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Am Hof Herrn Karls

Felix Dahn: Am Hof Herrn Karls - Kapitel 2
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typenarrative
authorFelix Dahn
titleAm Hof Herrn Karls
publisherBreitkopf & Härtel
seriesGesammelte Werke. Erzählende und poetische Schriften
volumeZweite Serie: Band 5
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I. Die Freibitte

Ihrer
der Frau Herzogin zu Trachenberg,
Fürstin Natalie von Hatzfeld,
Durchlaucht
 
verehrungsvoll zugeeignet

 

I.

In dem Palatium der Langobardenkönige zu Pavia reichte der von der Königin und ihrer Tochter bewohnte Flügel bis dicht an das Ufer des Tessin, dessen Fluten auch an schwülen Sommertagen einige Kühlung der gegen den Fluß hin offenen Säulenhalle, dem Hauptgemach der Frauen, zuführten. Hier waren an einem solchen heißen Sommerabend um Ansa, die ehrwürdige Gemahlin des Königs Desiderius, und um Adalperga, deren Tochter, eine Anzahl vornehmer langobardischer Frauen und Mädchen, auch Geistliche und ein Paar weltliche »Gasindi« und Höflinge des Palatiums versammelt.

Die Königin war ernst, ja sorgenvoll, so schien es, im Hintergrund der weiten Halle in ein Gespräch mit Bischöfen und älteren Vornehmen vertieft, indes die schöne Adalperga – schon feierten Lieder, nicht nur lateinische der Hofpoeten, auch langobardische im Mund des Volkes ihre Anmut, Bildung und Herzensgüte – ganz vorn auf der offenen Bogenwölbung gegen den Fluß hin an einem mächtigen Steintisch saß, dessen Mosaikplatte zahlreiche Handschriften trug; diese zu ordnen und allmählich in eine hohe eherne Amphora wegzulegen war ein junger Mann beschäftigt, dessen Kleidung ein seltsames Gemisch von Geistlichem und Weltlichem zeigte. Das edle Antlitz mit den feingeschnittenen Zügen schien gebleicht von zu anstrengender – wohl auch nächtlicher – Forschungsarbeit: aber das Auge blitzte von feuriger Begeisterung und um den schwarzen langen sutanengleichen Rock war doch der Wehrgurt mit dem Schwert gegürtet.

Dagegen völlig die Tracht eines Kriegers zeigte ein ihm gar ähnlicher etwas jüngerer Mann, der sich neben ihm auf den Tisch mit den Rollen beugte und nun mit leichtem Schütteln der braunen Locken lächelnd meinte: »O Fürstin, das Latein laß ich mir noch gefallen: – hab' ich's doch sogar in diesen meinen harten Kopf hinein gehämmert: –, aber diese krausen Schnörkel, dies Griechische sogar, soll Euch mein gelehrter Bruder beibringen? Wozu? Ihr habt's doch nicht nötig zu Eurem Geschäft.« – »Was ist denn mein Geschäft, Gasind Arichis?« fragte Adalperga mit anmutiger Neugier. – »Fürstin und schön zu sein,« war die rasche Antwort. »Nicht wahr, Bruder Paulus, das findest du auch?« – Aber dem Befragten schoß es blutrot in Wangen und Stirn. Verweisend sprach er »Mit so hohen Dingen scherzt man nicht, mein Bruder.« – »Wer sagt dir, daß ich scherze? 's ist mir hoher Ernst damit. Und kundigere Männer als ich finden's auch. So mein hoher Patron und Senior Arichis ...« Da hob die Jungfrau ein wenig das schöne Haupt und sah dem Sprecher in die Augen, aber gleich blickte sie wieder in die griechische Schrift.

»Was sagte der Herr Herzog von Benevent?« fragte der ältere Bruder. – »Ei, unser Herr, er, der sich wahrlich versteht auf Frauenschöne, er meinte kurz vor seiner Abreise ins Frankenreich: »Fürstin Adalperga ist das schönste Weib der Erde.« – Da errötete diese über und über; um das Gespräch abzubrechen, schob sie die Schriften zurück und auf die beiden leeren Stühle neben dem Tisch deutend, sprach sie: »Kommt, ihr Warnefridinge, da setzt euch zu mir und erzählt – ihr habt es längst versprochen! – die seltsame Geschichte eurer Sippe, eurer ›Fara‹. Man sagt, gar Wunderhaftes schmücke und verhülle sie zugleich, wie Efeuranken ein alt Gemäuer.« – »Ein treffend Bild, wahr und schön,« meinte Paulus sich niederlassend. »So schmückt und verhüllt zugleich Frau Sage auch unseres ganzen Volkes Geschichte: man kann, man soll Sage und Geschichte nicht scheiden,« schloß er sinnend, »erzählt man davon. Gern möcht' ich all' das einmal erforschen und berichten,« meinte er nachdenklich. »Freilich ist auch Bedenkliches dabei, was an die Heidengötter, die Dämonen mahnt« – und er schlug ein Kreuz über die Brust; »von denen soll man nicht viel reden.« – »Doch soll man das,« lachte der jüngere Bruder und setzte sich an die andere Seite Adalpergas. »Sind gar schöne und oft lustige Geschichten. So, wie Frikka ihrem Gemahl, Herrn Wodan ...« – »Nenn' ihn nicht, er ist der Dämonen Haupt und König,« warnte Paulus.

Aber Arichis fuhr fort: »Mein Bruder ist so fromm wie ein Mönchlein! Also: wie Frikka ihren weisen Gemahl überlistete, was unserem ganzen Volk den Namen gab.« – »Ich hörte davon einmal: – aber die Frau Äbtissin, meine Erzieherin, liebte das nicht ... und doch wüßt ich's gern.« – »So hört! Das erzähle ich besser als mein ernsthafter Bruder,« fiel Arichis ein, »Findet Ihr nicht, Fürstin, er wird immer unweltlicher, immer mehr priesterlich? Umsonst dräng' ich ihn, gleich mir Gasind unseres Herzogs zu werden.« – »Nun, er trägt ja das Schwert. Habt Ihr gewählt, gelehrter Paulus, zwischen Brünne und Kutte?« – »Noch nicht. Ich schwanke.«

»Nun also, tapfrer Gasind Arichis, wie war das mit der Überlistung?« – »Das war so,« hob er wieder an.

»Unser Volk hieß ursprünglich – in seinen alten Sitzen an dem Elbestrom fern im Norden – die Winiler. Die Winiler hatten Krieg mit den Vandalen; diesen wollte Wodan – das barg er jedoch heimlich im Herzen – den Sieg geben. Frikka, seine Gattin, aber den Winilern. Auf ihr Fragen und Forschen erwiderte er, arglistig in den Wirrbart lächelnd: ›Ich gebe denen den Sieg, die ich morgen früh von meinem Pfühl aus zuerst sehe.‹ Das wären aber die Vandalen gewesen, die im Osten lagerten: denn nach Osten schaut Walvaters Pfühl ...« – »Erstaunlich viel weißt und fabelst du von diesem übeln Waland!« schalt Paulus. – »Aber Frikka drehte seinen Pfühl am späten Abend um ...« – »Das ist lustig,« lachte Adalperga. – »Und riet den Weibern der Winiler, um Sonnenaufgang vor ihren Männern sich aufzustellen und das aufgelöste Haar – wie einen Bart – um den Mund zu schmiegen. Das taten sie und als nun Siegvater im Morgendämmer zum Himmelsfenster hinaussah ...« – »Der wohnt aber doch im tiefsten Pfuhl der Hölle!« meinte berichtigend der Bruder. – »Rief er erstaunt: ›was sind das für Langbärte?‹ Da sprach Frikka: ›Du gabst ihnen den Namen: so gib ihnen auch den Sieg – als Patengabe‹, und küßte ihn auf den bärtigen Mund und streichelte ihm die Wange ...« – »Aber Bruder! Laß ab.« – »Hei, sie war ja seine Frau! Da ist doch nichts Schlimmes dabei, nicht wahr, Fürstin? – Und der Gott? ... Nun er tat, was schöner Ehefrau Gatte tut: er lächelte und tat nach ihrem Willen und gab uns den Sieg, und ›Langobarden‹ heißen wir seither.« – »Das ist schön, daß unser Name schon an Sieg sich knüpft. Aber nun erzählt weiter ... von eurer Sippe.« – »Fang' an, Paule. Wirst du allzu fromm oder läßt du mir das Schönste weg, fall' ich, verbessernd und ergänzend, ein.«

»Also: – da die hohe Fürstin unsre Fara solcher Ehre würdigt, von ihr zu hören – mit den Langobarden, die vor mehr als zweihundert Jahren unter König Alboin aus Pannonien in dies reiche Land einwanderten, das unsre schöne Heimat ward, war auch unser Ururgroßvater Leupichis: er siedelte sich und die Seinen in Friaul an – am Ufer der Livenza – und ward Gasindus des Herzogs von Friaul. Und seither sind wir von Geschlecht zu Geschlecht getreue Gefolgen dieses Herzoghauses gewesen.« – »Ja, gar mancher unsrer Vorfahren,« fiel Arichis ein, »hat den Schild solchem Herzog getragen und ist mit ihm, auch wohl für ihn erschlagen worden!« – »Aber auch das fürstliche Haus hat Schutz und Treue unsern Vätern gewährt: ein Held dieser Sippe ist im Schirmkampf für unsre Ahnen gefallen.« – »Ja, und daß ich hier lebend sitze neben der Tochter meines Königs, wem verdank' ich das, als unsrem Herzog?« – »Wie das?« forschte Adalperga eifrig. »Hat er ... hat der Herr Herzog von Benevent –?« – »Herausgehauen hat er mich vorigen Herbst aus einem ganzen Rudel wilder Slovenen. Wir sollten sie aus dem Ostland treiben, in das sie aus der Windischen Mark eingefallen waren: bis Marianum waren sie schon vorgedrungen. Herzog Arichis schlug sie dort aufs Haupt und lustig war die jagende Verfolgung! Aber ich ward darüber allzu lustig und fiel in einen Hinterhalt im dichten Grenzwald: es waren ihrer fünf, mein Gaul stürzte –, ich war verloren; da sprengte mein Herzog heran ... –« – »Auf seinem schönen Rapphengst?« fragte das Königskind. – »Jawohl! – Schau, wie gut Ihr beschlagen seid in seinem Marstall! – Und holte mich heraus – er allein! – er blutete dann, aber er lachte dazu.« – »Und,« fuhr Paulus fort, »sie haben aus ihrem Reichtum gespendet, als wir in wilder Kriegsdrangsal alles verloren hatten, sie haben mit Rat und Tat uns geholfen allezeit. Und so sind wir ihnen denn zu Dank und Treudienst verpflichtet immerdar. Und nicht nur Pflicht, – nein, stolze Wonne wär's, für dies hohe Geschlecht das letzte Herzblut zu vergießen.«

Er hatte sich in edle, in lodernde Begeisterung hineingesprochen: es ließ ihm gut; die feinen Züge, das schöne Auge verklärten sich: mit freundlichem Staunen sah's die Jungfrau, Arichis aber rief: »So gefällst du mir, Paule! Ich seh' dich doch nochmal in Helm und Brünne stolze Streiche tun für Arichis von Benevent. Denn Ihr wißt ja wohl, daß zwei Brüder des Herzoghauses von Friaul übergesiedelt sind in jenes südlichere Land und dort das Herzogtum erwarben. Und weil bei diesem Haus – jetzt von Benevent – der Name Arichis fast erblich ist, – haben auch wir, mit jenem übergesiedelt, dessen Namen gar oft geführt: so heiße ich – unwürdigermaßen! – wie jener Herzog, dessengleichen – bei Gott! – kein Held lebt im Volk der Langobarden;« – Abermals errötete Adalperga. Aber Paulus deutete das irrig – als Erzürnung: »ausgenommen, Arichis, den Herrn König Desiderius,« mahnte er. Jedoch die Königstochter meinte: »Ach, mein lieber Vater ist alt und krank und der viele Gram um dieser bösen Franken willen ...! Hat er doch um deswillen« – sie stockte ein wenig – »den Herrn Herzog, den ihr wie um die Wette lobt, in jenes Reich über die Alpen geschickt – recht lange, lange bleibt er aus, mein' ich! – zu erkunden, was etwa Schlimmes dorther droht. – Aber nun endlich zurück zu Leupichis, eurem Ahn.«

»Der hinterließ, wie er starb, fünf noch ganz junge Söhne, der jüngste hieß wie er. Da brachen in das Gebiet von Friaul die greulichen Horden der Avaren ...–« – Adalperga schauderte: »Unholde sollen's sein, nicht Menschen.« – »Sie plünderten, mordeten, verbrannten, was sie erreichten und schleppten die fünf Knaben, an die Schweife ihrer Gäule gebunden, mit sich in die Knechtschaft, in die öden Steppen der Avarenringe! Die vier älteren sind dort geblieben und verschollen. Der Jüngste aber, Leupichis, hatte nie die Sehnsucht nach der Freiheit, die Hoffnung auf die Wiederkehr in die Heimat aufgegeben. Jeden Abend vor dem Einschlafen hatte er zu den Heiligen gebetet, zumal zu dem Schutzherrn unserer Fara, Sankt Sabinus zu Spoleto, ihm glückliche Heimkehr zu gewähren.« – »Wohl, wohl,« meinte Arichis. »Aber unser alter Rinderhirt, der mir die Sache – wie oft! – erzählte draußen auf der Heide, flüsterte immer dazu: ›er hat auch stets einen Wuchs Ernte-Hafer stehen lassen auf dem Felde – für Herrn Wodans Grauroß.‹« – »Nicht doch! – In einer kalten Winternacht nun, ohne Mond und Sterne, floh der zum Jüngling Herangewachsene aus der Lehmhütte, die ihm samt ein paar Ziegen sein Herr als Wohnung angewiesen hatte, nahe dem Grenzring der Avaren: er nahm nur Bogen und Pfeilköcher und etwas trockenen Ziegenkäse mit. Als er aber nun den nächsten Wald erreicht hatte, wußte er nicht, – denn die Sterne fehlten – welche Richtung er einschlagen solle auf seiner Flucht, um Langobardenland zu erreichen. Auch schien das Gestrüpp des dornigen Dickichts im Unterholz undurchdringbar: er konnte weder vorwärts noch rückwärts, ratlos blieb er stehen: er wollte verzagen. Da sah er plötzlich zu seiner Rechten zwei kleine rotgelbe Lichter funkeln, die, nah an der Erde, an ihm vorüber vorwärts schossen: es war ein Wolf, der wies ihm den Weg durch das Gestrüpp: er folgte, dankend Sankt Sabinus, der ihn gesendet.«

Arichis schüttelte das kurzkrause Gelock: »Aber der alte Hirte lachte und raunte. ›Wie käme ein Heiliger zu einem Wolf? Den Wolf hat Wodan gesendet:‹ ›der Wolf ist Wodans geweihtes Weidwild‹ so sagt ein uralt Wort. Und: ›reich lohnt Wodan treuen Dienst‹ ein anderes. Er hatte wohl der Ähren für sein Grauroß nicht vergessen, – sagte der Hirt, nicht ich, frommer Bruder!« – »Wundersam war nun, wie ein paar Tage lang das Untier wirklich als Wegweiser dem Fliehenden vorantrabte, nie ihn bedrohte, nie außer Sichtweite lief, oft sich umwandte, ob Leupichis auch richtig auf dem schmalen Pfade durch das Dorndickicht folge? Aber am dritten Tage – die mitgenommene wenige Mundspeise war längst verzehrt – plagte den Ahn der Hunger, ganz erschöpft fürchtete er zu erliegen: da spannte er den Bogen, legte den Pfeil auf, den Wolf zu töten, ihn zu verzehren.« – »Das war recht undankbar von dem Ahn – sagte nämlich Grimmo der Hirt, der soviel alte Dinge, Sagen und schöne Sprüche wußte, wie nur etwa noch Willehalm sein jüngerer Bruder, viel hab ich von ihnen gelernt: – Gott lohn' es ihnen im Himmel! – Und auf dem Fleck strafte ihn Wodan: der Pfeil ging fehl, was sonst dem Ahnherrn nie geschah, er sah nur noch, wie der treue Wegweiser vorwurfsvoll umsah und verschwand, dann stürzte er todmüde zu Boden.« – »Im Traum aber erschaute er einen Mann, der stand bei seinem Haupte und sprach: ›Steh auf! Leupichis, was schläfst du? Geh dahin, wohin deine Füße gerichtet liegen: denn dort liegt Langobardenreich, wohin du trachtest:‹ das war Sankt Sabinus.« – »Er trug aber einen Schlapphut, dieser Mann,« warf Arichis ein, »und dunkelblauen Mantel und in der Hand einen Speer: so sehn die Kutten-Heiligen nicht aus.« – »Und der Ahn sprang auf und wanderte, wie ihm das Traumgesicht gewiesen und fand am Abend eine Siedelung: darin waltete eine schöne junge Mutter, die ihn aufnahm, speiste, nächtigte, den Weg wies: tief dankte er der Hausfrau.« – »›Die trug ein linnenblütenblau Gewand, klirrende Schlüssel am Gürtel, und ein golden Halsgeschmeide,‹ sagte der Hirt. Das war ...« – »Und so gelangte er in ein paar Tagen nach Friaul, an die Livenza und an das alte Stamm-Gehöft, das Allod unserer Fara: aber das sah traurig aus! Verödet lag's seit vielen Jahren, das Dach war von den Avaren abgebrannt, offen klaffte die Halle gen Himmel: Buschwerk und Gedörn füllte die Stuben: und ein gewaltiger Eschenbaum« – – »Das ist Wodans Weihebaum.« – »Ragte hoch durch die Dachlücke in die Luft. Daran hing der Ahn sofort Bogen und Köcher auf, als des Besitzes Zeichen. Und der gütevolle Herzog, der Ahn des heutigen, beschenkte ihn reich mit milder Hand, so daß er ein Weib gewinnen und unsre Fara neu begründen konnte.« – »So sind wir von Geschlecht zu Geschlecht diesem Fürstenhaus zu tiefem Dank verbunden. – Aber horch, wer kommt da?«

Und Arichis wandte sich: die Doppeltüre, die in das Innere des Palastes führte, ward aufgerissen und herein trat in lebhafter Bewegung eine hohe Gestalt, klirrend in Waffen. Adalperga sprang auf: »Er! Er zurück« flüsterte sie.

Der Ankömmling aber schritt durch die umgebenden Palastgroßen und Frauen auf die Königin zu, beugte tief das Haupt und sprach: »Frau Königin, soeben komm' ich an: Tag und Nacht ritt ich aus Frankenreich: schlimme Kunde bring' ich: König Karl und sein Reichstag haben – für den heiligen Vater! – den höchst unheiligen Krieg gegen uns beschlossen. Aus dem Sattel gesprungen eilte ich an das Krankenbett Eures königlichen Gemahls, zuerst ihm das zu melden. Dann aber, hohe Frau – in dieser Stunde höchster Gefahr ist es Zeit, um Waffenschutz und Waffenschirm für Euer Haus zu sorgen: jetzt – nicht früher, – wagte ich es, bei König Desiderius um die Hand Eurer Tochter Adalperga zu werben: er sagt sie zu, wenn die Mutter und die herrliche Jungfrau ...« – Da unterbrach ihn die immer noch schöne Greisin, faßte seine Hand und sprach: »Die Stunde der Werbung adelt Euch, Herr Herzog, mehr als Eures Blutes Adel und all' Euer Waffenruhm. Nehmt sie hin – seht, wie hoch sie errötet! Ich kenne ihr Herz: – Komm, Adalperga, folge diesem Herzen.« Das Mädchen schwebte gesenkten Hauptes auf die Mutter zu, die ihre Hand in die des Herzogs legte.

Alle Versammelten drängten nun aus der Bogenhalle in das Innere des Palastes in heftigster Erregung. So bemerkte niemand, – auch nicht der Bruder, – daß eine schlanke Jünglingsgestalt bei dem Versuch, zu folgen, ohnmächtig auf den Estrich niedersank.

 

II.

Wie herrlich ist der Ausblick von Monte Casino weithin über das Land, über das blühende Tal des Garigliano im Westen und Süden und die umliegenden Berge, die es vom Golf von Gaëta scheiden, aber doch zuweilen das tief blaue Meer erschauen lassen: im Osten das Tal von San Germano, dem alten »Casinum«, von seinem raschen Flüßlein Rapido, damals noch »Vinius« genannt, durchflutet und hoch überragt von den Felskämmen der Abruzzen!

Ein starker Wille der völligen Weltentsagung wahrlich gehört dazu, an diesem entzückenden Fleck der Erde alles Irdische von sich zu streifen und nur noch dem Geistlichen, der Kirche zu leben. Aber keine Regung des Bedauerns, der geheimen Sehnsucht nach Rückkehr in das Leben der Welt lag auf den bleichen Zügen des jungen Mönches, der, in die schwarzen Ordensgewande Sankt Benedikts gekleidet, mit dem Rücken an der Außenseite der westlichen Eingangspforte des Klosters an die schwarz-graue Felsmauer gelehnt, traumverloren in den prachtvollen Sonnenuntergang des Frühlingstages hinausblickte: er hatte den linken Arm auf den Rücken gelegt, die rechte Hand, mit der Rückseite quer über die Stirn gehalten, suchte die blendenden Strahlen, die schon wagrecht leuchteten, abzuwehren.

Lange stand er regungslos, man hätte ihn für die Statue eines Benediktiner-Mönches halten können, die, aus dem schwarzen Schieferfels gehauen, hier Wache hielt. Endlich störte ihn aus seiner Ruhe ein Geräusch, das sich von unten vernehmen ließ, von der Straße, die heute noch von Westen in höchst steiler Steigung und mit vielen Windungen um die Felsvorsprünge auf den Gipfel des Berges führt. Ein solcher Vorsprung hatte auch bis dahin unsichtbar und unhörbar gemacht den kleinen Zug, der sich nun rasch näherte. Voran zwei berittene und bewaffnete Klosterknechte: dann folgte ein reich geschirrtes Maultier, dessen kleine Silberglöcklein, bei jedem Schritt erklirrend, zuerst vernehmbar geworden: der Reiter achtete nicht all' der berauschenden Schönheit von Natur und Landschaft um ihn her: er las eifrig in der Regula Sankt Benedikts: die Sorge für den sichern Gang seines Tieres auf dem schmalen Steg, hart an dem schwindelnden Abgrund hin, überließ er einem kleinen Hirtenjungen, der, barhäuptig und barfüßig, nur mit einem braunen zottigen Lammfell bekleidet, daneben her lief, die Zügel am Gebisse haltend, und offenbar gar stolz auf solches Amt. Dahinter schwankte, mühsam von vier Männern emporgetragen, eine geschlossene Sänfte: ein dritter Gewaffneter ritt hinterdrein.

Der junge Mönch schritt jetzt langsam den Kommenden entgegen: er hatte den Reiter des Maultieres erkannt: als er ihn erreicht hatte, kniete er zu dessen Rechten nieder, beugte das glatt geschorene Haupt und sprach: »Euern Segen, Herr Abt und Vater! Wie lang hab' ich sein entbehrt.« – Mit liebevollem Blick legte der Abt die Rechte auf sein Haupt: »Gott der Herr hat dich gesegnet mit reichen Gaben des Geistes und des Herzens: und eifrig hast du sie verwendet in seinem und in der Menschen Dienst. Er wird dir lohnen. Steh auf!«

Im Weiterschreiten sprach nun der Mönch: »O Vater Theudemar, wie lange doch bliebt Ihr den Euern fern! Wie fehltet Ihr uns allen – und zumeist mir.« – »Ich blieb nicht länger unten in der Welt, als es die Pflicht gebot. Das sind Zeiten, mein Paulus, in denen Sankt Benedikts unwürdiger Nachfolger nicht unter den Büchern und mit Gebeten allein die Tage verbringen darf. Zwar nicht viel drang und dringt hinauf in den heiligen Frieden dieses Hauses aus dem Lärm und den Kämpfen der Welt da unten: – nur verworrene Kunde hat uns bisher erreicht von all' dem Geschehenen – aber Hilferufe Leidender, Verfolgter, Verwundeter fanden doch den Weg zu mir: so eilte ich zu helfen wo ich konnte.«

Sie hatten nun das Klostertor erreicht: der Abt stieg ab, die Sänfte zu erwarten, die langsam näher kam: »Und dir, mein Sohn, hab' ich auch etwas mitgebracht, zu helfen, zu heilen, zu pflegen: du wirst es gern tun, wär' es auch ein Feind.« – »Gewiß, mein Vater. Es steht geschrieben: ›Liebet die euch hassen‹.« – »Nun,« lächelte der Abt, »diesmal wird das nicht von dir verlangt. Siehe, es ist nicht ein Feind, es ist ...« – »Mein Bruder, mein Arichis!« rief Paulus und lief auf die geöffnete Sänfte zu, aus welcher die Träger nun den Insassen hoben.

»Paulus! Du hier? Du lebst?« erwiderte Arichis, sich wankend auf des Bruders Schulter stützend. – »Und du! Wie bleich! Verwundet? Schwer verwundet?« – »Ja,« sprach der Abt, »schwer. Aber Gott hat geholfen.« – »Und dieses guten Mannes Pflege,« sprach der Wunde. – »Kommt nun herein, ihr wieder Vereinten. Ins kleine Refektorium! Da wollen wir den Gast laben nach der anstrengenden Reise bis heute von Reate her. Dann mögt ihr euch erzählen, was ihr seit eurer Trennung erlebt habt: – ihr und dies Land Italia.«

 

III.

Nach dem von klösterlicher Einfachheit vorgeschriebenen Abendessen, das sie nicht wie sonst mit der Gesamtheit der Brüder, sondern in einem schmalen, hochgewölbten, kühlen Nebenraum des Refektoriums einnahmen, wollte der Abt die Brüder allein lassen, aber beide baten ihn, zu bleiben: »Wir haben nichts Geheimes vor dir, Vater,« meinte Paulus. – »Ja, deine Seele kenne ich so klar wie den Grund kristallhellen Quells, besser kenne ich sie als du selbst! Aber dieser Kriegsmann ...« – »Bleibt, Herr Abt, und helft mir, diesen Schweigsamen zum Reden bringen. – Also hier – und als Mönch! – finde ich dich wieder, Bruder! Spurlos verschwunden warst du, verschwunden mir und allen im Palast zu Pavia, von jenem Abend an, da unser Herzog mit der Nachricht von dem Frankenkrieg eintraf. Vergeblich suchte ich, aus dem großen Saale, wohin wir alle der Königin folgten, zurückgekehrt, dich in der Säulenhalle am Tessin, im ganzen Palast, in der Stadt: – niemand wußte von dir als ein Torwart: der meinte, er habe dich erkannt, wie du in derselben Nacht, auf einem Maultier reitend, durch das Südtor die Stadt verlassen. Das war die letzte Spur all' diese Monate. Du warst also ...?« – »Ohne Aufenthalt hierhergeeilt – in den heiligen Frieden Sankt Benedikts: und in die Entsagung.« – »Und beide hat er gefunden,« sprach der Abt, »nach der ersten Beichte, die ich ihm abnahm. Ich fand nichts – in der Vergangenheit – zu vergeben, nur zu warnen für die Zukunft.« – »Ich danke, Vater!« sprach Paulus und küßte seine Hand.

»Aber,« grollte Arichis, »warum mir, dem König, dem Herzog gar nichts sagen. Warum?« – »Weil ihr,« lächelte der Mönch wehmütig, »mich bestürmt hättet, zu lassen, was ich doch tun mußte. Das wollt' ich euch und mir ersparen.« – »Und so plötzlich!« – »Nicht doch! Du weißt es ja: lange schwankte ich ›zwischen Brünne und Kutte‹.« – »So sprach damals Adalperga: du hast ein gut Gedächtnis!«

Paulus errötete: nach einer Weile fuhr er fort: »An jenem Abend nun kam's über mich, erkannte ich wie im hellen Blitzschlag, daß für mich nur in der Weltentsagung Friede zu finden ist. Ich eilte Tag und Nacht hierher – das Schwert warf ich noch vom Säulenaltan des Palastes aus in den Tessin! – und Abt Theudemar würdigte mich – nach der Probezeit – der Aufnahme in Sankt Benediktus Schar. Das ist alles, was ich erlebt seit jenem Abend.« – »Hm,« meinte Arichis nachdenklich, »ist nicht eben viel. Und doch: – da liegt ein Dunkel, das ich nicht durchdringe. Kaum ahn' ich ...« – »Nun aber rede du,« unterbrach der Bruder hastig, »viel hast du zu berichten!«

 

IV.

Und Arichis hob an, nach einem herzhaften Schluck des tiefdunkelroten Weines, den die fleißigen Mönche dem sonnenbestrahlten Schieferschutt ihres Berges abgewannen und aus den Trauben Sankt Benedikts kelterten: »Ja, vielerlei hab' ich zu erzählen, aber vielleicht ist das Wenige mehr, was mein Bruder berichtet – und das Viele, was er verschwiegen hat. – Rasch auf die Verlobung unseres Herzogs folgte die Vermählung und rasch auf die Vermählung folgte der Krieg. Kaum war die junge Herzogin in das ferne und feste Benevent in Sicherheit gebracht, kaum stieß der Eidam mit seinem Aufgebot zum Heer des Königs, das die Engpässe, die ›Clusen‹, am Südabhang des Mons Cenisius sperrte, als der furchtbare Frankenkönig, der ›Karl von Eisen‹ mit seinem Heere heranzog. Und der Schreck zog vor ihm her; war es doch ein ›heiliger Krieg‹ den die Franken zu führen vorgaben – und glaubten, – Sankt Peter die Städte und Landschaften zurückzugeben, die unsre Könige ihm entrissen. Bei diesem heiligen Krieg fielen gar viele Tausende von ihrem Könige ab und traten auf des Papstes und seines Helfers Seite: die Engel des Herrn, flüsterte man in unsrem Lager, ziehen unsichtbar Herrn Karl voraus und bahnen ihm den Weg zum Siege.« – »Es muß ein wunderbarer Mann sein,« meinte Paulus nachdenklich. »Ich möchte ihn sehen.« – »Das wünsche dir nicht, Bruder! Wenigstens nicht wie ich ihn sah, als Feind, im Sturme der Schlacht. Noch heute gedenk' ich's mit Grauen. Also unser Heer lag in den verschanzten Clusen, die offene, breite Straße über den Berg sperrend. Der Herzog aber mit uns Beneventanern lagerte auf dem äußersten linken Horn in einer tiefen Schlucht: in die führte, von dem mit firnem Schnee und Eis bedeckten Felsengipfel des hohen Berges herab ein ganz schmaler, kaum mannsbreiter Klettersteig, in steilstem Anstieg drüben, in schroffstem Absturz hüben: nur Steinbock und Luchs und der verwegenste Gemsenjäger wagen sich auf den schwindelnden Pfad: hart vor dessen Mündung hatte der Herzog sein Zelt aufgeschlagen. Ich hatte etwas höher oben die vorderste Wache: mondlose Nacht war's, kurz vor Hahnenkraht, ich lehnte an einer finster schattenden Eiche: denn das verlöschende Wachtfeuer warf wechselndes Licht bis zu meiner Höhe herauf: Totenstille ringsum: nur der Steinkauz klagte zuweilen in den schwarzen Felsen über mir: da blitzte plötzlich um den nächsten Vorsprung des Gesteins helles, blendendes Fackellicht: »Feinde!« schrie ich, »Feinde! – Zu den Waffen!« wollte ich weiter rufen: ich konnte nicht! Grauen erstickte mir die Stimme: denn hart vor mir stand, im hellsten Schein zweier Fackeln, die zwei Männer dicht hinter ihm trugen, grellrot beleuchtet, ein Gewaltiger, um mehr als Haupteslänge mich überragend, ganz in funkelndes Erz gehüllt: »Vorwärts, Neffe Roland« rief er, mit furchtbar dröhnender Stimme; »drauf, Held Oliver von Viane; der Herr hat sie in unsre Hand gegeben! Sankt Peter und Sankt Denis!« Hoch blitzte ein Schwert: zersplittert wie Glas zersprang bei seinem Streich meine gute Klinge von Aquileja: derselbe Streich spaltete meine Ringbrünne und drang noch ein gar ansehnlich Ende in meine rechte Brust: – da – ich spür es noch.« Und er legte die Hand auf die schmerzende Rippe. »Ich stürzte: über mich hinweg sprangen die drei Männer: bevor mir die Sinne vergingen sah ich noch den Herzog vor seinem Zelt grimme Hiebe tauschen mit dem zur Rechten – Roland von Bretagne war's, wie ich später erfuhr – gar bald fiel der Herzog: seinen Bannerträger hinter ihm, den Gastalden von Nola, durchspeerte der andre Begleiter: – das war Herr Oliver von Viane. Dann aber sah ich nichts mehr als von dem Felspfad herab zahllose Fackeln, Helme, Speere der Franken: ›Herr Karl und Sieg‹, riefen sie: da schwanden mir die Sinne.« – »Armer Bruder,« seufzte Paulus und griff nach der abgemagerten Hand.

»Das ist nicht Menschenwerk,« meinte der Abt. »Ich hörte davon raunen: ja, schon singt man im Volk ein Lied davon: Herr Karl, unfähig, die Clusen auf der breiten Straße zu stürmen, flehte zu Sankt Denis: urplötzlich stand vor ihm ein Jägersmann, der sich erbot, eine kleine erlesene Schar auf nur ihm bekanntem Felsensteig so zu führen, daß sie im Rücken der Langobarden auftauchen solle. So geschah's: aber als Herr Karl dem Jäger danken und lohnen wollte, verschwand er im Nebel der Berge. Es war der Engel des Herrn. Dem Willen Gottes muß man sich fügen.« – »Ei, das kann ich nicht! Noch nicht! Kann ich nur erst wieder das Schwert heben, wollen wir doch sehen, ob der verfluchte Engel« – beide Mönche bekreuzten sich – »verzeiht, ehrwürdiger Abt! – ihm jedesmal hilft. Aber damals freilich hat der engelhafte Jägersmann – hätt' ich ihn doch an der Gurgel! – die Schlacht, ja den Krieg entschieden.« – »Wie ging das zu?« forschte Paulus. »Wo ist der König, seine – seine Sippe, wo der Herzog? In Pavia ...?«. »Verloren ist alles. Nachdem die Franken uns im Rücken standen, – wie vor der Stirn, – waren die Clusen nicht zu halten: alles floh nach Pavia. Aber bald erschien vor der Stadt der furchtbare Herr Karl: Mangel, Hunger, Entsetzen, – der König ergab sich und sein Haus.« – »War Adalperga, ... war die Frau Herzogin ...?« – »Nein! Sie war ja in dem sichern Benevent geborgen. König Desiderius ward gefangen: er ward mit seiner Gattin in ein fränkisch Kloster abgeführt ...« – »So ist kein Reich der Langobarden mehr!« rief Paulus in tiefem Weh, sprang auf und erhob beide Hände.

»Doch!« antwortete der Abt, »aber sein König heißt – Karl. Nicht eine Provinz des Frankenreichs, – ein eigen Königreich bleibt Langobardien.« – »Das – das ist ein Trost,« seufzte Paul. – »Nein, kein Trost,« knirschte der Wunde. »Und da mein Herzog lebt, – frei und in Sicherheit –, so hoff' ich, alsbald heißt Langobardiens König ... Arichis.«

»Hüte dich,« warnte der Abt, scheu nach der Türe blickend. »Sogar vor meinen Mönchen: – schweige.«

»Wo, wo weilt der Herzog. Er ist also frei?« fragte Paulus. – »Es gelang ihm, aus der Gefangenschaft, sobald Herrn Rolands Schwertstoß ein wenig geheilt war, zu entspringen und nach Benevent zu entkommen, Herr Karl, den dringende Sorgen nach Hause riefen, – die heidnischen Sachsen sind heerend tief ins Frankenland gedrungen – hat Frieden mit ihm geschlossen und ihn als Herzog von Benevent anerkannt, so lang Arichis sich ruhig verhalte. Wird hoffentlich nicht lange dauern.« – »Wie? Man sagt, er hat geschworen: – den Untertaneneid!« mahnte der Abt. – Arichis zuckte die Achseln: »Erzwungener Eid!« – »Gleichviel!« – sprach Paulus, »ein Eid! Gott läßt sich nicht spotten. Schon wieder sinnst du Kampf?« – »Und Vergeltung!« sprach Arichis, die Faust ballend.

– »Dem Tode kaum entronnen, gewiß durch ein Wunder der Heiligen!« mahnte der Bruder. »Erzähle! Wie ging dir's nach dem Überfall, wie kamst du hierher?« – »Nicht durch ein Wunder der Heiligen, durch – einen ganz andern,« erwiderte Arichis, kopfschüttelnd und tief trinkend »Lang lag ich, wo ich gefallen war, ohne zu denken. Feind und Freund hielt mich wohl für tot. Als ich zu mir kam, war heißer Mittag: hoch stand die Sonne: ringsum alles hell – aber alles still, grabesstill. Angriff, Flucht und Verfolgung hatte beide Heere seit vielen Stunden weithinweggeführt: wohl nach Pavia zu. Ich erhob mich – nur ein Paar Tote um mich her – darunter nicht, den ich ängstlich suchte, der Herzog! Gott hierfür dankend trachtete ich nun, so schwer es ging – ich war schwach, die Wunde brannte! – möglichst verdeckt vor Franken, die etwa in der Nähe streiften, ein paar Berghöfe von Langobarden zu erreichen, die ich auf den Almen in den mittleren Höhen oberhalb unserer Zelte liegen wußte. Mühsam kletterte ich die steilen Pfade hinan: da plötzlich, hart am Abgrund, verließ mich die Kraft, der Speer, auf den ich mich stützte, entfiel meiner Hand und ich stürzte – nach der Rechten hin – tief, tief in den Abgrund.« – »Bruder, Bruder!« seufzte Paulus. – »Und unverletzt kamst du unten an?« forschte der Abt.

»Ja: ich fiel auf tiefen, weichen Schnee: durch ein Wunder der Heiligen, werdet ihr rühmen. Meinethalben, – diesmal! Aber heraus, herauf aus dem schauerlichen Abgrund hat mir geholfen: – ein anderer. Denn nun ergriff mich alsbald die Angst furchtbaren Todes! Ich rutschte auf allen Vieren, oder aufrecht stehend tastete ich mit den Händen rings umher an den fast kreisrunden senkrechten Felswänden, die, – wie in einem schmalen Turm von wenig Fuß Breite – mich überall umstarrten: nirgends, nirgends ein Aufstieg aus der Abgrundtiefe, nirgends auch ein Spalt, um seitwärts zu entrinnen. Ach, unzähligemale suchte ich alles ab in meinem engen Gefängnis, vergebens strengte ich das Auge an, irgend eine Lücke zu erspähen, stundenlang: – die Sonne war hinter dem hohen Gletscher gesunken –: mich fror: vergebens auch schrie ich – gleichviel, ob Feinde mich hörten, mich fingen! – schrie, bis mir die Stimme versagte: ich sah mich gefangen, rettungslos eingeschlossen in dem schmalen Felsenkerker, nie von Menschenaugen entdeckt: – dem Verschmachten, dem Verhungern preisgegeben!« – »Bruder, lieber Bruder!« – »Warum habt Ihr nicht gebetet?« – »Oh, ich betete, frommer Abt, betete in meiner tödlichen Not heiß, wie wahrlich nie im Leben noch. Ich rief Gott an, den Herrn Christus, Sankt Peter ...« – »Auch Sankt Sabinus?« – »Gewiß, Bruder, unsern Schirmherrn. Ich gelobte ihm eine Kapelle aus all meinem Erb und Eigen zu erbauen. Vergeblich! Ich rief alle Heiligen an, deren Namen ich je vernommen. Umsonst! Umsonst! Ich ward schwächer und schwächer. Verzweifelt warf ich mich in den Schnee, ich schloß die Augen, ich dachte, sie nie wieder aufzuschlagen. Da plötzlich, in dieser furchtbaren Stille, die seit Stunden kein Laut unterbrochen hatte, kein Ton – hör' ich, hoch über mir, wie vom Himmel her, einen lauten Ruf: ich blicke empor: ein Rabe senkt sich krächzend mit regungslos ausgebreiteten Flügeln, langsam, aus Wolkenhöhe, gerade oberhalb meines Hauptes, zu mir herab: ich springe auf: es verscheucht ihn nicht: er läßt sich dicht neben mir nieder, schaut mich an mit seinen runden, klugen, schwarzen Augen, krächzt mir zu und schreitet langsam und feierlich über den Schnee hin – manchmal umblickend, ob ich ihm auch folge? – nach links hin bis vor einen halb manneshohen, dunkelgrauen Felsblock: auf dessen Oberspitze flattert er auf und ruft mich nochmal an: ich folge, ich erreiche den Block: nur ganz wenig schwebt der Vogel auf einen höheren Fels empor, wie um mir Platz zu machen: ich schaue ihm nach, ich fasse den Block mit beiden Händen, – da gibt er nach, gleitet langsam links über den Schnee und zeigt mir einen langgestreckten Spalt in der Felswand, in den von der Ausgangsseite das Licht der eben da draußen zu Golde gehenden Sonne fällt: – ein Weg, ein Ausweg! Wodan, jauchzte ich, wegweisender Wodan! Dank dir, glühenden Dank.«

Der Abt schüttelte den Kopf: »Welch heidnischer Aberglaube!« – »Das war Zufall,« meinte Paulus. – »Zufall? Wie? Welche Verblendung! Ihr seid verstockt! Zu euern Heiligen-Mirakeln reicht euch viel weniger aus, um daran zu glauben! Und hier! Dem Urahn naht, Weg weisend, rettend, der Wolf, dem Urenkel ebenso der Rabe, beide des Waltenden geweihte Tiere –: und das soll Zufall sein? Ei, die Heiligen, zu denen ich schrie, stundenlang, hören mich nicht, aber der alte Schirmer unsrer Sippe, den ich nicht angerufen, rettet mich.« – »Laßt mich ihm den Wahn austreiben,« bat Paulus den Abt, der ernst verweisend den Finger hob. »Ich will ihn schon bekehren. Sprich, Bruder, das ward wirklich deine Rettung?«

»Sie ward's! Höre nur! – Ich kroch, gebückt, durch den Spalt, immer dem Licht entgegen. Bald war die Enge zu Ende, die Felsen traten zu beiden Seiten zurück, ein Bergquell rieselte zur Linken herab, in dem und neben dem watete ich, mühsam, aber gefahrlos empor: so erreichte ich den Saumpfad, hoch oben, von dem ich herabgestürzt. Ziemlich nah vor mir erschaute ich einen der Almhöfe, die ich suchte: eilig – der Anblick gab mir schnelle Füße – lief ich darauf zu: da horch! Hoch ob meinem Haupte wieder der Ruf des Raben: er flog über mir, getreulich folgend, als ich die Gattertüre des Hofzauns öffnete, krächzte der treue Vogel noch mal, wandte sich pfeilschnell um sich selbst und flog stürmisch nach Westen, wo Walvater wohnt, ihm Kunde zu bringen von meiner Rettung: denn ›im Westen wölbet sich Walhall‹: so flüsterte heimlich die Mutter.« – »Es ist nicht anzuhören,« grollte der Abt. »Genug von dem Federvieh!« »Und gleich auch genug von mir. Die guten Stammgenossen in dem Gehöft nahmen den Schlachtwunden gar mildsinnig auf, labten ihn, pflegten sein, wollten ihn nicht fortlassen, bis die Wunde ganz geheilt. Das aber währte mir zu lang: mich trieb das Herz, nach unsrem Herzog zu forschen, nach Benevent zu eilen, für Frau Adalperga zu kämpfen, tat das Not.« – »Bruder, wackrer! Ach beneidenswerter!« – »Aber auf dem Wege dorthin brach die kaum geheilte Wunde wieder auf: ich blieb hilflos liegen auf der staubigen Straße: da fand mich dieser edelherzige Mönch, las mich auf und führte mich – im Sattel kann ich mich noch nicht halten – in seiner eignen Sänfte, führte mich dem verloren geglaubten Bruder zu. Dank ihm von Herzensgrund.« – »Nun wollen wir dich ausheilen!« sprach Paulus, ihm die Hand auf die Schulter legend. – »Ja, vorher bin ich ja zu nichts zu gebrauchen. Dann aber flugs nach Benevent!«

 

V.

In Benevent, im Garten des hochgelegenen Kastells, zugleich Palatiums der langobardischen Herzoge, wandelten wenige Wochen darauf die beiden Arichis, Senior und Gasindus, in eifrigem Gespräch: nur selten achtend des schönen Ausblicks, den der prachtvoll gelegene Ort über die hohen Felsenwälle hinweg, über die ragenden Pinien und Cypressen des Burgberges hin, auf die vielfachen Windungen der beiden Flüsse, des Calore und des Tamaro, zwischen üppigen Gefilden gewährte. Der Herzog trug den Schwertarm noch in der Binde; es war aber wohl nicht nur der Wunde Schmerz und Fieber, die sein Angesicht gebleicht hatten, das, eingefallen und hager, ein finsterer Ausdruck beherrschte; er blieb oft plötzlich stehen in dem ungleichmäßigen, bald hastigen, bald zagenden Schritt, auf den Gartenwegen, dem der Gasindus zur Linken stets nachgiebig folgte.

»Ja,« rief der Herr, »wenn alle, wenn nur ein paar Zehntausend dächten, fühlten wie du, Vielgetreuer! Ich würde nur so lange warten, bis dieser Arm wieder heil. Aber es ist, wie wenn ein Zauber diesem Karl alle Herzen zuwendete. Oder ist es nur schnöde Furcht? Es kann nicht sein! Schlachtbewährte Freunde, sobald sie in seiner Nähe geweilt, mahnen, bitten, beschwören mich, nie wieder das Schwert zu heben gegen diesen Mann. Das hielte mich nicht ab, bei Gott! Ich glaube nicht an diesen Zauber, nicht an seine himmlische Sendung. Glaubt er selbst daran? Vielleicht! Dann bildet er sie sich ein! Wenn jedoch dieser Wahn den meisten meiner Krieger das Schwert in die Scheide bannt, dann wirkt der Wahn wie Wahrheit: ein kleines Häuflein treuer Helden aber würd' ich nur ins sichere Verderben führen!«

»Führt mich, wohin Ihr wollt, mein Herzog. Ich folge Euch gern: – auch ins Verderben.« – »Ich schwanke noch,« hob der Herzog wieder an, weiter schreitend. »Auch dich hat doch sein Anblick erschüttert?« – »Ich leugn' es nicht. Nie sah ich seinesgleichen! Aber gleichviel, Euch ...« – »Schweige jetzt. Da kommt die Herzogin: sie darf nichts erfahren von meinen Racheplänen, die sie ohnehin schon leise ahnt, mit Angst und Beben: auch ihr hat dieser Karl es angetan, den sie doch nie gesehn. Und dein frommer Bruder dort an ihrer Seite – wie eifrig sie reden! – der würde wohl ...?« – »Er ist Euch – und Frau Adalperga! – mit ganzer Seele ergeben, nicht minder als ich wahrlich: er würde für Euch – beide! – sterben ohne Besinnen. Nur eins hält ihn von unsrem Weg fern ...« – »Nun? Was? Auch Furcht vor Herrn Karl?« – »Mein Paulus kennt nicht Menschenfurcht. Nur der ... der Eidbruch ...«

Der Herzog stampfte mit dem Fuß: »Pfaffengeschwätz! Kircheneid! Erzwungener Eid ist kein Eid. Ich schwor, nicht um mich, um mein Volk zu retten vor der Zertretung, in jenem Augenblick der Übermacht des Siegers. Diesen Eid zu brechen, – nicht um meinetwillen, nur um dies mein Volk aus der Fremdherrschaft zu befreien –, besinn' ich mich nicht lange. Ja, wenn es Mannes Ehre wäre, Freundschaft, Dankespflicht! Aber so! Und du – denkst du auch wie dein heiliger Bruder?« – »Ich bin Euer Gefolgsmann und folge meinem Herrn durch Recht und Unrecht: in den Tod, in den Himmel oder in die Hölle: allüberall ist mein Platz an Eurer Schildseite.« – »Wackerer! Aber still, da sind sie. – Was habt ihr, das euch so bewegt? Dieses Schreiben da?«

Die Herzogin und Paulus traten nun in das rings offene runde Tempelchen, in das die breiten sich hier kreuzenden Gartenwege mündeten: – einst war es, wie die Inschrift am Altar bezeugte, den Nymphen geweiht gewesen. Während der Mönch vor dem Herzog sich tief verneigte, ließ sich die Frau auf der halbkreisförmigen Marmorbank vor dem halb verfallenen Altar nieder und reichte dem Gemahl eine kurze Pergament-Schedula: »Ja, das hat uns aufgestört aus unsrem Griechisch Lehren und Lernen. Es ist hoch wichtig für unsern frommen Freund, – auch wohl für andere,« fügte sie sinnend bei.

Der Herzog nahm: »Ah, ich sehe von Abt Theudemar. ›Meinem teuern Sohn und Schüler Paulus Heil in Christo. Wichtige, lebenentscheidende Nachricht hab' ich dir zu künden: eben traf ein im Kloster, wo man dich vermutete, ein Beauftragter des großen Frankenkönigs: dieser hat durch den heiligen Vater von deiner – des noch so jugendlichen! – tiefen Gelehrsamkeit, zumal auch in der im Abendlande gar seltenen Kenntnis des Griechischen, vernommen und lädt dich durch Papst Hadrianus ein, in sein Palatium zu Aachen zu eilen, zu jenen zahlreichen Gelehrten, die er dort aus dem ganzen Abendlande um sich geschart. Eine Einladung Herrn Karls lehnt man nicht ab: sie ist Befehl‹.« – »So?« riefen wie aus einem Mund trotzig die beiden Arichis. – »Er soll's mit mir versuchen,« lachte der Gasinde. – »Am liebsten,« rief der Herzog, »käm' ich nach Aachen, ungeladen, – mit hunderttausend Helmen. Aber laß uns weiter lesen, was der weise Abt darüber zu sagen hat: ›Gleichwohl, lieber Sohn, enthalte ich mich, dich durch abtherrliches Gebot zu zwingen wie ich dich, den heftig Widerstrebenden, zuletzt flehentlich Bittenden durch Berufung auf dein Gehorsamsgelübde zwang, den Bruder nach Benevent zu begleiten und das Herzogpaar dort aufzusuchen‹« »Ei, ei, Herr Mönch,« so unterbrach der Herzog die Lesung, »das ist ja wenig schmeichelhaft für uns. Ich dächte, zumal Frau Adalperga hätte Besseres von Euch verdient. Ihr sonntet Euch gar gern in ihrem Glanz, solang sie im Glück thronte im Palast zu Pavia: aber nun, da wir im Schatten ...« – »Ja,« sprach die Frau, mit leise vorwurfsvollem Ton und einem tiefen Blick der schönen Augen, »es hätte mir fast weh getan, als ich das las.«

Da zuckte es schmerzlich über des Mönches bleiches Antlitz, er zerdrückte eine Träne: seine Lippen bebten, aber er fand kein Wort: nur ganz wenig schüttelte er das Haupt. Aber der Bruder kam ihm zu Hilfe: scharf, gespannt hatte er das wehevolle Ringen des Mönches aus dem bewegten Mienenspiel erkannt und verfolgt: »Nicht also, edles Paar,« rief er jetzt lebhaft. »Nicht das – wahrlich! – ist der Grund! Keine Seele hängt treuer an euch als die meines Paulus. Aber diese Seele war krank: ist es wohl noch! Unüberwindliche Furcht vor der Welt, Scheu vor den Menschen hat ihn urplötzlich befallen: so wollte er die stille Klosterzelle am Garigliano, die volle Einsamkeit nie mehr verlassen, selbst nicht, um euch beide wieder zu sehen.« – »Du sprichst wahr,« nickte der Herzog, wieder in die Cartula blickend, »der Abt schreibt: ›Ich kenne ja aus deiner wahrhaftigen Beichte die Gründe dieser Weltscheu, deiner Vergrabung in die Einsamkeit. Aber ich mußte die giftige Pflanze der Verzweiflung an der eigenen Willenskraft an ihrer Wurzel ausreißen: du solltest auch jene Augen wieder schauen können, die du vor deiner plötzlichen Weltabkehr zuletzt gesehen: du solltest stark sein, ohne Erschütterung auch diese Menschen – auch diese! – wieder zu sehen ohne Rückfall in Welt-Furcht, in Furcht vor dir selber: du solltest alles Kranke in dir als überwunden mir darweisen und selbst empfinden.‹«

Da zog ein schmerzliches Lächeln um die seinen Lippen des Mönches. Sein Bruder seufzte unhörbar: »Armer Paulus!«

Der Herzog las weiter: ›Ob du aber schon so weit genesen, dich in den glänzendsten Hof des Abendlands wagen zu wollen, zu können, – das kann ich nicht wissen: das muß ich dir zu prüfen überlassen. Entscheide. Aber rasch: Herr Karl kennt keinen Aufschub. Der Bote sollte dich flugs aus dem Kloster in das Frankenreich entführen. Der heilige Geist erleuchte dich und führe dich zu der richtigen Wahl.‹

Der Herzog warf das Pergament auf den Tisch: in seinen scharfen Augen blitzte leidenschaftlich ein Gedanke auf: den wollte er wohl gern vor allen verbergen, denn er senkte die Wimpern, als er rief: »Versteht sich! du mußt dem Rufe folgen.«

Hoch erstaunt sahen alle drei auf ihn: der Gasindus fand zuerst ein Wort: »Wie, Herr? Der gehaßte Karl will Euch dieses goldtreue Herz entführen und Ihr helft dazu?« – »Nun, das Herz,« sprach Frau Adalperga innig, »wird uns wohl bleiben, auch wenn's in Aachen schlägt.« – Da warf sich der so stumme, verhaltene Mönch ihr zu Füßen und küßte den Saum ihres Gewandes: »Dank, hohe Fürstin, für dies Wort, für das Vertrauen: – es heilt gar viele Wunden.« Er erhob sich rasch: »Aber wie sollte ich das Menschengewimmel am Hof Herrn Karls ertragen, ich, der nur gezwungen aus der Cella sogar hierher ging?«

Einstweilen hatte der Herzog seinen Gasindus am Arm ergriffen, aus dem Tempel geführt und in sein Ohr geflüstert.

»Ich verstehe,« erwiderte der: »Ja, das ist ...« – »Schweig! Höre weiter! Er soll, er darf ja gar nicht merken, was wir durch ihn erkunden wollen. Aber wenn er uns alles von dort berichtet, dann ...« Und er ging mit ihm ein paar Schritte rund um den Tempel.

»Also,« sprach Adalperga zu ihrem Freund und sah ihm eindringend in die Augen, »Ihr werdet nein sagen, obwohl der Herzog es wünscht?« – »Ich sage nein.« – Da erhob sie sich von der Bank, trat einen Schritt näher, legte leicht – nur einen Augenblick – die Rechte auf seine Schulter: er erbebte. »Auch, wenn ich es wünsche, wenn ich Euch darum bitte?« – »Adalp ... Frau Herzogin! Ihr mich bitten – mich!« – »Hört den Grund. Jeder Mensch soll dahin eilen, wo er seinen Freunden – und Ihr seid unser Freund, ich weiß es! – am meisten nützen kann: das ist für uns ein Freund dort: – am Hof Herrn Karls. Vernehmt, – aber schweigt gegen alle, auch gegen meinen Gemahl! es ist das erste Geheimnis, das ich vor ihm hehle! – ich ahne, ach nein: ich weiß: der Herzog sinnt auf – – Bruch mit Herrn Karl.« – »Da sei Gott vor!« flüsterte Paulus und erbleichte. »Sein Schwur!« – »Eidbruch! Auch ich zittre davor. Ich fürchte, ich kann den Rachezorn meines Gatten nicht zurückhalten, sobald er sich stark genug wähnt. Er rennt sich, – uns alle ins Verderben. Dann, dann ist mir von höchstem Wert ein Fürsprecher am Hof, ein Freund, ein Liebling des Siegers: – denn das werdet Ihr so sicher werden wie aller Menschen Liebling mit Eurem goldnen reinen Herzen.« – Des Mönches Antlitz verklärte ein edler Glanz: »Zwar wird das mir nie zuteil werden! Aber schon der Gedanke, daß Ihr daran glaubt, und daß Ihr wünscht ...! Ich verspreche Euch, vermag ich es, so rette ich Euren Gemahl aus jeder Gefahr – um jeden Preis!«

Da traten die beiden Männer wieder in das Tempelrund: der Gasinde flüsterte noch auf den Stufen: »Es wäre freilich gar wertvoll. Aber er geht nicht hin.« – »Wer weiß! Wir sind alle ehrgeizig. – Nun, Paule, wie steht's? Muß ich Euch Gründe nennen? Sagt Ihr noch immer Nein?« – »Ich sage: Ja. Die Frau Herzogin hat mich bekehrt: ich gehe an den Hof Herrn Karls, weil ich – vielleicht – dort Gutes wirken kann.« – »Trefflich,« rief der Herzog mit einem triumphierenden Blick auf seinen Gefolgsmann. »Jedenfalls Besseres als in der Klosterzelle. Und ganz anderes!«

 

VI.

»Seinem hochehrwürdigen Vater und Herrn Theudemar dem Abt, Paulus, Warnefrids Sohn, der Mönch.

Hätt' ich auch nicht verbrochen, Euch, dem hohen Paar zu Benevent und meinem herzgeliebten Bruder oft und ausführlich Nachricht zu schreiben von all' dem, was ich seit unserer Trennung erlebt und erfahren im Reiche der Franken, es würde mich das Herz dazu zwingen, die Fülle, die überwältigende Fülle der Dinge, die es bewegen, die es zu sprengen drohen, vor Euch auszuschütten. Es ist eine Welt der Wunder, in der ich lebe: aber das Wunderbarste der Wunder ist er, der Unvergleichliche, der Unschilderbare: ist Herr Karl!

Ich weiß, hoher Herzog, diese Worte wecken Euren Zorn: aber ich muß der Wahrheit Zeugnis geben: ja, ich muß: es ist Pflicht: denn lernt Ihr die Wahrheit über diesen Mann, den Unbezwinglichen, dann müssen Euch jene Gedanken vergehen, jene Hoffnungen siegreichen Rachekampfes wider ihn, die Euch im geheimen bewegen: – kenn' ich doch Euren trotzgemuten Heldensinn. Ich flehe Euch an, zu Eurem, Eures Hauses, unseres Volkes Heil: – gebt sie auf, jene Hoffnungen, verscheucht sie für immer, fügt Euch in das von Gott Gewollte. Ja, von Gott, nicht von jenem Sterblichen. Denn fest wie all' sein Volk, wie er selbst glaube ich: Herr Karl ist Gottes des Herrn auserkorenes Rüstzeug, seine Kirche zu beschirmen, seinen Namen auszubreiten unter den Heiden, das Reich Gottes auf Erden zu begründen: ich glaub' es, was seine Völker, was auch seine Feinde raunen: der Engel des Herrn schwebt zu seinen Häupten Tag und Nacht: von seinen Augen strahlt ein Glanz, erhaben, blendend und doch so herzgewinnend durch eine wunderbar warme Güte der Seele. Ihn schildern, das kann niemand: erleben muß man ihn!

Ich sah ihn zuerst in Poitiers, wohin mein treuer Begleiter, Bischof Constantius von Chur, mich über Aosta, Lyon und Limoges zu ihm führte: der Herrscher brachte dort mit eigner milder Hand Hilfe den schwer durch Mißwachs, Hunger und Hunger-Seuche getroffenen Provinzialen: ich traf ihn in der fieberverpesteten Hütte eines armen Winzers; die Ärzte scheuten die Ansteckung, er nicht. Er richtete sich auf von dem Lager des Kranken, über das er sich gebeugt hatte, und sah mich lang an mit seinen großen, die Seele durchdringenden Augen: dann lächelte er, reichte mir die mächtige Hand und sprach: ›Mönchlein, du gefällst mir: in dir ist kein Falsch. Aber zu wenig Blut. Bring du uns dem Himmel näher, – wir wollen dich, du bleicher Geist, der Erde näher bringen.‹

Von Stund an war mein Herz, mein Geist, mein Wille sein eigen! Wir blieben in Poitiers, bis die Seuche erloschen und der mitgeführte Geldvorrat ausgespendet war, dann begleitete ich den König quer durch Gallien gegen den großen Rheinstrom hin und in seine dortigen Villen zu Metz, Diedenhofen, Düren, endlich hierher, in das große Palatium zu Aachen! Hier erst, in seiner wahren Heimat-Pfalz, ging mir das ganze Wesen des Mannes auf und seine Größe! Nicht das Gedränge der Gesandten all' der Fürsten und Völker, die seine Gunst suchen, vom heiligen Vater bis zum Sultan Arraschid zu Bagdad, von den dänischen, angelsächsischen, den asturischen Königen bis zu den Boten des Kaisers aus Byzanz, – nicht die Geschenke, die Schätzungen, welche sie huldigend ihm zu Füßen legen, erregen mein bewundernd Staunen, – nein, die väterliche Liebe, mit der er unermüdlich der Bedrängten, der Armen, der Hilflosen in seinem weiten Reiche gedenkt. In der Nacht springt er vom Lager und schreibt den Namen eines kleinen Bauern fern in den Alpen Bajuvariens am Inn oder an der Loisach, dessen Hilferuf gegen den gräflichen Unterdrücker noch nicht erhört ist, auf seine schlichte Gedenktafel von Schiefer, er, der schreckliche Schlachtenschlager, der ›eiserne Karl‹, er trägt in der Brust das gütevollste Herz.

Und sein Geist! Er hat mich gewürdigt der Aufnahme in den Kreis von weisen Meistern, die seinen Hof zu einer hohen Schule machen. Hier lerne ich von dem ernsten Angelsachsen Alkuin, von dem wir ja alle zu lernen haben, hier traf ich den Landsmann Petrus von Pisa, hier den edlen Goten, den schönheitdurstigen und schönheitspendenden Theodulf von Orleans. Und mit so vielen andern noch darf ich Unwürdiger wie mit meinesgleichen verkehren! Und ganz wie einer von uns lebt und forscht und tafelt und scherzt mit uns auch der mächtigste Herrscher des Abendlands, er neckt und läßt sich necken in Prosa und Gedicht, der ›David‹ dieser Tafelrunde, wie wir ihn, jeden Titel und Hofzwang meidend, nennen müssen: wie Alkuin Horatius Flaccus ist Angilbert, des Herrschers vertrautester Rat, Homer und der junge liebenswerte Einhart – auch manche Jungfrau des Hofes findet ihn so! – heißt gar Beleseel nach dem kunstreichen Baumeister der Stiftshütte, weil der Kluge, Feine gar kunstverständig ist in allerlei Bauwerk. Der ist mir von allen der Liebste, meiner Seele der Nächste geworden.

›Wie sie wohl meinen Paulus getauft haben?‹ forscht hier mein neugierig Brüderlein. Ei seltsam genug! Am dritten Abend unsrer Tafelrunde stieß sich Freund Einhart an dem einzigen ›Ungetauften‹ in dem Kreis und bat Herrn Karl, mir einen Namen zu wählen: der sah mir ernsthaft ins Gesicht, dann lächelte er: ›nun reichlich – reichlicher als mit Fett und Muskeln! – hat ihn der Schöpfer bedacht mit der Nase. »Ovidius Naso« wollen wir ihn nennen.‹

Alle stimmten laut lachend bei und Einhart meinte: ›Aber die ars amandi müßte er wohl erst lernen, um sie zu lehren.‹ Da lachten sie alle noch lärmender. Ich aber schwieg und dachte: ist das eine Kunst? Ich meine, lieben ist nicht eine Kunst, ist eine Notwendigkeit, ein Herzenszwang. Könnte ich euch, ihr in dem Herrn Geliebten, auch nicht lieben? Ich muß, ob ich will, ob nicht! – Nicht müde wird der Herrscher bis in die späte Nacht, uns zu fragen, sich zu belehren. Und mich hat er – die hohe Fürstin hat beschämend richtig geweissagt! – gar bald tief in sein großes Herz geschlossen: auch wenn es nicht Freund Einhart und dessen gar eifrige Schülerin, die schöne Königstochter Emma, versicherten, – ich merke es mit glückseligem Dank täglich an allerlei Dingen und Worten im Ernst und Scherz.

Gestern bei der Abendtafel lobte ich die persischen Äpfel, die ihm der heilige Vater als Geschenk gesandt aus seinem Garten am Tiber: als ich spät Nachts heim komme in mein Hospitiolum neben dem Palast, finde ich sechs der schönsten mit einem Zettel: ›sie seien nicht geschenkt, verkauft, je um vier Verszeilen, und beim Frühmahl müsse ich die fertig vorlesen‹. Da galt es fleißig dichten bis zur Hahnenkraht, denn Theodulf und Angilbert dichten schön, aber richten scharf. Nun, sie waren alle zufrieden, – Die hohe Fürstin gedenkt vielleicht noch der Verse, die sie mir zuweilen auftrug in Pavia: – ach, die waren doch viel besser. Wie oft gedenk ich mit Heimweh der Seele der schönen Tage am Tessin! – –

*

Dieser Brief wird, ich merk' es, ein ganzes Tagebuch: nun, ein solches habt ihr ja, hat zumal der Herr Herzog gewollt, und heute hab' ich das Wichtigste zu melden, was mir bisher am Hof begegnet: eine hohe Auszeichnung: manche beneiden sie mir, meint Einhart. Der König winkte mich heran in aller Frühe bei seinem Ankleiden, dem nur die Vertrautesten beiwohnen dürfen: – er gibt ihnen dann wohl Aufträge, die ihm in schlafloser Nachtstunde gekommen, – lachte mich an mit seinem sonnigen Lachen und sprach: ›Paule, mein Liebling, heute Nacht gab mir der Herr wieder einmal die Weisheit im Schlaf, das heißt im Traum: du weißt, Rothtrud, mein schön Töchterlein, ist verlobt mit Constantin, dem Sohn des Kaisers Leo zu Byzanz. Zu Ostern bring' ich sie mit großem Geleit nach Rom: von dort schifft sie sich ein nach Byzanz: so soll ein Sproß unsres Königshauses auch die Kaiserkrone tragen: bei Sankt Denis, wir sind es wert –! Würdiger als mancher dieser »Romäer« da drüben würde mancher von uns heißen: »Imperator Romanorum«. Aber genug hiervon. Nun, soll schön Rothtrud über Griechen herrschen, muß sie ihres Volkes Sprache verstehn: denn sie soll nicht, wie jene byzantinischen »Imperatrices«, die sie auf Goldgrund malen, steif, regungslos, wie lebendige Tote, nein, wie eine pflichtgetreue Königin der Franken, die emsige Hausfrau des Herrscherhofes, wie ihre Mutter, meine herzgeliebte Frau Hildigard – Gott segne sie alle Stund' und führe sie bald wieder aus ihren Mutter-Schmerzen! – soll meine Tochter da drüben walten, die Tränen der Bedrängten trocknen, ihre Klagen stillen: dazu muß sie aber diese Klagen verstehen: griechisch muß sie lernen! Nun hat zwar der Imperator auf mein dringend Verlangen – er selbst und sein Sohn waren – seltsamerweise! – gar nicht auf den Gedanken gekommen, was doch mehr ihre als meine Sache! – mir zwei feine Griechen seines Palastes geschickt – in prahlerisch prunkenden Seiden-Gewanden: nahm sie neulich mit auf die Saujagd in die Ardennen, wußte, es werde regnen – da lachte er so recht fröhlich vor sich hin – regnete auch: tüchtig wurden sie naß bis in ihre feine »romäische« Haut, die Seidenfetzen verschrumpften. – Einen Alten und einen Jungen: der Alte ist mir aber zu alt d. h. zu langweilig: wohnte neulich einer Lehrstunde bei, schlief ein nach einer halben! – auch mag ich nicht den bösen Falschblick seiner Augen; der Junge aber – Agathon heißt er – ist mir zu jung: meine Rothtrud ist gar schön! Nun schlief ich ein in Sorge darüber, wer mir wohl die beiden Griechen ersetze? Und im Traum tratest du an mein Bett, du mein Paule, mit deinem lieben, nur allzubleichen Gesicht und sprachst: »Herr König, ich kann gut griechisch. Und ich bin treu, nicht falsch. Und jung zwar bin auch ich, aber ich bin Sankt Benediktus zu eigen.« Da sprang ich vom Pfühl und schrieb quer über meine ganze Tafel und alles, was schon darauf stand – da sieh her! – »Paulus der Mönch lehrt sie griechisch!« Und so soll's werden! Wenn du willst, heißt das. Willst du? Ist dir schön Rothtrud nicht zu schön?‹ lachte er. Ich neigte mich und sprach gerührt: ›mit Freuden will ich‹. Denn Fürstin Rothtrud ist mir nicht zu schön. – –

*

Nun hat der Unterricht seit einigen Tagen begonnen. Ich staune: ein paar Wochen hat sie der alte Elisäus schon gequält: und was hat sie gelernt? Nichts! Gar nichts! Und dabei ist die junge Fürstin hellen Geistes, raschen Verstandes und hat ein wunderbares Gedächtnis. Aber freilich, erwäge ich ihr ganzes Verhalten bei meinen weisen Lehren, so begreif' ich ihr Nichtwissen, wenn sie's mit dem Alten ebenso getrieben hat. Sie hört mir zu, engelgeduldig: nur denkt sie einstweilen offenbar an etwas ganz anderes! Dabei lächelt sie immer vor sich hin, zuweilen mutwillig, so daß ich meinte, sie lache mich aus: aber nein, denn meist ist es ein still seliges vor sich hin Sinnen und Lächeln, ein beneidenswertes, geheimes Glück verratend. Auf Mädchenlächeln aber, auf Mädchen überhaupt versteh' ich mich gar nicht, o Fürstin Adalperga!

*

Am Schluß der heutigen Stunde – jetzt eben – hörte ich etwas, das gewiß den Schlüssel des Geheimnisses birgt: leider verstand ich zu wenig davon. Fürstin Emma, die den Stunden beiwohnt – sie schreibt dabei gar eifrig an den Übersetzungen ins Latein, die ihr Freund Einhart aufgibt – flüsterte der Schwester beim Hinausgehen etwas zu – ich nahm gerade in der Ecke meinen schwarzen Mantel um, aber ein wenig hörte ich doch: – es war offenbar eine Mahnung, merksamer zu sein, ihre schriftliche Aufgabe fleißiger zu machen: da antwortete Rothtrudens metallische, glockenreine, aber auch glockentiefe Stimme: ›Ach was! Lerne du nur weiter bei deinem Einhart und kümmere dich nicht um mich. Du wirst doch nicht etwa glauben, daß ich jemals den Griechenprinzen nehme?‹ Und lachend schwebte sie hinaus. – Was soll das heißen? Den König, den ganzen Hof, mich zum besten haben?

*

Allgütiger Gott! Dank den Heiligen, daß sie mich unwürdig Werkzeug wählten, ein schändliches Verbrechen zu verhindern! Kaum hatte ich heut' in aller Frühe mein Morgengebet vollendet, als an mein schmales Kämmerlein gepocht wurde und herein trat zu meinem höchsten Staunen meine fürstliche Schülerin, ehrerbietig gefolgt von einem gar stattlichen, schönen Herrn: ich kannte ihn gut, es ist ihr Mariskalk, Graf Rorich von Maine, einer der prächtigsten von unsren – d. h. von des Königs! – Palatinen. Die Jungfrau hob an: ›Verzeiht, mein weiser Lehrer, den Verdruß, den Euch die ungelehrige Schülerin gemacht hat. Die Schule ist aus, denk' ich: zu ihrem, aber auch zu Eurem Heil, Sprecht, Graf von Maine.‹ Und den traf ein kurzer Blick, welchen wohl andres noch als Dank durchglühte, – soviel verstehe sogar ich von Mädchenblicken.

Der Graf neigte sich höfisch vor mir geringem Mönch und begann: ›Mein ganzer Dienst, all meine Treue und Sorge ist Fürstin Rothtrud geweiht und wird es bleiben mein Leben lang. Unleidlich war mir von je der Gedanke, die Herrliche dem falschen Byzanz anzuvertrauen, und einem – ich weiß es! – ungeliebten Mann. Mit Argwohn beobachtete ich von Anfang an die beiden Griechen, zumal Elisäus: mir fiel auf, daß sie, sowie ein weiterer Gesandter vom Kaiser eintraf, geheim tuschelten, sich Nachts heimlich besuchten und besprachen. Gestern nun – Ihr wißt es – kam wieder ein Bote aus Byzanz mit allerlei Schreiben – an den König, die Königin, Fürstin Rothtrud, – die offen übergeben wurden: es stand – wie gewöhnlich – nichts drin als griechischer Wind. Nach dem Nachtmahl sah ich Elisäus und Agathon durch den Palastgarten nach ihrem Hospitium schreiten, in eifrigstem Flüstergespräch, in hitziger Erregung offenbar: ich folgte ihnen leise: die mond- und sternenlose Nacht, das Dunkel der hohen Bäume verbarg mich, da hörte ich, – als Gesandter des Herrn in Byzanz hab' ich zwar nicht die Sprache schreiben oder sprechen, wohl aber ein wenig verstehen, auch etwas buchstabieren, gelernt, – wie der Alte zu dem Jungen sprach: er war des Weines voll, wankte im Gang und zitterte an den Händen: »Jetzt ist das Netz gespannt, alles verabredet! Drum gönnte ich mir ein paar Becher Falerner mehr denn heute erhielt ich, durch den Boten des Kaisers, von dem Protonotar die geheime Meldung, – hier im Gürtel barg ich sie« – er klopfte darauf – »schön Rothtrud ist schon so gut wie gefangen im Meerturm am Bosporus. Wehe diesen Barbaren!« Damit erschloß er die Haustür ihres Hospitiums: ich wollte herzuspringen, – ihn fassen: aber da sah ich in dem Licht, das aus dem geöffneten Gang strahlte, etwas Weißes auf die Erde gleiten: wie er den Schlüssel in der Gürteltasche suchte, war ihm das Schreiben herausgeglitten, so hoffte ich: und so war es. Ich raffte es auf, lief in den Hof des Palastes zurück, wo in dem Tor die Pechfackel brennt und las, – ach wollte lesen! Es waren zwar griechische Buchstaben, aber in einer Geheimschrift – von niemand zu entziffern,‹ schloß er seufzend.

›So fürchtete mein Freund,‹ fiel die Jungfrau rasch ein. ›Als er aber heut' in aller Frühe – er hat täglich mit mir auszureiten!‹ erklärte sie ein wenig errötend – ›'s ist sein Amt! – mir vom Roß herab die Rolle reichte, – da gedacht' ich, wie Ihr, gütevoller Lehrer, der Schülerin auch von jenen Geheimschriften der Griechen gesprochen, jenen, – wie heißen sie doch?‹ – »Formatae.«– ›Und wie Euer großer Lehrer – wie hieß er doch?‹ – »Flavianus!« – ›Jawohl, – Gott segne Flavianus! – Euch auch eine Anzahl solcher byzantinischer Geheimschriften entziffern gelehrt habe. Geben die Heiligen, daß diese darunter war!‹ Und sie zog aus dem Busen den zerknitterten Papyrus und reichte ihn mir mit zitternder Hand.

Ich sah hinein: ›Gelobt sei der Herr‹ rief ich, ›ja, das kann ich lesen.‹ Und ich las: – und erschrak bis zum Tode: der Herzschlag stockte mir: ›das – das ist teuflisch!‹ sprach ich dann. ›Auf, zu Herrn Karl.‹

Alsbald standen wir vor ihm, der Graf wiederholte dem Staunenden seinen Bericht, der König sah in den Papyrus: ›das ist die Schrift des Protonotars,‹ sprach er. Ich aber las mit oft versagender Stimme: ›Ein Dämon muß diese Barbaren betört haben zu dem Wahne, der Basileus der Romäer werde seinen Sohn vermählen mit dem Kind dieses Räuberkönigs, der uns die schönsten Provinzen Italias entrissen. Der plumpe Bär ging in die seiner Eitelkeit gestellte Falle. Sowie das Püppchen in Byzanz gelandet, – in den tiefsten Turm mit ihr als Geisel. Und nicht eher – bei des Kaisers Haupt! – soll sie das Licht der Sonne wieder schauen, bis ihr Vater all' seinen Raub: Rom, Ravenna, ganz Italien, Istrien, Dalmatien herausgegeben hat. Droht er mit Krieg, so lachen wir: er hat ja nicht zehn Schiffe! Und schön Rothtrud hat nur eine Nase und nur zwei Augen.‹

Da stieß Herr Karl einen Schrei aus, wie ich im Leben nie gehört, nicht wie ein Mann, – wie ein edles, todwund getroffenes Tier. Dann ballte er beide Fäuste, reckte sie gen Himmel, einen furchtbaren Fluch zu stammeln: aber sieh: er fluchte nicht: plötzlich, wie blitzgetroffen, sank er auf beide Kniee, faltete die eben grimm geballten Fäuste zum Gebet und sprach: ›Herr mein Gott, ich danke dir. Ich danke dir für deine wunderhafte Gnade, mit der du mein armes Kind gerettet hast. Ich danke dir, Herr mein Gott! All' mein Leben sei dir ein Dank für diese Stunde.‹ Seht, das ist Herr Karl.

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Ich konnte gestern nicht weiter schreiben, meine Seele zitterte zu stark. Ich fahre erst heute fort. Die beiden Griechen wurden gefangen gesetzt: mit der Folter bedroht, bestätigten sie alles, was der Brief enthielt. Der König wollte beide zum Tode verurteilen und hinrichten lassen: aber die Frau Königin Hildigard auf ihrem Krankenbett – sie ist ein Engel auf Erden! – erbat beider Leben als Dank für die Rettung der Tochter. So wurden sie in Fesseln nach Italien geschickt, um eingeschifft zu werden nach Byzanz, dorthin die Kriegserklärung König Karls zu tragen. Aber lange vor ihrer Ankunft, mein' ich, werden die Kaiserlichen in unsrem Vaterland die Rache Herrn Karls verspüren: er hat das ganze Heer der Franken aufgeboten von der Avarenmark bis Barcelona, von der Eider bis an den Tiber. Italiens Erde wird gar bald dröhnen unter dem Fußtritt ungezählter Scharen: bei deren Anblick wird wohl jedermann – hört ihr's? jedermann! – den Gedanken an Widerstand gegen Herrn Karl aufgeben.

*

In eurer Güte, hohes Herzogpaar und Herr Abt und in deiner brüderlichen Liebe, mein Arichis, werdet ihr nun vielleicht fragen, wie es in diesen gewaltigen Weltmeerwogen das Schifflein des Mönches Paulus getragen hat?

Zuerst kam mir als Dank meines verdienstlosen Verdienstes eine gar liebliche Herzensfreude: am Abend desselben Tages pochte es wieder an die Tür meines Kämmerleins und herein traten wieder Fürstin Rothtrud und der Mariskalk, aber diesmal Hand in Hand: und mit strahlendem Antlitz – da war sie wirklich schön, Frau Fürstin, das sah selbst ich! – sprach sie: ›o Mönch Paulus des Warnefrid Sohn, kurze Zeit mein Lehrer, aber mein Freund alle Zeit meines Lebens, habt den Dank der Geretteten. Und verzeiht der Schülerin, daß sie so unaufmerksam war und lachte statt zu lernen. Wisset, ich war entschlossen, nie des Kaisersohns zu werden. Nach Byzanz hätten sie mich wohl führen können, aber nie in seine Arme. Denn‹ – und hier errötete sie wieder und stockte eine Weile, aber gar nicht lange – dann fuhr sie freudestrahlend fort – ›denn ich liebe einen andern: stolz sag' ich's: – diesen da! Und der lieben Mutter hab' ich's heut an ihrem Bette gestehen wollen: aber die hat gelacht und gemeint, »das weiß ich viel länger als du. Und ich habe,« fuhr die goldene Mutter fort, »heute dem Vater das Wort abgenommen, daß er nie eines meiner Mädchen ungeliebtem Manne gibt. Und er wird's halten.« Und all' das sag ich Euch, Mönch Paulus, unter allen am Hof ganz allein, weil ich weiß, es erfreut Euch, wenn Ihr auch gar nichts davon habt, denn Ihr habt ein ...‹ da sagte sie was von meinem Herzen. ›Mein Vater kann und wird Euch lohnen mit Ehren und Gütern‹ – als ob Sankt Benedikts Schüler das annehmen dürfte! aber die Glückliche dachte nicht daran! – ›ich aber lohn' Euch so.‹ Und eh' ich mich's versah, faßte mich die Hochgewachsene an beiden Schultern und küßte mich mitten auf die Stirn. Ich beichte, Vater Theudemar, aber es geschah ohne, ja wider meinen Willen. Und es ist der erste Weibeskuß, den ich, seit die Mutter starb, empfangen.

›Aber,‹ fuhr sie fort, ›neben diesem weltlichen Mädchendank – der Graf ist nicht eifersüchtig, nicht, Rorich? – nehmt hier ein heilig Andenken: zierlich in Gold gefaßt einen Splitter vom Kreuze Christi. Harun Arraschid hat ihn mir geschickt: der gute Heide meinte, das Kleinod bringt Glück in der Liebe. Nun, das braucht es uns nicht noch zu bringen – nicht, Herr Mariskalk? – und Euch darf es nichts der Art bringen! – aber Alkuin lehrt, es gibt Kraft der Entsagung und die kann ein Mönch brauchen.› Da trat Graf Rorich vor, gab mir die Hand und sprach: ›Und, Mönchlein, willst du mal einem Wunsche nicht entsagen, – hier ist ein Schwert, das soll dir ihn erkämpfen. Und ein treu ergebener Wille, der dir gerne dient.‹

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Und Herr Karl, so werdet ihr jetzt wohl fragen – wie hat er den Zufall – nicht wahrlich das Verdienst! – des Mönches belohnt? Hört nur, wie überreich! Früh am andern Morgen ließ er mich rufen. Ich hatte kurze Zeit auf ihn zu warten in einem Empfangsaal, den ich noch nie betreten: da sah ich denn jenes angebliche Wunderwerk, das ihm, wie die Leute fabeln, Gott der Herr selbst aus seinem Himmel durch zwei Engel hat heruntertragen lassen: nämlich auf hohem Gestell von Alabastron eine mächtige Goldscheibe, darstellend den ganzen Erdkreis, mit allen Meeren und Strömen – die aus Silber! – mit allen Inseln und Gebirgen, allen Ländern mit ihren wichtigsten Städten – diese aus allerlei Perlen und Edelsteinen: so fand ich gleich Pavia, – wie suchte ich es! – Benevent, Friaul, Aachen. Diese Scheibe wirkt das Wunder, – so flüstern die Leute, – daß, wo immer in einem Ort seines Reiches die Mark vom Feinde verletzt oder auch im Innern Aufruhr erhoben wird, da – an dieser Stelle, – ein leises Klingen von Innen heraus ertönt, so daß Herr Karl sofort, ehe die Feinde das für möglich halten, die Gefahr erkennen und seine raschen ›Scarae‹ dahin werfen mag. So erklären es sich die Menschen, daß er jede Gefahr in seinem weiten Reich so rasch entdeckt, so rasch und unfehlbar abwendet. Aber die Sage mag eine Warnung sein für alle, die Erhebung planen gegen Herrn Karl: wie ich so einsam neben der Scheibe stand, war mir, ich höre aus ihr ein leises Klingen: – aus der Gegend von Benevent. – – –

Alsbald sprangen die Doppeltüren des marmorgetäfelten Saales auf und herein schritt aus dem Innern des Palastes gerade auf mich zu Herr Karl, aber nicht allein, gefolgt von gar vielen Geistlichen und Weltgroßen des Hofes: ich erkannte den wackern Helden Gerold von Bayern, – den Bruder der Königin, – den Markgrafen Roland von Bretagne, des Königs Neffen, und den von ihm unzertrennlichen Vizecomes Oliver von Viane, den Markgrafen Erich von Friaul, den Grafen Wilhelm von Orange, Bischof Arn von Salzburg.

Dann alle die trauten Genossen unserer ›Akademia‹, wie uns Meister Alkuin neulich taufte: ihn selbst, Einhart, Angilbert, Petrus, Theodulf und die andern: der Graf von Maine lächelte mir zu und legte den Finger auf den Mund: – unnötige Sorge!

Als sich der Halbkreis hinter ihm geordnet hatte, sprach Herr Karl und sein Auge leuchtete mich an, daß in das meine die Träne der Rührung trat: ›Sohn Warnefrids, Paule, mein Liebling: all diese meine Getreuen wissen, welch großen Dank ich und mein Haus dir schulden. Nie kann ich dir vergelten. Aber alle Welt soll wissen und vor allem mein Hof und mein Reich, wie tief ich solche Dankespflicht empfinde. Dem Mönch darf ich nicht Allod, nicht Beneficium bieten, nicht Gold noch köstlich Gewaffen noch weltlich Amt in Hof oder Reich: lebst und webst du doch im Geistlichen, in der Kirche: aber in diesem deinem kirchlichen Stand stehst du mir lang schon viel zu niedrig! auf meinen Wunsch wird dich der gute Herr von Salzburg – siehst du, dort steht er! – gar geschwind mit rascher Häufung der niedern Grade zum Diakonus weihen an meiner Stiftskirche zu Aachen, und ›Paulus Diakonus‹ soll fortab dein Ehren-Name lauten, von deinem König dir verliehen. Doch mehr: gern möcht' ich dich für immer um mich haben: dein Abt Theudemar gibt dich gewiß aus seinem Kloster frei, verlangen wir das beide: und so sollst du – bei deiner Jugend noch unter meinem Archicapellanus – mein Capellanus werden und fortab dienen, leben und wohnen in der Capella meines Palatiums. Sprich, willst du das, mein Sohn?‹

Mich überwältigte fast die Rührung: ach, neben dem Dank für soviel Güte ward das Heimweh so übermächtig in mir, die Sehnsucht nach euch, ihr Hohen und Lieben, in der Heimat, die Sehnsucht nach meiner stillen Zelle am Garigliano, nach dem gütigen, weisen Abt, nach dem treuen Bruder, ja auch nach den Pinien und Cypressen des Schloßgartens von Benevent, daß meine ganze Seele erschrak bei dem Gedanken, mein Leben lang von dort, von euch verbannt zu sein: so faßte ich mir ein Herz – es war nicht leicht, so reiche Güte auszuschlagen! – und sprach: ›Nein, Herr König! Ich danke dir vom Grund der Seele: aber meine Stätte ist nicht hier, nicht in Glanz und Lärm der Welt, sie ist in meiner Heimat, in meinem Kloster, in meiner Zelle: dorthin laß mich zurückkehren: dort will ich ein großes Werk, das Werk meines Lebens schreiben: du und Fürstin Rothtrud ihr braucht mein Griechisch nicht mehr.‹

Ein leicht Gewölk flog über seine klare Stirn, doch freundlich sprach er: ›Ich hab's gefürchtet, denn ich kenne deine stille Seele. Ein großes Werk? Ich ahne: du sprachst davon. Mag's sein! Aber die Flucht von mir hinweg wird wohl nicht eilen. Den Capellanus schlugst du aus –: so erbitte dir irgend eine andere Gnade von mir: denn den Diakonat gibt dir die heilige Kirche. Wähle! Wünsche!‹

›Herr König, ich habe keinen Wunsch.‹

›Wohl, jetzt, für dich. Aber – nach deines Herzens Art! – etwa für andere.‹

Ich sann nach: da fiel mir ein, wie's mich erschüttert hatte, als ich jüngst – von ungefähr war ich dazu gekommen auf dem Marktplatz von Aachen – einen zum Tod Verurteilten – wegen infidelitas – zum Galgen schleifen sah: er sträubte sich mit allen Kräften, er wand die Glieder in seinen Ketten, die Todesangst stand auf seinem Gesicht: – es war grauenhaft! ›Wohlan, Herr König,‹ rief ich kurz entschlossen, ›so gewährt mir eine Freibitte, wie sie bei mir daheim in Langobardien zuweilen Abten oder Äbtissinnen verliehen wird.‹

›Freibitte? Für wen? Von was?‹

›Für einen Verurteilten: – vom Tode.‹

Der König stutzte einen Augenblick: er sann nach: ›Hm,‹ meinte er, ›sonderbar. Recht sonderbar! Aber nein doch: echt christlich, und echt priesterlich. Auch das ist ganz mein Paulus, drum gefällt's mir. So sei's! Aber höre,‹ lächelte er, drohend den Zeigefinger hebend, ›nur einmal! Und nur einen! Dein Erbarmen wär' im stande, einen ganzen Schlachthaufen treubrüchiger Sachsen freizubitten. Nur ein Leben! Und nun, nimm hier, vor seinem ganzen Hof, deines Königs Dank!‹

Und er schritt an mich heran und küßte mich auf beide Wangen. Mir schwindelte. Ich entzog mich dem Händedruck der andern, eilte in mein Kämmerlein, warf mich auf die Knie, dankte inbrünstig Gott und weinte, weinte, weinte. Ach, meine Seele, meine undankbare Seele, war nicht hier: – in heißer Sehnsucht war sie bei euch.«

 

VII.

Als der Herzog von Benevent den langen Brief – Abt Theudemar hatte ihn selbst gebracht – laut zu Ende gelesen, warf er ihn unmutig auf den runden Marmortisch des kleinen Gartentempels und winkte Arichis, ihm ins Freie zu folgen. Adalperga nahm das Schreiben sorglich auf: sie wischte die feuchten Augen und sprach zu dem Abt: »Was für ein Herz!« – »Ja, wahrlich! – Und wenn Ihr es erst kenntet wie ich.« – »Wer so gut ist, der muß doch glücklich sein, nicht, ehrwürdiger Vater?« – »Wohl, wohl, edle Frau, das sollte so sein. Allein ... Ihr seid so gut wie Paulus und doch ...«

»Ich wäre ganz glücklich, quälte mich nicht die Sorge um den Herzog. Ach, und um das Kind unter meinem Herzen, das in so schwerer Zeit in die Welt hineinwachsen soll. Aber vielleicht war es ohne Grund oder doch ist es jetzt ohne Grund: unser Paulus hat mir in diesem Brief eine Last von der Seele genommen. Habt Ihr beachtet seine wiederholte, scharfe Warnung an den Herzog? – Jetzt – nachdem er das ganze Heer des Reiches auf dem Wege nach Italien weiß, – jetzt kann doch mein Gemahl nicht an Empörung denken?«

»Wir wollen's hoffen,« erwiderte der Bischof. »Es wäre Wahnsinn. – Aber gebt mir Urlaub, hohe Frau, ich muß noch heute den Rückweg in mein Kloster antreten: es darf nicht verwaist stehen: wirre Gerüchte von Unruhen, von Ansammlung Gewaffneter – ziemlich in der Nähe – schwirren durch die Luft: da darf der Vater nicht den Söhnen fehlen. Schreibt dem lieben Diakon, schreibt ihm bald: und schreibt – selbst: Ihr wißt nicht, wie ihm das wohl tun wird.«

»Gern,« sprach die Frau, sich erhebend. »Obzwar ich nicht verstehe, was der Fromme und Viel-Gelehrte hat von dem Brief einer sorgenschweren Frau.«

 

VIII.

Mit hastigen, ungleichen Schritten durchmaß der Herzog die schmalen Gartenwege, zuweilen blieb er stehen und riß an einem Zweig, der den Pfad verengte; ernst, schweigend schritt Arichis neben ihm her. Außer Hörweite von dem Tempel, sprach der Fürst: »Diese törichten Warnungen! Sie kommen zu spät: sie machen nur wirr, sie umwölken den Blick und können doch nichts mehr ändern.« – »Und doch hattet Ihr ihn an den Frankenhof zu gehen gedrängt, gerade weil ... –« – »Ja, weil ich hoffte aus seinen Briefen rechtzeitig zu erfahren, was dort geplant werde: ein Späher, ohne Wissen, wider Willen, sollte er mir sein! Nun schreibt er erst jetzt, nachdem hier alles bereit, ja mehr als bereit ist. Das ganze Frankenheer im Anzug: – – und ich kann nicht mehr zurück.« – »Wirklich nicht? Es wäre gut.« – »Das weiß ich allein. Meinst du, ich bin so tollkühn, jetzt – jetzt gerade! – freiwillig loszuschlagen, nachdem ich das erfahren? Das bedeutet dreißigfache Übermacht. Wir sind verloren.« – »Seht Ihr das ein, Herr, warum dann ...?« – »Weil ich muß, sag' ich dir! Die Ehre gebeut, hörst du? Die Ehre! Das gilt Männern mehr als ein – erzwungener! – Eid auf morsche Knochen.« – »Ja,« sprach der Gefolge, »die Ehre ist das Höchste, so lehrte auch der Vater. Aber wie bindet sie Euch dazu, gerade jetzt ...?«

»Merk' auf! Allein war ich zu schwach, ich habe deshalb mich mit Herzog Hrodgaud von Friaul fest verbündet, – mit dem Bruderkuß der Ehre! – loszuschlagen auf seinen ersten Ruf. Auch von meinen Nachbarn von Spoleto, von Melfi, Asculum, Bovinum hab' ich feste Zusage, zu mir zu stoßen: soll ich all' diese Getreuen, die auf meine Ehre und Waffentreue bauen; schnöde im Stich lassen? Lieber sterben!« – »Gewiß. Freilich bleiben wir auch mit diesen vereint gar schwach. Und an die Griechen in Neapel, in Capua, denkt Ihr doch wohl nicht!« – »Nein, bei Gott, jetzt nicht mehr! Ich hatte an sie schreiben wollen: aber ehrlos war's, nach solcher Niedertracht des Kaisers Hand zu fassen. Nicht mit Neidingen zusammen gehen: – auch nicht zum Siege! Laß mich das Wort der Ehre halten und d'rüber untergehen. Du aber: – rette dich! – Flieh zu deinem Bruder: du bist nicht wie ich gebunden an Hrodgaud.« – »Aber an Euch, Herr, mit jeder Herzensfaser. Auch der Gasinde hat seine Ehre: – sie heißt die Treue. An Eurer Schildseite steh und falle ich.«

 

IX.

In der folgenden Nacht erreichte Benevent ein Bote des Herzogs von Friaul: er überbrachte das verabredete Zeichen: zwei Schwungfedern des Steinadlers. Sofort brach der Herzog auf, so schwer es ihm ward, jetzt Frau Adalperga zu verlassen, die ihrer Schmerzensstunde entgegensah.

Die Bewegung begann: aber gar bald kam sie zu Ende: es ward kaum gekämpft. Die näher wohnenden Verschworenen, der Herzog von Spoleto, die Grafen von Melfi, Asculum, Bovinum und andere erschraken bei der Nachricht von dem Anzug des gewaltigen Frankenheeres, sie griffen gar nicht zu den Waffen: die einen eilten nach Rom zu Papst Hadrian, dort ihre Unschuld zu beteuern, die andern suchten zu diesem Zweck Herrn Karl selbst jenseit der Alpen auf. Nur Hrodgaud von Friaul, trotzig und treu, trotzig gegen Karl, treu gegen Arichis, hatte losgeschlagen: gegen ihn zogen die Bayern, geführt von des Königs Schwager, dem ruhmreichen Gerold: bei dem ersten Zusammenstoß an der Livenza fiel der Herzog, tapfer fechtend: Treviso und Cividale ( Forum Julii ) wurden erobert: damit war der Krieg in Friaul zu Ende.

Gleichzeitig wandte sich ein zweites, stärkeres Heer – Franken, Alamannen und Burgunden – gegen den Herzog von Benevent: es zog, geführt von Sigwin von Brabant, Ruodhart, dem Grafen vom Argengau am Bodensee, und Trudulf von Orleans gegen Benevent: auf zwei Straßen von Rom aus: von Nord nach Süd und von West nach Ost. Der Herzog hatte sein Banner und den Befehl über die Scharen seiner linken Flanke Arichis anvertraut. Aber beide Schlachthaufen kamen kaum zum Gefecht: von erdrückender Übermacht unter Sigwin bei Telesa und unter Ruodhart bei Bovinum angegriffen, warfen die meisten, zumal die Italier, die Waffen weg und flohen: die beiden Arichis versuchten allein mit ihren wenigen langobardischen Gefolgen Widerstand.

Verwundet, vom Gaule gerannt, auf der Erde liegend, hielt der Gasinde zuletzt noch mit den Zähnen das Tuch des Banners fest, dessen Schaft zerhauen war: erst als er vor Blutverlust ohnmächtig geworden, konnte er gebunden werden. So hatte es ihm nichts geholfen, daß er am Tage des Aufbruchs von Benevent dem Altar von Sankt Sabinus zu Spoleto öffentlich eine Wachskerze so lang wie er selber, und in der Nacht vor dem Gefecht Wodan heimlich ein Roßopfer gelobt hatte, um Sieg und frohe Heimkehr!

Dem Herzog aber ward der Helm zerschroten von dem Schlachtbeil des Grafen Ruodhart, dann ward der Betäubte gefesselt: beide Gefangene wurden über die Alpen in das Frankenreich geschickt, während das feste Benevent, der Verteidiger entblößt, sich der Schar Trudulfs von Orleans ohne Schwertstreich ergeben mußte. Fürstin Adalperga ward in der eignen Burg in ehrenvolle Haft genommen.

Es war das Verdienst des Papstes und seiner eifrigen Fürsprache, aber auch die Folge der eignen staatsmännischen Weisheit Karls, daß der raschen Niederwerfung des Aufstandes nur wenige Strafurteile – Verbannung und Vermögen-Einziehung – folgten: man wollte die Menge der Bevölkerung, die nur den Führern gefolgt war, durch Milde gewinnen. Vor allem sollte ja die ganze Frankenmacht in der Halbinsel sofort zu dem Krieg gegen die Byzantiner verwendet werden, was mit solchem Erfolg geschah, daß alsbald kaiserliche Gesandte um Frieden baten, der nur unter beträchtlichen Landverlusten und anderer Genugtuung gewährt ward. Aber jenen Führern freilich war der Untergang fest zugedacht.

Herr Karl war furchtbar zornig über die Empörung, so kurz nach feierlich beschworenen Verträgen: »da wäre ja kein Fertigwerden,« meinte er grimmig, »müßte man jedes eroberte Land wieder und wieder erobern. Ich habe noch gar vielfach anderwärts zu tun für den Herrn Christus, als immer wieder in meinem Langobardien: so in Sachsen, in Spanien, in Avarien, dann gegen Dänen und Wenden. Kann nicht immer wieder von vorn anfangen am alten Fleck! Jenen Hrodgaud hat der Schwerttod vor dem Galgen geschützt: aber dieser Beneventaner und sein hartnäckiger Bannerwart und Feldhauptmann, – wie heißt er doch? – die sollen zur Abschreckung dienen für andere.«

Er verwies beide vor das Pfalzgericht zu Chur, wo er damals Hof hielt, dem italischen Kriegsschauplatz näher zu sein. Das Verfahren war kurz genug: die Angeschuldigten waren in handhafter Tat gewaffneten Hochverrats ergriffen, überführt und geständig, vorher den Treueid geschworen zu haben: die Anklage und das einstimmige Urteil gingen auf Tod am Galgen. Das alles war so ganz klar, rechtgemäß und in Ordnung, daß nicht einmal die Verurteilten ein Wort dagegen einzuwenden hatten.

Der Tag der Urteilsfällung – Karl hatte selbst den Vorsitz geführt – war auch aus andern Gründen aufregend gewesen: von manchen Seiten her waren in geistlichen und weltlichen Dingen ernste Vorkommnisse, Schäden, Gefahren gemeldet worden: »Meine goldene Scheibe hätte heute den ganzen Tag singen dürfen,« grollte er, als er gegen Mitternacht die vertrauten Räte entließ, mit denen er gearbeitet, sowie die Cancellarien und Notarien, denen er diktiert hatte. »In Italien ist für den Augenblick – wer weiß, auf wie lange? – Ruhe, die Byzantiner haben ihre reich verdienten Hiebe. Aber jenseit der Pyrenäen bestürmen die Heiden mein Saragossa, der Patriarch von Jerusalem und Freund Harun sind höchst verschiedner Meinung über ihre Rechte an der heiligen Grabeskirche, und ich soll entscheiden: habe große Lust, sie mir allein zuzusprechen! Die Dänen sind aus dem Danewirke vorgebrochen und haben geheert bis über die Eider, die Tschechen in Bojohemum haben – wie gewöhnlich! – bayrisch Vieh gestohlen, der heilige Vater hadert mit dem Erzbischof von Ravenna um Zollrechte und mit mir um den Ausgang des heiligen Geistes auch vom Sohne, die Avaren wollen, ich soll den Erbstreit unter ihren Chanen entscheiden, – Teufelssöhne sind's alle! – in Alamannien ist großes Viehsterben, meine Villiei in Aquitanien haben mich, wie ich finde, jahrzehntelang betrogen, und auf Korsika und den Balearen sind afrikanische Seeräuber gelandet. Von all' dem werd' ich heut' Nacht wohl träumen! Wenn ich nur erst träumen, das heißt schlafen, kann! Deshalb, hört ihr, Ostiarii, sorgt, daß ich nicht geweckt werde vor hellem Tagesschein, – ja vor der achten Stunde nach Mitternacht! – mag kommen, mag gemeldet werden, wer und was da will. Und wenn der heilige Vater die Tochter Harun Arraschids heiraten wollte: – er soll warten bis morgen Mittag. Wer wacht im Vorsaal?« – »Graf Rorich von Maine.« – »Ist gut. Der ist recht: der meint es treu mit König Karl und seinem Schlaf. So! Leuchte voran, Lucernarius! Gute Nacht, ihr Herren all'! Jetzt will ich lange schlafen!«

*

Aber nicht gar lange sollte dieser Schlaf währen. Nach einer Stunde etwa hörte der König sich beim Namen rufen, einmal, zweimal, dreimal.

»Bei Sankt Denis,« schrie der Schlaftrunkene, auffahrend aus dem schlichten Lager von Fellen, »wer hat sich erfrecht, mich aufzustören? Den soll der üble Waland ... wie, Ihr, Graf Rorich? Wie könnt Ihr's wagen? Liegt Euch nichts an meiner Gnade, meinem Wohlergehn?« – »An beiden mehr als an meinem Leben. Deshalb stehe ich hier: denn um Eure Gnade gilt's und Euer wahres Wohl.« – »Hm, Mann, du sprichst aus tiefstem Ernst: bist ja ganz verstört. Was ist? Wer will mich sprechen?« – »Paulus Diakonus, des Warnefrid Sohn.« – »Der? Der sitzt ja fern in Aachen.« – »Er ist viele Tage und Nächte hergeritten ohne Zaum zu ziehn.« – »Was will er?« – »Sein Bruder Arichis ist zum Tod verurteilt.« – »Der Bannerheld? Sehr von Rechts wegen!« – »Der Diakon erfuhr erst kürzlich, daß jener, – daß beide Arichis hier angeklagt sind.« – »Nun, und?« – »Herr König, gedenkt Ihr nicht? ... Seine Freibitte ...«

Da fuhr Herr Karl mit beiden Beinen hurtig aus dem Bette: »ah, Sankt Denis, 's ist wahr. Nun will er ihn ... Höre mal, Rorich,« schalt er, immer noch verdrießlich, »hatte das denn solche Eile? Mich wecken! Gib mir die Schuhe, dort – unter dem Bett stehen sie. Und jetzt den Gürtel. Und den Mantel. – Warum solche Eile.« – »Ihr habt befohlen, Euch erst um acht Uhr zu wecken.« – »Nun, ebendrum! Konnte der Diakon nicht bis dahin warten?« – »Nein, Herr König.« – »Du bist sehr kühn. Warum nicht?« – »Herr, Ihr hattet befohlen beide vor sechs Uhr zu hängen.« – »Ah, ja freilich! Hattest recht, Graf von Maine. Da eilte es. Aber doch, woher nahmst du den Mut, gegen mein Verbot – –?« – »O König Karl: – er hat Eure Tochter gerettet. Und ich habe ihm meine Hilfe versprochen fürs ganze Leben.« – »Bist ein ganzer Kerl,« er klopfte ihm auf die Schulter. »Und er hat ja die Freibitte, 's ist sein Recht. Sollte ich wünschen, er wäre um sechs Stunden zu spät gekommen? Pfui, nein, nein! Wenn das Frau Hildigard gehört hätte! Schließlich war der eigensinnige Bannerwart doch nur ein allzutreuer Gasindus. Was liegt an dem Ungefährlichen? Mag er leben! Laß den Mönch herein.« – »O Dank, Dank, Herr. Ihr seid ...« – »Still, ich weiß schon, was ich bin. Führ ihn ein.« – »Gleich. Aber entsetzt Euch nicht,« – »Warum? Wovor?« – »Vor ihm. Er sieht aus, wie sein eignes Gespenst.« – »Armer Paulus! Herein mit ihm, und dann laß uns allein.«

 

X

Der Mönch wankte über die Schwelle, offenbar nur mühsam hielt er sich aufrecht. Der König trat ihm entgegen bis in den matten Schein der Hängampel: »Mensch,« rief er, »du siehst aus wie eine Leiche. Bist du krank?« – »Nur müde. Ich kam nicht aus dem Sattel – Tag und Nacht – von Aachen bis hierher. Jede Eurer Villae gab mir frische Pferde. Ich aß mein Brot im Reiten.« – »Ja warum? Eilte es so?« – »Es eilte. Ihr hört es, Herr Karl.«

Da schallten aus dem Hof herauf dumpfe Hammerschläge auf hartes Holz. Der König trat an die durch einen Vorhang geschlossene Fensterluke: bei Fackelschein zimmerten sie da unten – –. Er riß den Vorhang wieder zu. »Ich erfuhr erst, nachdem die Anklage erhoben war, daß es dein Bruder. Übrigens gleichviel: er mußte angeklagt, mußte verurteilt werden. Du kommst nun wohl wegen deiner Freibitte?« – »Wegen der Freibitte.« – »Nun gut: mein Wort ist heilig: will dich nicht lange bitten, nicht warten lassen.« Er schritt an einen Tisch mit Schreibgerät, ergriff Pergament und Feder und schrieb, vorgebeugt, im Stehen. »Arichis heißt er, nicht? Wie ... wie der andre?« – »Arichis.« – »Da, nimm!« Er reichte ihm den beschriebenen Zettel: »Geh' damit zu dem Pfalzgrafen, der diese Woche das Siegel führt: es ist Adalhard: – zeig' ihm das: er soll es siegeln und – nun, was starrst du? ich schrieb doch richtig: ›Arichis, Warnefrids Sohn, der Gasindus, ist begnadigt‹. Er heißt ja doch Arichis?«

»Herr, den andern bitte ich frei, den Herzog.« – »Oho,« rief der König und warf die Feder von sich. »Das nicht, das geht nicht! Gedenke: nur einen!« – »Nur einen.« – »Und du bittest den Fremden frei und läßt den Bruder sterben?« – »Und lasse den Bruder sterben!« stöhnte Paulus und hielt die Hand gegen die nächste Säule. – »Ist's dein echter Bruder, von Vater und Mutter?« – »Mein echter, lieber, lieber Bruder.«

Nun trat Herr Karl dicht an ihn heran und sah ihm scharf in die Augen: »Warum tust du das? Sprich,« – er faßte ihn bei den Schultern. »Sag' die Wahrheit. Warum rettest du – mit dem Blut des Bruders! – diesen Herzog?« – Paulus zitterte und bebte: »Weil ich es versprochen habe.« – »Wem? Diesem eidbrüchigen Herzog?« – »Nein!« – »Wem, sage, wem?« – »Ach, seinem Weibe!« ächzte Paulus und preßte die Stirn an die Säule.

Der König trat einen Schritt zurück: »Einem Weibe!« wiederholte er langsam, vor sich hinnickend. – »So, so! Dieser Herzogin!« Nun trat er wieder näher: »Und wo, wo ist Frau Adalperga? In Benevent?« – »Nein, im Himmel!« schluchzte der Mönch und sank kopfüber, mit flutenden Tränen, in einen Faltestuhl vor der Säule.

»Hm –, armer Mönch!« sprach Karl zu sich selbst; dann laut: »Gestorben? Wann? Wie? Ich weiß nichts davon.« – »Der Bote, der es melden sollte, suchte Euch in Aachen: ich erhielt die Nachricht dort gleichzeitig mit der von der hier drohenden Verurteilung: ich übernahm es, sie Euch hierher zu bringen.« – »Wie starb sie?« – »Nachdem sie ihr erstes Kind geboren.« – »Nun,« meinte Karl, »ich sehe, es geht dir nah. Aber, nachdem sie nicht mehr auf Erden weilt – deines Bruders Leben ...?« Da sprang Paulus auf: »Soll ich der Toten das Wort brechen, das ich der Lebenden gegeben? Herr König Karl, so denkt Ihr nicht!« – »Was, was hast du ihr versprochen?« – »Sie ahnte Gefahr – ahnte alles, was kam: – ich versprach alles, was ich bei Euch etwa vermöchte, einzusetzen, um jeden Preis ihren Gatten zu retten. Hört Ihr? Um jeden Preis! Ich halte Wort.« – »Ja, wahrlich. Frau Adalperga hatte einen treuen Freund an dir.« – »Sie hat ihn noch – im Himmel wie auf Erden – bis ans Ende.«

Der König faßte seine Hand: »Du bist wacker, Warnefrids Sohn. Vieles an dir versteh' ich erst jetzt.« –

»Mein armer Bruder – darf ich ihn sprechen? Ich muß ihm 's sagen, daß ich ihn retten konnte und nicht gerettet habe. Er wird sprechen: ›Paule, du hast recht getan‹.« – »Komm, wir wollen zusammen zu ihm gehn. Denn ich schenke dir sein Leben – zu dem des Herzogs hinzu.« – »Mein großer König.« – »Still! – Aber Ruhe muß ich haben vor diesen beiden Arichis: der Eid versagte: vielleicht bindet sie die Ehre, die Ehrenpflicht des Dankes?« – »Die bindet sie, dafür verbürg' ich mich.« – »Gut! Und dann folgst du mir wieder nach Aachen, mein Ovidius, zu Horatius und Belsezeel und all' den andern.« – »Nicht, o mein gnädiger König. Ich gehe zurück in mein Kloster. Ich kann – nach diesen Tagen – die Welt nicht mehr ertragen. Ich lebe und sterbe ... in der Einsamkeit. Ich muß.« – »Hm, ich kann's – jetzt – begreifen! Aber ein Geist wie du – müßig liegen?« – »Nicht doch! Ich sprach Euch früher schon von einem großen Werk, das ich in Gedanken schon lange wälze: am Hofe kam ich – und käme ich – nie dazu.« – »Was – was willst du schreiben?« – »Die Geschichte meines Volkes, der Langobarden, was die Sage davon flüstert, was die Annalen davon verzeichnet haben.« – »Ein schön, ein edel Werk, wert, ein Leben wie das deine auszufüllen! Du tust recht daran. Aber wie wirst du, zwiegespalten zwischen König Desiderius und König Karl, zwischen Benevent und Aachen ...« – »Nein, Herr König. Ich werde weder Euch loben noch jenen tadeln. Ich schließe mit der Glanzzeit meines Volkes: lang vor unserer Gegenwart schließ' ich die Pforte meines Werkes.« – »Gut, gut! Davon halt' ich dich nicht ab: Hab' ich doch meine Freude an den alten Heldenzeiten und ihren Sagen. Nun, komm', laß uns die beiden Gefangenen besuchen: 's ist löblich Werk, sagt der Apostel. Und von uns beiden, mein' ich, heut' erst recht. Dann kehre heim in deines Klosters Frieden.«

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