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Amalie Dietrich

Charitas Bischoff: Amalie Dietrich - Kapitel 24
Quellenangabe
typebiography
authorCharitas Bischoff
titleAmalie Dietrich
publisherG.Grote'sche Verlagsbuchhandlung
seriesGrote'sche Sammlung von Werken zeitgenössischer Schriftsteller
volumeSiebenundneunzigster Band
year1909
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
created20080319
projectid74f86c48
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24

Ein Wandern im Nebel

Als Dietrich seine Herbarien durchsah, fand er, daß die Strand- und Meerespflanzen aufgebraucht waren. Er sann nach und kam dann mit dem Vorschlag, Amalie möge doch diesen Sommer eine Reise ans Meer machen, um alles zu ergänzen, was fehlte.

»Laß mich doch diesen Sommer zu Hause,« bat sie, »mein Hausstand, aber besonders das Kind braucht mich notwendig.«

Sie wollte nicht sagen, wie matt und kraftlos sie sich fühlte.

»Kind und Hausstand!« sagte Dietrich abweisend, achselzuckend, und nach einer Pause: »Ich weiß keinen andern Ausweg, als daß du reisest. Ich kann nicht. Bedenke, daß ich zehn Jahr älter bin als du. Ich fühle mich den Strapazen der Reise nicht mehr gewachsen, habe auch gar keinen Mut mehr zu unsrer Sache. Geh du nur, du kannst es ja sehr gut. Es fehlt uns an Algen und allen Seetangen. Sammle viel Fucus fesiculosus. Geh doch einmal nach Holland und Belgien, und nimm auf alle Fälle den Wagen, das ist viel besser, denn darin läßt sich am meisten unterbringen, Hektor hilft ja ziehen. Wir packen ihn recht voll Sammlungen, die verkaufst du erst und schaffst Platz, und dann füllst du ihn mit allem, was dort vorkommt.«

»Wilhelm,« rief Amalie erschrocken, »nach Holland und Belgien soll ich mit dem schweren Wagen? Da komme ich ja auch wieder mit der Sprache nicht durch.«

»Das kennst du ja schon von Bukarest her, und seitdem hast du doch viele Erfahrungen gesammelt. Übrigens sprechen die Leute, mit denen du zu tun hast, auch deutsch. Also bitte, komm mir nicht immer mit neuen Schwierigkeiten,« sagte Dietrich gereizt.

Die Karte, ein Bogen Papier und der Bleistift wurden geholt und die Reise aufgezeichnet.

»Sieh her,« sagte Dietrich, »du gehst zunächst nach Bremen, hier suchst du Professor Buchenau auf, von ihm bekommst du weitere Adressen für Bremen. Wenn du da fertig bist, gehst du über Groningen und Arnheim, Maastricht, Lüttich nach Brüssel. Von hier über Löwen – Mecheln – Antwerpen – Rotterdam – Haag – Leiden bis Haarlem. Hoffentlich hast du bis dahin die Sammlungen möglichst verkauft, denn in dieser Gegend wirst du wahrscheinlich viel Interessantes finden. Hier rate ich dir, an den Strand zu gehen, um Fucus fesiculosus und was du sonst etwa an Algen und Strandpflanzen findest, zu sammeln. Dann gehst du über Amsterdam – Krefeld – Kassel – Göttingen durch Thüringen nach Hause.«

Dietrich richtete sich auf und gab Amalie die flüchtig aufgezeichnete Skizze der Reise. Amalie seufzte schwer auf. Ja freilich, dachte sie mit Bitterkeit, hier am Tisch, mit Bleistift auf Papier, da ließen sich leicht Reisen machen, aber diesmal fehlte ihr der Mut und die Freudigkeit, die schwere, lange Kiste durch die fremden Länder zu ziehen, nur mit dem stummen Hektor als Begleiter. Sie mochte aber nicht klagen. Was nützte es auch, gereist mußte werden; man mußte eben vorwärts, solange es ging.

Die Reise vollzog sich in all ihren Einzelheiten nach außen hin in der von Dietrich vorgeschriebenen Weise. Unterwegs sammelte Amalie; in den Städten suchte sie Apotheken und Lehranstalten auf; und sie hatte sehr guten Absatz, so daß sie mit der geschäftlichen Seite ihrer Reise ganz zufrieden sein konnte; aber eins war anders als sonst: sie fühlte sich auf dieser Reise körperlich und seelisch matt, alle Spannkraft war wie erstorben, und mit unsäglicher Mühe schleppte sie den schweren Wagen hinter sich her. Der Sommer war kalt und naß, und wenn es nicht regnete, so brauten graue Nebel und wälzten sich in dichten Fetzen über die flachen Länderstriche. – Ach, dieses Wandern im Nebel! So niedergedrückt war ihr Gemüt, so gleichgültig war ihr sogar der äußere Erfolg; und ihre Wißbegierde, die sie sonst bei jeder bedeutenden Begegnung und in jeder größeren Stadt zu befriedigen suchte, schien jetzt durchaus erstorben.

Ein verworrenes Chaos schien ihr die äußere Welt, ein Labyrinth ihr eigenes Leben und dessen Aufgaben. Sie quälte sich mit trüben Vorstellungen und Zweifeln und rang vergeblich nach Klarheit.

Als sie Haarlem erreichte, fiel ihr ein, was Dietrich über das Sammeln von Meerespflanzen gesagt hatte: »Halte dich nicht mit dem Einlegen der Pflanzen auf, sondern fülle nur deinen Korb. Wenn du damit unter Dach und Fach bist, so trockne alles in der Sonne; hier zu Hause weichen wir jedesmal soviel in Wasser auf, wie wir für das Jahr gerade brauchen. Sei nur darauf bedacht, daß du recht viel bringst; denn es ist für uns nicht so leicht, ans Meer zu kommen.«

Aus dem Wagen nahm Amalie den Tragkorb und wanderte an den Strand. In feuchten Massen lag der dunkle Blasentang am Ufer, so daß es nur kurze Zeit dauerte, bis Amalie den Korb gefüllt hatte. Sie war heiß vom weiten Weg, und das Bücken wurde ihr heute besonders schwer.

»Es ist wohl Hunger,« sagte sie seufzend und nahm die kalte, feuchte Last auf den Rücken. Ganz sachte rieselten die Tropfen durch den Korb, und ihr müder Körper erschauerte, als würde er von eisiger Hand geschüttelt. Ihr Fuß strauchelte, ihr Blick verdunkelte sich. O, nur nicht fallen! Der weite Weg! – Nur die Stadt noch erreichen! – Wo war die Stadt? Nebel umhüllten sie. Was war das für ein lautes Brausen in ihren Ohren? Waren es die Wellen, die hinter ihr her krochen? Wollten sie sie hinunterziehen in ihre kühle Tiefe zu ewiger Ruh? – Ach, ewige Ruh! – welch wohlige Vorstellung! – Aber für sie gab es keine Ruh! – Nie? – Nein, noch nicht, sie hatte Mann und Kind, die ihre Kräfte brauchten, – die Geld brauchten. – Ja, Geld! Und sie mußte sammeln, immer sammeln. Sehen, sehen mußte sie lernen, so hatte Dietrich vor langen Jahren gesagt, und sie meinte, sie hätte es gelernt; und jetzt konnte sie nichts sehen, nicht die Stadt, in die sie zurück wollte, nicht den Weg, den sie gehen mußte. Hatte sie bei dem dichten Nebel die Richtung verfehlt, oder war ihr Blick so getrübt, das sie nur ein graues Nichts zu sehen meinte? Heißes Angstgefühl wechselte mit kalten Fieberschauern. Hilflos streckte sie die Arme vor sich und rief verzweifelt hinaus in die graue, fremde Einsamkeit: »Ach Gott! ach Gott!«


Als Amalie zur Besinnung kam, fand sie sich zu ihrem maßlosen Staunen in einem großen Saal mit vielen Betten, in denen Frauen lagen. Auf ihre Frage erfuhr sie, daß sie im Haarlemer Krankenhause sei. Eine unklare, traumhafte Erinnerung an Meeresrauschen, Nebel und nassen Blasentang tauchte in ihr auf; wie sie aber hierher gekommen, das wußte sie nicht. Ein heftiges Nervenfieber hatte den überanstrengten Körper aufs äußerste geschwächt, und erst nach vier Wochen war sie so weit, daß sie das Bett verlassen konnte.

Mit der wiederkehrenden Gesundung kam eine peinigende Unruhe über Amalie; sie mußte doch schleunig fort; es half nichts, daß der Arzt ihr eine längere Ruhezeit empfahl: daheim warteten sie mit Spannung auf ihre Rückkehr, sie warteten auf das Geld! Ach, welche Täuschung mußte sie ihnen bereiten. Sie hatte eine große Summe eingenommen, und nun blieb ihr nur ein kärglicher Rest, mit dem sie zur Not die Heimat erreichen konnte. Würde sie überhaupt imstande sein, die Reise mit Hektor in gewohnter Weise zu überstehen? Als sie sich im Spiegel sah, schaute ihr ein blasses, krankes Gesicht entgegen. Und wo war ihr volles, krauses Haar geblieben? –

Sie ließ sich zunächst Papier und Tinte geben und schrieb mit zitternder Hand, was ihr begegnet war; dann nahm sie dankend Abschied von denen, die sie gepflegt hatten und ging wankenden Schrittes nach ihrem Gasthof. Wieviel hatte sie sich um das Schicksal des Hundes gesorgt, aber auch er war währenddessen treu verpflegt worden. Hektors Freude beim Wiedersehen nach so langer Trennung war unbeschreiblich, und als er ihr schwanzwedelnd und bellend die Hände leckte, da wurden ihre Augen feucht; sie drückte zärtlich seinen Kopf an ihr Knie und sagte bewegt: »Du alter, guter Hektor! Freust du dich denn so, daß ich noch lebe und wieder zu dir komme?«

Dann nahm sie seinen Kopf zwischen ihre abgemagerten Hände, schaute ihm ernsthaft in die klugen Augen und sagte: »Wollen wir nach Hause, Hektor? Ach, es wird langsam gehen; und beim Ziehen, Hektor, da mußt du diesmal die Hauptsache tun.«


Der Nachmittag war schon stark vorgeschritten, als Amalie nach der langen Reise endlich wieder den Kirchturm des Heimatstädtchens auftauchen sah.

Wie lange, – den ganzen Sommer war sie fort gewesen, aber nun endlich wieder daheim! Wie sie sich auf die Ruhe freute! Ermunternd streichelte sie Hektors Fell und ermahnte ihn freundlich, noch die letzte Strecke tapfer auszuhalten. Jetzt war auch der Forsthofhügel überwunden: Amalie zog den Wagen in den Schuppen, spannte Hektor aus und beschloß, das Auspacken erst am folgenden Tage vorzunehmen.

Müden Schrittes stieg sie die breiten Stufen hinan, auf ihrem blassen Gesicht lag ein erwartungsvolles Lächeln. Wenn die da drinnen wüßten, wie nahe sie ihnen war! Nun war er da, der langersehnte Augenblick, den sie sich – ach wie oft! – vorgestellt hatte.

Sie klopfte an und lauschte mit angehaltenem Atem. Wie still war es. – Wilhelm war natürlich ganz vertieft in seine Schreiberei, sie mußte stärker klopfen; – immer noch keine Antwort. Eine unbestimmte Angst erfaßte sie, sie versuchte die Tür zu öffnen, aber die war verschlossen.

Dietrich würde wohl im Zellwald sein, und das Kind spielte vielleicht draußen. – Enttäuscht stieg sie langsam die Treppe hinunter und klopfte bei den Wirtsleuten an. Frau Clausen prallte erschrocken zurück, als Amalie eintrat, und rief in großer Erregung: »Ist es möglich? – Sie leben noch?!«

»Aber haben Sie mich denn für tot gehalten?«

»Ach, Sie kamen ja gar nicht wieder! Aber setzen Sie sich doch, ich koch' Ihnen ein Schälchen Kaffee.«

»Leider finde ich oben die Tür verschlossen: wenn ich hier warten darf, bis mein Mann zurückkommt?« –

Die Frau zeigte eine gewisse Befangenheit und Unruhe, so daß Amalie beklommen fragte, ob sie auch störe.

»Nein,« sagte Frau Clausen, »aber ich sehe ja, daß Sie gar nicht wissen, was derweile geschehen ist.«

»Es ist doch nichts schlimmes passiert?« rief Amalie ganz erschrocken.

»Nein, nein, – es geht beiden gut,« sagte Frau Clausen beruhigend, »Herr Dietrich wohnt hier nur nicht mehr, er ist ausgezogen.«

»Aus – ge – zogen –? –!« fragte Amalie. Blitzartig fuhr es ihr durch den Sinn: hatte er wohl wieder ein Anerbieten an eine Schule oder ein Museum bekommen? Dann brauchte sie nicht mehr zu reisen, und man könnte endlich etwas für das Kind tun.

»Und wohin ist mein Mann gezogen?« fragte Amalie gespannt.

»Nach Herzogswalde.«

»Was will er denn in Herzogswalde? Er geht doch nicht aufs Dorf!«

»Er ist Hauslehrer beim Grafen Schönberg.«

»Irren Sie sich nicht?«

»Nein, nein, ich irre mich nicht! Ich habe selbst den Grafen hier aus- und eingehen sehen; und die Nachtwächter Christel hat mir erzählt, was er wollte. – Übrigens steht oben noch allerlei Hausrat, auch noch mehrere große Kisten mit Sammlungen. Da wir noch nicht vermietet haben, habe ich alles in einer Kammer oben stehen lassen.«

Amalie saß lange in dumpfem Schweigen. Was bedeutete dies alles? Sie mochte denken und überlegen, wie sie wollte, sie kam zu keiner Klarheit. Nur eins stand fest: sie konnte heute nicht mehr nach Herzogswalde. Ach, wie anders hatte sie sich diese Rückkehr ausgemalt! – Aber wohin nun? –

Müde erhob sie sich und wankte hinaus.

Angstvoll blickte sie um sich; da war wieder das unheimliche Brausen und Hämmern in ihrem Kopf. Ihr blieb nichts anderes übrig, als zum Vater in die Niederstadt zu gehen. Wie einst vor Jahren nahm sie die Richtung über die Felder.

Der Vater lag krank im Bett. Ganz erschrocken sah er die Tochter an.

»Kann ich eine Nacht bei dir bleiben?« sagte Amalie nach der Begrüßung. »Ich komme soeben von einer weiten Reise zurück und bin nicht imstande, heute noch nach Herzogswalde zu gehen.«

»Nur gut,« sagte Nelle schmollend, »daß dich deine Mutter nicht in diesem heruntergekommenen Zustande sieht. Du hast wohl wieder das Heu durch die Länder gezogen? Hast du denn die Verrücktheit immer noch nicht satt? Und jetzt ist dein Mann Hauslehrer geworden, und du kannst sehen, wo du bleibst. Wenn nichts anderes dabei herauskam, dann hättest du freilich lieber da unten beim Karl bleiben können. Solange ich denken kann, sind wir nie in der Leute Mund gewesen; aber du hast's so weit gebracht, daß man sich schämt, vor die Tür zu gehen. Was wird denn nun aus dir? Es kommt mir nicht so vor, als ob du bei dem Grafen mitwohnen könntest. Würdest schlecht genug hinpassen, fügte er mit einem Blick auf ihre mehr als dürftige Erscheinung hinzu.

»Was aus mir wird, das erfahre ich morgen. Übrigens, Schande hab' ich noch niemandem gemacht,« sagte sie gequält mit zuckenden Lippen. »Nur bis morgen möchte ich Obdach haben, und dann erzähl' mir, was dir fehlt.«

»Ja, ja,« sagte Nelle, »du kannst auf dem Kanapee in der Wohnstube schlafen,« und dann erzählte er lang und breit von seiner Krankheit. Er wurde ganz gesprächig, ja, fast liebenswürdig, als er all seine Leiden vor geduldigen Ohren auskramen konnte.

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