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Am Wege

Herman Bang: Am Wege - Kapitel 5
Quellenangabe
typefiction
authorHerman Bang
titleAm Wege
publisherS. Fischer, Verlag
printrun62. bis 71. Auflage
yearo.J.
correctorJosef Muehlgassner
senderwww.gaga.net
created20150505
projectida08286f3
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Viertes Kapitel

Der Kettenhund schlief in dem heißen Hof und ließ sich nicht erwecken. Einige gescheuerte Milchfässer waren zum Trocknen in die Sonne gestellt.

Kathinka öffnete die Dielentür; man hörte nur das Summen der Fliegen durch die hellen, kühlen Zimmer.

Sie ging durch das Gartenzimmer in den Garten hinaus.

Dort war niemand und es war ganz still. Auf dem Kroketplatz lagen Kugeln und Hämmer verlassen. Die Rosenbüsche ließen in der Hitze die Zweige hängen.

»Sind Sie es, liebe Frau Bai?« Diese Anrede kam halblaut aus dem Lusthaus, und Frau Linde nickte: »Ja, – Linde studiert seine Predigt.«

»Die anderen sind alle draußen im Hintergarten – Kjärs kamen mit einem ganzen Wagen voll Besuch ... das kommt ja etwas ungelegen, wenn Linde seine Predigt studiert.«

»Sind Kjärs hier?« fragte Kathinka.

»Ja ... sie kamen zum Kaffee – – sie sind im Hintergarten – und der neue Doktor auch ... Und Sie sind zum Markt gewesen ... Huus erzählte uns davon.«

»Ja, – es war ein herrlicher Tag,« erwiderte Kathinka, der es schwer fiel, diese Worte hervorzubringen, da ihr Herz gewaltig klopfte.

Der alte Pastor Linde erschien in der Gartentür. Er hatte ein Taschentuch um den Kopf gebunden, das jeden Freitag abend hervorgenommen wurde, wenn Pastor Linde an seiner Predigt zu studieren begann.

»Da ist ja die kleine Frau Kathinka,« sagte er. »Und Sie befinden sich wohl?«

Der alte Pastor kam bis an die Tür des Lusthauses. Er wollte von ihrer Marktfahrt hören.

Kathinka wußte kaum, was sie selbst sagte. Während sie sprach, fühlte sie nur eine plötzliche unbeschreibliche Sehnsucht nach Huus.

»Ja – er ist ein prächtiger und guter Mensch,« sagte Frau Linde, als Kathinka eine Zeitlang gesprochen hatte; und Kathinka wurde purpurrot.

»Ja,« bemerkte auch der alte Pastor, »Huus ist ein seltener Mensch.«

Er nahm das Taschentuch vom Kopfe und legte es vor sich auf den Tisch im Lusthause. Er fuhr fort sie über den Jahrmarkt auszufragen: »Unsere Leute kamen erst gegen Morgen nach Hause,« sagte er. »Einmal müssen sie sich ja auch amüsieren,« fügte er hinzu ... Der alte Pastor fuhr fort zu plaudern und Kathinka antwortete, ohne auch nur ein Wort verstanden zu haben.

»Lieber Linde – deine Predigt ...«

»Ja, Mütterchen – ja, liebe Frau Bai,« sagte er, »es ist heute bereits Sonnabend.«

Der alte Pastor trottete von dannen, das Taschentuch in der Hand.

»Wollen Sie nicht zu den anderen Gästen hinabgehen, liebe Frau Bai?« begann Frau Linde ...

»Wenn ich Ihnen helfen kann ... bei irgend etwas ...«

»Ach, ich danke ... ich gebe ihnen nur, was ich habe ... Erbsen und Schinken ...« Kathinka erhob sich.

»Gehen Sie durch den Hof,« sagte Frau Linde.

Kathinka hatte Huus während der drei Tage nach dem Markte nicht gesehen. Wie sie doch gewartet und gehofft hatte und gefürchtet, was sie hoffte. Jetzt sollte sie ihn sehen.

Gelächter und Lärm drangen vom Hintergarten bis weit über die Felder. Kathinka öffnete die Pforte und trat ein.

»Die schöne Frau kommt,« rief Agnes. Sie spielten »Eins zwei drei, das letzte Paar herbei!« auf dem großen Rasenplatz.

Kathinka hatte nur Huus gesehen. Er stand dort mitten in dem Haufen. Wie bleich war er doch und wie bekümmert er aussah!

Kathinka dachte bei sich: er hat auch gewiß nicht schlafen können, so wie ich, und sie lächelte ihm furchtsam zu mit leicht gebeugtem Kopf wie ein junges Mädchen.

Agnes stellte sich mit Kathinka auf, sie kamen vor Huus zu stehen.

»Ach was,« sagte Agnes, »man kennt das: Sie haben natürlich einen Katzenjammer gehabt ... deshalb sind Sie drei Tage unsichtbar gewesen.

Und wir haben Sie erwartet ...

Gestern wollte uns Frau Bai gar keinen Kaffee geben, weil wir auf Sie warten sollten.«

Kathinka blickte zur Erde, aber Agnes schonte sie nicht.

Es war ihr, als ob sie es ihm selbst gesagt hätte, wie sehnsüchtig sie auf ihn gewartet hatte.

»Und was ist das für ein Betragen, wenn man Gevatter bei einem Paar echter Kropfrauben stehen soll,« sagte Agnes.

Weder Huus noch Kathinka vermochten ein einziges Wort hervorzubringen, aber Kathinka fühlte Huus' Blick auf sich gerichtet und blieb mit gebeugtem Kopfe vor ihm stehen.

Sie fuhren im Spiele fort. Sie sah nur ihn. Sie wechselten nur die Worte des Spiels mit halblauter Stimme; keiner von ihnen wäre imstande gewesen laut zu sprechen.

Kathinka wußte nicht, daß ihre Hände im Spiel in den seinigen ruhten, und sie ließ sie zaudernd los.

Es sollte zum Abendessen im Lusthause gedeckt werden. Der alte Pastor und der Kaplan Andersen kamen mit Luise der Ältesten und der kleinen Jensen.

»Na,« sagte Agnes, »dann haben sie also wirklich den Schinken gerochen.«

Bevor die Gäste zu Tische gingen, hatte Luise die Älteste sich bereits an den neuen Doktor herangemacht und ihm ihre Schönheit gezeigt.

Als sie alle im Lusthause Platz genommen hatten, rief der alte Linde zur Tür hinaus, ob nicht ein Paar auf der Liebesbank vergessen worden sei.

Die ›Liebesbank‹ war eine alte, morsche Bank zwischen zwei Bäumen unten am Teich.

»Dort ist es so hübsch finster,« bemerkte Frau Linde. »In alten Tagen,« fuhr sie fort, »als unsere Söhne schwärmten – da kam stets ein Paar von da unten her – das heißt – jeder schlug seinen eigenen Weg um das Lusthaus ein ... ja – damals –«

Die ›Liebesbank‹ war Frau Lindes liebstes Thema.

»Ja – ja – Linde – da sind gar manche glücklich geworden,« sagte sie.

Sie begann alle diejenigen aufzuzählen, die sich im Pfarrhof verlobt hatten ... Es entstand am ganzen Tisch ein allgemeines fröhliches Geplauder über Liebe und Verlobung ...

»Ja – – in dem Sommer, als sowohl Richard wie Hans Beck sich verlobten ... Agnes rasselte stets mit dem Drücker, ehe sie die Tür öffnete ... und nun gar die Nußallee ... Na – ja, man war stets der Gefahr ausgesetzt zu stören ... Es raschelte stets etwas zwischen den Zweigen ... Fräulein Horten trug einen kraßgelben Rock ... der schien!«

»Ja,« bemerkte der alte Pastor, »man muß sich hüten, grelle Farben zu tragen.«

»Aber es ist wunderschön in der Nußallee,« platzte ein junges Mädchen heraus. Alle lachten so, daß sie sich über den Tisch warfen.

»Linde, Linde,« rief Frau Linde, »vergiß auch nicht, daß heute Sonnabend ist ...« Der alte Pastor lachte so, daß er einen Husten bekam. »Aber es war damals wirklich so, als wenn man ein ewiges Küssen in allen Ecken vernähme ... Ja, ja,« sagte Frau Linde, die die Sache praktisch nahm, »sie sind alle sehr gut angekommen ...«

»Prost, liebe Frau Kathinka – wir wollen ein Glas trinken, wir beiden Alten,« sagte der Pastor.

Kathinka fuhr zusammen: »Ich danke ...«

Es wurde von einem jungen Paar gesprochen ... dem letzten von der Liebesbank. Sie hatten bereits einen Knaben bekommen.

»Haben sie einen Jungen bekommen?«

»Ja – einen prächtigen Knaben.«

»Acht Pfund,« sagte Frau Linde.

»Und eine Häuslichkeit –!«

»Alles wie geleckt! Und ein Girren, als ob sie noch in den Flitterwochen wären.«

Die Mahlzeit war beendet und Frau Linde machte dem Pastor ein Zeichen.

»Ja, ja,« sagte der alte Pastor, »trinken wir Mutters Gesundheit.«

»Gesegnete Mahlzeit!«

Alle erhoben sich und bald darauf hörte man ein Summen im Garten. Kathinka lehnte sich an die Wand. Das Lärmen und Reden da draußen erschien ihr wie in weiter, weiter Ferne und sie sah nur Huus' bleiches, bewegtes Antlitz, sein geliebtes Antlitz.

Ein Paar Mädchen kamen, um den Tisch abzuräumen, und Kathinka ging in den Garten hinaus. Man wollte Verstecken spielen. Agnes war dabei abzuzählen:

»Ene bene Tintenfaß,
Geh zur Schul und lerne was.«

Der alte Pastor verabschiedete sich. Es sei ja Sonnabend, sagte er. Er begegnete Bai in der Gartenpforte: »Guten Abend – Inspektor ... Ja, ich muß zu meiner Predigt.«

Luise die Älteste stand bei dem großen Jasminbusch. Da war ein Huschen und Verstecken hinter allen Büschen.

»Sie sieht, sie sieht,« rief einer der Mitspielenden, welcher an dem Jasminbusch vorüberlief.

Und dann wurde es still.

»Ich komme,« rief Agnes.

Kathinka trat ins Lusthaus. Sie schloß die Tür hinter sich: sie war so müde. Alle Worte, welche bei Tisch gefallen waren, hatten sich gleichsam um sie gelagert wie ein großer und hilfloser Schmerz.

Sie saß still da, als die Tür geöffnet und geschlossen wurde: »Huus ...!«

»Kathinka – aber Kathinka ...« Die Worte ertönten mit verzweifelter Stimme und fast unter Weinen. Er riß ihre Hände an sich und küßte sie immerfort, während er zu ihren Füßen lag.

»Ja, mein Freund – ja, mein Freund.«

Kathinka machte ihre Hände los und stützte sich einen Augenblick auf seine Schulter, während er vor ihr kniete: »Ja – Huus, ja.«

Die Tränen liefen ihr an den Wangen herab; so unbeschreiblich zärtlich ließ sie die Hand durch das Haar des Schluchzenden gleiten.

»Ach lieber Huus – die Zeit wird alles mildern ... bei Ihnen ... wenn Sie,« fuhr sie fort, indem sie die Hände von seinem Haar nahm und sich auf den Tisch stützte, »jetzt reisen ... und wir uns nicht mehr sehen ...«

»Nicht mehr sehen ...«

»Ja – Huus – – so wie es auch sein muß ...«

»Nein, ich werde mich Ihrer stets erinnern – immerdar und ewig ...«

Sie sprach so sanft mit tausend kummererfüllten Liebkosungen in ihrer Stimme.

»Kathinka,« rief Huus; er wandte das Gesicht, das in Tränen gebadet war, zu ihr empor.

Kathinka sah auf sein Gesicht hinab. Wie sie jeden dieser Züge liebte. Die Augen, den Mund, seine Stirn – die sie nie mehr Wiedersehen sollte; denen sie nie mehr nahe sein sollte.

Sie tat einen Schritt, gleichsam um zu gehen. Dann wandte sie sich zu Huus um, der am Tisch stand.

»Küssen Sie mich,« sagte sie, indem sie den Kopf an seine Brust lehnte.

Er nahm ihren Kopf zwischen seine beiden Hände und flüsterte unter Küssen wieder und wieder ihren Namen.

– – Draußen im Garten liefen sie hin und her. Luise die Älteste stürzte durch die Nußbaumallee hinter dem neuen Doktor drein, so daß sie Bai und Kjär fast über den Haufen gerannt hatte.

»Ja – wir waren auf dem Jahrmarkt,« sagte Bai, »ein gemütlicher Tag ... Ein paar verteufelt nette Mädchen im Walde – flinke Mädchen in hohen Stiefeln, ein förmlich frischer Hauch, alter Freund Kjär ...«

»Huus erzählte mir es schon,« erwiderte Kjär.

»Huus,« rief Bai, hielt aber plötzlich inne und sprach mit halbgedämpfter Stimme, »Huus – was habe ich gesagt? Ach, der Mensch versteht sich weiß Gott nicht auf Frauenzimmer. Er saß so geniert wie ein junges Gössel da und sah die ›Nachtigallen‹ an ... ein wahrer Jammer, alter Freund Kjär, das mit anzusehen – ein wahrer Jammer – –«

Luise die Älteste fiel dem neuen Doktor vor dem Jasminbusch in die Arme.

Es begann zu dämmern. Ringsumher im Garten promenierte man paarweise. Ein Name wurde laut durch den Gang gerufen. »Ja-a,« ertönte es dann aus der Gegend am Teiche.

Und dann, während die Glocken den Sonntag einläuteten, wurde es stiller und stiller. Schweigend ging man zusammen nach der großen Grasbank und dort sprach man in kurzen gedämpften Sätzen.

Kathinka saß neben Agnes. Die Pfarrerstochter machte der ›schönen Frau‹ immer den Hof.

»Singen Sie ein wenig, Fräulein Emma,« sagte Agnes.

Eine kleine Dame fing an zu singen, während die anderen ringsumher auf der Grasbank saßen. Es war der Gesang von Herr Peter.

Alle die jungen Mädchen fielen in den Refrain ein.

Agnes wiegte die schöne Frau leise hin und her, während sie sang:

»Schöne Worte
Schaffen kurze Freud',
Schöne Worte
Schaffen langes Leid,
Schöne Worte!«

Und es wurde wieder still. Sie sangen ein Lied nach dem anderen. Bald erklang nur eine Stimme, bald fielen mehrere ein.

Kathinka blieb bei Agnes sitzen, schweigsam an sie gelehnt.

»Singen Sie mit, schöne Frau,« sagte Agnes, indem sie das Gesicht zu Kathinka hinabbeugte.

Es war völlig Abend geworden. Die Büsche ringsum standen wie große Schatten da. Und nach dem warmen Tag war die Luft taufrisch und voller Duft.

Ein Herr redete Huus an und er antwortete. Kathinka hörte seine Stimme.

»›Marianne‹ wollen wir singen, das ist sehr hübsch,« sagte Fräulein Emma.

»Ja ... ›Marianne‹.«

Agnes und Fräulein Emma sangen. »Bleiben Sie doch sitzen,« sagte Agnes zu Kathinka.

»Unter des Grabes Nasen schlief
die arme Marianna,
Kam die Maid und beklagte tief
die arme Marianna.
– – –
Um das Herz sich die Schlange schlingt;
Nimmer die Erde dir Frieden bringt; –
Arme Marianna.«

»Frieren Sie, schöne Frau?«

»Wir müssen wohl nach Hause,« sagte Kathinka, indem sie sich erhob. »Es ist gewiß spät.«

– – –

Sie stand außerhalb des Gartens. Sie hatte ihm Adieu gesagt.

Sie hatte sein Gesicht gesehen, bekümmert und blaß, während er sich hastig über sie hinabbeugte. Sie hatte seinen Händedruck gefühlt, krampfhaft, so daß es schmerzte, und Bais Ruf gehört:

»Adieu – Huus, – wir sehen uns noch.«

Und schnell, indem sie sich zwang, über etwas zu lächeln, was sie nicht gehört hatte, reichte sie allen die Hand und Agnes umfaßte sie und lief mit ihr bis zur Gartenpforte – –

Die Pforte schlug zweimal hin und her und fiel endlich ins Schloß ... und hinter ihnen sangen sie drinnen im Garten.

»Laß uns diesen Weg gehen,« sagte sie.

Es war ein Pfad über die Felder längs des Pfarrgartens; man mußte hintereinander gehen.

Kathinka schritt langsam hinter Bai her.

»Gute Nacht!« ertönte es zu ihnen herüber. Der alte Linde hatte den Hügel im Garten bestiegen und hielt das Taschentuch um den Kopf geschlungen.

»Gute Nacht, Herr Pastor!«

»Gute Nacht!«

Sie gingen weiter über das Feld. Beim »Gute Nacht!« des Pastors kamen plötzlich Tränen in Kathinkas Augen und sie fuhr fort leise zu weinen. Sie drehte sich zweimal um und sah sich nach dem alten Linde auf seinem Hügel um.

»Kommst du?« fragte Bai.

Sie kamen heim. Bai revidierte die Weiche, redete und sah alles nach, und ging endlich schlafen. Kathinka ging umher und verrichtete die gewohnten Geschäfte, bedeckte die Möbel, begoß die Blumen und löschte die Lampe aus.

Das geschah alles wie durch einen Schleier, wie im Traum.

Sie stand am nächsten Tage auf und ging an die gewohnte Arbeit; denn die Züge kamen und gingen und sie saß am Fenster vor den Feldern, die heute wie gestern dalagen.

Sie sprach, wurde alltäglich gefragt und gab alltägliche Antworten. Sie war draußen in der Küche, um Marie, dem Mädchen, zu helfen.

Fenster und Türen standen offen, drüben in der Filialkirche begannen die Glocken zu läuten.

Marie plauderte in einem fort, als plötzlich Frau Bai sagte: »Ich gehe in die Kirche.« Und fort war sie, ehe Marie antworten konnte.

Frau Bai lief fast über die sonnenheißen Felder hin.

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