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Am toten See

Robert Kohlrausch: Am toten See - Kapitel 10
Quellenangabe
typefiction
authorRobert Kohlrausch
titleAm toten See
publisherVerlag von Robert Lutz
yearo.J.
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
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Neuntes Kapitel

Bassows Gefühle waren plötzlich verwandelt. Sobald sich Schrecken und Aufregung ein wenig verloren hatten, füllte ein immer mehr steigender Jubel sein Herz. Das befreiende Lachen der Baronin bei seiner eifersüchtigen Behauptung, sie liebe Breitenbach, hatte schon eine schwere Last von ihm genommen. Und jener geheimnisvolle Ton – so schrecklich und erschütternd an sich – bedeutete doch für ihn eine weitere, mit heller Freude begrüßte Befreiung. Denn dieser Ton war der Beweis dafür, daß die Baronin damals nach ihres Mannes Ermordung die Wahrheit gesagt hatte. Aus dem einen Wahrheitsbeweis aber schöpfte Bassows nach Vertrauen so sehr verlangendes Herz eine Rechtfertigung für ihr ganzes Wesen, einen frohen Glauben an die Zuverlässigkeit all ihrer Worte. Wieder und wieder flüsterten seine Lippen an diesem Abend: »Ich darf ihr jetzt glauben, – sie hat nicht gelogen!«

Frieden und Ruhe senkten sich mit dem ersehnten Vertrauen zugleich auf ihn herab, und er schlief zum ersten Male, seit er in Garchim hauste, einen tiefen, traumlosen Schlaf. In der Frühe freilich war er zeitig wieder wach, und seine Gedanken wanderten weit umher, um einen Punkt zu finden, von dem aus er seine Bemühungen im Sinn und im Interesse der Baronin beginnen konnte. Wider alles Erwarten kam ihm dabei der Zufall zu Hilfe. Der Diener Franz, der ihm gewohntermaßen den Kaffee um sechs Uhr auf sein Zimmer brachte, dehnte seine Anwesenheit ein wenig länger als nötig aus; es hatte den Anschein, daß irgend eine Neuigkeit ihn drückte, die er gern losgeworden wäre. In seiner guten, aufgefrischten Laune tat ihm Bassow den Gefallen, zu fragen, was es gäbe, und nun kam Franz mit seiner Wissenschaft heraus.

»Ein Unglück hätt' es beinahe gegeben, Herr Baron.«

»Ein Unglück?«

»Ja, drüben in Lünzin, am toten See. Der älteste Junge vom Vorarbeiter Nissen – er hat so seine zehn Jahre, der Junge, – wäre da um ein Haar ertrunken.«

»Um welche Zeit?«

»So zwischen acht und neun Uhr gestern abend soll es gewesen sein.«

»Sagen Sie mir genau, was man Ihnen erzählt hat.«

»Ja, das ist so gewesen. Der Junge hat mit seiner Schwester, die so um zwei Jahre jünger ist, noch draußen herumgespielt, und dabei sind sie – Jugend hat ja nun einmal keine Tugend – fortgelaufen bis nach dem toten See. Und auf dem Wasser da liegt ein altes Boot, angekettet natürlich, damit kein Unfug damit getrieben werden kann. Na, und die beiden Kinder, wie nun Kinder einmal sind, wären gern hinausgefahren auf den Teich, aber das ging nicht wegen der Kette. Da sind sie denn so hineingestiegen, und der Junge hat angefangen zu schaukeln und hat immer wilder geschaukelt, und das Mädchen hat Angst gekriegt und hat sich auf den Boden vom Boote niedergekauert und hat um Gottes willen gebeten, daß er doch aufhören soll. Er aber hat es nur immer toller getrieben, bis er auf einmal das Gleichgewicht verloren hat und ins Wasser gefallen ist. Da hat er denn furchtbar geschrien, und das Mädchen hat geweint, aber dann hat es doch Besinnung gehabt und ist ans Land gesprungen und ist fortgelaufen, um Hilfe herbeizurufen, wen es doch selbst nicht hat helfen können.«

»Hat man den Jungen gerettet?«

»Ja, Herr Baron. Zum Glück ist ein Holzarbeiter des Weges gekommen, und das Mädchen hat ihn gerufen, und er hat auch wirklich den Jungen aus dem Wasser gezogen. Der ist schon ohne Bewußtsein gewesen, aber sie haben ihn doch wieder ins Leben zurückgebracht, und sein Vater soll ihm hinterher noch eine gehörige Tracht Prügel gegeben haben.«

»Es ist gut, Franz. Ihre Geschichte hat mich sehr interessiert – aus bestimmten Gründen. Ich danke Ihnen.«

Er hatte sich noch nicht zum Frühstück niedergesetzt, sondern stehend auf des Dieners Bericht gehört, um Franz nun durch die Frage zu überraschen: »Wissen Sie, was für Wind wir heute haben?«

»Ja, Herr Baron, so ganz genau kann ich das nicht sagen. Das heißt, nach der Wetterfahne habe ich nicht gesehen. Aber es muß wohl so derselbe Wind sein wie gestern. Zum Regnen ist es nicht gekommen in der Nacht; es hat nur tüchtig gestürmt, und heute ist noch dieselbe schwüle Luft.«

»Gut, – so wollen wir den hier einmal mitnehmen.« Er weckte aufs neue des Dieners Verwunderung, indem er aus einem Waffenschrank an der Wand einen Revolver nahm und ihn auf den Tisch neben sich legte.

»Nun geben Sie genau acht,« sagte Bassow dabei. »Ich werde jetzt rasch ein wenig frühstücken, in zehn Minuten bin ich fertig. Dann gehen Sie hinunter in den Park und stellen sich bei der Bank unter den Fenstern der Frau Baronin auf und warten Sie, bis ein Schuß fällt.«

»Ein Schuß?«

»Jawohl. Mit Revolvern pflegt man zu schießen, und hier liegt ein Revolver. Also dort warten Sie, – vorher aber gehen Sie zu der Frau Baronin hinauf und sagen ihr von mir, sie solle nicht erschrecken, wenn geschossen würde. Es handle sich um einen Versuch. Haben Sie verstanden?«

»Jawohl, Herr Baron.«

»Dann ist es gut. Gehen Sie.«

Der Diener verschwand, und Bassow nahm eilig sein Frühstück. Die frohe, gehobene Stimmung, die seit gestern abend in ihm war, hatte sich noch verstärkt. Erklärt war der geheimnisvolle Hilferuf, sein Ursprungsort bestimmt und festgelegt. Das neue Rätsel hatte sich von selbst gelöst, vielleicht kam nun auch die Lösung des alten. An ihr mitarbeiten zu können, mit freiem Herzen einem bestimmten Ziel entgegenzustreben, der Baronin dienen und nützen, ihr durch die Tat abbitten zu können, was er in Gedanken an ihr gesündigt hatte, das weckte neues Lebens- und Freudegefühl in ihm. Er fühlte sein Selbst wieder, sein ursprüngliches, natürliches Wesen, das nach energischer Betätigung in einer Umgebung ohne Geheimnis und Unsicherheit verlangte.

Den Revolver zu sich steckend, ging er hinab in den Park und überzeugte sich, daß Franz bereits auf dem angewiesenen Posten wartete. Er prüfte, umherblickend, noch einmal die Situation. Geradeaus vor ihm in der Ferne lag der tote See; das Gatter des Parks hemmte den Blick, so daß man die Wasserfläche von hier unten aus nicht erblicken konnte. Geradlinig, von festen Heckenwänden auf beiden Seiten begrenzt, führte der Weg dort hinüber. Ein Ton, von jener Seite her klingend, mußte, wenn der Wind aus derselben Richtung wehte, eingeengt und festgehalten werden von den Laubwänden, wie durch einen Schalltrichter, der ihn weitertrug. Und an der Mauer des Schlosses fand er dann einen Resonanzboden, der ihn zurückwarf. So konnte sich erklären, was unheimlich und unbegreiflich erschienen war.

Die Wetterlage schien günstig für einen Versuch. Der heiße Wind vom vergangenen Tage, nur noch von größerer Heftigkeit, kam dem Hastigschreitenden gerade entgegen und weckte zischende, mitunter zum heulenden Rauschen anwachsende Töne in den Bäumen und Hecken. Im Gehen zog Bassow den Revolver bereits hervor, um seinen Versuch über die Tragweite des Klanges gleich anzustellen, sobald er zum toten See gekommen war; aber abgerissene Laute von Menschenstimmen, die bei seinem Näherkommen von dort herüberdrangen, lenkten ihm die Gedanken für den Augenblick von seinem Vorhaben ab. Sobald er das Gatter des Parkes passiert hatte, dessen Tür bei Tage nicht verschlossen war, sah er denn auch, daß ein Boot auf der Fläche des Sees umherschwamm, von zwei Männern mit ein paar Stangen mehr vorwärts gestoßen als gerudert. Ein bald schmaler, bald breiter Schilfkranz umsäumte überall das vom Winde gekräuselte Wasser, und in dem hohen Schilfe schienen die Männer aufmerksam umherzusuchen.

Der Gedanke, daß des Dieners Erzählung von der glücklichen Rettung des Knaben doch vielleicht unrichtig gewesen sei, und daß die Männer die Leiche des Ertrunkenen zu bergen suchten, ließ Bassow mit größerer Teilnahme aus ihre Bewegungen achten, als er es wohl sonst getan hätte, während sie so sehr in ihr Suchen vertieft waren, daß kein Blick den Herankommenden traf. Um sie anzurufen und ausfragen zu können, waren sie augenblicklich zu weit entfernt. Nahe beim Ufer aber stand eine alte, mächtige Eiche, die allein dem Windbruche getrotzt hatte, dem ringsumher alle andern Bäume zum Opfer gefallen waren. Auch sie war zersetzt und zerschlagen, und an den Bruchstellen abgebrochener Aeste schimmerten helle Flächen gleich Narben, aber sie war doch aufrecht stehen geblieben und bewachte, nun selbst bereits halb gestorben, den toten See. Ihr Stamm, der dem heißen, hier mit voller Kraft wehenden Winde wehrte, bot Bassow Deckung vor ihm und einen guten Beobachterposten, um das Tun der Leute auf dem Wasser zu verfolgen. Zuweilen klang auch ein vereinzeltes Wort von ihnen zu ihm herüber.

»Da, Christian, da!« rief jetzt einer der beiden Männer, und nun sah Bassow, wie der andere mit seiner Stange im Schilf umherarbeitete und schließlich nach allerlei vergeblichen Bemühungen einen sonderbaren Gegenstand, von der Spitze des Holzes gehalten, zu sich in das Boot hineinhob. Offenbar aber war es nicht, was er eigentlich suchte; denn mit mißvergnügtem Kopfschütteln wog er das Ding in der Hand, um es dann auf den Boden des Fahrzeuges hinzuwerfen und seine Nachforschungen aufs neue zu beginnen. Soweit Bassow zu sehen vermochte, war es ein helles, mit seinen vier Ecken zusammengeknotetes Tuch, das irgend einen schweren Gegenstand in sich barg.

Eine Weile noch suchten die Männer im Schilfe umher, ohne jedoch etwas Weiteres zu finden, wobei das Boot sich dem Standpunkte Bassows allmählich näherte; dann kam eine plötzliche Störung. Bassow hatte so angespannt auf das Boot und seine Bewegungen gesehen, daß er eine große Gestalt nicht bemerkt hatte, die auf einem schmalen, den See umkreisenden Pfade herangekommen war. Erst eine laute, zornige Stimme, die nicht allzuweit von ihm erklang, lenkte seine Blicke dorthin.

»Was macht ihr da? Was treibt ihr euch auf dem Wasser herum? Wer hat euch erlaubt, das Boot zu nehmen, – wer hat es losgekettet?«

Auf den ersten Blick hatte Bassow in dem zornigen Manne Herrn von Breitenbach erkannt, und auch die Worte waren so deutlich zu ihm geklungen, daß er jede Silbe verstand. Um so unklarer war die Antwort eines der Männer; gleich aber schrie Breitenbach wieder auf das Wasser hinaus: »Das Boot soll nicht benutzt werden, ich habe das bereits ein paarmal verboten. Es ist undicht und hat gestern schon Unheil gestiftet. Ich will, daß kein weiteres Unglück passiert. Kommt sofort ans Land – aber sofort!«

Er war so aufgeregt, seine Augen blitzten so scharf, sein Gesicht war so bleich, daß es Bassow verständiger schien, den Wütenden sich erst ein wenig beruhigen zu lassen, bevor er ihm entgegentrat. So zog er sich noch etwas mehr hinter den Baum zurück, dessen dicker Stamm ihn vollständig nach jener Seite hin deckte, ihn aber beobachten ließ, was er sehen wollte. Links von ihm, nur ungefähr zehn Schritte weit, führte ein hölzerner Steg in den See hinein. Dort ragte auch der Pfahl aus dem Wasser, an dem das Boot angekettet gewesen war; dorthin lenkten die beiden Männer auf den Befehl ihres Herrn das Fahrzeug zurück. Der eine von ihnen kam schwerfällig zuerst heraus, um es wieder anzuketten und festzuschließen, der andere blieb noch darin zurück und fing an, mit seinem alten Hute Wasser herauszuschöpfen, das Breitenbachs Aeußerung über die Undichtigkeit des Bootes bestätigte.

Dieser war bis an den Anfang des hölzernen Steges herangetreten und fragte nun, ein wenig beruhigter, aber noch immer mit strenger, zorniger Stimme: »Was wolltet ihr auf dem Wasser? Wer hat euch den Schlüssel zum Boot gegeben? Redet!«

Jetzt war der Mann, der zuerst ausgestiegen war, bis nahe zu Breitenbach herangekommen. Er hatte den Hut abgezogen und hielt ihn verlegen zusammengepreßt in den Händen.

»Ja, das ist so gewesen, gnädiger Herr,« begann er stockend. »Was mein ältester Junge ist, der Heinrich, der ist doch gestern abend hier ins Wasser gefallen –«

»Ich weiß das. Weiter.«

»Na, ihn selbst hat ja der Ludwig Winter zum Glück wieder herausgezogen, ehe daß es zu spät gewesen ist. Aber seine Mütze hat mein Heinrich bei der Geschichte verloren, seine neue Mütze, die meine Frau vor vierzehn Tagen erst zu seinem Geburtstag gekauft hat. Und weil man doch zwei Mark fünfzig nicht gern einbüßt – so viel hat nämlich die Mütze gekostet, es war ein gutes Stück –, darum bin ich heute früh gleich zum Herrn Verwalter gegangen und habe ihn gebeten, ob er mir nicht den Schlüssel zum Boot geben wollte. Zuerst hat er gesagt, der gnädige Herr hätten verboten, daß man das Boot benutzte, – ganz wie der gnädige Herr selbst eben gesagt haben –, aber wie er dann gehört hat, um was es sich handelt, hat er mir doch den Schlüssel gegeben und hat mir gesagt, wir sollten man bloß vorsichtig sein, daß nichts passiert.«

»Und haben Sie die Mütze gefunden?«

»Nein, gnädiger Herr, bis jetzt leider nicht. Sie mag sich wohl voll Wasser gesogen haben und ist untergegangen oder auch der Wind hat sie irgend wohin getrieben, wohin wir noch nicht gekommen sind. Aber wie das manchmal so geht, wir haben was anderes gefunden, was wir gar nicht gesucht haben.«

»Was denn – was denn?«

»Ja, Philipp, gib mir mal das Dingsda her, das wir gefunden haben. Was es eigentlich ist, wissen wir nämlich selber noch nicht, wir haben es noch gar nicht genauer angesehen, weil wir doch nur darauf aus waren, meinem Heinrich seine Mütze zu finden. So, das ist es, gnädiger Herr.«

Der mit »Philipp« angeredete Arbeiter hatte ihm hergereicht, was bisher auf dem Boden des Bootes verborgen gelegen hatte, und der Vorarbeiter Christian Nissen hielt nun den nassen, triefenden Gegenstand seinem Herrn entgegen.

Breitenbach wich davor einen halben Schritt zurück, als wenn er fürchtete, sich zu beschmutzen, und sagte mit gleichgültigem Ton: »Ein altes, nasses Tuch, – das werft nur wieder ins Wasser.«

»Ja, es ist aber schwer, es muß was darin sein.«

»Was darin? Steine vielleicht.«

»Nein, so fühlt sich's nicht an, gnädiger Herr. Wir werden es aber gleich wissen, wenn ich es aufknoten darf.«

Breitenbach zuckte nur mit den Achseln und bewegte seinen Spazierstock ungeduldig hin und her, aber der Arbeiter nahm sein Schweigen als Erlaubnis und löste bedächtig den Knoten, um dann mit einem Ausruf des Erstaunens die Gegenstände zu betrachten, die sich ihm zeigten. Ein goldenes Blitzen drang aus dem nassen, vom Schlamm gebräunten Tuch hervor, und mit vorsichtigen Fingern hob der Arbeiter eine goldene Uhr mit schwerer Kette zuerst in die Höhe.

»Darf ich das auch einmal mit anschauen?« Es war Bassow, der diese Frage tat. In seinem Geiste hatte sich eine Reihe von Schlüssen rasch aneinander geknüpft. Noch klangen die Worte der Baronin vom vergangenen Abend in ihm nach: »Dort, woher dieser Schrei kam, ist mein Mann ermordet worden.« Der Ursprungsort aber des Schreies war inzwischen bekannt geworden; es fehlte nur noch die letzte Probe, die der in Bassows Hand blitzende Revolver leisten sollte. Und aus dem Gedanken, daß wirklich hier am toten See sein Vetter den Tod gefunden habe, folgte für ihn selbst – allen Unwahrscheinlichkeiten zum Trotz – unwillkürlich die Vermutung, die gerade hier gefundenen Gegenstände könnten in Beziehung stehen zu jener mörderischen Tat. Sein Wunsch, das Dunkel aufzuhellen, war aber viel zu groß, als daß er versucht hätte, nun erst sein Erscheinen hier vorsichtig anzukündigen. Rasch und brüsk trat er mit seiner schnellen Frage hervor.

»Was – wer ist da?« Jäh fuhr Breitenbach zu ihm herum; seine Worte klangen beinahe wie ein erstickter Schrei. Auch mußte die Aufregung von vorhin immer noch in ihm nachzittern; denn sein Gesicht war in diesem Augenblick totenbleich. Mit einem tiefen Atemzug aber gewann er schnell die Fassung zurück, erzwang ein Lächeln und sagte mit ganz verwandeltem Ton: »Ah, Sie sind es, Baron. Das trifft sich gut, – Sie kommen hier gerade recht zu einer interessanten Sache. Sehen Sie nur, was die Männer eben im Teich gefunden haben, – sie behaupten wenigstens, daß es hier im Wasser gelegen hat.«

»Sie haben es gefunden,« sagte Bassow rasch und fest. »Ich war Zeuge davon.«

»Zeuge – wirklich?«

»Allerdings. Ich habe schon eine Weile dort am Baume gestanden und ihnen zugeschaut.«

»Also ein wenig Verstecken gespielt, Baron?«

Es war kein gutes Lächeln, womit er Bassow betrachtete.

»Wenn es Ihnen Vergnügen macht, es so zu nennen, Herr von Breitenbach, so steht dem nichts im Wege.«

Auch sein Ton war jetzt kalt und scharf geworden. Aber gleich lenkte der Anblick der gefundenen Gegenstände seine Gedanken in andere Richtung.

»Mein Gott,« rief er aus, »ich glaube wahrhaftig, hier haben wir die Sachen, die meinem Vetter geraubt worden sind! Eine Uhr, ein Portemonnaie, ein goldenes Falzbein –«

Breitenbach schien sich den Fall noch zu überlegen; er sprach bedächtiger und ruhiger als Bassow. »Wirklich – Sie können recht haben, es ist nicht unmöglich. Wenn ich mir die Sachen genauer ansehe – ja, dieses Falzbein habe ich häufig auf dem Schreibtisch meines armen Freundes liegen sehen. Uhr und Portemonnaie könnten immer noch täuschen, aber dies Falzbein ist in der Tat ein Beweis. Wirklich, wir haben hier die gestohlenen Sachen. Das ist ein wichtiger, sehr wichtiger Fund!«

Bassow war nahe zu dem Arbeiter herangetreten, der das Tuch vorsichtig ausgebreitet hielt, und hatte einen Zipfel davon genauer besichtigt. »Und sehen Sie die Decke hier an! Irgend jemand hat mir erzählt, auch eine kleine Tischdecke sei mit verschwunden gewesen. Dies ist sie, ganz bestimmt! Von dieser Stickerei mit ihrem Weinlaubmuster habe ich auch gehört. Nun wissen wir, wozu der Mörder die Decke gestohlen hat.«

»Gewiß, auch mir hat man davon gesagt. Aber – was bedeutet der Revolver in Ihrer Hand?«

Breitenbach hatte zu Anfang mit seiner überlegenen Bedachtsamkeit gesprochen wie immer. Um so auffallender war es, daß er die letzten Worte nun jäh, wie voller Schrecken hervorstieß. Offenbar waren seine Nerven immer noch stark erregt.

Bassow lachte ein wenig. »Sie erinnern mich zur rechten Zeit an ein Vorhaben, Herr von Breitenbach, das ich beinahe vergessen hätte. Gestatten Sie – wir sind hier auf Ihrem Grund und Boden – daß ich diesen Revolver an dieser Stelle abschieße?«

»Wenn es Ihnen Spaß macht, warum nicht? Aber darf ich fragen –«

»Leider muß ich Ihnen vorläufig die Antwort darauf schuldig bleiben. Es handelt sich um ein Geheimnis.«

»Lieben Sie die Geheimnisse, Baron?«

»Mitunter, – wenn sie den Zweck haben, Nutzen zu stiften. Darf ich trotz des Geheimnisses mir Ihre Genehmigung bitten?«

»Gewiß.« Kurz und kalt klangen die beiden Silben, kalt und hart war der Blick seiner Augen.

Aber Bassow sah nicht auf ihn. Den Revolver hochhebend, schoß er über sich in die Luft, und er freute sich, daß ein heftiger Windstoß, der das Wasser des Sees aufpeitschte, gerade in dem Augenblick auf ihn einstürmte, den Klang des Schusses aufgriff und mit sich trug.

»So, das wäre geschehen. Und nun ist wohl das wichtigste, daß auch die Baronin von dem Fund erfährt.«

»Ich wollte das eben sagen,« antwortete Breitenbach. »Gleich will ich selbst mit hinübergehen, – oder darf ich Sie bitten, Baron, die Botschaft auszurichten? Ich habe von rechtswegen im Augenblick wenig Zeit. Mein Weg hat mich zufällig hier vorbeigeführt, weil ich nach den Kämpen hinüber wollte. Und auf Ihre Sorgfalt kann ich mich in dieser wichtigen Angelegenheit ja wohl verlassen.«

Bassow hob den Kopf. Unwillen blitzte in seinen blauen Augen auf. Der leise Zweifel in Breitenbachs letzten Worten hatte trotz der scheinbaren Höflichkeit sein Ohr verletzt.

»Unbedingt, Herr von Breitenbach. Niemand ist froher als ich, wenn die dunkle, traurige Sache sich endlich aufklärt, und niemand würde lieber den Mörder seinem verdienten Schicksal überliefern.«

»Ganz wie Sie spräche ich selbst, wenn ich an Ihrer Stelle und Erbe der schönen Besitzung des Verstorbenen wäre. Den Mann dort« – er wies mit einer Handbewegung auf den Arbeiter, der die nasse Decke hielt, – »werde ich Ihnen mitgeben, damit er Ihnen die Sachen hinüberträgt.«

»Ich danke für Ihre freundliche Absicht, Herr von Breitenbach. Aber ich möchte Ihnen gleich einen Beweis meiner Sorgfalt bei dieser Angelegenheit geben. Ich vertraue den Fund von diesem Augenblick ab niemandem an als mir selbst. In meiner Hut wird er bleiben, bis ich ihn dem Gericht überliefert habe.«

»Bravo, Baron! Ich sehe, die Sache ist in besten Händen. Und nun entschuldigen Sie, wenn ich mich Ihnen empfehle, meine Zeit ist heute leider sehr knapp. Und meine besten Grüße der Witwe meines Freundes.«

»Ich werde sie ausrichten.« Bassow lüftete leicht seinen Hut und folgte noch kurze Zeit mit den Blicken Breitenbachs hoher Gestalt, wie sie, ohne umzuschauen, auf dem schmalen Pfad am Teichufer mit großen Schritten rechtshin einherging. Dann barg er den Revolver in der Tasche und nahm von dem Arbeiter die Decke mit ihrem Inhalt entgegen. Behutsam die vier Ecken wieder zusammenfassend, ging er nun eilig auf Schloß Garchim zu.

Ein hohes Gefühl von Kraft und Freude war in seiner Brust. Doch ging es nicht in erster Linie von dem Funde aus, den er mit sich brachte. Vielmehr waren seine Gedanken bei der Baronin, und ein beglückendes Empfinden sagte ihm: »Diesen Mann liebt sie nicht.« In der letzten Stunde hatte die schon in seinem Herzen wohnende, frohe Beruhigung sich immer noch mehr zu hellem, heiterem Glücksgefühl gesteigert. Sein Zusammensein mit Breitenbach, seine plötzlich objektiv gewordene Beobachtung von dessen Persönlichkeit hatten es ihm bestätigt. »Diesen Mann kann sie nicht lieben.« Und nun gärte in ihm ein mächtiger Drang, sich ihr gegenüber zu betätigen, zu handeln, ein Geheimnis ganz aus dem Wege zu räumen, zu dem er den Schlüssel vielleicht bereits in diesem Augenblick bei sich trug. Der in den Baumkronen des Waldes wühlende und rauschende Wind schien ihn anzufeuern und vorwärts zu treiben.

Als er der Stelle nahekam, wo er den Diener zurückgelassen hatte, sah er mit freudigem Herzklopfen, daß die Baronin selbst an dessen Platz getreten war. Bei seinem Nahen erhob sie sich von der Steinbank, auf der sie gesessen hatte, und kam ihm rasch entgegen. Schon aus einiger Entfernung rief sie: »Das Rätsel ist gelöst, Ihr Versuch ist glänzend gelungen! Ich war ja vorbereitet auf Ihren Schuß, aber ich bin doch vor Schrecken zusammengefahren; denn es war wieder, als wenn er unmittelbar neben mir abgefeuert würde. Es ist kein Zweifel mehr: von dorther, vom toten See ist auch an jenem Abend meines Mannes Hilferuf herübergeklungen. Daß wir aber früher derartige Töne nicht gehört haben, erklärt sich ebensogut. Erst im letzten Mai hat ja der Windbruch die Waldwand niedergelegt, über die kein Laut herüberdringen konnte. Dazu der selten hier wehende Südwind, – eins wenigstens wissen wir nun mit Bestimmtheit.«

Sie sprudelte die Worte rasch hervor, wie ein Mensch, der ungeduldig darauf gewartet hat, eine wichtige Mitteilung vom Herzen loszuwerden. Aber Bassow machte nur eine zustimmende, eilige Kopfbewegung; ihm brannte noch Neueres auf den Lippen. Er legte die gefundene Decke auf die Bank, breitete sie auseinander, daß ihr Inhalt sichtbar wurde, und sagte: »Wir wissen heute noch mehr, Baronin. Hier liegen die Sachen vor Ihnen, die der Mörder meines Vetters geraubt hat.«

»Wo, – wo haben Sie das gefunden?«

Er begann zu erzählen, sorgfältig, ausführlich. Sie aber stand mit niederblickenden, starr auf die mattfunkelnden Gegenstände gerichteten Augen. Ihre Stirn hatte sich über der Nase zusammengezogen; ihr Geist arbeitete offenbar angestrengt und rasch.

Auch als Bassow seinen Bericht beendet hatte, bewahrte sie Stellung und Ausdruck unverändert, wie hypnotisiert von dem Anblick. Die Worte wägend, leise begann sie dann zu sprechen: »Es war also kein Raubmord.«

Bassow stutzte; dieser Gedanke war ihm noch nicht gekommen. »Meinen Sie, – warum?«

»Ein Raubmörder wirft nicht fort, was der Preis des Verbrechens ist.«

»Vielleicht hat er Angst bekommen, daß ihn die gestohlenen Sachen verraten könnten.«

Sie schüttelte den Kopf, aber die Richtung ihrer Blicke veränderte sich nicht. »Nein. Er überlegt sich das vorher. Der Gewinn ist sein Ziel, die Tat ist Mittel zum Zweck. Diese Dinge sind nur zum Schein geraubt worden.«

»So vermuten Sie ein anderes Motiv des Mordes?«

»Ja, – ein anderes Motiv.«

»Und welches?«

»Ich weiß es nicht, – noch nicht.«

Beide schwiegen. Der Wind schien ihnen etwas zuzuflüstern, aber sie verstanden seine Sprache nicht. Jetzt fragte die Baronin: »Sie sagten, daß er – daß Breitenbach zornig war, weil man das Boot benutzt hatte?«

»Ja, – sehr zornig.«

Wieder das drückende, seltsame Schweigen, in dem Geheimnisse schlummerten. Diesmal war es Bassow, der es unterbrach: »Baronin, ich habe eine Bitte. Legen Sie die Sache jetzt in meine Hand. Es ist nicht Frauensache, einem Verbrecher nachzuspüren. Und wenn Sie den Verdacht, von dem Sie gestern sagten, noch immer nicht aussprechen wollen, – es muß auch ohne das gehen. Ich bin im allgemeinen kein scharfer Denker, aber der Wunsch, Ihnen zu dienen, wird meinen Geist rege machen.« Er begleitete seine letzten Worte mit einem gutmütigen, ein wenig verlegenen Lächeln, doch das Blitzen seiner Augen verriet, wieviel Eifer und Energie dahinter schlummerten.

Sie hatte langsam den Kopf erhoben und sah ihm in die Augen; ein weicher Ausdruck war auf ihrem Gesichte, den er sich nicht erklären konnte. »Sie sind gütig,« sagte sie dann, und auch ihre Stimme war weich. »Und vielleicht haben Sie recht, wenn Sie meinen, daß ein Mann mehr auszurichten vermag in solchen Dingen. Aber ich kann es doch nicht erlauben.«

»Warum nicht?«

»Weil Sie sich nicht in Gefahr begeben sollen, nicht in Gefahr um meinetwillen!« Sie hatte die Worte rasch und lebhaft hervorgestoßen und war mit ausgestreckten Händen auf ihn zugetreten.

Ihm aber weckte dieser Ausdruck nichts als hellen Jubel in der Seele. Sie wollte ihn schützen, ihn halten, sie zitterte für sein Leben, – gab es ein größeres Glück? Er wagte nicht, ihre Hände zu ergreifen, doch der innere Jubel klang in seine Worte hinein. »Gefahr? Ich habe sie niemals gefürchtet.«

»Sie ist Ihnen vielleicht näher, als Sie glauben. Ein Mann, der gemordet hat, ist wie ein angeschossenes, wildes Tier, das um sein Leben kämpft.«

»Ich würde mich freuen, mit ihm zu kämpfen. Und für Sie kämpfen zu können, Baronin, wäre mir das größte Glück. Nein, das dürfen Sie mir wirklich nicht verbieten!«

Sie lächelte, doch schien es ihm, als wenn Tränen in ihren Augen ständen. »Wenn ich's nicht darf, – nun gut, ich will Sie nicht hindern. Aber versprechen Sie mir Vorsicht, Schonung für sich selbst. Ich bitte Sie darum.«

Jetzt ergriff er die ausgestreckte Hand, beugte sich nieder und küßte sie. »Alles, alles, – ich will alles tun, was Sie mir befehlen.«

»Ich befehle nicht, Baron, ich bitte nur.«

»Aber Ihre Bitte gilt mir mehr als ein Befehl. Ich werde nicht ruhen und rasten, bis ich vor Sie treten kann und Ihnen sagen: ›Das Rätsel ist gelöst, und Sie stehen rein wieder da vor der Welt.‹«

»Ach, die Welt!« Sie brach ab, sie sah ihm wieder in die Augen, um dann in sichtbarer Verlegenheit ihre Blicke von ihm abzuwenden und abermals auf die gefundenen Gegenstände hinabzuschauen. Und nach einer Weile sagte sie halblaut: »Als ich die Decke hier stickte, dachte ich auch nicht, sie so einmal wiederzusehen. Es war ein Geburtstagsgeschenk für meinen Mann.«

»Und jetzt soll sie helfen, seinen Mörder zu entdecken.«

»Vielleicht, – das Dunkel ist immer noch sehr dicht, und aus dem einen Rätsel ergeben sich andere, neue. Wir beide wissen jetzt, wo mein Mann ermordet wurde. Hier diese Dinge stammen aber aus dem Zimmer, in dem wir ihn fanden. Das goldene Falzbein wenigstens legte ich selbst an jenem Abend auf die eingegangenen Briefe auf seinem Schreibtisch.«

Bassow dachte still einen Augenblick nach, um dann zu sagen: »Die Sache ließe sich wohl erklären, aber –«

»Aber was?«

»Es müßte dann mehr als eine Person an der Tat beteiligt, oder der eine müßte ein ungewöhnlich starker und großer Mensch gewesen sein.«

Die Baronin bewegte langsam den Kopf zur Bejahung. »Groß und stark, – ja, Sie haben recht.«

»Aber ich meine, mit Grübeln und Fragen kommen wir nicht ans Ziel. Jetzt heißt es handeln. Ich werde Klarheit schaffen; denn ich will sie schaffen.«

»Der Wille kann viel.«

»Ein Manneswille kann fast alles in der Welt. Und nun lassen Sie mich gewähren, Baronin. Meine nächste Pflicht ist es, diese Sachen hier der Polizei zu übergeben. Ich reite gleich selbst auf die Gendarmeriestation und liefere sie dort ab. Dann erst beginnt mein eigener Feldzug. Auf Wiedersehen, Baronin.«

»Auf Wiedersehen, – und vergessen Sie nicht, um was ich Sie gebeten habe.«

»Ich vergesse keins Ihrer Worte. Leben Sie wohl.«

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