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Amalie Dietrich

Charitas Bischoff: Amalie Dietrich - Kapitel 15
Quellenangabe
typebiography
authorCharitas Bischoff
titleAmalie Dietrich
publisherG.Grote'sche Verlagsbuchhandlung
seriesGrote'sche Sammlung von Werken zeitgenössischer Schriftsteller
volumeSiebenundneunzigster Band
year1909
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
created20080319
projectid74f86c48
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15

Stirb und werde

»Es ist unglaublich,« sagte Dietrich eines Tages, »weder die aus Tetschen noch die aus Berlin schicken das Geld für die Herbarien. Was soll denn werden? Der Lohn für die Stütze, der nach deinem Wunsche gleich ausgezahlt werden mußte, hat auch ein großes Loch in die Kasse gerissen, damit hätte man doch auch warten können!«

»Nein, damit konnte man nicht warten!« sagte Amalie hart.

»Gut. – Aber was weiter. Zweimal habe ich nun schon nach Tetschen geschrieben, einmal nach Berlin, keiner antwortet. – Was denken die denn, wovon man leben soll? – Es bleibt mir wahrhaftig nichts anderes übrig, als daß ich selbst nach Berlin reise, um Geld zu holen.«

Amalie drehte sich überrascht um und sagte bittend: »Das meinst du doch wohl nicht im Ernst? – Du kannst doch nicht darum nach Berlin reisen? Wir können uns doch unmöglich jedesmal unser Geld persönlich holen!«

Dietrich schüttelte ungeduldig den Kopf und sagte gereizt: »Wenn du dir doch kein Urteil in Dingen erlauben wolltest, von denen du absolut nichts verstehst! Wenn ich nach Berlin reise, so hole ich nicht nur das Geld, ich nehme doch Bestellungen an.«

»Und mich willst du hier ganz allein lassen? Ach, Wilhelm, ich bitte dich, geh doch nicht fort! – Ich weiß gar nicht, aber ich habe so eine bange Ahnung, als ob uns ein Unglück bevorstände! – Glaubst du eigentlich an Vorahnungen?«

»Unsinn! – Dir hängen noch so allerhand Reste von der Niederstadt an. Dergleichen gehört zur Krummbiegeln. Es ist nicht das erstemal, daß ich verreise, hoffentlich auch nicht das letztenmal. Du weißt doch, daß das Reisen zu unserm Beruf gehört. Gewöhne dich daran.«

»Du bedenkst nicht,« sagte Amalie klagend, »daß ich noch nie so allein zurückgeblieben bin, sonst waren doch meine Eltern hier. – Schluchzend fuhr sie fort: »Laß mich nicht so allein! Ich fürchte mich in dem alten unheimlichen Hause.«

»Na ja, vor bösen Geistern! Wie kann man nur so kindisch und unselbständig sein! Man merkt dir an, daß du nie vom Schürzenzipfel deiner Mutter weg gekommen bist. Mich verschone mit Ahnungen und Furchtvorstellungen. Laß uns lieber ganz sachlich überlegen, was während meiner Abwesenheit zu tun ist. Jetzt zeige, was du gelernt hast. Kannst du selbständig eine Sammlung Giftpflanzen herrichten? Das ist keine ganz einfache Sache, denn das Zeug schleicht sich in fast alle Klassen. Such' dir alles zusammen und dann zieh' auf. Das Aufziehen machst du prächtig, und daran hast du ja große Freude. Du hast Ruhe und Platz, alle Arbeitstische stehen dir zur Verfügung. Die Etiketten suche dazu aus, klebe sie aber noch nicht fest, ich möchte sie vorher sehen, damit keine falsche Bestimmung unterläuft. Nun mach' mal deine Sache so gut wie möglich!«

Amaliens Augen leuchteten in heller Freude, und sie fragte zärtlich: »Ach, glaubst du denn wirklich, daß ich das ohne dich fertig bringe?«

»Das möchte ich ja grade wissen! Es bringt dich einen großen Schritt vorwärts, wenn du ohne mich arbeiten kannst. Wenn ich erst wieder mehr ans Reisen komme, mußt du ja ohnedies alles allein tun.«

Dietrich traf seine Vorbereitungen und reiste ab. –

Amalie ging mit Eifer an ihre Aufgabe. Sie stand vor den hohen Gestellen und studierte an den Etiketten herum, dann holte sie die Trittleiter und kletterte auf und ab. Ein Paket nach dem andern holte sie herunter und suchte sich ihr Material zusammen. Also, – dachte sie bei sich, – für das »Aufziehen« hatte Wilhelm doch Anerkennung. Das war ja aber auch eine Freude, jeder Pflanze vor ihrem Ausgang in die Welt das möglichst günstigste Ansehen zu geben. Aus den grauen Löschpapierumhüllungen kamen sie nun auf das schöne, weiße Schreibpapier. Wie sorgsam suchte Amalie in den Vorräten herum, um möglichst schöne vollständige Exemplare zu finden. Mit Geschick und Geschmack ordnete sie jede einzelne Pflanze. Der schlanke Blütenstengel wurde durch kräftige Wurzelblätter ergänzt und vervollständigt, und, soweit es der Charakter der Pflanze erforderte, wurden Knospen und Samen beigefügt. Wie sorgsam ordnete Amalie, bis das Ganze ein möglichst gefälliges und vollständiges Bild bot. Oft stand sie auf, trat ein paar Schritte zurück und ließ das Bild aus der Ferne auf sich wirken, dabei glitt hin und wieder ein Lächeln über ihr Gesicht, wenn ihr die Erinnerung kam, wo und wann sie die Pflanze gesammelt hatte. Erst wenn sie ganz zufrieden war, befestigte sie die Pflanze mit gummierten Streifen. Sie hatte keine Empfindung von Einsamkeit, denn sie hatte sich mit voller Hingabe in ihre Arbeit vertieft. Nun aber kam die kleine Charitas und zupfte sie zaghaft am Ärmel.

»Na,« sagte Amalie freundlich, »dich armen kleinen Schelm hatte ich ja ganz vergessen! Was willst du denn?«

Das Kind zeigte auf die Trittleiter und sagte bittend: »Darf ich mit der Kletter spielen?«

Die Mutter lachte und sagte: »Wenn's nur kein Unglück gibt und das ganze kleine Charichen mit der großen Leiter umpurzelt?«

Das Kind schüttelte ernsthaft den Kopf und machte sich stöhnend daran, die Leiter ins andere Zimmer zu schieben, dabei rief es ächzend: »O wie schwer die Kletter is! Wie ich mich aber plagen muß!«

Lachend rief Amalie: »Du dummes, kleines Ding! Wer verlangt denn, daß du dich so plagst? Spiel' doch lieber mit der Hitsche, da fällst du auch nicht so tief, wenn die mal kippt. Wo willst du denn mit der Leiter hin?«

»Andere Stube, Tiere sehen.«

»Daß du aber nichts anfaßt! Denk an Vater!«

Amalie arbeitete weiter; das Kind war eine Weile ganz still, plötzlich aber kam es vergnügt angelaufen, es hatte sich eine der Botanisierkapseln über die Schulter gehängt; der Riemen war so lang, daß die Kapsel fast die Diele berührte.

»Mutter,« rief sie lebhaft, »ich bin gar nicht Täschen, ich bin Schneider-Agneschen, und hier ist meine Tasche, und da hab' ich einen Brief drin, und jetzt klopf' ich an, und da mußt du ›herein‹ sagen!«

»So? Na dann klopf nur! Herein!« Die Kleine öffnete mit drolliger Wichtigkeit die Kapsel und sagte: »Guten Morgen, Herr Dietrich, hier hätt' ich ein Briefchen für Sie!«

»Ich danke Ihnen. Bin ich etwas schuldig?«

»Nein, ist frankiert!« und lachend hielt das Kind der Mutter einen Brief hin.

»Woher hast du denn den Brief?« fragte die Mutter.

»O du Mutter!« rief die Kleine ärgerlich, »du machst mir gar keinen Spaß! Ich bin doch gar nicht dein Kind! Ich bin doch das Schneider-Agneschen!«

Amalie wollte den Brief gleichgültig hinlegen, da sie meinte, es sei ein Geschäftsbrief. Aber als ihr Blick auf die Handschrift fiel, wurde sie aufmerksam und fragte nochmals, aber jetzt hart und streng: »Woher hast du den Brief?«

»War in der Schlafstube, und da hing Vaters Rock. – Wollte dir einen Pfennig bringen, – war keiner. – Aber der Brief war da. Mutter, nicht böse sein! – Nicht wieder tun! –«

Die Kleine steckte weinend das Gesicht in den Rock der Mutter; denn die Mutter, ach, die sah so anders aus, als einige Minuten vorher. Und die Stimme erst! Die war so ganz fremd und kalt! Endlich sagte die Mutter: »Geh zu Tante Clärchen und frag', ob du heute da bleiben kannst!«

»Ach nein, Mutter! So gern bei dir bleiben. Nicht zu Tante Clärchen! Will artig sein, ganz gewiß artig sein! Nie wieder einen garstigen Brief bringen!«

»Geh!« sagte die Mutter und schob die Kleine von sich.

Amalie legte den Brief stöhnend beiseite.

»Also deshalb die Reise nach Berlin!« sagte sie tonlos und stand auf. Ach, dieses unheimliche Rauschen in ihrem Kopf! Als ob brausende Wassermassen auf sie zustürzten, so war ihr zumute.

»O Gott! Also darum!«

Ein wilder Schmerz schüttelte sie.

Ihr Blick fiel auf ihre Arbeit. »Giftpflanzen!« rief sie verächtlich, »ja, du hast recht, sie finden sich in allen Klassen!«

Zitternd fuhr ihre Hand über die schön geordneten Pflanzen. O, dies Weh! Nein, das hielt sie nicht aus! Der Mühlgraben! – Nach dem Mühlgraben mußte sie. Aber Abschied nehmen mußte sie vorher, Abschied von dem einzigen, was außer dem Kinde ihre Teilnahme noch in Anspruch nahm. Sie eilte auf den Gottesacker. Hier trieb der Herbstwind die dürren Blätter umher; hie und da hatten sich manche, gleichsam Schutz suchend vor seinem kalten Hauch, eng zusammengedrängt und sich dicht an die Hügel geschmiegt. Suchten die Erstorbenen Schutz bei den Toten? –

Bebend setzte sie sich auf den Hügel, unter dem die Mutter ruhte. Vor ihrem Geiste tauchte das Bild der lieben Verstorbenen auf, und zwar erschien sie ihr in so verklärtem Lichte, so befreit von jeglichem, was an menschliche Schwäche erinnerte, daß ihr ihr eignes Selbst in ganz erbärmlichem Gegensatz daneben erschien. Von Reue und Schmerz überwältigt flüsterte sie leidenschaftlich: »O du Gute, Edle! Wie schroff, unartig und übermütig bin ich im stolzen Gefühl meines Glückes oft zu dir gewesen! Und doch hast du mir nie zürnen können. Wie ein geduldiger Engel bist du mir helfend zur Seite geblieben. Ersatz wollte ich für dich? Ja, du solltest nur wissen, wie du ersetzt wurdest! – O, hätte ich dich doch nur eine einzige Stunde wieder, nichts anderes solltest du hören als heißen Dank für deine Treue! Zu spät! – Ich will erst Rache nehmen, dann komme ich zu dir. – Ich weiß wohl, was du sagen würdest: ›Die Rache ist mein, ich will vergelten, spricht der Herr.‹ Nein, Mutter, nein! Mein ist der Schmerz, mein darf auch die Rache sein. Rache ist süß! Nichts kann ich mir ausdenken, was ihr annähernd so weh tun könnte, als was sie mir getan hat! Mutter, gönn' mir die Rache!« Ihr irrender Blick blieb auf dem Leichenstein haften. Sie las: »Wer überwindet, dem will ich die Krone des Lebens geben.« Überwinden? War Rachenehmen überwinden? – Nein! Wer sprach denn hier zu ihr vom Überwinden? Sie konnte nicht überwinden. Von ihr konnte man das nicht verlangen. Eine Krone sollte sie haben, wenn sie überwinden konnte? Sie wollte keine Krone! Ihr Glück wollte sie! Es gehörte ihr! Es war ihr frech gestohlen. – »Mutter, wenn du noch lebst, wie der Pastor sagte, weshalb sagst du gar nichts? Gib mir doch nur ein Zeichen! Auf ebener Bahn sollten wir gehen, das war eins deiner letzten Worte. Ist der Mühlgraben eine ebene Bahn? Ich höre deine sanfte Stimme: ich soll überwinden. Du willst, daß ich die Krone des Lebens erwerbe. – Mutter! – Mutter! – Habe ich denn böse Gedanken? Soll ich fliehen? – Ach wohin? – Gott will nicht den Tod des Sünders, – nicht ihren – nicht meinen! – Er will, daß der Sünder sich bekehre und lebe!«

Wie im Fieber eilte Amalie zu Clärchen, um das Kind abzuholen. Die erstere kam ihr entgegen und rief: »Na, da bist du ja endlich! Aber wie siehst du denn aus? – Hast du das Schneider-Agneschen getroffen? Nicht? – Sie war vor kurzem hier und suchte dich. Sie hatte einen Brief von weit her, fünf große Siegel waren hinten drauf, ein Geldbrief. Sie wollte ihn nicht hier lassen, sie sagte, ihr Bruder litte es nicht, erst recht nicht mit einem Geldbrief. Willst du gleich zu ihr? Dann laß das Kind nur noch so lange hier.«

In dem Brief war das erwartete Geld aus Tetschen. Es waren 53 Taler.

»Mutter!« flüsterte sie erregt, »kommt das von dir? Ja, du bist gestorben und lebest doch!«

Auf Umwegen, das Städtchen vermeidend, ging sie langsam in die Niederstadt zum Vater.

»Du könntest mir Karls Adresse geben,« sagte sie mit müder Stimme.

Der Vater schob ihr einen Stuhl hin, suchte in der Kommode und reichte ihr den Zettel.

»Schreib' sie dir ab,« sagte er, »und laß mir den Zettel hier.«

Er gab ihr Feder und Tinte. Im Stehen schrieb sie die Adresse und fragte: »Hast du etwas an den Karl zu bestellen?«

»Nichts Besonderes. – Viele Grüße. Willst du ihm schreiben?«

»Nein, ich reise zu ihm.«

»Du?« sagte der Vater, »du zum Karl? – Das wirst du hübsch bleiben lassen! Du da hinunter? Da hab' ich keine Angst, du kommst nicht weit. – Aber so seh' dich doch wenigstens. – Bist du krank? Du willst mir wohl nicht sagen, was dir fehlt; aber laß nur, ich weiß es schon. – Du bist nicht die Erste und wirst nicht die Letzte sein, die so was durchzumachen hat. So etwas muß durchgekämpft werden! Geh nun hübsch heim und mach' deine Sache. Du denkst, die Welt geht aus den Fugen; aber die geht ruhig ihren Gang. Du selbst bist an vielem schuld. Ich bin durchaus gegen die Heirat gewesen, aber da war eine Seligkeit, wie sie noch nie auf Erden gewesen war. Da wurde der Mann – der nicht besser ist wie andere Menschen auch – der wurde zum Gott gemacht! Abgötterei hast du getrieben, und das soll nicht sein! Wie kannst du so dumm sein und ihm solche hübsche Gans vor die Nase setzen? Hochmut kommt vor dem Fall. Einen Handwerker, – bewahre! Der doppelt Studierte mußte es sein. Du hast dich immer über die Leute hinausgereckt, was denkst du wohl, was die jetzt sagen? Aber geh in dich, und nimm es auf dich; es gibt sich. So, so, nun sei verständig, und wolle nicht immer mit dem Kopf durch die Wand.«

»Leb' wohl, Vater.«

»Adje, adje! schreib' dem Karl, schütt' ihm dein Herz aus, dagegen hab' ich nichts. Laß aber alle wilden Gedanken, hörst du?«


Jetzt konnte Amalie sich den Gang durchs Städtchen nicht ersparen, sie wollte nach dem Rathaus. Da half kein Sträuben, sie mußte durch die ganze Niederstadt, durch Gassen und über den ganzen Marktplatz. Und alle Leute, meinte sie, wüßten von ihrem Kummer und gönnten ihn ihr. Konnte sie es ihnen verdenken? Wie oft hatte sie die Leute vor den Kopf gestoßen durch ihre Schroffheit. Ob alle die Frauen, die da am Brunnen standen, wohl gerade über sie lachten? Nein, zu ertragen war es nicht. An all den Fenstern mußte sie vorüber. Von jedem war sie gekannt, und nun standen sie hinter ihren Blumenstöcken und beobachteten sie. Diese Formalitäten auch! Weshalb konnte sie nicht ihr Kind bei der Hand nehmen und ans Ende der Welt wandern? Aber sie mußte, sie mußte jetzt zum Stadtrichter. Würde er sie ziehen lassen? O, wie ihre Knie zitterten!

Auf ihr schüchternes Klopfen erfolgte ein energisches »Herein!«

Der Stadtrichter war ein kleiner schneidiger Herr mit scharfen Zügen und klugen, grauen Augen. Er stand bei Amaliens Eintritt von seinem Pulte auf, begrüßte sie und fragte nach ihrem Anliegen.

»Ich möchte Sie bitten, mir für mich und das Kind einen Paß auszustellen.«

»Wohin wollen Sie?«

»Nach Bukarest.«

Der Stadtrichter trat überrascht einen Schritt zurück und sagte: »Nach – – Bu-ka-rest? Ist denn Herr Dietrich schon wieder von Berlin zurück? Der hat sich doch erst in diesen Tagen auch einen Paß geholt.«

»Nein,« sagte Amalie.

Der Stadtrichter strich sich das Kinn, während seine Augen prüfend auf Amaliens Gesicht ruhten.

»Sind Sie denn schon je allein gereist?« fragte er.

»Nein.«

»Ich weiß wohl,« sagte er nach einigem Nachdenken, »Sie haben Kummer, und – es ist vielleicht richtig, daß Sie zu Ihrer eigenen Beruhigung eine kurze Zeit weggehen, bis alles wieder in die rechten Bahnen gelenkt ist. Aber so weit, – in dieser Jahreszeit – und mit dem Kinde! Haben Sie das alles bedacht? – Und sind Sie denn mit Geld versehen?«

Sie legte den Brief auf den Tisch und sagte: »Hier sind 53 Taler, meinen Sie, daß ich damit die Reise bestreiten kann?«

»Nein, das weiß ich gar nicht. Ich glaube, wenn man in diese Gegenden kommt, hört jede Berechnung auf. Da können Zufälligkeiten mitspielen, an die hier kein Mensch denkt. Sie kommen nicht mit der deutschen Sprache aus. – Sie wollen zu Ihrem Bruder?«

Amalie nickte.

»Weiß er, daß Sie kommen?«

»Nein.«

»Wissen Sie etwas von seinen Verhältnissen?«

»Er ist verheiratet, und ich glaube, es geht ihm nicht schlecht.«

Der Stadtrichter holte eine Landkarte herbei, schlug sie vor Amalie auf und sagte: »Sehen Sie, hier etwa sind wir, und nun sollen Sie ganz hier hinunter. Wissen Sie, wie Sie nach Dresden kommen?«

»Ich hab' mir's durch den Kopf gehen lassen. Mein Gepäck gebe ich bis Dresden dem Fuhrmann Märker mit. Ich selbst gehe mit dem Kinde nach Nossen; von da fahr' ich mit Stöbers Wochenwagen bis Dresden.«

»Ja, ja, so weit geht's ja flott, aber nun! – Sehen Sie, von Dresden nehmen Sie die Eisenbahn bis Prag. Hier, dieses Pünktchen ist Prag. – Von Prag fahren Sie nach Wien. Hier ist Wien.«

Amalie sah die Pünktchen und nickte.

»In Wien, – nun passen Sie auf, Frau Dietrich, – in Wien müssen Sie auf die türkische Gesandtschaft und Ihren Paß visieren lassen. Vergessen Sie das ja nicht!«

»Nein,« sagte Amalie und starrte auf die vielen Pünktchen, Linien und Namen, die da in den verschiedensten Farben vor ihr lagen.

»Von Wien nach Pest. Hier erkundigen Sie sich nach den Schiffen, welche die Donau abwärts fahren. Ob immer Schiffe gehen, ich weiß es nicht. Hier in Pest müssen Sie jedenfalls fragen, wie es weiter geht. – Ich bewundere Ihren Mut!«

»Ach, Herr Stadtrichter, Mut? – Ich habe gar keinen Mut, aber ich muß fort, weit, weit weg, sonst –«

»Nun, verzweifeln Sie nicht! Gottes Hand reicht auch bis in die Walachei. Haben wir nicht gelernt: Nähme ich Flügel der Morgenröte und bliebe am äußersten Meer, so würde mich doch deine Hand daselbst führen, und deine Rechte mich leiten.«

Er gab ihr den Paß, und als Amalie ihm dankte, sagte er: »Auf Wiedersehen! – Nein? – Ach, Frau Dietrich, des Menschen Sinn ändert sich. Ich glaube an ein Wiedersehen mit Ihnen, und zwar nicht erst in jenem Leben!«

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