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Am Hof Herrn Karls

Felix Dahn: Am Hof Herrn Karls - Kapitel 4
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typenarrative
authorFelix Dahn
titleAm Hof Herrn Karls
publisherBreitkopf & Härtel
seriesGesammelte Werke. Erzählende und poetische Schriften
volumeZweite Serie: Band 5
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III. Einhart und Emma

Frau
Henriette von Mikulez-Radecki
 
freundschaftlich zugeeignet

 

I.

»Und kurz: ich mag nicht, kleine Frau Königin!« sprach Herr Karl und stand – ziemlich lebhaft! – von der Bank auf, die in dem Palastgarten zu Aachen neben einer gar schönen Hochrose stand: »gloria Italiae« hieß sie und war vom heiligen Vater aus Rom geschickt. »Und wenn ich nicht mag ...« – »Dann magst du nicht,« lächelte die zarte Frau, die erwachsene Töchter hatte und doch noch so mädchenhaft zu schauen war. »Das weiß man im Abend- und im Morgenland. Und niemand,« seufzte sie drollig, »weiß es besser als ich.« – »Ja, dir geht's schlecht unter meinem Gewaltzwang,« lachte er. »Aber komm, steh' auch auf und laß uns wandeln: zum langen Sitzen, auch unter den Strahlen der sinkenden Sonne, ist's doch schon zu kühl in diesem Herbstmond: – in sechs Wochen wird der Herr geboren: – gestern Nacht hat's schon ein fein Schneelein geschneit, eine Neie, – schlimm für die Sauen, gut für den Weidmann.«

Frau Hildigard erhob sich und hing sich an seine Seite, die Hand auf seine Schulter hebend, wie er die Gartenpfade dahin schritt: auf einen seiner lang ausholenden Schritte kamen immer anderthalb gehüpfte ihrer Füßlein.

»Wenn ich nun doch einmal nicht mag,« wiederholte er im Gehen. – »Ich hab' ja gar nichts gesagt! Du rennst nur deine eigenen Gedanken kampflich an.« – »Gegen diesen König von Northumberland – wie heißt er doch? Ich habe so viele Könige im Kopf!« – »Eardulf.« – »Ist ja gar nichts einzuwenden. Nur, daß sein Königreich da drüben liegt, jenseit des Wassers, im Nebel des Westens, und nicht in einem Tagritt von Aachen aus zu erreichen. Nun meinte er zwar, sie werde doch nicht einsam sein auf dem fernen Eiland der Angeln, da ihre Schwester Bertha dem Königssohn von Mercia, Egfrid, sich vermählen werde.«

Da lächelte die Mutter, schritt aber tapfer weiter: »Die ist auch noch nicht drüben!« – »Ja, ja! Was würde mein Herr Kanzler Angilbert dazu sagen, ihr gar warmer Freund! Und nun vollends Emma, unsre Jüngste, unser Nesthäkchen! Glaub's gern, daß sie ihm gefiel! Aber die gäb' ich am liebsten gar nicht her.« – »Nun, darauf darf sie sich just nichts einbilden! Hast noch keines hergegeben unserer Mädel. Ich versteh's: die Mutter wird alt, und Herr Karl muß junge Schönheit um sich haben.«

Er drückte sie an die breite Brust, neigte sich tief herab und küßte sie auf den blonden Scheitel: »Es reicht noch bei dir! – Kurz, Emmalein bleibt. Wie viele liebe Gesichter, Männer und Weiber, seh' ich nicht mehr um mich her. Roland liegt unter den Felsen von Ronceval, Erich in der Steppe der Avaren!« Ein Gewölk der Trauer zog über die hohe, klare Stirn. – »Nicht daran denken, nicht!« mahnte die Frau. »Sie wandeln im Licht des Herrn, die treuen Helden!« – »Ja, aber auch Lebende miss' ich schwer. Paulus der Diakon, des Warnefrid wackrer Sohn, ist mir ins Kloster entronnen. Und denke nur: neuer Verlust droht. Des Allerliebsten!« – »Nicht Einharts?« Sie blieb erschrocken stehen. »Sag' nein!« – »Einharts,« nickte er, sie weiter führend. – »Wer, wer darf's wagen, ihn dir – dir! – streitig zu machen? Denn ablocken kann ihn dir niemand! Freiwillig verläßt der uns« – sie verbesserte sich rasch: – »läßt er seinen König nicht. Wer kann?« – »Er! Er, der alles kann: viel mehr als ich!« – »Den möcht' ich sehen!« rief Frau Hildigard und blickte dem Gatten freudig und stolz ins Antlitz. – »Hast ihn schon gesehen,« lachte Herr Karl. »Am gelben Tiber!« – »Der heilige Vater? Der?« eiferte sie, »der soll doch nur schon ganz zufrieden sein mit dem, was du alles für ihn getan hast gegen Langobarden, gegen Byzantiner, gegen ...« – Herr Karl schüttelte das mächtige Haupt: »Der heilige Vater ist nie zufrieden!« – »Diesen lieben Buben aber soll er uns hübsch lassen! Von Herzen mag ich ihn.« – »Hab' noch kein Weiblein gesehen, das ihn nicht mag, den ›Feinen‹, wie wir alle ihn nennen.« – »Wie gelehrt bei so jungen Jahren, wie geschickt. Wie gelehrt – nochmal sag' ich's! – und doch nicht langweilig! Du lachst? Du, das ist selten! Neulich – ihr kamt aus eurer Pfalz-Schola – einer, – nun, ich will ihn nicht nennen! – es ist der Höchstgelahrten einer –! hält mich an vor meinem Wäsche-Schrein, denke nur!« – »Verbrecherisch! Im heiligsten Tun!« – »Endlos hielt er mich auf mit weisen Reden. Glücklich entkommen klag' ich mein Leid Herrn Theodulf ...« – »Eia, dem schönen Goten, Bischof und Poet von Orleans!« – »Der meinte: ›Langweilig, Frau Königin? Dafür ist er doch Professor! Und noch dazu des Königs geheimer Rat.‹ Aber,« fuhr sie ernsthaft und eifrig fort: »Einhart darfst du mir nicht fortlassen! Nein, nein, was würde Emma sagen? Sie hat immer ganz glühende Wangen nach den Lehrstunden in Ovid. Und was will denn der Papst mit ihm?« – »Nun, nicht Ovid lesen, eifrig Mütterlein! Paulus der Diakon hatte den Freund in Rom so hoch gerühmt: nun soll er in der Cancelei Sankt Peters ...« – »Nein, nein!« – »Ja, wenn die Frau Königin der Franken mit dem Füßlein stampft, muß auch Sankt Peter nachgeben. Emma bleibt: – wenigstens ganz in der Nähe. Ich habe eine Überraschung für sie,« schmunzelte er, »und für dich vielleicht heut' Abend noch. Und Einhart bleibt auch: für den hab' ich auch eine, reich an Ehren. Aber leichte Schneeflocken schweben herab: – zart ist mein holdes Weiblein: – komm ins Haus.«

 

II.

Für den Abend dieses Tages hatte die Königin dem Seniskalk Audulf nur »kleine Tafel« angesagt: das heißt außer der königlichen Familie sollten nur ein paar der vertrautesten Freunde teilnehmen und nicht in der großen Festhalle, in dem kleinen Speisesaal waren die Tische gedeckt. Als die höchst einfache Mahlzeit – am Spieß gebratene Hasen, Herrn Karls Lieblingsspeise, wurden an den Jagdlanzen selbst hereingetragen, – zu Ende ging, tat er seinen dritten und letzten Trunk – Elsässer, Sigoltsheimer, – schob den Goldbecher zur Seite, legte sich behaglich in dem hirschledernen Faltestuhl zurück und sprach mit seinem freundlichsten Blick:

»Eia, Jungferlein Emma und Meisterlein Einhart, Vielfeiner, schon gar lange, deucht mir, währen eure Lehrstunden. Heute wollen wir nun mal sehen, wie weit ihr es gebracht habt miteinander. Was ist es doch, das ihr – von Ovid – zusammen leset?« – »Die Verwandlungen, Vater,« erwiderte der zierlichen, elbischen Emma silberhelles Stimmlein: sie war in allen Stücken der anmutreichen Mutter Ebenbild. – »Mit der Kunst zu lieben – ars amandi – sind sie wohl schon fertig,« flüsterte Graf Rorich von Maine der üppig schönen hochbusigen Rothtrud zu, neben welcher der gutmütige Seniskalk ihm – wie immer – den Platz zugewiesen hatte. – »Still, du Vielschlimmer,« kam es leis, aber zärtlich zurück. »Es sind nicht alle Leute im Palast so arg wie wir.« – »Und so glücklich.« – »Ah, das Kind! Den Vater schlüge der Schlag, dächte er dergleichen,« – »Und doch: ›Liebe dringt zu Tage‹: 's ist ein alt Mahnwort.«

»So, die Verwandlungen?« lachte der König. »Horatius Flaccus – das heißt der fromme Meister Alkuin! – meinte neulich, das sei ein Zauberbuch: wer viel darin lese, werde selber verwandelt. Hüte dich, Töchterlein: so hold wie du bist, könntest du dich nur verschlechtern! Freund Audulf, laß das Büchlein bringen. Und wann die andern fort sind ... sonst beschämt ein Schnitzer meine Kleine zu arg und sie spotten gern, die bösen, alten Schwestern ...« – »Oho!« riefen da Rothtrud, Bertha und Gisela wie aus einem Munde. – »Ja, sie unterdrücken mir mein armes Nesthäklein, wie die schlimmen Schwestern das Aschenbrödel: aber vielleicht kriegt dafür auch mein Aschenbrödel den schönen Prinzen! Komm zu mir, Kleine.«

Und als sie zu ihm getrippelt war, lupfte er sie auf sein Knie: »Noch leichter als die Mutter! Ist's möglich? Und doch trägt das Kind schon dicke Zöpfe – und was für schöne hellgoldige! – als wenn's ein ausgewachsenes Mädchen wäre.« – »Bin doch volle sechzehn Winter, Vater!« – »Ihr andern geht nun alle. Vergeßt mir nicht das Nachtgebet: die Heiligen behüten euern Schlummer. Auch all' ihr Diener geht, wir bedürfen euer nicht mehr. Einhart bleibt, ich habe noch mit ihm zu reden. Und auch mit dir, weiß Röselein. Da bringt der Buchwart schon das Buch. Frau Königin, rück' näher zu mir her. Nun zeige, Kind, was du gelernt hast bei diesem jungen Weisen. Weiß Gott, eure Jahre zusammengelegt erreichen nicht die vierzig. Und doch schon so gelehrt – alle beide. Nun, Einhart, fang' an!«

 

III.

Der Jüngling – er zählte zweiundzwanzig Jahre und mit Grund hieß er der Feine am ganzen Hof – erhob sich von seinem Sitz am untersten Tafelende und stellte sich mit dem aufgeschlagenen Pergament so an des Königs Seite, daß die Jungfrau – unter dem hellen Schein der drei Hängampeln gerade über ihrem Haupt – bequem hineinblicken konnte. Freundlich ruhten der Königin Augen auf der schlanken Gestalt des jungen, hochgeborenen Edelings, – sein Vater wie die Vorfahren waren Grafen im weinfrohen Maingau – auf den feingeschnittenen Zügen, deren Weiße das reiche dunkelbraune Gelock noch hob. Das seelenvolle Auge adelte ein Ausdruck scheuer Bescheidenheit, zarter, inniger Zurückhaltung: ohne es zu ahnen war der »jungfräuliche Knabe«, wie sie ihn nannten, der Liebling aller Frauen. »Er ist rein wie ein Mädchen,« dachte Frau Hildigard, »wie ich war, bis ...«

»Wir sind noch ziemlich im Anfang,« begann der Lehrer, ein wenig verlegen. »Die Fürstin hat immer so viel zu fragen ...« – »Nun ja, ich muß doch alles gründlich nehmen, nicht? Ich lese nicht weiter, bis ich das Gelesene voll verstanden.« – »Recht, mein Töchterlein! Prinzessin Pflichtgetreu sollte man dich nennen.« Und er strich ihr zärtlich über den blonden Scheitel. – »So stehen wir erst beim neunzigsten Vers des ersten Buches,« erläuterte Einhart. Und er las nun langsam den lateinischen Text, den die Schülerin sofort Zeile um Zeile auf Deutsch, das heißt auf Uferfränkisch, wie das Haus der Karolingen sprach, wiedergab.

In Versen würde ihre Übersetzung etwa so gelautet haben:

»Erst war die goldene Zeit: ein Geschlecht von Menschen, das willig,
Ohne Gesetz und Zwang und Bewachung, übte das Rechte.
Unbekannt war Strafe wie Furcht, noch drohte kein Richter.
Noch umgürteten nicht hochragende Mauern die Städte,
Noch kein schmetterndes Horn rief, keine Drommete zum Kampfe,
Noch erglänzte kein Helm und kein Schwert und ...«

»Hört auf!« lachte Karl. »Gar langweilig muß sie gewesen sein, eure goldne Zeit! Da ist mir unsere eiserne lieber trotz mancher Bosheit meiner lieben Untertanen. Was hätt' ich zu tun, wenn ich nicht Gesetze erlassen, Urteile finden, Schlachten schlagen dürfte? – Laßt's genug sein! Die Kleine versteht's ja schon ganz gut. Sie muß belohnt werden!« Damit hob er sie von seinem Knie, stellte sie gerade vor sich hin und nahm ihre beiden Wangen in seine beiden Hände: »Nun merk' auf: erste Belohnung: du sollst nicht in das nebelfeuchte Eiland der Angelsachsen, brauchst nicht König Eardulf von Northumberland zu heiraten.«

Das Mädchen lachte: »Vielen Dank, lieber Vater. Aber das ist keine Belohnung.« – »Wie so?« fragte er erstaunt. – »Den hätt' ich doch nie geheiratet.« – »O kleine Rebellin!« Das kam etwas ungehalten heraus. Die Mutter, ein wenig hinter seinem Stuhle sitzend, legte den Zeigefinger an den Mund und bedeutete mit hochgezogenen Brauen, nicht so offen zu trotzen. Aber der Vater zürnte schon nicht mehr: »So schlimmtrotzig du bist, – ich mag dich nicht entbehren. Drum hab' ich dir drei wackre Helden, in Krieg und Rat erprobte Männer, die mein Palatium oder doch mich nie verlassen, – zur Auswahl ausgesucht: einen Herzog, einen Pfalzgrafen und einen Marschalk: du kennst sie alle: einem von den dreien wirst du vermählt: morgen wirst du mehr hören und entscheiden: zu Weihnachten ist die Hochzeit.«

Da erschrak die Königin, aber noch viel mehr erschraken Emma und Einhart. Jene faßte sich zuerst: »Aber Vater! Sie ist ja noch ein Kind!« – »Ist sechzehn Jahre. Als du so alt warst, hattest du mir schon zwei, – ja zwei! – Knaben geboren. Ist dir's schlecht bekommen?« – »Dreizehn Jahre zählte ich, als ...! Du hattest mich gezwungen!« – Da lächelte er verschmitzt: »Nicht daß ich wüßte! Vielmehr kamst ...«

»Karl!«

Das ward so feierlich, so todesernst, so drohend gerufen, daß er ganz erschrocken auf seinem Stuhle herumfuhr, ihr Gesicht zu sehen. Das trug den Ausdruck höchsten Ernstes, ja tiefer Gekränktheit. »Nun, nun! Sei gut! Ich ... Sei nur gut.« Und er griff nach ihrer Hand, die sie nur zögernd gewährte.

Einstweilen hatte sich Emma von ihrem Schrecken erholt: aber nun traten ihr Tränen in die Augen: »Vater! Das wirst du nicht ... Ich kann nicht. Ich kann ja doch nicht. Nie!« – »Das hat schon manches Jungfräulein gesagt, das später enkelreiche Großmutter ward. Nicht bitten! Es hilft nichts. – Aber auch der Lehrer muß seine Belohnung haben. – Erschrick' nicht, Feiner: du sollst nicht heiraten! Nein, höre und freue dich. Seit dich mir Abt Baugulf aus Kloster Fulda mit reichem Lob an den Hof gesandt, – denn Mönch oder Priester wolltest du nicht werden – hast du all dies Lob mehr als bewährt: zumal aber hast du gar Wunderbares geleistet in allem, was Bauwerk, was Kunstwerk jeder Art anlangt. Wie schön hast du zuletzt die Kirche der Gottesmutter hier am Palast vollendet: ein Wunderwerk ist sie zu schauen.« – »Keine Kunst, darf man durch die Gnade des Herrschers dazu die schönsten Säulen aus Rom und Ravenna kommen lassen!« meinte der Jüngling. – »Ein Stümper nicht, nur ein Meister weiß sie so zu verwenden! Wohlan, ich schaffe für dich ein neues Reichsamt, das soll nur dem Erzkanzler nachstehn: Reichsoberbaurat bist du von Stund an: mein Archi-Architekt! (Kann man das sagen? Muß Alkuin fragen!) Und du sollst entwerfen und leiten alle Bauwerke, die ich ausführen lasse in meinem weiten Reich. Fang' morgen an und entwirf mir den Plan einer Rheinbrücke bei Mainz, gleich gut für mein Heer und meine Kaufleute brauchbar, also fest und breit. – Aber, bei Sankt Denis, Männlein, Feinlein, was ist dir? Bist ja leichenblaß, zitterst! Hat dich die Ehrung so überrascht, daß du nicht ein Wort des Dankes findest? Nun, erhalte dir solch bescheidenen Sinn! Und jetzt gute Nacht! Komm, Hildigard!« Er faßte ihre Hand und schritt mit ihr die paar Stufen hinauf, die im Hintergrund des Saales zu einer Erhöhung leiteten, aus der die Türe in das Innere des Palastes, zu den Schlafräumen in dem – einzigen – Oberstockwerk führte. Dabei wandten sie dem jungen Paare den Rücken: so sahen und hörten sie nicht, wie die beiden sich ungestüm an den Händen faßten und rasch ein paar Worte flüsterten: dann fuhren sie scheu auseinander: Emma eilte der Mutter nach die Stufen hinauf, während der Jüngling langsam, gesenkten Hauptes, tief traurig dem Hauptausgang am andern Ende des Saales zuschritt.

 

IV.

Zu dem Palatium zählte man eine Menge von Häusern, die, eine kleine Stadt für sich, getrennt von dem vicus Aachen, bildend, um das Hauptgebäude verstreut lagen. Aber auch dies Hauptgebäude, der »Palas«, barg hinter seinen hohen Steinmauern eine ganze Anzahl abgeschlossener, streng viereckiger Höfe. Der umfangreichste war der Brunnenhof, so benannt nach dem Hauptbrunnen des Palastes dicht neben den Steinstufen, die, von einem vorspringenden gewölbten Ziegeldach überragt, zu der Eingangstür der Frauengemächer führten, in denen die Königstöchter mit ihren Palastjungfrauen schliefen – das war im Süden –, während die Königin das Schlafgemach des Gatten, gerade gegenüber im Norden, teilte. Zwischen beiden waren im Osten in kleinen Einzelgemächern die, wie wir sagen würden, »Zivilbeamten« des Hofes untergebracht, – indes gegenüber, im Westen, die kriegerischen Palatine wohnten; all' diese Gemächer lagen in dem Oberstock: die Räume des Erdgeschosses dienten Wirtschaftszwecken. –

Man hielt frühe Stunden ein dazumal: das Leben in dem Palast erwachte in der hellen Jahreszeit bei dem ersten Morgenstrahl: jetzt, im November, noch vor Tagesanbruch. So ging man denn auch früh in der Nacht schlafen. Daher brannte auch in dieser Nacht ein paar Stunden nach dem Abendschmaus nur noch in dem einen oder andern der zahlreichen Gemächer, deren Fenster in den »Brunnenhof« blickten, hier und da ein einsam spätes Licht. Dunkel lagen die Frauengemächer des Südflügels, dunkel das Schlafgemach des Königspaares: auch die kriegerischen Palatine, ritt-, jagd- und dienst-müde, schliefen alle: auf der Seite der »Schreiber«, wie man sie zusammenfassend nannte, im Osten glomm nur aus einem Fenster noch der matte Schimmer einer Ampel.

Still war's in dem weiten Raum: die speertragenden Wachen standen nicht in diesem Innenhof, draußen vor den geschlossenen Toren, in den Säulengängen vor dem Palast. Hier war nur vernehmbar das eintönige Gießen des Brunnens in seine weite dunkelrote Porphyrschale: es wirkte einlullend in seiner Eintönigkeit. Kein andrer Laut: auch in den Lüften nicht: ein schwacher Windhauch nur schob die grauweißen, schwer herabhängenden Wolken langsam von Südwest nach Nordost. Dunkelheit wechselte dabei mit grellem Licht: denn wann der Vollmond manchmal hinter dem langsam ziehenden Gewölk hervortrat, dann strahlten die breiten weißen Pflastersteine des Hofes seinen Glanz grell blendend wieder. –

Der Türmer auf dem »Uhrturm« des nächsten Hofes hatte eben mit dem Holzhammer auf eine mächtige Halbkugel von Erz die zwölf Schläge der Mitternacht getan, – tiefes Dunkel waltete jetzt ringsumher –, da glitt eine schlanke Gestalt, in einen weitfaltigen grauen Mantel gehüllt, aus der ganz leise geöffneten Eingangstüre des »Frauen-Flügels«, und hielt einen Augenblick auf der obersten Stufe, den ganzen Hofraum, soweit es die Finsternis verstattete, überspähend. Dann huschte sie lautlos, wie ein Gespenst, die Stufen hinab, lief, ohne anzuhalten, ohne auf- oder umzusehen, nach rechts, – gen Osten – schräg über den Hof gerade auf die »Schreiber-Pforte« zu. Sie schob die nur angelehnte sacht zurück, schlüpfte hindurch und stand nun vor der Steintreppe, die in den oberen Stock führte, von dem flackernden Licht einer Pechfackel in eiserner Öse unstät beleuchtet. Sie flog die Stufen hinauf, erreichte einen langen Gang mit zahlreichen nach Westen gerichteten Türen, wandte sich hier nach links, zählte drei solcher Cellen-Türen von der Treppe an und hielt vor der vierten. Diese tat sich geräuschlos nach innen auf: sie schwebte über die Schwelle – und sank um.

 

V.

Allein im Sinken umfingen sie zärtlich zwei Arme und ließen sie sacht auf eine an der Wand stehende, mit weichen Fellen bedeckte Truhe niedergleiten: hier lehnte sie den Hinterkopf an die Mauer und schloß die Augen: zum Springen klopfte ihr Herz. Da schob Einhart den mit Pergamenten, Winkelmaßen, Zirkeln bedeckten Tisch zur Seite, ließ sich vor ihr auf ein Knie nieder und küßte den Saum ihres Gewandes.

»Emma, Geliebte!« flüsterte er dann. »Wie soll, wie kann ich dir danken für diese ... diese Großtat der Liebe! Du – du Königskind! – kommst zu mir! Durch die Nacht, durch das Grauen, trotzend der Gefahr, der Schmach der Entdeckung, des Königs furchtbarem Zorn. O wie soll ich je vergelten! Und warum ...?« – »Weil ich dich liebe!« hauchte sie, die sich nun erholte und zärtlich über das braune Gelock des vor ihr Knieenden strich.

Jetzt sprang er auf, eilte an das – einzige – Fenster und schob von innen den völlig deckenden Holzladen vor: »Man kann von drüben, von den Palatinen-Zimmern deutlich bis auf die Truhe sehen: ich fand das gestern, Graf Rorich besuchend. So! Nun sind wir sicher.« Er flog wieder auf sie zu, ergriff ihre Hand und küßte sie: »O habe Dank für dieses Wagnis! Nie hätte ich es dir zugemutet.« – »Es mußte sein,« erwiderte sie, die Hand zurückziehend. »Sonst wär' es wahrlich nicht geschehen. Es ist das letzte – wie das erste – Mal! O wie pocht mir das Herz. Aber wir mußten bereden – heute noch, vor Morgen, – deshalb flüsterte ich es dir zu! – was nun zu tun gegen des Vaters schrecklichen Plan. Ach, er liebt mich so zärtlich! Wie Unrecht ist es, was ich jetzt tue! Unrecht gegen ihn und gegen die Mutter, die engelreine, engelgute!« – »Geliebte, es soll deine einzige Heimlichkeit sein. Hat der König den gedrohten Zwang aufgegeben, dann ...« – »Dann gestehen wir alles von dieser Nacht! Aber doch ..., ich schäme mich so arg, daß ich hier bin.« Und sie verhüllte das Köpflein im Mantel. »Nein! Laß meine Hand!« – »Es mußte doch sein! Du sagst es ja selbst. Wie gern wär' ich, dir diesen Gang zu sparen, zu dir geeilt!« – »Unmöglich! In dem Frauenhaus zur Nacht ein Mann! Fest zwar schläft Anastasia, die alte Bajula, in dem Bett dicht neben dem meinen: – mich hörte sie nicht entschlüpfen und nun schläft sie wohl fort, bis ich wieder in den Kissen liege. Aber dich, unser Sprechen hätte sie doch wohl gehört. Und auch in der Lateinstunde geht es nicht mehr von heut' an. O wie selig waren wir da zu zweien! Da zuerst ist all' das so leise, leise, aber immer wärmer in mir aufgewacht! Die tief geheime, süße, süße Herzensfreude an deiner Stimme, deinem Auge – welch heißer Schauer ...« – »O du Geliebte!« – »Nicht! Nicht mich berühren – hier – bei dir! – zur Nacht! Bitte, nicht! Rein muß alles sein und bleiben an dieser meiner argen Nachtfahrt. Aber wir sind nicht mehr allein mit Ovid! Die Mutter – sollte sie etwas ahnen? – hat von morgen ab dazu die Bajula an meine Seite befohlen. Und wir mußten doch einig werden: – noch vor Morgen. Höre denn: nie laß ich von dir, mein Einhart, im Leben und im Tod. Nie werd' ich eines andern. Eher sterb' ich.« – »O Königskind, was tust du für mich!« – »Was ich muß, weil ich dich liebe.« – »Und du weißt es: ich brauch' es nicht zu schwören: du bist die Seele meiner Seele: nie bin ich von dir zu scheiden!« – »Ich wußt' es, ich weiß es. Aber höre weiter: ich ertrage sie nicht mehr, diese feige, unwürdige Heimlichkeit: laß uns das Geschick, das uns droht, was es sein mag, rasch herbeiführen und offen: willst du? Ja, du hast den Mut deiner Liebe. Auch das wußt' ich. So wollen wir morgen vor die Mutter hintreten und ihr alles gestehn!« – »Ja; ist's doch nur ein einz'ger Kuß!« – »Ihre Fürbitte beim Vater hoffe ich, denn du bist ihr gar wert. Aber, täusche dich nicht, Geliebter: er ist oft unerbittlich. Und sein Zorn kennt keine Schranken. Vielleicht – ja wahrscheinlich! – sehn wir uns morgen zum letzten Mal: er reißt uns auseinander – für immer.« – »Gleichviel. Du hast recht. Ein Ende dieser Heimlichkeit!« – »Gut, mein Freund. Und nun – laß mich fort!« Sie erhob sich von der Truhe. – »Schon? Schon jetzt? O weile noch!« – »Nein! Keinen Augenblick länger als nötig, als unerläßlich war. Aber laß mich erst zum Fenster hinausspähen, öffne den Laden ein wenig! –, ob's dunkel, ob's leer ist da unten.«

Er schob den Laden sacht zurück – da rief er: »Oh all ihr Heiligen! Was ist das? Taghell! Der Vollmond! Aber das nicht allein: Schnee! Fußhoher, dichter Schnee. Während wir sprachen –! Schnee überall,« – »Was tut's? Ich scheue die Nässe nicht!« – »Aber Kind! Deine Fußspuren! Du hast das kleinste Füßlein im Palast. Man wird, man muß erkennen, wer in der Nacht von der Schreibertür nach dem Frauenflügel ...« – »O Gott! Was tun wir?« – »Komm nur hinab. Die kurze Strecke trag' ich dich auf meinen Armen,« – »Nein, nein, nein,« rief sie, scheu, erschrocken vor ihm zurückweichend bis an die Wand des Gemaches. »Rühr' mich nicht an! Du darfst nicht!« – »Nur auf den Armen ... die paar Schritte!« – »Nein! Eher lauf ich zur Mutter hinüber, wecke sie, sage ihr alles.« – »Beileibe nicht: vor den Ohren des Königs! – Halt! Da kommt mir ein andrer Einfall: ich wate dir voraus durch den Schnee bis an den Brunnen: du dicht hinter mir: in jede meiner großen Fußstapfen setzest du die zierlichen Schuhe: so gibt es nur eine – eines Mannes – Spur von meiner Tür bis an den Brunnen: das fällt nicht auf: oft wird vor Tag dort für uns Wasser geholt: von dem hohen Brunnenrand aber bist du mit einem Sprung auf den Eingangsstufen eurer Türe: auf denen liegt kein Schnee: das Dach überragt sie. Komm, Geliebte!« Und er faßte sie an der Hand, führte sie leise auf den Zehen aus dem Gemach über den Gang, die Treppe hinab, zur Haustür hinaus und dann so wie geplant durch den Schnee: freilich das Mondlicht und der weiße Widerstrahl beleuchteten den ganzen Hof, so hell wie Taglicht: aber in dem ganzen weiten Raum – das war nun auch genau zu erkennen – weilte kein Mensch. So gelangte die Jungfrau sicher wieder in das Frauenhaus. In der Türe zog sie die Schühlein aus, eilte die Treppe hinauf und schlüpfte in die Kissen, unbemerkt von der alten Bajula.

 

VI.

Aber nicht unbemerkt von andern Augen hatte das Paar den Schnee durchstapft! Von Herrn Karl war nach ein paar Stunden der Schlaf gewichen, wie ihm das oft geschah. Dann pflegte er sich vom Lager zu erheben, ganz sacht, um Frau Hildigard nicht zu wecken, und bei dem Licht der Häng-Ampel zu lesen: – immer wieder im »Gottesstaat« Sankt Augustins – oder auch auf einer Schiefertafel allerlei flüchtige Gedanken in kurzen Worten festzuhalten, um sie am Morgen wieder zu überlegen, auch etwa mit seinen Räten zu erörtern. So hatte er auch diese Nacht getan. Er trat ans Fenster, durch das der Vollmond jetzt helleres Licht herein goß, als die Ampel von der Decke her verbreitete. Allmählich entsank Tafel und Griffel seinen Händen auf das Fenstersims und sinnend, halb träumend sah er empor zum Himmel, in das nun schon fern hinziehende Gewölk, in den immer sieghafter hervortretenden Mond, der, widergestrahlt von der weißen Schneedecke, fast blendenden Glanz verbreitete.

»Der erste Schnee, der bleibt! Wie friedevoll, wie feierlich! Wie sanft gleicht er alle Unterschiede aus! Gleichmäßig legt er seine weiche, stille Decke unten auf die Pflastersteine, oben auf die runden Tor-Bogen wie auf die spitzzackigen Zinnen. Gleich: – friedevoll: – still! Ein weißes Vorbild von dem dunkeln Tode. – Und der Mond, der volle. So scheint er jetzt auch herab auf Ronceval, auf Erichs Grab in der Steppe, auf jene vielen Sachsengräber an der Aller. War's wohlgetan? Ja, denn nicht für mich, für den Herrn Christus. Ich tät's nochmal! – Und so scheint der Mond jetzt auch auf Rom und auf Sankt Peter. Ob wohl auch – zu dieser Stunde – auf Jerusalem und meine Kirche dort, und zu Bagdad auf Freund Haruns Palast? Weiß nicht! Muß morgen den Feinen fragen. Der Bub' weiß alles! Da drüben wacht er und forscht, der Unermüdliche, seine Ampel brennt noch: durch den halb offenen Laden strahlt ihr Licht! – Ei, was ist das? Aus dem Schreibertor stapft in den Schnee ein Mann – so spät! Er wendet sich um: ah, 's ist Einhart! Und nun – aus der Tür – eine zweite Gestalt – mantelverhüllt – ein Weib offenbar. Welche Sitten! Einhart! Aber wer, welche Nachtdirne ...? Sie schaut umher – die Kapuze fällt: ah Emma, Emma! – Hildigard, Frau, wach auf!« Er schrie gellend: – »Rasch hierher – ans Fenster! Du mußt es selber sehen, – sonst glaubst du's nie! Da schau: Emma und Einhart! Sie kam aus seiner Tür. Ah, bei Gottes Zorn, sie sollen's büßen!«

 

VII.

Und sie büßten schwer. Mit Mühe hatte die Mutter den Zornwütigen abgehalten, sofort in der Nacht Lärm zu schlagen, beide Liebende in Haft zu nehmen. Endlich sah er ein, daß er das Ärgernis, die Schande dem Palast – und den Eltern! – füglich sparen könne: das junge Paar ahnte ja nichts von Gefahr, dachte nicht an Flucht. Aber sobald das Leben im Hause erwacht war, – ruhelos, rastlos, war Herr Karl all' diese Stunden hindurch tobend, knirschend, stöhnend durch das Gemach geschritten, während Frau Hildigard leise weinte, – befahl er dem Seniskalk Audulf, Einhart in dessen Gemach für verhaftet zu erklären und einen Scharmann vor die Türe zu stellen mit dem Befehl, ihn, wolle er entweichen, niederzustoßen, »Die Bajula jedoch, die alte Kupplerin ...« – »Aber Karl!« seufzte die Frau. »Das glaubst du selbst nicht von ihr!« – »Oder schläfrige Schnarch-Muhme! Hinunter mit ihr in den Strafkeller der Mägde! Die Nachtfahre aber bleibt eingesperrt in ihrem Gemach: – du gehst nicht zu ihr.« – »Nicht also! Die Mutter gehört zum Kinde, jetzt mehr als je. Ich bin mit schuldig: wie konnt' ich soviel Jugend, soviel Schönheit sich allein überlassen! Zu spät kam mir die Vorsicht. Ich büße mit, was ich mit gefehlt.«

*

Die Geschäfte des Tages brachte auch dieser schlimme Tag. Der König erledigte sie finster, stumm: seine Gedanken, seine Schmerzen weilten nur bei dem einen. Schweigend wiederholte er sich immer wieder die Worte: »Mehr als alle meine Kinder hab' ich sie geliebt, mehr als alle Freunde – nach Roland! – ihn. Wie hab' ich ihn geehrt, überschüttet mit Gunst und Ehre! Nun wartet, beide!«

Er hatte eine Weile daran gedacht, das Pfalzgericht zu versammeln, öffentlich als Ankläger aufzutreten – der Pfalzgraf hätte an seiner Statt den Vorsitz übernommen – und ein Strafurteil wegen Verletzung der Palastzucht zu beantragen. Von diesem Zorngedanken, der sein Haus im ganzen Reich und draußen bei Freund und Feind würde verunehrt haben, kam er bald selbst zurück. Aber unerbittlich, unwiderruflich hatte er beschlossen, das Paar für immer zu trennen und schwer zu strafen. Um fest zu bleiben, hatte er sogar – gegen seine Art! – seiner Gattin wiederholte Versuche, ihn zu sprechen, mit allerlei Vorwänden von Geschäften abgewiesen.

Zum Mittagmahl war er nicht erschienen, sondern mit ein paar Jägern ausgeritten in den nahen Rheinwald und hatte dort nach rasendem Rennen einen hastigen Jagdimbiß eingenommen.

Spät am Nachmittag zurückgekehrt, fand er der Königin schriftliche Anfrage vor, was er beschlossen habe? Er schrieb unter ihre Zeilen kurz: »Trennung für immer. Einklosterung. Er geht als Mönch in mein neues Kloster zu Hamburg, den heidnischen Dänenkönig Sigfrid zu bekehren und dessen grimme Jarle: noch keiner ist wiedergekehrt von diesem frommen Werk. Und sie geht auf Lebenszeit in das strengste Kloster meines Reichs und an dessen andere Ecke: zur heiligen Cäsaria nach Arles. Willst du mich heute noch sprechen, mach' ich zur Bedingung, daß du keine Fürbitte wagst.« Dann siegelte er selbst das Schreiben und schickte es ihr aus seinem Arbeitsgemach, wo er sich in Papstbriefen und Kapitularien-Entwürfen vergrub.

 

VIII.

Nach einigen Stunden – schon waren die Wachskerzen in den hohen Bronze-Leuchtern entzündet – ließ sich die Königin melden und trat ein.

Er verharrte in dem Sitz an dem Urkundentisch, wo er ihr den Rücken zukehrte, ohne umzuschauen. »Du weißt,« sprach er in rauhem Ton, »unter welcher Bedingung ...: komm nicht, um zu bitten.«

»Nein, ich komme, um Abschied zu nehmen.«

So erschreckend ernst, so grabesfeierlich kam das heraus in der geliebten Stimme – sonst so andern Klanges! –: – es zog Herrn Karl herum in seinem Schreibstuhl: er sah ihr ins Antlitz – und da, da riß es ihn empor. Entsetzt sprang er auf: »Hildigard! Du siehst aus als wärest du gestorben!«

»Ich bin gestorben. Für die Welt und zumal, o Karl, für dich. Ich lebe nur noch Gott, der Reue, der Buße. Leb wohl, Herr Karl. Ich hab' dich sehr geliebt. Ach – allzusehr. Dies goldne Ringlein, – es umschloß all' mein Glück! Da ... da!«

Die Stimme versagte ihr unter Tränen. Sie streifte den Ehering vom Finger, küßte ihn und legte ihn leise auf den Urkundentisch. »Leb wohl!« Sie wankte zur Türe. »Halt!« rief Herr Karl, sie am Arme haschend. »Welcher Wahnsinn! Wo – wohin willst du?« – »Wohin ich gehöre: ins Kloster! Nach Arles: zur heiligen Cäsaria.« – »Was ... was fällt dir ein?« – »Das Notwendige. Du hast mein Kind – o fürchte nicht, daß ich bitten werde! – dazu verurteilt! nicht schelte ich dein Urteil. Sie hat ihren Geliebten aufgesucht, heimlich zur Nacht: zwar einmal nur, zum erstenmal: es sollte auch das letzte Mal sein.« – »Ah, wer weiß!« lachte er grimmig, – »Ich weiß: meine Tochter belügt mich nicht. Sie wollten sich besprechen gegen deinen – plötzlichen – Heiratsbeschluß und heute noch wollten sie sich mir entdecken.« – »Ah, glaubst du?« Er zuckte die Achseln. – »Nein: ich weiß: solche Verzweiflung täuscht nicht. Und nicht ein Kuß ist geküßt worden in dieser Nacht. Nein, Karl, zweifle nicht: es wäre deiner unwürdig: schau dem Kind ins Auge.« – »Und wenn! – Und wenn auch all das wahr wäre ...« – »So bleibt es Unrecht und du kannst es strafen, strenge strafen.« – »Nun also!« – »Aber dann strafe gerecht – wie Herrn Karls Ruhm ist vor aller Welt! – wie die Tochter – – die Mutter.« – »Wie? Was meinst du damit?«

Da trat sie einen Schritt näher und sah ihm tief in die Augen: »Hast du vergessen? So ganz vergessen? Freilich, viele Jahre sind's: da war in Schwabenland am Neckar ein Mädchen erwachsen – ach nein, ein Kind kaum aufgeknospt! – dreizehn Jahre alt. Und da kam ein Gewaltiger und sah das Kind und er fand Wohlgefallen an dem Kind. Und er wollte, er ›mußte‹ die Kleine haben. Und die Eltern, hochgeehrt und hochbeglückt, sagten freudig Ja. Und sie – die Kleine?« – Da traten Tränen in die hellen Augen: »Wie hätte sie nicht Ja sagen sollen? Ihn nicht lieb haben, nicht den Gewaltigen anbeten in ihrem kindlichen Herzen? So ward sie seine Braut. Das war vor Weihnachten, in drei kurzen Monaten, zu Ostern, sollte die Hochzeit sein. Aber ...:« sie stockte, sie errötete über und über, griff nach der Lehne des Stuhles, endlich fuhr sie fort: »Aber der Wilde, Ungeduldige, Heißbegehrende, – er konnte, wollte nicht einmal so kurze Zeit warten, nicht warten, bis dieser Ehering ... Und sie? Ach, er ruhte nicht, bis ihm das Kind den Willen tat. In dem Schloß der Eltern ging's nicht an: da ... da ging sie heimlich zu ihm. Nicht einmal – o nein, wochenlang! Der Schnee fiel damals wie heute, wann sie sich nachts zu ihm in das Tannicht stahl, in die Jagdhütte. Und oh – es blieb nicht beim Kuß ...« – Da brach sie aufschluchzend ab und verbarg die Augen in den Händen.

»Hildigard! Vorwurf nach so vielen Jahren!«

Gleich richtete sie sich wieder auf: »Vorwurf? Nein! Aber trifft mein Kind, mein unschuldig reines Kind um ach! so viel geringere Schuld so schwere Strafe, so muß ich sie teilen. Ehrlos wär' ich sonst. Leb wohl, mein Karl!«

Da stürmte er auf sie zu, schloß sie inbrünstig in die Arme, küßte ihre Stirne, Augen und Mund und rief: »Hildigard, geliebtes Weib! Vergib! Vergib für damals und für heut'. Ich mach' es gut. Nimm, bitte, nimm den Ring zurück, – den Ring, der all mein Glück! Und eile zu ihr. Ich gehe zu ihm. Morgen, morgen soll die Hochzeit sein!«

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