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Am Malanger Fjord

Theodor Mügge: Am Malanger Fjord - Kapitel 1
Quellenangabe
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typenovelette
authorTheodor Mügge
booktitleAm Malanger Fjord
titleAm Malanger Fjord
publisherVerlag Das Neue Berlin
printrun1. Auflage
editorHans Joachim Kruse
year1986
firstpub1852
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
created20090218
projectidacbc3551
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Es mögen jetzt wohl fast zwanzig Jahre vorübergegangen sein, seit ein großes Boot von sechs Rudern, mit einer Halbkajüte versehen, an der Küste des norwegischen Hochlandes hinfuhr, das jenseits des großen Westfjords und des Polarkreises, bis nach Tromsöe hinauf ein wildes Labyrinth von Felsen, Inseln, Inselbrocken und zahllosen Sunden und Meeresarmen darstellt, welche tief in den Schoß der Gebirge und Klüfte dringen. Damals konnte man noch nicht wie jetzt mit dem Regierungsdampfschiff rasch und leicht diese wüsten Irrwege durchfahren, erst mehrere Jahre später wurde damit der Anfang gemacht; die einzige Möglichkeit, von einer Handelsstelle der Kaufleute zur anderen zu gelangen, blieb das Ruderboot, mit welchem freilich nur langsam weiterzukommen war.

Es war ein Sommertag, so schön und still, warm und sonnenvoll, als hinge der blaue fleckenlose Himmel über einem südlichen Lande; ein einziger Blick aber reichte hin, um diese Täuschung zu zerstören.

Der Passagier des Bootes, welches er gemietet hatte, um damit nach der Handelsstelle von Lenvig zu gelangen, saß oben auf dem Halbdeck und betrachtete nachsinnend und schweigend den düsteren ungeheuren Kranz zerrissener Felsen und Felsennadeln, die überall aus dem Meere aufwuchsen, spitz und zackig ihre kahlen Häupter in die klare Luft tauchten und ihre Wände und schroffen Seiten im hellen Sonnenlicht glänzen ließen. So weit das Auge reichte, war nichts zu entdecken als dies öde, lautlose Felsengewirr, die hohe Nordlandküste in ihrer schweigenden Wildheit, die Meeresschlünde, welche sich darin verloren, nur da und dort ein grüner Streif, ein weiß leuchtendes Birkengebüsch, eine Felsenspalte, wo schwarze traurige Nadelbäume wuchsen, oder ein kleines Tal, durch das ein Bach in hastigen Sprüngen und Wasserstürzen niederschoß. Auf den Klippen und Steinen, die aus dem blanken stillen Meere ragten, saßen ebenso schweigsame Vögel in dichtgedrängten Haufen. Rotkämmige Alken steckten die Köpfe zusammen, viele andere entenartige Vögel und große Möwen sonnten sich behaglich und ließen das Boot vorüberziehen, ohne sich zu rühren; nur bei einem heftigen Geplätscher der Ruder oder dem lauten Ruf der Bootsleute fuhr ein Schwarm in die Tiefe und verschwand darin ohne Lärm, und Geschrei.

Der Reisende warf sich mißmutig auf die andere Seite und starrte über ein weites Wasserbecken auf die zahllosen Klippen und Brocken zwischen den großen Inseln Hindöe und Senjenöe. Ganz dieselben Felsen, dieselbe Öde, dieselbe wilde Größe der Natur und dasselbe Schweigen traten ihm entgegen. Dann und wann nur, wie von einer unsichtbaren Hand gehoben, brach sich das Meer an irgendeinem Steine und warf eine schäumende Fontäne hoch in die Luft, gleichsam um zu zeigen, daß es träume, aber nicht schlafe.

Der Reisende sah auf die Schaumflocken, welche das Boot umschwammen, er verfolgte die großen rot und blau gezeichneten Quallen, wie sie wunderbar glänzend ihre langen Arme nach Raub ausstreckten; dann lachte er spöttisch vor sich hin, indem er sich selbst mit diesen seltsamen gallertartigen Geschöpfen verglich. Es war ein Mann aus guter Familie, der im Süden des Landes längere Zeit ein einträgliches Amt bekleidete, aber durch mehrere gewaltsame Handlungen und zunehmende Schulden es endlich dahin gebracht hatte, daß er es rätlich fand, als Landrichter oder Sorenskriver, das heißt geschworener Schreiber, hier oben ans äußerste Ende Nordlands, an den Malanger Fjord, versetzt zu werden. Herr Lars Stureson sah ganz so aus wie ein Mann, dem man Paschalaunen zutrauen kann, und seine Verwandten im Staatsrat und im Storthing mochten wohl recht haben, wenn sie glaubten, daß die Leute an den Lappmarkischen Küsten dergleichen besser vertragen könnten als die stolzen Bauern und Hofbesitzer in den südlichen Grafschaften.

Es war ein ungemein großer, kräftiger und breitschultriger Mann in der Mitte der dreißiger Jahre. Sein stolzes hartes Gesicht war rot und voll und trug mancherlei Zeichen, daß er bei Toddy und Punsch alle Nebenbuhler besiegt hatte. Schlaue und bewegliche graublaue Augen milderten die festen massiven Formen seines Kopfes, und im ganzen genommen, war er ein stattlicher Herr, der sowohl Ehrfurcht und Furcht, aber auch Wohlwollen und Achtung erwecken konnte.

Lars Stureson war verheiratet gewesen und nach einer unglücklichen Ehe Witwer geworden. Er machte daher die Reise allein. Das Boot war mit seinen Koffern und Kasten gefüllt, die das Notwendigste enthielten, was er in der Einsamkeit seines neuen Wohnortes zu brauchen dachte. Eine Nordlandsjacht, die von Bergen ausgelaufen war, sollte ihm Möbel aller Art und mancherlei Luxusgegenstände, sein Haus auszustatten, nachliefern.

Hier saß er nun halb liegend auf dem schmalen Deck, einige Bücher neben sich und zwischen denselben eine halbgeleerte Flasche, aus der er dann und wann einen Zug tat. Die Quallen, dachte er für sich, sind in ihrer Art die Landrichter und Vögte des Meeres. Es gibt viel stärkere und größere Geschöpfe darin, aber keines vergreift sich so leicht an ihnen. Vögel und Fische fliehen ihre Berührung ebenso wie die Menschen, denn jeder wird gebrannt, der ihnen zu nahe kommt. Sie aber rudern mit ihren langen gefingerten Armen unbekümmert durch die Wellen. Das ganze Ding ist nichts als Magen! Alles, was sie greifen können, halten sie fest, was sie berühren, wird ihre Beute, wird in den Magen gepackt und muß lassen, was es besitzt. Unter solchen Gedanken schaute er nach dem Himmel hinauf und rief mit einem kräftigen Fluch: »Gott mag es wissen, wie ich hier leben soll! Aber der Teufel soll mich holen, wenn ich nicht am liebsten in die Luft hinaufblicke, um von diesem verwünschten Lande nichts zu sehen! Felsen, Klippen, brandende Wasser, nach Fischtran stinkende Fischer und gaunernde Krämer – das soll deine Gesellschaft sein, Lars Stureson! Wann und wie sollst du davon erlöst werden?«

Indessen war Bewegung in das Boot gekommen. Leise Wellen begannen es zu schaukeln, ein Wind flog kühl über das Wasser hin und zog krause Katzenpfoten – wie die Schiffer es nennen – darauf zusammen. Die Sonne neigte sich dabei tief dem Westen zu, der eine feurige Röte ausstrahlte, welche an allen hohen Bergen und Spitzen glühte.

Der Landrichter zog seine Uhr: es war in der zehnten Abendstunde. In den langen Sommertagen geht hier die Sonne wochenlang nicht unter den Horizont, und die Nacht ist nur eine Dämmerung von wenigen Stunden. Aber mit ihr kam nun die Strömung der Ebbe aus den Fjorden und Sunden dem Boot entgegen und versetzte es in schwankende Bewegung. Die Ruderer strengten alle Kräfte an und brachten das Boot dicht an die Küste, jedoch in dem enger werdenden Kanal, der Senjenöe vom Festland trennt, wurde die Strömung heftiger und der Wind schärfer. Mit mühevoller Arbeit war doch nur geringes Weiterkommen zu merken, und als der Landrichter eine Weile zugeschaut hatte und sah, wie die brennende Röte an den Bergspitzen abnahm, während blaue Schatten aus den Schluchten langsam heraufkletterten, konnte er sich nicht enthalten, eine Frage an die Schiffsleute zu richten.

»Es wird spät«, rief er hinunter, »wir kommen langsam vorwärts!«

»Wind und Strömung gegen uns, Herr«, antwortete einer.

»Und wie weit noch nach Lenvig?«

»Zwei Meilen«, sagte der Mann. »Werden sie schwer schaffen, ehe die Flut kommt.«

Der Reisende sah die unwirtliche Küste an; nirgends war die Spur einer Menschenwohnung zu entdecken, und offenbar hatte er wenig Lust, die Stunden der Nacht, so mild und hell sie war, im Freien zuzubringen.

»Ist keine Handelsstelle in der Nähe?« fragte er.

Es war, als hätten die müden Ruderer nur auf diese Frage gewartet. »Ja, Herr, ja!« riefen sie zusammen. »Ein wenig mehr herauf liegt Christie Hvalands Stelle.«

»Eine feine Stelle, Herr«, fügte der Führer des Bootes hinzu, »Christie Hvaland ist ein guter und angesehener Mann, der fünf Jachten nach Bergen schickt.«

»So wird er uns einen Platz an seinem Herde gönnen«, sagte Stureson »Fahrt zu, Leute, je eher wir hinkommen, je besser.«

Mit diesem Bescheide kam vermehrte Kraft in die Ruderer, und als der letzte Schimmer zerrann, lag das Haus des Kaufmanns in der Tiefe einer Bucht vor ihnen.

Malerisch genug sah es aus, obwohl es ein Balkenhaus war, wie alle diese Häuser sind. Aber es lag von einem Halbkreis weißlicher Felsen im Rücken geschützt, die ihre kahlen Spitzen über ein üppig dichtes Buschwerk von Birken hervorstreckten. Der Raum bis zum Meere mochte kaum hundert Schritte betragen, doch war er mit einem dichten Grasteppich bedeckt, und an der einen Seite des langen Blockhauses kündigte ein umzäunter Platz sogar die Anlage eines Gärtchens an. Packhäuser erhoben sich auf Pfahlwerken aus dem Meere, einige von den seltsamen hochschnäbeligen Nordlandsjachten lagen vor ihnen, an der Ufertreppe schaukelten große Boote neben kleineren, und oben auf dem Gange am Packhause liefen die Bewohner der Handelsstelle zusammen, als sie das fremde Fahrzeug erblickten.

Nach wenigen Minuten hatte dies angelegt, und Lars Stureson sprang die Treppe hinauf mitten in den Kreis von Dienstleuten, Fischern und Weibern, die ihn neugierig betrachteten. Er rannte dabei an einen stämmigen kleinen Burschen, der einen Glanzhut auf dem Kopf hatte und, den Arm in die Seite gestemmt, ihn bewegungslos erwartete.

»Nimm es nicht übel«, sagte der Landrichter, als der Mann unter dem Gelächter seiner Nachbarn zur Seite taumelte. »Friede ins Haus, ihr Leute! Wo ist Herr Christie Hvaland?«

»Hier!« rief ein Mann, der in die Tür getreten war, an welche er sich lehnte und aus einer halblangen Pfeife gleichmütig weiterrauchte. Er musterte dabei den Fremden mit scharfen Blicken ohne irgendein Zeichen freundlicher Teilnahme und ohne sich im Rauchen stören zu lassen.

Nach der ersten üblichen Begrüßung bat der Landrichter um Obdach für diese Nacht, da Wind und Strömung das Boot am Fortkommen hinderten.

Christie Hvaland ließ ihn ausreden und setzte seine stillen Betrachtungen fort. Es war ein Mann von mehr als fünfzig Jahren, schmal und dünn. Sein lederhartes ausgetrocknetes Gesicht, das vorn sich zuspitzte und mit einer gekrümmten Nase endete, machte keinen sehr günstigen Eindruck. Gelbliches Haar lag auf seinem Kopfe und ließ die hohe, mächtig gewölbte Stirn unbedeckt, unter welcher hellblickende scharfe Augen den klug rechnenden Kaufmann ankündigten. Endlich zog er eine seiner langen knochigen Hände aus der Rocktasche, und indem er sie langsam nach dem Meer ausstreckte, sagte er: »Lenvigs Kirche könntet Ihr sehen, wenn es Tag wäre. Aber reisende Leute sind willkommen jederzeit. Laßt das Boot unter den Packraum fahren, damit es sicher liegt.«

Der Ton widersprach den Worten, er kündigte an, daß Herr Christie Hvaland sich eben nicht viel aus dem Besuch machte. Aber alles änderte sich, als Lars sagte: »Sie mögen recht haben, Herr Hvaland, ich hätte bei guter Zeit Lenvig erreichen können, wenn die Burschen ordentlich gerudert hätten, was mir lieber gewesen wäre, als Ihnen beschwerlich zu fallen. Ich bin der Sorenskriver Stureson, von der Regierung hierher gesandt, und muß eilen, um meinen Platz einzunehmen, der schon lange auf mich wartet.«

Der Kaufmann nahm rasch die Pfeife aus dem Mund, und über sein Gesicht verbreitete sich große Freude. Er wußte genau, was die Freundschaft des Landrichters zu sagen hat, und war ein umgewandelter Mann. »Glück in mein Haus!« rief er, »daß es sich so gefügt hat. Hätte es wissen können, daß Sie es sein mußten, Sorenskriver Stureson, und kein anderer, haben die Nachricht schon seit einiger Zeit bekommen.«

Er schüttelte ihm die Hand und führte ihn mit aller Höflichkeit und guten Wünschen in sein bestes Zimmer, wo der Landrichter sogleich die Bemerkung machen konnte, daß bis in diese öden Wildnisse mancherlei Luxus gedrungen sei, den Geld schaffen kann.

Da standen stattlich polierte Stühle aus dem prächtigen Birkenholz, das in den Bergen verarbeitet wird, da war ein Sofatisch, der auf einem bunten deutschen Teppich stand, da war endlich das bequeme Sofa selbst, das ohne Zweifel aus Hamburg stammte. Ein Schrank in der Ecke mit gebogenen Scheiben enthielt Tassen, Gläser und Kristallsachen, und an der Wandseite stand ein Klavier der größten Art, Metallrollen unter seinen gedrehten Beinen, und ein gestickter Sessel davor.

Der Kaufmann nötigte seinen Gast zum Sitzen, und während er ihm erzählte, daß er seit vier Wochen erst aus Bergen zurückgekehrt sei, wo er seine Stockfische diesmal zu besonders gutem Preise losgeschlagen habe, ohne allen Zwischenhandel mit den Berger Handelsherren abzuwarten, schloß er den Schrank auf und nahm ein Gestell heraus von Ebenholz, mit Silber beschlagen und eingefaßt, das er auf den Tisch pflanzte. Es befanden sich darin vier große geschliffene Flaschen, welche Rum, Arrak, Madeira und Rotwein enthielten. Die Flaschen paßten genau in die eingeschnittenen Behälter, und rund um diese befanden sich Trinkgläser in anderen Einschnitten, so daß man alles bei der Hand hatte, um nach Gefallen zu wählen. Dann stellte Herr Christie Hvaland eilig und geschäftig einen gefüllten Zuckerkorb daneben, und mit der anderen Hand zog er aus dem obersten Fach ein Kistchen mit Zigarren. Immer höflich erzählend, wandte er sich endlich nach der Tür und bat den Landrichter, ihm einen Augenblick zu gestatten, um den Teekessel zu beordern, der sogleich bereit sein werde.

Als er hinaus war, legte sich Stureson in die weichen Polster zurück, nahm eine Zigarre aus dem Kistchen, die er beim Schein des Lichtes auf dem Tische mit Kennerblicken betrachtete und wenigstens gut genug fand, um sie anzuzünden, dann stützte er seinen Kopf in die Hand und schaute befriedigt umher. Das Zimmer war niedrig, wie es in diesen nordischen Breiten sein muß, aber es sah ganz wohnlich aus. Alles war Holz – Wände, Decke und Boden; allein dies Haus war von außen und innen neu, und weder in Bergen noch in Christiania hätte man ein Holzhaus zierlicher und hübscher herstellen können. Die Balkenlagen waren von außen mit übereinanderfallenden Latten benagelt und mit grauweißer Ölfarbe angestrichen, das Zimmer aber besaß eine Bretterbekleidung, und auf diese waren streifige blaue Tapeten geklebt, die mit ihren gelb und weißen Arabesken ungemein freundlich und sauber aussahen.

Jedenfalls bin ich hier gut aufgehoben, sagte sich der Landrichter, und dieser Kaufmann am Senjenöesund muß einer von den reichen sein, von denen man mir allerlei Mirakel erzählt hat. Er dachte darüber nach, daß er gehört hatte, wie nicht selten die Wohlhabenheit der Besitzer solcher Kramstellen in dem Dunkel der Fjorde bis zu wirklichem Reichtum steigen sollte und daß auf öden Klippen von diesen Fischhändlern Schätze aufgehäuft wurden, welche gebildeten Leuten erlaubt hätten, in den größten Städten Europas mit allem Komfort zu leben.

Mitten in seinen Betrachtungen kam jedoch Christie Hvaland zurück, und zwar im Scheine einer großen Astrallampe, die er in der Hand trug. Hinter ihm erschien dann eine junge Dirne mit langen blonden Doppelflechten, die ihr bis auf den Rücken niederfielen, und diese trug einen blanken Teekessel von Tombak auf einem Brett von demselben Metall. Das Wasser kochte durch eine Spirituslampe; eleganteres Teezeug hatte Stureson selbst im Süden in den besten Häusern nicht gesehen.

»Nun, Sorenskriver«, sagte der Kaufmann vertraulich, »macht es Euch bequem und seid nochmals willkommen im Hause! Mischt Euch ein Glas, wie es Euch beliebt, Toddy von Madeira, Wein oder Grog, wie es sich paßt. Schade, daß es nicht früher am Tage ist, um den Pfarrer aus Talvige und den Vogt von Oernen einzuladen, uns Gesellschaft zu leisten. Aber wir wollen frohe Zeit erleben und darauf anstoßen als norwegische Männer von gutem Blut!«

Das war der Eingang zur näheren Bekanntschaft zwischen den beiden Männern, welche bald Wohlgefallen aneinander zu finden schienen und mit jedem neuen Glase sich lebhafter unterhielten. Dem Landrichter war es angenehm, sogleich einen Mann zu finden, der ihm mancherlei Aufschlüsse über den bedeutenden Gerichtssprengel geben konnte, der zu seiner Botmäßigkeit gehörte, und Christie Hvaland war die rechte Quelle, um genaue Nachrichten über Personen und Zustände einzuziehen. Sein Großvater sowohl wie sein Vater hatten Handelsstellen in Nordlandsamt gehabt und waren angesehene wohlhabende Leute gewesen. Er selbst war hier am Platze geboren und kannte alle Verhältnisse aufs beste. Die kalte zähe Schlauheit und Härte des echten Kaufmanns aus den Fjorden spiegelte sich in seinen Mitteilungen wider, und da er bald sah, mit wem er es zu tun hatte, mit einem ebenso klug rechnenden, zugänglichen, seine Vorteile begreifenden Freund, hatte er keine Sorge, ihm manches Wort zuzureden, aus dem sich Nutzen ziehen ließ.

»Es mag wohl sein«, sagte er, »daß sich im Süden leichter leben läßt, aber lustiger und angenehmer kann niemand leben als der Sorenskriver am Malanger Fjord, wenn er vom guten alten Schlage ist.«

»Das denk ich zu beweisen«, rief Stureson lachend, »niemand kann williger sein, mit guten Freunden auszuhalten, solange es ihnen gefällt!«

»Will's glauben«, fuhr der Kaufmann beifällig fort, »und findet hier viele feine Leute, die Euer Nest warm halten und mit Eiderdaunen ausstopfen werden. Verdammt seien die Neuerungen! Bin kein Freund davon und von den Dummköpfen, die im Storthing sitzen und jährlich Gesetze und Verordnungen aushecken, von denen sie nichts verstehen. Seht zu, Herr Stureson, wie Ihr damit fertig werdet, aber je weniger Ihr davon haltet, um so besser. Habt einen mächtig großen Distrikt, von Hindöen herauf bis an den Baisfjord, und all die Inseln dazu, bis hinaus nach Andöen. Schützt uns bei unseren Rechten, haltet fest mit uns zusammen und jagt die Schlucker fort, die sich festsetzen wollen und in Christiania schreien, man soll die Kaufplätze vermehren, deren schon mehr als genug sind. Ihr und der Vogt zusammen könnt es machen, und alle guten Leute werden es Euch danken.«

Der Landrichter verstand den Wink vollkommen und ließ es an weiteren Forschungen nicht fehlen. Der Kaufmann rechnete ihm seine Einnahmen aus den Fischzehnten vor, aus den Reisen, aus den zahllosen Streiten, welche die Küstenleute, Quäner, Finner und Normänner führten, um sich gegenseitig zugrunde zu richten, und schloß dann mit der schlauen Bemerkung, daß man es nur verstehen müsse, um alle Umstände gehörig zu benutzen. »Der Sorenskriver vom Malanger Fjord«, fuhr er fort, »kann mit Leichtigkeit fünftausend Speziestaler jährlich einnehmen, und kann es auf sechstausend bringen, wofür Ich Bürgschaft übernehmen will, wenn er meinem Rat folgt.«

Herr Stureson horchte hoch auf. Er wußte wohl, daß sein Amt ihm doppelt soviel einbringen sollte, als. was er im Süden an Gehalt bezogen, aber über dreitausend Spezies war es von seinen Freunden nicht geschätzt worden.

»Wer sich hierher zu uns in den Norden versetzen läßt«, sagte der Kaufmann, indem er seine scharfen Augen listig auf den Landrichter heftete, »tut es sicherlich nicht freiwillig, es ist immer irgendein Grund, der ihn dazu treibt. Entweder hat er Händel und Ärger gehabt und die Regierung, weil sie es gut mit ihm meint, macht ihm ein wertvolles Geschenk mit einem Platze in unserem gesegneten Lande, oder er kann nicht auskommen, macht Schulden, weiß sich nicht mehr zu helfen und hat mächtige Freunde, die ihn hierher bringen, damit er sich erholen kann. – Gott zum Preis, Herr Stureson, wir können es ertragen. – Im Süden ist eine Stelle, die fünfzehnhundert Spezies einbringt, ein herrlicher Platz, hier ist es einer, nach dem nicht viel gefragt wird. Hier oben, wo es aussieht, als wären nur Felsensplitter und Eisblöcke wohlfeil, liegen die silbernen Spezies und Bankzettel überall umher, man braucht sich nur zu bücken, um sie aufzuheben! Dafür, Herr, haben wir das Meer mit seinen Fischen, den großen Fang auf den Lofoten, den Herings- und Stockfischfang in Fjorden und Sunden, den Tranhandel und Pelzhandel und unsere gefüllten Jachten. Endlich aber haben wir das Volk, Sorenskriver, merkt wohl auf, ich sage: das Volk, das alles schnell verbraucht und verzehrt, was es verdient und gewinnt. Kaufleute, Sorenskriver, Priester und Vögte müssen zusammenstehen als gute Freunde, und keiner muß es so machen wie Euer Vorfahr im Amte, der selige Helmböe, der wohl nie über dreitausend Spezies eingenommen hat.«

»Hat er die Einnahme heruntergebracht, der Narr?« fragte Stureson.

»Das hat er getan«, sagte Hvaland. »Wenn Fischer oder die kleinen Ackerbauern, meist Finnen oder Quäner oder armselige Böelappen, wie sie hier sich anbauen, ihren letzten Spezies verprozessieren wollten, mischte er sich hinein und tat es in Güte schlichten. Wenn wir mit unseren Forderungen an die vielen Leute kamen, die bei uns jahraus, jahrein borgen und ihren Fang dafür abliefern müssen, forderte er unsere Bücher ein, nannte es gottlos und unmenschlich, so viel Branntwein dem armen Volk aufzuschwatzen samt schlechten Lebensmitteln und mancherlei unnützem Tand und solche Preise dafür anzusetzen. Wo er es hindern konnte, wollte er es nie dulden, daß wir unser Geld durch Auspfändung beitrieben und uns bezahlt machten, wie wir konnten. Und wär's noch gutes Blut gewesen, normannisches Blut vom alten Stamme«, rief er, seine Mütze um den Kopf drehend, »aber sogar für das viehische Gesindel auf den Gebirgen, für die Berg- und Waldlappen erhob er sich und wollte ihre Rechte schützen! Auf den Lappenmärkten am Malanger Fjord, wo das schmutzige Ungeziefer von allen Fjellen heruntersteigt, dreimal im Jahre, und wo der Sorenskriver sonst wohl tausend Spezies mit nach Hause nahm für Strafen und Bußen, stand er wie ein Berserker mit dem Schwert und duldete kein Unrecht, wie er es nannte, kein Übervorteilen, keine zu hohen Preise, und niemand durfte einen Lappen höhnen oder beleidigen. So strafte er gute Leute um Kleinigkeiten und nahm nicht hundert Spezies mit nach Haus.«

»Ich habe von dem alten Richter in Terael gehört«, sagte Stureson. »Er galt etwas in Christiania.«

»Bei den Dummköpfen, die da Gesetze machen!« rief der Kaufmann. »Hier hat er wenige Freunde gehabt; keine Tür, die ihm mit wahrem Willkommen geöffnet wurde, keine Hand, die ihm dienstfertig seinen Toddy mischte. Das Lumpenvolk freilich, das hing ihm an, und da und dort gab's wohl einen Narren, der von ihm sagte: ›Das ist ein Mann, wie er sein soll, wollte Gott, es wären viele wie er!‹ Aber hinterlassen hat er blutwenig, jammert die Witwe jetzt um Pension. Er war ein leichtsinniger Mann, gab und gab ans Volk, dem es nichts nützen konnte; machte lächerliche Versuche, den Lappen zu helfen, Ackerbau zu verbreiten, Ordnung und Sitte ins liederliche Leben der Herumtreiber zu bringen. Habe hier noch dicht dabei einen Burschen wohnen, einen Lappenjungen, den er aufgezogen, nach Trondenäes ins Seminar geschickt und zum Schulmeister gemacht hat. Könnt ihn sehen, Sorenskriver. Ist wahr, ist ein anstelliger Kerl geworden, habe ihn eben hier im Hause, gibt meiner Mary Unterricht und spielt mit ihr auf dem Dinge da –«, er deutete nach dem Klavier hin.

»Sie haben also Kinder, Herr Hvaland?« fragte Stureson.

»Das eine Kind«, war die Antwort, »ist ein fein gemachtes Mädchen, Herr Stureson. Habe sie vier Jahre in Trondhjem gehabt zur Erziehung; ist auch in Christiania gewesen und im letzten Jahre mit mir aus Bergen zurückgekommen ins Haus.«

Er erzählte diese Familiennachrichten mit dem Stolze eines Vaters, der an seiner Tochter wohlgefällig denkt, und Stureson zog die Lippen zusammen und sagte mit heimlichem Spott: »Bei so vieler Bildung und Erziehung in der Fremde, solchen Reisen und so langer Abwesenheit wird es ihr hier nicht sonderlich gefallen.«

»Kennt unsere Mädchen nicht, Sorenskriver«, lachte Hvaland, »haben die tiefe Sehnsucht nach der Heimat in ihrer Brust, wie alle, die hier geboren sind. Ist ein sonderbares Ding damit, Herr Stureson, kann es sich keiner erklären. Gott hat es seinen Wesen, die in diesen wilden Fjorden leben und wachsen, eingeimpft, und wissen die Lappen in ihren braunen Sumpf- und Schneebergen sogar zumeist davon zu sagen. – Bringt einen von ihnen nach Italien oder ins Paradies, es wird nicht lange dauern, so fühlt er einen Schmerz im tiefsten Herzen und eine mächtige Sehnsucht quält ihn so lange, bis er wieder bei seinen Felsen und Sümpfen ist. – Seht den Burschen, den Schulmeister, Olaf Holmböe ist er getauft, nach seinem Wohltäter, Jauratana heißt er bei seinen spitzbübischen Landsleuten. Er hat Kleid und Sprache, Sitten und Gewohnheiten von uns angenommen, aber zuweilen faßt es ihn wie der böse Feind, und dann läuft er hinauf in die Gebirge zu seinen alten Freunden und Verwandten, die mit ihren Rentieren durch die Wüste ziehen. Da sitzt er in der schmutzigen Gamme und spielt ihnen auf seiner Fiddel vor, bis der bessere Sinn wiederkehrt und er dann eines Morgens ganz matt und still bei seinen Büchern im Hause gefunden wird.«

»Das ist seltsam«, rief der Landrichter, eine dicke Dampfwolke ausblasend, »aber der beste Beweis, daß alle Versuche, diesen vertierten Stamm zu nützlichen Menschen zu machen, nicht viel fruchten!«

»Sagt: gar nichts hat es gefruchtet und wird nie fruchten!« rief Hvaland. »Aber es gibt Toren, und darunter ist einer –«

Hier hielt er plötzlich inne, denn draußen ließ sich eine tiefe fragende Stimme hören, und aufstehend rief er mit unmutiger Gebärde, aber im gedämpften Ton: »Wer, bei Kreuz und Nebel, führt ihn jetzt in mein Haus? Ich wollte, er wäre bei allen Hexen von Salten, aber nicht hier!«

»Wer ist es denn?« fragte Stureson.

»Wer?« antwortete der Kaufmann – und da die Tür eben aufging, glättete sich sein Gesicht. »Propst Stockfleth!« rief er, die Hand ausstreckend, indem er dem neuen Gast entgegenging, »Glück für Euch und Glück für alle! Eine unverhoffte Freude, Herr, Euch jetzt zu sehen.«

»Gottes Segen ins Haus, Christie Hvaland«, erwiderte der ernste Pilger, der kein anderer war als der berühmte Missionar der Lappen, früher Kapitän in dänischen Diensten und als solcher ein tapferer Offizier. Von religiöser Schwärmerei beseelt, hatte er den Degen fortgeworfen, um Priester zu werden, studiert, war Pastor in den Finnmarken geworden und hatte vor Jahren auch diese Stelle aufgegeben, um nun als wandernder Missionar die wilden Einöden und Küsten lehrend und bekehrend zu durchziehen. Er war jetzt etwa fünfzig Jahre alt und von ungeschwächter Rüstigkeit. Sein dunkelbraunes Reisehemd war dem ähnlich, wie es die Lappen tragen, der breite Ledergurt, welcher dazu gehört, saß fest um seinen Leib. Seine Füße umschnürten weiche Halbstiefel von Rentierhaut, welche seine Beichtkinder so gut zu verfertigen verstehen und Komager nennen. In der Hand hielt er einen narbigen tüchtigen Stock mit langer Eisenspitze, und sein ernstes wohlwollendes Gesicht, aus dem zwei blaue freundliche Augen leuchteten, trug Züge unverkennbarer Güte, die auch unter rohen Naturkindern verstanden werden.

Als er seinen großen grauen Pilgerhut abnahm, neigte er grüßend den Kopf gegen Stureson, der aufgestanden war, als Hvaland ihn beim Namen nannte.

»Sorenskriver Stureson vom Malanger Fjord«, sagte der Kaufmann, »hat jedenfalls dieselbe Freude wie ich, Propst Stockfleth hier zu sehen.«

Der Missionar lächelte, indem er seine Augen weit öffnete und Stureson anblickte. »Sie sind der Nachfolger meines unvergeßlichen Freundes Holmböe«, sagte er. »Heil auf Ihren Pfaden, damit gedeihe, was ausgesät wurde zu Gottes Ehre!«

Er setzte sich auf einen Stuhl, nachdem er den Platz auf dem Sofa ausgeschlagen hatte, und mischte sich nach des Kaufmanns wiederholter Aufforderung ein Glas Wasser mit wenig Wein, an dem er genügsam und behaglich trank. Auf die Fragen des Wirts erzählte er dann, daß er vom Altenfluß her quer durch das wilde Hochland mitten durch endlose Wüsten gewandert sei, wo in den inneren Tälern jetzt nur wenige Lappen ihre Rentiere weiden ließen. Von Familie zu Familie sei er unter mancherlei Mühen bis zu den Quellen des Malself gelangt und habe den Strom begleitet, der endlich in den Malanger Fjord niederschießt. »Darüber sind beinahe drei Monate vergangen«, fuhr er fort, »aber, will's Gott, nicht ohne großen Segen. Ich habe mit dem Wort der Liebe manchen erquickt, manche Freude erlebt und nebenher mich selbst auch bereichert.«

»Bereichert, Propst?« rief der Kaufmann, ungläubig lachend, und doch angeregt von dem Wort, das so vielen Reiz für ihn hatte. »Habt etwa die Silberhöhlen im Enare-Traesk entdeckt, wo einst die Zauberer und Häuptlinge des spitzbübischen Volkes ihre Schätze und ihre Götzen holten?«

Der Missionar schüttelte sanft den Kopf. »Der Enare-Traesk«, sagte er, »ist und bleibt ein wildes Freigebirge von Eisenstein, womit die ganze Erde versorgt werden könnte. Die Silberhöhlen sind eine Sage, welche manches Unglück anstiftete. Wer sie auch gesucht hat, kein Sterblicher hat sie je gefunden. Ihr, Christie Hvaland, solltet mich aber besser verstehen und mild von einem unglücklichen, verlassenen Volke sprechen. – Womit ich mich bereichert habe«, fuhr er dann fort, als Christie lachend sein Glas ergriff, »steht hier in diesem kleinen Buche, und es soll meinem gelehrten Freunde Rask in Kopenhagen als großer Schatz zukommen. Ich habe neue Forschungen über den lappischen Sprachstamm gemacht und kann jetzt mit Gewißheit sagen, daß es drei ganz abweichende, bis in die Wurzeln verschiedene Stämme und wenigstens zwölf Mundarten gibt, welche alle noch gesprochen werden. – Ja, gewiß«, sagte er, als seine Zuhörer schwiegen, »es ist so merkwürdig damit, daß die wandernden Familien der verschiedenen Stämme, wenn sie sich in der großen Wüste begegnen, sich oft gar nicht, oder doch nur mit Mühe verstehen und unter sich manchmal Dolmetscher nötig haben, um ein Gespräch zu führen.«

»Und was«, fragte Stureson, »läßt sich daraus schließen?«

»Daß es einst ein mächtiges Volk gewesen sein muß, welches weit umher diesen ganzen skandinavischen Norden bewohnte, bis es von Asen, Goten, Finnen und arideren siegenden Eroberern in die Eiswüsten getrieben wurde.«

»Wo es umkommen muß!« rief der Landrichter.

»Umkommen muß?« wiederholte der Missionar mit sanftem Vorwurf. »Sagen Sie das nicht, Herr Stureson, es tut mir weh, es von Ihnen zu hören. Sie werden dies Volk kennenlernen und seine vielen guten Anlagen leicht bemerken.«

»Anlagen zum Trunk und zum Umhertreiben«, sagte Lars Stureson lachend, indem er sein Glas leerte.

»Schmutzige Tagediebe«, fügte der Kaufmann hinzu. »Bei ihren Rentieren liegen, mit der Büchse durch Wald und Schlucht streifen, jede Arbeit fliehen, die ein ordentliches Leben fordert, aber Branntwein trinken, bis sie sinnlos niederfallen, das ist ihr Leben.«

»Das sagt Ihr und meint, Ihr habt ein Recht dazu«, erwiderte Stockfleth. »Aber Trunk und Habgier zugetan ist mancher andere Mann, und wer hat diese Unglücklichen dazu gebracht? Wer stößt sie von sich in die Wüsten, haßt, verachtet und verfolgt sie? Wer verkauft ihnen das höllische Gift und macht sie zu entehrten ekelhaften Wesen, plündert sie aus, verhöhnt sie und füllt ihre Herzen mit rachsüchtiger Bosheit und verschlagener Lüge?«

»Uff!« rief Hvaland, den Kopf schüttelnd und ihn listig anblinzelnd, »muß niemand mit Euch streiten wollen, Propst Stockfleth! Meinetwegen bessert an dem Volke, soviel Ihr könnt, es wird wenigstens nichts schaden.«

»Aber auch nichts helfen, wie ich die Sache betrachte«, fiel der Sorenskriver ein. »Ein Volk, so heruntergekommen, wandernd mit den ewig wandernden Rentieren, kaum noch zehntausend Köpfe stark, ohne Sinn für Zivilisation und festen Wohnsitz, ohne Sinn für Ackerbau und Arbeit, ein Nomadenvolk, so roh und schmutzig wie dieses, und obenein fünfzehn verschiedene Dialekte redend, kann wohl Gegenstand des Mitleids und philanthropischer oder religiöser Bemühungen sein, aber nimmermehr zu gedeihlicher Entwicklung gelangen.«

»Ja, das sagt man«, entgegnete der Missionar in seiner sanften Weise. »So steht es in Büchern und Schriften, die oft schon ihren Spott über mich ausgegossen haben, und so sprechen die klugen Leute hier im Lande, welche verdammen, was ihnen nicht gefällt. Aber Gott hat allen seinen Geschöpfen Leben gegeben! Sie kennen die Menschen noch nicht, über welche Sie Ihr Urteil fällen, Herr Stureson; Sie werden sie kennenlernen und finden, daß vieles für ihre Rettung geschehen kann, was nicht mit dem Namen philanthropische Schwärmerei belegt werden darf. Ich weiß nichts von ihrer Falschheit, ihrer Raubsucht, ihrer Tücke, obwohl ich unbewaffnet und allein in die wilden Wüsten gehe. Das macht, weil sie wissen, daß ich ihr Freund bin, ihnen Gutes tue, soviel ich kann, und sie schütze, soviel ich es vermag!«

»Nun«, rief der Kaufmann dazwischen, »ich will niemandem raten, das Kunststück nachzumachen, sich hineinzuwagen in das Reich dieser unermeßlichen Wildnisse, wo kein Weg ist, kein Haus steht, kein Gesetz gilt auf viele hundert Meilen! Eines Lappen Kugel verfehlt selten ihr Ziel, und eines Lappen Büchse hat manchen schon kaltgemacht, der zuviel vertraute. Es ist ein unverbesserliches Volk, das nur durch Furcht und strenge Zucht gezähmt werden kann. Das ist meine Meinung, Propst Stockfleth, ich habe sie niemals verhehlt, und wenige gute Leute denken anders darüber.«

»Die guten Leute!« sagte der Missionar traurig, »ja, das ist es eben! Aber Sie sollten nicht so sprechen, Christie Hvaland. Sie haben ja dicht in Ihrer Nähe ein Beispiel, wie viel durch Lehre und Erziehung geschehen kann.«

»Damit meint Ihr den Schulmeister, Propst?« rief Hvaland.

»Wir haben vorher schon von ihm gesprochen. Sage nichts Böses von ihm – aber eine Schwalbe macht keinen Sommer, und ein Beispiel ist kein Beispiel! – Da ist er«, fuhr er fort, »und Mary. Komm herein, Mary, und laß dich sehen!«

Er saß der Tür zugewandt und hatte gesehen, daß diese leise geöffnet wurde. Gleich darauf trat ein junges Mädchen herein, das mit einiger Überwindung ihrer Schüchternheit sich verbeugte und lächelnd näherte, während der Mann, der sie begleitet hatte, bescheiden an der Tür stehen blieb.

»Meine liebe Tochter«, sagte der Propst, dem sie die Hand reichte, »Segen über dein Haupt! Ich freue mich, Sie so gesund und blühend wiederzufinden.«

»Mary ist gewachsen!« rief der Vater frohgelaunt. »Die Luft am Senjenöesund ist was wert, Propst, blühen Rosen und Nelken darin auf!«

Er deutete lachend mit der Spitze seiner Pfeife auf das gerötete Gesicht des jungen Mädchens, und während der Missionar weiter mit ihr sprach, hatte der Landrichter Zeit genug, sie zu betrachten. Er fand die Tochter des Fischhändlers und Krämers so übel nicht, obwohl sie keine besondere Schönheit war, die in der großen Welt Aufsehen erregt hätte. Aber hier in der Nähe des siebzigsten Grades, bei den glitzernden Lederjacken und Pelzhemden halbwilder Barbaren war sie eine angenehme, anziehende Erscheinung, die ihn an Zivilisation und Geschmack gesitteter Menschen erinnerte.

Ihr glänzend braunes Haar fiel in tiefen Scheiteln auf ein Gesicht mit freundlichen, fast kindlichen Zügen. Braune Augen, die groß und klar leuchteten, wagten sich nicht recht hervor dem fremden Herrn gegenüber, den sie dann und wann forschend ansah. Es war Leben und Bewegung in ihren Mienen, ihre Fragen und Antworten bezeugten einen gewissen Grad von Bildung; sie drückte sich in einer Sprache und in Formen und Wendungen aus, die in guter Gesellschaft üblich sind oder, wie Stureson sich sagte, aus der Pension von Trondhjem stammten, und dazu paßte das rötliche helle Kleid von modernem Schnitt und das schwarze Seidenschürzchen, in dessen Taschen sie ihre Hände steckte.

»Das Jahr ist also heiter und gut bis jetzt vergangen«, sagte der Missionar, »und hat Ihr Herz froh gemacht, liebe Mary.«

»Ich bin zufrieden, Herr Propst«, erwiderte sie. »Mein guter Vater tut alles, was ich wünschen kann, und dieser Sommer ist so schön und warm – ich habe viele Freuden gehabt.«

»Zufriedenheit, mein Kind, ist das wahre Glück des Lebens«, fiel Stockfleth ein, »es ist mir recht von Herzen lieb, dies von dir zu hören.«

»Sie bleiben doch bei uns?« fragte Mary.

»Einige Tage, wenn es der Vater erlaubt«, antwortete er.

»Dann sollen Sie jeden Morgen einen frischen Blumenstrauß haben«, fuhr sie lebhaft fort. »Ole hat mein Gärtchen angelegt, und ich habe es gepflegt. Jetzt blühen Goldlack, Nelken und Reseda darin.«

»Herrlich!« rief der Missionar. »Aber wie geht es dem Gärtner, dem guten freundlichen Olaf?«

»Da steht er ja«, lachte das hübsche Mädchen, indem sie nach der Tür deutete, wo ihr Begleiter bescheiden noch immer im tiefen Schatten stand.

»Ei, Olaf Holmböe«, rief der Propst, »bist du da, mein Sohn? Sei gegrüßt und gesegnet! Ich bringe manchen Gruß mit von Freunden und Verwandten aus den Bergen.«

Er umarmte den jungen Mann, der nun hereingetreten war, und hielt ihn bei den Händen fest, indem er ihn beim Schein der Lampe betrachtete. Dann strich er das dunkle Haar von Olafs Stirn, klopfte ihm väterlich auf die Schulter und sagte einige Worte in den tiefen Gutturallauten der lappischen Sprache, welche niemand verstand. Die kurze Antwort, welche Olaf gab, hatte ein paar weitere Worte zur Folge, dann wandte sich Stockfleth zu dem Kaufmann.

»Ich sagte ihm soeben, daß ich ihn nicht sehr wohlaussehend finde. Er antwortete mir, daß er gesund und froh sei.«

»Was soll ihm auch fehlen?« rief Hvaland. »Er ist ein feiner Herr, der nichts zu tun hat, als dann und wann Küsterdienste zu verrichten und zur Winterzeit den Kindern der Böelappen, Finner und Quäner etwas Lesen und Schreiben beizubringen. Dafür hat die Regierung ihm Haus und Feldstück gegeben und zahlt ihm obenein zweihundert Spezies jährlich. Es ist freilich kein Geld, um viel zu vertun, aber Olaf mag zu mir kommen, wann er will, er findet seinen Platz am Tische. Rechts und links gibt es auch noch manche Nachbarn, die ihn gelegentlich für ihre Kinder brauchen könnten, wenn er wollte; so ist es denn zum Durchkommen und selbst zum Sparen. Ist es nicht so, Olaf Holmböe? Sage die Wahrheit, wo dein eiserner Topf vergraben ist!«

Hvaland spielte damit auf die Gewohnheit der Lappen an, alle ersparten Speziestaler in eisernen Töpfen irgendwo in der Wüste zu verbergen, wodurch jährlich bedeutende Summen verlorengehen, denn selbst auf dem Totenbett können sie sich selten entschließen, Frau und Kindern den Ort anzuvertrauen, wo der Schatz liegt.

Der Kaufmann lachte über seinen Witz, und Stureson stimmte ein, während ein rötlicher Schimmer Olafs gelblich bleiches Gesicht überflog, das mit düsterem Ausdruck sich niedersenkte. Die schmächtige Gestalt des jungen Mannes schien einige Augenblicke von einem leisen Zittern bewegt zu werden, er konnte keine Antwort finden als ein unmerkliches Schütteln des Kopfes, das ein neues Gelächter des Kaufmanns zur Folge hatte.

»Nicht?« rief Hvaland, »sparst nichts? Aber was zum Henker fängt er mit dem Gelde an? Ich glaube beinahe, die Spitzbuben aus den Bergen nehmen es ihm ab, wenn sie dann und wann zum Besuch kommen. Oder er trägt es ihnen hinauf, wenn er, wie kürzlich erst, von der Sehnsucht nach Rentier und Gamme ergriffen wird, von der ich Ihnen vorhin erzählte, Sorenskriver Stureson.«

»Wenn das der Fall wäre«, sagte Stureson spottend, »so müßte man darauf antragen, das hohe Gehalt des Schulmeisters herunterzusetzen.«

Mit einem festen Blick, dessen Unbeweglichkeit den Landrichter reizte, sah ihm Olaf ins Gesicht, ohne etwas zu erwidern. Stureson hatte große Lust, ihm seine Überlegenheit zu beweisen, aber er verachtete das armselige Geschöpf fast noch mehr, wie er ein Gefühl des Widerwillens empfand und unterdrückte. Der Schulmeister war seines Vorgängers Schützling und Pflegesohn, schon deswegen mochte er ihn nicht, aber es lag auch etwas in seinem Wesen und seinem Aussehen, was er nicht leiden konnte. Wäre dieser Lappe gewesen, wie sonst Lappen sind, mit breiter Nase und rötlichen Katzenaugen, dabei kriechend demütig und ekelhaft schmutzig, würde er mich vielleicht belustigt haben, dachte der Landrichter für sich.

Allein dies besondere Exemplar, an welchem sich die Bildungsfähigkeit seines Stammes offenbaren sollte, schien mit Selbstgefühl und Ansprüchen begabt zu sein.

Wenn es wahr ist, daß geistiges Leben die unschönen Züge eines Gesichtes veredeln kann, so war Olaf Holmböe ein Beweis dafür. Seine schwache Gestalt hatte nichts von dem krüppelhaften und unförmigen Wuchs vieler seiner Unglücksgenossen. Er war schlank, doch seine Schultern breiter, als sie sein sollten. Seine Züge erinnerten dabei wohl an seine Abstammung, aber bei alledem waren sie keineswegs häßlich, denn aus den kleinen schiefgeschlitzten Augen strahlte ein Feuer, das dem Ganzen zugute kam und ihm einen eigentümlichen Reiz gab. Sein schlichtes schwarzes Haar fiel reich und fein über eine wohlgebildete Stirn, seine gelbliche Hautfarbe stach gegen die weiße Halsbinde fremdartig ab, und sein schwarzer Rock war so sauber, als halte er viel darauf, gerade die größte Untugend seines Volkes nicht an sich zu dulden.

»Es ist Scherz, Ole«, lachte der Kaufmann, als er den starren Blick bemerkte, »Scherz von dem Sorenskriver, der dein Gönner und Beschützer sein wird so gut wie Holmböe, wenn du dich danach hältst. Setz dich nieder hier, nimm dein Glas und trinke mit uns. Bist ein armer Tropf, aber ein anstelliger Bursch, der es verdiente, besser geboren zu sein. Nimm dein Glas, sag ich. – Und nun, Mary, lauf hinaus und sieh, wie es mit Tisch und Küche steht. – Werdet zufrieden sein müssen, Ihr Herren, mit dem, was ich zu geben vermag. Eine Schüssel frischen Kabeljau und ein paar Lachsforellen samt einem halben Dutzend Vögel, die Olaf heute geschossen und mitgebracht hat, wird so ziemlich alles sein, was Mary aufträgt.«

Nach einer Viertelstunde führte er seine Gäste in das große Wohnzimmer, wo ein feines Leinentuch und englische blaue Fayenceteller ihnen entgegenblitzten. Eine ungeheure dampfende Schüssel stand in der Mitte, und da Fische und Vögel trefflich gefunden wurden und Stureson und Stockfleth den besten Appetit zeigten, so verschwand bald der größte Teil der guten Speisen.

Das Flaschenfutter und der blanke Teekessel erschienen dann nochmals wieder, aber es war spät geworden, und nach einigen rasch geleerten Gläsern hielt Stureson es für Zeit, sich ins Bett zu begeben.

Im oberen Geschoß des Hauses war eine nette Kammer für ihn bereit, und lange noch, als er unter den weichen Decken lag, überlegte er die Verhältnisse und schlief endlich unter vielen angenehmen Vorstellungen ein.

 

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