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Am Hof Herrn Karls

Felix Dahn: Am Hof Herrn Karls - Kapitel 5
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typenarrative
authorFelix Dahn
titleAm Hof Herrn Karls
publisherBreitkopf & Härtel
seriesGesammelte Werke. Erzählende und poetische Schriften
volumeZweite Serie: Band 5
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IV. Herrn Karls Recht

Frau
Klara von Hase
 
freundschaftlich zugeeignet

 

I.

Hoch, herrlich und freudig hielt Herr Karl, der Kaiser, Hof in seiner Pfalz zu Aachen. Ja, auch freudig, trotz der großen Aufgaben, die von allen Himmelstrichen her auf sein Haupt gehäuft – oder von ihm selbst herangezogen – wurden: denn Herr Karl war größer als sie alle. Und seine all' überwindende Lebenskraft und Lebensfreudigkeit brach durch jene Lasten immer wieder wie Springquell durch Schutt und Geröll: beim hallenden Horn der Jagd zumal vergaß er rasch und völlig die Sorgen der Herrschaft: er liebte das edle Weidwerk.

So hatte er denn auch an einem Frühtag des von ihm so benannten »Winnemanoth« – des Mais – »den ganzen Palast,« Männlein und Weiblein, Laien und Geistliche, Palastgesinde und Palastgäste geboten und geladen zu einem großen Jagen auf all' das zahlreiche und mannigfaltige Wild, das sich damals noch in den Wäldern, Sümpfen und Heiden östlich von Aachen gegen den Rhein hin barg. Sieghaft hatte die Morgensonne bald nach ihrem Aufstieg die silbergrauen Nebel des Flußgeländes durchbrochen: trillernd grüßten sie, immer höher steigend, die Lerchen.

Schon lange hatte in dem von hohen Mauern und geschlossenen Toren rings umhegten Palasthof die große Menge der geladenen Jagdgäste sich geschart: die edeln Rosse stampften und scharrten, ungeduldig des Aufbruchs, die klugen, »Wild gehrenden« Hunde jeder Art, von den mächtigen »Bären-Stellern« zu den schlanken »Hirschjägern« und den schwimmkundigen »Bieberern« und »Otterern« gaben hell Geläut und zerrten die jungen Meutewärter vorwärts gegen die Tore hin. Zahlreich saßen schon im Sattel die Großen des Palastes, Kronvassen, Grafen: aber auch gar mancher Bischof, mancher Abt, den von dem kanonischen Jagdverbot ein höherer Amtsbruder entbunden hatte: oder wohl auch die eigene fröhliche Weidlust. Diener, Jäger jeder Jugend, jedes Alters füllten den Hof; zumal auch die Falkner, auf silberner, aber mit weichem Wolltuch überzogener Stange die noch gekappten edeln Jagdvögel tragend, den Wanderfalk von Island oder den scharfen Blaufuß von dem flandrischen Falkenwert: schrill gellte der den Kampfruf hervor.

Plötzlich schmetterten in das Wiehern und Scharren der Rosse, das Gebell der Rüden, das Schwatzen und Lachen der Jäger hinein zwei hallende Hornstöße von der obersten Stufe, der Balustrade der Porphyrtreppe des Hauptgebäudes: auf flogen von innen die Flügel der Doppeltür: über die Schwelle trat eine gewaltige Heldengestalt, um Hauptes Länge alle überragend: Herr Karl. Freundlich grüßend schritt er die Stufen hinab: da verstummte alles, auch der Hengste Gewieher und der Rüden Gebell. Hinter ihm drein wogte aus dem Innern des Palastes eine blendende Fülle von jugendlicher Schönheit: Herrn Karls wunderherrliche Töchter, die schönsten Mädchen – so rühmte man – in seinem weiten Reich, gefolgt von ganzen Scharen edler Jungfrauen, die auch – denn die Herrinnen hatten ja keinen Vergleich zu scheuen – aus den hübschesten Adelstöchtern am Hofe gekoren wurden: so huldreich wie vornehm dankten sie den jungen Palatinen, die ihnen, die Stalldiener zurückdrängend, eifrig die Hände unter die Sohlen hielten und ihnen so auf den Rücken der Pferde halfen, welche sie, wie Männer reitend, kräftig mit den Schenkeln umspannten. Herr Karl aber schwang sich ohne Hilfe auf den starken friesischen Eisenschimmel, der ihn mit freudigem Wiehern begrüßte, hob die Rechte, rief laut schallend »Hallhà, Hallhà!«, das Tor des Palastes drehte sich in seinen schweren Angeln und hinaus ins Freie brauste der laute, farbenprächtige, der freudige Zug.

 

II.

Nicht als Jäger, nur als Begleiter des Jagdzugs hatten sich angeschlossen zwei Geistliche, welche die eigne Gewandung und die Ehrerbietung des Gefolges als hohe Kirchenfürsten erkennen ließen. Nur den Anfang des Rittes machten sie mit auf ihren Maultieren: als die Sonne höher stieg, bogen sie im Eingang des Waldes links ab zur Seite in einen schattigen Talgrund, wo an dem Ufer eines silberhellen Baches die achteckigen Zelte von buntgestreiftem Linnen aufgeschlagen waren: hier sollte nach vollendetem Weidgang das Jagdmahl die Zurückkehrenden erwarten.

Der eine, der Dunkelhaarige, Schlanke, ließ sich von den Reitdienern aus dem Sattel helfen, der Blonde, Breitbrustige wies die diensteifrigen Hände zurück und schwang sich, trotz seines reifen Alters und der weißen Haare, leicht auf die Erde: »Nein,« lachte er, »alleweile reicht's noch vom Eselsrücken herab: vor kurzem war's auch vom Kampfhengst herunter nicht zu hoch. – Kommt nun, ehrwürdiger Bruder, – dorthin, in das zweite Zelt. In dem wollen wir die Rückkehr des Herrn Kaisers abwarten. Einstweilen kann ich Euch, Bruder Theodulf, gar manches, nach dem Ihr fragtet, beantworten, – vertraulicher hier, als in dem Palast, wo zehn horchen, wann einer spricht, – So, herein in das Zelt! Da ist ein Faltestuhl für Euch – ich, alter Jäger, sitze lieber auf des Herrgotts grünem Waldmoos.« Damit ließ er sich auf den weichen Rasen niedergleiten. »Nun, ihr Akoluthen, geht nur. Macht, daß ihr hinauskommt. Und draußen, – nicht horchen! Ihr hört durch die Wände, aber ich sehe durch sie.«

Als nun die Bischöfe allein waren, rief der ältere mit herzgewinnender Stimme, während die frischen blauen Augen freundlich auf den Genossen leuchteten: »Willikumm, Herr Theodulf! Mögt Ihr alles hier am Hofe finden, was Ihr sucht.«

Der Begrüßte, dessen dunkle Farben, feingeschnittene Züge und zierliche Gliedmaßen Beimischung romanischen Blutes bezeugten, antwortete der bajuvarischen Ansprache auf Lateinisch: »O Herr Arno, schon hab' ich unsagbar mehr hier gefunden als ich gesucht. Ich bin geblendet von all' dem Glanze des Palastes. Aber am meisten doch ...« – »Von ihm, von Herrn Karl! Ja, den muß man erst gewöhnen,« nickte Bischof Arno. – »Aber wie kommt's, daß Ihr erst jetzt den Hof aufsucht, doch lange schon dem Kaiser wert?« – »Ich fand viel Arbeit vor in meinem Bistum Orleans: geistliche und – weltliche! Diese hat mir des Kaisers eigner Sohn, Herr Ludwig, gar leidig gemehrt.« – »Da steht Ihr nicht allein,« lachte der Bischof. »Aber neben der vorgefundenen und aufgedrängten Arbeit macht Ihr Euch selbst viel andere – im Dienst der Musen: man rühmt Euch den ersten ›Poeta‹ der Zeit.«

Der Belobte winkte ab mit der kleinen, feinen Hand und lächelte: »Und wär' es wahr, – so wär's recht wenig. Was sind wir alle, selbst Abt Angilbert, gegen Vergil!« – »Das laßt nur nicht Freund Alkuin hören,« lachte der Bajuvare. »Der ist mir fast allzu fromm geworden, er bereut all' die Zeit, die er auf diese sündigen Heiden gewendet.« – »Nun, ich bereue sie nicht. – Es mag in meinem halb römischen Blute liegen.« – »Ihr seid doch Gote?« – »Ja, von der Schwertseite! Aber ... eine alte Sage unsres Hauses nennt flüsternd meinen Ahn Roderich, den letzten Gotenkönig, und meine Ahnfrau Domina Cava, die schöne Römerin.« – »Oh ich weiß! Man singt noch manch Lied von dieser heißen Liebe. Sie war so heiß, sie konnte die geistliche Segnung gar nicht abwarten. Der junge Gotenkönig pflückte sie gar rasch, die schönste Blüte von Toledo.« – »Mag sein: 's war Sünde, schwere Sünde! Vielleicht aber rührt daher des späten Enkels Freude an, – wie sag' ich nur? – am Glanz des Schönen!« – »Hm,« lächelte Herr Arno, »die Freude daran hätten andere Leute wohl auch. Aber Ihr könnt dieses Teufelszeug, das man schön nennt, nicht nur genießen, – auch selbst schaffen.« – »Ach, schlecht! – Aber mich daran berauschen, – ja! Ein fruchtreiches Tal, lachend im Sonnenschein, ein Heiligenbild auf Goldgrund am Rand einer Handschrift, der Bau Herrn Karls – und Einharts! – an der Marienkapelle dort neben dem Palast, der Klang der römischen Orgel darin: – sie entzücken mich. Aber auch – wovon ich anhob! – der Glanz, die Lebenspracht an diesem Hof! Wie sie da aufbrachen zur Jagd, die Mädchen, die Männer, Herrn Karls herrliche Töchter, ihre Jungfrauen, die Palatine, ihre Tracht, die prachtvollen Rosse, die ...« – »Ja, ja,« schmunzelte der Bayer, »'s ist schön. ›Argschön‹ sagt man bei uns an der Salzach. Manchmal zu schön, murren manche Leute.« – »Kann etwas auf Erden auch zu schön sein?« – »Ei, das kommt darauf an. Ich kann viel davon vertragen, – andre nicht. Da ist König Ludwig ...« – »So? Nun im Vertrauen: gerade gegen den zu klagen und wie er waltet in seinem Aquitaine«, – deshalb kam ich her. Wir haben Güter dort: er sollte doch einsehen, daß Thron und Reich beruhen auf den kleinen Freien, die sein weiser Vater schützt: er aber unterdrückt unsere Freibauern, verschenkt sie als Eigene an ...« – »An seine Schmeichler und Aussauger. Auch hier am Hof: da ist der Abt Castinus ..., nun, findet sie selbst heraus. Ich mag sie nicht angeben. Aber König Ludwig und seinen Nächsten, rat' ich, deckt sie nicht auf, Eure Freude an dem ›Schönen‹, wie Ihr sagt, an sündiger Weltlust, wie jene schelten. Und leider! muß man zugeben: an diesem Hof geht's manchmal allzu – nun, man darf schon sagen: allzu lustig zu. Habt Ihr schön Rothtrud gesehen, des Kaisers älteste Tochter, auf ihrem Rappen und an ihrer Seite den Grafen Rorich von Maine?« – »Ja! Welch prächtig Reiterpaar!« – »Und auch sonst ein Paar! – Und Bertha, die blonde, üppige, des Vaters stolzes Ebenbild?«

Theodulf nickte freudig: »Und an ihrer Linken Abt Angilbert von Saint Riquier. Sie sprach so geheim zu ihm von Sattel zu Sattel, als wollte sie ihm beichten!« – »Nicht nötig!« lachte Herr Arno. »Er kennt ihre süßesten – nein, wohl ihre einzigen – Sünden: er hat sie mitgesündet.« – »Ei, ei! – Und was sagt der Herr Kaiser hierzu?« – »Nichts sagt er! Verheiraten will er seine schönen Töchter nicht und sie hergeben, weil er – wie Ihr, Herr Poeta! – sich gern an ihrem Glanze sonnt. Und die Wahrheit ist: es fehlt seit dem Tode von Frau Hildigard, – des einzigen Weibes, das er wahrhaft geliebt! – den Mädchen die Mutter, dem Palast die Zucht der Hausfrau. So treiben es denn Pfalzfräulein und Palatine so, – nun so unbefangen, daß die heilige Mutter Kirche ihre beiden sonst so scharfen Augen zudrücken muß: denn mit ihrem größten, aber etwas eigenwilligen Sohne darf sie's nicht verderben. Ich, ich sag' ihm wohl zuweilen die Wahrheit, aber mit mehr Zorn als Erfolg. So läßt er's am Hofe gehen wie es geht. Und es geht recht lustig! Denn dem Beispiel der Töchter – Herr Karl sieht an ihnen nur die Schönheit! – folgen gar viele ihrer Edelmädchen. So daß König Ludwig – der ist nun wieder allzufreudenfeindlich! – ein Kapitular durchsetzte beim Kaiser, ...« – »Ah, ich weiß: ›über die Zucht im Palaste‹.«

»... Wonach ein Palastfräulein, das, unverlobt, geheimen Verkehrs überführt wird mit einem Geliebten, auf Lebenszeit ins Kloster wandert, dem all ihr Gut verfällt, wie der Buhle vermöncht wird. Da ging laut Wehklagen durch unsre Palast-Täublein! Gar manches Kloster aber freut sich vielmehr der holden Sünderinnen als der Unsträflichen und segnet das Kapitular und Herrn Ludwig.«

Bischof Theodulf zuckte die Achseln. »Ja freilich, Poesie und Unzucht sind zweierlei. – Aber sagt, ist es wahr, daß König Ludwig von seinem Vater verlangt hat, der solle die alten Sagen ins Feuer werfen, die er sorgfältig hat aufzeichnen und sammeln lassen?« – »Ja, verlangt hat er's einmal. Aber er tut's gewiß nicht wieder! Herrn Karls Zorn zweimal reizen, – das wagt nicht der eigne Sohn. Und ohnehin ist wenig Liebe lebendig zwischen Vater und Sohn: allzugroß und stark ist jener, allzuklein und schwach dieser. Er hat kein Mark. Er läßt sich leiten, ohne Leitung kann er nicht einen Schritt gehen. Ein Glück, daß der Himmel Herrn Karl zwei andere Ehe-Söhne gegeben hat ...« – »Den gleichnamigen, Karl, den tapfern, und Pippin, den klugen Feldherrn,« nickte Theodulf. – »Wehe dem Reiche, stürben sie vor dem Kaiser.« – »So schwer wird uns der Herr nicht strafen! Ich kenne den Sohn Karl gut: er pflegte im Herbst bei uns an der milden Loire der Wunden, die er im Sommer bei seinem Sieg über eine Slavenhorde in Böhmen davongetragen: Eure Nachbarn sind's, Herr Bajuvare: die Tschechen.« – »Verschlage sie der Donner; die Viehdiebe, die stumpfnasigen!« rief Herr Arno zornig. Dann bekreuzte er sich und sprach: »Heiliger Hrudpert, bitt' für mich! – Verzeiht auch Ihr mir Sünde und Ärgernis, Herr Amtsbruder!« – Aber der lachte und fuhr fort: »Der Wunde hatte bei sich einen jungen Helden, den liebte und lobte er gar sehr.« – »Ja, ja,« nickte der Bischof von Salzburg, »den Grafen Heertrost von Verdun!« – »Ein junger Adler! Der war auch getroffen worden von einer Wurfkeule jener Räuber, als er den Kaisersohn mit seinem Leibe deckte und ihm den schwankenden Sieg erkämpfen half. Herzlich dankte ihm der junge Karl und er liebt ihn wie einen Bruder.« – »Wohl wärmer als – Herrn Ludwig! Ist auch leichter.« – »Und reich dankte dem Helden der Vater, gab ihm in jungen Jahren – gleich nach jenem Sieg – die Grafschaft und die Feste von Verdun! Ich meine, ich sah ihn unter den Jägern?« – »Ja, neben einer vielschönen Jungfrau ... Aber horch! Vom Rhein her tönen die Hörner! Die Weidgäste kommen zurück. Wenigstens die Frühesten! Auf, ihnen entgegen!«

 

III.

Während, wie Bischof Arno richtig erkannte, die meisten Jägerinnen und Jäger die Zelte aufsuchten, fehlten doch gar manche, die Jagdeifer oder Verirrung vom gebahnten Wege noch fern hielten. Zu diesen zählte wohl auch ein junges Paar, das sich mit ganz erstaunlichem Fleiße der edeln Falkonierung hingegeben hatte. Gar bald, nachdem man sich den Altwässern des Rheines genähert hatte, in denen Reiher und andere Stelzer und Wasservögel in Menge fischten, hatte ein gar stattlicher junger Palatin, den Fürstin Bertha mit schalkhaftem Lächeln eine ihrer Pfalzjungfrauen »zu behüten« beauftragt hatte, dem Falkenträger den Jagdvogel abgenommen und ihn wie alle Begleiter an die Zelte zurückgeschickt.

Der Weg an die besten Reiherstände führte in das dichteste Ufergebüsch, wo Erlen und Weiden in undurchdringbares Schilf übergingen, zuweilen auf der Landseite überragt von uralten Eichen. Eine gute Strecke vom verschwindenden Pfad ab rheinwärts trabten noch der weiße Zelter der Jungfrau und das Braunroß des Reiters: nun waren beide ganz von Busch und Baum umhegt: nichts regte sich: nur aus dem Uferschilf klang herüber der melodische Ruf des scheuen Rohrsängers. – Da hielt der Reiter beide Pferde an und nach einem langen, vorsichtig spähenden Blick nach rückwärts sprang er ab, setzte den bekappten Falken auf das Moos, warf seinen dunkelgrünen Jägermantel über ihn und eilte stürmisch zurück an die Seite des weißen Paßgängers: hier ließ er sich auf ein Knie nieder und hob beide Arme zu der Reiterin empor, die sich anmutig, aber sehr scheu, zu ihm niederneigte, daß die Wellen des blonden Haares aus dem blauen Seidenband ihrer Stirn zu ihm herabfluteten.

»Endlich!« flüsterte er hinauf. »Endlich allein, Milta! Nun laß uns – einmal! – zum Abschluß kommen. Wie lang ersehn' ich diesen Augenblick! Die Merker, die Späher im Palast sind ja überall. Noch immer harr' ich auf dein letztes, dein bindendes Wort, Deinen Muntwalt hoff' ich zu gewinnen: freilich wann? Siech liegt der Alte im fernen Bordeaux. Aber was kümmern und was helfen mich alle Muntwalte des Frankenreiches! Dein Ja, dich muß ich gewinnen! Und so bitte ich dich und frag' ich dich, Milta: ... ich darf ja wohl hoffen, du bist mir – ein klein wenig! – gut. Aber ist es dir todesernst wie mir? Was auch kommen, hemmen, drohen mag, willst du dich mir verloben? Jetzt – in dieser Stunde – im Angesicht von Gottes heller Sonne? Bist du meine Braut vor Gott von Stund an? Soll's auch dein Muntwalt hören? O sprich, sprich! Laß mich nicht qualvoll harren! Die Stunde drängt: wir müssen zurück! O sprich!« Und er sprang auf und schlang die beiden Arme um den schlanken Leib. – Da beugte sich das schöne Mädchen noch tiefer herab und drückte leise, ganz leise einen Kuß auf seine Stirn: »Ja,« flüsterte sie, »Heertrost, mein Trautgesell, dein bin ich, dir anverlobt vor Gott und seiner Sonne.« – Nun bog er ihr Haupt herab und küßte sie dreimal auf den Mund: »Verlobt und verbunden für immerdar,« sprach er feierlich.

»Horch! Was war das?« rief sie, erschrocken sich aufrichtend. »Dort – bei der Eiche ... der Donarseiche – nein, Sankt Hubertuseiche muß man jetzt sagen.« – »Jawohl, ein Fußtritt ... es knackt in den Zweigen,« sprach Heertrost scharf hinblickend. »Aber es war nur ein Hirsch ... ein weißer, sieh ... da bricht er flüchtig durch die Weiden,« – »Nun komm, rasch zurück,« mahnte Milta. »Noch dürfen sie nichts merken, bis du meinen Muntwalt ...« – »Wohl! Aber wann, wo seh' ich dich wieder? Und allein?«

Einen Augenblick sann sie nach: dann sprach sie: »Ja, manches ist noch zu bereden: du mußt zu meinem Muntwalt eilen, mußt ihm einen Brief meines Vaters geben: – ich hab' in der Truhe im Palast einen Brief, darin er – kurz vor seinem Tod – meinen Ehebund mit dir ihm empfahl. Deshalb – den Brief muß ich dir geben, – muß es ... für einmal! ... heimlich sein. Dann nie wieder!« – »Schon recht! Aber wann, wann?« – »Nächsten Sonntag Nacht hab' ich in dem Saal vor dem Schlafgemach der Fürstin Bertha die Nachtruhe ...« – »Nun, aber die Fürstin?« – Da lächelte die Jungfrau und errötete ein wenig: »Sie wird uns in jener Nacht erst ganz spät stören. Sie ... sie betet dann in Abt Angilberts Kapelle.« – »Gott geb' ihr lange Andacht!« lächelte Heertrost. »Noch einen Kuß! Nun komm, Herr Falke: leicht war heut' dein Beizwerk.« Und er hob den Mantel, warf ihn über die Schultern, setzte den Vogel mit dessen »Händen« auf die rechte Faust, sprang in den Sattel und eilfertig sprengten beide auf dem kaum wahrnehmbaren Pfad durch das Weidengebüsch auf die Jagdstraße zurück.

Alles war still an dem Ort des glücklichen Verlöbnisses: der Rohrsänger sang noch immer fort: und jetzt freute sich hoch in den Lüften auch eine trillernde Lerche der Sache. Auch einsam schien es hier. Aber es schien nur so. Nachdem der Hufschlag der beiden Pferde verklungen war, trat hinter dem breiten Stamm der Eiche ein Mann hervor: der nickte leise vor sich hin mit dem Haupt. Dann folgte er langsam den eilenden Rossen.

 

IV.

Nachdem das Weidmahl in den Zelten beendet war, setzte sich der ganze Zug der Reiter und Fußgänger wieder in Bewegung und kehrte nach Aachen in das Palatium zurück.

Offenbar absichtlich verlangsamte den Schritt seines reichgeschirrten, mit Purpurquasten am Kopfe geschmückten Maultieres ein höherer Geistlicher, den seine Ordenstracht als Abt eines Benediktiner-Klosters, das glänzende Schwarz der Augen aber und des Haares, sowie die olivenbraune Hautfarbe als Romanen aus Südgallien erkennen ließen. Seinen Rittgenossen, der auf mächtigem Rapphengst rascher vorwärts drängte, haschte er jetzt mit der Rechten an dem braunen Jägermantel und bedeutete ihm mit kaum merklich gehobenem Finger, die nächsten Berittenen vorüber und voraus zu lassen. Bald zählten sie so zu den letzten des Zuges, der nun aus dem Jagdwald hervor auf die alte, noch gut erhaltene Römerstraße von Düren nach Aachen gelangte. Der Abt sah vorsichtig zurück: dann begann er: »Hier kann niemand horchen, wie in der Pfalz. Und Geheimnis ist notwendig, soll's gelingen. Freund Wintrio aus Schwabenland, getreuer und eisenfester Schirmvogt nicht meines Klosters, nein, Sankt Severins selbst ...«

Bei diesem Namen schlug der waffenklirrende, hünenhafte Reiter ein ungefüges Kreuz über den breiten Ringpanzer der Brust und sprach andächtig: »Der möge mir im Jenseit vergelten, was ich alles diesseit des Grabes für ihn getan – 's ist recht viel! – und noch tun werde mit Schwert und Speer, gibt er mir recht langes Leben. Amen.« – »Das wird er sicher tun: die Heiligen sind weder vergeßlich noch undankbar.« – »Dafür sind's Heilige,« brummte der Riese in seinen breiten, rotbraunen Bart. »Wäre auch ganz abscheulich – gar nicht heilig! – von ihnen, wollten sie – beispielshalber! – vergessen, wie ich die frechen Seeräuber, die Araber, aus Sankt Severins Weingärten an der Garonne vorigen Herbst vertrieb. Noch schmerzt der Pfeilschuß – mit heidnischem Widerhaken! – in der Hüfte.« – »Die Wunde wird Euch reich vergolten, – noch im Diesseits.« – »Ist mir auch lieber. Denn was ich drüben eigentlich verlangen soll, – unter all den Seraphen und dem Harfenzupfen – das ist mir wie ein Nebel auf dem Bodensee.« – »Man wird das für Euch wählen.« – »So? Wenn's mir dann nur taugt!« – »Aber nun merkt auf! Was ich Euch neulich zuraunte als Vermutung, – heute ward mir's gewiß. Die beiden – sie lieben sich, in sündiger weltlicher Liebe.« – »Hm, kann's ihnen nicht verdenken, allen beiden. Der Bub' ist frisch und das Maidle, – na, ich wär' ihm auch nicht feind, Herr Abt Castinus.« – »Mag Euch Sankt Severin solch' sündige Wallung vergeben! Was kümmert seinen Klostervogt ein hübsches Lärvlein? Wollt Ihr die reichen Güter dieser Damicella dem Heiligen als Allod und – merkt fein auf! – Euch selbst als Vogteigut gewinnen? Wollt Ihr? Oder soll der Bräutigam all' das unter ihrem Kopfkissen finden am Morgen nach der Hochzeit?« – »Ist mir schon lieber, der Heilige und ich teilen uns darein. Sind prachtvolle Jagdwälder – kenne sie ja! – wimmeln von Rot- und Schwarz-Wild. Und der Wein auf den sonnigen Hügeln der Garonne – whiff!« Er schnalzte mit der Zunge und strich die bärtigen Lippen. – »Und obenein – hinterher auf Sankt Severins Fürbitte – die ewige Seligkeit.« – »Ja ..., aber die eilt nicht.« – »Nun, die Fürbitte könnt' Ihr brauchen, mein' ich, tapferer Vogt. Küssen sonder Ehering, jagen am heiligen Sonntag, saufen und fluchen an allen Tagen, ein bischen Totschlag aus Jähzorn ...« – »Hört auf!« bat der Starke gar kläglich. »Ich weiß das ja: alles! Und noch mehr!« – »Nun also! Helft, die beiden überführen: dann verfällt – nach dem neuen Kapitular – das ganze Erbe des schuldigen Pfalzfräuleins dem monasterium loci ...« – »Was ist das für ein Ding?« – »Dem jenen Gütern nächst gelegenen Kloster.« – »Ah, und das sind wir: Vogt Wintrio, Abt Castinus und ...« fügte er ganz erschrocken bei ... »vor allem Sankt Severinus von Bordeaux.« – »Aber dazu müßt Ihr wachen und sie greifen auf handhafter Tat. Ich habe ja – leider! – jede Nacht Klausurzwang in dem Flügel der Priesterwohnungen des Palastes. Euer Hospitium aber – eine Fügung Gottes! – liegt gerade gegenüber den Schlafkammern der Fürstinnen und ihrer Pfalzjungfrauen. In einer der nächsten Nächte wird – ich glaube des sicher zu sein! – der Tauber einfliegen bei dem schmucken Täublein: er muß aber auch wieder zurück: dann stellt Ihr ihn mitten in dem Pfalzhof, mit Gerüste, so laut wie möglich. Und ich klage dann, gestützt auf Euer Zeugnis, vor dem Hofgericht.«

Verdrießlich fuhr der Hüne mit den Knöcheln der Rechten quer über die breite Stirn und strich die aus dem Jagdhut hereinhängenden Haare zur Seite: »Oh je! Ein schlecht Geschäft für meines Vaters Sohn! Ich tauge besser zum Dreinschlagen als zum Auflauern. Auch bin ich schlafsam. Bleibt der Tauber lange beim Täublein, – leicht fallen mir darüber die schweren Augen zu.«

Ungeduldig grollte der Abt: »Wollt Ihr die Weingüter verschlafen? Und die ewige Seligkeit dazu und Sankt Severins Gnade, dem Ihr sein Recht verschnarcht? Gut: Dann muß ich einen andern! ... Herr Karl ersetzt gar geschwind Vögte, deren Eifer einschläft.« – »Neina, nein! Seid doch nicht gleich so scharf wie Wespenstachel. Ich will's ja tun! Nur betet, daß mich der heilige Geist – oder auch sonst irgend jemand – wach erhält. Zumal Sankt Severin! Der kann doch auch mal was tun für sein Kloster. Ist doch nur ein ganz schwach Wunderlein für einen so starken Heiligen. – Aber nun: Trab! Sonst trinken sie uns das Beste vorweg vom Nacht-Trunk in der Pfalz. Trab!«

 

V.

Am folgenden Morgen brach Herr Karl auf aus dem Palast und begab sich mit kleinem Gefolge nach ...? Ja, das wußte niemand zu Aachen. Er liebte es, gleich seinem Freund Harun Arraschid, plötzlich, überraschend, bald hier, bald dort in seinem Reich aufzutauchen und, sein eigener Königsbote, sich von den Zuständen in den Provinzen, von der Verwaltung zu unterrichten durch Augenschein. Auch nahm er gern fern von Aachen und dem Hof die Berichte seiner Sendboten aus entlegenen Marken entgegen, deren Anklagen dann den Ungewarnten auf dem Reichstag plötzlich vorzuhalten. So erfuhr auch diesmal niemand zu Aachen Ziel oder Dauer der Reise. Zu seiner Vertretung im Palast hatte er den einzigen anwesenden seiner drei Söhne bestellt, König Ludwig, der aus seinem Aquitanien herbeigerufen war, sich gegen mancherlei Anklagen seiner Untertanen zu verteidigen.

Das Erste, was der Sohn nach dem Abritt des Vaters tat, war, daß er die für die nächsten Tage geplanten Feste absagte und seinen Schwestern mündlich empfahl, während der Abwesenheit des Kaisers sich still in ihren Gemächern zu halten, diese nur behufs geistlicher Übungen in den Kapellen des Palastes zu verlassen.

Nach dieser Ansprache warf die stolze Rothtrud das reich flutende rotbraune Haar in den Nacken und blitzte ihn an mit zornigen Augen: »Mir hat Alexander Zacharias, der weise Arzt, befohlen, jeden Tag ein paar Stunden zu reiten: wohl zur Bändigung meines Blutes,« lachte sie: »Mein comes stabuli hat vom Vater den Auftrag, mich dabei treulich zu begleiten. Kommt rasch, Herr Graf von Maine! Die Gäule wiehern und scharren ungeduldig im Hof. Auf und davon, zu Roß und zu Feld! Wer will uns einholen? Ihr nicht, Herr Bruder!«

Die hochbusige Bertha, des Vaters Ebenbild im blonden wellig rieselnden Haar sah dem Erzürnten, der die schmalen Lippen kniff und der ungestüm hinaus Rauschenden in ohnmächtiger Erbitterung nachschaute, spöttisch lächelnd in das fahle, schon so früh faltenreiche Gesicht, machte ihm eine zierliche Verbeugung und lächelte fein: »Gestrenger, beinah' heiliger Herr Bruder, König und Gebieter! Du weißt, dein Wunsch ist mir Befehl. Ich wollte nur Sonntags meine Andachts-Übungen mit dem ehrwürdigen Abt von St. Riquier betreiben: aber nun, gehorsam deiner Mahnung, will ich, solang der Vater fern, den frommen Abt jeden Abend in seiner Hauskapelle aufsuchen.« Und mit seltsam seligem Lächeln schlüpfte sie hinaus.

Heftig fuhr Herr Ludwig auf und runzelte die Stirn: »Wartet nur,« raunte er heiser, »ihr kecken Katzen. Sobald er die Augen geschlossen, der Alte, der euch maßlos verzog, wandert ihr mir flugs ins Kloster. Alle! Aber der Alte ... sie sagen's alle: er ist ja viel jugendlicher als ich! Es dauert lange ... Wer weiß, wie lange noch? ...« Da erschrak er über seinen eigenen häßlichen Gedanken, schlug mit der Hand ein Kreuz über die schmale Brust und flüsterte: »Ach, das vierte Gebot! Sankte Martine! Vergiß, vergib. Ich schenke dir die drei Höfe der Krone zwischen Tours und Loire, die du jüngst im Traumgesicht von mir begehrt. Sie seien dein! Aber vergib, vergib!«

 

VI.

Die Nacht des Sonntags war herangekommen. Der fast gefüllte Mond flutete durch leichtes Gewölk und verbreitete sein mildes Licht auf den geräumigen, rings ummauerten Hinterhof des Palastes. Eintönig goß der mächtige, in ein braunes Marmorbecken mündende Brunnen in der Mitte des weiten Vierecks, das auf drei Seiten gewölbte Bogengänge umgürteten: auf der vierten, der Südseite, ward die Hofmauer in der Mitte unterbrochen durch eine eiserne Gitterpforte, die in den stundenlangen parkähnlichen Garten führte, dessen hohe Baumwipfel, dichtes Niedergebüsch überragend, ihre Schatten über die Mauer bis auf das Hofpflaster warfen. Und mit dem Mondlicht und mit dem Wipfelschatten drang aus dem Garten auch herein das heiß werbende Lied der Nachtigallen: liebevoll schützte ihre Nester Herr Karl, scharf ahndete er die Nachstellung: »mein Pfalzfriede muß auch die Pfalzvöglein decken,« meinte er. Aber sonst war alles still: nur Bronnenrauschen und Nachtigallenlied. Denn es ging gegen Mitternacht: schon ziemlich lange war es, daß der Wart des »Uhrturms« elf Schläge getan mit dem Schlägel von Cedernholz auf ein kunstvoll getriebenes bauchiges Bronze-Becken arabischer Arbeit: – ein Geschenk Haruns »für den großen Sultan des Abendlandes«. Nach elf Uhr mußte gemäß Herrn Ludwigs neuestem Pfalzgebot alles Leben ruhen in diesen weiten Bauten: auch die meisten Öllämplein in den zahlreichen Gemächern erloschen: nur in den Kapellen glimmte fort »das ewige Licht«.

So war es auch dunkel in der Kammer, wo Vogt Wintrio einsam Wache hielt: er hatte gar nicht Licht gemacht an dem schönen Mai-Abend: »Herr Mond,« hatte er zu sich gesprochen, als er bei Einbruch der vollen Dunkelheit sich hinter dem dicken Pfeiler des einzigen Fensters auf einen weichen, breiten Stuhl gleiten ließ, »Herr Mond zeigt mir deutlich genug den ganzen Hof und die Tür, die da drüben in den Bau der Edeljungfrauen führt. Und – ein Stockwerk über dem Erdgeschoß – ein gewisses schmales Fenster. Man braucht da drüben nicht zu merken, daß hier üben jemand so merksam wacht. Ja, ja: ›wachsamem Wächter hilft der Himmel‹, 's ist ein gut alt Wort.« So lobte er sich selbst, behaglich sich reckend. Dann griff er nach dem Silberhumpen, der neben dem Stuhl auf niederem Marmortischlein stand und schenkte ihn voll aus der hohen ehernen Amphora daneben: es war nicht das erste Mal! Verächtlich schob er zur Seite einen mächtigen irdenen Henkelkrug auf dem Estrich: »Brr! Eitel elend Quellwasser! Der übernüchterne Aquitanier trinkt nur »gemischt« und meint, schwäbische Männer sind auch so kastinisch und kasteilich. Wäre Schade um den köstlichen Tropfen, den dunkelroten, fast schwarzen. ›Von der Garonne!‹ ließ er bedeutungsvoll sagen durch den Akoluthen, der den Trank brachte. Er will mir die Rebgüter dort im Süden durch die Gaumenprobe empfehlen, mich zur Wachsamkeit zu mahnen. Nun, soll nicht dran fehlen! Zwar eigentlich,« gähnte er, »warum mein heiliger Abt wohl darauf besteht, ich soll den guten Buben erst bei seinem Rückgang abfangen? Es wäre doch viel heiliger, ich ließe ihn gar nicht erst hinein zu dem süßen Jungfräulein. Und dann brauchte ich nicht so widernatürlich lang wach zu bleiben. Denn ist er einmal drin, wird's ihm nicht eben eilen mit dem Scheiden. Ah, der beneidenswerte Schlingel.«

Damit lehnte er das schwere Haupt zurück an die Lehne des Stuhls. Und abermals gähnte er: »Gähnen darfst du, Wintrio, Guter, soviel du willst. Aber nur nicht ... einschlafen. Bei Leibe nicht! Denn der Abt ... und die Weingärten ... und die Jagdwälder ... und die ewige Seligkeit! ... Ich bin ja auch ganz wach: das da ist mein Fenster ... und das da drüben ist ... Ich weiß noch alles ... nur nicht einschl...«

 

VII.

Und der Mond stieg und stieg. Der Brunnen goß nach wie vor. Auch die Nachtigallen sangen noch: aber seltener. Da ward an dem Kammerfenster gegenüber dem Vogt eine schlanke Jünglingsgestalt sichtbar, die vorsichtig den ganzen Hof überblickte und sich dann rückwärts in das Gemach bog: »So muß ich wirklich schon fort? Wirklich? Du meinst, Fürstin Bertha kann jeden Augenblick zurückkommen? Daß die Pforte jetzt unten gesperrt ist? Bah, ich springe, Du meinst, wegen deines Muntwalts sei ja nun alles beredet? Ob ich auch deines Vaters Brief habe? Ja, hier im Gürtel. Nun sei alles in Ordnung? Nun ja, morgen reite ich ab nach Bordeaux, ach, zu langer Trennung. Und schon gehen? Kaum daß ich ein paar Küßlein ... Viele, meinst du? Ich hab' sie nicht gezählt. Ach Liebe heischt ganz Andres noch! Aber, ich gehe ja schon. Leb wohl, mein Lieb!« Ein Sausesprung von dem Fenster herab in den Hof: der Sprung war leicht, unhörbar: aber das Schwert! Klirrend fuhr dabei die schwere Klinge aus der Scheide und schlug hell tönend auf die Granitplatten des Pflasters. »Wehe!«, klagte das Mädchen, sich weit aus dem Fenster beugend, »hast du dich verletzt?«

Aber statt der Antwort scholl da eine verschlafene Stimme aus dem Fenster gerade gegenüber: »Hei, hei, heio! Verfluchter Schlaf! Hineinschlüpfen sah ich ihn nicht – aber heraus! Und jetzt hab' ich ihn!« Und rascher als man dem Rundlichen zugetraut hätte, war er die wenigen Stufen hinab, zur Tür hinaus, schon stand er im Hof: »Halt! Halt Dieb! Diebio!« Damit lief er über das Viereck des Hofs dem Flüchtling nach, der, einen Augenblick niederknieend nach seinem Sprung, das Schwert aufgerafft hatte und nun eiligst der Gartentür zurannte: hier säumte er ganz kurz: dann riß er sie auf und war draußen verschwunden. Wohl war jetzt auch der Verfolger zur Stelle: mächtig riß er an der eisernen Türklinke: aber umsonst! Der Fliehende hatte flugs den Schlüssel von innen abgezogen und nun das Schloß von außen gesperrt. Voll Ingrimms rüttelnd an dem festen Eisen sah der Vogt, durch das Gitter spähend, einen Schatten in dem dichten Rainweidengebüsch draußen verschwinden. »Entwischt! Beim Bodensee! Aber ich sah ihn vor ihrem Fenster am Boden knieen und hörte sie zu ihm herunterrufen: ich kann's beschwören, Sankt Severin!«

 

VIII.

Früh am andern Morgen stand der Vogt vor seinem Abt in dessen »cubiculum« und erstattete Bericht über seine nächtliche Wache und Verfolgung – mit mancher Verschweigung. Mit schlauem, ein wenig schuldbewußtem Augenblinzeln trachtete er über seine Verschlafenheit hinwegzugleiten: – mit wenig Erfolg! Der seelenkundige Priester – und in diesem Fall war gar nicht viel Beichterfahrung vonnöten! – der, lebhaft erregt, in dem schmalen Gemach auf und niederging, warf, so oft er den Erzähler kreuzte, einen ärgerlichen, mehr als mißtrauischen Blick auf ihn. Endlich sprach er, kopfschüttelnd, hart vor ihm stehen bleibend: »Ich verstehe bloß nicht, – oder nur allzugut! – weshalb Ihr den Verführer nur herausspringen, nicht auch hineinschlüpfen saht?« Aber auf diese Frage hatte sich der wackere Vogt vorbereitet, so lang er – wieder! – wach war: so antwortete er ganz geschwind und keck: »Das kam, weil ich über etwas sehr scharf nachdachte –: vermutlich gerade bei seinem Einschlüpfen.« – »Über was, wenn man fragen darf?« forschte Castinus mit einem spöttischen Zucken der Mundwinkel. – »Über die Tugenden eines guten Wächters. – Und übrigens – mit Verlaub! –, wenn ich beschwören kann, daß ich einen habe heraus kommen sehen, wird das hohe Gericht wohl annehmen müssen, daß vorher einer hinein gegangen war.«

Das schien doch einleuchtend. Aber der Abt war nicht zufrieden: »Könnt Ihr – oder wollt Ihr! – also wirklich nicht beschwören, daß er – gerade der! – es war? Der Mond schien doch hell genug! Und dafür spricht, wie die Canones sagen, die »praesumtio«.« – »Die Frechheit – denn das heißt doch das lateinische Wort? – geht aber doch nicht so weit, daß ich einen Kerl, den ich nur im Rücken gesehen habe, im Gesicht soll erschaut haben. Ein Schwur ist kein Mausedreck – mit Achtung äbtlicher Würde zu sagen. Eitel schwören, – das tut meines Vaters Sohn nicht, heiliger Herr. Nicht für alle Rebgüter Galliens. – Obwohl jener Nachttrunk gar süffig war.«

Der Abt machte Halt in seinem eifrigen Auf- und Niedergehen und sann nach. »Es wird reichen, sollt' ich meinen. Wenigstens vor Herrn Ludwig. Der ist mir gewogen: stets folgt er meinem Rat: (denn irgend eines Rat muß er nun einmal folgen!). Und er kann es nicht ausstehen, das weltliche Treiben seiner Schwestern und ihrer Pfalzfräulein. Dank den Heiligen, die Herrn Karl entführt haben – »a la buon' hora« sagt man bei uns an der Garonne. Aber Eile tut Not: das Pfalzgericht muß entschieden haben, bevor er zurück. Kommt sofort mit zu König Ludwig.«

 

IX.

Noch bei klimmender Sonne – bevor sie die Mitte des Tages erstiegen – trat das Königsgericht zusammen. Seine Dingstätte war der andre, dem Pfalzgarten entgegengesetzte, der nördliche Hof des Palastes, der, erheblich größer, ebenfalls viereckig, wie der ganze umfangreiche Pfalzbau, von Mauern umhegt, durch sein Tor auf die große Hauptstraße in das Städtlein führte, das größtenteils aus zu dem Palast gehörigen Gebäuden, aus nur wenigen Privathäusern von Kaufleuten und unsteten Handwerkern bestand. Zehn Stufen aus prachtvollem dalmatinischen Marmor führten zu der breiten Balustrade hinan, die sich vor den drei Eingangstüren des Hauptgebäudes von Osten nach Westen zog, ausgiebigen Raum gewährend für den Richterstuhl des Herrschers in der Mitte, gerade vor dem breiten Haupttor, während auf beiden Seiten daneben vor den schmäleren Türen rechts und links die mit weichen kostbaren Hüllen bedeckten Holzbänke für die Urteilfinder aufgestellt waren.

Zahlreiche geistliche und weltliche Große hatten sich schon eingefunden, zum Teil noch im Hof unten vor den Stufen hin und wieder wandelnd, zum Teil bereits ihre Plätze auf den Urteilbänken einnehmend oder suchend. Zu diesen zählten auch die Bischöfe von Salzburg und von Orleans.

»Seht,« sprach jener, »gar rasch sollt Ihr selbst ein klein Gefecht erleben aus dem großen Kampf der widereinander flutenden Strömungen an diesem Hof: hier die allzuscharfe, mönchische Strenge und Herr Ludwig, – dort die allzuweltliche Lebensfreude und Herr Karl. Die Angeklagte – ist ein gar hold Geschöpf nicht wahr? Ich zeigte sie Euch auf dem Jagdritt. Und nicht leicht werd' ich Arges von ihr denken: ihr Vater, der wackere Seniskalk Audulf, war (neben Markgraf Roland, der bei Ronceval liegt) Herrn Karls liebster Held: man sagt, er habe dem Kaiser einmal das Leben gerettet dort in Sachsenland: das bleibt der Tochter unvergessen: denn der große Karl hat ein dankbares Herz! – Schlimm ist's für sie, daß nun Herr Ludwig ihr Richter.« – »Nun, aber nicht er hat das Urteil zu finden, nur das Ding zu hegen. Das Urteil fällen wir. Und hart müßt' es kommen, bis ich hinter diesen reinen Zügen Unreines verhohlen glaubte. Bei allen drei Grazien und neun Musen ... –«

– »Das sind zwölf gute Eidhelferinnen,« lächelte Arno. – »Als Ihr sie mir – als die Schönste nach den Karlstöchtern – zeigtet auf ihrem weißen Rößlein, da hat sie noch viel wärmer als dem Bischof von Orleans dem Poeta Theodulf gefallen.«

Der Salzburger schüttelte das ehrwürdige Haupt: »Mir ist bang um das Mädchen! Was Habgier leisten kann – mönchische: die ist ärger als laienhafte – das wird geleistet gegen sie. Ich kenn' ihn, den Abt von Sankt Severin, diesen echten Welschen. Wenig – Gott verzeih' mir's! – lieb' ich ihn. Wäre die Schlanke nicht so reich, – nichts kümmerte ihn ihr Wandel bei Tag oder Nacht. Aber kommt nun! Setzen wir uns! Da wogt schon die Stufen hinan das Gedräng der palatinischen Urteiler, Laien und Priester. Da seht: – dort aus der rechten Pforte des Palastes schreitet Herr Baltfried, im weißen Bart, der greise Pfalzgraf, die vorbereitete Urkunde in der Hand und das große Siegel; aus der Linken da drüben Hitherius, der Archikapellan, mit seinem Schreibervolk, das ihm die Urnen mit den Kapitularien trägt. Nur Herr Ludwig fehlt noch: – er kommt zu spät, wie immer und überall. Wann ist der je zu rechter Zeit gekommen!« – »Wo steckt er?« – »In der Pfalzkapelle.« – »Was treibt er dort? Er betet?« – »Ja, wie vor jedem Geschäft. Und das ist ja höchst wohlgetan. Aber dann rutscht er auf den Knieen alle Altarstufen ab und das ist – nun, aufhaltsam für die andern.« – »Aber wo sind Ankläger, Angeklagte, Zeugen, Fürsprech?« – »Wartet nur! – Seht Ihr da unten rechts und links vom Haupttor, – dem Ausgang auf die Heerstraße – die beiden schmalen Türme ...? Aber still! König Ludwig hat ausgekniet: er kommt.«

Ein Trompetenstoß erklang aus dem Inneren des Palastes: alle Bänke der Urteiler füllten sich nun rasch, rechts die der Geistlichen, links die der Laien. Jetzt öffnete sich das Mitteltor: Ludwig erschien in königlicher Tracht, mit starkem Gefolge von Geistlichen und Palastbeamten. Er schritt aus dem weitgeöffneten Doppeltor der Mitte, begrüßte die Versammlung mit flüchtigem, unstätem Blick und bestieg den Richterstuhl seines Vaters gerade vor dem Portal – mit unsicherem Schritt.

»Nur eine Sache,« begann er klangloser Stimme, – »aber eine dringende und arge! – hat heute das Pfalzgericht zu entscheiden. Die üppig aufwuchernde Zuchtlosigkeit hier am Hof hat – wie euch allen bekannt – strenge geistliche und weltliche Gesetze notwendig gemacht. Aber die drohende Strafe hat nicht abgeschreckt. Der Vater aller Sünde« – hier bekreuzte er sich und gar manche in der Versammlung folgten seinem Beispiel – »läßt nicht ab, die Seelen – was sag' ich? – das Blut, die Sinne der Jugend zu entzünden und zu verführen. Wohlan, schwer wie die Schuld, soll auch die Strafe sein.«

Unwillig flüsterte Bischof Theodulf seinem Nachbar in das Ohr: »Ist die Angeklagte denn schon überwiesen oder geständig und verurteilt? Der Richter wird ja zum Ankläger!« – »Geduld, Freund! 's ist so seine Art. Er muß geleitet sein – von irgend jemand! – Jetzt leitet ihn Castinus!«

»Führt den Ankläger, seinen Zeugen und die Angeklagte vor!« gebot der König. Je zwei Fronboten eilten rechts und links die Stufen der Palasttreppe hinab an die beiden Türmlein, erschlossen sie, führten die dort Harrenden heraus, die Marmorstiege herauf und wiesen dem Abt und dessen Vogt ihre Stellung zur Rechten, der tief verschleierten Milta zur Linken den Platz vor dem Richterstuhl an.

»Klage, Kläger!« sprach der König. – Castinus trat einen Schritt vor, erhob die Rechte und sprach feierlich: »Ich klage.« – »Wer klagt?« fragte der Richter. – »Sankt Severin der Heilige, der da sitzet im Himmel zur Linken Gottes des Vaters neben den Heiligsten der Heiligen. Er klagt um sein eigen. Denn sein eigen ist das Kloster an der Garonnebrücke bei Bordeaux, sein eigen sind alle Rechte und Forderungen und Ansprüche des Klosters, dessen unwürdiger Vertreter ich bin, Castinus, des Castus Sohn aus Arcachon, kononisch gewählter Abt, aber nur durch der Heiligen Gnade, nicht kraft eigenen Verdienstes.« – »Was verlangt der Heilige durch dich?« – »Das ganze Erbe und Eigen, Grundgut und Fahrgut des Palastfräuleins der Fürstin Bertha, Milta, Tochter weiland Herrn Audulfs des Seniskalks. Und außerdem verlangt ich, daß die Sünderin auf Lebenszeit eingeschlossen werde in dem Sankt Severin nächsten Nonnenkloster, dem der heiligen Cäsaria von Arles zu Bordeaux, als dessen Vertreter ich bestellt bin von der Äbtissin Angelika kraft dieser Vollmachtsurkunde. Hier, nehmt.« – »Das Pfalzgericht kennt dich als Abt jenes Klosters. Und die Vollmacht ist – ich seh' es – richtig gesiegelt. – Aber auf welch' Gesetz berufst du dich?« – »Ihr kennt es gut, Herr König! Denn Ihr selbst, von frommen Priestern unterstützt, habt es auf dem widerstrebenden Reichstag zu Diedenhofen durchgekämpft.« – »Jawohl,« erläuterte leise Bischof Arno dem Goten, »gegen Herrn Karls Widerstand, bis er diesem gar arge Dinge vorgebracht.« – »Nach diesem Kapitular über die Zucht im Palast,« fuhr der Ankläger fort, »verfällt einer Palastjungfrau, deren Sündenschuld bewiesen ...« – Da richtete sich die Verschleierte hoch auf. – »Vermögen dem diesen Gütern nächst gelegenen Mönchskloster: – dies aber ist das Sankt Severins – und sie selbst wandert in das nächst gelegene Nonnenkloster, hier das der heiligen Cäsaria. Nun klage ich diese Milta dort, Audulfs Tochter, der Sündenschuld an.« – »Und ihren Buhlen?« forschte Ludwig. – »Würde ich anklagen mit gleicher Klage und gleicher Strafheischung: – meinem – will ich sagen: Sankt Severins – Kloster würde er samt seinem Gut verfallen –, könnt' ich ihn vor dem Gericht überführen: aber stark, wie meine Vermutungen, meine Verdachtsgründe sind, – fern sei's, für den Heiligen ohne zwingenden Beweis zu klagen.« – Erleichtert atmete das Mädchen hoch auf. – Ludwig bemerkte das: »Vielleicht,« hob er weicheren Tones an, »entdeckt ihn uns ein Geständnis der Angeklagten: das würde unser Verfahren abkürzen und« – sprach er nachdrucksam, – »die Strafe erheblich mildern. Sprecht, Milta, des wackeren Vaters unselig Kind, seid Ihr schuldig oder unschuldig, sündig oder rein?«

Da schlug sie den Schleier zurück: auch die Männer, denen ihre Schönheit längst bekannt war, staunten über die Hoheit jungfräulicher Herrlichkeit, die jetzt ihre Züge verklärte: ein leiser Ausruf der Bewunderung hauchte durch die Reihen, als sie, die Linke auf den Busen legend, die Rechte hoch erhebend Herrn Ludwig fest in die Augen sah und mit lauter Stimme sprach: »Bei Gott, ich bin rein.« – »Das sieht jeder, der nicht blind,« meinte Bischof Theodulf zu dem Salzburger. Der aber hob sich vom Sitz und rief: »Herr König, gebt mir Urlaub zum Wort.« Unwillig wandte sich Ludwig ihm zu und nickte schweigend Willfährde. »Ich muß den Gang des Rechtes schelten, Herr Richter. Die Angeklagte ist uferfränkischen Stammes: so lebt sie nach uferfränkischem Recht. Dies Recht fordert, – und Euer Vater will's streng gewahrt wissen: Herrn Karls Recht ist sein Ruhm, noch mehr Herrn Karls Schwert! – daß ein Weib nicht ohne Fürsprech vor Gericht erscheinen darf. Nun ist der Muntwalt dieser Jungfrau – ja, Jungfrau, Herr Abt, spart Euer Hohnlachen bis zum Beweis der Schuld! – ihr Muntwalt ist der greise Bischof Benedictus von Bordeaux, der gelähmt auf dem Siechbett liegt seit lange: der Herr Kaiser, so mildherzig wie großherzig, hat längst beschlossen, ihr einen anderen Muntwalt zu bestellen: er sprach mir wiederholt davon. Doch ist's – meines Wissens – bis heute nicht geschehen. Wohlan: nicht soll die Unschuld Fürsprechs darben am Hof Herrn Karls. Und findet sich kein anderer, will ich selbst ...«

Da zog Milta rasch aus dem Gürtel ein klein versiegelt Pergament: »Verzeiht, hochehrwürdiger, gütevoller Herr. Tief dank' ich Euch! – Doch schickte mir meine Herrin, Fürstin Bertha, heute früh in meine Haft dies Breve: ich soll es erst hier öffnen und verlesen, wann es meinen Fürsprech zu benennen gilt: sie selber, meine Gebieterin, wählt ihn – so ließ sie sagen – für mich.« – »Das ist ihr gutes Recht nach Pfalzgebrauch, da der Herr Kaiser fern,« sprach Bischof Arno und setzte sich. – »Öffnet denn und lest,« gebot Ludwig ungehalten.

Milta erbrach das Siegel und las: »Mein gestrenger Herr Bruder! Dicht hinter deinem Richterstuhl hängt jener Glockenstrang, an dem jeder ziehen darf, bei Nacht wie Tag, der Recht sucht bei Herrn Karl. Das dankbare Volk raunt, sogar ein armer Wurm, eine Blindschleiche, deren Nest eine Giftkröte eingenommen, habe dereinst sich um diesen Glockenstrang geschlungen und ihn gezogen, während unser Vater gerade beim Nachtmahl den Becher zur Lippe hob: nicht trank er, bis er dem Blindwurm zu seinem Rechte verholfen und die giftige Kröte zertreten. Ich, des Kaisers Tochter, ziehe jetzt an diesem Strang und heische Recht, Herrn Karls Recht. Scheue den Vater, kehrt er heim.« Ludwig griff hastig mit der Rechten in die Armlehne seines Richterstuhls. Milta fuhr fort zu lesen: »Ich ernenne kraft meines Rechtes zu meiner Jungfrau Fürsprech ...« Da stockte sie, erbleichte und wankte. – »Nun, wen?« fragte Ludwig gespannt. – »Den ... den –« mit Lispeln nur und leise kam's heraus – »den Grafen Heertrost von Verdun.« – »Ah, das ist aber stark!« lachte ein lauter Mund: er war des Vogtes. – »Schamlos! Frech!« zischte der Abt. – »Je nun,« meinte der Vogt, immer noch lachend, »die Fürstin weiß ja nicht, wer's war.« – »Gewiß weiß sie's!« kam's giftig zurück. – »Nun, dann denkt sie, – und mit Recht! – den geht's am nächsten an.«

 

X.

Noch hatte sich das Gesurre der halb verhaltenen Stimmen der Urteiler auf den Banken nicht gelegt, da begann im Hof am Fuße der Freitreppe, unter den jungem Männern, die, den Umstand bildend, zunächst nicht urteilten, lebhafte Bewegung: einer aus ihrer Mitte drängte die Stufen hinan. Widerwillig begann der König: »Ja, das ist ihr Recht – ihr bedenklich Pfalzrecht! – über ihre Mädchen. Wir wollen dafür sorgen, – nächstens! – daß es abgeschafft wird.« – »Aber noch gilt es!« rief Bischof Arno ungeduldig. – Unfreundlich streifte ihn Ludwigs Blick: »Wartet, hochwürdiger Herr, bis der Richter Euer Richtwort fragt. Also der Graf von Verdun! Er weilte am Hof noch gestern. Fronboten, geht und ladet ihn,« – »Nicht nötig!« rief da eine frische Stimme. »Hier steht er.« Und die letzten Stufen hinauf sprang aus jenem durcheinanderwogenden Knäuel eine hohe Jünglingsgestalt, vom Wirbel bis zur Sohle gewaffnet, ohne Mantel: kein Stück der nächtlichen Kleidung trug er: in nichts glich er jenem Flüchtling im Mondschein. Als er auf der obersten Stufe – gleich hoch mit Milta – erschien, flogen die Blicke unter Helm und Stirnbinde suchend einander zu: nur zwei Blicke: aber zuversichtlich hob jetzt das Mädchen das Haupt.

»Eia, Herr Graf! Schon vor dem Gericht?« forschte der König mißtrauisch, »Wer hat Euch – vor uns! – hierher berufen?« – »Die Fürstin Bertha.« – »Könnt' mir's denken! Ihr übernehmt die Fürsprache?« – »Und alles, was sie bringt.« – »Nun, er hat alle Ursach',« meinte Herr Wintrio.

»Wohlan,« – so wandte sich der Richter an den Abt – »Kläger, deine Klage haben wir gehört. Die Angeklagte dürfte nun durch Unschuldseid mit Eidhilfe sich reinigen: denn sie ist frei, und war – bisher! – unbescholten. Allein du hast mir gegenüber behauptet, sie sei auf frischer Tat gesehen und die Tat sei mit Gerüste verfolgt. Beharrst du darauf vor dem Gericht?« – »Jawohl!« – »Wer hat die Tat gesehen? Wer Gerüste erhoben? Du selbst?« – »Nein. Aber dieser freie, unbescholtene, Pfalzkundige Mann: Herr Wintrio, der Vogt meines Klosters.«

Aller Augen wandten sich auf den, wie er auf den Ruf des Richters vor diesen trat: allerlei Urteile wurden laut: spöttische Zweifel an seiner Schlauheit, Anerkennung seiner Geradheit, Bewunderung seiner kriegerischen Manneskraft. – »Ja, ja,« meinte lobend auch Herr Theodulf, »bei der letzten Landung der arabischen Seeräuber – da, im Südwesten bei Narbonne, – hat er allein, obwohl pfeilwund, vier erschlagen, die sich auf ihn warfen.« – »Kenn' ihn. 's ist ein starker Schwab – vom Bodensee, aus Buchhorn im Linzgau: sind die Gröbsten. Und Stärksten. Möchte lieber mit dem großen Bergbären von Gastein – den wir immer noch nicht haben! – ringen als mit dem,« bestätigte der Salzburger.

»So sprecht, Herr Vogt,« mahnte der König. »Aber bedenkt wohl, Ihr müßt jedes Wort vertreten: mit Eurem Eid oder ...« – »Mit meinem Schwert,« schloß der Hüne ruhig. »Schon all' recht. – Also: diese Nacht wachte ich: bei ... bei einem guten Trunk: aber: ich wachte! – an meinem Fenster, das auf den Gartenhof blickt. Es war heller Mondenschein. Da sprang ein Mann im Mantel aus dem Fenster dieses – sehr schönen – Kindes. Das heißt: den Sprung selbst sah ich nicht: aber er kniete im Hof vor ihrem Fenster und sie, sich weit herausbiegend, rief: ›Wehe, hast du dich verletzt?‹ Er raffte vom Boden etwas auf – wohl eine entglittene Waffe – und eilte auf die Gartenpforte zu. Ich folgte ihm auf der Ferse – mit dem Diebesgerüste –: denn ich dachte, er habe der Jungfrau was gestohlen ...« – Hier hielt er, verschmitzt lächelnd, inne.– »Elender!« rief Heertrost und griff ans Schwert. – Aber Wintrio fürchtete sich nicht und fuhr, immer noch lächelnd, fort: »Er war dünner und leichter, deshalb rascher als ich: so kam er vor mir an und durch das Gartengittertor, das er hinter sich verschloß.« – »Wer war's?« forschte Ludwig eifrig. – Herr Wintrio wiegte das breite Haupt auf den breiten Schultern hin und her: »Ja, wer war's? Ist leicht gefragt, schwer gesagt! Ich hab' ihn nicht von Angesicht gesehen. Und die Gestalt barg der Mantel. Ich hab' meine starke Vermutung. Aber, beim Bodensee, ich muß ja nachher schwören. Und ein Schwur ist ...« Hier traf ihn ein warnender Blick des Abtes. »Nun, kein Mummenscherz, wollen wir höfisch sagen. – Aber ich rief, ich schrie ›Diebio‹, die Leute liefen aus dem Palast in den Hof zusammen: so klag' ich auf Gerüste. Leugnet das schöne Geschöpflein das Gerüste?« – »Das kann die Angeklagte nicht: es ist pfalzkundig,« fiel der Richter zuvorkommend ein. »Ich hab' es selbst gehört in meinem Betgemach, ich wachte dort und las in Lactantius, da schlug das Geschrei an mein Ohr, viele Palatine liefen auf dem Hof zusammen. So ist sie durch Zeugnis dieses Unbescholtenen überführt und durch Gerüste und so ...« – »Ich bitt' um Urlaub des Wortes,« sprach Bischof Theodulf, sich erhebend. »Zeugnis auch wackeren Mannes mag niedergelegt werden durch – Kampf.« – »Jawohl,« rief Heertrost freudig, einen Schritt vortretend. »Und da der Jungfrau Muntwalt geistlich und siech, ist der Kampf des Fürsprechs Recht und Pflicht. Ich heische Kampfgericht.«

»Komm nur an, du junges Hähnlein,« brummte Herr Wintrio und blies wie weiland Gott Donar in seinen breit wallenden roten Bart, »mit der nackten Hand zerdrück' ich dir die Gurgel.«

Aber Castinus der Abt war nicht zufrieden mit diesem Gang der Sache. Er schien des Sieges des Hünen nicht so sicher wie dieser: so ließ er in der Eile alle Möglichkeiten einer anderen Wendung des Gerichtsverfahrens durch seine Gedanken ziehen, während Miltas Blicke angstvoll auf der schlanken, jugendlichen Gestalt des Geliebten verweilten. Der aber fuhr fort: »Dieser Jungfrau Reinheit ist bestritten von Wintrio, dem Vogt: ich aber, Heertrost, Graf von Verdun, des Herzogs Heerwart Sohn, ziehe ihre Reinheit an mein Schwert und heische – nochmal! – Kampfgericht.« – Unwillig sprach König Ludwig: »Wenig erfreut mich solcher Kampfgang. Er hat heidnischen Schmack: fromme Christen, wie Bischof Agobard von Lyon, lehren, das heißt Gott versuchen. Aber noch ist's nicht verboten in dem Reich der Franken. So frag' ich alle Urteiler des Pfalzgerichts: wie dünket euch um diesen Kampf, den der Fürsprech heischet?«

Da erhoben sich alle von den Bänken und alle Laien und fast auch alle Geistliche sprachen feierlich: »Recht ist nach dem Recht der Franken, daß hier Kampf gekämpft werde.« – »Also im Namen Gottes und der Heiligen: – Kampf! Ihr Fronboten, entwappnet beide Kämpfer. Denn, ich glaube – wie ich euch beide kenne – Lohnkämpfer wollt ihr nicht mieten?« – »Nein!« riefen aus einem Mund die beiden Gegner, banden die Helme ab, reichten sie den Fronboten und halfen diesen bei dem Abschnallen der Brünnen und der Schwertgurte. Milta aber erbleichte.

»Herr Hadamer, Herzog von Brakbant,« fuhr Ludwig fort, »Euch als Mariskalk übertrag' ich des Kampfes Hegung: besser als ich kennt Ihr solch blutig Werk.« – Da erhob sich von dem ersten Platz auf der vordersten Bank zur Linken eine mächtige Heldengestalt im eisengrauen Haar und Bart, klirrend in seinen Waffen, neigte sich dem König und sprach dann mit lauter Stimme, des dröhnenden Befehlworts in der Heerschar gewohnt: »So heg' ich das Kampfding. Herbei, ihr Wigwarte. Verteilt mir Sonne, Staub und Wind da unten im Hofe. Und reicht den beiden Kämpen zwei Frankenschwerte, gleich lang, gleich breit, gleich scharf: zwei Lindenschilde, gleich hoch, gleich breit, gleich dick: dort, in der Kammer der Kampfwaffen, – in dem Torturm – liegen sie bereit. Und meßt ihnen den Schrittraum ab da unten auf dem Pflaster des Hofes – ich werd' euch dabei helfen.« – Und er schritt die Stufen hinab.

Da sprach der König: »Milta, Ihr habt den Kampf mit anzusehn. Es ist Euer Recht.« – Da erhob sie flehend beide Hände mit dem Schleier gegen den Richterstuhl: »Nein, nein! Sein Blut ... kein Blut soll fließen um meinetwillen. Ich will gern ins Kloster gehn und als mein Erbe soll ...« – »Wie?« rief da Heertrost in flammendem Zorn. »Und der Palast und alles Volk der Franken soll Euch für schuldig halten? Mißtraut Ihr meinem Arm? Nicht Ihr habt, ich, an Eures Muntwalts Statt, ich, Euer Fürsprech, habe zu wählen. Und ich wähle den Kampf.« Und hastig ergriff er den Knauf des scheidelosen Langschwerts, das ihm der Kampfwart reichte. – »Eilt's Euch so heiß, zu sterben?« sprach drüben der Riese, in aller Ruhe den starken Arm durch den Oberriemen des ihm dargebotnen Schildes zwängend.

Nun maß der Mariskalk unten im Hofraum – gerade vor dem Richterstuhl oben – drei lange Schritte zur Rechten, drei zur Linken ab, stellte an beiden Enden je einen der Lanzenträger, der »satellites«, des Palastes, befahl ihnen, ihre Speere quer vor sich zu halten, weiteres Zurückweichen zu verwehren und rief: »Herbei zum Kampf vor Gott und seiner Sonne! Wer hinter diese Speere weicht, ist sieglos. Nun drauf, und Gott schütze das Recht!«

Schon wandten sich die beiden Kämpfer der Freitreppe zu, hinabzusteigen, da rief der Abt ein schrilles »Halt!« das beide fesselte. »Herr Richter,« fuhr er fort, hoch die hagere Gestalt aufrichtend und dicht vor Ludwigs Stuhl tretend, »ich schelte nicht Euer Urteil auf Kampf: ich stimmte dafür, wie fast alle. Allein ich schelte die Kampffrage. Nicht wegen Jungfrauschaft oder Sündenfall dieses Mädchens hab' ich geklagt: was zwischen ihr und ihrem Gast geschehn in jener Mond- und Nachtigallen-Nacht –: (schwerlich freilich haben sie nur ihr Schlafgebet zusammen verrichten wollen!), das weiß die heilige Jungfrau, der Unkeuschheit Rächerin: nicht wir wissen darum, nicht ich, der Ankläger, nicht mein Zeuge – (– eher vielleicht der Herr Fürsprech! –). Aber das ist auch ganz gleichgültig! Denn was sagt das Kapitular, aus dem ich klage? Hört!« Er zog ein Pergamentblatt aus der Sutane.

»Das nimmt er wohl mit ins Bett?« grollte Bischof Arno.

Castinus aber las mit scharf betonender Stimme: »Capitulum sieben: wenn eine Pfalzjungfrau nächtlicherweile Besuch eines Mannes (ausgenommen die vor ihrem Muntwalt verlobte Braut den Bräutigam) ohne Zeugen in ihrem Gemach empfängt, dann soll sie« – und so weiter, wie gerichtbekannt. Das also, – der nächtliche Besuch ohne Zeugen – das allein ist der Rechtsgrund meiner Klage und das Erfordernis des Vergehens. Nicht um Verführung, nicht um Sündenfall handelt es sich, junger Herr Fürsprech: nur darum, ob ein Mann Nachts allein bei ihr war. Nun merkt wohl auf: wollt Ihr das leugnen? Wollt Ihr dagegen kämpfen?«

Gewaltig war die Wirkung dieser Worte. Theodulf und Arno erschraken: ebenso die vielen Laien, die dem schönen Mädchen Neigung oder dem jungen Helden Freundschaft trugen: aber des Abtes Genossen winkten einander verständnisfreudig zu. Wintrio ließ den Schild fast ganz vom linken Arme gleiten: gleichmütig sprach er: »nun kommt's doch nicht zum Schädelspalten: denn so frech ist niemand, zu leugnen, was ich gesehn.«

Milta war tief erschrocken: sie hüllte sich dicht in ihren Schleier: sie wankte: sie stützte sich auf die Marmorbrüstung der Balustrade. Aber durch Heertrosts Hirn und Herz flutete in diesen qualvollen Augenblicken ein wirrer Widerstreit, eine wilde Sturmflut von Gedanken und Gefühlen. Sein erster Antrieb war gewesen, allen Rechtsstreit aufzugeben, Milta zu ergreifen und mit ihr, Schwert in Faust, aus dem Hof sich durchzudrängen, durchzuschlagen: schon dachte er an sein rasches Roß im nahen Pferdestall, an das Davonjagen, Milta vorn im Sattel ... aber gleich ließ er den wahnsinnigen Einfall fahren: einer gegen ein paar hundert! Dann faßte ihn die Verzweiflung. Aber nein! Nein! Er konnte nicht der Geliebten entsagen, ihr jung blühend Leben dem Kloster preisgeben. Nun wollte er sich dem König zu Füßen werfen, alles gestehen, Miltas Reinheit nochmal beschwören, des Richters Gnade anflehn: heiß bewegt forschte er in Ludwigs Antlitz: aber da sah er in diese kalten seelenlosen Augen, mit dem mitleidbaren Ausdruck, sah in diese von Glaubenswahn verzerrten Züge: – ach, hier war Gnade nicht zu finden für jugendlich wallendes Blut, für Liebe, für Wagnis und Abenteuer!

Jetzt ließ er die Blicke auf die Ankläger schweifen: er sah das überlegene siegbewußte Hohnlächeln des Abtes, er sah, er hörte das rohe, gröbsten Verdacht bekundende Lachen des Vogtes: – – da schoß ihm der feurige Zorn, der Mannestrotz blutheiß ins Gehirn, alles andre verglühend: nur eins konnte er noch fühlen, denken, wollen: niederschlagen muß ich diesen frechen Vogt.« »Wohlan, Herr König,« rief er, zitternd vor Zorn, »auch in dieser Wendung bestreite ich die Anklage. Ich kämpfe gegen sie. Kommt – lacht nicht! beim Strahl, das Lachen soll Euch vergehen. Kommt, Vogt Wintrio,« Und mit zwei Sätzen sprang er sausend die Stufen hinab auf den abgesteckten Kampfplatz.

So hörte er nicht das leise Bitten Miltas unter ihrem Schleier hervor: »O Geliebter, halt! Halt ein! Du willst Gott versuchen! Du mußt ja erliegen!« Aber der Jüngling, bis zum Wahnsinn entflammt, hörte, dachte das nicht: dachte nicht an ein Gottesurteil in dem Kampf, nur an den Kampf selbst: »Kommt doch endlich, Herr Wintrio,« schrie er von unten herauf, drohend das Schwert reckend.

Groß war der Eindruck dieser neuen Wendung auf alle: zu Gunsten des Paares schlug die Stimmung bei den allermeisten um: sie glaubten nicht an die Möglichkeit, der Graf, den sie als wacker kannten und ehrten, könne gegen besser Wissen den Kampf aufnehmen, auch wenn sie wie viele gerade in ihm den Nachtgast, obzwar in aller Ehrbarkeit, vermutet hatten: jetzt glaubten sie das nicht mehr, meinten vielmehr, er bestreite jenen Nachtbesuch in bestem Glauben. Tief bekümmert flüsterte Arno dem Goten zu: »Der Unselige! Das ist der Wahnsinn, den ihr ›Poetae‹ Liebe nennt.« – »So glaubt Ihr, er war's selbst? Frevelhaft! Arg frevelhaft! Aber er glaubt vielleicht nicht an eine Offenbarung Gottes im Gerichtskampf, so wenig wie unser gelehrter Bruder Agobard. Und auch ich meine, Gott versuchen ist ...« – »Da seht, Wintrio steigt behäbig die Stufen hinab, schmunzelnd, als ging's zu einem Weingelag. Jetzt ist er unten.« – »Die Fronboten weisen beiden ihre Standorte an.« – »Jetzt neigen sie sich dem König.« – »Schon hebt der Mariskalk ... halt, der Abt, was schreit er?«

Schreiend in der Tat durchdrang dessen schriller Ruf das Gesurre der vielen halb verhaltenen Stimmen, in welchen die Erregung der Urteiler nach Ausdruck suchte. »Halt, haltet noch, ihr Kämpfer. Höre mich, Herr König und Richter. Das Weltliche, das Kampfliche hat der Mariskalk genau nach dem weltlichen Kampfrecht gewiesen. Allein noch fehlt ein geistlich Erfordernis der heiligen Kirche: ohne das wäre der Kampf frevle Sünde.« – »Was fehlt denn noch?« rief Heertrost ungestüm, den Arm senkend, den er schon zu grimmem Streich erhoben. – »Ja, was. fehlt denn noch?« fragte auch der König Ludwig. Alles harrte gespannt der Antwort.

»Der Eid!« sprach Castinus mit drohender Stimme. – »Der Eid? Welcher Eid?« forschte der Richter. – »Der Eid jedes der beiden Kämpfer, daß er an die Wahrheit seiner Behauptung glaube. Ist's nicht also, Herr Pfalzgraf Baltfried, Ihr, der Ihr ergraut seid in der Rechtfindung dieses Königshofs? Sprecht, ich heische Recht und Rechtweisung!« – »So ist's bei Gott dem Herrn, dem Richter auf dem höchsten Stuhl,« sprach der alte Held, mit dem Haupte nickend, daß der Silberbart auf die Brünne flutete, – »Ich wußt' es ja!« fuhr der Ankläger sieggewiß fort: »So wird Vogt Wintrio schwören, daß er in gutem Glauben die Anklage mit dem Schwerte führt, Graf Heertrost aber wird schwören, daß er nicht weiß und nichts glaubt von jenem Nachtbesuch bei Milta. Ist's nicht so, Herr Pfalzgraf?« – »So ist's, bei Gott dem Herrn. Das ist das Recht der Franken.« – »Wohlan,« sprach der König, »so bringt sie herbei aus der Kirche des Palastes, die höchsten Heiligtümer des Reiches: die Cappa Sankt Martins und das Holz vom Kreuze Christi und die Blutstropfen ...«

»Nein, nein! Bringt sie nicht! Ich schwöre nicht falsch! 's ist wahr! 's ist alles wahr! Ich selber war bei ihr!« schrie da eine verzweifelte Stimme und wie vom Blitz getroffen stürzte Heertrost bewußtlos auf das Antlitz nieder. Ein herzzerreißend Stöhnen rang sich aus Miltas Brust: »Ja, ja. Es ist wahr! Und ich, ich bin sein Verderben!« Und sie bedeckte beide Augen mit den Händen. Die Fronboten hoben den Ohnmächtigen auf und legten ihn auf die unterste Stufe, den Rücken gegen die vorletzte gelehnt. – Wintrio, in all' seiner Derbheit doch erschüttert, warf Schwert und Schild zur Erde und brummte: »Das war ein Gottesurteil: da braucht's keine Hiebe mehr. Fast tun sie mir leid, die jungen Kinde!« – König Ludwig aber sprach: »Ein seltsam Geschlecht, unsre Franken! Kämpfen wollte der Kecke auch mit schlechtem Gewissen, – aber das Schwören scheute er doch! – Wohl: geständiger Mund spart Beweis. Gestandene Schuld – von beiden gestanden – steht fest im Gericht. Und nicht minder – nach den klaren Worten des Kapitulars! – die Strafe: nicht schwer zu finden ist sie, und zu verlesen aus dem Gesetz gemäß der Klagheischung des ehrwürdigen Herrn Abtes. Aber nicht nach einer Abschrift erkennen wir: Archicapellanus Hitherius, holt die Urschrift aus dem Palastarchiv und verlest daraus nochmal das siebente Kapitel, 's ist zwar überflüssig,« schloß er, das glatt geschorne Kinn selbstgefällig streichelnd, »ich weiß das ganze Kapitular auswendig: hab ich's doch selbst ersonnen und geschrieben.« – »Ich hab' es gleich mitgebracht,« erwiderte der Alte. »Hatte mir doch der Kläger mitgeteilt, aus welchem Gesetz er klage. Hier ist die Urschrift.« Und er öffnete den gewölbten Deckel einer der hohen doppelhenkeligen Bronze-Urnen, die zu seinen Füßen standen, beugte sich vor und griff hinein mit suchender Hand: – – – aber plötzlich hielt er inne und richtete sich, aufhorchend, empor.

Ebenso lauschten gespannt alle Anwesenden: von der Straße her, die draußen längs der Hofmauer nach der Stadt führte, scholl der laute Hufschlag eines Reiterzugs, der nun hart vor dem geschlossenen Hoftor hielt. Hell schmetterten vor dem Tore drei schallende, stolze Trompetenfanfaren.

 

XI.

»Der Kaiserruf!« sprach, erwachend aus seiner Betäubung, Heertrost und sprang flugs auf die Füße. – »Ja ... der Kaiser!« wiederholte Ludwig und räumte, verschüchtert, den Richterstuhl. – »Der Kaiser! Kaiser Karl zurück!« so brauste es durch die Reihen. – »Das ist ein Hoffnungsstrahl!« meinte Theodulf.

Aber Arno zuckte die Achseln: »Ich wüßt' nicht, wie!« – »Auch nicht im Weg der Gnade?« – »Nein! – Im Zorn über die freilich schlimmen Dinge, die ihm der Sohn zur Begründung seines Gesetzantrags zugetragen, hat Herr Karl geschworen, in solchen Fällen nie mehr begnadigen zu wollen. Bei Sankt Denis hat er's geschworen.« – »Dann: – armes Liebespaar! Wie gern hülf' ich ihnen! Ovid würde ...« – »Ja, in Eurer Fabelwelt! Doch wir sind hier im harten Reich der harten Franken. Da ... horch!«

Geräuschvoll sprangen die beiden Flügel des starken Tores nach innen auf: man sah des Kaisers eisengrauen Hengst, das mächtige Tier: der vornehme Comes stabuli selbst führte es ab. Und schon eilte Herr Karl in den Hof, lebhaften, ja ungestümen Schrittes: die Gefolgen vermochten kaum, ihm nachzukommen, wie er den weiten Raum durchmaß. Schon stürmte er die Stufen der Treppe hinan, der Mantel, der doch lang und schwer, sauste bei der raschen Bewegung: über sein Antlitz aber flammte jenes helle Rot, das seinen unheildrohenden Zorn verkündete. Mit einem raschen Blick umfaßte er Heertrost, der schon vor ihm die Stufen hinaufgeflogen war und sich neben Milta gestellt hatte, ihre Rechte fassend, während sie das Haupt auf seine Schulter neigte, wie eine vom Hagel gestreifte Blume.

Aber nun traf – in längerem Verweilen – das blitzende Auge den Sohn, der nicht ohne Scheu neben dem leeren Richterstuhl stand, während die Urteiler sich wieder auf den Bänken niederließen. Wenig Freude hatte der Vater von je an dem so ungleich gearteten Sohn: – das wußten Palast und Reich schon lange: aber selten doch ließ er seine Mißbilligung so offen hervorbrechen wie jetzt. Er warf sich auf den Stuhl, daß der dröhnte, und rief mit lauter Stimme: »Was für Dummheiten gehen hier vor? Wenig zufrieden, Herr Sohn, bin ich mit all' Eurem Walten. Wie draußen in Eurem Königreich Aquitanien – allzufrüh hab' ich's Euch anvertraut! – so hier! Ja, ja, in Aquitanien. Ihr denkt, ich kann nicht dort gewesen, so fern im Süden, in den wenigen Tagen? Aber Aquitanien war bei mir: das heißt meine treuesten Vasallen dort und meine Sendboten, die ich hingeschickt hatte. Wo ich war? In Lüttich. Die Villa dort zu untersuchen? Jawohl! Aber dorthin kamen auch – auf dem Wege hierher – von mir beschieden, Eure Ankläger und meine Sendboten. Bitter klagten über Euch die besten Leudes aus Aquitanien. Und jedes Wort bestätigten meine klugen Sendboten, der Seniskalk Alberich und Bischof Egino von Konstanz. Ihr habt die Krongüter dort zwischen Rhone, Tarn und Garonne vergeudet, verschleudert, mit beiden Händen an Eure Günstlinge und Schmeichler: – oder soll ich richtiger sagen, an Eure Leiter, bei denen Ihr in Gunst steht? Freie Bauern habt Ihr als Halbfreie, als Unfreie verschenkt. Begreift Ihr nicht, daß ein freier Bauer sein Gewicht in Gold wert ist für dieses Reich der Franken? Wisset denn: all' Eure Vergabungen aus Krongut in den letzten zwei Jahren hab' ich für nichtig erklärt.« Da erbleichte der König, er fuhr zusammen, er wollte sprechen: »Diese Demütigung ...«

»Schweigt! Sie war notwendig: erst das Reich, dann mein Sohn. Soll die Kaiserkrone zuletzt betteln gehen im eignen Land dort an dem Rhone? – Und hier! Was treibt Ihr hier für Sachen! Bei Sankt Denis, schlecht füllt Ihr an meiner Statt diesen Richterstuhl! Woher ich's weiß? Eia, meine Tochter Bertha – klüger ist sie – und mutiger dazu! – als mancher, der mit Schwerte geht – erfuhr oder erriet, daß ich heute zurückkehren würde von Lüttich: sie ritt mir entgegen: – gar prächtig sitzt sie zu Roß! – traf mich auf der Heerstraße bei Herlinghem, erzählte mir aus dem Sattel, was hier ins Werk gesetzt werde und sausend – der Zorn ist der beste Sporn! – flogen wir hierher. Gerade noch kam ich zu recht, – so scheint's! – bevor ›Herrn Karls Recht‹ gebeugt wurde durch Falschurteil. Schweigt, Abt Castinus, ich weiß alles. Sei getrost, du junges Paar: es soll euch nichts geschehen. Deinem Vater, Mädchen, Herrn Audulf, dank' ich's Leben dort in Sachsenland, in Frau Muthgards Hof: er war bis zum Tode getreu. Und dir, Heertrost, dank' ich das Leben meines besten Sohnes. Herr Archikapellan, her mit dem Gesetz. Habt Ihr's endlich gefunden? Was steht da? Könnt ihr alle nicht lesen? Von Vogt Wintrio verlang' ich's nicht: dafür kann der Schwab desto fester dreinschlagen! Aber der Kläger! ein Abt, und mein Herr Sohn, der Richter! Nun, Herr Abt, wenn Ihr denn durchaus reden müßt – sonst sprengt's Euch, scheint's – was wollt Ihr sagen?«

Da zeigte der Priester jenen Mut, wie ihn die »kämpfende Kirche« ihren begabtesten Söhnen anerzieht: den Mut, alle staatliche Macht nicht zu fürchten, vielmehr geheim im Herzen recht gründlich zu verachten. Und so trat dieser Abt dem flammenden Zorn des Allgefürchteten so kühl und kühn entgegen, wie in diesem Augenblick nicht viele in dieser Versammlung von Kriegshelden würden gewagt haben: er neigte sich tief und sprach dann: »Ich vermag nicht, zu begreifen, von Gott gekrönter Kaiser, wie diesen beiden Schuldgeständigen geholfen werden mag, nachdem Ihr Begnadigung ausgeschlossen – unter Eurem Eide! Dieser Eid aber ...« – »Wird gehalten,« sprach Herr Karl ruhig, aber sehr grimmig, »auch ohne Eure Mahnung. Die beiden bedürfen der Gnade nicht: denn sie können nicht verurteilt werden. Horcht auf! Was steht da in Kapitel sieben? ›Ausgenommen Bräutigam und Braut, die vor dem Muntwalt der Braut verlobt.‹«

Da ging eine Bewegung des Staunens durch die Menge, die sich freilich aus Scheu vor dem Herrscher nur in leisen Ausrufen hervorwagte: aber am meisten staunten Heertrost und Milta. – »Diese beiden aber sind Bräutigam und Braut. Wie? Was wollt Ihr einwenden, Herr Abt! Ausdauernd seid Ihr, das muß man sagen.« – »Es gilt Sankt Severins Recht, nicht meines, Herr Kaiser. Und der Fels, auf den der Herr Christus seine heilige Kirche gebaut hat, erbebt nicht vor dem Zorn der Mächtigen dieser Welt. Denn es steht geschrieben ...« – »Kürzt diese Predigt! Ich kenne sie. Von Rom her. Dort predigen sie's noch schärfer! Laßt die Pforten der Hölle: – passen nicht auf Kaiser Karl! Zur Sache!« – »Wohl mag dieses Liebespärchen sich heimlich Liebe und Treue versprochen, sich also ›verlobt‹ haben, wie die Leute sagen: aber ›man verlobt sich nicht im Winkel‹, sagt Euer Frankenrecht. Und verlobten sie sich vor dem Muntwalt der Braut, mit dessen Zustimmung? Herr Kaiser, das glaubt Ihr selbst nicht! Ihr Muntwalt ist Bischof Benedictus: er ist fern von hier: alt und krank liegt er auf seinem Siechbett zu Bordeaux. Nicht vor ihm, nicht mit seiner Zustimmung ...« – »Er war ihr Muntwalt, du rechtskluger Abt! Aber eben weil er fern und alt und siech, ist ihr vor kurzem ein andrer Muntwalt bestellt worden.« Hoch auf horchte das Paar.

Aber der Abt gab nicht nach: »und von wem?« – »Von mir, wie sich von selbst versteht, dem Muntwalt aller, die des Muntwalts darben. Und vor diesem von mir bestellten Muntwalt haben die beiden erklärt: – gebt acht, ihr Kinder, ob ich's richtig wiederhole: – der Jüngling fragte: ›Willst du, Milta, was auch kommen, was drohen, was hemmen mag, dich mir verloben, jetzt, in dieser Stunde, im Angesicht von Gottes heller Sonne? Bist du meine Braut vor Gott und Menschen von Stund an?‹ Sie aber antwortete: ›Ja, dein bin ich, Heertrost, mein Trautgesell, deine Braut, dir anverlobt vor Gott und seiner Sonne.‹ ›Verlobt und verbunden für immerdar,‹ schloß der Bräutigam. Und der Muntwalt stand dabei und stimmte zu – von ganzer Seele.« – »Das war damals ... auf der Jagd,« hauchte Milta, tief errötend. – »Im tiefsten Walde – vor der Donars-Eiche,« flüsterte Heertrost: »Wir waren doch ganz allein! Kann er wirklich, wie das Volk raunt, hören und sehen in die Ferne?«

»Dann – mit Urlaub, Herr Kaiser,« – stammelte der Ankläger, »nur noch eine Frage.« – »Jetzt fragt, soviel Ihr wollt.« – »Und wer, wer ist der Muntwalt, vor dem das geschah?« – »Das bin ich selbst. Vor mir ward das Verlobungswort gesprochen. Vor Sankt Hubertus Eiche, bei der ich pürschte auf einen weißen Hirsch. Und ich stimmte zu mit Freuden. Zu Ende ist das Gericht. Das ist Herrn Karls Recht.«

Und er sprang auf vom Richterstuhl. Da warf sich das Paar ihm zu Füßen und küßte seine Hände.

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