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Amalie Dietrich

Charitas Bischoff: Amalie Dietrich - Kapitel 25
Quellenangabe
typebiography
authorCharitas Bischoff
titleAmalie Dietrich
publisherG.Grote'sche Verlagsbuchhandlung
seriesGrote'sche Sammlung von Werken zeitgenössischer Schriftsteller
volumeSiebenundneunzigster Band
year1909
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
created20080319
projectid74f86c48
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25

Die Nebel verdichten sich

Am nächsten Morgen wanderte Amalie, ein umfangreiches Paket unterm Arm und von Hektor begleitet, nach Herzogswalde. Als sie bei Dietrich eintrat, erhob der sich erschrocken vom Stuhl und rief erregt: »Wie? Du lebst noch?! – –«

Amalie legte ihr Paket auf die Diele und setzte sich erschöpft auf den dargebotenen Stuhl.

»Wo in aller Welt bist du denn nur so lange gewesen? – Ich hatte die Hoffnung dich je wieder zu sehen, wahrhaftig ganz aufgegeben. Ich mußte annehmen, daß dir ein Unglück zugestoßen sei.«

»Aber hast du denn meinen Brief aus dem Haarlemer Krankenhaus gar nicht bekommen?«

»Nein, nichts hab' ich bekommen, weder einen Brief noch Geld. Ich rechnete mir aus, wann ich dich erwarten könnte; als du dann aber immer nicht kamst, da wußte ich nicht mehr, was ich denken sollte. Es ging mir in jeder Beziehung schlecht; ich verlor den Mut, weiterzuleben, und da mußte ich es wie eine Erlösung ansehen, als der Graf kam und mir das Anerbieten machte, Erzieher seiner Söhne zu werden. – Aber wann bist du denn gekommen?«

»Gestern nachmittag. Was meinst du wohl, wie für mich das Nachhausekommen war? – Da stand ich vor verschlossener Tür! – Ob ich dich hierin je begreife? – Aber wo ist denn Charitas? Ist sie nicht hier?« Amalie sah sich suchend um.

»Hier? – Nein, die ist nicht hier.«

Amalie sah Dietrich einige Sekunden lang sprachlos an, dann rief sie erregt: »Was bedeutet denn das alles? Wo ist sie denn? – Ach Gott! – Ich hab' doch als selbstverständlich angenommen, daß ich sie hier finde. Ihr ist doch nichts passiert? – Wo hast du sie nur?«

»Rede doch nicht so! Man kommt ja gar nicht zu Worte. Ich nehme an, es geht ihr nicht schlechter, als es ihr sonst bei fremden Leuten gegangen ist.«

»Wohin hast du sie gebracht?«

»Gebracht? – Ich habe sie nicht gebracht. Hier ist ihre Adresse.«

»Nicht mehr in Siebenlehn? Wie kommt sie denn nach Nossen?«

»Als ich mit dem Grafen meine Angelegenheiten geordnet hatte, habe ich ihr gesagt, sie möge sich baldmöglichst ein Unterkommen suchen. Ich habe ihr volle Freiheit gelassen; und als sie mir sagte, in Siebenlehn sei nichts zu finden, da gab ich ihr den Rat, doch ihr Heil in Nossen zu versuchen, und da hat sie denn auch bald eine Familie gefunden, die ihr gegen Hilfeleistung ein Heim gibt. Ich habe ihr durchaus freigestellt, was sie sich von den Sachen mitnehmen wollte, ich meine, sie hat Betten und Wäsche mitgenommen weit mehr als sie braucht.«

»Aber das ist ja empörend! – Hast du wirklich keinen Finger für das Kind gerührt? Das ist ja eine Sünde und Schande von dir! – Das arme Kind! – O, Wilhelm, wie konntest du sie so von dir stoßen!«

»Wie oft habe ich dir gesagt, daß es unfein ist, eine so maßlose Sprache zu führen, aber –« fuhr er seufzend fort, »gewisse Dinge änderst du nie, da kann ich mir den Mund wegreden. Was für Zumutungen stellst du an mich! Ich gehe doch nie zu Leuten, wenn mich nicht berufliche Interessen mit ihnen zusammenführen. Hierher konnte ich sie doch nicht mitnehmen, das war ausgeschlossen, sie paßt hier nicht her.«

»Das war ausgeschlossen? Hat sie denn etwas Böses getan?«

»Das nicht, aber was sollte ich denn hier mit ihr? Wäre sie mein Sohn gewesen, dann hätte ich sie mit unterrichtet, aber ein Mädchen! – Ich sage dir, – du wirst es freilich widerlegen, denn du hast eine blinde Liebe zu ihr, – sie ist durchaus interesselos. Sie wird nie die Erbin dessen, was ich mit so unendlicher Mühe und Sorge erworben habe.«

»Wilhelm, du bist ein ganz merkwürdiger Mensch! Zu dem elendesten Schlamm im Graben beugst du dich nieder und untersuchst seine Eigentümlichkeit, und die Nächsten kennst und liebst du nicht.«

»Ja, siehst du – mit der Liebe – –«

»Laß! Sie fehlt dir, da brauch' ich auch keine Begriffserklärung. – Willst du mir sagen, wie du es mit mir zu halten gedenkst? Vielleicht ist es auch ausgeschlossen, daß ich hier bleibe?«

»Der Fall, daß du hier bleibst, ist im Kontrakt nicht vorgesehen. – Oder glaubst du, daß du in ein Grafenschloß paßt? –«

Amalie richtete sich auf und sagte mit Stolz: »Allerdings! Ich bin deine Frau, da ist mein Platz an deiner Seite, – da ich aber sehe, daß du anders entschieden hast, sollst du dir meinetwegen keine Sorgen machen.«

»Nicht so! – Nicht so!« – sagte Dietrich etwas verlegen. »Versteh mich recht, du mußt doch selbst einsehen, daß es so nicht weiter ging. Glaubst du denn, mir wäre es leicht geworden? Sind wir denn vereint vorwärts gekommen? Konnte ich mich weiter bilden? Durfte ich mir anschaffen, was mir nötig war? Sieh doch nur, was aus meinen Schülern geworden ist! Müller ist jetzt Professor in Halle, und ich, durch den soviele Männer zur Naturwissenschaft geführt sind, verkomme im Elend. Laß mal sehen, wenn mich nichts mehr hemmt, wenn ich mein Geld brauchen kann, wie es mir recht scheint, dann – dann kommt vielleicht auch für mich noch eine schöne Zeit. In meiner Jugend fühlte ich mich berufen zu großen Dingen. – Wie haben wir uns gequält – und was haben wir erreicht? – – Übrigens, ich habe mehrere Kisten mit Dubletten auf dem Forsthof gelassen. Geld kann ich dir nicht in Aussicht stellen, aber wenn du noch den Mut haben solltest, auf diesem Gebiet weiter zu arbeiten, so stehen dir jederzeit meine Sammlungen zur Verfügung. Ich selbst, – das fühle ich, – werde leider wohl nie mehr reisen. Wenn du guten Rat brauchen solltest, dann komm nur, ich freue mich, wenn ich dir irgendwie behilflich sein kann.«

Dietrich erhielt auf sein freundliches Anerbieten keine Antwort.

Bleich und starr waren Amaliens Züge, die großen, graublauen Augen ruhten fragend und prüfend auf Dietrichs Gesicht, aber kein Wort kam in den nächsten Minuten über ihre Lippen. Dietrich empfand das Schweigen peinlich und ging unruhig einige Male auf und ab.

Auf dem Tisch, vor dem Amalie saß, lag ein Stoß graues Löschpapier; zwischen dieses Papier schob Amalie, von Dietrich unbemerkt, den schlichten Ring, den sie fünfzehn Jahre lang getragen hatte. Sie erhob sich matt und zitternd, und als sie vorwärtsschreiten wollte, stieß ihr Fuß an das Paket. Sinnend sah sie darauf nieder und sagte endlich mühsam mit müder Stimme: »Das da hab' ich dir mitgebracht, es ist Fucus fesiculosus. Ich sammelte ihn bei undurchdringlichem Nebel und ahnte nicht, daß das Leben für mich noch viel dunklere Stunden bringen könnte.«

Wankenden Schrittes suchte sie die Tür, und ehe Dietrich etwas erwidern konnte, hörte er ihren schweren Schritt auf der Treppe.

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