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Amalie Dietrich

Charitas Bischoff: Amalie Dietrich - Kapitel 21
Quellenangabe
typebiography
authorCharitas Bischoff
titleAmalie Dietrich
publisherG.Grote'sche Verlagsbuchhandlung
seriesGrote'sche Sammlung von Werken zeitgenössischer Schriftsteller
volumeSiebenundneunzigster Band
year1909
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
created20080319
projectid74f86c48
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21

Sie nimmt die Last

Emsig wurde nun wieder auf dem Forsthofe gearbeitet. Es wurden Vorbereitungen zu einer gemeinschaftlichen Reise getroffen. Je näher der Zeitpunkt der Abreise heran kam, desto schwerer fiel Amalie die Sorge aufs Herz: »Was wird aus dem Kinde!«

Vater Nelle kränkelte; er bedurfte selbst der Pflege und Schonung; dahin konnte Charitas nicht.

Als Amalie im Kaufmannsladen am Markt einholte, klagte sie Frau Hänel ihre Sorge.

»Nun,« meinte die, »als mein Huldinchen vor Jahren plötzlich von Krämpfen befallen wurde und der Doktor über Land war, da holte ich in meiner Angst den Naturforscher. Der kann ja alles, und wie wir meinen, besser als unser Doktor. Freilich, er ist ein wunderlicher Mann, mag nichts mit unsereinem zu tun haben, aber fast auf den Knien habe ich ihn angefleht, er möge doch mitkommen. Endlich hat er sich erbarmt, und was er verschrieb, das hat geholfen. Mein halbes Vermögen hätt' ich ihm damals geben mögen; aber kalt und stolz wies er alles zurück; er sei Naturforscher und nicht Doktor, sagte er, er dürfe nichts annehmen, und er wolle es nicht. Damals dachte ich: ›Na warte, es kommt wohl mal eine Gelegenheit!‹ – Also, wenn Sie so weit sind, da bringen Sie das Kind nur her. Viel Federlesens wird nicht mit ihr gemacht, ich nehm' sie streng, sie wird hier zur Arbeit angehalten, solche Herumspielerei auf der Gasse kann ich nicht leiden. Die Frau Diakonussen, bei der ich als Kind war, ist zu mir auch streng gewesen; das tut den Menschen gut. Folgt sie nicht, kriegt sie Haue. Ich will schon mit ihr fertig werden.«

Amalie zuckte schmerzlich zusammen, war ihr doch, als fühle sie selbst schon jetzt die »Haue«, die man ihrem Kinde zudachte. Sie hatte ja dankbar zu sein; sie konnte der fremden Frau doch keine Anweisung geben, wie sie ihr Kind behandelt wissen wollte. Sie selbst war ja auch streng; aber das Schlagen vermied sie möglichst, fand auch, daß sie ohnedem auskäme.

Auf dem Nachhausewege überlegte sie, welche Arbeit ihr noch an dem Kinde oblag, damit sie ihr möglichst die handgreifliche Strenge ersparte.

Am Tage vor der Abreise packte Amalie die paar Sächelchen in ein Bündel, nahm das Kind an der Hand und führte sie der dankbaren Kaufmannsfrau zu.

»Sie schläft bei der Magd, dahin können Sie die Sachen gleich tragen.«

Amalie ging mit Charitas hinauf in das dürftige Kämmerchen, dessen Fenster auf einen unfreundlichen Hof führte. Hier ermahnte sie Charitas zum letztenmal eindringlich, ja nichts anzurühren von all den schönen Dingen, die sie hier sehen würde, immer gehorsam und freundlich zu sein, denn wenn auch niemand bei ihr sei, Gott sähe sie immer. Mit weit geöffneten Augen, die sich unter der Rede der Mutter mit Tränen füllten, versprach Charitas alles, was die Mutter verlangte. Jetzt durfte sie mit hinuntergehen und von der Wohnstube aus, wo am Mittelfenster ein hoher Tritt stand, sehen, wie die Mutter weg ging. Die Frau war im Laden; aber in der Ecke saß Christel und nähte grobe graue Säcke. Als die Mutter sich auf dem Marktplatz weiter und weiter vom Hause entfernte, da war es mit allen guten Vorsätzen einer ruhigen, artigen Haltung vorbei, ach, durchs Fenster hätte sie springen mögen; sie schrie so schmerzlich auf, daß Frau Hänel drohend ihr Gesicht durch die Tür schob.

Ahnte die Mutter das herzbrechende Weh, das den kleinen Körper des Kindes schüttelte? Wie gern hätte sie sich nach dem Mittelfenster umgesehen, aber dann wäre sie vielleicht schwach geworden, und sie brauchte Fassung und alle Kraft zu der schweren Aufgabe, die sie übernommen hatte.

Am nächsten Tage nahm sie den hochbepackten Korb auf den Rücken. Der Körper trug die schwere Last und das Herz das Trennungsweh von dem Kinde.

Die Reise ging zu Fuß durch Thüringen, Hessen, Westfalen, an den Rhein bis nach Köln.

In den Städten wurden Schulen, höhere Lehranstalten, Gelehrte und Apotheken aufgesucht, jede Stätte, wo man vermuten konnte, daß man sich für Naturwissenschaften interessierte. Zunächst führte immer Dietrich das Wort, und Amalie war stumme Zuhörerin. Aber wie hörte sie zu, wie lernte sie! Das Zusammenkommen mit klugen, gebildeten Menschen, das war stets der Glanzpunkt in diesem mühseligen Leben.

Waren die beruflichen Interessen in einer Stadt erledigt, dann kam das Vergnügen, dann wurde alles aufgesucht, was Veranlassung zur Förderung und Belehrung bot. Da wurden Bildergalerien, Museen, alte merkwürdige Häuser und Kirchen besucht. Der Unterricht, den Dietrich Amalie zukommen ließ, ergab sich stets aus der Anschauung.

Diese Fußreise dauerte siebzehn Wochen! Endlich konnte Amalie ihr Kind wieder holen.

Sie waren wieder vereinigt, und eine Zeit emsigen Schaffens lag wieder vor ihnen. Alle Bestellungen wurden erledigt und Vorrat gesammelt für die künftige Reise.

Als endlich wieder Reisepläne entworfen wurden, dachte Amalie mit Angst an den wunden Rücken, und sie kam mit dem Vorschlag, Hund und Wagen anzuschaffen. Das Ziehen sei vielleicht noch eher auszuhalten, als das schwere Tragen. Dietrich hatte hiergegen nichts einzuwenden.

Ja, Hund und Wagen konnten gekauft werden, aber ein Heim für das Kind war nicht so leicht zu beschaffen.

Zu Frau Hänel konnte die Kleine diesmal nicht, die hatte sich kürzlich mit einem Porzellanmaler verheiratet, der ihr vier Kinder mit in die Ehe brachte, daran hatte sie Erziehungsaufgaben genug.

»Da siehst du,« sagte Dietrich, »was für eine Last uns das Mädchen ist! Es ist ein Unglück, daß es kein Junge, kein kleiner ›Gottlieb Dietrich‹ ist! Der würde jetzt einfach mitgenommen!«

»Sollte ich den etwa auch noch tragen oder fahren?« fragte Amalie scharf.

»Ach was! Der müßte natürlich laufen, den würde ich doch früh in alles einführen, der wäre uns doch eine Freude! Der würde eben tüchtig abgehärtet, damit er mal alles aushielte, was Reisen in fernen Ländern ihm auferlegten.«

»Find' dich doch in das Mädchen, es ist nun doch mal da!«

Dietrich zuckte verstimmt die Achseln und schwieg, während Amalie ihre Zärtlichkeiten für Charitas verdoppelte.


Der Sattler Haubold aus der Niederstadt kam, er brachte den breiten Riemen zum Ziehen für Amalie und das Hundegeschirr für Hektor. Während das Geld zusammengezählt wurde, sah sich der Mann in den vollgestopften Räumen neugierig um und fragte schließlich, ob man denn schon ganz parat zu Reise sei.

»Bis auf das Kind,« sagte Amalie seufzend, »wir wissen noch gar nicht, wohin mit ihr.«

»Nu,« sagte der Sattler, »wenn Se e gutes Kostgeld geb'n, da nehm' ich se, mir hab'n keene Kinder, und se kann e bißel zur Hand gehn.«

»Gutes Kostgeld!« sagte Amalie, »wenn wir das zahlen könnten, da brächten wir sie wohl leicht unter.«

»Sie soll zu Leuten,« sagte Dietrich, »wo sie's nicht schlecht hat, denen es aber weiter nicht auf Geld ankommt.«

Dem Sattler schien dieser Ausspruch viel Spaß zu machen, er schlug sich mit der Hand aufs Knie und sagte lächelnd mit hoher, schriller Stimme: »Das laß ich mir gefallen! Nischt geb'n wollen Se und da soll sie's ooch wohl noch recht gut davor hab'n? Na, ich will Se was sagen, wir hab'n keene Kinder, 's wär' mal ene Abwechselung, man könnt's mal versuchen. Viel braucht se wull ni, und se kann Wege loofen und hier und da helfen. Wie alt is'n das Mädel?«

»Sie geht ins siebente Jahr. Sie ist bei Dietze in der Frühschule.«

Der Sattler nickte und erklärte sich bereit, nachher mit dem Schiebbock zu kommen und Kind, Bett und Zeug in die Niederstadt zu holen.

Das Kind weinte, und die Mutter seufzte; aber was half's, es war höchste Zeit, und irgend ein Unterkommen mußte man ja haben.

Vater und Mutter setzten das Kind aufs Bett und gaben ihr das Geleit bis an die kleine Forsthofpforte. Die Mutter sah durch den gewölbten Torborgen sehnsuchtsvoll der wunderlichen Fuhre nach, bis sie auf dem Marktplatz ihren Blicken entschwand.

Als es Abend war, als alles im Wagen untergebracht war, eilte Amalie in die Niederstadt, sie mußte doch der Sattlersfrau das Kind ans Herz legen, und – ach, – sie wollte es noch einmal sehen, am liebsten schlafend, damit der Abschiedsschmerz sich nicht wiederholte.

Der Sattler selbst war nicht daheim, Amalie traf seine Mutter am Spinnrocken und die Frau bei einer häuslichen Arbeit. Das Kind schlief glücklicherweise.

Die Frau öffnete die Tür zur Werkstätte. Der Backofen war in die Stube gebaut, zwischen dem Backofen und der Wand war ein schmaler Gang, hier hatte die Frau Stroh auf die Diele gebreitet, und da lag das Kind, zugedeckt mit dem schönen Bett von der guten Großmutter. Der Raum war angefüllt von Kummeten, allerlei sonstigen Lederwaren und großen Haufen Roß- und Kuhhaaren. Die Luft war stickig und ungesund, so daß Amalie mit tiefem Kummer auf die kleine Gestalt unter sich sah. Konnte sie sie nicht wegnehmen und mit ihr fliehen? Weit, weit weg! Aber wohin? Die Frau machte einen ängstlichen, verschüchterten Eindruck, sie horchte, ob in der Stube nebenan auch die Spindel in Bewegung blieb, dann legte sie ihre Hand auf Amaliens Arm und flüsterte: »Was mer meglich is, will ich machen, aber ich hab's selber ni gut bei meinem Mann und seiner Mutter; o die sein garschtig!«

Das auch noch !

Sie sah sich plötzlich in Bukarest, sie hörte Leankas Bitte um das Kind. Hätte sie doch anders handeln sollen? Ach, welche schweren Aufgaben stellte ihr das Leben!

Schluchzend trat sie den Weg nach dem Forsthof an.


Am nächsten Morgen spannte Amalie sich und den Hund vor den Wagen. Beide hatten guten Willen und Ehrgefühl. Wo es bergan ging, schob Dietrich. Die Länge trug aber auch hier die Last, statt des Rückens wurden Brust und Schulter wund, aber vorwärts ging's durch die Lausitz nach Böhmen, von da durch Schlesien bis ganz hin nach Krakau. Ach, es war ein harter, kalter Winter! Dietrich verlor fast den Mut; denn überall klagten die Leute über schlechte Zeiten, es wurden wenige Bestellungen aufgegeben. Vier Monate wanderten sie; überaus ermüdet und mutlos kamen sie endlich zurück. Der erste Weg am nächsten Morgen war in die Niederstadt, aber das Kind war ja in der Frühschule, man würde sie schicken, sobald sie käme.

Und als endlich die eiligen Kindertritte die Treppe heraufstürmten, da lagen sich Mutter und Kind schluchzend in den Armen, und Charitas rief erregt: »Ich will den Haubold nie wieder sehen! – Nie, nie! Ich will in meinem ganzen Leben nie wieder zu fremden, garstigen Leuten!«

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