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Amalie Dietrich

Charitas Bischoff: Amalie Dietrich - Kapitel 14
Quellenangabe
typebiography
authorCharitas Bischoff
titleAmalie Dietrich
publisherG.Grote'sche Verlagsbuchhandlung
seriesGrote'sche Sammlung von Werken zeitgenössischer Schriftsteller
volumeSiebenundneunzigster Band
year1909
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
created20080319
projectid74f86c48
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14

Die Stütze

Gleich am nächsten Tage ging Amalie zur alten Pfeifern, die als Botenfrau weit herum, ganz bis hinauf nach Freiberg kam, und gab ihr den schwierigen Auftrag, sich nach einer passenden Stütze umzusehen. – Die Pfeifern war pfiffig und findig, und schon bald kam sie mit der Nachricht, daß sie ganz gefunden, was Dietrichs suchten.

Pauline Wallfahrt war Waise, lebte bei einer Tante, wollte aber gern mal unter andere Leute. Der Lohn spielte weiter keine Rolle, sie wollte sich aber nicht binden, wollte ihr Kommen vorläufig als Besuch oder als Probezeit aufgefaßt wissen, paßte es ihr nicht, wollte sie jederzeit ungehindert wieder gehen können. Dasselbe Recht stände Dietrichs zu. Bequemer konnte es nicht sein, und hocherfreut ging Amalie auf alles ein. Besonders gut gefiel ihr die Möglichkeit, das junge Mädchen bald wieder los zu werden für den Fall, daß sie nicht zueinander paßten. Denn wenn sie sich auch einerseits die Stütze wünschte, so hatte sie anderseits große Angst davor. Sie war nie mit fremden Menschen in so nahe Beziehungen getreten; jetzt sollte sie anordnen, Lehrmeisterin sein für Dinge, die sie selbst so wenig verstand. – Sie dachte seufzend, es sei wohl leichter, zu gehorchen als zu leiten.

Und dann kam Paula. Sie war eine ungewöhnlich schöne Erscheinung, die auf die kleinere, unscheinbarere Amalie mit einer gewissen Herablassung herniedersah. Das hübsche, frische Gesicht mit dem feinen Näschen und den großen, blauen, lachenden Äugen wurde von einer Fülle rötlichblonden Haares wie von einem Heiligenschein umstrahlt. Wie gesponnenes Gold gleißte und glitzerte das wellige Haar. Ja, der Blick wurde unwillkürlich immer wieder hingezogen zu diesem lachenden Gesicht. Aber wie konnte man die anstellen, wie von der ganz gewöhnliche Dienstleistungen verlangen? Wie mochte man der offenbaren, daß hier äußerste Sparsamkeit geboten war? Die war doch von der Natur zum Herrschen und nicht zum Dienen bestimmt! Schüchtern und unsicher führte Amalie die Stütze in den kleinen Hausstand ein. Ach, so schwer hatte sie sich das Anleiten nicht gedacht. Es machte sich schon schlecht, wenn man als Herrin zur Dienenden emporsehen mußte. Amalie wurde rot und verlegen, wenn sie Paula die Kisten mit den Kleidern und der Wäsche zeigte; sie entschuldigte sich, daß die Schränke für die Sammlungen gebraucht wurden; und ganz hilflos fühlte sie sich, wenn sie das hochmütige Lächeln sah, wenn sie den überlegenen Ton in der Stimme hörte. Fand sie selbst nicht den rechten Ton?

Mit ihrer Hausarbeit war Paula bald fertig, und dann erbot sie sich, bei den beruflichen Arbeiten zu helfen. Dietrich war jedesmal sichtlich erfreut, wenn sie ihre Hilfe anbot. Nicht so Amalie! Paulas Auffassung von der Natur war so oberflächlich; sie zeigte bei den Arbeiten nicht den geringsten Ernst. Aber grade auf diesem Gebiet verstand Amalie keinen Spaß, da paßte sie Paula scharf auf die Finger; und so entstand ein Kampf, der vorläufig nur von den beiden empfunden wurde.

Erst leise vorfühlend, aber dann von Tag zu Tag dreister werdend, wußte Paula alles, was Amalie fehlte, in ein grelles Licht zu rücken, dagegen alles das, was Amalie leistete, zu verkleinern und lächerlich zu machen. Sie wußte sich an alle Arbeiten heranzudrängen, bei deren Ausführung Amalie schon eine große Fertigkeit an den Tag gelegt hatte. Spöttisch lächelnd stellte sie sich neben Amalie, als die einen Papierbogen voll Käfer vor sich liegen hatte.

»Das würde ich viel schneller tun,« sagte sie herausfordernd, »darf ich mal probieren?« wandte sie sich mit einschmeichelndem Lächeln an Dietrich.

»Willst du sehr vorsichtig sein?«

Da griff sie schon nach den Käfern und nahm die Hälfte für sich.

Ärgerlich beobachtete Amalie die Arbeit der anderen, dann rief sie empört: »Das ist nicht mit anzusehn! Wie plump greifst du zu! Laß sie liegen, du brichst ihnen Beine und Fühlhörner ab. Wilhelm, richte ihr doch eine Papparbeit ein!«

»Ach!« lachte Paula, »so viel Wesen um ein winziges Käferlein!« Sie hielt das Beinchen auf der Spitze des Zeigefingers, ging damit lachend hin zu Dietrich, während sie im kindischen Leierton sang:

»Ohne – Dohne – Gänseschnabel,
Wenn ich dich im Himmel habe,
Reiß' ich dir ein Beinchen aus,
Mache mir ein Pfeifchen draus!«

»Kannst du nicht ernst arbeiten!« sagte Dietrich verweisend, »meine Frau hat dir doch gesagt, daß er wertlos ist, wenn du ihn lädierst!«

»Mache mir ein Pfeifchen draus!« sagte sie lachend und wiegte bedauernd den Kopf.

»Wie kannst du das mit ansehn?« sagte Amalie zornbebend.

»Lernt man denn diese kniffligen Dinge alle an einem Tage?« fragte Paula und sah Dietrich mit unschuldiger Miene an. »Können andere das lernen, so kann ich's auch. Was meinen Sie?«

»Dumm bist du wohl nicht, aber gar zu leichtsinnig. Gib dir mal Mühe, dann wird's wohl mit der Zeit!«


An einem Herbsttage traf Amalie die Krummbiegeln im Zellaer Walde. Sie hatte sich einen Tragkorb voll Tannenzapfen gesammelt. Bei Amaliens Anblick streckte sie den krummen Rücken und sagte: »Na, Malchen, sieht man dich ooch emal! Was machste denn? Aber sag' mal, was habt ihr eich denn Kurioses eingetan!«

Als Amalie schwieg, hob sie den dürren Zeigefinger und sagte kopfschüttelnd: »Solche Haare und Erlenholz wachsen auf keenen guten Boden!« Dann trat sie dicht an Amalie heran und flüsterte geheimnisvoll: »Siehst du denn ni, was die im Haar hat?«

»Was die im Haar hat? Wieso?«

»Die hat Hex-en-gold!« flüsterte die Alte. »Siehste, Gold bringt allemal Unglück, ich möcht' keens haben, um alles in der Welt nich! Aber ganz besonderes Unglück bringt Hexengold. Denk' an meine Worte, die verhext eich noch alle! Siehste, früher wurden solche verbrannt, aufm Scheiterhaufen! Und recht geschah ihnen!«

Amalie lachte gezwungen und sagte: »Was habt Ihr doch viel mit Zauberern und Hexen zu tun? Was habt Ihr denn meinem Mann nachgesagt!«

»Das nehm' ich ooch nich zurück! Hat er dich etwa nich verzaubert? Und den Mendler Fritze und den Donath aus Reichenbach! Läuft der nich jetzt hinter ihm her un sucht nun ooch Kreiticht, statt daß er seine Strumpwirkerei besorgt! Du solltest es gerade wissen, daß alles so eintrifft wie ich's prophezei', 's is aber keen Globen mehr in der Jugend. Aber was ich dir sage, nimm dich in acht vor den Haaren, die bringen ganz bestimmt Unglück. Ich sag', ins Feier dermit!«

»Ein Mädel verbrennt sich nur nicht so leicht, wie damals Mendlers Schürze; und das Schlimme war, es half nicht einmal.«

Damit ging Amalie sinnend nach Hause.


Nicht lange danach hörte Amalie oben in einer der Kammern ein klägliches Weinen. Aufgeregt eilte sie hinauf, da fand sie das Kind blutend an einer Kiste lehnend. Paula stand mit verschränkten Armen daneben.

»Was ist mit dem Kinde?« fragte Amalie aufgeregt, »hast du etwa das Kind geschlagen?«

»Ich schubste sie, da ist sie gegen die Kiste gefallen. Die wird noch manchen Schubs im Leben kriegen.«

»Aber nicht von dir! Du unterstehst dich, mein Kind zu schlagen? – Das Maß ist voll. Ich will dich nicht mehr sehen! Pack' deine Sachen und geh.«

»Herr Dietrich wird mich bei seinen Arbeiten brauchen.«

»Ich werde dich ersetzen.«

Eine Stunde später waren Dietrichs wieder ohne Stütze.

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