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Am Wege

Herman Bang: Am Wege - Kapitel 6
Quellenangabe
typefiction
authorHerman Bang
titleAm Wege
publisherS. Fischer, Verlag
printrun62. bis 71. Auflage
yearo.J.
correctorJosef Muehlgassner
senderwww.gaga.net
created20150505
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Fünftes Kapitel

Einige Tage später reiste Kathinka nach ihrer Vaterstadt.

Einer ihrer Brüder hatte dort ein Kaufmannsgeschäft – bei ihm wohnte sie –; die anderen Geschwister waren in alle Winde zerstreut.

Ihre Schwägerin war eine liebe, kleine Frau, die jedes Jahr ein Kind zur Welt brachte und halb geniert und eingeschüchtert in ihrer ewigen Schwangerschaft herumtründelte. Sie war sehr bequem geworden und zum Teil auch ein wenig verdummt. Sie hatte ja auch weiter nichts zu tun, als Kinder in die Welt zu setzen und zu nähren.

Im Hause befand sich unter den Zimmern immer eins, in dem man nicht dazu gekommen war, die Gardinen aufzuhängen; diese lagen gesteift bereit und harrten ihrer Bestimmung, über alle Stühle zerstreut. Gewaschen wurde im Hause stets der vielen Kleinen wegen, überall sah man Schnüre mit Leinenzeug und Strümpfe. Das Essen zu den Mahlzeiten wurde nie zur rechten Zeit fertig und es waren stets zu wenig Teller, wenn man endlich zu Tisch kam.

»Die kleine Mi und Mutter essen zusammen,« sagte die kleine Frau.

Die Türen klappten unablässig, und jede halbe Stunde hörte man ein Geheul durch das Haus, als werde ein Ferkel abgestochen. Es war eins von den Kleinen, das in irgend einem Winkel gefallen war. Sie hatten stets Beulen vorn und hinten.

»Na,« sagte der Bruder, »schon wieder – –«

»Ja – was soll ich dabei machen, Christopher?« sagte die kleine Frau.

Sie sagte stets: »Ja, was soll ich dabei machen, Christopher?« – und dann sah sie hilflos drein.

Nach und nach kam mit Kathinka Ruhe ins Haus. Sie bedurfte der Beschäftigung, sie wußte sich nützlich zu machen und ging so lautlos umher, während alles getan wurde.

Die kleine Schwägerin saß förmlich erleichtert in ihrem Stuhl in einer Ecke und lächelte dankbar – sie saß stets in den Ecken hinter einem Sekretär oder neben dem Sofa – mit ihrem verlegenen Lächeln.

Kathinka blieb am liebsten zu Hause innerhalb der vier Wände. Hier befanden sich die alten Möbel aus ihrem Elternhaus, all die alten Dinge: das Meisterstück des Vaters, ein Schrank aus Eichenholz mit geschnitzten Figuren auf den Türen – daheim hatte er in der Staatsstube zwischen den Fenstern gestanden.

»Das ist Moses und seine Propheten,« sagte der Vater. Kathinka hatte gemeint, daß diese Männer das wunderbarste auf der ganzen Welt seien.

Und der Marmortisch, der auf einer Auktion gekauft worden war und auf dem die ›feinen Sachen‹ in systematischen Reihen standen: die silberne Zuckerschale mit der Kanne und dem silbernen Becher, einem Ehrengeschenk der Tischlerzunft.

Während sie im Hause umherging und Ordnung schaffte, fand Kathinka stets Erinnerungen aus ihrem Elternheim, eine alte Tasse mit Inschrift, ein vergilbtes Bild, drei, vier Teller ...

Die alten Teller, mit den blauen Chinesen und der Garten mit drei Bäumen und der kleinen Brücke über den Bach – – – Wie viele Geschichten über diese Chinesen hatten sie sich nicht daheim des Sonntags erzählt, wenn das feine Service gebraucht wurde!

Kathinka bat, ob sie diese alten Teller behalten dürfe:

»Ob du es darfst?« sagte die kleine Frau ... »O mein Gott – es sind ja nur Scherben (alles war in Scherben dort im Hause) – hier wird ja alles ruiniert ... aber was soll ich dabei machen?«

Wenn Kathinka wirklich einmal das Haus verließ, ging sie zu den Gräbern ihrer Lieben nach dem Kirchhof. Dort oben war es am besten; sie meinte oft, sie sei wie eine Witwe, die hier am Grabe ihres Mannes säße.

Er wäre so plötzlich gestorben, sie hatten so kurze Zeit miteinander gelebt und jetzt stand sie allein, ganz allein.

Und wie sie so da saß, las sie die Inschrift auf den Grabsteinen, die Namen ihres Vaters und ihrer Mutter.

Ob sie einander geliebt hatten? Der Vater, der stets gebrummt hatte und da saß und sich aufwarten ließ, – und die Mutter, die so ganz anders wurde, als er gestorben war, als ob sie plötzlich von neuem wieder aufblühte ...

Wie wenig sie doch ihre Eltern gekannt hatte!

Ja – wie wenig sie doch einander kennen – alle Menschen, die miteinander und nebeneinander leben ...

Kathinka lehnte den Kopf gegen den Stamm der Trauerweide. Sie fühlte eine bittere Trostlosigkeit, die sie früher nie gekannt hatte.

Auf die Straße oder in die Stadt kam sie nur selten. Es war überall sehr viel Neues und alles war ganz anders als früher. Lauter neue Gesichter und neue Namen, Leute, die sie nicht kannte.

Sie war in dem alten Hause gewesen. Dort waren Hinterzimmer aus der alten Werkstatt erbaut worden. Und da waren Fenster und neue Türen eingesetzt, und wo früher ihr Taubenschlag gewesen war, hatte man eine Giebelstube eingerichtet.

Kathinka ging nicht mehr nach dem alten Hause.

Auf der Straße war sie Thora Berg begegnet.

»Aber, das – ja, das ist ja die alte Stimme – das ist ja Kathinka ...«

»Ja.«

»Aber, Kind, – wo kommst du denn her? ... Du bist ganz unverändert.«

»Und du?« sagte Kathinka; sie hatte Tränen in den Augen.

»Ich – Gott erbarme sich, ich wohne ja hier – seit dem Frühling – wir sind versetzt worden.

Ja, mein Kind, es ist inzwischen viel Wasser ins Meer gelaufen ... Du hast wohl keine Kinder?«

»Nein,« antwortete Kathinka.

»Dachte ich es doch. – Dank deinem Gott, Thinka – ich habe vier und fünf Pensionäre ... ja – man reicht nicht weit mit der Gage eines Hauptmanns zweiter Klasse ... Aber du ... wo wohnt Ihr, Kinder – immer auf der alten Stelle ... Ach Gott, wir beim Militär, wir haben ja keine bleibende Stätte ...«

Thora sprach weiter. Kathinka ging neben ihr her und sah sie an. Eigentlich war es dasselbe Gesicht, aber es hatte gleichsam straffe Linien bekommen und war so gelb und spitz am Kinn geworden.

»Du siehst mich an, Thinka,« sagte Thora, »ja – du – von Klubbällen kann man just nicht leben ...«

Sie sagte, sie werde Kathinka besuchen und sie mit nach Hause nehmen in ihr Nest.

»Aber,« fügte sie hinzu, »jetzt stehen meine Kinder und Pensionäre gerade vor dem Examen – wir sitzen bis an den Hals in französischen Vokabeln.« Sie trennten sich. Kathinka blieb stehen und sah ihr nach. Sie trug eine kurz abgeschnittene Sammetjacke über einem gelben Kleide. Es war alles schräg genommen und sah aus, als sei es ein wenig zu eng.

Sie sahen sich erst ungefähr nach einer Woche in der Kirche wieder.

»Man kann nicht aus der Tür kommen – ich habe dich jeden Tag besuchen wollen,« sagte Thora. »Komm nur am Mittwoch zu uns, du ... Mittwoch um drei Uhr nachmittags ... Am Mittwoch hat man die meiste Ruhe,« fügte sie hinzu.

Kathinka fand sich am Mittwoch dort ein.

Thora war in der Küche, als sie kam, und Kathinka mußte in der Wohnstube warten. Das Zimmer war zu groß für die Möbel, Thoras alte Ausstattungsmöbel, die abgenutzt und verblichen waren. Am Fenster standen ein moderner Blumenständer mit einem Gummibaum und ein Rohrschaukelstuhl mit einer gestickten Decke. Das waren die Staatsmöbel.

Auf dem Tisch lagen eine Gedichtsammlung in verblichenem Einband und einige Rheinpanoramas; Erinnerungen von der Hochzeitsreise des Hauptmanns und seiner jungen Frau.

An den hohen, gelb tapezierten Wänden hingen einige Blumenstücke in schmalen, vergoldeten Rahmen. Es waren Rosen und Stiefmütterchen mit großen Tautropfen, die wie Glasperlen über die Blätter ausgestreut lagen. Kathinka kannte sie, Thora hatte sie als junges Mädchen gemalt.

»Ja, man schmückt sein Haus mit seinen alten Talenten,« sagte Thora; sie kam herein, als Kathinka die Rosen mit den Glasperlen betrachtete.

Der Hauptmann öffnete die Tür im leinenen Hausrock und bloßem Halse: »Soll gegessen werden?« fragte er.

»Wir haben ja Besuch, Dahl,« sagte Thora, und die Tür wurde geschlossen. »Dahl zeichnet topographische Karten, du,« sagte sie.

Der Hauptmann wurde wieder sichtbar, jedoch in Interimsuniform.

»Sehr erfreut – sehr erfreut,« sagte er und begann im Zimmer auf und nieder zu gehen. Wenn der Hauptmann nicht Karten zeichnete oder kommandierte, hatte er stets einen Verfalltag und eine Rechnung im Kopfe. Es waren Überreste aus den Leutnantstagen und von der Hochzeitsreise mit den beiden Rheinpanoramas.

Thora saß da und redete ununterbrochen. Kathinka dachte, wie unruhig Thoras Augen geworden seien, denn bald richteten sie sich auf die Tür, bald auf Dahl, während sie immer weiter redete.

»Es ist ein Viertel,« sagte der Hauptmann.

»Die Knaben sind noch nicht da,« sagte Thora.

»Und deshalb essen wir nicht?« sagte der Kapitän. »Sie müssen wissen, Frau Bai, die Jungen sind hier die Herren im Hause.«

Thora sagte nichts und der Hauptmann setzte sich auf einen abseits stehenden Stuhl am Schreibtisch. Die Rücklehne fiel herab.

»Daß der Stuhl auch nie zum Tischler kommt,« sagte er.

»Ja – Dahl ...«

»Wir warten nun schon ein halbes Jahr darauf, Frau Bai,« sagte der Hauptmann, indem er sich leicht vor ihr verbeugte, »das ist so Mode hier im Hause.«

Die Knaben meldeten sich, indem sie wie die wilde Jagd von der Bodentreppe herabstürzten.

»Da sind sie,« sagte Thora. Man ging ins Speisezimmer. Der Kapitän hatte Kathinka den Arm geboten. Thora setzte die herabgefallene Lehne wieder auf, so daß sie sich gegen die Wand stützte.

»Wo seid ihr gewesen?« fragte der Kapitän.

»Wir haben gebadet,« antworteten die Knaben. Sie hatten eine Stunde lang am Rande eines Grabens geraucht und dann die Köpfe in ein Waschbecken gesteckt.

»Das sind meine Kinder,« sagte Thora. Mit dem Worte ›meine‹ meinte sie einen neunjährigen Knaben und drei kleine Mädchen, deren Haar mit Wasser glatt gekämmt war.

Der Kapitän nahm Natron zum Essen und wischte bei jedem Bissen seinen Napoleonsbart, der in dem müden Gesicht gewichst und wohlgepflegt war.

Der Kapitän sprach über die Gehaltsverhältnisse an der Eisenbahn.

Die Pensionäre waren fünf Gutsbesitzerssöhne, die in die Realschule gingen. Diese nannten »meine vier« »Bettlerkinder« und prügelten oft den neunjährigen Knaben; sonst waren sie ganz gutmütige Bengel.

Sie aßen wie die Wölfe und sagten, daß sie nie satt würden, ausgenommen »daheim auf dem Gut«.

Der neunjährige Knabe saß mit großen, altklugen Augen da und blickte bald die Knaben, bald Thora an.

»Das Porzellan hat einen Riß zu Ehren unseres Besuchs,« sagte der Hauptmann, indem er Kathinka den Gurkensalat in einer gerissenen Schüssel reichte.

»O, das geschieht so leicht, Herr Hauptmann,« sagte Kathinka.

Der eine Knabe bat fortwährend um mehr Kartoffeln. Er hatte gesehen, daß keine mehr in der Schüssel waren.

»Da ist Gurkensalat,« sagte Thora ... »Dahl, willst du mehr haben?«

»Du bekommst ja selbst nichts, Thora,« sagte Kathinka, »wir haben ja alle bereits bekommen –«

»Liebe Frau Bai,« sagte der Hauptmann, »das ist ihr Privatvergnügen. Was Ruhe ist, wissen wir hier im Hause nicht.«

Thora schnitt das Fleisch für die kleinsten der Mädchen.

»Mein Herr Gemahl ist heute in sehr guter Laune – das kannst du wohl hören ...« sagte sie lachend, »nicht wahr, Herr Hauptmann?«

Der Hauptmann war stets in dieser Laune.

»Welche Nummer hast du in der Geographie bekommen, Gustav?«

»Kaum genügend,« ertönte es in tiefem Baß von einem der Teller.

»Glaubst du, Gustav, daß dem Vater damit zufrieden sein wird?«

»Meinem Vater ist das ganz egal,« sagte der Baß.

Man erhob sich vom Tische. Alle Türen im ganzen Haus Klappten hinter den Jungen.

»Ja – Frau Bai,« sagte, der Hauptmann, »das ist Thoras Invasion; sie fürchtet, daß wir einmal Ruhe und Frieden im Hause bekommen könnten.«

Der Hauptmann ging wieder an seine Karten. Thora hantierte hinter dem Petroleumkocher mit allerlei Kaffeemischungen.

»Kann ich dir denn nicht helfen?« fragte Kathinka.

»Nein, ich danke, Thinka.«

Thora hatte rote Flecken auf den Wangen, sie hielt sich die Schläfen: »Es ist immer ein bißchen viel bei Tische, du,« sagte sie.

»Aber du nimmst die Sache viel zu unruhig, Thora,« sagte Kathinka, die selbst schon ganz warm geworden war.

»Wenn man diesen Radau vom Morgen bis zum Abend hat, mein Kind,« sagte Thora.

Sie kam nicht zur Ruhe an ihrem Nähtisch. Die Türen gingen unablässig. Die Knaben hatten sich verschworen, daß aus dem Kaffeeklatsch nichts werden sollte, – und rutschten jede Minute von der Bodentreppe herab, um nach Vokabeln zu fragen.

Thora hielt die Hand vor die Stirn und ging vom Englischen zum Deutschen über.

Der Neunjährige »übte« im Eßzimmer.

»Nikolai, immer mußt du üben, wenn ich Kopfschmerzen habe ... Höre doch endlich auf.«

Nikolai schlich sich leise vom Klavier fort. Thora schalt immer ihre »eigenen«, wenn sie von den Pensionären gepeinigt wurde.

Thora setzte sich in die Sofaecke und zog die Beine unter sich – wie sie es als junges Mädchen so oft zu tun pflegte.

Sie sprachen von den Leuten in der Stadt.

»Ja – es sind lauter neue Familien – die alten sind fort.«

»Ja – die alten sind fort,« sagte Kathinka. Sie blickte Thora an, die den Kopf gegen den Sofarücken gelehnt und die Augen geschlossen hatte. Wie tief sie eingefallen waren, diese Augen.

»Ich weiß bald niemand mehr von alten als deinen Bruder,« sagte Thora.

»Ach ja doch ...«

Thora lachte: »Großer Gott, deine arme Schwägerin,« sagte sie – »ist sie schon wieder so weit?«

»Ja – die Ärmste!«

Sie schwiegen eine Weile, dann sagte Thora, indem sie die Augen öffnete: »Ach du – wir sind ja alle hier auf Erden zur Fortpflanzung bestimmt.«

Thora schloß die Augen wieder und die beiden Freundinnen saßen schweigend da.

»Ja – du, Thinka,« sagte Thora dann: »Das Leben ist sehr wunderlich.«

Kathinka blieb nicht zum Tee. Sie sagte, sie habe versprochen nach Hause zu kommen. Sie fühlte das Bedürfnis, in die frische Luft hinauszukommen und allein zu sein. Als sie auf der Straße war, bekam sie die Idee, dem »Fräulein« einen kurzen Besuch zu machen. Es war so still bei der Alten und so unverändert. Kathinka bog um die Ecke der Straße, wo das Fräulein wohnte. Ihr traten Tränen in die Augen, als sie die drei Linden vor den Fenstern sah. Sie war schon bei Thora dem Weinen nahe gewesen – während der ganzen Zeit.

Sie stieg die kleine Treppe neben dem grünen Keller hinauf und klopfte an. Geruch von Rosen und Sommeräpfeln strömte ihr entgegen, als sie die Tür öffnete.

Das Fräulein pusselte mit Rosenblättern, die sie auf Zeitungspapier in der Schlafkammer ausgebreitet hatte, um Potpourri daraus zu machen.

Alle die jungen Mädchen aus Holmstrupp waren bei ihr gewesen ...

»Sie wollten ja ihre Birnen vom Baume haben,« sagte das Fräulein – »jetzt geht es damit zu Ende.«

Kathinka mußte mit hinauskommen und den Baum und »meine« Rosen sehen.

»Es waren gerade drei Rosen zu Madame Byströms Kranz dagewesen ... drei Rosen waren wirklich dagewesen ...«

Sie gingen wieder hinein. Das Fräulein plauderte über allerlei, indem sie sich hin- und herbewegte, so daß ihre Worte sich zwischen den Türen verloren. Kathinka saß auf dem Fenstertritt; sie antwortete nur hin und wieder mit einem Ja oder Nein. Durch die offene Küchentür sah man in den grünen Garten hinaus. Die Vögel zwitscherten, so daß man es im Zimmer hörte.

Wie still war es doch hier, als gäbe es gar keine Welt außer dieser.

Kathinka besah die alten Bilder, die vergilbt in ihren schiefen Rahmen hingen; sie erkannte jedes einzelne wieder. Die silberne Kaffeekanne auf dem Tisch, das Prachtstück mit den drei Paar echten Tassen, und auf der Konsole vor dem verblichenen Spiegel die feinen Nippsachen, mit darüber gebreiteten Taschentüchern bedeckt, und Läufer auf dem Boden nach allen Türen und die Katzen, die auf ihren Kissen schnurrten.

Sie erkannte alles wieder.

Das Fräulein fuhr fort zu plaudern, während sie aus und ein ging. Kathinka hörte nichts mehr. Es begann dämmerig zu werden, hier drinnen, wo die Linden Schatten warfen, und die alten Ecken lagen im Halbdunkel. Es war das zweitemal, daß das Fräulein den Namen Huus draußen in der Küche nannte. Kathinka erschrak, sie glaubte, sie habe selbst den Namen in Gedanken laut ausgesprochen.

»Da ist ja ein Herr Huus in Eurer Gegend,« sagte das Fräulein wieder.

»Ja, Verwalter Huus,« erwiderte Kathinka. »Kennen Sie ihn?«

Das Fräulein erschien in der Tür. Ob sie ihn kannte? Er sei ja ein leiblicher Halbvetter von Vetter Karl auf Kjärsholm.

»Von den Kjärsholmern, die mit einer Lundgaard verheiratet waren, – in zwei Generationen.«

Sie begann von Huus und von seiner Mutter zu sprechen, die eine Lundgaard war, und von ihrem Gut, ihren Verwandten, von Vetter Karl auf Kjärsholm und von der alten Familie ... während sie immerfort hin und her ging.

Sie zündete Licht in der Küche an und beschäftigte sich mit den Rosen im Schlafzimmer auf dem Bett. Kathinka saß still in ihrer Ecke und hörte nur seinen Namen, der stets wiederkehrte.

Das erstemal, daß sie seinen Namen während aller dieser Wochen hörte.

»Aber wie ist er denn eigentlich?« fragte das Fräulein, indem sie ins Zimmer trat, die schlafende Katze vom Lehnstuhl nahm und sich, die Hände über der Katze in ihrem Schoß gefaltet, unterhalb des Fenstertrittes hinsetzte.

Kathinka begann zu sprechen – einige allgemeine Worte, fast zaudernd, als ob sie an etwas ganz anderes dächte. Aber dann überkam sie es plötzlich, von ihm zu sprechen, seinen Namen zu nennen – seinen Namen nennen zu können.

Und sie erzählte von Weihnachten, von dem blauen Schal und von dem Neujahrsabend, als er im Schlitten kam, und von den Winternächten, wenn sie ihm unter den vielen Sternen das Geleite gaben. –

»Ja,« sagte das Fräulein von ihrem Stuhl aus, »ja – es sind prächtige Menschen ... diese Huus.«

Kathinka fuhr fort, mit gedämpfter Stimme im Halbdunkeln von ihrer Ecke aus zu sprechen.

Als das Frühjahr gekommen war, hatte er ihr im Garten geholfen – er hatte die Rosen gepflanzt – er konnte alles ...

»Ja,« sagte das Fräulein, »das ist eine prächtige Familie.«

Und von der Zeit während der Sommertage, die dann kamen, und von dem Jahrmarkt ... von allem erzählte sie. – – Das Fräulein begann in ihrem Lehnstuhl mit dem Kopfe zu nicken – das Fräulein wurde leicht schläfrig, wenn sie zuhören sollte – und schlief, die Hände über der Katze gefaltet.

Kathinka hielt inne und saß schweigend da. Draußen wurde das Gas angezündet und erhellte die Stube: die Bilder an den Wänden, die alte Uhr und das Fräulein, das mit der Katze im Schoße schlief, den Kopf auf die Brust gesenkt.

Das Fräulein erwachte und hob den Kopf: »Ja,« sagte sie, »er ist ein prächtiger Mensch.«

Kathinka hörte nicht, was sie sagte. Sie erhob sich nur, um fortzukommen. Und draußen in der frischen Luft auf dem Wege hinter der Stadt, wo sie ging, war es ihr nur, als ob ihre Sehnsucht mit jedem Schritt wüchse.

– – –

Ein paar Tage später erhielt sie eines Morgens einen Brief von Bai. »Das Bemerkenswerteste, was sich hier zugetragen hat,« schrieb er, »betrifft Huus. In der vorigen Woche reiste er nach Kopenhagen, in Geschäften, wie er sagte, und einige Tage nachher schrieb er dann an Kjär, denke nur, er möchte ihn aus seinen Diensten entlassen. Er habe Gelegenheit gefunden, nach Holland und Belgien zu reisen, schrieb er, – infolge eines Stipendiums, und würde einen Stellvertreter senden. Und dieser Stellvertreter kam gestern. Kjär flucht und schilt und mir ist es auch sehr fatal – jetzt, wo wir uns so gut an diesen Philister gewöhnt hatten.«

Der Brief lag aufgeschlagen vor Kathinka auf dem Tisch. Sie las ihn wieder und wieder: sie hatte nicht geahnt, daß sie doch Hoffnung genährt hatte. Aber sie hatte geglaubt, es sei alles nur ein Traum: ein Wunder müsse geschehen. Sie müsse ihn wiedersehen und er würde nicht reisen.

Und nun war er dennoch gereist. Gereist – weit fort.

Die Kinder ihres Bruders schwatzten um sie her bei ihrer Milch. »Tante – Tante Thinka!« Das kleinste der Kinder fiel vom Stuhl und brüllte.

»Ach mein Gott, Emil ist gefallen,« sagte die kleine Frau ...

Kathinka hob Emil auf, trocknete sein Gesicht ab – und ohne es selbst zu wissen – kehrte sie zu ihrem Briefe zurück.

Gereist – und weit fort.

Aber jetzt wollte sie nach Hause, wollte daheim sein und nicht unter diesen fremden Menschen.

Wenigstens wollte sie heim.

– – –

Es war am letzten Nachmittag, als sie sich im Hause ihres Bruders befand. Das Kindermädchen war mit der ganzen Kinderschar in den Park gegangen.

Kathinka und ihre Schwägerin saßen allein im Zimmer; diese brütete über ihrem Kinderzeug.

Da legte die kleine Frau plötzlich mitten in ihrer Beschäftigung den Kopf auf den Nähkasten und schluchzte.

»Aber Marie,« sagte Kathinka, »aber Marie, was ist denn ...«

Sie erhob sich und trat zu ihrer Schwägerin hin: »Was hast du denn, Marie?« fragte sie.

Die kleine Frau fuhr fort, in ihren Nähkasten hineinzuschluchzen.

Kathinka umfaßte ihren Kopf und sprach ihr ruhig zu. »Aber Marie, was ist denn nur – Marie?«

Die kleine Frau erhob dos Gesicht: »Ja,« sagte sie, »nun reist du ... und du warst so gut zu mir« ... sie schluchzte und legte wieder den Kopf über ihren Nähkasten ... »so gut zu mir ... die ich mich stets in diesem Einerlei bewege ... stets ...«

Kathinka war gerührt. Sie kniete auf dem Fußboden vor der kleinen Frau und ergriff ihre Hände: »Aber – Marie,« sagte sie, »es wird ja anders werden.«

»Ja« – und die kleine Frau fuhr fort zu weinen, indem sie den Kopf an Kathinka lehnte – »wenn ich einmal alt geworden bin – oder wenn man stirbt ...«

Kathinka löste ihr die Hände vom Gesicht und wollte sprechen, aber dann gewahrte sie das kindliche Gesicht der Schwägerin, das von Tränen benetzt war, und die kleine verunzierte Gestalt, und still ging sie zurück an ihren Platz, während die kleine Frau zu weinen fortfuhr.

Am Abend ging Kathinka nach dem Friedhof. Sie wollte sich von dem Grabe ihrer Eltern verabschieden. Sie begegnete Thora. Diese hatte einen Kranz nach dem Grabe ihrer Mutter gebracht, denn es war heute deren Geburtstag.

Die beiden Freundinnen standen zusammen vor dem Grab.

»Ja, Thinka,« sagte Thora, »wenn wir erst alle hier liegen, die Nase in die Luft!«

Sie trennten sich an der Grabstätte von Kathinkas Eltern.

»Man trifft sich stets wieder in dieser Welt,« sagte Thora.

Kathinka öffnete die Gitterpforte und setzte sich auf die Bank unter der Trauerweide. Sie blickte auf den Leichenstein mit seinen toten Buchstaben und es war ihr, als habe sie jetzt alles auf der Welt – auch das Heim ihrer Kindheit verloren.

Was war aus allem geworden? Grau und elend – alles.

Sie sah Thora vor sich mit ihren unruhigen Augen und hörte die Stimme des Hauptmanns. »Das Porzellan ist gerissen zu Ehren unsers Besuchs« ... und sie sah das Gesicht ihrer kleinen Schwägerin, wie sie geweint hatte.

Und hier – – dieser Flecken mit seinem Totenstein und seinen beiden Namen – das war jetzt die ganze Erinnerung an ihre Jugend und an ihre Heimat.

Sie saß lange da und überschaute das Leben, das sie von nun an führen sollte, und es war ihr, als ob es über ihr zusammenschlüge, alles eine einzige unfaßliche, sie umwogende Hoffnungslosigkeit.

– – –

Sie stieg aus dem Waggon auf den Perron und ließ sich von Bai küssen und Marie nahm ihr das Handgepäck ab; sie selbst hatte nur einen Gedanken, in die Zimmer zu gelangen – hinein.

Es war ihr, als ob Huus da drinnen sein und auf sie warten müßte.

Und sie ging voran und öffnete die Tür zum Wohnzimmer, das reinlich und zierlich ihrer wartete; sie öffnete die Türen zum Schlafzimmer, zur Küche, wo alles von Sauberkeit glänzte ... rein und – leer.

»Aber – mein Gott – wie ist die Frau Inspektor mager geworden,« begann Marie, die das Gepäck herbeischleppte.

Und nun ging das Erzählen los, während Kathinka bleich und müde auf einen Stuhl gesunken war – über die ganze Gegend. Über alles, was geschehen und was erzählt worden war. Drüben im Krug hatten sie Sommergäste gehabt und der Pfarrhof war von Fremden bis unter das Dach besetzt gewesen.

Und Huus – war fortgereist ... plötzlich und ganz unerwartet ...

»Ja, ich dachte es ... denn er war am letzten Abend hier bei uns und mir war es gerade so, als ob er allen Dingen hier in den Zimmern Adieu sagte, denn er saß hier drinnen in der Stube ganz allein und auch draußen im Garten ... und hier draußen auf der Treppe bei den Tauben.«

» Wann reiste er?« fragte Kathinka.

»Jetzt ist es wohl zwei Wochen her.«

»Zwei Wochen ...?«

Kathinka erhob sich still und ging in den Garten hinaus. Sie durchschritt alle Gänge; zu den Rosen, hinab zum Holunderbaum: hier war er gewesen, um ihr Lebewohl zu sagen – auf jedem Flecken, an jeder Stelle ... Sie hatte keine Tränen. Sie fühlte das Ganze fast wie eine stille Feier ...

Da ertönte ein fröhliches »Hallo!« vom Wege her. Sie hörte Agnes' Stimme in einem großen Chor. Sie fuhr beinahe in die Höhe: hier an diesem Orte wollte sie sie nicht gleich sehen.

Agnes flog mit ihrem Willkommen zu ihr hin wie ein großer Hund und hätte sie fast übergerannt; und die ganze Gesellschaft vom Pfarrhof kam ins Haus. Es wurde ein Tisch unter dem Holunderbaum gedeckt, wo sie alle mit Schokolade bewirtet wurden. Sie blieben bis zum Achtuhrzug.

Der Zug war davongebraust und auch der Besuch war wieder fort – man hörte die Gesellschaft auf dem Wege lärmen –; der Stationsdiener hatte die Milchkannen beiseite gestellt und Kathinka saß allein auf dem Perron.

»Ja,« sagte Bai vom Fenster – »von Huus soll ich dich grüßen ...«

»Danke.«

»Hm, wie die Tage kurz werden ... und verteufelt kalter Wind ... du tätest am besten, hereinzukommen ...«

»Ja – ich komme.«

Bai schloß das Fenster.

Der Lärm der Gesellschaft vom Pfarrhof erstarb in der Ferne. Alles war wieder still und öde.

Kathinka blieb vor den schweigsamen und in Dämmerung gehüllten Feldern sitzen. Hier sollte sie von nun an leben.

– – –

Ida die Jüngste hatte es ja in allen ihren Briefen während des letzten Monats geschrieben, aber Frau Abel wagte nicht zu hoffen. Ihre Ida war so außerordentlich sanguinisch.

Sie setzte sich, den Brief in der Hand, auf das nasse Schüsseltuch neben den Herd und heulte.

Luise die Älteste hatte einen Spaziergang gemacht, um Champignons in der Umgegend der Doktorswohnung zu suchen. Als sie heimkehrte, saß ihre Mutter noch auf dem Küchenstuhl und wiegte sich hin und her.

»Was hast du nur?« fragte Luise die Älteste; sie fand, daß die Mutter so wunderlich aussähe.

»Ida – meine Jüngste ...« begann die Mutter zu heulen.

»Unsinn,« sagte Luise die Älteste. Die Mutter reichte ihr den Brief mit der Gebärde einer Heldenmutter in der Tragödie.

Luise las den Brief kaltblütig: »Das ist ja gut,« sagte sie ... »für sie.«

»Sie hat ja einen ganzen Sommer dazu gehabt.«

Luise die Älteste ging ins Zimmer und hämmerte auf das Klavier los. Dann, wie sie so dasaß, fing auch sie an zu brüllen, den Kopf auf die Tasten gelegt.

»Du willst ihr doch wohl gratulieren,« sagte sie plötzlich mitten in ihrem Weinen.

»Was sagst du?«

»Ich sage, du willst ihr doch wohl gratulieren,« erwiderte Luise die Älteste und trocknete die Augen. Sie begann sich in die neugeschaffene Situation zu fügen.

»Ja – mein Kind,« sagte die Witwe Abel matt.

»Ich kann ja die Depesche hinabbringen ... ich gehe auf dem Pfarrhof vor ... Und du gehst zur Jensen und zum Müller ...« Luise, die älteste Tochter des Hauses, ordnete den Feldzugsplan. Sie begriff, daß sie wenigstens jetzt Schwägerin geworden war, sie war urplötzlich kindlich erfreut und rief: »Es lebe das Postwesen,« als sie von der Station zurücklief – und schwenkte ihren Sonnenschirm.

Er war nämlich bei der Post angestellt.

Die Witwe Abel lief überglücklich von Fräulein Jensen zur Familie des Müllers und weinte darüber, daß sie nun ihre Taube verlieren sollte:

»Joachim Barner von den adligen Barners,« sagte Frau Abel. »Er ist beim Postwesen beschäftigt.«

Im Pfarrhause traf die Mutter wieder mit ihrer ältesten Tochter zusammen.

»Ja ... ich fühlte doch einen Drang, es unserem Seelsorger selber mitzuteilen.« Frau Abel brauchte wieder ihr Taschentuch: »In solchen ernsten Augenblicken,« sagte sie.

Der alte Pastor schlug sich auf den Bauch vor Vergnügen. Der Erdbeerlikör kam auf den Tisch und kleine Kuchen. Frau Linde saß im Sofa mit Frau Abel, um zu erfahren, wie es eigentlich »gekommen« sei.

Es war in einem Lusthaus ... am Strande ... »gekommen«.

Der alte Pastor stieß mit Fräulein Luise an.

»Na – na, man weiß, wie es geht, wenn erst der Anfang gemacht ist ... dann kommt gewöhnlich Bewegung in die Maschine,« sagte der alte Pastor.

»Herr Pastor – der Gedanke, daß ich sie dann beide – auch meine letzte Tochter entbehren müßte ...« Frau Abel bekam einen Anfall von schüchterner Zärtlichkeit gegen die Letzte.

Die Letzte tat in Veranlassung des Tages so zärtlich wie ein kleines Füllen.

»Dann kann am Ende doch noch eine ganz gute Frau aus ihr werden,« meinte Frau Linde, nachdem die Witwe Abel mit ihrer Tochter wieder gegangen war, und setzte die Kuchenteller zusammen. »Es ist doch ein guter Boden in ihnen, Linde ...«

»Gott weiß, was Agnes dazu sagen wird ...«

Agnes befand sich mit einigen jungen Leuten im Walde.

»Na – Gott sei Lob und Dank!« sagte sie bei der Heimkehr, als sie die große Begebenheit erfuhr.

– – –

»Daß Gott erbarm, sie erdrücken ja den kleinen Mann,« sagte Agnes, die an der Perronpforte stand und nach der Familie Abel schaute, die ihren Schwiegersohn abgeholt hatte.

Der kleine Mann flog zwischen den Gliedern der Familie Abel so hilflos hin und her wie eine Kaffeebohne in der Mühle.

»Nun,« sagte Agnes, »ihm sieht man es an, daß er Wasser im Kopf hat.«

Sie schlang den Arm um Kathinkas Taille und sie gingen in den Garten hinein.

»Ja,« sagte sie, indem sie die Pforte schloß, »jetzt sind sie glücklich.«

Sie setzten sich unter den Holunderbaum. Plötzlich sagte Agnes: »Jetzt reise ich ... in der nächsten Woche. Ich habe es daheim gesagt. Dieser Zustand ist ja nicht zum aushalten.« Agnes zerriß die auf den Tisch herabgefallenen Blätter in kleine Stücke. »Einmal muß die Sache doch ein Ende haben.«

Kathinka starrte in den leeren Raum hinaus. »Glauben Sie, Agnes, daß man von seinem Kummer fortreisen kann?« sagte sie ruhig.

»Man bekommt ja auch Arbeit – die Prüfung als Lehrerin ... Es bleibt ja nichts andres übrig ... Sich hinter eine Glasscheibe in irgend einem Posthause zu setzen, ist doch zu amüsant ... und zu etwas Ernstem ist es für mich zu spät.«

Kathinka nickte bejahend. »Ja,« sagte sie, »das ist es.«

»Hm,« sagte Agnes, »viele Chancen haben wir Frauen eigentlich nicht. Die ersten fünfundzwanzig Jahre unseres Daseins tanzen wir herum und warten darauf, verheiratet zu werden – und die letzten fünfundzwanzig Jahre sitzen wir still und warten darauf, begraben zu werden ...«

Agnes legte die Ellenbogen auf den Tisch und stützte den Kopf in die Hände: »Herrlich!« sagte sie, in die Luft hinausschauend.

Plötzlich hielt sie die Hände vor das Gesicht und brach in Tränen aus.

»Und wie man sich dann sehnen wird!« sagte sie.

Sie weinte lange, das Gesicht in den Händen. Dann ließ sie die Arme auf den Tisch fallen. Sie sah Kathinka an; die schöne Frau saß vornübergebeugt da, die Hände im Schoß; langsam liefen die Tränen an den Wangen herab.

»Wie gut Sie doch sind,« sagte Agnes, indem sie sich an sie lehnte ... »schöne Frau ...«

In der folgenden Woche reiste Agnes Linde.

– – –

Die Familie Abel war ein wahrer Taubenschlag. Man machte sich durch verliebte S-Laute und kurzes Aufschreien verständlich. »Mich nennt er ›Mütschi‹,« sagte Frau Abel. »Ja – was er uns allen für Namen gibt!«

Wenn Besuch da war, hingen die Verlobten müde auf ihren Stühlen, bis eines von ihnen »Nusse-Pusse« sagte, dann verschwanden sie hinter den Türen.

»Das ist nun mal ihre Sprache,« sagte Frau Abel. Die Sprache war ja freilich für Fremde etwas schwierig zu verstehen.

Wenn der Besuch sich verabschieden wollte, wurden »Nusse und Pusse« minutenlang gerufen. »Sie sind gewiß im Garten,« sagte die Witwe.

Nusse und Pusse waren fast immer im Garten; sie verbargen sich überall, wo das Buschwerk am dichtesten war, und wenn sie dann hervortraten, sahen sie arg zerzaust aus.

Luise und der kleine Mann lebten in fortwährenden kleinen Gefechten mit Handgreiflichkeiten. Der kleine Mann gab ihr oftmals sogenannte Schwagerküsse und kitzelte sie hinter den Türen.

In Gesellschaften waren sie alle schläfrig und jeder saß in einer Ecke. Bei Tisch rief Frau Abel ihren drei Teuren mit süß klingender Stimme: »Nusse«, »Pusse« zu.

Wenn sie des abends zu Hause waren, wurde kein Licht angezündet.

»Wir halten Dämmerstunde,« sagte die Witwe Abel – »alle zusammen.«

Der kleine Mann saß zwischen Ida der Jüngsten und Luise der Ältesten. Fräulein Jensen und Frau Abel ließen mitunter im Halbdunkel ein Wort fallen. Vom Sofa her erklang hin und wieder ein leises Krachen. So saßen sie ganze Stunden lang beisammen.

Wenn Fräulein Jensen in ihr eigenes Zimmer trat, küßte sie ihren Bel-Ami auf die kalte Schnauze.

Mitunter gingen Nusse und Pusse über die Felder hinab nach der Eisenbahn, um den Abendzug ankommen zu sehen. Sie gingen auf dem Perron auf und nieder und guckten einander in die Augen. Wenn sie umkehrten, küßte der kleine Mann seine Ida aufs Ohr.

Kathinka saß auf der Perronbank mit Huus' blauem Schal um die Schultern; wenn der Zug abgefahren war, hörte sie die Verlobten auf dem Feldwege schäkern.

Kathinka erhob sich und ging hinein. Die Tage wurden immer kürzer, man mußte bereits zum Tee Licht anzünden.

»Die Lampe, Marie,« rief sie.

Marie trat ein und stand mit der Lampe am Klavier. Das Licht fiel auf Kathinkas kleines, schmales Gesicht und die weißen, durchsichtigen Hände, die auf den letzten Tasten liegen blieben.

»Rufe Bai zum Tee,« sagte Kathinka. Sie stützte sich auf das Klavier, um sich vom Stuhl zu erheben. Sie war stets so müde, als hätte sie Blei in den Beinen.

Sie tranken Tee und Bai griff nach den Zeitungen zu seinem Grog.

Kathinka nahm ein Buch aus der Mappe. Es waren alles diese modernen Bücher: Agnes und Andersen hatten sich stets über sie gezankt.

Das Buch lag aufgeschlagen unter der Lampe. Kathinka kam nie weiter als bis zur zwanzigsten Seite; sie fand in dem Roman kein Leben und auch keine wirkliche Dichtung, die die Gedanken fesseln konnte.

Sie suchte ihr Poesiebuch hervor; sie hatte »Marianne« mit einem Datum hineingeschrieben. Und wenn sie das Buch wieder fortlegte, blieb sie vor der Schublade stehen, ehe sie es verschloß. Das kleine japanische Teebrett lag in den gelb gewordenen Brautschleier eingepackt.

Sie ging auch hinaus in die Küche. Sie hatte ihren Lieblingsplatz auf dem Haublock in der Ecke.

Marie nähte bei einem Talglicht auf dem Tisch und ließ die Zunge laufen. Sie war eine treue Seele, die alte Liebe nicht vergaß.

Sie schwatzte immer von Huus und wie einsam es jetzt hier sei.

Kathinka saß schweigend in ihrer Ecke. Mitunter zitterte sie, als ob sie friere, und sie drückte die Arme fest auf ihre Brust.

Marie fuhr fort zu plaudern, ihr großes, rundes Gesicht dem einsamen Licht zugewandt.

»Wir müssen wohl zu Bett,« sagte Bai, indem er die Tür öffnete.

»Ja – Bai ...«

»Gute Nacht – Marie.«

– – –

Der Herbst kam mit schwermütigen Nebelschleiern über den Feldern. Der Himmel hing niedrig über Tagen, die sich im Halbdunkel von Nacht zu Nacht hinschlichen.

»Sie müssen sich zusammennehmen, liebe Frau Bai,« sagte der junge Doktor, »Sie müssen sich ermannen.«

»Ja – Herr Doktor ...«

»Und ausgehen ... Sie müssen sich Bewegung machen ... Sie haben ja gar keine Kraft mehr.«

»Ja – Herr Doktor – ich werde schon gehen.«

»Und sonst nichts Neues?« fragte der Doktor, indem er sich erhob. »Haben Sie einen Brief von Fräulein Agnes erhalten?«

»Ja – vor einigen Tagen.«

»Es heißt, daß Pastor Andersen sich um eine andere ... Stellung bemüht.«

»Ich hörte es,« erwiderte Kathinka ... »Alle reisen von hier fort ...«

»O, meine liebe Frau Bai, einige bleiben auch hier.«

»Ja – – wir bleiben hier, Doktor ...«

»Es steht nicht gut mit Ihrer Frau,« sagte der Doktor draußen im Bureau, wo er sich seine Zigarre anzündete.

»Nein – verteufelte Geschichte,« sagte Bai.

»Es fehlt ihr an Kräften ... Na, guten Morgen, Inspektor.«

»Ja – zum Teufel ... Na, Morgen, Doktor ...«

»Du mußt gehen, Tik,« sagte Bai, wenn er nach Abfahrt des Güterzuges zu ihr hineinkam. »Du tust auch nichts, um dich zu stärken ...«

Kathinka ging. Sie schleppte sich über die Felder in Wind und Wetter dahin.

Sie ging hinab nach der Filialkirche. Atemlos ruhte sie auf dem großen Stein vor der Kirche. Der Kirchhof lag flach und blumenlos hinter der weißen Mauer, nur die Buchsbaumhecke um die steifen Kreuze mit ihren Namen war grün.

Sie ging wieder heim – über die Wiesen. Der Mittagszug kam und donnerte über die Brücke und schlängelte sich dann wieder fort. Wie ein dunklerer Fleck im Grau des Nebels lag der Rauch eine Weile, bis er sich auflöste.

Diesseits des Baches wurde gepflügt; die Erde wurde in langen Furchen hinter dem tiefen Pfluge aufgewühlt.

Kathinka kam nach Hause.

Der Müller war dort gewesen oder der Verwalter von Kjär.

»Schneidiger Kerl – du, dieser Svendsen,« sagte Bai zu Kathinka. »Er weiß mit allem Bescheid ... Schneidiger Kerl, du.«

»Ich kann ja nicht beurteilen, wie er bei seiner Arbeit ist,« sagte er zu Kjär.

Kjär brummte etwas in den Bart.

»Aber ein flinker Kerl ist er – ein ›Gleichgesinnter‹, du, alter Kjär ...«

Svendsen sammelte obszöne Karten und Bilder in geschlossenen Kuverts. Er brachte sie mit auf die Station und Bai und er besahen sie, während sie ihren Grog tranken. »Gucken wir ein wenig in das ›Archiv‹,« sagte Svendsen.

»Meinetwegen gern.« Bai war stets dazu bereit. Svendsen bekam die Neuigkeiten aus Hamburg unter Nachnahme zugesandt.

»Verteufelte Schweinerei!« sagte Bai vergnügt. Er sprach stets leise, wenn sie sich mit dem Archiv beschäftigten, obwohl die Tür geschlossen war.

»Verteufelte Schweinerei, alter Svendsen!« sagte er, indem er die Karten gegen die Lampe hielt.

Sie fuhren fort die Karten zu besehen. Bai rieb sich die Knie vor Vergnügen.

»Aber diese ist hochfein,« sagte er, »die ist schwierig.«

Svendsen rieb sich die Nase und schnüffelte.

»Der reine Braten,« sagte er.

Mit den Bildern war man fertig und saß nun noch eine Weile schweigend beim Grog. Bai saß zusammengesunken da. »Ja,« sagte er, »aber was ist das Leben, Svendsen – was ist das Leben, mein Bester – mit einer kranken Frau?«

Svendsen antwortete nicht.

Bai seufzte und streckte die Beine aus ...

»Ja, alter Junge,« sagte er, »ja gewiß, das ist kein Vergnügen.«

Svendsen hatte philosophisch nachdenkend und schweigend dagesessen, jetzt stand er auf: »Nein – man weiß bei Gott nicht, was einem an der Wiege gesungen wird,« sagte er.

Auch Bai erhob sich und öffnete die Tür zur Wohnstube.

»Was,« rief er, »du sitzest im Dunkeln, Tik?«

»Ja,« erwiderte Kathinka, indem sie sich in ihrer Ecke erhob, »ich saß ein wenig im Dunkeln ... Wünschest du etwas, Bai?«

»Ich begleite Svendsen ein Stück Weges,« sagte Bai.

Kathinka trat ins Bureau, um Adieu zu sagen.

»Ihre Frau ist noch immer ein wenig blaß,« sagte Svendsen, indem er in den Taschen nachfühlte, ob er seine Sammlungen auch eingesteckt habe.

Bai war fertig und man verabschiedete sich.

»Nein, bewahre – Frau Inspektor müssen im Zimmer bleiben – draußen ist es viel zu kühl.«

»Ich begleite Sie nur bis zur Tür,« sagte sie.

Sie traten auf den Perron hinaus: »Es ist sternenklar,« sagte Bai.

»Das bedeutet Kälte ... Gute Nacht, Frau Inspektor.«

Die Pforte schlug zu.

»Gute Nacht.«

Kathinka stand an die Pforte gelehnt. Die Stimmen der beiden Männer erstarben. Kathinka erhob den Kopf: ja, der Himmel war sternenklar, alle Sterne glänzten ...

Als wollte sie ihre Not dem toten Holze klagen, beugte Kathinka sich hinab und schlang die Arme um die feuchten Türpfosten.

– – –

Lindes kamen jetzt sehr oft des Abends. Die beiden Alten entbehrten Agnes gar sehr.

Und Pastor Andersen wollte auch fort.

»Er will ja fort von hier,« sagte der alte Pastor, »und nun kann man riskieren, daß man statt seiner einen Pietisten bekommt, der die Worte der Bibel stets auf seinen Lippen führt.«

Pastor Andersen hatte ein Pfarramt an der Westküste erhalten.

Frau Linde weinte verstohlen.

»Ach, mein Gott – ich habe es ja gesehen,« sagte sie. »Ich habe es ja sehr gut gesehen. Aber sie wissen nicht, was sie wollen, liebe Frau Bai, sie wissen nicht, was sie wollen, mein Kind.«

»Das ist die Jugend – eine andere Jugend heute, liebe Frau Bai ... Sie stellten sich so lange die Frage, ob sie wirklich lieben – bis jedes seiner Wege geht – und dann sind sie unglücklich ... fürs ganze Leben. – – Als Linde um mich freite, mein Kind, da zählte ich an meinen Knöpfen ab, – und wir haben jetzt Böses und Gutes dreißig Jahre lang miteinander getragen ... Aber wenn wir beiden Alten einmal unsere Augen schließen, dann ist Agnes eine alte Jungfer.«

Die Herren kamen herein. Der alte Pastor wollte seinen Whist spielen.

Wenn der alte Pastor da war, fühlte sich Kathinka am meisten aufgelegt; es war ihr, als ob mit ihm eine ungewohnte Ruhe ins Haus zöge.

Wenn er so dasaß am Spieltisch mit dem freundlichen alten Gesicht, das Käppchen auf dem Kopf und einen Zweipfennigwhist fein und durchdacht spielte: »sehen Sie wohl, mein Freund,« sagte er, wenn er die Stiche einzog.

Die beiden Alten stritten sich.

»Es ist, wie ich dir sage, Linde ...«

»Wenn du mir nur glauben wolltest, mein Kind,« erwiderte er und breitete die Stiche vor ihr aus. »An Ihnen ist die Reihe, liebe Frau Bai.«

Kathinka war zusammengesunken, unbeweglich saß sie da und blickte die beiden Alten an.

»Eine Carreaudame ... da sehen Sie.«

Der letzte Robber wurde mit einem Blinden gespielt. Kathinka ging hin und her und ordnete den Tisch. Man aß immer besser und besser bei Inspektors. Bai hatte so viele Leibgerichte, die Kathinka ihm bereitete.

An manchen Tagen war Kathinka von Morgens früh in der Küche und briet und kochte nach den Vorschriften ihres Kochbuchs. Schwere Kunststücke vollführte sie, die viele Arbeit erforderten.

Müde setzte Kathinka sich auf den Haublock und hustete.

»Aber Frau Bai, Sie arbeiten sich noch die Schwindsucht an den Hals – nur damit die fremden Leute sich den Mund voll stopfen können – das wird noch das Ende vom Liede sein,« sagte Marie.

– – – »Willst du Genever haben?« fragte Kathinka.

»Wenn du welchen hast« – – – wenn Bai nickte, sah man, daß er ein Doppelkinn bekommen hatte. Er wurde überhaupt korpulent.

»So, nun ist alles fertig,« rief Kathinka.

»Danke, mein Kind,« sagte Bai.

Es war in der letzten Zeit etwas Sultanartiges über Bai gekommen. Das kam vielleicht von seiner Korpulenz.

»Danke, mein Kind, wir spielen jetzt ab.«

Kathinka setzte sich auf einen Stuhl am Tisch und wartete. Der alte Pastor ließ den Blick von Bai über den gedeckten Tisch und dann zu der stillen kleinen Frau hinüberschweifen – Kathinka stützte den Kopf in die Hand, aber plötzlich erhob sie sich, es war etwas für den Tisch vergessen worden ... Die Tür schloß sich hinter ihr, und der alte Pastor blickte erst den hell erleuchteten Tisch und dann Bai an, der seine Karten über der koketten Rundung seines Bauches hielt.

»Ja, Inspektor,« sagte der alte Pastor, »Sie sind ein glücklicher Mann in Ihrem Haus.«

Später saßen sie bei Milchpunsch und Kuchen. »Das sind gute Ehemänner, die gern Süßes essen,« sagte Frau Linde. Bai wollte noch mehr Vanillekringel aus dem Blechkasten haben.

Und sie saßen um den hell beleuchteten Tisch und knabberten weiter.

»Wollen Sie nicht ein wenig spielen?« sagte Frau Linde.

»Oder uns ein Lied – eins von Agnes' Liedern singen?« sagte der alte Pastor.

Kathinka ging ans Klavier und sang gedämpft mit ihrer schwachen Stimme das Lied von Marianna.

Der alte Pastor hörte mit gefalteten Händen zu und Frau Linde ließ das Strickzeug sinken.

»Unter des Grabes Rasen schlief
Die arme Marianna,
Kam die Maid und beklagte tief
Die arme Marianna!«

»Danke,« sagte der alte Pastor. »Vielen Dank,« sagte Frau Linde. Sie sah nicht recht die Maschen, ehe sie ihre Augen getrocknet hatte.

Kathinka blieb sitzen, den anderen den Rücken zugekehrt. Langsam fielen die Tränen von ihren Wangen auf die Tasten.

»Ja, die Jugend in unserer Zeit hat viele Ideen,« sagte der alte Pastor. Er blickte vor sich hin und dachte an Agnes.

Man erhob sich um zu gehen und Frau Linde zog sich im Schlafzimmer an. Die beiden Lichter vor dem Spiegel brannten und es war so hell und traulich mit all dem Weißen um das Bett und den Toilettenspiegel. »Ja,« sagte Frau Linde, »wenn wir Agnes in einem solchen Heim sehen könnten« ... Sie schluchzte noch, während sie ihr Hutband knüpfte.

»Ich begleite Sie,« sagte Bai ... »man muß sich ein wenig Bewegung machen ...«

»Ja,« sagte der Pastor, »nach dem Aal in Gelee muß man sich bewegen. Man ißt viel zu gut auf der Station ... Mutter hat mir verboten, des Sonnabends den Fuß über diese Schwelle zu setzen.«

»Ich gehe nicht weiter,« sagte Kathinka, indem sie in der Tür stehen blieb. »Der Doktor will, daß ich mich mit meinem Husten in acht nehme.«

»Ja, gehen Sie nur hinein – der Herbst ist die schlimmste Zeit.«

»Gute Nacht – gute Nacht.«

– – Kathinka ging hinein. Sie nahm einen alten Brief von Agnes hervor – zerknittert und zerlesen – und las ihn unter der Lampe.

»... Und dann hatte ich gehofft, daß die erste Zeit die schlimmste sei und daß die Zeit heilen würde. Aber die erste Zeit war gut und nichts gegen die Gegenwart, denn damals fühlte ich einen Schmerz, wo mir noch alles nahe war, aber wenn es auf solche Weise sich verliert, Tag für Tag mehr, gleichsam wie ein Erdrutsch, der langsam fortschreitet, und jeder neue Morgen, der uns weckt, uns nur immer weiter entfernt. Und neues kommt nicht, Kathinka, kein Schatten, nur all das Alte, die Erinnerungen, die wir wieder und wieder aufzupfen, über die wir nachdenken ... dann ist es, als sauge ein Vampyr an unserm Herzen ...«

Kathinka lehnte sich zurück, den Kopf gegen die kalte Wand. Ihr Gesicht war sehr bleich im Lampenschein. Sie hatte keine Tränen mehr ...

Bai kam nach Hause. »Es ist spät geworden,« sagte er, »weiß der Teufel, wie die Zeit vergeht ... Ich ging noch mit Kjär zusammen in den Krug – er wollte durchaus spendieren, – ... ich begegnete ihm ... ich war auf dem Heimwege.«

»Ist es so spät geworden?« sagte Kathinka nur.

»Ja – es ist über ein Uhr« ... Bai begann sich zu entkleiden. »Dies Nachhausebegleiten ist auch eine verteufelte Unsitte,« sagte er.

Bai begleitete in der letzten Zeit die Leute stets »nach Hause«.

Er ging in den Krug: »Na – so muß man wohl nach Hause und Haus und Feuer hüten,« sagte er, indem er sich von den Gästen verabschiedete.

Er hütete das Haus im Kruge bei einem Mädchen, das während des Sommers Puffärmel und ein paar weiche Arme gehabt hatte. Die Uhr wurde eins und es wurde zwei, während er »das Haus hütete«.

»Du kannst ja auch zu Bett gehen,« sagte er zu Kathinka, »du bleibst viel zu lange in der Kälte auf.«

»Ich wußte nicht, daß es so spät sei ...«

Das Bett krachte unter Bai, wenn er sich streckte.

Kathinka setzte die Blumen in Reihen auf den Fußboden. Sie hustete, wenn sie sich bückte.

»Verdammte Gicht,« sagte Bai, »wie das zwickt.«

»Ich kann dir ja deine Arme reiben,« sagte Kathinka. Es war zur abendlichen Gewohnheit geworden, daß Kathinka Bai die Arme mit einer Wundersalbe gegen die Gicht einrieb.

»Ach laß jetzt nur,« sagte Bai. Er drehte sich ein paarmal im Bett herum und schlief dann ein.

Kathinka hörte den Nachtzug. Er lärmte über die Brücke und sauste vorüber.

Kathinka barg ihr Gesicht in den Bettlaken, um Bai nicht mit ihrem Husten zu wecken.

– – –

Der Winter kam und Weihnachten. Agnes war nach Hause gekommen und am heiligen Abend kam das »Postwesen« zu Abels.

Die kleine Jensen und Bel-Ami waren auf der Station wie im vorigen Jahr. Jetzt wurde Bel-Ami ganz öffentlich getragen.

»Er ist blind geworden,« sagte die kleine Jensen. Das Tier war so faul, daß es nicht einmal seine Augen mehr öffnen mochte.

Als der Baum angezündet war, brachte Bai ein verschlossenes Telegramm und legte es auf Kathinkas Tisch.

Das Telegramm war von Huus ...

Bai und der kleine Bentzen schlummerten im Bureau. Kathinka und Fräulein Jensen saßen im Zimmer, wo die Lichter des Weihnachtsbaumes niederbrannten.

Die kleine Jensen nickte ein und stieß im Schlaf mit dem Kopf gegen das Klavier ... Kathinka blickte auf den erlöschenden Baum. Ihre Hand glitt leise hin über Huus' Telegramm, das in ihrem Schoße lag.

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