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Eduard Graf von Keyserling: Am Südhang - Kapitel 5
Quellenangabe
typenarrative
booktitleAm Südhang
authorEduard von Keyserling
year1998
publisherPhilipp Reclam jun.
addressStuttgart
isbn3-15-008852-6
titleAm Südhang
pages1-80
created20000226
sendergerd.bouillon@t-online.de
firstpub1916
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Daniela saß, wie jeden Morgen, in der Bohnenlaube und schrieb einen Brief. Zuweilen hob sie den Kopf und blinzelte aus ihrem Schattenversteck in die gelbe Welt des Sonnenscheins hinaus, in der die Farben so grell und heiß auf den Blumenbeeten standen. Sie schaute zur Spiräahecke hinüber, wo schon geraume Zeit Karl Erdmann tief in Gedanken versunken auf und ab schritt. Wenn sie sich überzeugt hatte, daß er immer noch dort auf und ab ging und sich noch nicht anschickte, zur Bohnenlaube herüberzukommen, dann beugte sie sich wieder auf ihren Briefbogen nieder und schrieb ruhig und gleichmäßig weiter. Einmal jedoch, als sie aufblickte, fand sie, daß er schon auf halbem Wege zu ihr war. Sie beendete den angefangenen Satz ihres Briefes, legte die Feder nieder, lehnte sich in die Bohnenranken zurück und sah ihm nachdenklich entgegen. Karl Erdmann schien sehr ernst, verbeugte sich förmlich und fragte: »Störe ich?« Daniela schüttelte den Kopf. Da setzte er sich und schaute schweigend vor sich nieder. »Ach, geben Sie mir eine Zigarette«, sagte Daniela. Karl Erdmann reichte ihr die Zigarette und ein brennendes Zündholz. »Rauchen Sie nicht?« fragte Daniela, »schade, es plaudert sich gemütlicher, wenn beide rauchen.« Karl Erdmann zuckte mit den Schultern und sagte ein wenig feierlich: »Ich bedauere, aber ich sagte es Ihnen schon, Gemütlichkeit ist nicht meine Spezialität.« Daniela hatte sich wieder zurückgelegt, der Genuß der ersten Züge ihrer Zigarette machte sie zerstreut; sie ließ den Rauch sich langsam zwischen den halbgeöffneten Lippen hervorkräuseln und schauerte wohlig in sich zusammen, als fühlte sie all die grünlichen Schatten, welche über sie hinrannen, wie ein angenehmes, kühles Bad. Dann dachte sie wieder an Karl Erdmann. »Sie haben mir einen Brief geschrieben«, sagte sie, »davon wollen wir jetzt sprechen. Natürlich sollten Sie lieber nicht solche Briefe schreiben. Das Zusammenleben ist doch ohne solche Briefe viel einfacher und angenehmer.« Karl Erdmann antwortete nicht, er zuckte wieder die Achseln und lächelte, ein mattes, ironisches Lächeln. »Da nun aber Ihr Brief einmal geschrieben ist«, fuhr Daniela fort, »so muß ich sagen, daß er mich beruhigt hat. Vorige Nacht in der Bibliothek haben Sie mich ein wenig erschreckt, aber dieser Brief beruhigt mich. Er ist so hübsch lang und so hübsch in jeder Hinsicht. Sie pflegen Ihren Stil, da sind schöne Gedanken und schöne Worte drin, es muß Ihnen Vergnügen gemacht haben, ihn zu schreiben, und es muß Sie beruhigt haben, nicht wahr?« Da Daniela innehielt und eine Antwort zu erwarten schien, schaute Karl Erdmann auf, er war sehr bleich geworden, und es klang feindselig, als er sagte: »O bitte, sprechen Sie nur, ich höre.«

Daniela schwieg eine Weile, rauchte und sann. Einen Augenblick nur ruhten ihre Augen auf Karl Erdmann mit dem scharfen forschenden Blick, der zuweilen in Frauenaugen kommt und goldene Funken in ihnen erweckt wie in den Augen eines sichernden Wildes. »Ach ja«, begann sie dann, »Sie können den Rat einer älteren und erfahrenen Frau wohl anhören, er kann Ihnen für Ihr späteres Leben nutzen, für eine Gelegenheit, in der für Sie wirklich etwas auf dem Spiele steht.«

»Bitte«, sagte Karl Erdmann und bemühte sich, das kalt und höhnisch zu sagen.

»Also«, fuhr Daniela fort, »solche Briefe dürfen Sie nicht schreiben, wenn es einmal Ernst wird. Wenn Sie ihn schreiben, fühlen Sie vielleicht stark und wird Ihnen warm ums Herz, aber glauben Sie mir, solch ein hübscher Brief macht keinen Eindruck. Wir lesen darüber hinweg wie über eine Romanseite. Ich weiß nicht, Männer, die in einem Brief einen so schönen Stil schreiben, kommen mir immer verheiratet vor, und dann, nur Nähterinnen und Konfektionsfräulein lieben lange, hübsche Liebesbriefe, über die sie dann weinen.«

»Sehr interessant«, warf Karl Erdmann ein, seine Stimme war heiser und zitterte ein wenig, »wie muß denn so ein Brief sein?«

»Kurz muß er sein«, erwiderte Daniela. »Wenn ein Mann einer Frau sagt, daß er sie liebt, so ist das doch bald gesagt, darüber läßt sich doch nicht viel herumreden, alles andere ist für die beiden doch uninteressant, und für jeden andern als die beiden muß wieder dieser Brief uninteressant sein. Liebe ist doch nur für die beiden, die es angeht, nicht trivial. Ich kann mir denken, daß ein Telegramm zur rechten Zeit abgeschickt und in dem nichts weiter steht als: ›Ich liebe Dich‹, die stärkste Wirkung tut. Da haben wir also Ihren Brief.« Daniela entnahm ihrer Mappe Karl Erdmanns Brief, entfaltete ihn und beugte sich darüber. Karl Erdmann bemerkte, daß einige Worte und Sätze des Briefes mit Rotstift angestrichen waren. »Sie hat also den Brief korrigiert«, dachte er, »und die Fehler angestrichen.« Daniela las halblaut einige Sätze des Briefes: »Also hier, den Ernst eines Menschenschicksals in Ihre kleinen Hände legen usw., das ist so hübsche Literatur, daß, wer das geschrieben hat, schon ganz befriedigt ist, er ist verliebt in seinen Stil, und die Geliebte ist ihm treu. Und dann hier dies von Ihrer Liebe, die das einzige Wertvolle in Ihnen ist. Was soll denn die Frau an Ihnen lieben? Nein, wenn Sie einer Frau Ihre Liebe erklären, müssen Sie immer tun, als machten Sie ihr ein längsterwartetes großes Geschenk. So, nun habe ich Ihnen einen Vortrag gehalten, hier ist Ihr Brief.« Sie steckte den Brief in den Umschlag und legte ihn vor Karl Erdmann hin. Sie lächelte ihm dabei freundlich zu und schaute ihn an, als sei er ein Kind, das sie gescholten und dem sie nun verziehen hatte: »Ich sehe dort Herrn Dorn mit seinen Büchern aus dem Hause kommen«, fügte sie hinzu, »ich nehme nämlich jetzt griechische Stunden bei Herrn Dorn.«

»Dann muß ich wohl gehen«, bemerkte Karl Erdmann. Er erhob sich, nahm den Brief, der auf dem Tisch lag und begann ihn langsam zu zerreißen. Er schien dabei angestrengt nachzudenken. Plötzlich erhellte ein heiteres, wirklich ausgelassenes Lächeln sein Gesicht. »Sehen Sie, Daniela«, sagte er, »was Sie da tun, beruhigt mich wieder. Sie geben sich kolossal Mühe für mich. Wenn Ottomar Lynck Ihnen eine Liebeserklärung macht, dann hören Sie zu, als ob er Ihnen Klarinette vorspielte. Bei Herrn Aristides Dorn nehmen Sie griechische Stunden. Für mich aber verstellen Sie sich. Sie versuchen anders zu sein, als Sie wirklich sind, Sie spielen Rollen, die Ihnen gar nicht gut stehen, die Rolle der Schwester und der erfahrenen Frau und der Gouvernante der Liebe, und das ist mehr, als Sie für die andern tun, und das beruhigt mich ein wenig.«

Daniela hatte erstaunt aufgeblickt, und dann schauten ihre Augen vor sich hin, ohne zu sehen, wie es Frauen tun, die in sich hineinhorchen, weil ein starkes Gefühl in ihnen erwacht ist. »Ich mache also Herrn Aristides Dorn Platz«, schloß Karl Erdmann, »Herrn Aristides Dorn, auf den ich natürlich nicht eifersüchtig bin, denn er ist nur, wie Ottomar Lynck sagt, eine Windmühle, die sich drehen muß.« Damit verbeugte er sich, grüßte und ging. Er spürte es an seinen Beinen, daß sein Gang nicht natürlich war, aber das kam daher, daß sein Abgang ihn so außerordentlich befriedigte.

 

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