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Carlot Gottfried Reuling: Am Herdfeuer - Kapitel 1
Quellenangabe
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authorCarlot Gottfrid Reuling
booktitleNeuland
titleAm Herdfeuer
publisherAlfred Schall, Königliche Hofbuchhandlung
printrunZweite Auflage
editorCäsar Flaischlen
year1895
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
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Carlot Gottfrid Reuling

Am Herdfeuer

Märchen

Das Glück

Vor Zeiten lebten einmal zwei innig befreundete Bildhauer; sie besaßen, wie alle rechten Künstler, keinen Pfennig Geld, waren dafür aber immer lustig und frohen Mutes. Alle Wände ihres Zimmers hatten sie mit Werken von ihren Händen ausgeschmückt. Besonders der größere Bildhauer schuf die herrlichsten Sachen; wer sie sah, war ganz begeistert von ihnen und jedermann prophezeite ihm eine große Zukunft. Vorläufig aber ging es den beiden nicht gerade zum besten. Ihre Freunde hatten wenn möglich noch weniger Geld als sie selbst und konnten also nichts kaufen und die reichen Leute waren nicht im stande, die vielen, vielen Treppen des Hinterhauses zu erklimmen. Die schweren Geldsäcke in ihren Taschen schlugen ihnen fortwährend abmahnend an die Beine und ließen sie allerhöchstens in die Ateliers im ersten Stock steigen; zu diesen führten doch wenigstens breite, mit dicken Teppichen belegte Marmorstufen. Da war die Mühe nicht allzu groß.

Unglücklicherweise war auch damals das Rezept noch nicht erfunden, nach dem man nicht zu essen und zu trinken braucht und doch gesund leben kann; die beiden Bildhauer arbeiteten deshalb in einer Werkstätte für Grabmonumente. Das war eine schöne und muntere Beschäftigung. Der Gedanke, daß man vergnügt lebt, wahrend der Gute, für den das prachtvollste Kreuz ausgehauen wird, von all' der Herrlichkeit gar nichts mehr genießt, stimmt überaus heiter, und die trostreichen Sprüche in glänzenden, goldenen Lettern tragen zur Erbauung nicht wenig bei. Es kommt also auch das Gemüt bei dieser Arbeit nicht zu kurz!

Wenn die beiden am Abend zu Hause saßen, kneteten sie aus Lehm prächtige Modelle; sie sollten im feinsten Marmor ausgeführt werden, sobald sie einmal zu Geld kämen. Gewöhnlich schlief der eine, ein großer Phlegmatiker, unter diesen Gesprächen ein, während der andere ganze Nächte hindurch Pläne machen und träumen konnte.

Dieses ruhige, beschauliche Leben sollte jedoch nicht allzu lange dauern. Sie waren nämlich beide entschiedene Feinde von unnötigen Ausgaben; zu diesen rechneten sie in erster Linie Geld für Kohlen und Holz. Deshalb führten sie im Winter an fünf Tagen in ihrer Stube die kühnsten Indianertänze auf, um sich warm zu machen; an den zwei übrigen Abenden luden sie ihre Freunde zu Grog bei sich ein. Dann tanzte zur Abwechselung die ganze Gesellschaft einen höchst kunstvollen Reigen und es gab ein Lärmen und Lachen, daß man mit einiger Sicherheit rechnen durfte, jeden Augenblick müsse der Fußboden einbrechen. Dies wurde auf allgemeine Klagen der Wirtin doch ein bißchen zu bunt und sie kündigte den beiden. Inzwischen war aber der Frühling herangekommen und die Freunde beschlossen, nach Italien zu wandern, um dort weiter zu arbeiten. Sie verkauften ihre paar Habseligkeiten, veranstalteten von dem Geld ein großes Abschiedsfest und marschierten dann zum Thor hinaus.

Es war ein überaus schöner Morgen; ein leichter Duft hing an den blühenden Bäumen, die zartgrünen Blätter schienen zusehends zu wachsen. Die beiden liefen seelenvergnügt in die Welt hinein; allzu schwer zu tragen hatten sie ja nicht und um den Weg kümmerten sie sich erst recht nicht; sie folgten ihrem alten Spitz, den sie mitgenommen hatten und der den Führer machen sollte. Da der brave Hund nun leider das Unglück hatte, beinahe blind zu sein, so verirrten sie sich tüchtig und schätzten sich glücklich, spät am Abend noch eine alleinstehende Mühle zu finden. Der Müller versprach ihnen auf ihre Bitten ein Heulager zu geben; Betten besaß er selbst keine; nach einem einfachen Essen streckten sie sich todmüde auf dem kleinen Heuboden aus.

Sie mochten einige Stunden geschlafen haben, als der größere Bildhauer wach wurde. Er rieb sich die Augen und wußte im ersten Augenblick nicht, wo er sich befand; der Duft des Heu's hatte ihm den Kopf berauscht. Da sah er einen breiten Strahl glänzenden Lichtes über das Heu gleiten; erstaunt sprang er in die Höhe, eilte an die Dachluke und sah hinaus.

Vor ihm dehnte sich eine Heide aus; an dem Saum des nahen Waldes aber sah er eine wunderbare Erscheinung. Das Glück stand dort auf einer schimmernden, goldenen Kugel; sein Schleier, mit Sternen besät, flatterte in dem Nachtwinde; aus dem Füllhorn schüttete es seine Gaben weithin in das Land. Da faßte eine tiefe, unendliche Sehnsucht nach dem Glück seine Brust; es drängte ihn mit unwiderstehlicher Gewalt nach der schönen Frau. Er kletterte von dem Heuboden herunter und rannte über die Heide. Die liebliche Fee lächelte ihm freundlich entgegen und nickte ihm zu. Schon war er ziemlich nahe – da verschwand sie plötzlich in dem Dunkel des Waldes! ...

Beim Frühstück erzählte er seinem Freunde und ihrem Wirte, was er die Nacht gesehen hatte. Der Müller kratzte sich bedächtig in den grauen Haaren, nahm die Pfeife aus dem zahnlosen Mund und sagte ernst zu dem Scheidenden, daß er sich doch vor dem Glück in acht nehmen sollte. Es hätte schon so manchen tüchtigen Kerl zum Narren gehalten und der junge Bildhauer sehe ihm gerade so aus, wie einer, der leicht von der festen Straße weggelockt werden könne.

Eine Zeitlang gingen die Freunde schweigend ihres Weges; dann erklärte der Größere, sie müßten ihren Plan ändern. Er könne das Glück nicht vergessen, das gestern so strahlend in seiner Nähe geschwebt sei; er müsse es erreichen, koste es, was es auch immer wolle. Ihm würde er folgen, seinetwegen bis an das Ende der Welt.

Sein Freund gab sich zuerst Mühe, ihm den Gedanken auszureden. Er ließ sich aber nicht irre machen und beharrte eigensinnig auf seinem Willen, so daß der gutmütige Kleine des lieben Friedens wegen endlich nachgab. Sie zogen nun kreuz und quer in allen Ländern herum und folgten der Spur des Glücks. Manchmal waren sie ihm wirklich ganz nahe; aber zufassen konnten sie doch nicht. Gerade im letzten Augenblick fing die Kugel an, so schnell zu rollen, daß sie trotz der verzweifeltsten Anstrengung nicht folgen konnten.

An einem glühend heißen Augustnachmittag gelangten sie auf ihrer Wanderung nach einem sauberen, zwischen zwei kleinen Bergen gelegenen Städtchen. Gleich am Eingang stand auf der linken Seite der Straße ein Wirtshaus; der große Garten wurde von prächtigen alten Linden hübsch beschattet und hinter ihm, dicht am Zaune, stoß der Waldbach vorbei, aus dem ein kühler Wasserhauch herüberwehte. Tische und Bänke waren weiß geputzt und hinter den Fenstern sah man auf dem Gesims eine große Menge blitzender Deckelkrüge, Gläser und Flaschen. Da verspürte der kleine Bildhauer auf einmal einen geradezu unüberwindlichen Durst; er behauptete, vor Mattigkeit keinen Schritt weiter gehen zu können; hier wollten sie einkehren und sich mal gründlich ausruhen.

Sie setzten sich an ein recht kühles Plätzchen in dem Garten, die Wirtin brachte Gläser, Butter und Käse, nahm bei ihnen Platz und sprach mit ihren Gästen.

Der Kleine fühlte sich so wohl, wie noch nie in seinem Leben; er unterhielt sich vortrefflich und als ihm die Wirtin – sie war hübsch und rundlich – zum Abendessen sein Leibgericht, ganz ausgezeichnete Pfannkuchen buk, glaubte er sich im siebenten Himmel zu befinden.

Sein Freund hatte an allem wenig Anteil genommen; er saß still da, starrte vor sich hin und träumte von dem Glück, das er bald zu erreichen hoffte. Kaum war die Sonne aufgegangen, so wollte er weiter gehen; diesmal aber weigerte sich der Kleine hartnäckig; er habe sich den Fuß vertreten und könne in den nächsten Tagen nicht fort. Wohl oder übel mußten sie bleiben; während der Größere in der Nähe herumschweifte, saß der Bequeme bei der Wirtin und plauderte mit ihr. Er merkte bald aus hundert Dingen, daß sie großes Gefallen an ihm fand; auch er wurde ihr von Herzen zugethan und es kam ihm vor, als flüstere ihm eine leise Stimme zu, er solle das Suchen nach dem großen, unbekannten Glück aufgeben, lieber die Gelegenheit beim Schopf nehmen und das saubere Mädchen heiraten. Er faßte sich ein Herz und frug gleich am selben Abend die Wirtin, ob sie seine Frau werden wolle; als sie daraufhin verschämt lächelte, zog er sie an sich und gab ihr einen herzhaften Kuß.

Als der Freund von der Verlobung hörte, schnürte er sogleich sein Bündel: es sei für ihn die höchste Zeit, auf's neue nach dem Glück auszuziehen. Wenn er es gefunden habe, wolle er gleich zurückkehren und seinen lieben, alten Gefährten so vieler, froher Stunden daran teilnehmen lassen. Jetzt aber dulde es ihn nicht länger unter seinem Dach. Trotz aller Bitten wartete er nicht einmal die Hochzeit ab, sondern umarmte seinen Freund und eilte einsam hinaus in die Welt, dem Glücke nach, das er in weiter Ferne vor sich hinschweben zu sehen meinte.

Jahr um Jahr zog er rastlos hinter ihm her. Er sah, wie das Glück seine Gaben nach allen Seiten ausstreute, über Arme und Reiche, Alte und Junge, Kranke und Gesunde; er selbst konnte nicht die geringste erhaschen. Jedoch seine Hoffnung schwand um nichts; er dachte, gewiß das Glück zu erreichen und dann die reichste Entschädigung für alle Mühen zu finden. Den ganzen Tag über jagte er ihm nach und gönnte sich selbst in der Nacht nur ein paar Stunden unruhigen Schlafs. Das Haar an seiner Stirne wurde erst grau, dann hing es in weißen, dünnen Strähnen herab; sein Gesicht magerte von der ewigen Anstrengung ab und wurde blaß, von Falten durchzogen. Er war ein vor der Zeit alter Mann geworden. Manchmal wollten ihn die Füße vor Mattigkeit nicht weiter tragen; und doch trieb es ihn vorwärts; mit unwiderstehlicher Gewalt vorwärts. Schon zweimal glaubte er sein Ziel erreicht zu haben und streckte bereits die Hand aus, den Schleier des Glücks zu fassen. Da griff er in Nichts und sah in weiter, weiter Ferne den Schimmer strahlen, den er so nahe geträumt hatte.

In der letzten Zeit merkte er aber ganz deutlich, daß der Abstand zwischen ihm und dem Glück immer geringer wurde. Noch einmal belebten Hoffnung und Kraft seine Brust und er schritt wieder munter dahin, wie in früheren Tagen. Und in einer Juninacht war er dem Glück wieder so nah gekommen, daß er zum drittenmal die Hand nach ihm ausstreckte. Aber zum drittenmal griff er die leere Luft.

Mit tiefem Aufseufzen ließ er die Hand sinken und blickte nach dem Glück. Es war diesmal nicht wie sonst in weite Ferne gerückt, sondern schwebte nur wenige Schritte vor ihm über einem Hause und goß sein ganzes Füllhorn dort aus. Dann verschwand es plötzlich in der Nacht.

Der Bildhauer sank todmatt zu Boden. Nun wußte er, daß alles zu Ende und ihm auf Erden kein Glück beschieden sei. Ganz gebeugt blickte er um sich; und es kam ihm vor, als ob er die Gegend schon früher einmal gesehen habe. Er sann und sann; plötzlich fiel es ihm wie Schuppen von den Augen; er befand sich in dem Städtchen, wo er vor Jahren seinen Freund verlassen hatte. Und dort – dort das Haus, über dem das Glück geschwebt und sein Füllhorn geleert hatte, es war das seines Freundes. Er lag mit Frau und Kindern in tiefem Schlaf!

Da war es dem müden Mann, als ob eisiger Hauch um seine Schläfe wehe. Anstatt des gehofften Glückes stand jetzt der Tod neben ihm. Er hatte in rastlosem Jagen seine Kräfte vernichtet; er hatte zu viel gewollt, auf zu Großes gehofft: – sein Freund im Kleinen Befriedigung gefunden.

Und wieder fühlte er den eisigen Wind. Er drang in seine Brust und löschte die Flamme des Lebens aus. Noch einmal fuhr er krampfhaft in die Höhe. In weiter, weiter Ferne tanzte wie ein Irrlicht das nie erreichte Glück, das Ideal seines Lebens!

Er schloß die Augen für immer.

Das Gewissen

Bei einem außerordentlich reichen und deshalb auch sehr angesehenen, vornehmen Herrn war ein Kutscher im Dienst. Er konnte aus seiner kleinen Wohnung im Hinterhaus nach den erleuchteten Fenstern der Villa sehen, das Klingen der Gläser hören und den feinen Duft der köstlichen Speisen riechen. Hierin bestand die hauptsächlichste Ergötzlichkeit in dem Leben des Kutschers; sonst mußte er vom Morgen bis Abend auf dem Bock sitzen, wobei er einmal von der Sonne beinahe geröstet, dann wieder zur hübschen Abwechselung vom Regen bis auf die Knochen durchweicht wurde. Fuhr er endlich heim, so sorgte er zuerst, daß seine Pferde ordentlich ihr Futter bekamen, hierauf sah er nach, ob der Wagen und das Geschirr auch wieder blitzblank geputzt sei und half häufig selbst mit, wenn es ihm nicht gut genug gemacht worden war. Erst nach alledem dachte er an sich. Kluge Leute lachten ihn deshalb heimlich und öffentlich aus, weil er so ungemein thöricht war, seinen eigenen Vorteil über dem seines Herrn zu vergessen, und sie nannten ihn einen durchaus unpraktischen, etwas beschränkten Menschen. Im Grunde genommen hatten sie freilich recht; der Kutscher paßte ganz und gar nicht in die vernünftige Welt; er hatte nämlich von Geburt an einen schweren Fehler: ein überaus strenges Gewissen.

Schon als Knabe litt er unter ihm; er bekam eine Höllenangst, wenn ihn seine Spielgefährten aufforderten, irgend jemand einen harmlosen Schabernack zu spielen oder gelegentlich mal Äpfel oder Nüsse zu stripsen. Er hätte es ja für sein Leben gern gethan; aber das fatale strenge Gewissen setzte ihm dermaßen zu, daß er es zu feinem Leidwesen nicht über das Herz brachte. Natürlich wurde er deshalb von seinen Kameraden ausgelacht, gehänselt und wenn mehrere beisammen waren, von ihnen gemeinschaftlich durchgeprügelt.

Als er älter wurde, ging es ihm um kein Haar besser; er arbeitete von früh bis spät wie ein Pferd und brachte es auch nicht einen Schritt vorwärts. Im Gegenteil, er hatte häufig kaum trockenes Brot zu essen, wenn es sich andere bei Wein und Braten wohl sein ließen. Sie besaßen zu ihrem Glück kein so strenges Gewissen. Trotzdem war er aber immer noch leidlich vergnügt, und als er es endlich durch eine Empfehlung zum Kutscher des reichen Herrn gebracht hatte, fühlte er sich in seiner seinen Umgebung äußerst behaglich und bekam sogar einen kleinen Hochmut wegen seiner gesellschaftlichen Stellung.

Der war ihm aber auch wirklich nicht zu verdenken, wenn man seinen Herrn ansah. So seine Kleider, so massige Ketten und Ringe, ein so glänzender Cylinder, und vor allen Dingen: solch einen Beutel voll Goldstücke. Die Leute zogen schon den Hut, wenn sie den reichen Herrn von weitem sahen und fühlten eine ganz unbegrenzte Demut vor ihm. Er hatte es auch wahrhaftig verstanden, vorwärts zu kommen, das mußte man ihm lassen. Er war Kaufmann und sein bösartigster Feind konnte ihm nicht nachsagen, daß er jemals seine Person vergessen oder gar etwas umsonst gethan habe, aus Freundschaft oder Nächstenliebe. Über solche Schwachheiten war er vollständig erhaben; er hatte es verstanden, immer andere für sich arbeiten zu lassen und seinen lieben Mitmenschen ihr Geld auf so geschickte Art abzunehmen, daß sie ihm dafür noch dankbar sein mußten.

Daß ein so hochbeanlagter Mann heutzutage überall mit offenen Armen empfangen wird, ist sonnenklar. Nichtsdestoweniger befand er sich in letzter Zeit häufig in sehr verdrießlicher Stimmung; man hatte ihm plötzlich den Vorwurf gemacht, daß er selbst für einen Kaufmann doch ein bißchen gar zu schnell verdiene und keine Spur von Gewissen mehr habe. Natürlich lachte er selber über eine so hirnverbrannte Meinung. Als sie aber allmählich immer weiter verbreitet wurde und die Leute nach und nach keine Lust mehr zeigten, sich mit ihm in Geschäfte einzulassen, lachte er nicht mehr, sondern fing an, nachdenklich zu werden. Gegen Schaden war er nämlich sehr empfindlich. Zuerst suchte er durch reiche Almosen mit deutlicher Namensnennung und glänzende Gesellschaften den unangenehmen Vorwurf zu entkräften. Aber das half nur wenig; die eingeladenen Leute aus der seinen Gesellschaft fanden seinen Standpunkt ohnehin durchaus richtig und würden genau so gehandelt haben, wenn sie so schlau wie er gewesen wären. Die große Menge aber konnte er doch unmöglich zu Gaste bitten, und gerade an ihr verdiente er am meisten. Als sie nun hartnäckig bei ihrem dummen Glauben blieb, er habe kein Gewissen, entschloß er sich endlich schweren Herzens, ein Opfer zu bringen.

Man hatte ihm ein paar Mal gesagt, daß sein Kutscher ein sehr gutes Gewissen habe und er nahm sich vor, es ihm bei einer passenden Gelegenheit abzuhandeln, um dann vor aller Welt damit dick zu thun. Er rechnete sich aus, daß er das Geschäft bei ihm viel billiger, als irgend wo anders zu stände bringen könne; einmal nämlich, weil der Mann in seinem Dienst stand, und zweitens, weil er von dem Werte des Geldes überhaupt keine Ahnung hatte. Und richtig, als er dem Kutscher ein Sümmchen für sein Gewissen anbot, war er mit dem größten Vergnügen bereit, auf den Handel einzugehen. Kaum merkte der reiche Herr seine Geneigtheit, so drückte er den Kaufpreis schnell um ein Drittel herunter. Aber auch hierauf ging der Kutscher gern ein und überließ seinem Herrn sein strenges Gewissen, Der stieg etwas verstimmt in seine Villa hinauf; es wurmte ihn schändlich, daß er das Geschäft so schnell fertig gemacht und nicht noch einiges heruntergehandelt hatte. In früherer Zeit wäre ihm so etwas nicht passiert; er fing wahrhaftig schon an, zu feinfühlig zu werden.

Aber zu seinem furchtbaren Schrecken wurde er gewahr, daß dieser Ärger nur das Vorspiel zu einer trüben Leidenszeit bildete. Sein strenges Gewissen plagte ihn so unablässig für jedes Unrecht, daß er kaum noch wagte, sein Geschäft weiter zu treiben, und vor neuen Unternehmen gar ein Grauen bekam. Daß jetzt die große Masse wieder anfing, Vertrauen in ihn zu setzen, bereitete ihm die furchtbarsten inneren Qualen. Er wollte die Leute so herzlich gerne wie sonst prellen, hatte sich ja das Gewissen nur zu diesem Zweck aufgehalst, und jetzt verdarb ihm gerade dieses seinen ganzen Plan. Welch hübsches Unternehmen hatte er sich doch für die Zeit ausgetiftelt, in der man ihm wie sonst Geld anvertrauen würde. Es wäre sogar nicht einmal besonders einträglich gewesen; die Leute sollten nur die Hälfte ihrer Einlage an ihn verlieren; das war doch wahrhaftig das Wenigste, was ein ehrlicher Gründer verlangen konnte, um selbst zu bestehen. Und nicht einmal dieses solide Geschäftchen ließ ihn sein strenges Gewissen ausführen. Es war wirklich zum Verzweifeln. In seinem Zorn vergaß er sich eines Abends so weit, daß er sein Gewissen, obgleich es ihn doch etwas gekostet hatte, ingrimmig packte und zum Fenster hinauswarf. Seinen Kutscher hatte er in einer ähnlichen Stimmung schon längst fortgejagt. Er fühlte sich auch gleich erleichtert und konnte zu seiner inneren Beruhigung mit einem guten Freund einen kleinen Handel abschließen, bei dem jener ganz gehörig geprellt wurde.

Seelenvergnügt legte er sich in das Bett und dachte über sein solides Unternehmen nach, bis er einschlief. Da fühlte er plötzlich einen Druck auf seiner Brust, und eine ungeheure Angst schnürte ihm ordentlich die Kehle zu. Das war ja gerade, als ob sein strenges Gewissen wieder bei ihm wäre! Er erschrak darüber so sehr, daß er wach wurde; und richtig, vor ihm auf der Bettdecke saß sein Gewissen und starrte ihn mit seinen steifen Zügen unbeweglich an. Ganz verzweifelt schnappte er zunächst ein Paar Augenblicke nach Luft; als er sich sodann einigermaßen erholt hatte, fuhr er das Gewissen wie ein bissiger Kettenhund an: was es denn eigentlich noch bei ihm wolle; er habe ihm seine Geringschätzung deutlich genug bewiesen und es weggeworfen. Das lasse sich doch niemand gefallen, der nur ein bischen Anspruch auf höhere Bildung und Anstand mache. Aber das strenge Gewissen entgegnete ihm mit wirklich beleidigender Ruhe, vertreiben lasse es sich überhaupt nicht; bei wem es einmal sitze, bei dem bleibe es auch für Lebzeiten. Nur wenn es ein anderer freiwillig übernehme oder als Geschenk behalte, gehe es zu ihm über. Sonst aber sei es durch nichts auf der Welt zu vertreiben.

Dem reichen Herrn stieg bei dieser gemütvollen Eröffnung von der Anhänglichkeit des Gewissens jedes Haar einzeln zu Berge und er klapperte mit Armen und Beinen wie ein Hampelmann. Daß niemand das strenge Gewissen freiwillig übernehmen werde, war ihm bei seiner ausgebreiteten Menschenkenntnis sonnenklar. Warum hatte er auch einen solchen Eselsstreich gemacht! Längere Zeit schlich er ganz niedergebeugt herum; da kam ihn eines Nachmittags im Schlaf ein guter Gedanke.

Er ließ einen wunderschönen Sammetrock mit goldenen Knöpfen machen und in das Futter aus Atlas vorsichtig und kunstvoll das strenge Gewissen vernähen. Dann befahl er die Pferde anzuspannen und fuhr eilig zu einem sehr guten Bekannten, dem Finanzminister. Der hatte früher mit dem reichen Herrn häufig Geschäfte gemacht und ein ungeheures Vermögen verdient. Da er aber noch schlauer als sein Genosse war, hatte er niemals eine gewisse scharfe Grenzlinie überschritten, so daß ihm kein Mensch etwas anhaben konnte. Seine hervorragenden Fähigkeiten, die Säckel anderer zu leeren und den seinen zu füllen, hatte die Regierung des Landes bewogen, ihm den schwierigen Posten des Finanzministers vertrauensvoll zu übertragen.

Als ihm der reiche Herr gemeldet wurde, ließ er ihn gleich eintreten; er wußte, daß jener nie mit leeren Händen kam. Und gerade über den kostbaren Sammetrock freute sich der Minister sehr; er war ein sparsames Gemüt und konnte kleine Ausgaben nicht leiden. Zum Dank für das Geschenk gab er seinem Genossen einige Andeutungen, was sich in der nächsten Zeit vielleicht ereignen und woraus jener ein Vorteilchen ziehen könne, und der reiche Herr entfernte sich, doppelt vergnügt über den gelungenen Wurf.

Der Finanzminister aber zog seinen neuen Rock gleich einmal zur Probe an und setzte sich an den Schreibtisch. Er wollte eine sehr wichtige Arbeit fertig machen, eine neue Steuervorlage, die ihm mindestens einen Orden einbringen mußte. Aber sonderbar! Noch vor einer halben Stunde war ihm der Plan ganz vortrefflich vorgekommen, und jetzt erregte er ihm auf einmal Bedenken. Er las und las und je mehr er nachdachte, desto unzufriedener wurde er. Es lief ihm kalt und heiß über den Rücken. Die Leute konnten ja die Steuer ganz unmöglich aufbringen. Was in aller Herrgottswelt hatte er nur angestellt! So ging es ja wahrhaftig nicht; und doch mußte die Vorlage fertig werden; der Staatsrat wartete schon darauf.

Ganz verstört rannte er im Zimmer auf und ab und drehte nach seiner Gewohnheit so heftig an einem der goldenen Knöpfe, daß er ihn mit dem Futter zugleich abriß. Nun hatte er zu seinem großen, allgemeinen Kummer noch einen kleinen, privaten, weil er seinen neuen Rock so unvorsichtig verdorben hatte. Sehr verstimmt sah er in das Loch; da kam es ihm vor, als ob da drin im Futter etwas schimmere; er untersuchte genauer und prallte entsetzt zurück: er hatte das strenge Gewissen erkannt. Eilig riß er sich den Rock vom Leibe, warf ihn weit von sich und schickte ihn sogleich mit einem Eilboten an den reichen Herrn zurück. Nun ging er wieder an den Schreibtisch. Richtig, jetzt stimmten die Zahlen; der Plan war wieder so trefflich wie früher. In kurzer Zeit hatte er seine Vorlage fertig. Die neue Steuer erwies sich als ausgezeichnet. Es kam zwar im Lande beinahe darüber zu einer kleinen Empörung, aber sie wurde unterdrückt, und der brave Finanzminister erhielt sogar zwei Orden auf einmal.

Als dem reichen Herrn sein Rock mit dem strengen Gewissen wiedergebracht wurde, fiel er vor Schrecken vom Stuhl. Sein schöner Plan war nicht nur kläglich gescheitert, sondern er hatte auch noch obendrein die wertvolle Freundschaft des Ministers schnöde verscherzt. Er nahm sich das so zu Herzen, daß er ganz mager davon wurde; außerdem ging sein Geschäft von Tag zu Tag mehr zurück und er hatte schon den größten Teil seines Vermögens verloren. Trotzdem plagte ihn sein strenges Gewissen noch unablässig und er sah ein, daß er wohl nicht eher Ruhe finden könne, als bis er seinen letzten Pfennig an den rechtmäßigen Besitzer zurückgegeben hätte. Er würde es auch gethan haben, wenn ihm nicht zuguterletzt noch ein Rettungsweg eingefallen wäre. Einen Menschen gab es doch noch auf der Welt, der das strenge Gewissen nicht zu fürchten brauchte, ja, dem es sogar willkommen sein mußte: dem Frömmsten in der ganzen Christenheit!

Der unglückliche Besitzer des strengen Gewissens machte vor Freuden einen Luftsprung; er rechnete ganz sicher darauf, daß ihm dieser heilige Mann seine Last abnehmen, ihm vielleicht obendrein ein Geschenk für das Gewissen geben würde. Er ließ einen Kasten aus Gold, mit Edelsteinen verziert, machen, legte das strenge Gewissen hinein und trat die Wanderfahrt an ...

Nachdem er endlich den Frömmsten ausfindig gemacht und ihm demütig den Fuß geküßt hatte, reichte er ihm das wertvolle Kistchen und bat ihn, es als Geschenk huldvoll anzunehmen. Doch der heilige Mann zuckte sofort ein Merkliches zusammen; seine geistliche Nase witterte, was in dem Kasten verborgen sei. Als er sich nun zum Überfluß durch den Augenschein überzeugt hatte, daß ihn seine Ahnung nicht betrogen, wurde er sehr böse über die ihm angethane Beleidigung, winkte seinen Trabanten und ließ den Mann in den Hof führen. Dort bekam er zunächst eine ganz gehörige Tracht Prügel wegen seines unverschämten Benehmens und dann wurde er aus den Thoren geworfen. Sein strenges Gewissen gab man ihm auf besonderen Befehl wieder sorgsam mit; den goldenen Kasten schenkte der Fromme zur Erinnerung an das seltsame Vorkommnis einer guten Freundin; das Fräulein hatte schon lange um einen solchen Kasten gebeten, daß sie in ihm Gold und Edelsteine für ihre beiden Kinder aufheben könnte.

Jetzt endlich ergab sich der Mann mit dem strengen Gewissen in sein Schicksal. Er trieb sich zuerst viele Jahre in der Fremde herum, und als ihn endlich die Sehnsucht nach seiner Heimat packte, bettelte er sich langsam in seine Vaterstadt zurück. Dort fühlte er sich aber nicht im mindesten behaglich, sondern ärgerte sich über tausend Dinge, am meisten jedoch, als er seine ehemalige Villa wiedersah. Ein ihm unbekannter, sehr fein aussehender Herr wohnte jetzt in ihr; er fragte einen Diener nach seinem Namen und erfuhr zu seinem tiefsten Ingrimm, daß sein ehemaliger Kutscher das Haus gekauft habe. Ihm war es ausgezeichnet gegangen, seitdem er sein strenges Gewissen losgeworden war; in ein paar Jahren hatte er es zu einem der reichsten Leute in der Stadt gebracht.

Bei dieser Nachricht riß dem Mann mit dem strengen Gewissen die Geduld; er suchte sich eilig einen Strick und hängte sich noch in derselben Nacht gerade vor dem Schlafzimmer seines früheren Kutschers an einem tüchtigen Ast auf.

Als am nächsten Morgen dem Eigentümer der Villa die freche That gemeldet wurde, kam er selbst herbei, um sich den Toten anzusehen. Kaum hatte er einen Blick auf ihn geworfen, so erkannte er trotz der gealterten Züge sofort seinen ehemaligen Herrn. Da faßte ihn eine schreckliche Angst, das strenge Gewissen werde am Ende gar zu ihm zurückkommen. Er ließ eilig einen festen Sarg aus Eichenholz herbeischaffen, darüber einen erzenen machen, über diesen noch einen großen steinernen, den Mann hineinlegen und sofort in das Meer versenken.

Seitdem hat niemand mehr in der Welt etwas von dem strengen Gewissen gemerkt!

Das verschenkte Herz

In der Mitte eines prächtigen, großen Gartens vor dem Thore steht ein Haus von grauem Stein mit reichen Verzierungen. Eine breite Treppe führt von dem Balkon herunter gerade nach dem Springbrunnen, um dessen Becken aus Marmor Beete voll Jelängerjelieber angelegt sind. Weiter nach hinten sehen die weißen Blütenglocken von Tulpenbäumen aus dem Gebüsch und wenn ein leiser Windhauch vorüber geht, trägt er den köstlichen Duft der Rosen bis hinaus auf die staubige Straße. Der Balkon hat auf beiden Seiten eine förmliche Wand aus stämmigen Lorbeerbäumen, und auf der breiten Treppe blühen in großen, grünen Kübeln Orangen und Oleander!

Dort wohnte ein ganz außerordentlich reicher Mann; er lebte herrlich und in Freuden. Bei ihm gab es immer vorzügliches Essen mit den besten Weinen; kostbare Birnen und Trauben wurden von Dienern in tressenbesetzten Röcken auf goldenen und silbernen Platten herumgereicht. Alle Tage lud der Mann seine Freunde zu sich ein: da ging es hoch her; der Champagner knallte unaufhörlich und eine kurzweilige Überraschung folgte auf die andere. Und wenn die Gäste endlich müde geworden waren, ließ der Mann seine Kutschen herbeiholen; sie hatten Sitze von blauem und weißem Sammet und Atlas und waren sehr weich gepolstert, damit die Freunde gar bequem nach Hause fahren konnten.

Und doch war der reiche Mann nicht glücklich! Wenn er einsam in dem roten Polstersessel seines prächtigen Zimmers saß, kam es ihm zuweilen vor, als ob ein ganz leiser Zugwind um seine Schlafe wehe. Da wurde er immer sehr ernst und traurig; die Sonne schien dann auf einmal nicht mehr so leuchtend wie sonst und über sein hübsches, junges Gesicht zogen langsam ein paar düstere Schatten. Und da der Zugwind stets öfter und öfter kam, entschloß er sich, zu einem sehr klugen Mann zu gehen und den um Rat zu fragen. Er ließ sich seinen Stock mit dem goldenen Knopf geben und sein oberster Kammerdiener zog ihm den Rock an. Nun machte er sich auf den Weg zu dem Weisen.

Der war ein verhuzeltes Männchen ohne einen Zahn in dem Mund und trug ein rundes Sammetkäppchen auf dem kahlen Scheitel. Er hatte eine große Brille auf der Nase und bückte sich über ein schweinsledernes Buch voll gar seltsamer Zeichen. Neben ihm hockte ein großer Rabe; seine Federn waren vor Alter ganz grau geworden. Er konnte sprechen und mußte seinem Herrn beim Lesen die Blätter umwenden.

Als der reiche Mann eintrat blickte ihn der Rabe mit dem rechten Auge etwas höhnisch an; als gebildeter Vogel sagte er aber kein Wort, sondern kraute sich nur bedächtig mit der Kralle auf dem Kopfe. Jetzt sah der alte Herr von dem Buche auf; er wußte gleich, was der Fremde von ihm wollte, denn er hatte soeben in dem Buch sein Schicksal gelesen.

»Sie wollen hören, wie Sie glücklich werden können,« sagte er zu dem reichen Mann und stützte seinen wackelnden Kopf auf die rechte Hand, »Hm; das ist gar keine so leichte Sache. Aber ich kann Ihnen trotzdem helfen! Sie müssen sich etwas schenken lassen.«

»Was sollte ich mir denn schenken lassen,« lachte der reiche Mann vor sich hin.

»Sehr viel,« murmelte der Alte, »sehr viel! Ein Herz, das ganz und gar nur Ihnen allein gehört und auch gar nichts nach Ihrem Geld fragt.«

»Kann ich mir so eins nicht lieber kaufen?« frug der andere wieder.

»Nein; dann macht es ja nicht glücklich. Sie müssen eben suchen, bis Sie es endlich finden,« näselte der Weise und kehrte sich wieder seinem Buche zu. Der Rabe aber lachte diesmal ganz laut und höhnisch auf und zeigte mit der Kralle nach der Thüre! Der reiche Mann zuckte die Achseln und ging etwas ärgerlich fort!

Daheim gab er dem Haushofmeister seinen Stock mit dem goldenen Knopf und befahl ihm, er solle ein noch köstlicheres Essen wie sonst anrichten lassen, und noch mehr Freunde wie gewöhnlich dazu einladen. Er hatte sich nämlich vorgenommen, jetzt erst recht in Saus und Braus weiter zu leben. Es machte ihm viel zu viel Mühe, sich ein Herz zu suchen; und es sich gar schenken lassen wollte er unter keinen Umständen; dazu war er zu stolz.

»Wenn es durchaus nicht anders geht, werde ich mir schließlich doch eins kaufen,« sagte er zu sich selbst; »vorläufig aber will ich noch lustig sein und mir gute Tage machen.«

Und so geschah es auch; die Freunde gingen bei ihm ein und aus. Sie zechten und lachten und jubelten, daß es eine Art hatte und schwuren ihm gewiß hundert Mal ewige Freundschaft – aber ein Herz schenkte ihm niemand!

Eines Abends hatte sich der Schwarm der Gäste früher wie sonst verlaufen. Der reiche Mann war müde; er öffnete ein Fenster und ließ die laue Sommerluft hereinströmen. Da fühlte er auf einmal den Zugwind viel stärker als je zuvor, daß er sich ganz erschrocken umwandte. Und siehe da, neben ihm stand eine Frau mit gar wunderbar milden, lieben Zügen; die dunkeln guten Augen aber hatte sie traurig auf den reichen Mann gerichtet! Ein unendlich banges Gefühl stieg bei ihrem traurigen Blick in ihm auf und seine Stimme zitterte ein wenig, als er die schöne Frau frug, wer sie sei und was sie bei ihm wolle.

»Ich bin deine Jugend« antwortete sie leise, »und bin gekommen, um heute Abschied von dir zu nehmen.«

Da wurde es dem reichen Mann plötzlich so weh ums Herz, daß er glaubte, in seiner Brust sei etwas entzwei gegangen. Und es war auch etwas darin gebrochen für immer. Er bat die schöne Frau flehentlich, bei ihm zu bleiben; er könne ja nicht ohne sie leben. Aber sie schüttelte den Kopf und sagte: »meine Zeit ist um; ich muß fort! Du bist mein Liebling gewesen, und ich bin länger bei dir geblieben, als ich eigentlich durfte. Ich hoffte immer, du würdest doch noch dem Rate des Alten folgen und dir ein Herz schenken lassen, um glücklich zu werden. Nun wird es wohl zu spät sein und besonders, weil ich von dir fort gehe. Armer Freund! Wer weiß, ob du noch gut machen kannst, was du versäumt hast! Vielleicht!«

In diesem Augenblick schlug die Turmuhr Zwölf! Die schöne Frau beugte sich über den Mann im Sessel und küßte ihm dreimal die Lippen; dann breitete sie ein paar mächtige Schwingen aus und flog hinaus in die dunkle Nacht. Und die Sterne funkelten und glänzten, der Wind wehte leise, die Springbrunnen plätscherten, und die Rosen wiegten die duftenden Blütenkelche.

Das Herz des reichen Mannes schlug und hämmerte als ob es zerspringen wollte. Ein unsagbar tiefes Weh, ein stechender Schmerz drang ihm durch die Seele. Er schaute zum Himmel hinauf, ob er die scheidende Jugend nicht noch einmal sähe. Umsonst! Nur ein Meteor flog durch das Sternengewimmel über die Stadt nach dem rauschenden Wald! ...

Am andern Morgen war der reiche Mann müde und alt geworden. Die gestern noch glänzenden Augen blickten matt vor sich hin und seine bisher so frischen Backen waren ganz blaß geworden. Die Freunde glaubten, er sei krank und sie drangen in ihn, einen Arzt holen zu lassen. Als er aber nur still den Kopf schüttelte und immer weniger Lust zeigte, die üppigen Gelage weiter fortzusetzen, so nannten sie ihn bald einen griesgrämigen Langweiler und einer nach dem andern blieb weg; sie fanden eben keinen Vorteil mehr bei ihm und etwas anderes hatten sie nie gewollt. Nach längerer Zeit ging niemand mehr bei ihm ein und aus, und eines Tages entließ er seine Diener, schloß sein Haus zu und wanderte hinaus in die Welt, um einen Menschen zu suchen, der ihm sein Herz voll und ganz schenke.

Er zog durch alle Länder, bergauf und bergab und frug in jeder Stadt und in jedem Dorf, ob ihm niemand sein Herz schenken wolle. Aber alle Menschen hatten es schon weggegeben oder sie fanden an dem allmählich grau gewordenen Mann keinen Gefallen und sagten ihm ganz einfach, er solle weitergehen. Bald fing man an, über ihn zu spotten und hieß ihn einen alten Thor; in der Jugend müsse man sich ein Herz schenken lassen; im Alter sei es doch wahrhaftig zu spät dazu. Da nun alle ihm das Gleiche sagten, glaubte er es am Ende selber, ward sehr betrübt und beschloß, nach Hause zu gehen.

Da fand er eines Abends ein Mädchen unter einem Baume sitzend; es hatte den schönen Kopf in die weiße Hand gestützt und weinte bitter vor sich hin. Der reiche Mann fühlte tiefes Mitleid mit ihm und frug, was ihm denn geschehen sei; es erzählte ihm, daß die Mutter totkrank sei, es selbst und ihr Bruder nichts mehr zu essen habe und ihr Hausherr sie aus der Wohnung jagen wollte. Der Mann ging mit dem schönen Mädchen, zahlte die Miete, ließ einen Arzt holen und Braten und Wein herbeischaffen. Aber für die Mutter kam jede Hilfe viel zu spät; doch sie starb beruhigt; der reiche Mann hatte ihr versprochen, für ihre Kinder zu sorgen.

Er nahm die beiden mit sich nach Haus; sie bekamen prächtige Kleider und alles, was ihr Herz begehrte. Nach einiger Zeit frug er das schöne Mädchen, ob es seine Frau werden wolle; es besann sich nicht lange, sondern willigte gerne ein und fuhr nun als Herrin in dem Wagen mit seidenen und sammetnen Kissen und war mit Gold und Edelsteinen geschmückt. Und nach einiger Zeit klopfte der Storch an das Fenster und brachte einen kleinen Knaben. Aber der dumme Storch hatte kein schönes Kind ausgewählt und die Mutter freute sich nicht über es.

Der Kleine bekam seine Wärterin, eine alte, gute Frau; sie pflegte ihn und hatte ihn lieb. Weil aber die junge Mutter keinen Staat mit dem Knaben machen konnte, mußte er meistens in dem Hinterzimmer bleiben. Nur der Vater besuchte ihn öfter, streichelte seine Backen und brachte ihm Spielzeug. Aber auch er kam nicht gerade häufig; er hatte nur Augen für seine schöne Frau; sie rauschte in Seide und Spitzen und gab ein glänzendes Fest nach dem andern. Er that ihr, was er nur an den Augen absehen konnte, denn er hoffte im Stillen, sie werde ihm ihr Herz schenken und ihn dadurch glücklich machen. Gefragt hatte er noch nicht; er fürchtete sich nämlich etwas davor; aber wenn sie so vergnügt schien und so hell auflachte, da glaubte er sicher, eine günstige Antwort zu bekommen.

Mehrere Jahre waren vergangen und der Knabe war in ihnen so groß geworden, daß er in dem weiten Garten herumspringen konnte. Wenn sein Vater manchmal mit ihm spielte, war es ein Fest für ihn, und über die unschönen Züge glitt dann ein Lächeln wie Frühlingssonnenschein. Vor seiner glänzenden Mutter hegte er immer eine geheime Scheu; außerdem hatte sie stets einen ganzen Schwarm von geputzten Damen und vornehm aussehenden Herren um sich.

Umso mehr aber liebte sie der reiche Mann und eines Abends konnte er sich nicht länger zurückhalten; er legte seinen Arm um ihren weißen Hals und frug sie mit bebender Stimme, ob sie ihm ihr Herz schenken wolle. Ein leises Rot lief über ihr Gesicht und sie schüttelte das geschmückte Haupt.

»Sonst alles was du willst,« gab sie zur Antwort! »Aber mein Herz habe ich schon lange, lange weggegeben!«

Ein tiefes, stechendes Weh zog bei diesen Worten durch die Seele des Mannes, gerade so wie damals, als seine Jugend von ihm Abschied genommen hatte. Und er stand auf und ging in sein Zimmer und vergrub den Kopf in den dicken Polstern. Jetzt wußte er, daß ihm niemand mehr sein Herz schenken werde und er sterben müsse, ohne glücklich gewesen zu sein.

Da sprang mit einmal die Thüre auf und sein Knabe lief herein. Er faßte mit beiden Händchen nach dem Kopf seines Vaters und als er seine trüben, ernsten Augen sah, that er ihm leid und er sagte: »Was fehlt dir denn, Papa? Soll ich dir etwas schenken? Willst du meine Armbrust oder meinen neuen Kreisel?«

Und der reiche Mann zog das Kind zu sich in die Höhe und küßte es.

»Du kannst mir nicht helfen, mein Liebling. Siehst du, ich muß ein Herz geschenkt bekommen, und das will mir ja doch niemand geben!«

»Aber so nimm meines, Papa! Ich gebe es dir ja so sehr gerne.«

Da war es dem Mann, als ob plötzlich ein goldener Sonnenstrahl durch die Fenster flute und das Zimmer mit einer wunderbaren Helle erfülle, als ob tausend und aber tausend Vögel jauchzten und ein neuer Frühling in seine Brust ziehe. Er hörte ein leises Rauschen und als er in die Höhe blickte, sah er seine Jugend über sich schweben. Sie hielt einen duftenden Zweig voll goldener und silberner Blüten über ihn und lächelte ihm freundlich entgegen. Und eine Blüte fiel auf sein Haupt und neue Kraft und neues Leben durchströmte ihn.

Er preßte den Knaben an seine Brust und tanzte mit ihm in dem Zimmer herum. Und dann lief er mit ihm in den Garten und sie spielten zusammen auf dem Rasen. Der reiche Mann war zum erstenmal in seinem Leben glücklich. Er hatte ein Herz geschenkt bekommen, ein liebevolles, warmes Menschenherz, das nur ihm allein angehörte!








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