« ›Ach‹, dachte ich, ›wenn's nur erst so weit wär'!‹

Mein äußerer Mensch wurde einer gründlichen Veränderung unterzogen. In Eisenach lief ich noch immer in meinem kurzen schottischen Kleidchen herum. Ich machte wenig Umstände mit meiner Kleidung, aber das wurde nun alles anders! Ich bekam eine große Krinoline, ein langes Schleppkleid, einen Kapothut und eine umfangreiche Beduine. Fräulein Trabert gab mir eine Menge Verhaltungsmaßregeln, sie sagte, ich habe mich nun zu benehmen wie ein erwachsener Mensch, ich müsse nun auch ja immer daran denken, Handschuhe anzuziehen, wenn ich ausginge; bei ihr hätte ich es immer vergessen.

Dieser viele neue Kleiderkram war mir sehr ungemütlich. Alles war mir zu groß und zu weit, und wenn ich an dem einen Ende raffte, so schleppte es am andern, und ging ich nicht ganz sittsam, so machte mir die dumme Krinoline zu schaffen.

Dann kam der schwere Abschied von Fräulein Trabert. O, wie schwer mir der wurde! ›Aber,‹ so sagte ich mir, ›bald komme ich wieder!‹ Dann dampfte ich dem neuen Heim entgegen. Erst am Nachmittag kam ich in Wolfenbüttel an. Der stille Bahnhof war bald übersehen. Ein Bahnbeamter mit nur einem Arme fragte mich, ob ich vielleicht ins Institut wolle? Ja, das wollte ich. Da winkte er einen Jungen heran, dem gab ich meine Hutschachtel. »Die Sachen,« sagte der Beamte, »kommen gelegentlich mit anderen Koffern hinaus, jetzt kommen mehr Neue, da ist leicht Gelegenheit.«

Nun ging ich an der Seite des schweigsamen Jungen durch die stille Stadt. Wir kamen an hübschen Landhäusern und an vielen schönen Gärten vorbei, bis wir vor einer hohen Holzplanke halt machten.

»Hier is es!« sagte der Junge.

›So, hier ist es!‹ dachte ich aufseufzend, verabschiedete den Jungen und ging klopfenden Herzens durch die Pforte. In einem schönen, großen Garten, der im Hintergrunde mit einem Wald abschließt, liegt ein langes, einstöckiges Haus, das dicht mit Wein bewachsen ist.

Vor dem Hause, der Straße zugekehrt, stehen mehrere schlanke Birken. Über Wald und Garten schimmerte das erste junge Grün. Ich öffnete die Haustür und befand mich in einer geräumigen Vordiele, wo ein langer Tisch gedeckt war. Von der Tür aus hatte ich einen Blick in einen noch größeren Raum, wo in Hufeisenform wieder gedeckte Tische standen. Junge Mädchen, die weiße Schürzen vor hatten, gingen geschäftig ab und zu. Ich stand in großer Verlegenheit. – – Sollte ich eins der jungen Mädchen anreden, oder sollte ich an der Klingel ziehen, die links am Eingang angebracht war?

Nein, das Warten half nichts, sie waren so beschäftigt, es sah mich keine, da zog ich zaghaft und leise an der Klingel. Sofort standen alle still und sahen überrascht nach mir hin. – Eine trat zu mir und fragte, was ich wünschte.

»Ich möchte zu Fräulein Heimreich,« stotterte ich.

Als sie sich fragend umsah, riefen mehrere: »Im Mittelzimmer!«

Wir gingen nun eine Treppe hinauf, hier öffnete das junge Mädchen eine Tür, und ich trat in einen sehr behaglichen Raum, in dem eine Dame am Tisch stand und mit Büchern hantierte. Das junge Mädchen schloß die Tür, und ich war mit der Dame allein. Ja, wenn ich nun nur Worte fände, sie Dir zu schildern. Wie eine Fürstin stand sie da am Tisch. Sie ist groß und schlank, alles an ihr ist einfach aber vornehm. Reiches, aschblondes Haar umrahmt das kluge und geistreiche Gesicht, das sie jetzt mit fragend erstauntem Blick mir zukehrte. Wie klein und wie unbeholfen fühlte ich mich dieser würdevollen Erscheinung gegenüber. Bei ihr war alles, wie es sein mußte, kein Zuviel und kein Zuwenig; das dunkle Kleid fiel in weichen, schönen Linien um die hohe Gestalt. Ich war so versunken in diesen Anblick, daß mich erst die Frage aufschreckte: »Was wünschen Sie?«

Ich fuhr zusammen. – Was ich wünschte? Ach, wie sollte, wie konnte ich das wohl in einem Augenblick in Worte fassen? Ich sah hilflos zu der imposanten Dame hinüber und raffte mich endlich zu der Antwort auf: »Ich möchte Fräulein Heimreich sprechen.«

»Das bin ich! – – Und wer sind Sie?«

»Ich – ich bin Charitas Dietrich,« stotterte ich.

»Ach? –! Charitas Dietrich?« Mir schien, ein Ausdruck von Enttäuschung glitt über das ausdrucksvolle Gesicht mir gegenüber, dann aber trat sie auf mich zu, bot mir die Hand, – ich mußte erst die Hutschachtel hinsetzen, – und sagte: »Wir nennen einander hier alle ›du‹. Ich wußte nicht, daß du jetzt ankamst, sonst wärest du abgeholt worden. Aber jetzt komm mit mir, ich werde dir drüben im Schlafsaal deine Zelle anweisen. Ich bin Henriette. Meine Geschwister wirst du bald kennen lernen.« Sprache und Tonfall hatten etwas Getragenes, eine gewisse Würde und Feierlichkeit, die wohl zu der Erscheinung, aber kaum zu dem gleichgültigen Inhalt der Worte paßten. Und dann! – Ich mußte mich doch wohl verhört haben; daß wir »du« genannt wurden, war natürlich und selbstverständlich, daß aber auch wir die Damen »du« nennen würden, das war wohl ein Mißverständnis. Wie im Traum folgte ich meiner königlichen Führerin. Der große Schlafsaal war durch Leinwandwände in viele kleine Zellen eingeteilt. In der Nebenzelle hatte ein junges Mädchen den Vorhang zum Eingang zurückgeschlagen, so daß wir sahen, wie sie sich vorm Spiegel die braunen Locken ordnete.

»Annette,« sagte Fräulein Heimreich, »dies ist Charitas Dietrich. Willst du ihr ein bißchen zurecht helfen?«

Das junge Mädchen trat in meine Zelle und sagte, nachdem sich hinter Fräulein Heimreich die Tür geschlossen hatte: »Nun mach dich schnell fertig, es wird gleich zu Tisch klingeln!«

Zitternd, eilig machte ich mich zurecht. Annette wartete auf mich, und dann gingen wir hinunter, über die große Diele in den noch viel größeren Eßsaal.

»Habt ihr schon für Charitas Dietrich gedeckt?« fragte Annette.

»Ja,« rief eins der jungen Mädchen, »sie sitzt hier neben Mademoiselle.« Dabei lachte sie schelmisch.

»Na! – Warum denn nun grade neben Mademoiselle?« sagte Annette mit einem leichten Vorwurf.

Und nun strömten sie herein die vielen, vielen fremden Menschen! Würde ich wohl jemals so weit kommen, diese vielen auch nur mit Namen kennen zu lernen? Würde wohl je eine Zeit kommen, in der ich mich ebenso sicher und unbefangen in diesen großen Räumen bewegen würde, wie jetzt alle die anderen? – Von einem Herrn wurde das Tischgebet gesprochen. Ich sagte mir, das würde der Bruder von Henriette sein, den Frau Doktor in Würzburg erwähnt hatte. Eine ältere Dame mit einem jungen Mädchen saß zwischen den Geschwistern; aus der Unterhaltung merkte ich, daß es eine Mutter war, die ihre Tochter hierher brachte. Ob das junge Mädchen wohl ahnte, wie unaussprechlich gut sie es hatte, daß sie von ihrer Mutter gebracht wurde? Während ich noch in meine Träumereien versunken war, wurde ich plötzlich von meiner Nachbarin, – einer nicht mehr jungen Dame, – auf französisch angeredet. Mein Schreck war so groß, daß ich mich nur hilflos umsah, und nun erst merkte ich, daß alle jungen Mädchen an diesem Tisch französisch sprachen. – Gewiß, ich hatte französisch gehabt, hatte aus dem Plötz Übersetzungen geschrieben, Verben und Vokabeln gelernt, aber ich konnte weder sprechen noch verstehen. Ich stotterte verlegen und freute mich, als endlich die Tafel aufgehoben wurde. Alle jungen Mädchen gingen in den Garten, ich auch. Aber da war auch wieder Mademoiselle, und sie blieb mir treu, so unbequem mir das auch war. Nur zuletzt traf ich noch mit Annette zusammen. Ich fragte sie, weshalb wohl Fräulein Heimreich so enttäuscht ausgesehen hätte, als sie hörte, wer ich sei? – Annettes Blick glitt prüfend über meine Gestalt, dann sagte sie zögernd: »Ich weiß es nicht, aber ich könnte mir denken, daß sie sich unter einer ›Charitas‹ etwas sehr anderes vorgestellt hat, als was du bist. Der Name macht gewisse Ansprüche.«

Damit verließ sie mich. Im Bett grübelte ich lange. Der Name macht Ansprüche! Ach, sollte man hier überhaupt Ansprüche machen, die ich vielleicht nie erfüllen würde, – nie erfüllen könnte? Alles ist zu groß, zu weit, grade wie meine neue Kleidung. Werde ich je hineinwachsen? Ach, wieviel übersichtlicher und leichter war es in Eisenach! – Mit schmerzlichem Heimweh weinte ich mich in Schlaf.

9. 5.

Am nächsten Morgen bekam ich meinen Stundenplan. Ach, ich hatte mir eingebildet, ich hätte viel zu tun in Eisenach; das ist ja aber gar nichts gewesen, im Vergleich zu dem, was ich hier zu tun bekomme.

Schon am ersten Tage hatten wir mehrere Stunden bei Fräulein Heimreich.

Mutter, so habe ich noch niemanden sprechen hören! Ich saß dicht bei ihr, aber ich rückte unwillkürlich immer näher zu ihr heran, damit mir nur ja kein Wort verloren ging. Ich hätte immer hören mögen. Aber welche Anforderungen! Was verlangt sie in Bezug auf unsere Erziehung von uns selbst! Als Motto für unsern künftigen Beruf gibt sie uns das Wort Goethes mit auf den Weg:

Der kann sich manchen Wunsch gewähren,
Der kalt sich selbst und seinem Willen lebt,
Allein wer andre wohl zu leiten strebt,
Muß fähig sein, viel zu entbehren.

In ihren Stunden reihen sich große und gute Gedanken in herrlicher Form aneinander, und solange ich mich dem Zauber dieser Rede hingeben kann, fühle ich mich wie in eine höhere, bessere Welt gehoben. Glaube aber nicht, daß das so bleibt! – Plötzlich ertönt die Klingel, die Stunde ist aus, und damit wird man jäh auf die Erde gestellt, und dann fühle ich, wie armselig ich bin. »Vermittelung der Gegensätze!« hört man vielfach in den Stunden. Wenn Fräulein Heimreich sich erhebt und von uns verlangt, wir sollen das Gehörte schriftlich wiedergeben, so habe ich nur das entmutigende Gefühl, daß ich überall auf Gegensätze stoße. Henriette – und ich – welche Gegensätze, mein Wollen und mein Können! Gegensätze! Gegensätze! Werde ich je die Vermittelung finden? Äußerliches soll innerlich und das Innerliche soll wieder äußerlich gestaltet werden. Ach, wie stümperhaft fallen meine Versuche aus. Bei Herrn Heimreich haben wir Aufsatzstunde. Das erste Thema war: »Der Frühling, ein Bild der Jugend.« Alles wird besprochen, und wir bekommen die Disposition. Grade jetzt grünt und blüht alles. Die Fenster stehen offen und Bäume und Sträucher senden ihren Duft in die Lehrsäle. Beim Schreiben des Aufsatzes verlor ich mich in Träumereien. Gleicht mein Leben, meine Jugend, dieser Blütenpracht da draußen? Ich fühlte mich einsam. Ich mußte weinen. Nichts Gescheites kam auf das Papier. Das Zeugnis war dementsprechend: »Die Arbeit ist verfehlt.«

Verfehlt! Mein Blick ruht auf dem Wort. Wird es so bleiben? Wird mein Aufenthalt hier ein verfehlter werden? Werde ich nur träumerisch genießend aufnehmen, nichts um- und aus mir heraus schaffen können? Überall fühle ich Lücken, überall fehlt etwas, was hier als selbstverständlich vorausgesetzt wird. Das macht mich mutlos und verzagt. Die anderen gehen so sicher und glücklich ihren Weg, aber überall ist bei mir ein Mißverhältnis. Trotz der vielen Menschen, zwischen denen ich lebe, fühle ich mich recht einsam. Ich sehne mich immer so! Ich sehne mich, daß mich jemand recht lieb hat. Die mich lieb haben, sind so weit weg! Könnte ich zu Dir, oder nach Eisenach. –

Sei bitte nicht böse, daß ich wieder über meine Gefühle spreche, aber gegen wen soll ich mich denn aussprechen?

Wünsche mir, daß ich hier glücklich durchkomme.

Für heute lebe wohl! In treuer Liebe

Deine
Charitas.

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