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August Strindberg: Am Meer - Kapitel 1
Quellenangabe
typefiction
authorAugust Strindberg
titleAm Meer
publisherInsel-Verlag
translatorMathilde Mann
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
created20080303
projectid39c360a5
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Erstes Kapitel

Draußen auf dem Gåsstensfjord lag an einem Maiabend eins von den Segelbooten des Zollwesens und kreuzte. Die entferntest gelegenen Schären begannen zu blauen, und an dem klaren Himmel bildeten sich jetzt, wo die Sonne sank, allmählich Wolken; an den Landzungen spürte man bereits ein unruhiges Plätschern, und ein unangenehmes Rucken am Rahsegel verkündete, daß der Landwind bald auf neue Luftströmungen von oben, von außen und von hinten stoßen werde.

Am Ruder saß der Zollkontrolleur von Österskär, ein Hüne mit langem, schwarzem Vollbart, und schien hin und wieder einen Blick mit den beiden Zollbeamten auszutauschen, die im Vorsteven saßen und von denen der eine die Klostange bediente, die das große Rahsegel im Winde hielt.

Von Zeit zu Zeit warf der Mann am Ruder einen forschenden Blick auf den kleinen Herrn, der, scheinbar ängstlich und fröstelnd, am Mast saß und hin und wieder das Plaid strammer um Magen und Unterleib zog. Der Kontrolleur mußte etwas Komisches in seinem Aussehen gefunden haben, denn er wandte sich oft zur Seite, gleichsam als wolle er zugleich mit dem Priemsaft ein aufdringliches Lachen ausspucken.

Der kleine Herr trug einen biberfarbenen Sommerüberzieher, aus dem ein Paar weite Beinkleider aus moosfarbenem Trikot hervorguckten und sich unten über ein Paar Krokodillederstiefel mit schwarzen Knöpfen und Schäften aus braunem Tuch ausbreiteten. Von der untern Bekleidung sah man fast nichts; aber um den Hals hatte er ein cremefarbenes Seidentuch geschlungen, und seine Hände schützten ein Paar lachsfarbene, dreiknöpfige Glacéhandschuhe, von denen der rechte am Handgelenk von einem dicken, ziselierten Goldreif in Form einer Schlange, die sich in den Schwanz beißt, umschlossen wurde. An den Fingern der Handschuhe sah man Erhöhungen wie von Ringen. Das Gesicht – soviel man davon sehen konnte – war mager und leichenblaß, und ein kleiner, dünner Schnurrbart mit in die Höhe gewichsten Spitzen verlieh ihm einen etwas exotischen Ausdruck. Der Hut war zurückgeschoben und ließ das schwarze, geradegeschnittene Stirnhaar wie ein Stück von einem Käppchen blicken.

Was den Bootsführer am meisten zu fesseln schien, war das Armband, der Schnurrbart und das Stirnhaar.

Während der langen Fahrt von Dalarö hatte der Mann am Ruder, der ein großer Humorist war, mit dem Fischereiinspektor, den er einem Befehl zufolge nach der Station bei Österskär hinausfahren sollte, muntere Gespräche anzuknüpfen versucht; aber der junge Doktor hatte eine verletzende Unempfänglichkeit für die ziemlich anzüglichen Witze an den Tag gelegt, und infolgedessen war der Zöllner mit sich darüber ins reine gekommen, daß der »Instrukteur« hochnäsig sei.

Indessen frischte der Wind auf, nachdem man Hansten zu luvard passiert hatte, und das Großsegel fing an, auf unheimliche Weise zu klatschen. Der Inspektor, der eine von den Seekarten der Marine in der Hand gehalten und Notizen nach den Fragen gemacht hatte, die er von Zeit zu Zeit hinwarf, stopfte die Karte in die Tasche und wandte sich mit einer Stimme, die mehr der einer Frau als der eines Mannes glich, an den Mann am Ruder.

»Wollen Sie, bitte, ein wenig vorsichtiger steuern!«

»Ist der Herr Instrukteur bange?« entgegnete der Kontrolleur foppend.

»Ja, ich bin bange, mein Leben zu verlieren; ich wünsche es zu bewahren.«

»Sie sind nicht bange für das Leben anderer?« fuhr der Kontrolleur fort.

»Wenigstens nicht so sehr wie für mein eigenes«, entgegnete der Inspektor. »Und Segeln ist eine gefährliche Beschäftigung, namentlich mit Rahsegel.«

»So–o? Haben Sie denn schon früher häufig mit Rahsegel gesegelt?«

»Nie im Leben! Aber ich kann ja sehen, wie die Kraft des Windes wirkt, kann berechnen, welchen Widerstand das Gewicht des Bootes leisten kann, und weiß sehr wohl zu beurteilen, wann das Segel back steht.«

»Nun, dann nehmen Sie selbst das Ruder!« höhnte der Zollkontrolleur.

»Nein! Das ist Ihr Amt; ich fahre nicht auf dem Kutscherbock, wenn ich von Amts wegen aus bin.«

»Der Herr versteht sich wohl nicht aufs Segeln, das ist wohl die Sache!«

»Verstehe ich es nicht, so wird es wohl sehr leicht zu lernen sein, da ja jeder zweite Schuljunge und jeder Zollbeamte es kann – folglich ist es keine Schande für mich, es nicht zu können! Steuern Sie jetzt nur vorsichtig, denn ich wünsche nicht naß zu werden und möchte ungern meine Handschuhe verderben.«

Das war bündiger Bescheid, und der Zollkontrolleur, der der große Mann auf Österskär war, fühlte sich ein wenig herabgesetzt. Nach einer Bewegung mit dem Ruder füllte sich das Segel wieder, das Boot schoß schnell dahin und hielt auf die Schäre zu, deren weißes Zollgebäude in der Beleuchtung des Sonnenunterganges grell erstrahlte.

Die inneren Schären verschwanden am Horizont, und man fühlte, daß man jedem Schutz entsagte, jetzt wo man auf das große Wasser hinaus sollte, das sich unbegrenzt ausbreitete, mit einer drohenden Finsternis nach Osten zu. Hier war keine Aussicht, hinter einem Werder oder einer Schäre in Lee kriechen zu können, keine Möglichkeit, zu ankern oder zu reffen, falls Sturm kam; mitten hinein in die Gefahr mußte man und über den dunklen Schlund hinaus nach der kleinen Schäre, die nicht größer aussah als eine Boje, die ins Meer geworfen war. Der Inspektor, der, wie angedeutet, besorgt um sein Leben war und intelligent genug, um seine unbedeutende Widerstandsfähigkeit der unermeßlichen Gewalt einer übermächtigen Natur gegenüber berechnen zu können, fühlte sich höchst ungemütlich. Er machte sich mit seinen sechsunddreißig Jahren keine Illusionen in bezug auf die Einsicht und den Mut des Steuermanns, und er betrachtete sein braunes Gesicht und seinen schwarzen Vollbart keineswegs als etwas Vertraueneinflößendes; er glaubte nicht, daß ein muskelstarker Arm einen Wind beherrschen könne, der mit einem Ruck von vielen tausend Pfund gegen eine schwankende Segelfläche wehte, und er durchschaute den Mut, der nur auf mangelhaftes Wissen aufgebaut war. Welche Dummheit, dachte er, sein Leben der Gefahr in einem offenen kleinen Boot auszusetzen, wenn es gedeckte Fahrzeuge und Dampfer gibt! Welch eine unglaubliche Einfalt, ein so großes Segel an einem Tannenmast zu hissen, der sich wie ein Flitzbogen biegt, wenn der Wind gehörig anfaßt! Die Leewanten hingen ganz schlapp, das Vorstag ebenfalls, und der ganze Druck des Windes lag auf den Luvwanten, die obendrein so aussahen, als seien sie morsch. Sich einem so unsichern Zufall wie der größeren oder geringeren Zusammenhangskraft einiger Hanftaue zu überlassen, wollte er nicht. Bei dem nächsten Windstoß wandte er sich deswegen an den Zollbeamten, der am Fall saß, und befahl mit einer mündigen, durchdringenden Stimme: »Nehmen Sie das Segel herunter!«

Der Zollbeamte guckte nach achtern hinüber, um die Billigung des Steuermanns einzuholen, aber der Befehl des Inspektors wurde augenblicklich und mit einem solchen Nachdruck wiederholt, daß das Segel fiel.

Jetzt begann der Zollkontrolleur im Achtersteven zu rufen:

»Wer zum Teufel hat das Kommando beim Manöver in meinem Boot?«

»Ich«, antwortete der Inspektor.

Und darauf wandte er sich an den Mann am Vorsteven mit einem neuen Befehl:

»Nehmen Sie Riemen bei.«

Die Riemen wurden ausgebracht, und das Boot wurde ein paarmal ohne Steuerung von der einen Seite auf die andere geworfen, denn der Zollkontrolleur hatte voller Wut das Ruder verlassen, indem er äußerte:

»Ja, dann mag er selbst am Ruder sitzen!«

Der Inspektor hatte sofort den Platz achtern eingenommen, und die Ruderpinne lag unter seinem Arm, ehe der Kontrolleur zu Ende geflucht hatte.

Die Glacéhandschuhe platzten sofort, aber das Boot machte gleichmäßige Fahrt, während der Kontrolleur dasaß und in den Bart grinste, bereit, einen Riemen auszubringen, um das Boot auf Kurs zu halten. Aber der Inspektor schenkte dem zweifelnden Seebären nicht die geringste Aufmerksamkeit; er starrte nur scharf nach der Windseite hinaus und konnte bald Unterschied zwischen der Dünung mit ihrem viele Faden langen Wellental und den Windwogen mit ihrer kurzen Brechung erkennen. Und nachdem er sich mit einem Blick achteraus das Abtreiben und die Stromversetzung gemerkt hatte, wurde es ihm bald klar, welchen Kurs er halten mußte, um nicht an Österskär vorbeigetrieben zu werden.

Der Zollkontrolleur, der lange bemüht gewesen war, die schwarzen, brennenden Augen des Inspektors auf sich zu heften, damit sie seinen Spott bemerken sollten, ward dessen bald überdrüssig, denn es war gleichsam, als wollten diese Augen nicht das geringste von ihm annehmen, als wollten sie sich rein halten von der Berührung mit etwas, das stören oder beschmutzen könne, und nach einer Weile wurde der Zollkontrolleur niedergeschlagen und zerstreut und begann das Manövrieren mit Interesse zu verfolgen.

Die Sonne war jetzt in den Horizont hinabgesunken, und die Wellen brachen sich rötlichschwarz mit dunkelgrünen Rändern. Wenn sich die Wogenkämme am höchsten aufbäumten, breitete sich ein grasgrüner Schimmer über sie aus, und der Schaum sprudelte sonnenbeleuchtet rot, champagnerfarben; bald lag das Boot unten in der Dämmerung, bald oben auf dem Wellenrücken, wo die vier Gesichter sich einen Augenblick erhellten, um sich gleich darauf wieder zu verdunkeln.

Aber nicht alle Seen brachen sich an dem Boot, einige schaukelten daher und wiegten sachte das Fahrzeug, hoben es empor und sogen es vorwärts. Es war gleichsam, als könne der kleine Steuermann aus der Entfernung beurteilen, wenn eine Sturzsee kommen würde; mit einer leichten Bewegung der Ruderpinne nahm er sie dann entgegen, fiel ab oder schlüpfte zwischen die fürchterlichen grünen Wellen, die drohend heransprangen und das Boot begraben wollten.

Die Sache war die, daß die Gefahr durch das Herabnehmen des Segels in Wirklichkeit vergrößert war, denn die treibende Kraft war dadurch vermindert, und die Hebekraft des Segels mußte man jetzt entbehren; deswegen begann nun auch das Staunen des Zollkontrolleurs über das tüchtige Manövrieren in Bewunderung überzugehen.

Er sah an dem wechselnden Ausdruck des bleichen Gesichts und den Bewegungen der schwarzen Augen, daß dahinter Berechnungen von mehr als gewöhnlicher Art vor sich gingen, und nachdem er, um nicht für überflüssig gehalten zu werden, einen Riemen ausgebracht hatte, hielt er die Zeit für gekommen, wo er seiner Anerkennung freiwillig Ausdruck geben mußte, ehe sie ihm abgerungen wurde.

»Sie sind schon vor heut abend auf See gewesen?«

Der Inspektor, der teils stark in Anspruch genommen war, teils jeden Berührungspunkt vermeiden wollte, um nicht in einem Augenblick der Schwäche von dem scheinbar Überlegenen in dem Äußeren des Hünen genarrt zu werden, antwortete nicht.

Sein rechter Handschuh war zerrissen und das Armband herabgeglitten.

Als nun das Glühfeuer oben auf den Wellenkämmen erloschen und die Dämmerung eingetreten war, nahm er mit der linken Hand ein Monokel aus der Westentasche und setzte es in das linke Auge, drehte den Kopf nach verschiedenen Seiten, als nehme er Landpeilung, wo kein Land sichtbar war; dann warf er den vor ihm Sitzenden die Worte zu:

»Ihr habt kein Feuer auf Österskär?«

»Nein, leider nicht!« antwortete der Kontrolleur.

»Habt ihr denn seichte Stellen vor der Schäre?«

»Reines Wasser!«

»Aber man kann eine Kreuzpeilung von dem Landsorter und Sandhamner Feuer nehmen?«

»Das Landsorter Feuer ist nur schlecht zu peilen, das Sandhamner besser«, antwortete der Kontrolleur.

»So, nun sitzet still auf euren Plätzen, dann wird es schon gehen«, schloß der Inspektor, der sein Besteck nach den Köpfen der drei Männer und einigen unbekannten Punkten in der Ferne aufgemacht zu haben schien.

Die Wolken hatten sich zusammengezogen, und die Maidämmerung war einem Halbdunkel gewichen. Man schaukelte gleichsam in einer dünnen, aber gleichzeitig undurchdringlich dunklen Masse dahin, und die Wellen hoben sich jetzt nur als dunklere Schatten von dem Halbschatten der Luft ab, steckten den Kopf unter das Boot, nahmen es auf den Rücken und tauchten, sich flach ausrollend, an der andern Seite wieder auf. Aber Freund von Feind zu unterscheiden, wurde schwieriger, und die Berechnungen wurden unsicherer. Zwei Riemen waren auf der Leeseite und einer auf der Luvseite beigenommen, und mittels Anwendung von größerer oder geringerer Kraft im richtigen Augenblick mußte das Boot auf gradem Kiel gehalten werden.

Der Inspektor, der bald nichts weiter mehr sah als die beiden Feuer im Norden und Süden, mußte das Gesicht nun durch das Gehör ersetzen. Ehe er sich aber daran gewöhnen konnte, an dem Brüllen, dem Seufzen und Fauchen der Wellen den Unterschied zwischen einer Sturzsee und einer Windwelle zu erkennen, war das Wasser schon in das Boot gedrungen, so daß er seine feinen Stiefel retten mußte, indem er die Füße auf das Dollbord setzte.

Es währte jedoch nicht lange, bis er sich mit der Harmonielehre der Wellen bekannt gemacht hatte; er konnte sogar an dem Tempo des Wellenganges hören, wenn sich die Gefahr näherte, konnte an dem Trommelfell des rechten Ohres fühlen, wenn der Druck des Windes härter wurde und das Wasser noch gewaltsamer aufzurühren drohte; es war, als habe er nautische und meteorologische Instrumente aus seinen stark empfänglichen Sinnen improvisiert, zu denen die Leitungen aus seiner großen, von dem lächerlich kleinen Hut und dem schwarzen, hundefrisierten Stirnhaar verdeckten Gehirnbatterie offen standen.

Die Leute, die beim Eindringen des Wassers einige rebellische Worte gemurmelt hatten, schwiegen jetzt, als sie merkten, wie das Boot dahinschoß, und bei jedem Kommandoruf, Luv oder Lee, wußten sie, auf welcher Seite sie die größte Kraft einsetzen sollten.

Der Inspektor hatte seine Peilung nach den beiden Feuern genommen und benutzte das viereckige Glas des Monokels als Distanzmesser, aber die Schwierigkeit, den Kurs innezuhalten, lag darin, daß aus den Fenstern der Häuser auf der Schäre kein Licht sichtbar war, weil die Häuser im Schutz des Dünenzuges erbaut waren. Nachdem nun das Rudern eine Stunde fortgesetzt worden war, wurde allmählich eine dunkle Erhöhung am Horizont sichtbar. Der Steuermann, der nicht durch Einholen zweifelhafter Ratschläge Gefahr laufen wollte, einen störenden Einfluß auf seine eigenen Intuitionen ausüben zu lassen, auf die er sich mehr verließ, hielt in aller Stille auf das zu, was er für die Schäre oder doch wenigstens für einen der davor liegenden Werder hielt, sich damit tröstend, daß, wenn er einen festen Punkt erreichen konnte, das doch immer besser sein würde als dies Schweben zwischen Luft und Wasser. Aber die dunkle Wand kam mit einer Schnelligkeit näher, die scheinbar größer war als die Fahrt des Bootes, so daß in ihm der Verdacht rege wurde, daß es mit dem Kurs nicht ganz so beschaffen war, wie es sein sollte. Um Gewißheit zu erlangen, was los war, und um gleichzeitig ein Signal zu geben für den Fall, daß der dunkle Punkt ein Fahrzeug sein sollte, das versäumt hatte, seine Lichter zu setzen, zog er eine Schachtel mit Sturmstreichhölzern heraus, strich den ganzen Inhalt gegen die Streichfläche ab und hielt sie einen Augenblick in die Luft hinauf, worauf er sie so wegschleuderte, daß sie in einer Entfernung von einigen Faden vom Boote ab die Wasseroberfläche beleuchteten. Das Licht hatte nur eine Sekunde die Finsternis durchdrungen, aber das Gemälde, das wie bei einer Laterna magica zum Vorschein kam, haftete mehrere Sekunden vor den Augen des Inspektors. Er sah Treibeis in die Höhe geschoben an einer seichten Stelle, gegen die sich die Wellen brachen wie eine Grottenwölbung über einer Riesendruse aus Kalkspat; und er sah einen Schwarm Eisenten und Möwen auffliegen und in der Dunkelheit ertrinken, aus der man nur einen durchdringenden, vielstimmigen Schrei vernahm. Der Anblick der Sturzsee hatte auf den Inspektor gewirkt wie auf den zum Tode Verurteilten der Anblick des Sarges, in dem sein Körper liegen soll, und er fühlte in diesem Augenblick eine doppelte Todesgefahr: Kälte und Ersticken; aber die Angst, die seine Muskulatur lähmte, erweckte gleichzeitig alle verborgenen Kräfte des Seelenlebens, so daß er in dem Bruchteil einer Sekunde eine genaue Berechnung von der Größe der Gefahr ausführen, die einzigen Mittel zum Entkommen ausrechnen und darauf das Kommandowort »Stopp!« ausrufen konnte.

Die Männer, die mit dem Rücken der Brandung zugekehrt gesessen und sie nicht bemerkt hatten, ruhten auf den Riemen; das Boot wurde in die Sturzsee hereingesogen, die eine Höhe von ungefähr drei, vier Metern hatte, die Welle brach sich hoch über dem Fahrzeug wie eine grüne Kuppel aus Flaschenglas, ging auf der andern Seite mit ihrer ganzen Wassermasse nieder, und das Boot wurde gleichsam luvwärts ausgespien, halb mit Wasser gefüllt und die Insassen halb erstickt von dem fürchterlichen Luftdruck. Drei Schreie wie von alpdruckbelasteten Schläfern ertönten auf einmal, aber von dem vierten Mann vernahm man keinen Laut. Er machte nur eine Bewegung mit der Hand nach der Schäre hinüber, wo man jetzt in der Entfernung von einigen Kabellängen ein Licht schimmern sah, dann sank er um, nach dem Achtersteven zu, und blieb liegen.

Das Boot hörte jetzt auf zu schaukeln, denn man war in ruhiges Wasser gekommen; die Ruderer saßen noch wie Ertrunkene da und tauchten die Riemen mechanisch ins Wasser, aber man brauchte nicht mehr zu rudern, denn das Boot wurde vom Seewind sachte in den Hafen getrieben.

»Was habt ihr da im Boot, ihr guten Leute?« grüßte ein alter Fischer, nachdem er einen vom Wind aufgeschnappten guten Abend zu den Angekommenen hinausgesandt hatte.

»Soll einen Fischereiinspektor vorstellen«, flüsterte der Zollkontrolleur, nachdem er das Boot hinter einen Schuppen an Land gezogen hatte.

»Oho, das is so einer, der seine Nase in die Netze reinstecken soll! Er soll nach Verdienst behandelt werden«, meinte Fischer Öman, der eine Art Oberhaupt für die ärmliche, an Zahl nur geringe Bevölkerung der Insel zu sein schien.

Der Zollkontrolleur wartete darauf, daß der Inspektor sich anschicken würde, an Land zu gehen, als aber das kleine Häufchen, das im Achtersteven lag, sich nicht rührte, stieg er unruhig mit langen Schritten über die Bootbänke hinweg, faßte den zusammengesunkenen Körper mit beiden Armen und trug ihn an Land.

»Is es aus mit ihm?« fragte Öman in einem Ton, dem man es anmerkte, daß er nichts dagegen haben würde, wenn es der Fall wäre.

»Ja, viel Leben is nich in ihm«, antwortete der Kontrolleur und trug seine nasse Bürde nach dem Hause hinauf.

Es war etwas von dem Riesen und Däumling in dem Anblick, der sich darbot, als der große Zollkontrolleur in die Küche seines Bruders trat, wo die Schwägerin am Herd stand. Und als er den kleinen Körper auf die Bettbank legte, leuchtete ein Zug von Mitleid aus dem mächtigen Bart unter der niedrigen Stirn.

»Guck, Marie, da haben wir den Fischereiinspektor«, begrüßte er die Schwägerin und faßte sie um die Taille. »Hilf uns jetzt, ihm was Trocknes auf den Leib und was Warmes in den Leib reinzubringen, so daß er in seine Stube raufkommen kann!«

Der Inspektor machte eine jammervolle und lachenerregende Figur, als er da auf der harten, hölzernen Bank lag. Der in die Höhe stehende weiße Kragen wand sich wie ein schmutziger Lappen um den Hals; alle Finger der rechten Hand stachen aus dem zerrissenen Handschuh heraus, über den die aufgeweichte Manschette herabhing, von der aufgelösten Stärke festgekleistert; die kleinen Krokodillederstiefel hatten allen Glanz und jegliche Form verloren, und nur mit der größten Mühe gelang es dem Kontrolleur und seiner Schwägerin, sie ihm von den Füßen zu ziehen.

Als sie endlich den Verunglückten seiner meisten Kleider entledigt und Decken über ihn geworfen hatten, wurde ihm gekochte Milch und Branntwein gebracht. Dann rüttelten sie an den Armen des Kranken, und schließlich richtete der Kontrolleur den kleinen Körper gegen seine Schulter auf und goß vorsichtig die Milch in den unter ein Paar geschlossenen Augen geöffneten Mund. Als dann aber die Schwägerin mit dem Schnaps kam, schien der Geruch davon wie ein heftiges Gift auf den Inspektor zu wirken. Mit einer Handbewegung schlug er das Glas zurück, öffnete die Augen und fragte, völlig wach, als habe er soeben einen stärkenden Schlaf beendet, nach seinem Zimmer.

Das war natürlich nicht in Ordnung, sollte es aber im Laufe einer Stunde sein, wenn er jetzt nur still hier liegen und so lange warten wolle.

Und nun lag der Inspektor da und vertrieb eine unleidliche Stunde damit, die Augen über die Einrichtung und die Bewohner der langweiligen Stube gleiten zu lassen. Alles war so billig wie nur möglich gemacht, eigentlich nur eingerichtet, um ein Dach über dem Kopf zu haben. Die weißen, untapezierten Wände waren abstrakt wie der Begriff Staat, vier weiße Rechtecke, die einen Raum einschlossen, der von einem weißen Rechteck gedeckt wurde; unpersönlich hart wie ein Hotelzimmer, das nicht für beständigen Aufenthalt, nur für flüchtige Gäste eingerichtet ist. Für seine Nachfolger oder für den Staat zu tapezieren, dazu hatte weder der jetzige Zollbeamte noch seine Vorgänger Lust gehabt. Und mitten in dieser weißen Totheit standen dunkle Möbel von schlechter Fabrikarbeit und halbmodernem Schnitt: ein runder Eßtisch aus knorrigem Föhrenholz mit Walnußbeize gestrichen und voller weißer Ringe von den Tellern; Stühle von demselben Holz und Schnitt mit hohen Rückenlehnen und hin und wieder auf drei Beinen wackelnd; ein Sofa zum Ausziehen, wie fertiggekaufte Herrenkleider aus dem wenigst möglichen und billigsten Material hergestellt. Nichts war zweckmäßig, nichts schien seine Bestimmung: zur Ruhe und Bequemlichkeit einzuladen, erfüllen zu können, und war daher unschön trotz der aufgeleimten Papiermachéverzierungen.

Als der Kontrolleur seinen breiten Hintern auf den Palmriedsitz des Stuhles setzte und seine wuchtige Gestalt gegen die Rückenlehne legte, wurde dies Manöver von einem aufregenden Krachen des Möbels und einer fauchenden Aufforderung der Schwägerin, vorsichtig mit den Sachen anderer Leute umzugehen, begleitet, was der Kontrolleur mit einer zudringlichen Liebkosung und einen Blick beantwortete, der keinen Zweifel aufkommen ließ über die Art des Verhältnisses, das zwischen ihnen herrschte.

Die Beklommenheit, die das ganze Zimmer bei dem Inspektor hervorgerufen hatte, wurde noch vermehrt durch die Entdeckung dieser Disharmonie in der Familie. Als Naturforscher besaß er nicht die übliche Auffassung von erlaubt und unerlaubt, dahingegen einen stark ausgeprägten Instinkt in bezug auf das Zweckdienliche in gewissen Anordnungen des Naturgesetzes, und er litt, wenn er die Gebote der Natur übertreten sah. Der vorliegende Fall war für ihn, als habe er in seinem Laboratorium eine Säure gefunden, die seit Erschaffung der Welt sich nur mit einer Base zu verbinden pflegte, die aber jetzt ihrer Natur zuwider eine Verbindung mit zweien bildete. Es verwirrte seine Auffassung der Entwicklung von der gemeinsamen Befruchtung bis zur Monogamie, und er fühlte sich in die Urzeit zurückversetzt zwischen wilde Menschenhorden, die ein Massendasein lebten wie die Korallen, bis Wahl und Kreuzung individuell persönliche Existenz und Abstammung hervorgebracht hatte.

Und als er ein zweijähriges kleines Mädchen mit einem Kopf, der zu groß war, und mit fischähnlichen, vorstehenden Augen im Zimmer umherschleichen sah, als sei sie bange sich blicken zu lassen, merkte er sofort, daß die zweifelhafte Herkunft Zwietrachtsamen gezeitigt, auflösend, störend gewirkt hatte, und er konnte leicht ausrechnen, daß die Zeit kommen würde, wo der lebende Zeuge als gefährlicher Zeuge unverschuldet würde entgelten müssen.

Während ihn diese Gedanken beschäftigten, tat sich die Tür auf, und der Herr des Hauses trat ein.

Es war der Bruder des Zollkontrolleurs, der es noch nicht weiter als bis zu der untergeordneten Stellung eines Zollassistenten gebracht hatte. In körperlicher Hinsicht war er reichlich so gut ausgestattet wie der Kontrolleur und hatte dabei ein blondes, offnes, freundliches und vertrauenerweckendes Aussehen.

Nachdem er munter guten Abend gesagt hatte, ließ er sich an der Seite des Bruders nieder, hob das Kind auf seine Knie und küßte es.

»Wir haben Besuch bekommen«, meldete der Kontrolleur und zeigte auf das Sofa, wo der Inspektor lag. »Es ist der Fischereiinspektor, der hier oben wohnen soll.«

»So, ist der es?« erwiderte Vestman und erhob sich, um den Gast zu begrüßen.

Er näherte sich dem Sofa mit dem Kind auf dem Arm, und da er Wirt im Hause war – der Kontrolleur wohnte nämlich als Junggeselle nur bei ihm zur Miete – hielt er es für seine Pflicht, den Gast willkommen zu heißen.

»Ja, es ist einfach hier draußen bei uns,« fügte er nach einigen Willkommensworten hinzu, »aber meine Frau versteht sich gar nicht so übel darauf, Essen zu kochen, denn sie hat früher bei feinen Leuten gedient, ehe sie sich vor drei Jahren mit mir verheiratete, aber, nachdem wir die Kleine bekommen, hatte sie ja was anderes zu denken – ja, ja, Kinder kriegt man, wenn einem geholfen wird – nicht, daß ich der Hilfe bedürfte, wie man zu sagen pflegt!«

Der Inspektor wunderte sich über die sonderbare Wendung, die der lange Satz nahm, und fragte sich selbst, ob denn der Mann etwas wisse oder ob er vorläufig nur fühlte, daß nicht alles so war, wie es sein sollte. Wie war es doch möglich, daß der, den die Sache anging, im Laufe von ein paar Jahren nichts gemerkt hatte?

Er empfand Ekel vor dem Ganzen und kehrte sich der Wand zu, um zu schlafen und den Rest der Wartezeit damit zu vertreiben, indem er Bilder angenehmerer Art heraufbeschwor.

Aber es gelang ihm nicht, sich taub zu machen. Gegen seinen Willen hörte er eine Unterhaltung, die kurz zuvor lebhaft gewesen war, fortsetzen, als würden die Worte, ehe sie ausgesprochen wurden, mit einem Zollstock ausgemessen, und wenn ein Schweigen entstand, wurde es von dem Mann ausgefüllt, der gleichsam bange vor der Stille war, als fürchte er, etwas zu hören, was er nicht hören wollte, und der nur, indem er sich in seinem eigenen Wortstrom berauschte, seine Unruhe überwinden konnte.

Als schließlich die Zeit verstrichen war und noch nichts von dem Zimmer verlautete, erhob sich der Inspektor und fragte, ob es jetzt fertig sei.

Ja, meinte die Wirtin, es sei ja gewissermaßen wohl fertig, aber...

Der Inspektor verlangte nun in einem befehlenden Ton sofort nach seinem Zimmer geführt zu werden, indem er in gewählten Ausdrücken daran erinnerte, daß er bei niemandem zu Gaste sei, sondern im Auftrag der Regierung reise, und daß er nur fordere, worauf er Anspruch habe und was er haben solle in Übereinstimmung mit der durch das Ministerium des Innern der Dalaröer Zollkammer zugestellten Verordnung.

Dies waren klare Worte. Mit einem Licht in der Hand geleitete Vestman den gestrengen Herrn sofort nach oben in eine Mansardenstube, wo nichts in der Anordnung auf den Grund zu dem vorhin erwähnten einstündigen Aufschub hindeutete.

Es war ein ziemlich großer Raum mit ebenso weißen Wänden wie unten, und das große Fenster mitten in der längsten Wand nahm sich aus wie ein schwarzes Loch, durch das die Finsternis in das Zimmer hineinströmte, ohne durch Gardinen gehemmt zu werden.

Da stand ein aufgemachtes Bett, so einfach, daß es eher einer Erhöhung glich, die aufgestellt war, um den Zug durch den Fußboden zu verhindern, ferner standen da ein Tisch, zwei Stühle und ein Waschtisch. Der Inspektor warf einen Blick der Verzweiflung um sich, als er, der daran gewöhnt war, das Auge mit Eindrücken zu sättigen, nur diese wenigen Bedarfsgegenstände in den leeren Raum aufgepflanzt sah, wo das Talglicht einen harten Kampf mit der Dunkelheit kämpfte und wo das große Fenster jeden Lichtstrahl aufzusaugen schien, der von dem brennenden Kerzenstummel hervorgebracht wurde.

Der Inspektor fühlte sich so niedergeschlagen, als ob er nach dem Kampf eines halben Menschenalters, Verfeinerung, gesellschaftliche Stellung, Luxus zu erringen, wieder in Armut hinabgestürzt, in eine niedrigere Klasse versetzt sei, als sei sein Sinn für Schönheit und Intelligenz ins Gefängnis gesperrt, seiner Nahrung beraubt, in eine Strafanstalt gekommen! Diese kahlen Wände bildeten die Klosterzelle des Mittelalters, wo die Askese, wo die Leere die hungernde Phantasie aufpeitschten, an sich selbst zu zehren, lichtere oder dunklere Bilder hervorzurufen, nur um aus dem Nichts herauszugelangen. Das weiße, das formlose, das farblose Nichts in der Tünchung der Wand zwang einen Ausschmückungstrieb hervor, wie ihn die Höhle des Wilden oder die Laubhütte niemals heraufbeschworen, den der Wald mit seinen stets wechselnden Farben und beweglichen Konturen entbehrlich gemacht hat, einen Trieb, den weder die Ebene oder die Heide mit dem reichen Farbenspiel der Luft noch das unermüdliche Meer in Bewegung gesetzt haben.

Er empfand plötzlich eine brennende Lust, die Wände in einem Augenblick mit sonnigen Landschaften, mit Palmen und Papageien zu übermalen, einen persischen Teppich unter der Decke auszuspannen, Tierfelle über die wie ein Kassabuch liniierten Dielenbretter zu legen, Ecksofas, mit kleinen Tischen davor, in den Winkeln aufzustellen, eine Hängelampe über einem runden Tisch mit Zeitschriften und Büchern anzubringen, ein Klavier an der kurzen Wand aufzustellen, die lange mit Bücherregalen zu decken, eine kleine Frauengestalt – gleichviel welche – in die Sofaecke hineinzusetzen! So wie das Licht auf dem Tisch seinen Kampf gegen die Finsternis kämpfte, arbeitete seine Phantasie mit der Einrichtung des Zimmers, aber dann ermüdete sie plötzlich. Alles verschwand, und die ungemütliche Umgebung scheuchte ihn ins Bett; er löschte das Licht aus und zog die Decke über den Kopf.

Der Wind schüttelte den ganzen Mansardenausbau, die Wasserflasche klirrte gegen das Glas, der Luftzug ging durch das Zimmer vom Fenster bis zur Tür und rührte zuweilen an seinem Haar, das von dem Seewind struppig geworden war; dann war es, als streiche ihm jemand mit der Hand über den Kopf. Und zwischen den Windstößen schlugen die großen Sturzseen wie die Paukenschläge in einem Orchester dumpf gegen die ausgehöhlten Klippen auf der Südspitze der Schäre. Als er sich schließlich an die einförmigen Laute des Windes und der Wellen gewöhnt hatte, hörte er, kurz bevor er einschlief, eine Männerstimme in der Stube unter ihm einem Kinde ein Abendgebet vorsprechen.

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