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Am Tisch der Ungespundeten

Michael Georg Conrad: Am Tisch der Ungespundeten - Kapitel 1
Quellenangabe
typesketch
booktitleLenzesfrische, Sturm und Drang
authorMichael Georg Conrad
year1996
publisherBuchendorfer Verlag
addressMnchen
isbn3-927984-55-8
titleAm Tisch der Ungespundeten
pages173-175
sendergerd.bouillon@t-online.de
firstpub1890
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Michael Georg Conrad

Am Tisch der Ungespundeten

(1890)

Am Tisch der Ungespundeten im Klosterbräu. »Der Militarismus ist unser Fluch. Er vernichtet die materielle, geistige und sittliche Kraft des Volkes.«

»Das ewige Deklamationsthema«, dachte der Umfallpolitiker, den der Zufall heute zum Gast dieser derben Tafelrunde gemacht.

Er unterdrückte mühsam das Gähnen.

Was lag ihm am Gejammer der Leute vom Militarismus! Seine Söhne machten einst gewiß brillante Karriere. Donnerwetter, sein Leutnant und sein Einjähriger, die konnten sich sehen lassen. Teuer, ja, unbändig teuer, aber wenn man sich's leisten kann?

Die erregten Wechselreden nahmen ihren Fortgang.

»Der Militarismus, meine Herren, ist auch eine der Hauptursachen der Entvölkerung des offenen Landes und der Überfüllung der Städte mit arbeitslosem Proletariat.«

»Sehr richtig. Aber schlimmer noch ist der geistige und moralische Schaden. Es ist nicht nur die Kasernierung und der Drill der Leiber, sondern auch die Kasernierung und der Drill der Geister, der sittlichen Fähigkeiten, was diesen modernen Militarismus so verhängnisvoll macht. Die intellektuelle Selbständigkeit des Individuums wird in diesem buntuniformierten Orden auf ein Minimum herabgedrückt. Es ist eine systematische Herabzüchtung zum Herdentier, eine brutale Verneinung des freien, edlen Menschentums.«

»Abwarten. Womit man sündigt, damit wird man bestraft. Der Militarismus untergräbt gerade das, was man durch ihn stützen will – den feudalkapitalistischen Staat, und vernichtet, was er angeblich schaffen soll – die Ruhe und Sicherheit der Völker. Nur abwarten. Das furchtbare Anschwellen der Sozialdemokratie ist ein deutliches Zeichen, wohin die Vermilitarisierung führt.«

Jetzt hielt's der politische Gast nicht mehr aus: »Ich glaube, Sie sehen zu schwarz oder vielmehr zu rot, meine Herren. Das ›deutliche Zeichen‹, von dem mein Nachbar zur Linken soeben gesprochen, das knallt man einfach nieder, sobald der geeignete Moment gekommen. Mit dem Militarismus können wir jeden Augenblick den ganzen Sozialismus zerschmettern. Gut Nacht. Allerseits angenehme Ruhe!«

Damit stand er auf und empfahl sich.

Zuerst Schweigen der Überraschung in der Runde.

Dann das erlösende Wort eines Ungespundeten: »Lumpenhund auf der Höhe staatsmännischer Einbildung. Das heißt – Aber Ihr versteht mich schon.«

Im Hochgefühl seiner loyalen Überlegenheit schritt der Biedere heim. Heute wollte der ein übriges an gutbürgerlicher Korrektheit tun, dieser ungespundeten Bande zum Trotz: In dieser Nacht sollte ihm – zur Abwechslung – sein trautes Eheweib genügen. Ein seltener Spaß. Die Holde wird Augen machen – Das ist ihr schon lange nicht mehr passiert –

Was soll das? Alle Wetter, das Nest ist leer!

Die Holde mit dem Geschäftsfreund und Parteigenossen abgeschoben!

Schlimme Post.

Noch schlimmere brachte die Frühe: Der Einjährige hat sich in der Kaserne erschossen. Aus Verzweiflung –

Unglaublich!

Der infam empfindsam Junge! Sich zu erschießen, weil er sich vom Unteroffizier nicht ins Gesicht spucken lassen wollte. Kann man das nicht abwischen? Kann man –

Ach, es ist zu schauderbar! Solche blutige Dummheiten! So sich um alle Zukunft zu bringen aus krankhaftem Selbstgefühl! –

Er heulte und fluchte wie ein alter Hiob.

Dann machte er Toilette, ließ einspannen und fuhr zu seiner neuesten Maitresse, – sich von ihr trösten zu lassen.








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