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Amalie Dietrich

Charitas Bischoff: Amalie Dietrich - Kapitel 27
Quellenangabe
typebiography
authorCharitas Bischoff
titleAmalie Dietrich
publisherG.Grote'sche Verlagsbuchhandlung
seriesGrote'sche Sammlung von Werken zeitgenössischer Schriftsteller
volumeSiebenundneunzigster Band
year1909
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
created20080319
projectid74f86c48
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27

Die Nebel zerreißen – Der Himmel wird helle!

Amalie reiste nach Hamburg. Sie hatte durch kleinere Reisen in Sachsen so viel verdient, daß sie die Reise mit der Bahn machen konnte. Bei der biederen Madame Piepenbrink in Stubbenhuk, dicht am Hafen, fand sie ein bescheidenes Unterkommen.

Die Spuren ihrer Krankheit hatte sie gänzlich überwunden. Fest war ihre Haltung, aufrecht ihr Gang; auf ihren Wangen blühte Gesundheit. Auch das Haar war wieder gekommen, es fiel ihr in dichten, dunklen Locken bis auf die Schultern herab. –

Sie war überrascht, wie viele sich hier fanden, die nicht nur Interesse, sondern auch das Geld hatten, um ihre Sammlungen zu kaufen. Eines Tages kam es allerdings auch anders. Ein Apotheker empfahl sie an einen Herrn Walter, der in einem Hinterhause vier Treppen hoch wohnte. Er interessierte sich besonders für Kryptogamen, und als er die Moose sah, geriet er in Entzücken.

»Ich möchte alles haben!« rief er lebhaft, »was kostet eine solche Sammlung?«

»Sechs Taler,« sagte Amalie.

Da wurde Herr Walter verlegen, legte die Moose hin und sann ein Weilchen nach, dann sagte er: »Frau Dietrich, ich habe keine sechs Taler, können Sie mir die Sammlung nicht hier lassen, bis Sie mal wieder nach Hamburg kommen? Ich gebe Privatstunden und bin augenblicklich sehr schlecht besetzt.«

»Wie kann ich mich darauf einlassen,« sagte Amalie, »ich weiß gar nicht, ob ich überhaupt je wieder nach Hamburg komme,« und sie nahm die Sammlung wieder an sich.

»Nein! nein!« rief Herr Walter, »packen Sie sie nicht wieder ein, lassen Sie mich mal überlegen, ob ich nicht einen Ausweg finde.«

»Wenn Sie nicht bezahlen können, gibt's keinen Ausweg!« sagte Amalie.

Ohne die Einwendung zu beachten, fuhr Herr Walter nach einigem Besinnen fort: »O, ich weiß etwas! Sehen Sie, ich gebe Ihnen eine Adresse, und sollte die, was ich bestimmt hoffe, Ihnen von Nutzen sein, dann lassen Sie mir die Moose!«

»Ich denke nicht daran! Da könnte ich viel verschenken! Täglich empfiehlt mich ein Herr dem andern, aber keinem fällt es ein, sich das zunutze zu machen!«

»Nun ja, die können eben bezahlen, und ich kann das nicht. – Nein, – packen Sie sie nicht weg. Hören Sie doch nur! – Sollten Sie in dem Hause, dessen Adresse ich Ihnen gebe, etwa nicht vorgelassen werden, oder gar nichts ausrichten, dann können Sie noch immer Ihre Moossammlung wieder holen; sollte aber mein Wink für Sie zum Guten ausschlagen, so können Sie mir doch dafür auch einen Gefallen tun. Denken Sie mal, wenn der Herr nun viele von Ihren Pflanzen nimmt, dann brauchen Sie gar nicht mehr herumzulaufen; ich wette, Sie geben mir die Laubmoose noch drauf zu!«

Herr Walter lachte, als er das sagte, Amalie aber schüttelte unentschlossen den Kopf und zögerte mit dem Wegpacken. Der Herr schrieb eilig ein paar Worte auf einen Zettel und überreichte ihn Amalie, die las:

Doktor H. A. Meyer.
An der Alster 24 a.

Amaliens Blick ruhte fragend auf den paar Worten und richtete sich dann auf Herrn Walter.

»Ja, ja, das genügt,« sagte der, »da gehen Sie nur hin, und wenn er Sie vorläßt, sollen Sie mal sehen, der hat einen Blick für Ihre schönen Pflanzen!«

»Ist der Herr Arzt?«

»O nein! Der Herr Doktor ist Kaufmann, Fabrikbesitzer, ein gebildeter, humaner Herr; sein Vater hatte die bekannte Stockfabrik, jetzt ist der Sohn Besitzer. – Ist Ihnen nicht beim Berliner Bahnhof ein Denkmal aufgefallen? Nein? Dies Denkmal hat die Stadt dem Vater H. C. Meyer errichtet. –

»Und Sie meinen, ein Fabrikbesitzer interessiert sich für Botanik?« fragte Amalie zögernd.

»Gewiß tut er das! Er beschäftigt sich freilich hauptsächlich mit der Fauna der Ostsee und arbeitet jetzt in Gemeinschaft mit Professor Möbius an einem großen Werke. – Überhaupt, wo es die Förderung gemeinnütziger Unternehmungen gilt, da stellt er sich opferfreudig an die Spitze. Jetzt spricht man von der Gründung eines zoologischen Gartens; und Doktor Meyer ist ein Hauptförderer dieses Planes.«

»Ach, so einer wird sich auch gerade um meine Sammlungen kümmern!«

»Na ja, wissen kann ich es auch nicht, aber wieviel vergebliche Gänge machen Sie wohl, da versuchen Sie's doch wenigstens! Wir wollen Ihret- und meinetwegen hoffen, daß es gut ausschlägt. Jedenfalls auf Wiedersehn!«


Aus dem dunklen Hof ging Amalie sofort hinaus an die schone Alster. Sie stutzte, – freilich: in solche Häuser führte sie ihr Weg sonst nicht.

Auf ihr Klingeln erschien ein Diener in schwarzem Frack und mit weißer Krawatte. Aha, nun kam's drauf an! –

Auf die Frage nach dem Herrn Doktor zuckte der Diener die Achseln und sagte höflich abweisend: »Der Herr ist um diese Zeit nicht zu Hause.«

»Und wann ist er zu sprechen?«

Der Diener besann sich und musterte Amalie, dann sagte er: »Hier läßt der Herr sich überhaupt nicht gern sprechen; vielleicht treffen Sie ihn in seinem Kontor, Neue Burg 13.«

Aber gerade, als er die Tür schließen wollte, trat aus einem Zimmer eine junge, elegante Dame. Sie trat an die Windfangtür, ließ einen prüfenden Blick über Amaliens Gestalt schweifen und fragte: »Wen wünschen Sie zu sprechen?«

»Ich habe gehört, Herr Doktor Meyer interessiere sich für Botanik. Ich bin Frau Dietrich aus Sachsen und wollte dem Herrn Doktor meine Sammlungen vorlegen.«

»Bitte Frau Dietrich, treten Sie hier herein, und zeigen Sie mir einmal etwas von Ihren Pflanzen. In wessen Auftrag reisen Sie denn?«

»Ich reise in Niemandes Auftrag, dies sind meine eigenen Sammlungen.«

Amalie öffnete eine der Mappen, die Dame besah interessiert die Pflanzen, ihr Blick ruhte lächelnd auf der Unterschrift, und sie fragte: »Wer hat denn die Namen geschrieben?«

»Mein Kind,« sagte Amalie errötend.

»Daß es ein Kind geschrieben hat, sieht man der Schrift an. Kennt das Kind denn die Pflanzen so genau?«

»Sie ist nicht ganz sicher, ich diktiere.«

Jetzt flog wieder ein langer, prüfender Blick von den Pflanzen zu Amalie, dann sagte die Dame lebhaft: »Mein Mann ist jetzt nicht zu Hause, aber wollen Sie heute Abend um acht Uhr wiederkommen? Diese Pflanzenpakete lassen Sie nur gleich hier; damit sollen Sie nicht noch einmal schleppen. Haben Sie auch Kryptogamen?«

»Gewiß,« sagte Amalie erfreut, »die bringe ich heute Abend mit.«

»Nun, auf Wiedersehen, Frau Dietrich!«

Die Dame reichte Amalie die Hand, und leicht und ledig wanderte Amalie nach Hause. Sie dachte lächelnd an Walter, ob der wohl seine Moossammlung bekam? –


Das junge Ehepaar empfing Amalie abends mit natürlicher, schlichter Herzlichkeit. Amalie zeigte ihre Pflanzen. Die angegebenen Fundorte gaben Veranlassung, von den verschiedenen Reisen zu erzählen. Da meinte der Doktor zu seiner Frau gewandt: »Johann könnte Heinrich und seine Frau herüberholen.«

Frau Doktor Meyer nickte, und nach einigen Minuten trat des Doktors Bruder mit Frau ein. Nun brachte der Diener Wein und Kuchen, und alle vertieften sich in das Besehen der Sammlungen.

»Haben Sie denn viel Pflanzen mit in Hamburg?« fragte der Doktor.

»O ja, sehr viel!« sagte Amalie, fünf Tragkörbe voll.«

Und als alle sie fragend ansahen, sagte sie erklärend: »Auf die Weise kann ich sie am besten vom Bahnhof in meine Wohnung tragen.«

Die vier sahen einander staunend an, und Heinrich Meyer meinte: »Geben Sie mir alles, was Sie an Kryptogamen bei sich haben, und stellen Sie mir außerdem eine Sammlung von Gräsern und von Giftpflanzen zusammen; denn besser präparierte Herbarien sah ich noch nie.«

Amalie sah ihn ganz erschrocken an.

»Aber – entschuldigen Sie,« sagte sie stockend, »das würde fünfundzwanzig Taler ausmachen.«

»So, fünfundzwanzig Taler sind es grade? Nun gut,« sagte Herr Meyer mit einem liebenswürdigen Lächeln.

»Und wohin darf ich es Ihnen bringen?« fragte Amalie.

»Aber bitte, Frau Dietrich, was denken Sie denn? ich werde alles durch einen Arbeiter aus der Fabrik holen lassen.«

Amalie war's, als träume sie. War denn das möglich? Konnte eine Privatperson soviel für Sammlungen ausgeben? Sie fürchtete, Frau Meyer würde Protest erheben; das erlebte sie vielfach, wenn die Professoren kaufen wollten. Aber nichts dergleichen; – sie schien dem großen Einkauf gar keine weitere Bedeutung beizulegen.

Beim Abschied sagten ihr Doktors, sie möge doch öfters abends wiederkommen und weiter von ihren Reisen erzählen. Ach wie gern tat sie das! Freilich schien es ihr ganz unbegreiflich, daß diese hochgebildeten, reichen Leute ihr soviel Teilnahme entgegenbrachten.

Als sie über den Vorplatz ging, bemerkte Amalie mit Schrecken, daß es schon längst nach zehn Uhr war. O weh! nun mußte sie am Ferdinandstor einen Schilling zahlen.

Welch ein wunderbarer Tag war dies gewesen! Während sie an der stillen Alster dahinschritt, zogen die Ereignisse alle noch einmal an ihrem Geiste vorüber.

»Wahrhaftig,« sagte sie lächelnd vor sich hin, »Walter bekommt doch seine Moose!«

Eines Abends sagte der Doktor in seiner gewinnenden Weise: »Frau Dietrich, wir können uns gar nicht beruhigen, wenn wir uns vorstellen, wie Sie reisen; und ich habe viel darüber nachgedacht, ob man Ihnen da nicht irgendwie helfen könnte. Wäre es nicht doch leichter, wenn Sie sich von jemand anstellen ließen?«

Amalie sah den Doktor verständnislos an und fragte erstaunt: »Anstellen, Herr Doktor! Ich weiß nicht, was Sie meinen. Wer würde mich wohl anstellen?«

»Wer das tun würde, das kann ich Ihnen natürlich in diesem Augenblick auch nicht sagen, aber ich denke dabei an einen meiner Bekannten, – er ist Kaufmann, – der ein ganz ungewöhnliches Interesse für Naturwissenschaften hat. Da er sehr reich ist und hauptsächlich Beziehungen nach der Südsee hat, so stellt er Leute an, die in den Tropen für ihn sammeln. Dieser Zweig seines Unternehmens ist allerdings noch in den Anfängen, aber es wundert mich doch, daß Sie noch nichts vom Museum Godeffroy gehört haben, denn unter Fachleuten ist dieses Unternehmen schon sehr ehrenvoll bekannt; und wenn sich die Hoffnungen erfüllen, die Godeffroy an sein Museum knüpft, so wird dasselbe eine unerschöpfliche Fundgrube, sowohl für die Geographie, wie für die Natur- und Völkerkunde der gesamten Südseeländer. Sie sehen mich ganz erschrocken an und wundern sich wohl, daß ich Ihnen eine derartige Aufgabe zumute, und ich habe ja tatsächlich meine großen Bedenken, ob ein Sammeln in den Tropen grade eine Erleichterung Ihrer Arbeit genannt werden könnte. Das müßten wir ja natürlich erst nach allen Seiten hin überlegen, ehe wir Schritte in der Sache tun. Ein Freund von mir, Doktor Gräffe aus Zürich, ist von Godeffroy nach Samoa geschickt, das brachte mich auf den Gedanken.«

Amalie konnte vor Aufregung kaum sprechen, endlich fragte sie: »Meinen Sie, daß er eine Frau anstellen würde? Und da er Doktor Gräffe schon ausgeschickt hat, komme ich doch zu spät mit meiner Bewerbung.«

»Ob er eine Frau anstellen würde, weiß ich nicht, aber das alles liegt in so weiter Ferne und bedarf selbstverständlich erst ernster Erwägung. Ich wollte Sie nur einmal darauf aufmerksam machen, damit Sie so etwas auch überlegen. Doktor Gräffe würde Ihnen jedenfalls nicht im Wege stehen, denn wie ich Ihnen sagte, Godeffroy ist reich, der kann noch mehr Leute anstellen. Von solchen Unternehmungen, wie ein Hamburger Großkaufmann sie sich leisten kann, können Sie sich trotz Ihrer vielfachen Erfahrung doch gar keinen Begriff machen. Der arbeitet mit Millionen. Bedenken Sie nur, daß er fünfundzwanzig große Seeschiffe hat, die den Verkehr zwischen Australien und Europa vermitteln. Der gesamte Handel zwischen Hamburg und der Südsee liegt in dieses Mannes Händen. Wie ein Fürst ist der hier angesehen, ja er wird tatsächlich ›der Fürst der Südsee‹ genannt.«

Amalie war aufgesprungen und fragte erregt: »Wo wohnt der denn? Daß man von so etwas gar nichts weiß!«

»Er wohnt: Alter Wandrahm 26,« sagte der Doktor lächelnd. »Na, aber nun setzen Sie sich doch, Frau Dietrich; heut Abend wollen wir ihn nur lieber in Ruhe lassen.«

»Nein, nein! ich muß jetzt nach Hause,« sagte Amalie aufgeregt.

An der Alster stand sie still und ließ ihren Blick über den märchenhaft erleuchteten Spiegel gleiten. Dieser Sturm in ihrem Innern! Wilde, phantastische Bilder traten vor ihre Seele: Fürst der Südsee? – Australien? – Tropenlandschaft! Palmen! Ein weinendes Kind, – ihr Kind! – O, Charitas, das würde eine lange Trennung bedeuten! Aber denk' mal, dann könntest du das erreichen, was ich mir immer ersehnt habe; dann könnte ich wirklich etwas für dich tun.

Still, du unruhiges Herz! Das alles sind ja unerfüllbare Vorstellungen. Fürst der Südsee und Nellen Malchen aus der Niederstadt? Wie konnte man so lächerlich verwegene Träume haben!

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