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Am Wege

Herman Bang: Am Wege - Kapitel 2
Quellenangabe
typefiction
authorHerman Bang
titleAm Wege
publisherS. Fischer, Verlag
printrun62. bis 71. Auflage
yearo.J.
correctorJosef Muehlgassner
senderwww.gaga.net
created20150505
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Erstes Kapitel

Der Bahnhofinspektor wechselte seinen Rock zur Ankunft des Zuges.

»Verdammt, wie die Zeit läuft!« sagte er und reckte die Arme. Er war ein wenig über den Rechnungsbüchern eingeschlummert.

Er zündete eine Zigarre an und ging auf den Perron hinaus. Wenn er so auf und nieder ging, in der strammen Uniform, die Hände in beiden Hosentaschen, sah man ihm noch den Leutnant an. Auch an den Beinen, die hatten die Rundung von der Kavallerie beibehalten.

Fünf, sechs Bauernburschen waren gekommen und standen mit gespreizten Beinen in einem Haufen mitten vor dem Stationsgebäude; der Portier schleppte das Gepäck in einem vereinzelten grün angestrichenen Kasten herbei, der so aussah, als sei er am Wegrande verloren.

Die Pfarrerstochter, die es an Größe mit einem Gardisten aufnehmen konnte, stieß die Perrontür auf und trat auf den Perron.

Der Bahnhofinspektor schlug die Hacken zusammen und grüßte.

»Was wollen das gnädige Fräulein denn heute?« fragte er. Wenn der Bahnhofinspektor sich auf dem Perron befand, schlug er immer den Ton an, dessen er sich in alten Zeiten bei der Kavallerie auf den Klubbällen bedient hatte.

»Gehen will ich!« sagte die Pfarrerstochter. Sie hatte ganz eigentümliche, schlenkernde Bewegungen, wenn sie sprach, gleichsam, als wolle sie demjenigen, mit dem sie sprach, einen Schlag versetzen.

»Übrigens kommt Fräulein Abel heute nach Hause.«

»Schon? – Aus der Stadt?«

»Ja–a.«

»Und noch immer glitzert hier nichts?« Der Bahnhofinspektor bewegte die rechte Hand in der Luft, und die Pfarrerstochter lachte.

»Da haben wir die Familie!« sagte sie. »Ich hab' mich bedankt und hab' Reißaus genommen!«

Der Inspektor begrüßte die Familie Abel, die Witwe und ihre Älteste, Luise, sie waren von dem Fräulein Jensen begleitet. Die Witwe sah resigniert aus.

»Ja,« sagte sie, »ich will meine Ida, die Jüngste abholen.«

Frau Abel holte abwechselnd ihre Luise und ihre Jüngste, Ida, ab, Luise im Frühjahr und Ida, die Jüngste, im Herbst.

Sie verbrachten jedesmal sechs Wochen bei einer Tante in der Hauptstadt. »Meine Schwester die Etatsrätin,« sagte Frau Abel. Die Etatsrätin wohnte im vierten Stockwerk und lebte davon, Störche, die auf einem Bein standen, auf Terrakottagegenstände zu malen. Frau Abel sandte ihre Töchter stets mit allen guten Wünschen fort.

Sie hatte sie jetzt seit zehn Jahren fortgeschickt.

»Was für Briefe haben wir diesmal nicht von Ida der Jüngsten erhalten!«

»Ja – diese Briefe!« sagte Fräulein Jensen.

»Aber es ist doch besser, seine Küken daheim zu haben,« sagte Frau Abel, indem sie Luise die Älteste zärtlich ansah. Und Frau Abel mußte bei diesem Gedanken ihre Augen trocknen.

Die sechs Monate, die sie zu Hause waren, verbrachten die Küken der Witwe damit, sich zu zanken und neuen Besatz auf alte Kleider zu nähen. Mit der Mutter sprachen sie nie.

»Wie sollte man es in diesem abgelegenen Winkel aushalten, wenn man das Familienleben nicht hätte,« sagte Frau Abel ... Fräulein Jensen nickte zustimmend.

Von der Biegung des Weges her erscholl Hundegebell und ein Wagen fuhr vor.

»Das sind Kjärs,« sagte die Pfarrerstochter. »Was wollen die?« Sie ging über den Perron zur Tür.

Ja, Gutsbesitzer Kjär stieg aus dem Wagen. – »Was soll man dazu sagen, legt Madsen sich gerade in der schlimmsten Zeit hin und bekommt den Typhus, so daß man sich telegraphisch einen Stellvertreter besorgen muß – Und der Kuckuck mag wissen, was für einen Halunken man bekommt ... Er kommt jetzt.«

Gutsbesitzer Kjär trat auf den Perron hinaus.

»Die landwirtschaftliche Akademie hat er durchgemacht, – wenn das nützen kann – und sogar mit den besten Zeugnissen ... Na – guten Morgen – Bai!« Der Bahnhofinspektor bekam einen Handschlag. – –

»Was macht denn Ihre Frau?«

»Ach, – ich danke ... Sie holen sich also heute den Verwalter?«

»Ja – abscheuliche Geschichte – und gerade in der schlimmsten Zeit ...«

»Na, ein neuer Mann in der Gegend,« sagte die Pfarrerstochter und schlenkerte mit dem Arm, als wollte sie ihm schon im voraus eine Ohrfeige geben.

»Den kleinen Stations-Bentzen mitgerechnet, hätten wir also sechs und einen halben ...«

Die Witwe ist in fieberhafter Erregung. Sie hatte es zu Hause gesagt, Luise die Älteste solle nicht mit den Zeugstiefeln ausgehen.

Die Schönheit von Luise der Ältesten bestand nämlich in ihren Füßen – schmale, aristokratische Füße ...

Und sie hatte es doch gesagt ...

Fräulein Luise war drinnen im Wartesaal und zupfte ihren Schleier zurecht. Die Fräulein Abel machten in ausgeschnittenen Kleidern, in Rüschen, Jetperlen und Schleiern.

Bai ging nach der Küche, um seiner Frau die Ankunft des Verwalters zu melden ...

Die Pfarrerstochter saß und wippte auf der grün gestrichenen Gepäckkarre. Sie zog die Uhr heraus und sah nach.

»Mein Gott, wie kostbar sich der Mensch macht,« sagte sie.

Fräulein Jensen meinte: »Ja – der Zug scheint sich beträchtlich verspätet zu haben.« Fräulein Jensen sprach unbeschreiblich korrekt, namentlich wenn sie mit der Pfarrerstochter sprach.

»Das ist nicht der Ton, in dem ich mit meinen Schülern spreche,« sagte sie zu der Witwe.

»Aber – da ist ja die schöne Frau!« rief die Pfarrerstochter, und sprang von der Kiste auf, stürzte über den Perron Frau Bai entgegen, die auf die Steintreppe herausgetreten war. Wenn die Pfarrerstochter jemand herzlich begrüßte, sah es aus wie ein gewaltsamer Überfall.

Frau Bai lächelte still und ließ sich küssen.

»Herr Gott!« rief die Pfarrerstochter, »wir bekommen unerwartet einen neuen Hahn auf den Hof. Da ist er.«

Man hörte den Lärm des Zuges in der Ferne und das Klappern, als er über die Flußbrücke fuhr. Langsam kam er keuchend und stöhnend über die Wiese.

Die Pfarrerstochter und Frau Bai blieben auf der Treppe stehen. Das Fräulein hatte Frau Bai um die Taille gefaßt.

»Da ist Ida Abel,« rief die Pfarrerstochter. »Ich kenne sie an ihrem Schleier.« Ein bordeauxroter Schleier wehte aus einem Fenster des Zuges heraus.

Der Zug hielt, und die Türen wurden auf und zu geschlagen. Frau Abel schrie ihr »Guten Tag!« so laut, daß die Insassen aller Nachbarkupees an die Fenster kamen.

Ida die Jüngste kniff ärgerlich den Arm der Mutter – sie stand noch auf dem Trittbrett des Wagens: »Es ist ein Herr im Zuge – nach hier – wer ist er?« Es ging wie ein Mühlrad. Ida die Jüngste war auf den Perron getreten. Dort stand der Herr ... ein blondbärtiger, sehr besonnen aussehender Herr, der Hutschachtel und Reisetasche aus einem Rauchkupee nahm.

»Und Tante – Tante Mi –« schrie Frau Abel.

»Halt den Mund!« sagte Ida die Jüngste leise, aber wütend. »Wo ist Luise?«

Luise sprang auf der Steintreppe vor Frau Bai und der Pfarrerstochter hin und her, so kindlich, als stecke ihre Schönheit in Knopfstiefeln.

Unterhalb der Treppe stellte sich der Verwalter Herrn Kjär vor.

»Ja – verteufelte Geschichte – da legt er sich in der schlimmsten Zeit ... Na, wir wollen das Beste hoffen ...« Herr Kjär schlug den neuen Verwalter auf die Schulter.

»Gott helfe uns!« meinte die Pfarrerstochter. »Ein ganz gewöhnliches Haustier.«

Die Grüngestrichene war in den Zug entleert und die Eimer der Molkereigenossenschaft waren aus dem Gepäckwagen geladen. Der Zug begann sich in Bewegung zu setzen, als ein Bauer aus einem Fenster schrie, er habe kein Billet.

Der Zugführer, ein schlanker Jüngling, stramm wie ein Husar, in den eleganten Unaussprechlichen, reichte dem Inspektor zwei Finger und sprang auf das Trittbrett.

Der Bauer fuhr fort zu schreien und sich mit dem Kondukteur zu zanken, der auf dem Laufbrett stand.

Und alle Gesichter auf dem Perron schauten eine Weile dem Zuge nach, der dahinrollte ...

»Hm – das war das,« sagte die Pfarrerstochter und trat mit Frau Bai ins Haus.

»Mein Verwalter, Herr Huus,« sagte Herr Kjär zu Bai, der vorüberging. Alle drei blieben eine Weile stehen.

Luise die Älteste und Ida die Jüngste fanden einander endlich und begannen mitten in der Tür sich wie wild zu küssen.

»Ach Gott,« sagte die Witwe, »sie haben sich ja seit sechs Wochen nicht gesehen.«

»Sie haben Glück, Herr Huus,« sagte Bai im Klubballton: »Sie treffen gleich die Damen der Gegend ... Meine Damen, darf ich Sie bekannt machen?«

Die Fräulein Abel hörten wie auf Kommando auf, sich zu küssen.

»Fräulein Abels,« sagte Herr Bai.

»Herr Huus!«

»Ja, ich habe meine Jüngste abgeholt – aus Kopenhagen,« sagte die Witwe ganz unmotiviert.

»Frau Abel,« sagte Herr Bai.

Herr Huus verbeugte sich.

»Fräulein Linde« – das war die Pfarrerstochter – »Herr Huus.«

Das Fräulein nickte.

»Und meine Frau,« sagte Bai.

Herr Huus sprach einige Worte und dann gingen alle hinein, um sich nach dem Gepäck umzusehen.

Gutsbesitzer Kjär rollte mit seinem Verwalter davon. Die anderen gingen.

Als sie auf den Weg hinausgekommen waren, hatten sie Fräulein Jensen vergessen. Sie stand noch auf dem Perron und träumte, an einen Signalpfahl gelehnt.

»Fräulein Jensen!« rief die Pfarrerstochter vom Wege her.

Fräulein Jensen fuhr auf. Fräulein Jensen wurde immer schwermütig, wenn sie eine Eisenbahn sah; sie konnte es nämlich nicht vertragen, »etwas davonziehen zu sehen.«

»Wirklich ein netter Mensch, der neue Verwalter,« sagte Frau Abel, während sie auf dem Wege weiterschritten.

»Ein ganz gewöhnlicher Verwalter,« meinte die Pfarrerstochter, die mit Frau Bai Arm in Arm ging. »Hübsche Hände.«

Die beiden Küken gingen hinterher und zankten sich.

»Holla! – Fräulein Jensen, weshalb eilen Sie so?« rief die Pfarrerstochter. Fräulein Jensen sprang wie eine Ziege weit voran zwischen den Pfützen des Weges umher. Sie zeigte infolge der herbstlichen Nässe ihre jungfräulichen Beine.

Sie schritten an einem kleinen Stückchen Wald entlang und bei der Biegung des Weges empfahl sich Frau Bai.

»O, wie die schöne Frau so klein und zierlich aussieht, in dem großen Schal,« sagte die Pfarrerstochter, indem sie sich Frau Bai einige Male um den Hals warf.

»Adieu ...«

»A–dieu ...«

»Der geht der Atem nicht aus vom vielen Sprechen!« sagte Ida, die Jüngste.

Die Pfarrerstochter pfiff.

»Nein, sehen Sie doch – da ist der Herr Kaplan!« rief plötzlich Frau Abel. »Guten Abend, Herr Pastor ... guten Abend!«

Der Kaplan lüftete den Hut. Er müsse doch die Heimkehrenden begrüßen, sagte er.

»Nun, mein Fräulein. – Und Ihr Befinden?«

»Ich danke,« erwiderte Fräulein Abel.

»Und Sie haben einen Nebenbuhler bekommen, Herr Pastor,« sagte Frau Abel.

»So? Wo?«

»Herr Kjär hat eben seinen neuen Verwalter abgeholt – einen recht ansprechenden Menschen, nicht wahr, Fräulein Linde?«

»O ja.«

»Prima, Fräulein Linde?« fragte der Kaplan.

»Ff,« erwiderte die Pfarrerstochter.

Die Pfarrerstochter und der Kaplan sprachen stets in diesem Jargon, wenn sie mit Freunden zusammen waren, und sagten eigentlich nie ein vernünftiges Wort. Sie lachten über ihre eigenen Dummheiten, so daß sie beinahe platzten.

Die Pfarrerstochter ging nie mehr in die Kirche, wenn der Kaplan predigte, seit sie ihn an einem Sonntag fast dazu gebracht hatte, während des Vaterunsers auf der Kanzel zu lachen.

»Fräulein Jensen läuft davon, als ob sie Feuer unter den Sohlen hätte,« sagte der Kaplan.

Fräulein Jensen war noch immer voran.

Sie kamen an den Pfarrhof, den ersten Hof im Dorfe, und die Pfarrerstochter und der Kaplan verabschiedeten sich an der Gartenpforte.

»Adieu – Fräulein Jensen,« rief Fräulein Linde ihr auf dem Wege nach. Es wurde ihr mit einer piepsenden Stimme geantwortet.

»Wie war er, der Verwalter?« fragte der Kaplan, als sie in den Garten gekommen waren. Der Ton war hier ein ganz anderer.

»Mein Gott,« sagte Fräulein Linde, »ein netter Landmann.«

Schweigend gingen sie nebeneinander durch den Garten.

»Hm!« sagte Fräulein Ida – die Familie Abel hatte jetzt Fräulein Jensen erreicht, die auf einer trocknen Stelle stand und auf sie wartete, – »auf den Leim gehe ich nicht, daß er gekommen ist, um mir guten Tag zu sagen.«

Sie gingen wieder eine Strecke, dann sagte Fräulein Jensen:

»Es gibt so viele Arten Menschen.«

»Ja ...« sagte Frau Abel.

»Ich lege keinen Wert darauf, mit der Familie Linde zusammenzutreffen,« sagte Fräulein Jensen ... »ich gehe ihr am liebsten aus dem Wege.«

Fräulein Jensen ging seit acht Tagen »aus dem Wege«, seit Pastor Linde Worte gebraucht hatte ...

»Frau Abel,« sagte Fräulein Jensen ... »was vermag ein alleinstehendes Frauenzimmer? Ich habe es dem Pastor gesagt: ›Herr Pastor‹ sagte ich, ›Sie interessieren sich für die Freischule ... deshalb senden die Eltern ihre Kinder in die Freischule.‹

Und was antwortete er mir – Frau Abel? ... Ich spreche nicht mehr mit Pastor Linde über die mir früher zugestandene Unterstützung ... Er hat im Gemeinderat gegen mich gesprochen, und dieser hat daraufhin meinem Institut (Fräulein Jensen sagte Institot) die Hälfte der Unterstützung entzogen. Ich werde fortfahren, meine Pflicht zu tun – selbst wenn sie mir die letzte Hälfte auch noch nehmen. – Ich spreche nicht mehr mit Pastor Linde über die Unterstützungsangelegenheit.«

Die drei Damen waren in den kleinen Weg eingebogen, der zu dem »Gehöft« führte, einem alten weißen Gebäude mit zwei Seitenflügeln.

Die Witwe Abel wohnte in dem Flügel rechts, Fräulein Jensens Institut befand sich links.

»Daß man sie nun beide wieder hat,« sagte Frau Abel, sie verabschiedeten sich auf dem Hofe.

»Meine Güte!« sagte Ida die Jüngste, als sie ins Haus getreten waren, »wie saht Ihr auf dem Bahnhofe aus – man mußte sich ja schämen.«

»Ich möchte wissen, wie man aussehen soll,« sagte Luise die Älteste, indem sie den Schleier vor dem Spiegel löste, »wenn du die Kleider mitgenommen hast.«

Die Witwe Abel zog ihre Latschen an.

Es waren keine Sohlen unter ihren Stiefeln. –

Fräulein Jensen hatte endlich den Schlüssel aus ihrer Tasche herausbekommen und öffnete. Drinnen im Zimmer bellte ihr Mops ihr ein paarmal mürrisch entgegen, blieb aber ruhig in seinem Korbe liegen.

Fräulein Jensen legte Hut und Mantel ab, und setzte sich in eine Ecke um zu weinen.

Sie weinte jedesmal, wenn sie allein war, seit Pastor Linde die Worte gebraucht hatte.

»Sie interessieren sich für die Freischule, Herr Pastor,« hatte sie gesagt, »deshalb senden die Eltern ihre Kinder in die Freischule.«

»Ich will Ihnen sagen, Fräulein Jensen, weshalb die Eltern ihre Kinder in die Freischule schicken, weil die Vorsteherin Fräulein Sörensen ihre Sache versteht.« Das hatte der Pastor gesagt.

Fräulein Jensen hatte die »Worte« nur der Frau des Krugwirts anvertraut. »Und was vermag ein alleinstehendes Frauenzimmer, Madame Madsen?« hatte sie hinzugefügt – »Die einzige Waffe des Weibes sind Tränen.« – –

Fräulein Jensen saß in ihrer Ecke und weinte. Es fing an dunkel zu werden, und schließlich erhob sie sich und ging in die Küche hinaus.

Sie zündete einen kleinen Petroleumkocher an und setzte Wasser zum Tee auf. Dann legte sie ein Tischtuch über eine Ecke des Küchentisches und setzte Brot und Butter neben den einzigen Teller.

Aber während sie alles dies tat, versank sie wieder lange Zeit in Sinnen und dachte aufs neue an die Worte des Pastors.

Der Mops war ihr gefolgt und hatte sich vor seinen leeren Teller auf ein Kissen gelegt.

Fräulein Jensen nahm den Teller auf und füllte ihn mit Weißbrot, das in warmem Wasser aufgeweicht worden war, und setzte es nun dem Hunde vor. Dieser verzehrte das Futter fast ohne sich zu rühren.

Fräulein Jensen hatte ein einsames Licht angezündet. Sie trank ihren Tee und aß ein Stück Schwarzbrot mit Butter dazu – sie schnitt es mit dem Messer in zierliche, kleine Vierecke – neben dem Mops. Als sie den Tee getrunken hatte, ging Fräulein Jensen zu Bett. Sie nahm den Mops auf den Arm und legte ihn am Fußende auf das Federbett. Dann nahm sie das Schulprotokoll und legte es auf den Tisch vor dem Bett.

Sie verschloß die Tür und leuchtete mit dem Licht in alle Ecken und unter das Bett.

Dann entkleidete sie sich, kämmte ihre Flechten und hängte sie an den Spiegel.

Der Mops schlief bereits und schnarchte auf dem Federbett.

Fräulein Jensen schlief nicht gut, seit Pastor Linde jene Worte gebraucht hatte.

 

Frau Bai ging auf dem Wege zur Station zurück. Sie öffnete die Gitterpforte und trat auf den Perron. Dieser war ganz leer und so still, daß man die beiden Telegraphendrähte summen hörte.

Frau Bai setzte sich auf die Bank vor der Tür, die Hände in den Schoß gelegt, und blickte über die Felder hinaus. Frau Bai hatte die Gewohnheit, auf solche Weise, wo immer sie einen Stuhl oder eine Bank oder eine Treppenstufe fand, sitzen zu bleiben.

Sie blickte über die Felder hinaus, über die großen Strecken gepflügter Erde und die Wiesen dahinter. Der Himmel war hoch und lichtblau. Da war kein Ruhepunkt für das Auge außer der Filialkirche und diese sah man mit ihrem gezackten Turm am äußersten Rande jenseits der flachen Felder.

Frau Bai fror und erhob sich. Sie ging nach dem Gartenzaun und blickte in den Garten hinein, öffnete die Pforte und trat ein. Der Garten war ein dreieckiger Streif längs der Bahn, vorn befand sich der Küchengarten und in der hintersten Spitze war ein Rasenplatz mit einigen hochstämmigen Rosen vor der Laube unter dem Hollunderbaum.

Sie besah die Rosen, sie fand noch ein paar Knospen. Sie hatten in diesem Sommer treulich geblüht.

Aber nun mußten sie bald bedeckt werden ...

Wie die Blätter schon abfielen ... aber es gab hier auch keinen Schutz für irgendeine Pflanze.

Frau Bai verließ den Garten wieder und ging an dem Perron entlang in den kleinen Hof hinter dem Bretterzaun. Sie rief das Mädchen, sie wollte den Tauben Futter geben.

Das Mädchen brachte das Korn in einer irdenen Schale und Frau Bai begann die Tauben zu locken und die Körner auf die Steine zu streuen.

Sie liebte die Tauben sehr, das hatte sie von Kindheit an getan. In dem großen Hause daheim in dem Provinzstädtchen war ein Überfluß daran gewesen ... Wie sie dort den Taubenschlag über der Werkstattstür umschwärmten ... Es war, als höre man ein Girren und Seufzen, wenn man nur an das Haus daheim dachte.

Die Tauben flatterten zu Frau Bai herab und pickten die Körner auf.

»Marie,« sagte Frau Bai, »sieh nur, wie bös die gefleckte Taube ist.«

Marie, das Dienstmädchen, erschien in der Küchentür und sprach über die Tauben. Frau Bai leerte die Futterschale. »Einige von den Tauben müssen nun zu Bais L'hombregesellschaft geschlachtet werden,« sagte sie.

Sie ging die Treppe hinauf: »Wie früh es jetzt dunkel wird,« sagte sie, indem sie hineinging.

Im Zimmer herrschte Dämmerung, aber es war warm drinnen, wenn man von draußen kam. Frau Bai setzte sich ans Klavier und spielte.

Sie spielte nie außer in der Dämmerung und stets dieselben drei, vier Melodien, sentimentale kleine Lieder, die sie schleppend und langsam spielte, alle mit demselben Vortrag, so daß sie alle einander glichen.

Wenn sie dasaß und spielte in dem dunklen Zimmer, dachte Frau Bai fast stets an ihr Elternhaus. Sie waren viele Geschwister gewesen und hatten daheim stets viel Abwechslung gehabt.

Sie war die jüngste von allen gewesen. Als der Vater noch lebte, war sie noch so klein, daß sie bei Tische kaum an den Teller reichen konnte.

Der Vater pflegte auf dem Sofa in Hemdärmeln zu sitzen und um den Tisch herum standen alle Kinder und langten nach dem Essen.

»Gerade stehen, Kinder,« sagte der Vater. Er saß mit seinem breiten Rücken vornüber gebeugt da, die Arme weit auf den Tisch gelegt.

Die Mutter ging hin und her, holte und brachte das Essen ...

Draußen in der Küche aßen alle Lehrjungen aus der Werkstatt an einem langen Tisch. Sie kicherten und zankten sich, so daß man es durch die Tür hören konnte, und plötzlich gerieten sie aneinander, daß man glauben konnte, das Haus stürze zusammen: »Was macht ihr für einen Lärm?« rief der Vater, und schlug drinnen in der Stube auf den Tisch.

Draußen in der Küche wurde es ganz still; nur ein leises Tappen eines einzelnen, der nach dem Gefecht etwas unter dem Tisch suchte.

»Kreuzdonnerwetter!« rief der Vater.

Nach dem Mittag schlief er eine Stunde auf dem Sofa. Er erwachte auf den Glockenschlag:

»Jetzt hat man wohl ausführlich über das Beste der Stadt nachgedacht,« sagte er und trank seinen Kaffee, ehe er nach der Werkstatt ging. – –

Als der Vater starb, wurde es freilich ganz anders. Kathinka kam in ein Institut mit den Töchtern des Konsul Lasson und Bürgermeisters Fanny. Und sie wurde auch in das Haus des Konsuls eingeladen ... Die anderen Geschwister kamen alle fort, sie allein blieb bei der Mutter.

Diese Jahre waren Kathinkas beste Zeit dort in der kleinen Stadt, wo sie alle kannte und alle sie kannten. Des Nachmittags saßen die Mutter und sie im Wohnzimmer jede an ihrem Fenster auf dem Fenstertritt – die Mutter hatte das Fenster mit dem »Ausguckspiegel« – Kathinka stickte »französisch« oder las.

Die Sonne fiel in hellen Streifen durch die Blumen am Fenster und über den weißen Fußboden ...

Kathinka las viele Romane aus der Leihbibliothek von vornehmen Leuten und auch Gedichte, die sie in ein Buch abschrieb.

»Thinka,« sagte die Mutter ... »da kommt Ida Levy. Sieh nur, sie hat den gelben Hut auf!«

Kathinka sah auf: »Sie geht zur Klavierstunde,« sagte sie.

Ida Levy ging vorüber. Da wurde geguckt und genickt; sie fragte mit den Fingern, ob sie zum Halbzehnuhrzug kämen.

»Es ist doch gräßlich, wie Ida Levy ihre Hacken schief tritt,« sagte Thinka, die ihr nachsah.

»Das hat sie von ihrer Mutter.«

Einer nach dem anderen geht vorüber, der Gutsverwalter und zwei Leutnants, der Gerichtsschreiber und der Doktor. Sie grüßen, und von oben nickt man ihnen zu und macht eine Bemerkung über jeden.

Sie wissen, wohin ein jeder geht und was er da will.

Sie kennen jedes Kleid und jede Blume auf einem Hut. Und sie machen jeden Tag dieselben Bemerkungen über dieselben Dinge.

Minna Helms ging vorüber und nickte.

»Sahst du Minna Helms?« fragte die Mutter.

»Ja.« Und Kathinka sieht ihr nach und schneidet Grimassen in der Sonne.

»Sie hat auch bald einen neuen Mantel verdient,« sagt sie.

»Die Ärmste – woher soll sie den bekommen?« Die Mutter sieht in den Spiegel ... »Ja – miserabel sieht er aus,« sagt sie. »Ich glaube auch, sie könnte ihn unten herum einfassen. Aber es ist wohl so, wie Frau Noes sagt – Frau Helms hat nur wenig, aber sie tut auch wenig.«

»Wenn doch der Gerichtsschreiber Ernst machen wollte,« sagte Kathinka.

Die Uhr wurde fünf und die jungen Mädchen holten einander zu einem Spaziergang ab, und zu zweien gingen sie die Straße auf und nieder und begegneten sich und blieben in Gruppen stehen und lachten und schwatzten und trennten sich wieder ...

Aber des Abends nach dem Tee zum Halbzehnuhrzug waren die Mütter mit und es ging stiller zu auf dem Wege nach der Station.

»Kathinka,« rief die Mutter, die mit Frau Levy voranging: »siehst du Herrn Leutnant Bai ... er hat also heute abend keinen Dienst« ...

Herr Bai ging vorüber und grüßte. Und Kathinka nickte ihm zu und wurde rot, denn ihre Freundinnen neckten sie stets mit Herrn Bai ...

»Dann will er wohl hin und Kegel spielen,« sagte Frau Levy.

Des Sonntags gingen sie in die Kirche zum Hauptgottesdienst. Alle waren festlich gekleidet und sie sangen so, daß es an den Gewölben widerhallte, während die Sonne durch die großen Chorfenster schien. In der Kirche neben Thora Berg zu sitzen war eine wahre Qual.

Sie trieb während der ganzen Zeit, solange der Prediger auf der Kanzel war, allerlei Allotria, bald kniff sie Kathinka in den Arm, bald spottete sie über den alten Prediger ...

Ja, Thora Berg war bei allen Torheiten die Anführerin.

Des Abends flog ein Regen von Sand und kleinen Steinen gegen Thinkas Fenster ...

Und sie hörten ein Lärmen und Lachen, das die ganze Straße hinabschallte.

»Das ist Thora mit ihren Freundinnen, die aus der Gesellschaft kommen,« sagte Thinka. »Sie sind beim Bürgermeister gewesen.«

Thora eilte durch die Straßen, wie die wilde Jagd gefolgt von allen jungen Herren. Die ganze Stadt konnte es hören, wenn Thora Berg aus einer Gesellschaft heimkehrte.

Kathinka war Thora Berg die liebste. Sie bewunderte sie und folgte ihr stets mit den Augen, wenn sie zusammen waren. Wohl zwanzigmal des Tages sagte sie daheim:

»Das hat Thora gesagt ...«

Eigentlichen Verkehr hatten sie nicht miteinander, aber des Nachmittags, wenn sie spazieren gingen, oder draußen im Pavillon, wo die Abonnementskonzerte der Militärkapelle an jedem zweiten Mittwoch stattfanden, – da sprachen sie miteinander. Kathinka wurde stets ganz purpurrot, wenn sie sich begegneten ... Im Pavillon hatte sie auch die erste Bekanntschaft mit Bai gemacht ... Er hatte gleich am ersten Abend am meisten mit ihr getanzt.

Wenn sie Schlittschuh liefen, forderte er sie immer auf, mit ihm zu laufen – es war, als flögen sie, fast als trüge er sie ... Er verkehrte auch zu Hause bei ihnen ...

Alle Freundinnen neckten sie, und in der Gesellschaft beim Zettelschreiben kamen stets ihre Namen zusammen und dann entstand immer ein allgemeines Gekicher.

Und daheim sprach die Mutter unablässig von ihm.

Dann kam ihre Brautzeit. Sie hatte also stets jemand, mit dem sie gehen konnte, am Sonntag zur Kirche und im Winter, wenn sich Schauspieler im Orte befanden, ins Theater, und immer ... Und als Bai eine Anstellung erhielt, da kam die arbeitsreiche Zeit mit der Aussteuer und der Einrichtung und was sonst dazu gehörte. Die Freundinnen halfen ihr, alle die Namen zu sticken und bei allem, was gesäumt werden mußte.

Es war zur Sommerzeit und sie saßen oben in der Laube zusammen. Die Nähmaschine rasselte. Eine faltete die Säume, eine andere befestigte die Enden. Und die Freundinnen neckten sie und lachten und plötzlich sprangen sie auf, liefen in den Garten hinaus und rannten unter Lärm und Lachen, wild wie eine Herde Füllen um den Rasenplatz.

Thinka war die stillste von ihnen.

Das war ein Geflüster unter den Freundinnen in allen Ecken, und es fanden Zusammenkünfte bei Levys statt, wo sie den Teppich stickten, auf dem Thinka als Braut vor dem Altar stehen sollte – und Singübungen für Gesänge, die im Chor gesungen werden sollten.

Dann kam der Tag und die Trauung in der geschmückten Kirche – sie war ganz voll von Menschen, Gesicht an Gesicht. Oben bei der Orgel standen alle die jungen Mädchen. Thinka nickte zu ihnen hinauf, dankte und weinte von neuem. Sie hatte die ganze Zeit geweint wie eine Wasserleitung.

Und dann kamen sie hierher – in die Stille.

Im Anfang ihrer Ehe war Thinka stets schreckhaft und ängstlich, als ob jemand sie überfallen wolle.

Da war so vieles, was sie sich nicht gedacht hatte, und Bai war so gewaltsam in vielem, wobei sie selber fast nur litt und duldete, eingeschüchtert und unsicher, wie sie war ...

Sie war auch so ganz fremd hier und kannte niemand.

Später kam eine Zeit, wo sie empfänglicher wurde – doch meistens nur lässig in sich versunken, wie es in ihrer ganzen Natur lag.

Sie saß drinnen bei ihrem Mann im Bureau mit ihrer Häkelei und sie sah ihn an, wie er über seinen Tisch gebeugt dasaß – das Haar, das sich leicht lockte, fiel ihr ein wenig in die Stirn.

Sie erhob sich und ging zu ihm hin, schlang den Arm um seinen Hals und wäre am liebsten so bei ihm stehen geblieben, still – wäre ihm gern lange so nahe wie möglich gewesen.

»Mein Kind, ich schreibe ja,« sagte Bai.

Sie beugte den Nacken an seinen Mund und er küßte ihn.

»Darf ich jetzt schreiben?« sagte er, indem er sie noch einmal küßte.

»Schreibmaschine!« sagte sie und entfernte sich.

Das Jahr verging. Kathinka glitt mit den Zügen, die kamen und gingen, ins Leben hinein und unter die Leute der Umgegend, die reisten und wieder heimkehrten, Neues brachten und nach Neuem fragten.

Sie fand Umgang mit den Leuten, die in der Gegend wohnten. Dazu trugen Bais L'hombrepartien viel bei, denn jedes zweite Mal begleiteten die Frauen ihre Männer.

Und dann hatte sie den Hund, die Tauben und den Garten. Im übrigen gehörte Frau Bai nicht zu den beweglichen Naturen. Sie bekam nie so viel zustande, daß ihr die Zeit lang wurde. Sie brauchte lange Zeit zu jedem einzelnen Ding und ihr Mann nannte sie: »Kommemorgen.«

Kinder bekam sie nicht.

Als Kathinkas Mutter starb, erhielten sie die Erbschaft ausgezahlt. Für zwei einzelne Menschen befanden sie sich im Wohlstand und hatten alles vollauf.

Bai liebte es gut zu essen und bezog aus der Stadt vielen und guten Wein. Er legte sich etwas in die Breite und machte es sich bequem, während sein Assistent die meiste Arbeit verrichtete. Den Leutnant steckte er nur außerhalb seiner vier Pfähle heraus.

Oben im Dorfe hatte er ein Kind.

»Zum Teufel auch!« sagte er zum Gutsbesitzer Kjär, der Junggeselle war ... »man ist ja doch ein alter Kavallerist ... und das Mädchen war so verliebt wie ein Spatz ...«

Das Mädchen ging nach der Katastrophe in die Stadt, während das Kind im Dorfe in Pflege verblieb.

So verging die Zeit.

Kathinka las nicht mehr wie früher, als sie ein junges Mädchen war. In den Büchern standen doch nur lauter Lügen.

In ihrem Sekretär hatte Frau Bai eine große Pappschachtel mit vielen vertrockneten Blumen, kleinen Bändern und Seidenpapiergegenständen mit Devisen von Goldpapierbuchstaben. Es waren ihre alten Kotillonerinnerungen vom Klub her und von dem »letzten Abonnement« im Pavillon, wobei getanzt wurde.

Diese Sachen nahm sie während der Winterabende oft hervor und ordnete sie wieder und wieder und suchte sich zu erinnern, wer ihr diesen oder jenen Gegenstand gegeben hatte.

Sie fand gewöhnlich den richtigen und schrieb den Namen des Herrn hinten auf jeden Kotillonorden.

Bai saß indessen am Tisch und trank seinen Grog. »Der alte Trödel!« sagte er.

»Laß es liegen, Bai,« sagte sie, »bis ich es geordnet habe.« Und sie schrieb ihre Herrennamen weiter.

Sie las auch mitunter in ihrem alten Poesiebuch die Verse, die sie einst abgeschrieben hatte.

In der obersten Schublade unter dem Silberschrank im Sekretär lag ihr Brautschleier und der verwelkte Myrtenkranz.

Auch diese nahm sie hervor, glättete sie und legte sie dann wieder zusammen.

Und sie saß halbe Stunden lang vor der herausgezogenen Schublade und tat nichts, so wie es ihre Gewohnheit war.

Mitunter glättete sie nur den Schleier mit den Händen.

Der Brautschleier begann ganz gelb zu werden.

Aber die Zeit verging auch. Es waren bereits zehn Jahre seitdem verflossen ...

Ja – sie war bald eine alte Frau. Sie war zweiunddreißig Jahre alt geworden ...

Bais waren in der ganzen Gegend wohlgelitten und als gute und gastfreie Leute bekannt, bei denen die Kaffeekanne sogleich aufs Feuer gestellt wurde, wenn ein Bekannter sich auf der Station einfand.

Bai war ein guter Gesellschafter, und auf der Station befand sich alles in größter Ordnung, wenn er auch selbst gerade nicht sehr eifrig im Dienst war.

Frau Bai war ziemlich still, aber es tat einem stets wohl, ihr mildes Gesicht zu sehen. Sie sah aus wie ein junges Mädchen, wenn sie an den großen L'hombreabenden zwischen den anderen Frauen saß.

»Aber da müßten ein paar Kinder sein,« sagte Frau Pastor Linde, wenn sie des Abends mit ihrem Mann von der Station nach dem Pfarrhaus zurückkehrte ... »Diese wohlhabenden Leute – die sie ernähren könnten ... Es ist wirklich eine Sünde und Schande – daß sie dort so einsam sitzen müssen.«

»Der liebe Gott gibt Leben nach seinem Willen, mein Kind,« sagte der Pfarrer.

»Ja – Gottes Wille geschehe!« sagte seine Frau.

Der Pfarrer hatte zehn Kinder gehabt.

Sieben davon hatte der Herr als kleine Kinder geborgen.

Der alte Pastor erinnerte sich seiner sieben Abkömmlinge jedesmal, wenn ein Kind in der Gemeinde begraben wurde.

 

Frau Bai hatte aufgehört zu spielen. Sie saß da und dachte daran, daß sie eigentlich aufstehen und die Lampe anzünden müsse, aber dann rief sie das Mädchen, daß dieses sie anzünden sollte, und blieb sitzen.

Marie kam mit der Lampe herein. Sie deckte den Tisch zum Abendbrot.

»Was ist die Uhr?« fragte Frau Bai.

»Der Achtuhrzug ist gemeldet,« erwiderte das Mädchen.

»Das habe ich gar nicht gehört ...«

Frau Bai schlug ein Tuch um ihre Schultern und ging hinaus:

»Ist der Zug schon da?« fragte sie im Bureau.

»Gleich,« sagte Bai. Er stand am Telegraphentisch.

»Sind Depeschen da?«

»Ja.«

»An wen?«

»O – oben im Dorfe.«

»Dann muß Anna also gehen und sie hintragen ...«

Frau Bai ging auf den Perron hinaus. Sie liebte es sehr, die Züge im Finstern kommen und gehen zu sehen.

Der Laut, anfangs ganz in der Ferne, und dann das Geräusch, wenn der Zug über die Flußbrücke rollte, und das große Licht, das immer näher kam, und endlich die schwere, sich vorwärts wälzende Masse, die sich aus der Nacht herauswand und deutlich zu Wagen wurde, deren erleuchtete Reihe vor ihren Augen hielt mit den Schaffnern und den hellen Postwagen und den Kupees.

Wenn dann der Zug wieder fort und das Brausen erstorben war, lag alles wieder schweigend, gleichsam doppelt still da.

Der Stationswärter löschte die Laternen aus; zuerst die eine auf dem Perron, dann die oberhalb der Tür.

Man sah nichts mehr als das Licht der beiden Fenster, zwei schmale Lichtbrücken, die in die dichte Finsternis hinausführten.

Frau Bai ging ins Haus.

Sie tranken Tee, und dann las Bai die Zeitungen zu einem Grog oder gar zu zweien. Bai las nur die Regierungsorgane. Er hielt selbst die »Nationalzeitung« und las außerdem Kjärs »Tageblatt«, das er der Post entnahm.

Er schlug auf den Tisch, so daß die Gläser klirrten, wenn politische Gegner »ordentlich einen über den Schnabel bekamen«, und mitunter las er einzelne Sätze laut und lachte dazwischen.

Frau Bai hörte ruhig zu. Sie interessierte sich nicht für Politik und sie wurde auch des Abends sehr schläfrig.

»Nun ist es wohl Zeit,« sagte Bai.

Er erhob sich, zündete eine Handlaterne an. Er machte seine Runde um zu sehen, ob alles geschlossen und die Weiche für den Nachtzug richtig gestellt sei.

»Du kannst zu Bett gehen, Marie,« sagte Frau Bai, in die Küche hinausrufend. Sie weckte Marie, die auf dem Holzstuhl saß und schlief.

»Gute Nacht, Frau Inspektorin,« sagte Marie schlaftrunken.

»Gute Nacht.«

Frau Bai nahm die Blumen in der Stube vom Fensterbrett und stellte sie auf den Fußboden. Dort standen sie während der Nacht in einer Reihe. Bai kam zurück.

»Es wird kalt zur Nacht,« sagte er.

»Ich dachte es – der Rosen ... wegen, – ich sah mich heute nach ihnen um.«

»Ja,« sagte er, »sie müssen jetzt zugedeckt werden.«

Bai begann sich im Schlafzimmer zu entkleiden. Die Tür stand offen.

Er liebte es, des Abends im Zimmer auf und nieder zu gehen. Vom Schlafzimmer nach dem Wohnzimmer in tiefem Negligee.

»Das Trampeltier!« rief er. Marie trat in der Bodenkammer hart auf.

Frau Bai legte weiße Decken über die Möbel und schloß die Tür zum Bureau.

»Kann ich die Lampe auslöschen?« sagte sie und blies sie aus.

Sie ging ins Schlafzimmer, setzte sich vor den Spiegel und löste ihr Haar.

Bai war in den Unterbeinkleidern und bat um eine Schere.

»Zum Teufel auch, wie mager du wirst,« sagte er.

Kathinka nahm den Frisiermantel um.

Bai ging ins Bett, lag da und schwatzte. Sie antwortete in ihrer stillen Weise wie immer, es trat stets eine kleine Pause ein, ehe ihre Worte kamen.

Sie hatten eine Zeitlang geschwiegen, da sagte Bai: »Hm, ein ganz netter Mensch – nicht wahr?«

»Ja, auf den ersten Blick ...«

»Was sagt Agnes Linde? ...«

»Auch daß er ganz nett sei.«

»Hm – einen scharfen Mund hat das Mädchen. Und Gott mag wissen, was für einen L'hombre er spielt ...«

Bald darauf schlief Bai.

Wenn Bai schlief, atmete er stark durch die Nase.

Jetzt hatte sich Frau Bai daran gewöhnt.

Sie blieb noch einige Zeit vor dem Spiegel sitzen; sie nahm den Frisiermantel ab und besah ihren Hals.

Ja, sie war wirklich mager geworden.

Das war, seit sie im Frühjahr den schlimmen Husten gehabt hatte.

Frau Bai löschte die Lichter aus und legte sich ins Bett neben Herrn Bai.

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