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Amalie Dietrich

Charitas Bischoff: Amalie Dietrich - Kapitel 18
Quellenangabe
typebiography
authorCharitas Bischoff
titleAmalie Dietrich
publisherG.Grote'sche Verlagsbuchhandlung
seriesGrote'sche Sammlung von Werken zeitgenössischer Schriftsteller
volumeSiebenundneunzigster Band
year1909
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
created20080319
projectid74f86c48
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18

In der »Freudenstadt«

Schon in den nächsten Tagen nach Amaliens Ankunft war Leanka in eifriger Tätigkeit. Eine Schneiderin saß in der großen Wohnstube zwischen den verschiedenartigsten Stoffen. Amalie half nähen, denn da alles mit der Hand genäht werden mußte, ging die Arbeit nicht so schnell von statten. Amalie und Charitas wurden von Grund auf neu gekleidet. Es hatte einen harten Kampf zwischen den Schwägerinnen gegeben, ehe es so weit kam. Amalie meinte: »Rein und heil,« so habe die Mutter immer gesagt, das müsse genügen; dem waren aber beide Geschwister energisch entgegengetreten.

Leanka hatte heftig entgegnet: »Laß doch nur deine Mutter aus dem Spiel! Die ist nie aus dem kleinen Nest herausgekommen. Für die Niederstadt genügte diese Weisheit wohl, aber jetzt bist du in einer Weltstadt, da mußt du schon unsertwegen mitmachen. So wie ihr ausseht, können wir nicht bis vor die Tür mit euch gehen. – Wie ziehst du nur das arme Kind an, ich hab' wahrhaftig gemeint, die Kleine habe hinten und vorn einen Buckel, sie ist aber so grade gewachsen, wie man's nur wünschen kann. Wer nicht auch äußerlich etwas aus sich zu machen versteht, der wird unter die Füße getreten.«

Das waren neue Lehren für Amalie, und innerlich widerstrebte sie solchen Anschauungen. Sie sah aber ein, daß sie sich zu fügen hatte, wenn nicht eine nachhaltige Verstimmung aufkommen sollte; und so viel war ihr die Sache nicht wert.

Nun vollzog sich allmählich an Mutter und Kind äußerlich eine gründliche Veränderung, und Leanka konnte nicht müde werden, ihre Freude darüber zu äußern. Mit Amalie war sie freilich noch nicht so recht zufrieden.

»Mantel, Hut und Schleier sind so hübsch,« sagte sie ärgerlich, »aber ich weiß gar nicht, was das ist, du verstehst absolut nicht, die Sachen zu tragen.«

»Ich mag den Staat nicht; er gehört nicht zu mir.«

»Nein, mit dir ist eben nichts anzufangen; aber nun sieh nur mal, wie reizend das Kind aussieht! Komm her, Sophie, und laß dich mal bewundern. Das ist ja zu niedlich! Nun laß ich dir gleich noch Ohrlöcher stechen und schenk' dir schöne, bunte Ohrbummeln, und für die bloßen Ärmchen kauf' ich dir Armbänder; das wird doch hübsch!«

»Aber Leanka,« rief Amalie entsetzt, »wie darfst du dem Kind so etwas sagen! Willst du denn durchaus einen kleinen Affen aus ihr machen? Sie hat doch noch keinen Verstand! Wenn du der sagst, sie sieht hübsch aus, so glaubt sie es. Sie soll einfach bleiben; ich muß doch auch an die Zukunft denken. Wie soll ich das denn wieder herauskriegen, was du ihr jetzt weismachst?«

»Das Kind überlast mir nur, ich sorge besser für sie als du. Sie muß immer bei uns bleiben, dann soll ihr nichts abgehen.«

»Wenn sie mich nicht mehr hat, wäre ich euch sehr dankbar, wenn ihr sie behalten wolltet, sonst aber ist sie das Einzige, wodurch das Leben für mich noch Wert hat.«

»Nimm doch nicht immer alles gleich so entsetzlich schwerfällig. Erstmal sollt ihr hier vergnügt sein und euer Leben genießen. Glaub' mir, in Bukarest läßt sich's lustig leben!«


»Komm,« sagte Karl eines Tages, »ich will dir die Stadt zeigen. Na, da wirst du aber Augen machen!«

Die Verkaufslokale und Werkstätten waren meist nach der Straße zu offen. Für Amalie war das Gewimmel gestikulierender, rufender, eilender Menschen in den denkbar buntesten Trachten geradezu sinnverwirrend. Sie glaubte es ihrem Bruder, wenn er versicherte, Bukarest sei eine der interessantesten Städte der Welt, da sich hier Morgenland und Abendland in buntester Mischung vereinigen. Staunend und verwirrt stand sie oft still und wollte die Menge der Wagen und Fußgänger erst mal an sich vorüberlassen; aber erzählend und erklärend drängte Karl vorwärts. Welche Gegensätze! Hier in rasender Eile elegante, moderne Equipagen, da schwerbeladene, von Büffeln gezogene Lastwagen, gelenkt von walachischen Bauern. Die Männer in dem kurzen Wams mit dem breiten Ledergürtel und dem roten Fes auf dem Kopfe waren Bulgaren. Hier kamen Serben und Türken, und diese weißbärtigen, ehrwürdigen Gestalten, denen das lange Gewand bis an die Knöchel reichte, waren Juden. Die mit der Lammfellmütze im reichgestickten Schafspelz waren Rumänen. Und durch diese lautwogende Menge erklang langgezogen und melancholisch der Ruf der Wasserträger: »A-a-op!« Hier trug ein anderer auf dem Kopfe bunte Süßigkeiten und rief lebhaft: »Gubri-itsch!«

»Laß uns nach Hause,« bat Amalie, »ich kann nicht mehr.«

Karl aber sagte lachend: »Ja, hier geht's freilich anders zu als in Siebenlehn, aber daran gewöhnst du dich. Komm, ich führe dich noch nach dem Hügel, wo die prächtige Metropolitankirche liegt. Von da aus bekommst du einen Gesamtüberblick über das ganze schöne Bukarest.«

Oben angekommen zeigte er auf das prächtige Städtebild mit den unendlich vielen, glänzenden Kuppeln und Türmen.

»Ist denn zwischen all den Kirchen nicht auch eine deutsche, wohin ich gehen kann?« fragte Amalie.

»Freilich,« sagte Karl, »schon nächsten Sonntag gehen wir hin; und nach dem Gottesdienst besuchen wir unsern lieben Pastor Neumeister, der ist unser treuer Freund und Ratgeber.« –

Mit Sehnsucht sah Amalie dem Sonntag entgegen. – Wenn sie nur eine regelmäßige Tätigkeit gehabt hätte! Sie bat Leanka um Arbeit.

»Arbeiten?« fragte die, »was willst du arbeiten? Du bist doch zu Besuch bei uns. Ich werde doch meine Gäste nicht für mich arbeiten lassen. Erhol' dich, und sieh dir die schöne Stadt an. Im Hause kann ich dir überhaupt schwer Arbeit geben, da ist doch alles eingerichtet. Die Maritza besorgt den Haushalt und ich den Laden.«

»Kann ich denn nicht dem Karl helfen? Ich hab' doch zu Hause dem Vater auch immer geholfen, ich kann gut in Leder nähen. Es wäre mir wirklich eine Beruhigung, wenn ich euch doch etwas helfen könnte.«

»Kein Gedanke! Was würden die Gesellen dazu sagen?«

»Kann ich denn wirklich nichts in der Küche tun?«

»Du und die Maritza können einander ja gar nicht verstehen. Wir kochen hier doch auch ganz anders, und die Fastenspeise muß ich immer selbst bereiten.«

»Ich bin an ein sehr tätiges Leben gewöhnt, hilf mir zu einer tüchtigen Arbeit, sonst komme ich um in nutzlosen Grübeleien.«

Leanka dachte etwas nach, dann fragte sie: »Kannst du häkeln oder sticken?«

»Nein,« sagte Amalie abweisend, »dazu hab' ich auch gar keine Lust. Was soll das? Unnützer Firlefanz!«

»Na, ich dachte, du könntest es bei mir lernen. Ich hätte ganz gern noch eine Garnitur Deckchen. Komm, du weißt gar nicht, wie du es noch einmal im Leben brauchen kannst, ich will es dir zeigen.«

»Hm,« machte Amalie widerwillig.

Nun wurde Leanka ganz eifrig; sie holte Garn und Nadel und zeigte die Griffe. – Nach einer Weile kam sie aus dem Laden zurück und sagte ärgerlich: »Wie kannst du dich nur so anstellen; immer hör' ich dich da drinnen zählen und dann wieder schelten. Kannst du denn nicht einmal diese leichte Arbeit lernen? Es ist ja ein Kinderspiel! Gib her! Komm mir aber nicht wieder mit deinen Klagen um Arbeit.«

»Wenn ich etwas tu', so soll's doch auch einen Zweck haben; aber was sollen diese Lappen?«


Ein paar Tage danach hörte Leanka ein leises Weinen, sie horchte und hörte, wie Charitas sagte: »Es schmeckt so schlecht, ich mag nicht mehr.«

»Komm,« sagte Amalie überredend, »nur noch einen kleinen Teelöffel voll, du hast mir den vorigen ja ganz verschüttet. Nur wenn du die Medizin schluckst, kann es besser werden. Sei artig, und schluck schnell hinunter.«

Aber die Kleine schüttelte sich vor Widerwillen und versuchte wieder die Hand zurückzuschieben.

In diesem Augenblick trat Leanka ins Zimmer, bewegte prüfend die Nasenflügel und sagte scharf: »Was ist denn hier für ein abscheulicher Geruch? Hast du etwas gekocht? Es riecht ja ganz nach Apotheke. Was hast du denn mit dem Kinde vor?«

»Hast du gar nicht bemerkt, daß das Kind schon tagelang entzündete Augen hat? Das ist doch eine Schärfe, die heraus muß; da hab' ich ihr nur eben eine Medizin gekocht.«

»Spuck das Zeug aus, Sophie! Du siehst doch, daß das arme Kind einen Widerwillen gegen das Teufelszeug hat; wie kannst du sie nur so quälen? Wie wagst du es überhaupt, so an ihr herumzupfuschen? Das gibt sich doch von selber, es wird nur etwas Erkältung sein; und sonst holen wir den Doktor. Komm, mein Herzchen, komm du zu deiner Tante! Wirst du solch ekelhaftes Zeug nehmen, – pfui!«

»Leanka, – wie kannst du! – Du weißt doch auch, daß mein Mann Medizin studiert hat, und daß er jahrelang Apotheker war, von ihm habe ich manches gelernt.«

»Ich werde mit dem Karl sprechen, der soll dir das Kurieren ein für allemal verbieten. Es ist ja unausstehlich! Wenn nun jemand kommt, man muß sich ja genieren!«


Eines Tages saß Amalie und starrte gedankenlos auf das »Bukarester Tageblatt«. Plötzlich aber nahm ihr leerer Blick einen bewußten Ausdruck an. Was stand da? »Gesucht wird sogleich ein Fräulein zur Hilfeleistung bei Kranken und zur Stütze der leidenden Hausfrau.«

Wie, wenn sie sich hier meldete? Hatte sie sich in Wien und Pest zurechtgefunden, so würde es hier auch glücken. Also vorwärts!

Ihre Bewerbung hatte Erfolg, und erst nachdem alles abgemacht war, teilte sie ihren Geschwistern die fertige Tatsache mit. Alles Abraten half nichts; man mußte sie gehen lassen.

Nach vier Wochen kam sie zornbebend zurück. Die Arbeit hätte sie so gut tun können, die gefiel ihr, obgleich sie neu und nicht leicht war. Aber der schlechte Mensch, der Doktor!

Die Geschwister sagten nicht viel dazu, nur Leanka meinte, das hätte sie ja voraus gesagt. Man könnte nichts anderes erwarten, wenn man ohne Erkundigung drauf los liefe.


Endlich kam das Frühjahr. Eines Tages – es war an einem freundlichen Sonntag – machten Nelles mit deutschen Bekannten eine Partie ins Freie. Leankas große Sorge war, daß sich alle recht vorteilhaft kleideten. Die kleine Gesellschaft zog vergnügt durch die Stadt. Im Freien angekommen rief Amalie plötzlich in großer freudiger Erregung: »Ach – Blumen! Endlich wieder Blumen!« und eilig, als könnten ihr die Blumen davonlaufen, lief sie querfeldein, mitten hinein in die sumpfige Wiese und pflückte mit Hast und Gier, daß ihr Gesicht glühte und ihre Augen strahlten, als wäre ihr ein unverhofftes Glück begegnet. Die Gesellschaft sah ihr verblüfft nach. Endlich, endlich hatte sie genug; mit beiden Händen hielt sie ihre Beute. Der Hut war in den Nacken gerutscht, die Strümpfe, die noch soeben blendend weiß gewesen, waren schwarz und naß, und das duftige Sommerkleid war verknüllt und hatte einen breiten Schmutzsaum.

Leanka bebte vor Erregung: »Wie siehst du aus!« rief sie, »es ist ja eine Schande, mit dir zu gehen! Denkst du denn gar nicht an die schönen Sachen?«

Karl versuchte zu vermitteln, aber Leanka sagte bestimmt: »Nein, so kann sie sich wirklich nicht sehen lassen. Hier ist der Hausschlüssel, geh nach Hause!«

»Komm, Charitas,« sagte Amalie bittend.

»Sophie bleibt bei uns; komm, mein Herzchen, gib mir die Hand.«

An dem schönen Sonntag war es stiller als sonst auf den Straßen, da die meisten heute Erholung im Freien suchten. Wie konnte man sich nur in einer so großen Stadt so namenlos einsam fühlen? Warum stiegen ihr denn schon wieder die Tränen hoch, als sie so allein durch die Straßen ging? Sie war doch in Bukarest, – in der Freudenstadt!

Im Hause angekommen, vergaß sie ihr Leid in der Freude über ihre gesammelten Pflanzen. Wie lange war es her, seit sie sich mit diesen Dingen beschäftigt hatte. Sie durchstöberte alle Winkel nach Lösch- oder Druckpapier. Auf dem Boden fand sie alte Zeitungen, nun noch ein Brett und einen Stein, dann begab sie sich ans Einlegen der Pflanzen. Wozu? – Es hatte keinen Zweck; aber es war eine schmerzlich süße Freude, die alte, liebe Beschäftigung wieder zu haben. Mit zarter Berührung untersuchte sie die verschiedenen Blumen; und unter einem Gemisch von innerem Jauchzen und tiefem Weh freute sie sich, wenn sie herausfand, welcher Art und Gattung die Pflanzen angehörten.

Aber am andern Tag fuhr Leanka dazwischen: »Was ist denn das nun wieder?! Oben in deiner Stube finde ich einen Papierstoß, der mit einem großen Stein beschwert ist. Schleppst du mir Straßensteine ins Haus? Du bist wohl verrückt! Laß doch den Unsinn! Du machst mir das Haus unordentlich. Wenn du nicht gleich alles wegbringst, muß ich die Maritza hinaufschicken. Diese Albernheiten haben dir in Siebenlehn wahrhaft kein Glück gebracht; ich dachte, du hättest die Sache satt.«

Gehorsam, aber tief seufzend, nahm Amalie ihre lieben Blumen und warf sie auf den Schutthaufen. Konnte sie sich beklagen? Leanka machte nur von ihrem Hausrecht Gebrauch; und Amalie hatte ja wiederholt gehört, daß sie nur ein Gast im Hause sei.

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