Projekt Gutenberg

Textsuche bei Gutenberg-DE:
Startseite    Genres    Neue Texte    Alle Autoren    Alle Werke    Lesetips    Shop    Information    Impressum
Autoren A-Z: A | B | C | D | E | F | G | H | I | J | K | L | M | N | O | P | Q | R | S | T | U | V | W | X | Y | Z | Alle
Gutenberg > Heinrich Seidel >

Am See und im Schnee

Heinrich Seidel: Am See und im Schnee - Kapitel 1
Quellenangabe
typenarrative
booktitleWeihnachtsgeschichten
authorHeinrich Seidel
year1995
publisherHusum Druck- und Verlagsgesellschaft
addressHusum
isbn3-88042-739-9
titleAm See und im Schnee
pages83-108
created20031119
sendergerd.bouillon@t-online.de
Schließen

Navigation:

Heinrich Seidel

Am See und im Schnee

Eine Weihnachtsgeschichte

Aus: Heimatgeschichten, Stuttgart und Berlin o. J.


1

Am See

Braunsberg und Wildingshagen sind zwei Rittergüter, die in einer der fruchtbarsten Gegenden von Norddeutschland nicht weit voneinander entfernt liegen. Vor Jahren lebten daselbst zwei Gutsbesitzer von einerlei Gesinnung und Neigung; sie hielten gute Freundschaft miteinander, unterstützten sich gegenseitig mit Rat und Tat und waren eifrig bemüht, einer dem andern den guten Rotwein auszutrinken, der reichlich in ihren Kellern lagerte. Dies freundschaftliche Verhältnis schien sich bei den ältesten Söhnen, die zur Übernahme der Güter bestimmt waren, fortsetzen zu wollen. Sie besuchten in einer benachbarten Stadt das Gymnasium, durchsaßen fast nebeneinander in langsamem Tempo die Klassen und kamen beide glücklich genau an derselben Stelle durch das Abiturientenexamen, nämlich an jener, wo oben durch und unten durch hart aneinander grenzen. Während dieser ganzen Zeit waren sie unzertrennlich gewesen, hatten bei einer kleinen ausgebleichten Kanzleisekretärswitwe zwei Zimmerchen bewohnt, hatten alle Vorräte, mit denen ihre vorsorglichen Mütter das städtische Hungerleben zu mildern trachteten, redlich miteinander geteilt und alle ihre dummen Streiche gemeinsam ausgeführt.

Sie bezogen demnächst auch dieselbe Universität, um sich unter dem Vorwande des Studiums der Rechtswissenschaft einige Jahre lang von den schrecklichen Strapazen der Abgangsprüfung zu erholen, und hier erlitt der scheinbar so dauerhafte Freundschaftsbund den ersten Riß, indem Peter Maifeld, der einstige Besitzer von Braunsberg, eines guten Abends in die Netze einiger Korpsstudenten ging und am andern Morgen mit schwerem Haupte als ein Fuchs der Borussia erwachte, während Fritz Dieterling, der zukünftige Herr auf Wildingshagen, fast gleichzeitig in die Burschenschaft Germania eintrat. Da sie nun auf diese Art plötzlich gewissermaßen zwei verschiedenen Nationen angehörten, deren unabänderliche Stammesgesetze vorschreiben, sich gegenseitig mit gebührender Nichtachtung zu betrachten, so blieb ihnen nichts übrig, als sich zu trennen und sich fortan mit kühler Höflichkeit aus der Ferne zu besehen. Dies hinderte jedoch nicht, daß sie bei Ferienbesuchen in der Heimat, wo sie sich auf neutralem Boden und sozusagen in Zivil fühlten, den alten, freundschaftlichen Umgang fortsetzten, bei welchen Gelegenheiten sie allerdings häufig über die erhabenen Grundsätze ihrer beiden Völkerschaften in großen Streit gerieten, ohne daß es einem von ihnen gelingen wollte, den anderen von der Haltlosigkeit und Verwerflichkeit seiner Anschauungen zu überzeugen.

Beide verließen nach drei Jahren die Universität, Peter Maifeld, um bei einem Freunde seines Vaters die Landwirtschaft praktisch zu erlernen, während Fritz Dieterling noch eine Zeitlang auf Reisen ging. Jedoch nach einem halben Jahre schon rief ihn die Nachricht von dem plötzlichen Tode seines Vaters nach Hause, und er war gezwungen, augenblicklich das Gut zu übernehmen und sich mit Beihilfe eines alten, tüchtigen Inspektors in die neue Tätigkeit einzuarbeiten. Nach einem Jahre verheiratete er sich mit einer benachbarten Gutsbesitzerstochter von blühender Gesundheit und achtbarem Vermögen, und nicht ganz ein weiteres Jahr später war auch schon ein neuer, ganz kleiner und sehr anspruchsvoller Fritz Dieterling da, so daß der, der noch vor dreißig Monaten im Kreise fröhlicher Genossen gesungen hatte: »'s gibt kein schön'res Leben als Studentenleben!« nun bereits die Würde eines Familienvaters bekleidete und mit vollem Rechte das Lied anstimmen konnte: »O, alte Burschenherrlichkeit, wohin bist du verschwunden?!« Dies fiel ihm aber gar nicht ein, sondern sich mit Feuereifer seiner neuen reichen und vielseitigen Tätigkeit widmend, lag ihm nichts ferner als jene sentimentale Erinnerung an die sogenannte frische und fröhliche Studentenzeit, die man vorzugsweise bei jenen findet, die sich nicht weiter entwickeln, sondern, nachdem sie eine Zeit tollen studentischen Übermutes wie eine Krankheit, gleich den Masern, überstanden haben, auf alle viere in das Philistertum zurücksinken, wo von jeher ihre wirkliche Heimat war.

Einige Jahre später starb auch der alte Maifeld, und der Sohn trat an seine Stelle. Auch dieser sah sich alsbald unter den Töchtern des Landes um, und dem Bunde, den er einging, entsproßte ein Mädchen, das auf den Namen Helene getauft, aber Hella genannt wurde.

Anfangs herrschte unter den beiden Nachbarfamilien ein so fröhlicher Verkehr, wie in den Zeiten der Väter, und die Braunsberger Halbchaise mit den zwei prächtigen Apfelschimmeln hielt ebensooft mit scharfem Ruck vor dem Wildingshäger Herrenhause an, als die mit zwei schönen Füchsen bespannte Kutsche Fritz Dieterlings vor dem Hause des benachbarten Freundes. Die beiden jungen Landleute tauschten Erfahrungen miteinander aus, die Frauen Sämereien, Bruteier oder Kochrezepte, und wenn in dem Braunsberger Obstgarten die Gravensteiner Äpfel gediehen oder im Wildingshäger die Grand Richards, so hatte man auf beiden Gütern von diesen köstlichen Früchten. Jedoch im Laufe der Zeit stellten sich allerlei Zerwürfnisse heraus, denn es zeigte sich, daß die politischen Ansichten beider Männer vollständig verschieden waren. Während Maifeld einer äußerst konservativen Richtung angehörte, waren Dieterlings Anschauungen von durchaus liberaler Färbung, und da sich durch das eben vorübergegangene Jahr 1848 dergleichen Spannungen sehr verschärft hatten, so konnte es nicht ausbleiben, daß sich die Gemüter der beiden Freunde, wenn sie bei dem guten Rotwein aus den Kellern ihrer Väter saßen, oft bedeutend erhitzten, indem der eine für das Wohl des Vaterlandes gerade das für ersprießlich hielt, was der andere für dessen Ruin und gänzliches Verderben erachtete. Dazu kam noch, daß sich Dieterling auch in seinem landwirtschaftlichen Berufe als ein Freund des Neuen und des Fortschrittes erwies, während Maifeld auch hier dem Alten und von den Vätern Erprobten anhing und nicht verfehlte, jeden mißglückten Versuch einer Neuerung mit lustigen Spöttereien und kleinen höhnischen Bemerkungen zu begleiten. So geschah es denn, daß sich die Kluft zwischen den beiden Freunden immer mehr erweiterte, daß sie immer seltener miteinander zusammenkamen und schließlich eines Tages an einem dritten Orte so heftig aneinander gerieten, daß Dieterling seinen Nachbar für einen bejammernswerten Idioten erklärte, während dieser ihm einen aufgeblasenen Schwätzer gegenleistete. Das nach diesem Auftritt unvermeidlich scheinende Duell wurde durch die Vermittelung wohlmeinender Freunde glücklich verhindert, allein von dieser Zeit ab war der Bruch entschieden und die Beziehungen zwischen beiden Gütern gänzlich zu Ende. Da nun auf dem Schutthaufen einer gewesenen Freundschaft die Giftpflanzen der Verleumdung und des Hasses bekanntlich am üppigsten gedeihen, so standen diese Gewächse bald in kräftiger Blüte und sogen aus jedem kleinen Anlaß neue Nahrung und herrliches Wachstum. Alles Nachteilige und Dumme, was gute Freunde und getreue Nachbarn über die andere Familie bereitwilligst verbreiteten und herumtrugen, ward mit verächtlichem Achselzucken und einer Miene hingenommen, die ausdrücken sollte, daß lächerliche Abgeschmacktheit eben das sei, was man von der gegnerischen Seite als natürliche Lebensäußerung erwarte und voraussetze. Da nun zufällig beide Güter den natürlichen Abfluß ihrer Produkte nach zwei verschiedenen Städten hatten, so geschah es auch, da die feindlichen Familien sich nicht mehr suchten und es unmöglich war, sie in der Gegend zusammen einzuladen, daß beide niemals miteinander zusammentrafen und sogar die Männer jahrelang einander nicht ansichtig wurden. Die ältesten Kinder, Fritz und Hella, in so jugendlichem Alter voneinander getrennt, hatten sich ebenfalls niemals wieder erblickt, sondern nur voneinander gehört, wodurch sie unter den vorhin erwähnten Umständen zu keinen sehr anmutigen Begriffen gelangen konnten. Als beide fast erwachsen waren, stellte sich das junge Mädchen unter dem Nachbarssohne ein Geschöpf vor, das man vielleicht zart mit »wüster, unwissender Tagedieb« bezeichnen könnte, während dieser von seiner jungen Nachbarin eine Vorstellung hatte, die durch den Ausdruck »alberne Zierpuppe« nur schüchtern und mit aller Rücksicht, die man dem weiblichen Geschlechte schuldig ist, wiedergegeben werden kann.

Fast zehn Jahre hatte der Zwist der beiden Familien gedauert, die »alberne Zierpuppe« war blühend und frisch und ziemlich unangekränkelt von der sogenannten modernen Bildung aus der städtischen Pension zurückgekehrt, wo es ihr als einem Mädchen von gesundem Geist und Körper niemals besonders behagt hatte, und der »wüste, unwissende Tagedieb« war mit seinem Militärdienstjahr schon seit einiger Zeit zu Ende, da brach der Deutsch-Französische Krieg aus. Der junge Fritz Dieterling ward natürlich eingezogen und ging als Reserveoffizier mit gegen Frankreich. Er war an der Schlacht bei Wörth und an dem gewaltigen Marsche auf Sedan und dessen Einschließung beteiligt, wobei ihn das Glück so begünstigte, daß er sowohl von Verwundung als Krankheit verschont blieb, sich das Eiserne Kreuz erwarb und trotz aller Strapazen des Kriegslebens blühend und kräftig vor Paris anlangte. Gegen Ende der langwierigen Einschließung und Belagerung dieser ungeheuren Festung erhielt er jedoch bei einem der vielen Ausfälle der französischen Besatzung einen Schuß in den linken Arm, zeichnete sich aber bei dieser Gelegenheit durch Mut und Umsicht so ungemein aus, daß ihm das Eiserne Kreuz erster Klasse zugesprochen wurde. Seine Verwundung war jedoch so komplizierter Natur, daß die Heilung einen sehr langwierigen Verlauf nahm und er allmählich von Lazarett zu Lazarett zurückbefördert ward, bis man ihn zum Zwecke seiner gänzlichen Genesung in die Heimat entließ.

Herrn Peter Maifeld paßte die kriegerische Auszeichnung des jungen Dieterling sehr wenig in sein System, insonderheit verdroß es ihn, daß sich der Sohn seines Feindes also hervorgetan hatte, daß man ihn des höchsten Ehrenzeichens, das seinem Stande zugänglich war, für würdig hielt. Zu Anfang murmelte er etwas von unverdientem Glück oder, wie er sich auszudrücken liebte, »unverschämten Torkel«, aber damit half er sich nicht über die Sache hinweg, denn im Grunde tat dieser Vorfall seinem braven Patriotenherzen doch zu wohl. Durch diese verhältnismäßig so seltene Auszeichnung fühlte sich die ganze Gegend geehrt, und überall hörte man mit Behagen und Anerkennung von dem jungen Manne sprechen. Das war nun einmal nicht zu ändern, Mut und soldatische Tüchtigkeit mußte der vermeintliche Tagedieb doch besitzen, und das sind immerhin Eigenschaften von allerhöchstem Wert, zumal im Kriege. Überhaupt fühlte er zu seiner Verwunderung, und fast mit Beschämung, daß er über seine politischen Gegner lange nicht mehr so schroffe Ansichten hegte als früher, und dies war ihm fatal, denn er glaubte darin bei sich einen Mangel an Konsequenz zu erkennen. Ach, er wußte nicht, daß die sogenannte Konsequenz in politischen Dingen oftmals nur auf dem Mangel an Fähigkeit oder Neigung beruht, seine Irrtümer einzusehen, und nur von Philistern und Toren für eine Tugend gehalten wird. Die kleinen inneren Reibungen, die in ruhigeren Zeiten die Gemüter bewegen und zum Kampfe reizen, hatten an Wichtigkeit verloren, da sich in gewaltigem, blutigem Ringen Völkerschicksale entschieden. Gleichviel welcher politischen Richtung die Männer angehörten, ihre Söhne oder Verwandten standen gemeinsam auf dem Schlachtfelde für dieselbe große Sache, und wenn sie fielen, mischte sich das Blut des einen mit dem des andern.

Um diese Zeit geschah es, daß an einem wunderschönen Tage des beginnenden Herbstes Hella ihren Pony satteln ließ, um einen Spazierritt zu unternehmen. Eine klare, sonnige Luft war rings verbreitet, stärkend wie Wein, und aus den dampfenden Morgennebeln war ein goldener Tag emporgestiegen. Es war, als hätte sich die blaue, wolkenlose Glocke des Himmels unendlich erweitert und die Welt sich vergrößert, denn vieles an den dämmernden Höhenzügen des Horizontes, das sonst in blauem Dunst oder matten Schleiern verhüllt lag, tat sich in bestimmten Linien und zarten Umrissen hervor, und an dem Wahrzeichen der Gegend, der Kirche von Borna, die viele Meilen weit sichtbar auf dem langgestreckten Höhenzuge sich zeigte, der den Lauf der Elbe begleitet, konnte man heute alle Fenster zählen. Der Trieb in die Ferne, der solchen Tagen eigen ist, die erfüllt sind von den Lockrufen wandernder Vögel und den silbernen Fäden des fliegenden Sommers, hatte auch Hella ergriffen, und am liebsten wäre sie hinausgeritten in die weite Welt, die heute so sauber und glänzend erschien, so recht wie ein Schauplatz für lauter zierliche und anmutige Abenteuer. Sie dehnte deshalb ihren Ritt heute weiter aus als gewöhnlich, bis sie an die Grenze gelangte, wo an dem Walde des feindlichen Nachbargutes entlang ein wenig befahrener Feldweg lief. Dort ließ sie ihr Pferdchen im Schritt gehen, und als sie, den Blick auf den herbstlich gefärbten Wald gerichtet, dort entlang zog, wurden allerlei Erinnerungen an längst entschwundene Zeiten in ihr wach. In früheren Tagen, als die Familien noch viel miteinander verkehrten, war man öfters auf halbem Wege in diesem Walde zusammengekommen. Das Gehölz umschloß einen kleinen See, an dessen Ufern sich unter dem Schutze einer alten mächtigen Eiche einige Rasenbänke befanden und eine regendichte Mooshütte errichtet war, die bei ungünstiger Witterung einen Unterschlupf bot. Dort hatten die beiden Familien mit anderen Freunden aus der Umgegend so manches kleine Sommerfest miteinander gefeiert, und oftmals hatte von dort aus das Klingen der Gläser, fröhliches Gelächter und lustiger Gesang durch den Wald geschallt. Aus ihrer frühen Kindheit erinnerte sich Hella so mancher dieser Zusammenkünfte, und besonders die letzte dieser Art, die überhaupt stattfand, war ihr treu im Gedächtnis geblieben. Man hatte an einem wunderschönen Herbsttage dort am See den Geburtstag der Frau Dieterling gefeiert, und Hella erinnerte sich noch sehr wohl ihrer Verwunderung, als sie alle jungen Fichten der Umgegend mit leuchtenden Georginen und Sonnenblumen geschmückt fand, denn im ersten Augenblick hatte sie gedacht, diese Nadelhölzer hätten solchen farbigen Zierat aus eigenem Vermögen hervorgebracht. Fürchterlich war es gewesen, und sie hatte sich sehr die Ohren zugehalten, als Fritz Dieterling zu Ehren des Tages aus einer großen Messingkanone das Echo anböllerte, aber nachher hatte sie selbst über den See hinweggerufen: »Hella!« Da hatten ihr zarte Stimmen geantwortet, schnell hintereinander weg und immer ferner, wohl viermal, und sie hatte fest geglaubt, dort in dem grünen Dämmer des Seeufers müßten noch andere kleine Mädchen sein, und sie wollte sie holen, um mit ihnen zu spielen. Fritz Dieterling aber hatte überlegen gelächelt und gesagt: »Das ist ja man bloß das Echo, und wenn du spielen willst, dann mußt du mit mir spielen. Komm mit, ich weiß was. Was Schönes.«

Dann waren sie zusammen in den Wald gegangen, so weit fort, bis sie nichts mehr von der Gesellschaft hören konnten und es ganz einsam und still war, so daß sie nur das Rascheln der Füße im Laube hörten und den seltsamen Schrei eines Vogels über den Wipfeln. Sie hatte gefragt: »Was schreit da so?« Da hatte Fritz geantwortet: »Das ist der Kückewieh!« Als ihr nun bange wurde in der Einsamkeit und weil ihr der Name des Vogels, der so seltsam schrie, graulich vorkam, da hatte Fritz gesagt: »Der Kückewieh tut dir nichts, der frißt man bloß Kücken und Gössel, und nun kommt's auch gleich, das Schöne!«

Dann hatte sie alle Angst verloren, denn sie waren an einem Orte angelangt, wo eine Menge von mächtig großen Nußbüschen ihre Zweige ausbreiteten und teilweise ihren Reichtum an braunen Früchten schon auf das Laub des Bodens gestreut hatten. Nur zuerst hatte sie sich wieder ein wenig erschrocken über den häßlichen, schnarrenden Ruf eines anderen Vogels, der mit lautem Schelten und hörbarem Flügelschlag durch die Zweige entfloh, aber Fritz hatte wieder sehr beruhigend gesagt: Das ist man bloß der Holtschraag, der mag auch gern Nüsse, und sieh mal, da läuft auch ein Katzeicher den Baum in die Höh', der ist auch hier bei gewesen.«

Dem braven Fritz waren meistens nur die plattdeutschen Namen der Tiere bekannt, doch zuweilen, wo es sich seiner Ansicht nach gut machen ließ, wie hier beim Katteker, versuchte er eine Übersetzung ins Hochdeutsche. Nun hatten sie Nüsse gesammelt ganze Taschen voll, bis sie dessen müde waren. Wenn unten nicht mehr genug lagen, war Fritz wie ein »Katzeicher« hineingeklettert in die stattlichen Büsche und hatte geschüttelt, und sie hatte gejauchzt, wenn die glatten, braunen Früchte, die schon lose in ihren Hülsen saßen, auf das welke Laub herniederprasselten. Zum Schluß hatte er dann zwei stattliche, schlanke Ruten geschnitten; an der ihren war ein grüner Busch als Zierde geblieben, an der seinen, die einen Wurfspieß darstellen sollte, war dieser beseitigt, und so zogen sie weiter, indes Fritz mit seiner neuen Waffe unterwegs allerlei ungewöhnlich bösartige, wilde Tiere seiner Einbildung erlegte und so fortwährend den Weg von schrecklichen Gefahren reinigte.

In diesem Gehölze, das nicht gerade nach strengen Gesetzen der Forstwirtschaft behandelt wurde, darum aber desto lieblicher und voller Abwechslung war, befand sich auch eine Anzahl von stattlichen, wilden Obstbäumen, und als sie nun an einen solchen gelangten, der eine Fülle gelblicher Holzbirnen in das Gras zu seinen Füßen gestreut hatte, da erschien Hella dieser Ort mit seinen mannigfachen Gaben fast wie ein Märchenwald, und obwohl diese Früchte herbe waren, daß sie den Mund zusammenzogen, so verlieh ihnen doch ein seltsamer Reiz der Neuheit etwas ganz Besonderes. Danach gelangten sie in eine kleine Lichtung, wo auf einem durch Holzhauer von Graswuchs befreiten Flecke eine Anzahl von über mannshohen Königskerzen aufgeschossen war. Aus den Gebüschen am Waldesrande leuchteten die Hagebutten, einige Herbstschmetterlinge gaukelten lautlos umher, und überall hatten die Kreuzspinnen mächtige Netze gewebt, in deren Mitte sie auf die glänzenden Fliegen lauerten, die die Luft durchsummten. Hier war es so einsam und weltverloren, daß Hella wieder die Bangigkeit überkam. »Nun haben wir uns gewiß verirrt!« sagte sie.

»Verirrt?« sagte Fritz sehr wegwerfend, »in dies Holz kann ich mich gar nicht verirren, das weiß ich auswendig. Dies ist doch man bloß der Seebusch. Denk' mal, wenn's der Urwald wär' mit allerhand Tigern und Riesenschlangen drin! Na, die sind hier ja nicht, aber Addern gibt's hier, und beim See 'rum auch Snaken. Snaken, die tun nichts, aber die Addern stechen, die sind giftig. Vorig Jahr hat der Jäger eine totgeschlagen, ich hab' sie gesehen, sie haben so'n Zickzack aufm Rücken.«

Hu, wie gruselig war das wieder! Hella drängte sich dichter an Fritz und bat ihn umzukehren.

»Meinswegen«, sagte dieser, »aber vor den Addern brauchst du keine Bange zu haben. Unser Rademacher sagt, eine frisch geschnittene Haselrute ist das beste Mittel gegen die Addern, na, und die haben wir ja.« Damit faßte er seinen Wurfspieß am dicken Ende und ließ ihn wie eine Reitpeitsche durch die Luft pfeifen.

Sie wendeten sich um und gingen in der Lichtung zurück. Auf den dichten Gebüschen des Waldrandes von wilden Rosen, Schlehdorn und jungem Buchengestrüpp lag der Sonnenbrand und brütete würzigen Dürft aus, und als sie dort entlang streiften, ward in dem halbtrockenen Grase zu ihren Füßen ein leichtes Rascheln bemerklich, das sich träge auf das Gebüsch zu entfernte. Fritz hatte schnell seine Rute erfaßt, und indem er Hella mit der andern Hand zurückschob, sprang er schnell zu und schlug plötzlich auf einen Ort im Grase los. Der tückische Kopf einer Kreuzotter schoß an jener Stelle zitternd empor, und wütend schnappte das giftige Gewürm in die Luft, bis ihm ein zweiter, besser gezielter Schlag den Garaus machte.

Fritz sah ganz blaß aus vor Aufregung, obwohl er sich nichts merken lassen wollte.

»Das war 'ne Adder!« sagte er, »die hat genug!«

Dies war ein wunderbares, schreckliches und furchtbares Abenteuer für Hella, sie sah mit Bewunderung auf Fritz und mit Grauen auf das erlegte Giftgewürm, das noch, mit ein wenig verglimmendem Leben erfüllt, zuweilen ohnmächtig die Schwanzspitze regte. Als ein kleiner Held war er ihr damals erschienen, so eine Art Drachentöter, von denen man in Märchenbüchern liest.

Fritz hatte wie jeder ordentliche Junge vom Lande ein tüchtiges Ende Bindfaden bei sich, nebst unzähligen anderen brauchbaren und unbrauchbaren Gegenständen, die seinen Hosentaschen für gewöhnlich das Ansehen zweier knolliger Geschwülste gaben. Er machte eine Schlinge, fing den Kopf der Kreuzotter darin ein und schleifte den glatten Wurm hinter sich her, indem er von Zeit zu Zeit einen befriedigten Blick nach ihm zurücksendete und der etwas verängstigten Hella mit erhabenen Worten Trost einsprach. Diese trippelte neben ihm her in einem Gemisch von Bewunderung und Grauen und geteilt zwischen den unvereinbaren Bestrebungen, dem greulichen Tiere möglichst fern und dabei doch ihrem schützenden Begleiter möglichst nahe zu bleiben. Darum war sie ungemein froh, als sie endlich die Gesellschaft wieder erreicht hatten, woselbst man dem braven Drachentöter einerseits hohes Lob spendete und anderseits an der gruseligen Frage: wie es hätte kommen können, wenn . . .? ein herrliches und ausdauerndes Gesprächsthema fand. Diese Kreuzotter mußte aber die letzte ihres Stammes gewesen sein, denn seit jener Zeit hatte man in der ganzen Gegend nicht mehr von so verdrießlichem Gewürm gehört.

Unter solchen Gedanken war Hella langsam an dem Rande des Waldes entlang geritten und kam nun an eine Stelle, die stets eine ganz besondere Lockung auf sie ausgeübt hatte. Seit das Zerwürfnis zwischen den beiden Familien ausgebrochen war, bestand ein Verbot ihres Vaters, den Wald des feindlichen Gutes jemals zu betreten, und das war ihr an diesem anziehenden Fleck immer besonders grausam und hart erschienen. Die ragenden Stämme, die den größten Teil des Forstes bildeten, traten dort zurück und umgaben in weitem Bogen eine von niederem Buschholz, blumigen Grasflächen und einzelnen größeren Bäumen erfüllte Lichtung. Unter diesen tat sich eine mächtige alte Eiche hervor, die sich in der Mitte dieses Platzes gleichsam als der König des übrigen Pflanzenwuchses darstellte. In der Umgegend hieß diese Gegend »der Vogelsang«, und zwar mit Recht, denn solche Orte lieben unsere Singvögel, und in jedem Frühling war hier ein fast betäubendes Flöten und Musizieren. Auch schien es Hella immer, daß nirgendswo so herrliche Waldblumen zu finden seien als hier, und im Sommer, wenn ein betäubender Duft von Jelängerjelieber dort wehte, hatte sie als Kind oft sehnsüchtig hinübergeblickt nach den üppigen Himbeergebüschen und den mit blaubereiften Früchten bedeckten Rankenhügeln der Brombeeren.

Auch heute, wo der Gesang der Vögel bereits verstummt war und statt der leuchtenden Blumen nur eine verschiedenartige Färbung des Laubes und das glänzende Rot der Vogelbeeren oder das schimmernde Schwarzblau der Schlehen vorhanden war, übte dieser Ort den alten Zauber auf sie aus. In dem stillen Sonnenschein, der in der geschützten Bucht warm brütete, flogen behaglich die bunten Herbstschmetterlinge, ein Zug zwitschernder Meisen ging von Baum zu Baum, an die feinsten Zweige sich anhäkelnd, in der Ferne hob ein Reh lauschend den Kopf und schritt zögernd und scheinbar widerwillig dem Hochwalde zu; alle schienen gern zu verweilen an diesem freundlichen Ort.

Hella war heute unternehmungslustiger als sonst, sie warf den Kopf auf, als wollte sie sagen: »Ei, warum denn nicht?« Einen Augenblick später war sie vom Pferde, band den Pony am Waldrande an einen Ast und schickte sich an, den Wunsch ihrer Kindheit zu erfüllen, in das verbotene Paradies einzudringen. Als sie zwischen dem Buschwerk durch das hohe Gras dahinging und dazu unternehmungslustig die kleine Reitpeitsche schwenkte, schrak sie doch plötzlich zusammen über den häßlichen, schnarrenden Ruf eines Hähers, der wahrscheinlich in den Nußbüschen eine Nachlese gehalten hatte und nun entfloh. Aber gleich lächelte sie wieder: »Das ist man bloß der Holtschraag«, dachte sie mit denselben Worten, die damals Fritz gebraucht hatte. Ob er wohl noch jetzt immer »man bloß« sagte? Und wie er überhaupt wohl jetzt aussah? Als Kind hatte er ein hübsches, gesundes Aussehen gehabt, aber so viele Sommersprossen, daß sein Gesicht anzusehen war wie das gesprenkelte Ei eines Wasserhuhns.

Hella schritt weiter durch das windstille, sonnige Schweigen, nur das Laub raschelte zu ihren Füßen und die Gräser, die ihr Kleid streifte. Sie kam an die alte Eiche, die noch stolz und grün emporragte und eine Unzahl von ihren Früchten in das Gras gestreut hatte. Ein Eichhörnchen rannte in komischen Sprüngen davon und sprang in hastigen Sätzen an der rauhen Borke des mächtigen Stammes in die Höhe. »Katzeicher«, dachte Hella unwillkürlich und lächelte. Hinter der Eiche senkte sich der Grund zu einem kleinen Erlenbruch, und diesen kleinen Abhang hinab hatte sich ein ungeheurer Strauch von wilden Rosen gelagert. Aber die zarte Pracht seiner unzähligen, blaßroten Blüten war längst entschwunden und hatte einer Unmenge von nützlichen Hagebutten Platz gemacht, die gleich Korallen leuchteten. So gelangte Hella endlich an das Ende der Lichtung, wo die glatten Stämme schimmernder Buchen emporstanden. Es verlockte sie, zu dem kleinen See vorzudringen, um zu sehen, ob die Mooshütte wohl noch stände, und den Platz wieder zu betrachten, an dem so freundliche Kindheitserinnerungen hafteten. In diesen gewaltigen Buchenhallen war es noch stiller als in der Lichtung. Die einfallenden Sonnenlichter hoben die aus dem welken Laube aufgetauchten Fliegenpilze in leuchtendem Scharlach hervor, und hie und da standen ganze Gesellschaften anderer Pilze, braun oder golden oder auch weiß, glänzend wie Porzellan. In der Höhe löste sich zuweilen ein reifes, welkes Blatt; man wußte nicht warum, bei der allgemeinen Stille der Luft. Vielleicht, weil ein Sonnenstrahl es traf, oder eine Mücke vorübersummte. Dann flatterte es langsam herab, leuchtete noch einmal auf in einem Sonnenstreif, verblaßte wieder im Dämmer und legte sich lautlos zu den übrigen. Die Füße Hellas rauschten dahin über diese weiche Decke, die von vielen Herbsten dort aufgespeichert war, zuweilen schrie ein Specht, zuweilen tönte das feine »Sit, sit« eines Baumläufers, zuweilen schlüpfte eine rotbraune Waldmaus mit leisem Rascheln in das schützende Loch, dazwischen war immer wieder das träumerische Schweigen eines schönen, windstillen Herbsttages. Düstere Fichten lösten dann das auf schimmernden Säulen emporragende Hallendach des Buchenwaldes ab. Dahinter tönte plötzlich ein anhaltendes Rufen von wilden Enten; dort mußte sich der See befinden. Der grasbewachsene Weg, auf dem Hella jetzt leise dahinschritt, machte eine Biegung, und nun lag in Glanz und Schimmer plötzlich das freundliche Gewässer vor ihr. Sie trat näher zum Ufer, da standen mit lautem Klatschen hinter einer kleinen Rohrbreite eine Anzahl von Enten auf, um zu einer entfernten Stelle des Sees zu flüchten; sie hörte genau das taktmäßige Pfeifen ihrer schweren, aber schnellen Flügelschläge. Zwei scheue Reiher schwankten in der Ferne auf mächtigen, grauen Schwingen um eine bewaldete Landzunge, und ein Kragentaucher war plötzlich von der Wasserfläche verschwunden, um nach einer langen Weile an einer weit entlegenen Stelle wie durch Zauber wieder da zu sein. Die Wellenringe des aufgestörten Wassers schwangen sich in die Weite, allmählich verschwimmend, und bald wieder war der See so glatt wie Glas und schien einzig darauf bedacht, seine buchtigen, in allen Farben des Herbstes schimmernden Waldufer so genau wie möglich abzuspiegeln.

Die Mooshütte war noch da, aber vernachlässigt und verfallen, doch von den Rasenbänken sah man nur verschwommene Überreste, überwuchert von hohem Gras und jungem Buschwerk. Es schien, als sei dieser Platz seit Hellas Kinderzeit niemals wieder benutzt worden und in Vergessenheit geraten. Das junge Mädchen ging an den hohen Ufervorsprung, zögerte ein wenig und sah sich um, rief dann aber mutig ihren Namen über den See hinaus: »Hella!« – Sie erschrak doch ein wenig, als ihre Stimme die Einsamkeit durchbrach und von den Waldbuchten her einige Male klar und deutlich der Ruf zurückkam. Dann lächelte sie aber gleich wieder: »Es ist man bloß das Echo.« – Sie dachte jetzt an die Rückkehr und schlug eine andere Richtung ein, um auf einem neuen Wege den »Vogelsang« wieder zu gewinnen. Als sie deshalb zu einem Wiesenstreifen am Ufer des Sees hinabstieg und dort entlang ging, ward sie durch ein plötzliches Rascheln erschreckt, und zugleich erblickte sie eine große Ringelnatter, die sich an ihr vorbei eilig durch das Gras wand und dem mit Weiden vermischten Uferschilfe zustrebte. Nun ward es ihr höchst unbehaglich in dieser Gegend, denn obwohl hier jetzt keine giftigen Schlangen mehr vorkommen sollten, wie sie das den alten Forstmeister und Freund ihres Vaters vielfach hatte versichern hören, so waren ihr doch diese unheimlichen Tiere auch ohne Giftzahn immer sehr verdächtig und unangenehm. Sie erinnerte sich zwar auch an Fritzens Ausspruch von den Snaken, die am Seeufer vorkämen und unschädlich seien, allein besser erschien es ihr doch, diese Gesellschaft zu meiden. Da nun gerade eine Art von Fußsteig auf die Höhe des Uferabhanges zu führen schien, so eilte sie dort hinauf und streifte hastig durch Hasel- und Dorngesträuch dahin. Aber mit dem Wege war es nur Schein gewesen, bald mußte sie sich mühsam durch die Büsche winden, dornige Zweige griffen nach ihrem Kleide und hielten sie auf, und dann, als sie endlich von einem alten Baumstumpf aus mit einem kleinen Sprunge das Freie gewinnen wollte, gab das morsche Holz nach, sie glitt aus, erreichte zwar noch eben das gewünschte Ziel, blieb jedoch mit der Schleppe ihres Reitkleides oben an den Dornen hängen, so daß sie dicht an den Busch gedrängt vollständig gefesselt dastand. Ohne sich den Anzug vollständig zu zerreißen, wußte sie sich nun kaum zu helfen, denn die Wendung, die sie machen mußte, um ihre Fesseln zu lösen, spannte das Kleid nur immer noch fester an.

Hella stand eine Weile und überlegte, während ihr Herz klopfte, daß sie es zu hören meinte. Dazu kam der unangenehme und aufregende Gedanke an die Schlangen, von denen sie annahm, daß sie in solchen alten, vermorschten Baumstümpfen, wie der in ihrer unmittelbaren Nähe, mit ganz besonderer Vorliebe nisteten. Sie stand eine Weile und überlegte. Es gab ein Mittel, loszukommen, und zwar eines, das wenig Schwierigkeit machte. Wenn sie herausschlüpfte aus ihrem Reitkleide wie eine Nuß aus der Hülse, dann gewann sie Freiheit der Bewegung und konnte die zurückgelassene Kleidung mit Leichtigkeit aus den Dornen lösen. Wenn aber in diesem Augenblicke jemand darüber zukäme, ein Jäger oder ein Holzsammler oder gar ein Mitglied der feindlichen Familie! Sie schauderte bei diesem Gedanken. Aber was sollte sie machen? Entweder sich mit kräftigem Ruck losreißen und ihr halbes Kleid in den Dornen lassen, oder jenen einfachen Weg ergreifen; anderes gab es nicht. Sie durchspähte den Wald nach allen Richtungen, wandte sich dann und ließ ihre Blicke am Seeufer entlanggleiten: alles war einsam und durchwebt vom stillen Sonnenschein. Sie preßte die Lippen in raschem Entschluß aufeinander, ihr Herz begann schneller zu pochen, und mit scheuer Hand fing sie an, die Knöpfe des Reitkleides zu lösen. Aber nicht weit war sie damit gelangt, als mit klatschendem Flügelschlag die Enten an einer anderen Stelle des Sees aufstanden, und sie, über dies Geräusch erschreckt, zusammenfuhr und innehielt. Sie blickte sich ängstlich um. Da am Ufer des Sees in der Ferne über dem Buschwerk war ein Kopf aufgetaucht, ein männlicher Kopf mit einem verblichenen Jägerhut bedeckt, und gleich darauf trat dort eine jugendliche Gestalt hervor, die, mit einem verschossenen Jägeranzug bekleidet, langsam das Ufer entlang schlenderte.

Hella ward in schneller Reihenfolge dunkelrot und leichenblaß, hastete mit verwirrten Fingern, die Knöpfe wieder zu schließen, und spähte dann, von leichtem Laubwerk und dem Schatten des Waldes verborgen, auf den nahen Wanderer hin. Es war ein Jäger, das sagte ihr die Kleidung, und wahrscheinlich oder sicher ein Angestellter des feindlichen Gutes, der den Forst besichtigte. Waffen und Tasche trug er nicht, nur einen einfachen Stock, mit dem er zuweilen einige kunstvolle Lufthiebe ausführte oder eine verspätete Distel köpfte. Der Jäger mußte auf seinem Wege nahe an dem Fuße des Abhanges vorüberkommen, und nun galt es zu entscheiden, was zu tun war. Sollte sie sich verborgen halten, bis er vorüber war, oder ihn anrufen, daß er ihr zu Hilfe käme? Um darüber klar zu werden, mußte sie erst sein Gesicht genauer sehen, ob es Vertrauen erweckte. Zwar wurde dann ihr komisches Abenteuer der feindlichen Familie bekannt, und es gab für diese etwas zu lachen, allein was machte das, wenn man es nicht hörte? Der junge Mann kam näher, und Hella mußte sich sagen, daß er sehr vertrauenerweckend aussähe. Er hatte ein angenehmes und gutes Gesicht und blickte frei und treuherzig aus seinen dunklen Augen; dieser Jäger glich nicht dem bösen Kaspar aus dem Freischütz, sondern dem guten Max. Nur daß er nicht ganz so wabbelig erschien wie dieser. Sie hatte das Gefühl, hier dürfe sie etwas wagen, und als der junge Mann ganz nahe war, wappnete sie sich mit dem ganzen Stolze ihres Mädchentums und mit der Würde und Hoheit, die der Tochter eines Gutsbesitzers zukommen, und rief:

»Sie, Jäger! Kommen Sie hier mal schnell herauf und helfen Sie mir.«

Es ist mit Sicherheit festgestellt, daß der junge Mann ziemlich verblüfft ausgesehen hat, als er aus dem schweigenden Walde heraus und mitten in der vermeintlichen Einsamkeit also angeredet wurde, allein er verlor keine Zeit, sondern folgte auf der Stelle diesem Rufe. Man muß ihm ferner das Zeugnis geben, daß er nicht lachte, als er sah, welch ein lieblicher Vogel sich dort gefangen hatte, sondern eine würdevolle Teilnahme bewies, wie es sich ziemt, wenn ein Mitmensch also in Not geraten ist. Mit kritischem Scharfblick übersah er sofort die Lage, zog ein schönes festes und scharfes Taschenmesser hervor, klappte es auf und sagte: »Es ist man bloß . . . es ist nur dieser eine Dornbusch hier – das wollen wir gleich haben.«

Damit setzte er das Messer an und schnitt mit einem kräftigen Zuge den Stamm des Weißdornes durch, so daß Hella auf der Stelle befreit war. Mit den ersten Worten, die der Jäger sprach, war mit der Geschwindigkeit eines Blitzzuges eine Reihe von Gedanken durch Hellas Köpfchen gefahren, und als sie nun ein wenig rosig angeblümt mit gesenkten Augenlidern dastand und die Schleppe ihres Kleides von den eingedrungenen spitzen Haken des Dornbusches befreite, da ward es ihr zur Gewißheit, was sie dachte. Er hatte »man bloß« gesagt. Er hatte bei seinen Dienstleistungen den linken Arm, der mit dem Daumen in den zugeknöpften Rock eingehakt war, gar nicht benutzt, sondern das Messer sehr geschickt ausschließlich mit der Rechten geöffnet. Und wie gut und hübsch und heldenhaft er aussah, trotz der Sommersprossen, die sich über seinen Nasenrücken zogen! Sie hatte nun den Dornbusch aus den Falten des Kleides gelöst und warf ihn achtlos beiseite, denn sie wußte ja noch nicht, daß ihr Geschick an diesem grünen Zweige hing. Dann hob sie das Haupt und sah freimütig den Jäger an: »Sie sind Herr Fritz Dieterling!« sagte sie.

»Und Sie Fräulein Helene Maifeld«, war seine Antwort.

»Ich danke Ihnen«, fuhr sie fort und hielt ihm die Hand hin. Der junge Mann drückte diese sanft und sagte: »O, es hat mir viel Vergnügen gemacht.« – Hella lächelte unwillkürlich und flüchtig. »Wie lange haben wir uns nicht gesehen!« sagte sie dann. – »An diesem See war es zuletzt«, erwiderte Fritz, »ich dachte eben daran, als ich dort unten entlang ging.« – »Wie seltsam«, sagte Hella, »das liegt wohl in der Luft, mir ging es vorher geradeso.« Dann seufzte sie ganz leicht, denn es ging ihr durch den Sinn, wie sich die Zeiten so böse verändert hatten. »Damals waren schöne Tage!« sagte sie. – »Die gibt es heute auch noch«, sprach Fritz rasch, und Hella schlug die Augen nieder vor seinem Blick. Dann wandte sie wie suchend und ungewiß den Kopf nach der Richtung, in der sie gekommen war. »Rustan wartet«, sagte sie dann, und wandte sich zum Gehen. – »Wie, Rustan lebt auch noch?« fragte Fritz rasch, »der muß doch schon uralt sein.«

»Es ist sein Nachfolger«, sagte Hella, »er ist am Vogelsang angebunden und wartet auf mich.«

Damit machte sie eine vornehme kleine Verbeugung und wollte davon, aber Fritz war alsbald an ihrer Seite. »Sie könnten sich verirren«, sagte er, »oder noch einmal . . .« hier schwenkte er seinen Stock über die Dornbüsche hin . . . »wenn es auch nur der Seebusch ist, es ist biesteriges Holz.« – Sie schritten eine Weile schweigend nebeneinander hin durch den herbstlichen Wald, ein frühlingsfrisches, junges und blühendes Paar. Sie schienen füreinander bestimmt zu sein, und doch hatte menschliche Torheit eine starre Mauer von Haß und Vorurteil zwischen ihnen errichtet. Aber holde Wünsche und zartes Sehnen sind leichte Schmetterlinge, die solche Mauer gar leicht überfliegen.

Dann sprachen sie allerlei von der Zeit ihrer Kindheit, harmlose Dinge von Pflaumen- und Apfelbäumen, Lieblingstieren und allerlei gemeinsamen kleineren Erlebnissen. Es war, als flüchteten sie sich aus der so häßlich veränderten Gegenwart in jene freundlichen Tage. Dabei gelangten sie an eine Lichtung, die eine kleine Fichtenschonung enthielt im Alter von etwa zehn Jahren. »Hier war es mit der Kreuzotter«, sagte Fritz plötzlich.

Hella nahm fast ängstlich ihre Kleider zusammen, so daß Fritz lächelnd bemerkte: »So'n Viehzeug gibt's hier ja gar nicht mehr, ich glaube, das war damals die letzte ihres Stammes.« Aber Hella ging doch ein wenig schneller, und während ihre Blicke über die dunkelgrünen Fichten schweiften, sagte sie: »Alles hat sich verändert seit jener Zeit, das eine ist verfallen, das andere verwachsen.«

»Aber wir sind doch die alten geblieben«, sprach Fritz schnell. Ein ganz zartes Rot stieg in ihre Wangen, sie sah gerade vor sich hin, nickte fast unmerklich, und indem sie ebenmäßig weiterschritt, sagte sie leise: »Ich glaube wohl.«

Fritz hielt ihr in plötzlicher Aufwallung die Hand hin, sie ergriff dieselbe ohne Zögern, und nun sahen sich beide eine Weile treuherzig in die Augen. »Alles soll wieder gut werden!« rief er dann. »Ja, ja!« war ihre Antwort. Sie wußten beide, was sie meinten, obwohl keiner es aussprach.

Dann erreichten sie den Vogelsang, viel zu früh, wie beide heimlich dachten. Sie standen eine Weile unter der alten Eiche und sahen schweigend in den glänzenden Herbsttag hinaus, auf die schimmernden Sommerfäden in der Luft, auf die beackerten Felder, wo hie und da eine Glasscherbe diamantartig blitzte, und auf das ferne Braunsberg, das auf bewaldetem Hügel gelegen, mit roten Dächern aus dem Baumwipfeln hervorschien. Nun wieherte Rustan, der seine Herrin erblickte und schon eine Weile vor Ungeduld emsig den Waldboden gescharrt und gestampft hatte; zugleich schwamm der dünne Klang der Mittagsglocke durch die hellhörige Luft; es war zwölf Uhr. – »In einer halben Stunde muß ich zu Hause sein«, sagte Hella, und beide begaben sich zu dem ungeduldigen Pony. Fritz führte ihn in den Weg, dann setzte Hella den schlanken Fuß in seine Hand, er half ihr in den Sattel und gab ihr die Zügel. Sie zögerte noch eine Weile und blickte auf den Kopf des Pferdes, das mit dem einen Vorderhufe den Boden zierlich scharrte und mit dem Schweife die Schenkel peitschte. Dann reichte sie Fritz zum Abschiede die Hand. »Heißt es, auf Wiedersehen?« fragte dieser.

Sie antwortete nicht, sie sah ihn nicht an, sondern beugte sich vornüber, daß ihr Kopf fast die Mähne des Pferdes berührte, und in demselben Augenblicke schoß der muntere Pony mit ihr davon. Fritz blickte ihr nach, wie sie auf dem Wege am Rande des Waldes in eiligem Trabe dahinritt, und wie sie dann in den breiten Landweg einbog, der gerade auf Braunsberg zuführte. Dieser war von alten Haselhecken eingefaßt, und durch eine Lücke ward noch zuweilen die schlanke Reiterin sichtbar, oder wo die Büsche niedriger waren, schwebte ihr Köpfchen mit wehendem Schleier darüberhin. Dann schob sich ein Hügelhang vor den Weg, und nun war nichts weiter sichtbar als die sonnige Einsamkeit des klaren Herbstmittages. Die Sommerfäden zogen fast unmerklich dahin, auf dem Acker blitzten und funkelten die Scherben, weiterhin über dem satten Grün des Wiesengrundes revierte ein Bussard, zuweilen mit rüttelndem Flügelschlage an einer Stelle verweilend, aus dem Schornsteine des Herrenhauses von Braunsberg stieg kerzengerade eine schmale Rauchsäule in die ruhige Luft und von den fernen dämmernden Höhen der Eibberge schimmerte in zartem Umriß die Kirche von Borna herüber.

Fritz kehrte langsam auf demselben Wege, den beide vorhin gegangen waren, durch den Wald zurück. Als er an der Stelle angekommen war, wo er Hella aus ihren Fesseln befreit hatte, nahm er den abgeschnittenen Dornbusch auf und betrachtete ihn liebevoll und sorgfältig. Als er einige Zeit später durch den Garten von Wildingshagen auf sein Vaterhaus zuschritt, trug er ihn noch in der Hand.

Daß am nächsten Vormittage Fräulein Hella Maifeld auf ihrem gewohnten Spazierritte wieder an dem Vogelsang vorüberkam, wo Herr Fritz Dieterling bereits seit einer Stunde nachdenklich zuweilen in die Ferne spähend umherwandelte, ist einer jener merkwürdigen Zufälle, durch die die Geschicke der Einzelwesen sowohl als der Völker so oft in bestimmte Bahnen gelenkt werden. Wer nun aber wissen will, was an diesem und den folgenden Tagen jenes schönen Herbstes unter der alten, mächtigen Eiche auf dem Vogelsang geschehen ist, der muß hingehen und einen alten Waldkauz befragen, der schon seit vielen Jahren in einem schönen, geräumigen Astloch dieses Baumes seinen Wohnsitz hat. Denn dieser weise Vogel hat alles mit angesehen und angehört von dem Augenblicke an, wo er sich verwundert über den Klang menschlicher Stimmen in seiner Nähe ein wenig vorbeugte und mit seinen runden Eulenaugen auf das junge, schöne Menschenpaar niederblickte, bis zu jener Stunde, da an einem grauen Nebeltage zwei Wochen später dasselbe Paar unter Küssen und Tränen voneinander Abschied nahm. Von den bei dergleichen üblichen und so beliebten Schwüren ewiger Treue hat der kluge Vogel aber nichts vernommen, denn solches hielten die beiden jungen Leute für selbstverständlich und keiner Beteuerung bedürftig. Fritz Dieterling ging wieder auf die landwirtschaftliche Hochschule, die er bereits vor dem Kriege besucht hatte, und erst zu Weihnachten war ein Wiedersehen zu erwarten. Jedenfalls würden sie auch dann eine Gelegenheit finden, sich zu sehen, und zur Sicherheit ward der Morgen des ersten Weihnachtstages für eine Zusammenkunft auf dem Vogelsang festgesetzt.

 Kapitel 2 >> 






TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.