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Am Wege

Herman Bang: Am Wege - Kapitel 3
Quellenangabe
typefiction
authorHerman Bang
titleAm Wege
publisherS. Fischer, Verlag
printrun62. bis 71. Auflage
yearo.J.
correctorJosef Muehlgassner
senderwww.gaga.net
created20150505
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Zweites Kapitel

Es war während der kurzen Tage.

Bald fiel andauernd Regen, bald Tauschnee, aber stets sah man einen grauen Himmel und die Luft war feucht. Selbst Fräulein Jensens beste Schüler kamen in Holzschuhen über die Felder zur Schule.

Auf der Station glich der Bahnsteig einem See. Die letzten kleinen Blätter der Gartenhecke wurden vom Winde verjagt. Triefend kamen die Züge; die Schaffner liefen vermummt in nassen Mänteln hin und her. Der kleine Bentzen eilte mit den Postsäcken unter dem Regenschirm herbei.

Kjärs Getreidewagen waren durch geteerte Decken geschützt und die Kutscher saßen in Regenmänteln.

Verwalter Huus fuhr selbst den ersten Wagen zur Station. Es war genug zu tun, die Verladung und Deklarierung nahm viel Zeit in Anspruch.

»Die Leute von Kjärs sind da,« rief Bai zu seiner Frau hinein.

Der Verwalter Huus pflegte auf eine halbe Stunde sich des Regenrockes zu entledigen und in Bais Hause eine Tasse Kaffee zu sich zu nehmen.

Während Frau Bai hin und her ging und den Kaffeetisch deckte, arbeiteten Huus und die Knechte auf dem Perron und verluden die Säcke in die Güterwagen. Kathinka sah sie an den Fenstern vorübergehen. Sie sahen so kolossal aus in ihrem geölten Zeug.

Marie, das Mädchen, schwärmte für Huus und pflegte bei ihrer Arbeit stets von ihm zu sprechen.

Sie wurde nie damit fertig, seine Vorzüge hervorzuheben, und gewöhnlich schloß sie mit den Worten:

»Und was für eine Stimme er hat ...«

Es war eine weiche, treuherzige Stimme, und niemand wußte, weshalb Marie sich gerade in diese verliebt hatte.

Wenn draußen die Arbeit vollendet war, kam Huus zum Kaffee herein. In den Zimmern war es warm und traulich. Einige Topfpflanzen, die noch im Fenster blühten, strömten ihren Duft aus.

»Das sage ich ja!« rief Huus, indem er sich die Hände rieb, »bei Frau Bai ist es stets gemütlich.«

Die Gemütlichkeit kam auch mit Huus. Es lag in seinem Wesen eine ruhige Zufriedenheit; viele Worte machte er nicht und selten »erzählte« er etwas, aber er glitt so hübsch auf muntere Weise in das alltägliche Geplauder hinein, stets in gleich guter Laune. Man fühlte sich gemütlich, wenn er nur da war.

Es kam gerade ein Güterzug, und Bai mußte auf den Perron, um ihn zu expedieren.

Es trat keine Änderung ein, wenn Bai ging, und die beiden andern allein blieben; sie plauderten miteinander oder schwiegen auch. Sie trat ans Fenster und lächelte Bai zu, der draußen in dem Regen umhersprang.

Huus besah Kathinkas Blumen und gab ihr Ratschläge für ihre Pflege. Kathinka trat hin zu ihm und sie besahen zusammen die Pflanzen. Er kannte jede von ihnen, wußte, ob sie im Wachsen begriffen oder ob sie zurückgeblieben war und was in diesem Falle geschehen müsse.

Huus hatte Interesse für alle solche kleinen Dinge, für die Tauben und für die neuen Erdbeerbeete, die jetzt im Herbst angelegt worden waren.

Kathinka fragte ihn um Rat und sie gingen umher und besahen bald dieses, bald jenes.

Bai hatte sich niemals um solche Dinge bekümmert, aber mit Huus verhielt es sich anders, von ihm war immer etwas Neues zu lernen.

Kathinka und der Verwalter hatten daher stets Stoff genug zur Unterhaltung, ruhig und gelassen, wie es in der Natur beider lag.

Es war fast immer irgendein Gegenstand vorhanden, der sozusagen auf Huus' Anwesenheit wartete – selbst wenn er auch jeden Tag kam, wie in dieser Zeit, wo man das Korn zur Stadt beförderte.

Fräulein Ida Abel hatte auch oft auf der Station zu tun. Sie kämpfte sich durch den Schmutz des Weges mit einem Brief, der mit der Mittagspost abgehen sollte.

»Mein Gott, was für ein Wetter – Herr Leutnant,« sagte sie zu Bai.

»Eine Tasse Kaffee, mein Fräulein – eine kleine innere Stärkung, um dem Wetter widerstehen zu können ... Huus ist auch drinnen bei meiner Frau.«

»Aber sind denn die Leute vom Gute hier?«

»Ja, mit Getreide.«

Ida die Jüngste hatte das nicht geahnt.

Von einem Fenster ihrer Wohnung konnten die »Küken« Rundschau über die ganze Gegend halten.

Ida die Jüngste saß dort während der Vormittagsstunden.

Sie begann die Papilloten aus dem Haar zu nehmen.

»Wo willst du hin?« fragte Luise die Älteste, die mit einem Kräuterkissen auf der Backe umherlief, weil sie Zahnschmerzen hatte.

»Briefe nach der Station bringen.«

»Mutter« – Luise heulte förmlich – »nun will Ida schon wieder rennen ... Hm – wenn du glaubst, daß du dort einen fischen kannst ...«

»Geht das dich etwas an?« Ida die Jüngste schlug der Schwester die Tür zum Schlafzimmer vor der Nase zu.

»Meinetwegen, wenn du dich durchaus lächerlich machen willst, – du ziehst aber deine eigenen Stiefel an – das sage ich dir, Ida. Mutter – sage Ida – daß sie ihre eigenen Stiefel anzieht – immer rennt sie mit meinen Knöpfstiefeln nach der Station.«

»Pe!« sagte Ida, während sie das Kräuseln ihrer Stirnlocken beendete.

»Und meine Handschuhe – ich verbitte mir das ...« Luise entreißt Ida ein Paar Handschuhe und wiederum werden einige Türen heftig zugeschlagen.

»Was habt Ihr denn, Kinder?« fragt Frau Abel, die mit nassen Händen aus der Küche herbeieilte; sie hat Kartoffeln geschält.

»Ida stiehlt meine Kleider,« rief Fräulein Luise vor Wut weinend.

Die Witwe Abel bringt ruhig alles hinter Ida der Jüngsten in Ordnung und kehrt zu ihren Kartoffeln zurück ...

– – »Liebe Frau Bai,« sagte Ida die Jüngste schon in der Tür – »ich komme nicht hinein ... Guten Tag, Herr Huus – ich sehe so schrecklich aus bei dem Wetter ... Ich gucke nur hinein. Guten Tag ...«

Fräulein Abel trat doch ein. Ihr Kleid unter dem Regenmantel war auf der Brust tief ausgeschnitten.

»Man hat so schrecklich viel zu tun, wenn Weihnachten naht ... O – Sie erlauben wohl, Herr Huus ... daß ich vorbeikomme.«

Fräulein Abel klemmte sich ins Sofa hinein ... »Herrlich, ein wenig zu sitzen,« sagte sie.

Aber lange saß sie nicht, sie fand viel zu viel, was sie bewundern mußte. Fräulein Ida Abel war so jugendlich entzückt.

»Ach, mein Gott – der kleine hübsche Teppich ...« Fräulein Abel mußte den kleinen Teppich befühlen.

»O, – Herr Huus – erlauben Sie« ... Sie klemmte sich wieder an ihm vorbei.

Sie befühlte den Teppich ... »Mama sagt stets, daß ich flattere,« sagte Ida die Jüngste.

Frau Abel nannte ihre Töchter mitunter ihre »Flattertauben«, aber der Name fand keinen allgemeinen Anklang, denn bei Luise der Ältesten war der Begriff »Taube« unbedingt ausgeschlossen.

Und es blieb allgemein bei den »Küken«.

Wenn Fräulein Ida Abel gekommen war, dauerte es nicht sehr lange, bis der Verwalter Huus aufbrach.

Es sei nicht viel Platz in einem Zimmer, wo Fräulein Ida sich befinde, meinte er.

 

Weihnachten nahte heran.

Huus reiste wöchentlich einmal in Geschäften nach der Stadt. Er hatte stets für Frau Bai etwas zu besorgen; ihr Mann durfte es aber nicht hören. Die beiden flüsterten drinnen in der Wohnstube längere Zeit, wenn Huus mit dem Zuge gekommen war.

Kathinka meinte, sich seit vielen Jahren nicht so auf Weihnachten gefreut zu haben wie in diesem Jahr.

Das lag auch am Wetter.

Es war heller, klingender Frost geworden und Schnee bedeckte die Erde.

Wenn Huus in der Stadt gewesen war, blieb er auf der Station zum Tee. Er kam mit dem Achtuhrzuge. Frau Bai saß oft noch im Dunkeln.

»Wollen Sie ein wenig spielen?« sagte er.

»O – ich kann nur die paar – – aber wenn Sie sie gern hören wollen ...« Er saß auf einem Stuhl in einer Ecke neben dem Sofa.

Kathinka spielte ihre fünf Stücke, die alle einander glichen. Es fiel ihr sonst nie ein, jemand etwas vorzuspielen. Aber Huus saß so ruhig – dort in der Ecke – so daß man ihn gar nicht bemerkte. Und dann war er auch durchaus nicht musikalisch.

Wenn sie gespielt hatte, blieben sie oft eine Weile sitzen, ohne ein Wort zu sprechen, bis Marie mit der Lampe und dem Teeservice kam.

Nach dem Tee nahm Bai den Verwalter ins Bureau.

»Männer müssen auch mal unter sich sein,« sagte er.

Wenn sie sich allein befanden, Huus und er, erzählte Bai Liebesabenteuer.

Er hatte auch seine tolle Zeit gehabt ... als er die Kriegsschule besuchte, und »Kopenhagen hat schöne Frauenzimmer gehabt ... Na – – aber jetzt ist es damit zurückgegangen ... das heißt, sie gehen jetzt nach Rußland ... Ja, das mag gern sein ... jedenfalls ist Kopenhagen in dieser Beziehung zurückgegangen ... Wenn man Kamilla – Kamilla Andersen gekannt hat – braves Mädchen – brillantes Mädchen – aber sie nahm ein trauriges Ende ... sie stürzte sich aus dem Fenster ... ehrgeiziges Mädchen.« Bai blinzelte mit den Augen. Huus tat, als ob er Kamillas Ehrgeiz begriffe.

»Sehr ehrgeiziges Mädchen ... kannte sie ganz genau.«

Bai schwatzte während der ganzen Zeit. Huus rauchte seine Zigarre und sah nicht gerade sehr interessiert aus.

»Ich frage ja auch,« fuhr Bai fort, »die jungen Leute, wenn sie in den Ferien im Pfarrhof oder sonst auf dem Lande sich einfinden: ›Was habt Ihr jetzt für Frauenzimmer in Kopenhagen?‹ frage ich. ›Ist es gut damit bestellt?‹ Dann antworten sie: ›Na, es geht, alter Freund, unbedeutende Mädchen‹.«

»Ja – sie gehen nach Rußland, sagt man, kann wohl sein.«

Huus sprach keine Meinung darüber aus, wohin die Mädchen gingen. Er sah nach der Uhr.

»Es ist wohl Zeit aufzubrechen,« sagte er.

»Ach – was ...«

Aber Huus mußte fort: er habe dreiviertel Stunde Wegs zu gehen ...

Sie gingen zu Frau Bai hinein.

»Wollen wir nicht Herrn Huus begleiten?« sagte sie. »Das Wetter ist so schön ...«

»Ja, das können wir – dann bekommen die Beine ein wenig Bewegung ...« Sie begleiteten ihn.

Kathinka ging an Bais Arm; Huus auf ihrer anderen Seite. Der Schnee auf dem Wege knirschte unter ihren Füßen.

»Wieviel Sterne da in diesem Jahr sind!« sagte Kathinka.

»Ja, Tik, vielmehr als im vorigen Jahr.« Bai war stets guter Laune, wenn er allein in Männergesellschaft gewesen war.

»Ja, ich glaube es fast,« sagte Kathinka.

»Merkwürdig ist das Wetter übrigens,« bemerkte Huus.

»Ja,« sagte Bai, »diese Kälte schon vor Weihnachten.«

»Und die hält über Neujahr hinaus.«

»Meinen Sie ...«

Dann trat Schweigen ein, und als sie wieder sprachen, war die Unterhaltung ähnlich.

Bei der Biegung des Weges verabschiedete sich das Ehepaar.

Frau Bai summte auf dem Heimweg eine Melodie vor sich hin. Als sie nach Hause kamen, blieb sie in der Tür stehen, während Bai die Handlaterne holte und die Weiche für die Nacht inspizierte.

Er kehrte zurück. »Nun,« sagte er.

Kathinka sog tief atmend die Luft ein.

»Wie herrlich doch die Kälte ist,« sagte sie, indem sie mit der Hand ihren eigenen Atem in der Luft zerteilte.

Sie traten ein ...

Bai lag im Bett und rauchte einen Zigarrenstummel. Dann sagte er:

»Ja – Huus ist ein netter Mensch ... aber er ist ein Philister.«

Frau Bai saß vor dem Spiegel. Sie lächelte.

Aber Bai teilte Kjär bei Gelegenheit mit, daß er in der Tat nicht glaube, Huus verstehe sich auf Frauenzimmer.

»Ich fühle ihm bei Gelegenheit auf den Zahn – sehen Sie,« sagte er, »des Abends, wenn er bei uns ist ... Aber ich glaube bei Gott nicht, daß er sich überhaupt auf Frauenzimmer versteht.«

»Na, alter Bai,« erwiderte Kjär, indem sie sich gegenseitig auf die Schulter schlugen und lachten, »es können ja nicht alle Kenner sein.«

»Nein – glücklicherweise nicht ... Und Huus – ich glaube bei Gott nicht ...«

Sie wurden zum Kaffee gerufen.

 

Während der letzten Tage vor Weihnachten ging es auf der Station sehr heiß zu. Das war ein Bringen und Holen. Niemand wollte auf den Postboten warten.

Die Fräulein Abel sandten kleine Karten mit Glückwünschen ab und fragten nach Paketen.

Fräulein Jensen brachte eine Zigarrenkiste, zu deren Verschluß sie eine ganze Stange Siegellack verbraucht hatte.

»Handarbeiten, Frau Bai,« sagte Fräulein Jensen. Diese Handarbeiten waren für ihre Schwester bestimmt.

Frau Bai sagte: »Frau Abel war ja gestern in der Stadt.«

»Das war wohl wegen ihrer Zinsen,« sagte Fräulein Jensen spitz, »die jetzt ins Haus gekommen sind ... sie war so beladen, als sie heimkehrte.«

»Das glaube ich wohl. Am Weihnachtsabend ... Sie sind wohl bei Abels?«

»Nein ... wir wohnen zwar Tür an Tür, Frau Bai ... aber Abels denken stets nur an sich ... Früher bin ich ja zu Weihnachten immer bei Lindes im Pfarrhof gewesen ... aber Abels,« fuhr Fräulein Jensen fort – »ach nein, nicht alle sind –«

Frau Bai lud Fräulein Jensen ein, doch bei ihnen am Weihnachtsabend fürlieb zu nehmen.

Am Abend, als Bai von seiner Nachtinspektion eintrat, sagte sie zu ihm: »Matthias.« – Bei gewagten Mitteilungen nannte Frau Bai ihren Mann »Matthias« – »ich habe das kleine Fräulein Jensen zum Weihnachtsabend einladen müssen ... sie kann ja nicht zu Lindes gehen ...«

»Na – meinetwegen.« – Bai haßte den kleinen Perückenstock, wie er Fräulein Jensen nannte – »ja, wenn du nur Altejungferngesellschaft haben willst.«

Bai ging im Zimmer auf und nieder.

»Will sie nicht zu Abels gehen?« fragte er.

»Das ist es ja gerade – sie haben sie nicht eingeladen, Matthias ...«

»Ja, daran haben sie bei Gott recht getan,« erwiderte Bai, indem er die Stiefel von sich warf. »Na – das ist ja nun einmal dein Vergnügen.«

Frau Bai war glücklich, daß sie es ihrem Mann gesagt hatte. – –

Fräulein Jensen kam am Weihnachtsabend um halb sechs Uhr mit einem Spankorb und ihrem Mops.

Sie bat um Entschuldigung wegen ihres Bel-Ami.

»Er ist ja sonst bei Abels – ich lasse ihn ja sonst bei Abels ... aber heute abend ... das begreifen Sie wohl – hätte ich es sehr ungern getan ... Aber das arme Vieh stört niemanden ... denn es ist ein stilles Tier.«

Bel-Ami wurde auf einer Decke in der Schlafkammer untergebracht. Dort blieb er. Er litt an Schlafsucht und machte sich nur durch sein Schnarchen bemerkbar.

»Das süße Vieh schläft mit gutem Herzen,« sagte Fräulein Jensen, indem sie Manschetten und Kragen aus ihrem Spankorb hervornahm.

Bel-Ami war nur beschwerlich, wenn er nach Hause sollte. Er hatte absolut jede Lust zur Bewegung verloren. Bei jedem zehnten Schritt stand er still und heulte, indem er den Schwanz zwischen die Beine kniff.

Wenn es niemand sah, nahm Fräulein Jensen ihn auf den Arm und trug Bel-Ami.

Bei Bais wurde um sechs Uhr gegessen. Der »Baum« stand in einer Ecke. Der kleine Bentzen hatte sein Stirnhaar wie einen Hahnenkamm emporgestrichen und trug seinen Konfirmationsrock.

Er aß wie ein Wolf.

Bai füllte fortwährend die Gläser und stieß mit Fräulein Jensen und Bentzen an.

»Na – Prost, Fräulein Jensen. – Prost, mein guter Bentzen – es ist nur einmal Weihnachten im Jahr,« sagte er. Er fuhr fort, die Gläser zu füllen.

Der kleine Bentzen wurde rot im Gesicht wie ein Hummer.

»Wir trinken ja wie die Heiden,« sagte Fräulein Jensen.

Die Tür zum Bureau stand offen. Der Telegraph hämmerte unablässig.

Die Kollegen wünschten einander ein fröhliches Weihnachtsfest längs der Linie. Bai ging hin und her und antwortete.

»Grüße von mir,« sagte Kathinka.

»Fröhliches Fest von Mundstrup,« rief Bai vom Apparat.

»Ja,« sagte Fräulein Jensen, »das ist es, was ich meinen Schülern immer sage: ›Unsere Zeit hat die Entfernung aufgehoben‹. Das sage ich so oft zu ihnen.«

Beim Dessert wurde Fräulein Jensen sehr lebhaft. Sie nickte kindlich sich selbst im Spiegel zu und sagte »Prost!«

Fräulein Jensen trug einen neuen Chignon, den sie sich selbst zu Weihnachten geschenkt hatte. Sie trug jetzt Haare in drei Nüancen.

Fräulein Jensen wurde nach und nach vergnügt über sich selbst.

Nach Tisch, während der Christbaum angezündet wurde, versuchte der kleine Bentzen in der Küche über Marie, das Dienstmädchen, Bock zu springen.

Kathinka bewegte sich sehr ruhig und ließ sich gute Zeit beim Anzünden des Baumes. Sie wollte wohl auch ein wenig allein sein.

»Gott mag wissen, ob Huus unser Paket bekommen hat,« sagte sie. Sie stand auf einem Stuhl und zündete mit einer Wachskerze die Lichter an.

Im letzten Augenblick nahm sie ein Fichu von ihrem Tisch – sie hatte es von einer ihrer Schwestern bekommen – und legte es für Fräulein Jensen hin. Es sah so ärmlich aus auf Fräulein Jensens Platz; sie teilte das Sofa mit dem kleinen Bentzen.

Kathinka öffnete die Tür zum Bureau, und alle kamen zum Baum herein.

Sie gingen umher und besahen ihre Geschenke und dankten halb verschämt. Fräulein Jensen holte kleine Pakete in Seidenpapier aus ihrem Spankorb und legte sie ringsherum auf die Plätze.

Marie, das Mädchen, trat ein, sie trug eine weiße Schürze. Sie ging mit ihren eigenen Geschenken im Arm herum und befühlte die Gegenstände.

Der Achtuhrzug wurde expediert, und sie saßen wieder in der Stube. Der Christbaum brannte noch immer in seiner Ecke.

Es war sehr warm und die hellen Lichter am Baum verbreiteten einen angenehmen Duft.

Bai kämpfte fast mit dem Schlaf und sagte: »Man wird schachmatt von all dem Festieren, Fräulein Jensen. Die Weihnachtsfreude sättigt,« fügte er hinzu.

Sie waren alle schläfrig und sahen nach der Uhr. Die beiden Damen begannen immer wieder von den Geschenken zu sprechen und wie sie gearbeitet seien.

»Ich glaube, ich werde hineingehen und sehen, wie man die Welt regiert hat.« Er schlüpfte in sein Bureau. Der kleine Bentzen saß auf einem Stuhl unter dem Pfeifenbrett und schlief.

Die beiden Damen blieben allein, sie saßen in einer Ecke am Klavier vor dem Baum und waren sehr schläfrig.

Sie waren einen Augenblick eingeschlummert und fuhren bei einem Knistern am Baum erschreckt auf. Einer der Zweige brannte.

»Die Lichter sind bald heruntergebrannt,« sagte Kathinka, indem sie das Feuer löschte.

Die Lichter begannen nach und nach auszubrennen und der Baum wurde dunkel. Sie saßen wieder ganz wach da und blickten auf den erloschenen Baum – nur ein paar Lichter brannten noch schwach.

Sie wurden beide von derselben stillen Schwermut ergriffen, indem sie die letzten kleinen Lichter ansahen, denn es war ihnen, als ob diese den dunklen, toten Baum nur noch mehr hervorhoben.

Fräulein Jensen begann zu sprechen ... Anfangs hörte Kathinka kaum, was sie sagte; sie hing ihren eigenen Gedanken nach über ihr Heim und über Huus.

Kathinka wußte nicht, weshalb sie den ganzen Abend so viel an Huus gedacht hatte – während der ganzen Zeit war er nicht aus ihren Gedanken gewesen.

Während der ganzen Zeit. – –

Sie nickte Fräulein Jensen zu und tat, als ob sie zuhöre.

Fräulein Jensen sprach von ihrer Jugend und fing dann urplötzlich an, die Geschichte ihrer Liebe zu erzählen. Sie war bereits mitten in der Erzählung, als Kathinka erst aufmerksam wurde und sich darüber wunderte, wie Fräulein Jensen dazu kam, dies jetzt und gerade ihr zu erzählen ...

Es war die ganz einfache Geschichte einer Liebe, die nicht erwidert wurde. Sie hatte geglaubt, sie sei es, die er erkoren, und dann war es ihre Freundin gewesen.

Fräulein Jensen sprach halblaut in einem und demselben ruhigen Ton. Das Taschentuch hatte sie in der Hand und mitunter schluchzte sie ein wenig und führte es über die Wangen.

Kathinka wurde nach und nach gerührt. Dann dachte sie daran, wie die kleine, runzelige Person wohl in ihrer Jugend ausgesehen haben mochte ... vielleicht hatte sie doch eine nette, kleine Figur gehabt.

Und jetzt saß sie hier verlassen und allein.

Kathinkas Herz wurde ganz beklommen und sie ergriff Fräulein Jensens Hände und streichelte sie sanft.

Das alte Fräulein weinte heftiger unter dieser Liebkosung; Kathinka fuhr fort, ihre Hände zu streicheln.

Die letzten Lichtstumpfe brannten herab und nunmehr stand der Christbaum ganz finster da.

»Und doch muß ein einsames Weib sich durchs Leben schlagen,« sagte Fräulein Jensen, »gleichviel welche Schlingen man ihrem Fuße auch legt.«

Fräulein Jensen war wieder bei dem Prediger und seinen »Worten« angelangt.

Kathinka ließ Fräulein Jensens Hand los ... Es schien ihr, als sei es ganz kalt und unheimlich um den erloschenen Baum geworden.

Bai schlug die Tür zu dem hell erleuchteten Bureau auf. Es war ein reitender Bote gekommen, der ein Paket von Huus brachte.

»Die Lampe, Marie!« rief Kathinka und lief in das Bureau mit dem Paket.

Dieses enthielt einen sehr fein gehäkelten Schal mit Goldfäden darin – einen großen Schal, der zusammengelegt doch nur wenig Raum einnahm. – Kathinka stand starr mit dem Schal in der Hand; sie freute sich gar sehr darüber. Sie hatte einen ganz ähnlichen gehabt, der vor einigen Wochen versengt worden war ...

Aber dieser war viel feiner ...

Und sie blieb immer noch mit dem Schal in der Hand stehen.

Bai war jetzt wieder munter. Er hatte das Festmahl ausgeschlafen und sie tranken alle einige Gläser echten Rum im Tee.

Der kleine Bentzen wurde so selig, daß er nach seiner Kammer lief und einige Gedichte holte, die er auf viele kleine Stückchen Papier, hinten auf alte Tarife und Rechnungstabellen geschrieben hatte.

Er las sie laut vor, so daß sich Bai vor Lachen auf den Bauch schlug, Kathinka saß da und lächelte, in Huus' feinen Schal gehüllt.

Fräulein Jensen spielte schließlich einen Tiroler Walzer und der kleine Bentzen eilte in die Küche hinaus und walzte mit Marie, bis sie stöhnte.

Sie mußten alle helfen, Bel-Ami aus dem Schlaf zu erwecken, als Fräulein Jensen nach Hause gehen wollte; er wollte durchaus nicht von seiner Decke und Bai trat ihn auf den Schwanz, als Fräulein Jensen sich umdrehte.

Der kleine Bentzen sollte sie nach Hause bringen, aber Fräulein Jensen, die sonst im Dunkeln so ängstlich wie ein Hase war, wollte allein gehen.

Fräulein Jensen mochte ihren Bel-Ami nicht tragen, wenn es jemand sah.

Sie gaben ihr alle das Geleite bis zur Perrontüre und riefen »Fröhliche Weihnacht! Fröhliche Weihnacht!« hinaus über die Hecke.

Bel-Ami heulte mitten auf dem schneebedeckten Wege. Er rührte sich nicht von der Stelle.

Als Fräulein Jensen sah, daß sie alle wieder ins Haus getreten waren, beugte sie sich hinab und nahm Bel-Ami unter den Arm.

Fräulein Jensen war wie eine Eskimofrau eingehüllt, als sie in der Christnacht heimwärts ging.

Kathinka öffnete die Fenster in der Wohnstube, so daß die schneidende Luft hereinströmte.

»Hm, die kleine Kruke!« sagte Bai. Er war ganz erfreut darüber, die kleine Jensen heute abend bei sich gehabt zu haben.

»Die Ärmste!« sagte Kathinka. Sie blieb am Fenster stehen und sah über die weißen Felder in die Nacht hinaus.

»Man sollte nicht glauben, daß du über Husten klagst,« sagte Bai. Er schloß die Tür zum Schlafzimmer.

Bentzen ging über den Perron nach seiner Kammer.

»Sie nahm den Mops auf,« sagte er. Er hatte sich hinter der Hecke verborgen, um diese Begebenheit zu sehen. »Fröhliche Weihnacht, Frau Inspektor ...«

»Fröhliche Weihnacht, Bentzen!«

Es wurden einige Türen geschlossen und dann war es ganz still.

Nur hin und wieder vernahm man ein Sausen in den Telegraphendrähten.

 

Kathinka stand draußen und fütterte die Tauben, ehe sie in die Küche ging. Der Himmel war hoch, die Luft ruhig und vom Walde her ertönten die Glocken. Ringsumher auf den weißen Feldern sah man die Bauern, die auf den gebahnten Wegen einer nach dem anderen zum Opfer nach der Kirche gingen.

Sie warteten in Gruppen vor der Kirche und wünschten einander ein fröhliches Fest. Die Frauen reichten sich die Spitzen der Finger und flüsterten miteinander.

Dann standen sie still und blickten sich gegenseitig an, bis eine neue in ihren Kreis trat.

Bais kamen etwas spät, und die Kirche war schon voll. Kathinka nickte Huus, der dicht an der Tür stand, einen »Weihnachtsgruß« zu und begab sich dann auf ihren Platz.

Sie teilte den Kirchenstuhl mit Abels dicht hinter der Familie des Pastors.

Die Küken der Witwe Abel verschwanden in Schleiern und phantastischen Schleifen.

Frau Linde hatte an den großen Opfertagen die Augen sozusagen im Nacken. Sie »kleidete« sich und ihr Fräulein Tochter für die Eingänge an den Opfertagen und für die als Opfer geschenkten jungen Kälber.

Das Fräulein ging nie in die Kirche, wenn ein Tellerwalzer am Altar stattfand.

Die Bauern sangen die alten Weihnachtslieder und nach und nach fiel groß und klein mit ein. Es klang so stark und so fröhlich unter den Gewölben. Die Wintersonne schien durch das Fenster auf die weißen Wände. Der alte Linde sprach von den Hirten auf dem Felde und von den Menschen, denen heute der Heiland geboren sei, in einfachen schlichten Worten, die als Friedensbotschaft auf die Einfalt seiner Zuhörer wirkten.

Kathinka blieb in der festlichen Weihnachtsstimmung, während der Opferzug der Bauern sich in langer Reihe um den Altar hinzog. Die Männer gingen steif und schwer auf den Fliesen und kehrten auf ihren Platz zurück, ohne eine Miene verzogen zu haben.

Die Frauen gingen geniert und mit geröteten Wangen, starr auf das zusammengelegte Taschentuch schauend, vorüber.

Frau Lindes Augen hafteten unablässig auf den ausgestreckten Händen am Altar.

Frau Linde war seit fünfunddreißig Jahren Predigerfrau und an unzähligen Opfertagen war sie anwesend gewesen. Sie sah es den Händen an, was jeder erlegte.

Diese Hände kommen mit einer anderen Bewegung aus den Taschen, wenn sie wenig und wenn sie viel auf den Altar niederlegten.

Frau Linde schlug die Opfer auf die eines Mitteljahres an.

Vor der Kirche trafen Bais den Verwalter. Man atmete in der frischen Luft wieder auf und allgemein wünschte man sich von neuem ein fröhliches Weihnachtsfest.

Der Pastor kam mit dem Opfergeld in einem zusammengebundenen Taschentuche, und alle grüßten und knixten.

»Nun, Fräulein Jensen, dann wünschen wir einander wohl fröhliche Weihnachten,« sagte der alte Pastor.

Kathinka ging mit Huus durch die Kirchhofspforte. Bai blieb mit dem Gutsbesitzer Kjär ein wenig zurück, so daß die beiden ersteren allein auf dem Wege dahin gingen.

Die Sonne schien über die hell glitzernden Felder; hier und dort auf den Höfen hatte man Flaggen aufgezogen.

Ringsumher zogen die Kirchgänger in Scharen heim. In Kathinkas Ohren ertönten noch die Weihnachtslieder, sie fühlte alles wie eine frohe Festlichkeit.

»Weihnachten ist ein schönes Fest,« sagte sie.

»Ja,« sagte Huus, indem er seine ganze Überzeugung in dieses »Ja« hineinlegte. »Und der Prediger sprach auch recht schön,« fügte er nach einer Weile hinzu.

»Ja,« sagte Kathinka, »es war eine schöne Predigt.«

Sie gingen eine Strecke, dann sagte Kathinka: »Aber ich habe Ihnen noch gar nicht gedankt für den Schal ...«

»O – keine Ursache!«

»Freilich! ich habe mich so gefreut ... Ich hatte früher einen ähnlichen Schal und der ist halb verbrannt.«

»Ja, das wußte ich ... Sie trugen den Schal an dem Tage, als ich ankam!«

Kathinka wollte erwidern: »Wie ist es möglich, daß Sie das sahen?« – aber sie sprach es nicht aus. Sie wußte auch nicht, weshalb sie plötzlich errötete, und zum erstenmal merkte sie, daß sie nichts sagte und doch nach etwas suchte, um das Stillschweigen zu unterbrechen.

Sie kamen hinab zum Walde und die Glocken der Filialkirche ertönten. Es war, als ob die Glocken heute gar nicht zu klingen aufhören wollten.

»Sie gehen doch mit uns«, sagte Kathinka, »und stören uns nicht das Weihnachtsfest.«

Sie standen auf dem Perron und hörten dem Glockengeläute zu, während sie auf Bai warteten.

Huus blieb während des ganzen Tages.

Als Bai sich zu Tisch setzte, der im Schmuck des glänzend weißen Damasttischzeuges und der vielen Glasschalen erglänzte, sagte er: »Ja – man hat es am besten in der Familie.«

Der kleine Bentzen rief: »Ja!« und lachte vor Vergnügen.

Huus sagte nichts. Er saß, wie Kathinka zu sagen pflegte, nur da und schaute freundlichen Blickes drein.

Und während des ganzen Tages ruhte eine stille Freude über dem Hause.

Abends spielten sie Whist. Der kleine Bentzen war der vierte Mann. – –

Im Pfarrhof nahm man das Opfergeld aus den Papieren und zählte es. Frau Linde war enttäuscht. Das Opfer war bedeutend unter einem Mitteljahr.

»Woher kommt das, Linde?« fragte sie.

Der Pastor sah nachdenklich auf die vielen kleinen Münzen.

»Woher kommt das? Die Leute glauben, wir können wie die Lilien leben ...«

Frau Linde machte eine Pause und zählte zum letztenmal die ganzen Kronenstücke.

»– mit Familie,« schloß Frau Linde.

»Na, mein Kind,« sagte der alte Linde, »laß uns wenigstens dem Herrn danken für die Kapiteltaxe des Zehnten«.

Das Pfarrerfräulein und Pastor Andersen amüsierten sich damit, die Möbel im Salon umzustellen. Sie spielten Kroquet damit.

»Ich hüte mich, Mutter nahe zu kommen,« sagte Fräulein Agnes. » Alle unedlen Elemente sind an den großen Opfertagen bei Mutter in Aufruhr.«

 

Das Weihnachtsfest verrann, Kathinka meinte seit lange, seitdem sie daheim bei ihrer Mutter gewesen war, keine so schöne, gemütliche Weihnachtszeit verlebt zu haben. Nicht weil etwas Besonderes oder mehr als sonst geschehen war: sie waren mit Huus bei Lindes und einigen anderen Leuten gewesen und Fräulein Linde und der Kaplan kamen eines Abends mit Kjär und Huus zu ihnen. Die Fräulein Abel waren zum Nachmittagszug dagewesen und wurden auch ins Haus gebeten und nach dem Achtuhrzug tanzten sie im Wartesaal und sangen dazu.

Etwas Besonderes war also nicht geschehen, aber es war, als ob alles einen so glücklichen Verlauf genommen hätte.

Der einzige, der etwas »murrte«, war Huus gewesen. Er saß während der letzten Zeit oft in Gedanken versunken da.

»Huus,« sagte Kathinka, »schlafen Sie?«

Huus fuhr aus seinen Gedanken auf.

Bai wurde von der allgemeinen Zufriedenheit im Hause völlig angesteckt.

»Einen verteufelten Einfluß kann doch das Wetter haben,« sagte er, als er auf dem Perron stand und den Nachmittagszug expediert hatte.

»Fühle mich bei Gott verdammt wohl in dieser Zeit – erstaunlich wohl ...«

Und ihre Ehe war während dieser Zeit wie verjüngt, und die Jahre waren gleichsam vergessen. Das äußerte sich jedoch keineswegs auf gewaltsame, hitzige Weise, sondern in Vertraulichkeit und Zufriedenheit.

Es war am Silvesterabend gegen zwölf Uhr. Bais waren noch auf, um das neue Jahr mit einem Glas Wein zu begrüßen.

Da ertönte ein gewaltiger Lärm an der Einfriedigung ...

»Was zum Kuckuck!« rief Bai; er sowie auch Bentzen, mit dem er Sechsundsechzig spielte, fuhren zusammen. »Peter könnte das Pulver lieber sparen.«

Es klopfte ans Fenster, und Huus' Stimme rief: »Prosit Neujahr!«

»Was zum Teufel – ist das Huus,« sagte Bai, indem er aufstand.

»Ich dachte es mir gleich,« sagte Kathinka. Sie hatte von dem Geräusch Herzklopfen bekommen.

Bai ging hinaus und schloß auf. Huus hielt draußen im Schlitten.

»Aber kommen Sie doch herein und trinken Sie ein Glas aufs neue Jahr.«

»Guten Abend, Huus,« rief Kathinka, die in der Tür erschien. »Wir trinken doch auf ein glückliches neues Jahr.«

Sie banden das Pferd im Warenschuppen an und Kathinka gab ihm Brot. Sie leerten die Gläser, als es zwölf schlug, und beschlossen, bis zum Nachtzug, der um zwei Uhr vorüberfuhr, aufbleiben zu wollen.

»Spiele ein Stück, Tik,« sagte Bai.

Kathinka spielte eine Polka und Bai brummte dazu. »Ja,« sagte er, »man war seinerzeit ein tüchtiger Tänzer, nicht wahr, Tik?« Er kitzelte sie am Halse.

Sie gingen auf den Perron hinaus. Der Himmel war finster, zum erstenmal seit langer Zeit. »Es gibt mehr Schnee,« sagte Bai. Er nahm ein wenig losen Schnee auf und warf ihn dem kleinen Bentzen ins Gesicht. Es entstand eine Weile ein allgemeines Gefecht.

»Da haben wir den Zug,« rief Bai, als man fernes Brausen vernahm, »verdammt dunkel, heute abend.«

Das Geräusch näherte sich. Jetzt ging die Lokomotive über die Brücke, das kleine Licht kam näher und wuchs; dann brauste die Lokomotive gleich einer großen, helläugigen Bestie aus dem Dunkeln hervor und sie standen alle vier still, während der Zug schnell vorübersauste, – Dampf hinter sich zurücklassend. Aus den Wagen fiel Licht über den Schnee.

Lärmend eilte der Zug hinaus in die Finsternis.

»Hm,« sagte Kathinka, »so gehn wir ins neue Jahr hinein.« Sie hatten einige Minuten schweigend dagestanden.

Sie lehnte sich an ihren Mann und strich ihr Haar an seiner Wange.

Bai war von der Situation ergriffen. Er beugte sich hinab und küßte sie.

Der Zug brauste in der Ferne. Sie wandten sich alle um und traten ins Haus.

Huus war grausam gegen das Pferd, als er im Schlitten heimfuhr. Es mußte die Peitsche fühlen und Flüche obendrein.

Finster war es und es begann sich ein Sturm zu erheben.

Kathinka konnte nicht schlafen, sie weckte Bai.

»Bai!« rief sie.

»Was gibts?« fragte er, indem er sich im Bette umdrehte.

»Es ist ein böses Wetter ...«

»Na – wir befinden uns ja nicht auf dem Wasser,« sagte Bai schlaftrunken.

»Aber es ist ein fürchterliches Schneegestöber,« sagte Kathinka. »Glaubst du, daß Huus jetzt zu Hause sein kann, Bai?«

»Ach was, – Unsinn!«

Bai schlief wieder ein.

Aber Kathinka schlief nicht. Sie war besorgt um Huus, der sich in diesem argen Wetter auf dem Heimweg befand ... Es war so finster – und er war ein Neuling in der Gegend.

Wie sonderbar zu denken, daß erst drei Monate verflossen waren, seit Huus hierhergekommen war ...

Ob er wohl jetzt schon zu Hause war? ... Kathinka lauschte wieder nach dem Sturm, der immer mehr zunahm ... Er war heute abend auch betrübt gewesen – hatte so still dagesessen – sie kannte ihn – er hatte so niedergeschlagen ausgesehen ... Etwas mußte ihn bedrücken.

Es bedrückte ihn etwas in der letzten Zeit ... Aber wenn er jetzt nicht zu Hause war – dann – das Unwetter nahm immer mehr zu.

Kathinka schlummerte ein und schlief neben ihrem Mann.

Am zweiten Neujahrstage fand eine Gesellschaft im Pfarrhause statt.

Die halbe Gegend erschien und es war ein Geplauder und ein Gemurmel durch alle Zimmer bis in die Gänge hinaus. So ging es immer zu, alle Welt sprach lebhaft, wenn man ins Pfarrhaus kam.

Die Familie Abel kam, als das Sprichwörterraten begonnen hatte. Sie kamen stets zu spät.

»Die Zeit enteilt uns,« sagte Frau Abel, »wir können uns niemals von unserem Neste trennen.«

Wenn die Fräulein Abel in Gesellschaft wollten, gingen sie vom Mittag an im Frisiermantel umher und zankten sich. Frau Abel mußte sich dann in der letzten Minute ankleiden und sah immer aus, als ob ein Sturm sie heimgesucht hätte.

Man spielte Sprichwörterraten, so daß nicht der geringste Gegenstand in irgendeinem Kleiderschrank im Pfarrhof unberührt blieb.

Fräulein Agnes machte einen dicken Mann in den Hosen eines Käthners und dann einen Grönländer mit Kathinka als Grönländerin.

»Schöne Frau,« sagte sie zu ihr, »Sie sind durchaus nicht prüde.«

Sie tanzten den grönländischen Tanz Pingasut, so daß Kathinka ganz wirr im Kopf wurde, aber sie war so vergnügt, daß sie fast übermütig wurde.

Ida die Jüngste gehörte zur anderen Partei. Bei dieser handelte es sich immer um einen Harem oder um einen großen Badeort. Aber wo auch immer es war, Ida die Jüngste wurde allemal von einem hagern, blonden Leutnant umarmt und gedrückt.

In den Türen standen die älteren Herrschaften beisammen und sahen dem Spiele zu. Vor den Fenstern des Saales im Garten standen der Großknecht, zwei Käthner und die Knechte und lachten über ihr »fesches« Fräulein.

Der alte Pastor Linde ging von der einen Gruppe zur anderen:

»Sie amüsieren sich, sie amüsieren sich,« sagte er, indem er zu den älteren Herrschaften hintrat.

Frau Abel blickte dem Pastor nach; sie saß neben der Frau des Müllers.

»Nicht wahr – hier ist es lebhaft.«

»Ja,« erwiderte die Frau des Müllers, »ein lebhafter Pfarrhof,« und dabei legte sie auf das Wort »Pfarr« einen streng klingenden Nachdruck.

Ihre Tochter Helene stand neben der Mutter. Sie wollte am liebsten nichts mit dem Spiel zu tun haben.

Der Müller hatte sich ein neues Wohnhaus gebaut und strebte vorwärts. Dort gab man jährlich zwei Gesellschaften, bei denen die Leute im Kreise umhersaßen und die neuen Möbel anschauten. Dort blieb alles neu.

Auf allen Möbeln befanden sich Decken und Gegenstände, die Fräulein Helene gearbeitet hatte.

Alltäglich wohnte die Familie in einem Zimmer in dem alten Wohnhaus. Einmal in der Woche wurde in dem neuen Hause geheizt, damit die Möbel nicht leiden sollten.

Fräulein Helene war das einzige Kind. Sie war von Fräulein Jensen mit besonderer Rücksicht auf den Unterricht in fremden Sprachen erzogen worden, sie war die eleganteste Dame der ganzen Gegend mit ausgeprägtem Geschmack für Goldschmuck. Zu allen Toiletten trug sie innerhalb der vier Wände graue Filzschuhe und weiße, baumwollene Strümpfe.

In Gesellschaft war sie leicht verletzt und stellte sich neben ihre Mutter mit einem süßsauren Gesicht.

»Ja,« sagte Frau Abel, »meine Küken finden es hier ja mitunter zu lebhaft ...«

»Mama,« sagte Ida die Jüngste, »gib mir dein Taschentuch ...«

»Sogleich ...« Ida die Jüngste nahm es etwas unsanft aus den Händen der Mutter.

Ida sollte mit der Nachtmütze spielen und hatte entdeckt, daß ihr eigenes Taschentuch etwas defekt war.

»Sie sind so eifrig beim Spiel,« sagte Frau Abel zur Frau des Müllers.

Das Sprichwortspiel war zu Ende und vor dem Abendtisch spielte man noch schnell »Blindekuh«. Es herrschte ein Gekreische im Saal und ein Stürmen, so daß der alte Kachelofen sich darunter neigte.

»Der Ofen!« schrien sie. »Der Ofen!«

»Hier – hier!«

Ida die Jüngste war so ermattet, daß sie auf einen Stuhl sank. Sie vermochte vor Herzklopfen nicht zu atmen: » Fühlen Sie,« sagte sie, indem sie die Hand des Leutnants auf ihre Brust legte, – »wie mein Herz klopft.«

Kathinka war die blinde Kuh und wurde rund herumgedreht, so daß sie kaum zu stehen vermochte.

»Nein – sehen Sie doch die schöne Frau,« rief Fräulein Agnes. »Hier hier!« – –

Kathinka fing Huus.

»Wer ist das?«

Sie beugte sich vor und befühlte sein Haar: »Das ist Huus!« rief sie.

Der alte Pastor Linde klatschte in die Hände, womit er anzeigen wollte, daß man zu Tisch gehen sollte.

»Huus,« sagte Kathinka, »was ist Ihnen? ... Fehlt Ihnen etwas?«

»Wie kommen Sie darauf?«

»Sie sind während der letzten Zeit – nicht – so fröhlich ... wie früher ...«

»Mir fehlt nichts, Frau Bai ...«

»Und ich,« sagte Kathinka, »bin gerade so außerordentlich fröhlich.«

»Ja,« sagte Huus, »das sieht man.«

Bai kam vom Spieltisch: »Aber mein Gott, wie siehst du aus?« sagte er.

Kathinka lachte: »Ja – wir haben einen grönländischen Tanz aufgeführt.«

Huus führte sie zu Tisch.

Der Inspektor schnappt Ida die Jüngste dem Leutnant weg, der mit dem Sohn des Schullehrers hinter ihm geht.

»Hansen,« sagt der Leutnant, »wer ist das Mädchen?« ...

»Ach die Mutter, die schiefe, dort mit dem Pastor, die lebt hier ... auf dem Hofe, auf dem Altenteil.«

»Verteufeltes Mädchen!« sagt der Leutnant. »Sie hat bei Gott eine forsche Büste ...«

Alle hatten sich gesetzt. Der Pastor saß am Tischende. Er brachte während des Essens zwei Toaste aus »auf die Abwesenden« und »auf den guten Geist in der Gesellschaft«. Diese beiden Toaste waren mit denselben Worten während siebzehn Jahren im Pfarrhof ausgebracht worden. Schließlich wurde ein Kranzkuchen mit Knallbonbons herumgereicht. Der Pastor knallt mit Fräulein Jensen.

Der Leutnant hat einen Stuhl neben Ida der Jüngsten eingeschoben und dort ist der Platz so eng, daß sie sich fast auf dem Schoß sitzen.

Man kann kein Wort verstehen, denn alle lachen und knallen und lesen die Devisen laut vor.

»Ja,« sagt der alte Linde, »das ist die Jugend.«

»Huus, jetzt kommen wir,« sagt Kathinka, indem sie ihm einen Knallbonbon hinreicht.

Huus faßt an. »Sie haben die Devise,« sagt Kathinka. Huus liest das kleine Papier: »Dummer Schnack,« sagt er, indem er es zerriß.

»Aber Huus – was stand denn darauf?« ...

»Alle Konditorgehilfen schreiben von Liebe,« ruft Ida die Jüngste über den Tisch.

»Fräulein Ida,« sagt der Leutnant, »wollen wir beide?«

Ida die Jüngste dreht sich um und knallt mit dem Leutnant: »Mein Gott – das ist doch unpassend,« ruft sie. Sie hatte eine Devise erhalten, in der von Küssen die Rede war und welche der Leutnant mit dem kleinen Knebelbart dicht an Idas Wangen vorlas.

Man schiebt die Stühle ein wenig vom Tisch ab und die Damen fächeln sich mit den Servietten. Die Jungen sind von der Hitze und dem Milchpunsch, der in großen grauen Kannen herumging, warm geworden.

Ein kleiner, nüsterbleicher Student läßt das patriarchalische Heim des Pastor Linde hoch leben und alle erheben sich und rufen: »Hurrah!«, der kleine Student stößt noch besonders mit dem Pastor an.

»Sie kleiner ›roter‹ Mensch,« sagt der alte Linde, »trinken Sie auf mein Wohl! ...«

»Man kann ja Achtung vor den Personen haben,« sagt der kleine Nüsterbleiche.

»Ja, ja,« sagt der alte Linde, »ja, ja ... Ja, die Jugend muß doch etwas zu bekämpfen haben, meine gute Frau ...«

Frau Abel wurde von ihrer Ida in Anspruch genommen. Diese ist so lebhaft, sie liegt fast in den Armen des Leutnants.

»Ja, Ew. Hochwürden,« sagt sie.

»Ida mein süßes Kind (aber das süße Kind hört es nicht), Ida – stoße doch einmal mit deiner Mutter an,« sagt Frau Abel.

»Hoch!« rief Ida die Jüngste ... »Leutnant Nielssen« – sie reicht ihm ihr Glas – »stoßen Sie mit Mama an.«

Die Witwe Abel lächelt: »O – o – was meine Ida doch für Einfälle hat ...«

Der kleine Student will wissen, ob Fräulein Helene die Werke des Dichters Schandorf gelesen hat ...

Fräulein Helene liest die »Lesemappe«.

»Schandorf hat Vorzüge – aber ihm fehlt der große Blick.« Der kleine Student fühlt sich veranlaßt zu sagen, daß Gjellerup sein Dichter sei.

Fräulein Helene erinnert sich nicht, ob Herr Gjellerup sich in der Lesemappe befindet.

»Bei ihm findet man die großen Gesichtspunkte,« fährt der Student fort, »die Wissenschaft in der Poesie ... Ich nenne ihn die echteste Frucht unseres mächtigen Brandes ... der Geistesfreiheit ...«

»Brandes, meinen Sie den Juden?« fragte Fräulein Helene. Auf der Mühle – gab es keine andere Vorstellung von »Geistesfreiheit«.

Der Student kommt auf den großen Darwin zu sprechen.

Bai hat etwas gesagt, worüber Fräulein Jensen ganz rot geworden ist.

»Sie sind sehr schlimm,« sagt die kleine Jensen, indem sie ihn auf die Finger schlägt.

»Aber Huus,« sagt Kathinka, »man muß ja das Leben nehmen, wie es fällt ... und ...«

»Und?«

»Und eigentlich ist doch das Leben so voll von Glück ...«

»Aber Herr Leutnant ... Sie sind häßlich ...«

Der alte Pastor Linde sitzt an seinem Tischende mit gefalteten Händen und nickt mit dem Kopfe.

»Gesegnete Mahlzeit!« ruft er, indem er sich erhebt.

Alle erheben sich und es entsteht ein Geräusch und ein Wirrwarr von Rufen: »Gesegnete Mahlzeit!« Drinnen im Saal war Agnes bereits am Klavier: es soll getanzt werden.

»Ich weiß nicht, ob du Ida gesehen hast,« sagt Luise die Älteste zur Mutter. »Man muß in die Erde sinken über sie.«

Ida die Jüngste bildet mit dem Leutnant das erste Paar.

»Aber jetzt recht lebhaft,« ruft Fräulein Agnes vom Klavier her. Sie spielt »Auf meinem Kanapee«, so daß es in den Saiten klirrt.

Huus tanzt mit Kathinka, bis sie die Runde durch die Zimmer machen, einander an der Hand haltend galoppieren sie durch die Türen.

Der alte Linde ist an der Spitze mit der stöhnenden Jensen.

»Linde! Linde!« ruft seine Frau. »Denke doch an deine alten Beine.«

Fräulein Agnes schlägt auf die Tasten, so daß es dröhnt.

»Ach mein Gott – ich sterbe,« sagt Helene aus der Mühle.

Plötzlich wird die Kette gesprengt und atemlos sinken die Paare auf die Plätze ringsumher.

»Puh – das macht warm,« ruft Bai dem Leutnant zu, indem er sich die Stirn trocknet ... »Ob wir wohl ein Glas Bier finden werden?«

Der Leutnant ist mit dabei. Sie gehen durch die Zimmer. Im Eßzimmer stehen die Flaschen in einem Fenster aufgestellt.

»Ist das hiesiges Bier?« fragt der Leutnant.

»Nein, das ist Karlsberger.«

»Nun, dann bin ich dabei ...«

»Hier ist eine hübsche Ecke,« sagt Bai. Sie gingen in das Studierzimmer des Pastors, ein kleines Zimmer mit Öhlschlägers und Mynsters gesammelten Schriften auf grün gestrichenen Regalen und Thorwaldsens Christus über dem Schreibtisch.

Sie setzen sich mit den Bierflaschen an den Tisch.

»Ja – ich merkte es sehr wohl,« sagt Bai, »um was es sich handelte ... aber ich dachte – laß ihm nur das Vergnügen ... dachte ich – und auch ihr.«

»Ja – ein verteufeltes Mädchen ... sie hat bei Gott eine forsche Büste – und schmiegt sich brillant an, wenn sie tanzt ... Inspektor.«

»Was zum Teufel sollte sie auch anders tun – das arme Mädchen?« erwiderte Bai, indem er sein Glas leert.

»Aber was für ein Mädchen ist die da?« fragte der Leutnant weiter. Er meinte Fräulein Agnes ...

»Ein nettes Mädchen,« sagte Bai, »aber mit der ist nichts zu machen,« sagte er, »eine Freundin meiner Frau.«

»Ach so,« sagt der Leutnant ... »ja, ich dachte es mir schon: eine Plaudertasche, trockene Rasse, – kennen die Sorte – –«

Die Konversation ging ins allgemeine über. »Diese Dorfmädchen – im ganzen genommen,« meinte der Leutnant, »sind gut genug ... ich meine ... aber – sehen Sie, Inspektor – keine Bildung ... nein – Stadtmädchen – wissen Sie – das ist doch etwas ganz anderes.«

Der Leutnant hatte »etwas gefunden«. – –

»Sehen Sie – man wohnt ja in dem Viertel ... dort haben sie ja das Schloß hingelegt – man muß ja dort wohnen ... So recht mitten drin!«

»Aber was sind das für Mädchen?« fragte Bai.

»Kecke kleine Mädchen – bei Gott, kecke kleine Mädchen ...«

»Ja – ich weiß es ja nicht ... man ist ein verheirateter Mann, Leutnant ... Wenn man auch ein paar Tage drüben ist, so sind es ja nur bloße Scheingerichte ... Scheingerichte,« wiederholte er noch einmal.

»Glauben Sie mir, kecke Mädchen,« sagte der Leutnant, »gebildete Mädchen« ...

»Aber man sagt, sie gehen nach Rußland.«

»Ja, das sagt man ...«

Pastor Linde trat ein: »Na – Sie sitzen hier, Inspektor,« sagte er, indem er durch das Zimmer ging.

»Ja, Herr Pastor, wir sitzen hier und philosophieren ein wenig in aller Stille ... bei einer gestohlenen Flasche Bier.«

»Genieren Sie sich nicht. – Nicht wahr, hier ist es gemütlich?« sagte der Pastor, indem er sich in der Tür nochmals umdrehte. »Drinnen spielen sie Pfänderspiele.«

Bai und der Leutnant gingen hinein zum Pfänderspiel. Sie waren gerade dabei, in den Brunnen zu fallen. Der kleine Student mit der echtesten Frucht kniete vor Kathinka.

»Jetzt wird geküßt,« rief Fräulein Agnes.

Kathinka reichte ihre Wange hin, damit die »Frucht« sie küssen könne. Er war ganz rot im Gesicht und kam nur dazu, ihr die Nase zu küssen. Kathinka lachte und klatschte in die Hände. »Ich falle ... ich falle ... vor Huus,« sagte sie.

Huus kam hin zu ihr und beugte sich hinab. Er küßte sie aufs Haar.

»Ich falle vor Fräulein Jensen,« sagte er, indem seine Stimme überschnappte, als ob er heiser sei.

Fräulein Jensen dachte noch an den Kuß, als sie daheim ins Bett zu Bel-Ami gekommen war.

– – –

Die Gäste waren gegangen.

Fräulein Agnes stand im Saal und sah sich auf dem Walplatz um. Es befand sich nicht ein einziger Gegenstand an seinem rechten Platz; Gläser standen in den Ecken auf dem Boden und die Kuchenteller hatte man auf den Bücherschrank gestellt.

»Huh!« sagte sie, indem sie sich setzte, »das sieht dem Vorzimmer eines gewissen Mannes ähnlich.«

Pastor Andersen war eingetreten: »Nun,« sagte sie, »o, Sie sind heute abend wirklich sehr nett gewesen.«

»Fräulein Agnes, haben Sie sich amüsiert?«

»Nein.«

»Weshalb tun Sie es denn?«

»Das will ich Ihnen sagen, weil die anderen sich amüsieren. Aber Sie wollen stets allein sein, um Unheil stiften zu können – helfen Sie mir jetzt,« fuhr sie fort, »daß wir hier ein wenig Ordnung schaffen ...«

Sie begannen die Möbel auf ihre Plätze zu stellen.

– – –

»Ich gehe nicht mehr mit Ida aus, Mama,« sagte Luise die Älteste, »ich tue es nicht – sage ich dir – das ist ein Skandal für alle Menschen.«

»Weil man dich sitzen läßt – ich sollte dir wohl Gesellschaft leisten – nicht wahr?«

Die Witwe mischte sich nie in die Streitigkeiten, denn sie wußte, daß sie doch nicht aufhören würden, solange ihre Töchter damit beschäftigt waren, die Papilloten ins Haar zu wickeln. Sie ging still umher und legte die Sachen der Küken zusammen.

– – –

»Man wird verdammt müde von all den vielen Festen,« sagte Bai. Er war ganz steif in den Beinen, beim Gehen.

Kathinka antwortete nicht. Schweigend gingen sie heimwärts, den Weg entlang.

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