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Friedrich de la Motte Fouqué: Alwin - Kapitel 1
Quellenangabe
typefiction
booktitleAlwin
authorPellegrin (Friedrich de la Motte Fouqué)
year1808
firstpub1808
publisherFriedrich Braunes
addressBerlin
titleAlwin
pages648
created20090512
sendergerd.bouillon@t-online.de
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Erstes Kapitel.

Die Nacht wird kalt, sagte der alte Rudolph. Von dem Wettterfähnlein kreischt es herunter, die Eichen fangen zu rauschen an. Lege mehr Holz an den Heerd, Alwin. Der schöne Jüngling that, wie ihm geheißen war, und indeß er sich über die Flamme hinbog, sagte die Mutter: lauter Gluth ist's doch, so ein Jünglingsgesicht. Man sollte denken, in den Wangen und in den Augen sei das Feuer. Das auf dem Heerde nähre sich nur davon. Du sprichst ja wie die alte, wunderliche Handschrift, erwiederte der Greis. Soll ich draus 4 vorlesen? fragte Alwin. Die Aeltern nickten ihm zu, und er hohlte aus einem eichnen Wandschrank die Papiere hervor, daran der kleine Cirkel sich bisweilen zu ergötzen pflegte, vorzüglich zur Herbst- und Winter-Zeit, wenn die Abende lang wurden. Alwin zeigte sich alsdann besonders vergnügt, und die Mutter hatte oft ihre Bemerkungen darüber, wie ein so jugendliches Gemüth, lieber die fallenden Blätter sehen möge als die knospenden. Der Alte pflegte darauf zu erwiedern: Jedermann seine eigne Weise, und im Grunde war es der Mutter nicht unlieb. So blieb Alwin ihr gerne daheim, und wenn er sich auch einmal in das nahe Harzgebirg verstieg, pflegte er doch nicht um die gesellige Abendstunde zu fehlen, wenn es ans Lesen der alten Handschrift ging. Diese hatte man zufällig in dem alten Schlosse gefunden, in demselben 5 Wandschrank, woraus sie Alwin jetzt hervor nahm, und zu lesen begann:

Es war aber seines Stammes Geist über den jungen Herrn Kunrath gekommen, daß er sich auch als einen der Stauffen zu erkennen gäb, die in fremden Landen umgezogen waren, und mit ihrer ritterlichen Faust viel Ehr und Gut gewonnen hatten. Manche vermeinen, daß ob allen Fürsten und Herrn Deutscher Nation ein wunderlicher Engel walte, welches die alten Griechen und Römer Dämon geheißen, der sie nach dem Mittag hinunter treibe, davon auch ehmals die Römische Weltherrschaft zerfallen. Herrn Kunraths Mutter soll den Stammgeist auch bald erkannt haben, als ihr ritterlicher Sohn sie um Vergunst zum Auszug gebeten; auf gleicher Weis' wohl verstanden, wie er spät oder nimmer heim kehren möge. Doch hat 6 sie als eine kluge und gottesfürchtige Frau der göttlichen Lenkung nichts in den Weg legen wollen, sondern ihren viel lieben Sohn vielmehr aus ganzem Herzen geseegnet und ihn fortziehn lassen mit Rittern und Knappen in die Italienischen Länder.

Seht, lieber Vater und liebe Mutter, unterbrach sich Alwin, da nehmen sie eben Abschied. Die beiden Alten beugten sich über das Bild, welches zwischen die zierlichen Schriftzüge hinein gemahlt war, und beschauten es mit vieler Achtsamkeit.

Da hörte man an das Burgthor klopfen. Es ist der Wind, der sich erhebt, sagte Alwin, und wollte weiter lesen. Nein, nein, lieber Sohn, rief die besorgte Mutter. Ich habe es ganz eigentlich gehört. Drei Schläge, oder vier, und von der Nordseite herauf, wo die Fußpfade aus dem dicksten Harzwalde zu uns 7 führen. Du kannst mir glauben. Wenns nur was Gutes bedeutet. Rudolph war indeß an das Bogenfenster getreten, und sah über die Schloßmauer hinab, so scharf es die finstre Sturmnacht vergönnte. Jemand ist am Thor, sprach er in's Zimmer zurück; das hat seine Richtigkeit. Und zugleich rief er dem Knechte, der eben über den Hof ging: mach nicht auf, bis wir wissen, woran wir sind. Der Krieg hat manches umirrende Raubgesindel losgelassen.

Seid unbesorgt, scholl eine männliche Stimme von aussen herauf. Ich bin ein einzelner Mann zu Pferd, und des Herzogen Christian von Braunschweig Secretarius.

Der Alte rief des Jünglings hellern Blick zu Hülfe, und als sie Beide deutlich wahrnahmen, daß wirklich nur ein Einzelner auf seinem Roße draussen halte; bekam der Knecht 8 Befehl das Thor zu öffnen. Trau' schau' wem, sagte zwar die Mutter. Es ist schon mancher kühne Freihart ganz allein in bewohntre Burgen eingebrochen. Aber Rudolph entgegnete: da hat man ihn auch todtgeschlagen, oder hätt' es wenigstens thun sollen. Hier sind wir unser Drei, Ich, Alwin und der Knecht; Waidewuth, den braven Hund, nicht einmal mitgerechnet.

Alwin war indeß dem Fremden entgegen gegangen, und begrüßte ihn sehr höflich am Fuß der Wendelsteige, worauf er ihm über die veralterten Stufen vorleuchtete. Verargt uns nicht, sagte er, daß wir Rath hielten, eh wir Euch einließen. Man weiß jetzt nicht immer, mit wem man zu thun hat, und muß schon der bösen Zeit fröhnen. Der Fremde äusserte, wie viel lieber es ihm sei, von verständigen und vorsichtigen Menschen 9 aufgenommen zu werden, als von einem luftigen Thoren, dessen Dach nicht viel sichrer wahre, als ein Baumgipfel im Gewitter.

Sie waren unterdeß in's Wohnzimmer getreten, und Alwin beschaute, während der Bewillkommungen des Vaters und der Mutter, den unvermutheten Gast. Eine große, hagere Gestalt, ernst und sicher in allen Bewegungen, scharfe, aber nicht blitzende Augen unter der weit vorliegenden Stirn. Er mochte etwa vierzig Jahre alt sein. Thorwald, sagte er, nenne man ihn, und er habe sich verirrt, indem er von Halberstadt, das sein Herr administrire, nach Braunschweig zurückreisen, und im Harz unterwegs einige Geschäfte habe abmachen wollen. Von hier gehe er nun grade auf Braunschweig. Darauf fing er an sich aufs umständlichste wegen der morgenden Tagereise zu erkundigen. 10 Alwin empfand während all dieser weitläuftigen Unterhandlungen eine Art von Widerwillen gegen den Fremden. Er konnte es ihm nun gar nicht verzeihn, daß er die Geschichte Herrn Kunraths von Stauffen unterbrochen hatte; noch unlieber aber wär' es ihm gewesen, sie in seiner Gegenwart weiter fortzusetzen. Deshalb legte er die alte Handschrift wieder in ihren Wandschrank, und suchte dies aufs unbemerkteste zu thun, welches ihm um so leichter gelang, da der Fremde wenig oder gar keine Notiz von ihm nahm. Mit dem alten Rudolph unterhielt er sich jedoch desto fleissiger, und fragte ihn, wie es komme, daß er hier so gar abgelegen wohne, und ob die Gegend wirklich so einsam sei, als sie scheine, oder irgendwo Stadt und Dorf hinter den Abhängen und Gebüschen verborgen liege?

11 Dort das Thal weiter hinunter, antwortete Rudolph, giebt es ein Dörflein, nicht allzufern von hier. Die Leute sind gutmüthig, aber ich habe mit keinem eben viel zu schaffen. Selten auch, daß ein verirrter Wandrer hier herauf kommt, und so erfahre ich dann wenig von einer Welt, deren Neuigkeiten mir zum Ueberdruß geworden sind.

Das kann doch, meinte der Fremde, nicht gleiche Bewandniß mit dem rüstigen Jünglinge dort haben.

Warum nicht? sagte Rudolph. Zu den Waffen wär' er gebohren, denn wir sind untadelichen Ritterstammes, und Burgen und Städte, weitum durch's ganze Land, waren meinen Ahnen unterworfen. Die Zeiten wechseln. Wir sind arm geworden; was mag ein Knabe ohne Mittel in der Welt anfangen? Ich hab' solch keckes Treiben in meiner 12 Jugend selbst versucht. Was half's? Aermer als ich ausritt, nur reich an Narben, mismuthig, betrübt zog ich in das verfallende Schloß zurück. Es geht nicht mehr zu wie ehedem, wo ein junger Ritter an Schwerdt und Roß genug hatte, um sich Preis und Glück zu erwerben. Heut zu Tage will man die wackern Männer nur in blanken Rüstungen und auf kostbaren Roßen sehn. und wer dergleichen nicht auftreiben kann, bleibt klüger zu Hause.

Von seinen ehemaligen Vortheilen, erwiederte der Fremde, hat der Adel freilich manches eingebüßt. Das Leben fügt sich zum sichern Gebäu in einander, man hält die wilden Thiere zahm im Hofbezirk, und schließt vor Räubern und überlästigem Besuch die wohlverwahrten Thüren. Da gilt nun das Waffenhandwerk nicht mehr in der alten 13 Nothwendigkeit. Greife jedoch ein Jeder mit an, wie es Stimmung und Gedeihen des Ganzen erfordern, und ändre seine Weise, nach den Aendrungen seiner Zeit, so wird er nichts in der neuen Ordnung der Dinge vermissen.

Rudolph ging mit starken Schritten auf und ab, indem der Fremde fortfuhr: dem Adel sind keinesweges die Mittel zu gesetzmässigem und sicherm Fortkommen versperrt. Schon seid langer Zeit studiren junge Herren Eures Standes mit uns in die Wette, und bekleiden – Nehmt's mir nicht übel Herr Secretarius, unterbrach ihn hier Rudolph, ich bin noch in dem neuen Bau, wovon Ihr sprecht, gar nicht eingewohnt, und halt' es mit der alten Sitte. Meinen Alwin gönne ich nur den Waffen; geht das nicht, so mag er lieber bei uns alten Leuten hausen, und uns die Zeit mit seinem Citherspiel vertreiben. – 14 Auch gut, sagte Thorwald, und lobenswürdig. Es ist eine schöne Sache um's Citherspiel. Ließt Ihr nicht auch mich etwas davon hören? Er wandte sich bei diesen Worten lächelnd zu Alwin, dem sein ganzes Thun in der Seele zuwider war, und ihm vorzüglich jetzt, nicht viel anders vorkam, als heimlicher Spott. Er hatte eine Entschuldigung auf den Lippen, als die Mutter ihn unterbrach, und ihn mit der gewohnten Freundlichkeit um ihr Lieblingslied bat. Alwin sang:

    Von dem Seegestade
Stieß ein Schifferkahn
Fort durch nasser Pfade,
Ungewisse Bahn.
Drüben auf den Auen
Steht ein Klosterhaus,
Schöne Nönnlein schauen
Abends oft heraus. 15

    Eine schön vor Allen
Schrieb mit weißer Hand,
Ließ das Blättlein fallen
Uebern Fensterrand.
Knabe hat's gefunden,
Nahm's in treuer Huth,
Kommt in nächt'gen Stunden
Durch die wilde Fluth.

    Regt die Arme kräftig,
Rudert keck und kühn,
Doch umsonst so heftig,
Sehnendes Bemühn!
Ihm zur Seite bleiben
Baum und Felsen stehn.
Nebel vor ihm treiben
Sich im düstern Wehn.

    Sagt Ihr Meeresfeyen,
Höhnt Ihr meine Gluth?
Sagt was soll' ich weihen? 16
Lieder, Gaben, Blut?
Schon ist Euch verschrieben
Was Eu'r Sinn begehrt.
Nur daß Ihr zur Lieben
Nicht den Gang mir wehrt.

    Kraft die nicht erbitten,
Nicht erflehn sich läßt
Hält in Wassers Mitten
Ihm den Nachen fest.
Da zum Venussterne
Sieht er bittend auf,
Ist Verliebten gerne
Hülfreich ja Dein Lauf.

    Schon mit günst'gem Funkeln
Blitzt der grüne Schein,
Doch der Nebel Dunkeln
Wirft sich zwischen ein.
Nonne sah voll Sorgen
Zu den Fenstern aus, 17
Ach es kam der Morgen
An das Klosterhaus,

    Kam auf die Gewässer,
Wo der Schiffersmann
Bänger stets und blässer
Nach der Lieben sann.
Heim nun mußt' er lenken
Vor dem hellen Tag,
Ging, sich still zu kränken,
Nach dem Hüttendach.

    Und bekannte Töne
Rauschen an sein Ohr:
Knabe, lieb' und schöne,
Richt' Dein Haupt empor,
Auch nun zu gesunden
Schüttle ab die Pein.
Wer Dich hielt gebunden,
War die Mutter Dein. 18

    Hat dir aufgehoben
Eine andre Braut,
Jene war dort oben
Christo angetraut.
Laß sie Gott vereinigt,
Bleib von ihr getrennt,
Bis Ihr zwei gereinigt
Euch als Engel kennt.

    Wo die Bächlein rinnen
Ew'ger Seeligkeit,
Ist für all' ein Minnen
Rein und fromm bereit.
Holder Sohn, drum halte
Rein dich für und für.
Und der Klang verhallte
An der Kirchhofsthür.

Thorwald hatte während des Liedes wie zerstreut vor sich hingesehen, und mit dem Schaupfennige gespielt, der ihm an einer 19 goldenen Kette auf der Brust hing. Nun sagte er, noch ehe der letzte Vers geendigt war: der junge Mann singt recht gut. Es ist Schade, daß Ihr so fest entschlossen seid, ihn nicht von Euch zu lassen. Ich wüßte sonst wohl noch etwas für ihn, wobei er eben nicht die Feder zu führen braucht, und was ihn doch auf eine gute Laufbahn helfen möchte. Wie so? fragte Rudolph. Mein Herzog, fuhr der Geheimschreiber fort, liebt Musik, artige Sitte und Galanterie. Viel schöne und ehrbare Frauen sind an dem Braunschweiger Hofe versammelt, und obgleich der Herr jetzt abwesend ist, geht doch das heitre Leben, mit Citherspiel und Gesang durchflochten, den gewohnten Weg fort. Der junge Adel sucht von allen Seiten dort Zutritt, und ich würde Euern Sohn gern einführen, wo man ihn willkommen hieße, 20 und er wenigstens den Winter hindurch mit, und in der Welt leben könnte.

Rudolph schwieg nachdenklich, und Alwin verließ, beleidigt durch Thorwalds wenige Aufmerksamkeit auf seinen Gesang, das Zimmer.

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