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Amalie Dietrich

Charitas Bischoff: Amalie Dietrich - Kapitel 37
Quellenangabe
typebiography
authorCharitas Bischoff
titleAmalie Dietrich
publisherG.Grote'sche Verlagsbuchhandlung
seriesGrote'sche Sammlung von Werken zeitgenössischer Schriftsteller
volumeSiebenundneunzigster Band
year1909
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
created20080319
projectid74f86c48
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7

Rockhampton, d. 12. 10. 64.

Liebe Charitas!

Du magst Dich gewundert haben, daß Du so lange gar nichts von mir gehört hast, aber denke Dir, ich bin sechs Wochen sehr krank an Wechselfieber gewesen, und kaum habe ich mich davon etwas erholt, da brennt mir hier mein Häuschen auf!

Ja, woher ich die Krankheit hatte, das weiß ich ganz genau, wie aber das Feuer entstanden ist, das bleibt mir ein Rätsel!

Hier in der Ansiedelung sagen sie, das hätten die Eingeborenen getan, das glaube ich aber nicht; ich halte sie nicht für bösartig, nur für ungezogen und unerzogen. Ich lasse nichts auf die Wilden kommen, sie haben mir neulich das Leben gerettet.

Wie das alles kam, sollst Du gleich hören.

Was den Brand anbetrifft, so konnte ich leider nichts retten als das nackte Leben. So ein Häuschen aus Bambusstäben, gedeckt mit Palmenblättern, das ist ja im Nu niedergebrannt. Die Spirituspräparate gaben der Flamme neue Nahrung. Ich war nach der Krankheit noch sehr schwach, und nun kam der große Schreck und Kummer dazu. Ich verlor alle Besinnung. Ach, alles ist zerstört! Das viele Papier für die Herbarien und der teure Spiritus!

Vor meiner Krankheit hatte ich schon wieder soviel schöne Sammlungen zusammen, daß ich damals an baldiges Abschicken dachte. Hätte ich es doch nur getan! Ich sorg' mich so, was Godeffroys sagen. Wenn sie nun das Vertrauen verlieren? Wenn sie mich nun zurückrufen? Ach dieses letzte Unglück hat mich wieder ganz zurückgebracht! Ich bin schreckhaft, matt, zittrig in den Beinen, so daß ich, wie ich jetzt bin, gar nicht arbeiten könnte, selbst wenn ich schon Material hätte.

Ich bin also vorläufig heimatlos. Die deutsche Squatterfamilie hat mich erst mal bei sich aufgenommen, ich fühle mich sehr unglücklich und niedergeschlagen. Ich sitze faul herum. Weit gehen kann ich noch nicht. Ohne Spiritus und Papier kann ich ja nichts tun; und die Tiere so lange lebendig um mich haben, bis ich wieder in Ordnung bin, das geht auch nicht, solche Leute haben ja kein Verständnis für meine Interessen; sie mögen es nicht, daß ich Schlangen und Eidechsen in der Stube habe. Kann ich auch wohl eigentlich nicht verlangen, muß froh sein, daß sie mich dulden.

Ach, ich bin furchtbar ungeduldig! Es quält mich Tag und Nacht, daß ich nichts von Godeffroys hören kann. Ich empfinde diesen langen Stillstand in meiner Tätigkeit als ein schweres Schicksal. –

Mit der Krankheit aber kam es so: Ich machte eines Tages eine weite Tour hinaus in die ungeheuren plains, wo Tausende von Schafen und Rindern weiden.

Der Eindruck ist eigentümlich: weite Ebenen dehnen sich in unabsehbare Fernen, hie und da wird die Einförmigkeit durch Riesenbäume unterbrochen, auf denen sich oft wieder Schmarotzer eingenistet haben, deren Wurzeln von schwindelnder Höhe herab wie ein Gewirr von dicken Stricken herunterhängen. Diese baumartigen Schmarotzer krallen sich in der Krone fest und saugen ihrem Wirt Mark und Leben aus, bis er schließlich daran zugrunde geht. Das ist ein trauriger Anblick. Stundenlang kann man durch diese plains wandern, ohne andere Eindrücke zu empfangen.

Nur unauffällig hebt und senkt sich das Erdreich; in den Niederungen sammelt sich das Wasser und bildet Sümpfe, in denen herrliche Wasserpflanzen wuchern, die wieder von den schönsten Insekten umgaukelt werden.

Ich wollte damals Gräser und Halbgräser sammeln, die hier meist so hoch wachsen, daß ich ganz darin verschwinde. Dadurch verlor ich den Überblick, und plötzlich merkte ich, daß ich in einen Sumpf geraten war. ›Na, kommt man hinein, so kommt man auch wieder heraus‹, dachte ich, bin ich doch in meinem Leben schon mit manchem Sumpf fertig geworden. Ja, wäre ich da nur sofort umgekehrt, so wäre wohl noch alles gut gegangen, aber da schimmerte in einiger Entfernung eine herrliche blaue Wasserlilie. Die mußte ich notwendig haben! Unvorsichtig und unbekümmert um den scheinbar flachen Wasserspiegel stürzte ich darauf los. Jawohl, ich bekam sie auch, aber o Gott! um welchen Preis! Ich wollte umkehren, aber da gab es kein Zurück. Tief und tiefer sank ich. Sobald ich mich rührte, stieg das Wasser höher. Was sollte nur in dieser großen Einsamkeit aus mir werden? Es wurde später und später. Weit und breit kein menschliches Wesen, nur die Rieseneukalypten hoben sich nach der einen Seite in weiten Abständen aus der Ebene ab, während vor mir, jenseits des Sumpfes, ein dunkler Wald lag.

Ich lauschte gespannt. Viele Sumpfvögel, auch der Lachvogel, der mir sonst soviel Spaß gemacht hatte, ließen ihre Stimme hören, während neben mir zahllose Frösche quakten. Kein menschlicher Laut, »Ha ha ha!« rief der Lachvogel. Verspottete er mich? »Ha ha ha! Ha ha ha!« Immer wieder dieses höhnische Lachen.

Eine entsetzliche Angst packte mich, zumal da sich nun weiße Nebel um mich lagerten und die ganze Gegend einhüllten. Ich fürchte mich nicht leicht; aber da fürchtete ich mich.

Obgleich ich wußte, daß mein Rufen nichts half, so rief ich doch angsterfüllt in die weite Einsamkeit hinaus, vielleicht hatte Gott doch einen Retter bereit. Ach, wie angestrengt lauschte ich auf jeden Laut, wie spähte ich nach Menschen aus! – Kalte Schauer durchrieselten meinen Körper, mir vergingen fast die Sinne vor Angst. –

Plötzlich sah ich durch den Nebel hindurch in der Ferne einen roten Schein im Walde, und zugleich hörte ich einen wilden Lärm. Ich dachte nach: In diesen Tagen mußte Vollmond sein, und dann versammeln sich die Papuas zu ihrem Tanz. Gesehen hatte ich es noch nicht, aber in der Ansiedelung hatten sie mir davon erzählt. O, wenn es mir doch gelingen möchte, ihre Aufmerksamkeit auf mich zu lenken! Ich schrie aus Leibeskräften um Hilfe; ich sagte mir, wenn sie auch das Wort nicht verstehen, wenn ich nur ihre Neugier wecken kann. Tatsächlich wurde es plötzlich still da drüben; und ich sah wie sich durch die Bäume hindurch flackernde Feuerbrände mir näherten. Ich rief lauter und dringender, um ihnen auch die Richtung anzugeben, denn es war inzwischen ganz dunkel geworden. Aber – was war das? Besannen sie sich anders? Wichen sie wieder zurück? – Sie standen still, und ich konnte aufgeregtes Sprechen unter ihnen hören. Fürchteten sie sich etwa vor mir? Was konnte ich anderes tun, als rufen? Nach einiger Zeit – sie kam mir unendlich lang vor – näherten sich die Feuerbrände und die wilden Stimmen wieder. Ich war in höchster Aufregung, endlich konnte ich sehen, wie eine ganze Schar Papuas, Männer und Weiber, sich durch hohes Gras und Schilf hindurch arbeitete. Sie zogen und schoben ein schmales Kanoe zu mir hin, stießen, als sie mir nahe waren, ein wildes Geheul aus, schwenkten ihre Feuerbrände, nickten mir grinsend zu, hoben mich aus dem Sumpf, setzten mich ins Kanoe, und fort ging's. – Daß auch sie tief ins Wasser sanken, schien sie nicht zu kümmern, es war ein buntes Gewühl, einer stand dem andern bei. Jedenfalls war ich gerettet!

Sie brachten mich in das Haus einer Squatterfamilie und haben wahrscheinlich nachher beim Schein des Vollmondes ihren Tanz fortgesetzt.

Das Ganze war wie ein wilder Traum! Das lange Stehen im Wasser und die furchtbare Angst hatten ihre Folgen. Ich wurde sehr krank, bekam Wechselfieber. Im Ochsenwagen wurde ich nach meiner Station gebracht. Die Frau, von der ich Milch und was ich sonst brauche, nehme, bot mir an, mich bei sich zu behalten, damit ich nicht so verlassen sei. Das wollte ich aber nicht, nichts ist mir peinlicher, als andern zur Last zu fallen. – Die Frau sah aber doch manchmal nach mir, kochte mir auch gelegentlich eine Suppe und schickte täglich ihr Mädchen Lucy, die stellte einen Topf Milch auf die Kiste an meinem Bett, und dann kam meine Katze, setzte sich zu meinen Füßen, und mit ihr teilte ich die Milch. Ich kurierte mich aus meiner mitgenommenen Apotheke, ich wandte besonders Chinin an. Du siehst, die Krankheit habe ich ziemlich überwunden, aber sechs Wochen habe ich nichts tun können, und nun muß mich noch das Unglück mit dem Feuer treffen. Hätte ich doch nur das abgeschickt, was ich fertig hatte!

Ja, von meiner Katze muß ich Dir noch erzählen, sie verdient es! Du weißt, daß ich sehr gern Tiere um mich habe, ich beobachte sie gern, sie machen mir viel Spaß, und wenn sie danach sind, bring' ich ihnen gern allerlei bei. Meine Katze ist nicht nur sehr anhänglich, sie ist auch sehr klug. Sie geht manchmal ein Stück mit, klettert auf Myrten und Gummibäume und macht Jagd für ihren Vorteil. Aber spaßig ist's, sie sammelt auch für mich. Es ist ganz rührend, was sie mir alles herbeischleppt, Frösche, Kröten, Eidechsen und all dergleichen Zeugs. Die kleinen Säugetiere und Vögel behält sie für sich. Ihrer Natur gemäß sammelt sie am liebsten nachts, ich aber schlafe dann lieber; nun machte sie aber so lange Lärm, bis ich aufstand und sie hereinließ. Das paßte mir nicht, da ließ ich die Türen einen Spalt offen; wenn sie nun etwas hat, legt sie's vor mein Bett, springt zu mir herauf und weckt mich sehr sanft, ich muß dann Licht machen und ihr die Beute abnehmen. Soviel habe ich ihr nicht beibringen können, daß sie die Tiere unterscheidet, sie bringt mir natürlich meist gewöhnlichen Kram. Ich geb' den Tieren die Freiheit, und Mieze sammelt unverdrossen weiter, stört freilich meinen Schlaf, aber ich mag ihr nicht weh tun.

Deinen Brief aus Eisenach habe ich erhalten und mich sehr gefreut, daß es Dir so gut da gefällt. Aber gewundert habe ich mich doch sehr über Dich! –

Kannst Du denn noch immer nicht Großes und Kleines auseinander halten? Du bist doch ein recht oberflächlicher Plundermatz! Ich mußte beim Lesen Deiner Schirmgeschichte soviel an Deine Tante Leanka in Bukarest denken, der hättest Du Deine Sorge vorklagen müssen, da hättest Du Verständnis gefunden. Erwartetest Du es von mir? Da kennst Du mich noch wenig!

Da fährst Du einen ganzen langen Tag durch fremde, schöne Gegenden, sie werden Dir vor die Augen geführt. Du brauchst Dich nicht mal darum anzustrengen, nur hinausschauen und in Dich aufnehmen sollst Du, aber Du beschwerst Deine Seele mit kleinlichen Dingen. »Seele, was ermüd'st Du Dich!« Warum man wohl so etwas lernt, wenn man's nicht anwendet!?

Ich bin natürlich ganz Frau Doktors Meinung: »Der Mensch muß hinaus ins feindliche Leben!« Wäre ich in meiner Jugend besser auf den Kampf vorbereitet gewesen, ich hätte wohl nicht so gelitten!

Ich bin sehr gespannt, was mir Dein nächster Brief erzählen wird.

Hoffentlich bekomme ich bald Material und meine alten Kräfte, damit ich wieder tüchtig sammeln kann.

Sei auch Du mutig, und schreib mir wieder so ausführlich.

Es umarmt und küßt Dich

Deine
Dich liebende Mutter.

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