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Altweimarische Liebes- und Ehegeschichten

Helene Böhlau: Altweimarische Liebes- und Ehegeschichten - Kapitel 1
Quellenangabe
typenarrative
booktitleAltweimarische Liebes- und Ehegeschichten
authorHelene Böhlau
year1897
firstpub1897
publisherVerlag von J. Engelhorn
addressStuttgart
titleAltweimarische Liebes- und Ehegeschichten
pages158
created20100802
sendergerd.bouillon@t-online.de
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Im alten Rödchen zu Weimar.

Im Rödchen bei Weimar, da hat vor Zeiten ein Dorf gestanden; jetzt ist es ein einsames niedriges Gehölz von etlichen hohen Eichen und Buchen, Ahorn und Erlen überragt; das zieht sich, sanft ansteigend, bis an den weiten, schönen Buchenwald hin auf dem langgestreckten Rücken des Ettersberges, dem Wahrzeichen der guten Stadt Weimar.

Das Dorf ist längst vergessen und versunken, ein Bruderkrieg hat es vom Heimatboden weggefegt, wie so manches andre Dorf und Städtchen, von dessen Dasein kein Mensch mehr weiß.

Aber einst hat es gestanden und geblüht, das Dörflein Roda bei Weimar, und Doktor Faust, der Wundermann, soll, so erzählt man sich, in Roda geboren sein, also so nahe dem Orte, wo er in großer Verklärung für ewige Dauer auferstehen sollte.

Im Rödchen bei Weimar gehen mancherlei Sagen um, die aus versunkenen, vermoderten Mauerresten aufsteigen, wie es auf verlassenen Stätten vergessener Menschen zu geschehen pflegt. Ueber dem Ganzen liegt ein eigener Zauber – eine wehmütige Stille. Der Duft von frischem und gefallenem feuchten Laub verbindet sich eigentümlich scharf. Das macht das Erlen- und Eichenlaub, das auf nassem Grunde zu dichter Decke sich verbunden hat.

Im Rödchen steht ein Wirtshaus und davor, unter jungen Bäumen, einige grau verwitterte Bänke.

4 Auch dieses Wirtshaus hat jetzt etwas Melancholisches, Vereinsamtes und Verwahrlostes.

Noch zu Anfang unsres Jahrhunderts zogen die Weimaraner gern hinaus zum Rödchen, da gab es Feste über Feste dort.

Wo jetzt am Sonntag der eine oder andre kleine Bürgersmann mit Weib und Kind gelangweilt sein Seidel saures Bier trinkt und vorsichtig sich dazu auf die alten morschen Bänke setzt, da war früher ein reges, warmes, heiteres Leben.

Und gerade diese heimlichen Nester sind es, über denen so eine weiche Stimmung liegt – ein Mollton, wie es über alten vergessenen Gärten zu klingen scheint, die von der jetzigen Generation nicht mehr heimgesucht werden.

Das waren die Nester der Empiremenschen und deren Vorfahren; da haben sie sich harmlos wohlgefühlt, dahin sind sie gezogen, um glücklich und lustig zu sein.

Und wenn jetzt unter den Weimaranern noch so ein verspäteter Kumpan stecken sollte, der die Blutwellen der Leute Anfang dieses Jahrhunderts und Ende des vorigen unvermischt ererbt hat, so ein Abkömmling, der sich in seiner Zeit nicht heimisch fühlt, so ein Träumer, der sich nach etwas sehnt, was er nie kannte, der wird einsam alte, vergessene Wege gehen, die einst seine lustigen Vorfahren so gern wanderten, nach Tröbsdorf, nach Süßenborn zum Aepfelwein, nach Nora, Taubach und auch zum Rödchen.

Und überall wird er alte mürbe Bänke finden.

Unter dem Hausrat der vergessenen Wirtschaften werden hie und da noch steife uralte Täßchen sein, die die Empireleute zurückließen. Und er wird aus so einem Täßchen mit Wehmut trinken und sich nach Menschen, die er nie kannte, wie nach guten Kameraden sehnen. Er wird hie und da in diesen Nestern noch auf ein altes Gartenhaus stoßen, auf einen morschen, gemütsgrün gestrichenen Fensterladen, und alles wird ihm zu Herzen sprechen. Aber es ist wenig, was zurückgeblieben ist – und wir verstehen es nicht mehr.

Und wohl uns, daß wir es nicht verstehen – denn verstünden wir's, würde es uns fehlen auf Schritt und Tritt, das heimliche, seelenruhige Behagen der Alten, ihr harmloser Lebensgenuß.

Eine andre Zeit geht über die Erde hin – eine ganz 5 andre Zeit; allmählich zerfallen und verschwinden die Nester mit den gemütsgrün gestrichenen Fensterläden, den rosa Mauern, den alten Gärten, wo sich unsre Vorfahren einst des Lebens gefreut.

Oben im Rödchen war einst das Haus schmuck und sauber – ganz wie es sein mußte, und ein bemoostes Dach deckte die rosa Mauern – und wo jetzt rings ums Haus klitschiger feuchter Rasen ist und Huflattich wächst und ein paar Hühner trübselig gackern, war ein Garten, ein ganz wunderschöner; Reseda und Flox und Centifolien und Pfingstrosen, Rittersporn und Nachtviolen, Verbenen und Kapuzinerkresse, Obstbäume, von denen noch ein paar wenige uralte Krüppel vor etlichen Jahren standen, Beerensträucher und Himbeerhecken und alles lustig durcheinander und lauschige ländliche Lauben.

Auf dem einsamen Hause lag von alters her ein Schankrecht, das der damalige Förster zu seinem und der Weimaraner Nutzen vortrefflich auszuüben verstand.

Eigentlich war es die Frau Försterin, der diese Ehre gebührte, Haus und Hof so wohl in stand zu halten und es den Gästen behaglich zu machen, vorzüglich zu braten und zu backen, der Försterin und den Töchtern; der Alte kümmerte sich nicht groß darum, der hatte im Ettersberg sein Revier, das ihm Arbeit genug brachte, so daß er den ganzen Tag auf den Beinen war.

Wenn er spät von draußen heimkehrte, sah er es gern, wenn er noch ein paar Leute in dem Gastzimmer vorfand, zu denen er sich dann setzte, um noch ein Partiechen zu machen und zu paffen. Es war ein großer riesenstarker Mann, ein wahrer Wetterbär, der nichts im Kopfe hatte, als seine Pflicht zu thun und von jedem, der mit ihm in Verbindung stand, zu verlangen, daß er die seine thäte. Zu Hause hielt er strenges Regiment. Es war ihm nicht ganz recht, daß die Frau ganz Wirtsfrau geworden war. Da es aber einmal so gekommen, sollte auch das in Ordnung vor sich gehen.

»Daß du mir nicht knappst und geizt, wie das die Frauenzimmer an der Art haben,« sagte er. »Einem jeden sein voll gerüttelt Maß, wie's ihm gebührt, nicht mehr und nicht weniger.«

6 Er wollte nicht, daß es drunten in Weimar hieße, der alte Walter machte sich mit seiner Wirtschaft Geld.

»Wie sich's gehört, nicht mehr und nicht weniger!«

Was aber mehr als die Redlichkeit des Alten zog, und ebenso wie die guten Werke der Försterin, wie der Kaffee und die Kräpfel und das selbst eingelegte und zu Zeiten auch selbst gebraute Bier und die saftigen Schinkenbrote und was es sonst noch gab, das waren die Kinder des Försters, die drei Mädchen.

Der Förster, der an seinen Mädchen mit einer Liebe hing, wie nur große, bärenhafte Menschen etwas Junges, Hübsches, Zierliches zu lieben verstehen, hatte seine Jüngste, die Ludovikchen hieß, mit dem Kosenamen Schlimpimperlein umgetauft und die zweite, ein dunkeläugiges hübsches Mädchen, das nach der Mutter geartet war und tapfer mitwirtschaftete, rief er Ludschevadel und die Aelteste, die schon verheiratet war, hatte er ihr Lebtag nicht anders als Schmirankel genannt.

Und niemals rief er seine Töchter anders, als mit den Namen, die er ihnen selbst gegeben. Von ihrer Kindheit an hatte er nicht leiden können, wenn irgend etwas an ihnen nicht sauber war. Sie hätten sich dem Vater nicht in einem befleckten Kleide, einer schmutzigen Schürze oder mit wirrem Haar zeigen dürfen, da konnte er ganz außer sich geraten, wenn er dergleichen an ihnen bemerkte.

Die allerliebste war ihm, wie das fast immer der Fall ist, die Jüngste, das Schlimpimperlein.

Das war ein dunkelblondes Mädchen, mit weißer Haut, einem weichen Gesichtchen, hellbraunen Augen und wie aus dem Ei geschält.

Sie war ein stilles feines Kind und wie mit einemmal ein blütenjunges vollkommenes Weibchen geworden, mit aller Klugheit und dem Selbstbewußtsein solch eines schönen Geschöpfchens. Der große bärenhafte Vater hing an diesem Mädchen mit einer fast demütigen Zärtlichkeit.

»Die hat mir keine trübe Stunde gemacht und ihrer Mutter auch nicht. Die ist so ruhig und wohlgesittet schon auf die Welt gekommen, nicht wahr, Alte?« sagte er wohl zu seiner Frau –»die war da, man wußte nicht wie.«

Die Försterin mochte es wohl schon wissen, aber sie 7 nickte immer dazu, wenn ihr Mann das Schlimpimperlein so lobte.

Es war zur Welt gekommen, als der Förster im Ettersberge beim Holzschlag war – und als er abends heimkam, lagen Mutter und Kind und schliefen ganz wohlgemut. Das hat er dem Schlimpimperlein nie vergessen können.

Als seine beiden Aeltesten geboren wurden, das war ihm jedesmal »verflucht nahe gegangen«, wie er sagte.

Schlimpimperlein aber hatte ihm diese, wie er sie nannte, »gottverdammten Stunden« erspart.

Aber eine »gottverdammte Stunde« hatte ihm die Aelteste auch noch eingebracht, das war – als die Mutter zu ihrem Alten eintrat, der gerade sein Nachmittagsschläfchen gehalten hatte, und sagte: »Du, bei uns drüben ist der junge Adjunkt; mit mir hat er schon gesprochen – er will nun zu dir.«

»Was will er denn?« brummte er verschlafen in den Bart.

»Na, Alter – was wird er denn wollen, du?« Die Försterin legte ihm die Hand auf die Schulter und wollte ihn ein bißchen, halb in Verlegenheit, halb scherzend rütteln. Er stand aber wie ein Eichbaum.

»Du weißt's ja, Alter – der Adjunkt – thu doch nicht so!«

Aber der Alte rührte sich nicht.

»Ich weiß gar nichts,« brnmmte er.

»Du mein Gott – das mußt du ja doch längst wissen – das weißt du ja – die Schmirankel will er und hat eben sehr, sehr artig bei mir angefragt – und möchte nun zu dir herein.«

»Laß mich,« kam es hart zwischen den Zähnen, die die Pfeife hielten, heraus.

»Na, Alter, geh – thu doch nicht so. – Er steht schon draußen. Soll ich ihn denn nicht rufen – Alter?« sagte die Försterin ängstlich.

»Nein,« sagte er und hielt sich steif und steifer.

»Na, du wirst doch nicht – der Schmirankel ihrem Glück im Weg stehen wollen – da hast du ja gar keine Veranlassung – denk doch, so eine Partie!«

»Geh mir weg!« brummte er. »Macht, was ihr wollt 8 – das ist den Weibsleuten ihre Angelegenheit – Mich laßt's aus!«

Der Försterin war's, als wäre er dabei bleich geworden; – das mußte aber wohl eine Täuschung gewesen sein, bei so einer Gelegenheit. Aber er hatte den Hut genommen und war, ohne rechts oder links zu sehen, aus dem Hause gegangen, so daß die Försterin ihn noch aufhalten mußte, um zu fragen: »Na, was soll ich ihm denn aber sagen – du?«

»Was du willst! Mich sollst du in Frieden lassen!«

Und fort war er – und kam abends, als alle längst zu Ruhe gegangen waren, erst wieder heim – hat sich aber später mit dem Adjunkten ganz gut befreundet, trotzdem in der ersten Zeit eine stehende Redensart bei ihm war: »Für fremde Leute seine Kinder erziehen, das fehlte mir.« –

Schmirankels Hochzeit war noch ein böser Tag für den Riesen, ein Tag, den er in allen Ausdrücken, die ihm zu Gebote standen, verfluchte. Dann ging es aber besser, als er dachte.

Schmirankel kam oft von Weimar herauf, allein und mit dem Manne, und das waren allemal Festtage. Schmirankel, die manchmal übellaunig gewesen war, benahm sich, wenn sie zu Besuch war, wie die gute Stunde selbst und der Adjunkt war wie ein Sohn. »So ein großer fix und fertiger Sohn ist mir mit einemmal ins Haus gekommen,« sagte der Vater einmal schlau zur Mutter – als hätte er etwas ganz besonders Ueberraschendes ausfindig gemacht.

Försters waren glückliche Leute und galten auch dafür.

Möchte wissen, wenn da oben im Rödchen ruppiges Volk gesteckt hätte, oder eine einsame alte Wirtsfrau mit einer schmutzigen Kellnerin, ob da das Rödchen so einen Zulauf gehabt hätte, wie zur Zeit, als das Glück und das Behagen selbst dort wohnte; als da oben nicht geknappst und gespart wurde, als sie da oben noch Blumen zogen und der Garten in einem Flor stand, daß man seinesgleichen hätte suchen können. In dem Garten, in den stillen ländlichen Lauben, da saßen des Nachmittags die alten Damen beim Kaffee und die unverbesserlichsten unter ihnen machten ihr Partiechen miteinander. – Wie der Flox im Rödchen duftete 9 und die zarten Verbenen und die Büschel Reseda, die am Wege hin wuchsen, das findet man nirgends mehr so, und die alten Damen wurden von Anna, die im Hause Ludschevadel hieß, so verständig und brav bedient, daß sie alles Lobes voll waren. Frau von Goethe, als Frau Geheimrätin von Goethe und auch als Mamselle Vulpius ging gar zu gern hinauf ins Rödchen, und die Schopenhauern und Adele. Auch dem Arthur Schopenhauer hatte es das Rödchen angethan, der spazierte mit Vorliebe, wie mir das Ratsmädchen, die Röse, in ihren alten Tagen erzählt hat, auf der großen aufsteigenden Wiese umher, die sich neben dem Rödchen, von Tannen umsäumt, bis zu den vollzweigigen Buchen des Ettersberges hinaufzieht und von der aus man einen wunderhübschen Blick auf Weimar hat; aber der Arthur Schopenhauer kehrte auch mit Vorliebe bei Försters ein und man neckte ihn ein wenig mit Walters Ludschevadel, von der er gesagt haben soll, daß sie das einzige vernünftige Frauenzimmer in ganz Weimar sei.

Für das junge Volk und die lebhafteren Gemüter standen Bänke und Tische außerhalb des Blumengartens unter einer hohen Linde, die mächtig aufgewachsen und die uralte Dorflinde des vergessenen Dörfleins Roda war, wie man erzählte.

Wenn diese Linde im Rödchen blühte, dann gab's ein Fest für Jung und Alt.

Unter der Linde war seit undenklichen Zeiten schon der Boden gedielt und manches Tänzchen hat der alte Baum, der nun längst gefallen ist, mit angesehen. Zur Lindenblütenzeit tanzten unter den Blüten die Menschen und oben zwischen den Blüten die Bienen, und die Vögel flogen ein und aus und die Fideln klangen, daß es eine Lust war.

Die Lauben, zu denen die schmalen Wege durch die Blumen und die überhängenden Beerensträucher führten, waren eben nur für die alten, vorsichtigen Damen, wenn die aber abends nach Hause gegangen waren, da nisteten sich allerlei lose Vögel dort ein, die die Abendkühle nicht scheuten, wie es die alten Damen thaten.

Manchmal hatten die Försterin und die Töchter wirklich alle Hände voll zu thun, da war kein Fleckchen unbesetzt.

Und wenn abends der Förster heimkam, rief es ihm 10 von allen Bänken entgegen: »Prost, Herr Förster!« und hie und da machte man ihm Platz und er setzte sich mit dem vergnügtesten Gesicht von der Welt.

Das hatte er gern, so einen Empfang, und die Gäste hatten alle den Riesenmenschen gern. Niemand hatte etwas gegen ihn, und das wußte er, das war sein Stolz.

Es war ein prächtiger Riese, der Förster, und sah, wie er schon ein gut Stück über die Fünfzig hinaus war, so frisch und mächtig aus wie ein Stück Hochwald; er war so ein rechter Forstteufel und unangekränkelt.

Wenn er etwas sagen wollte, riß er zuvor den Mund hoch auf, daß seine großen Zähne glänzten, und schaute sich die Leute vergnügt an und dann schnappte er erst wieder zu und fing zu sprechen an.

Wer ihn sah, der wurde guter Laune.

Nur nachmittags, nach dem Schläfchen, war ihm eine Weile nicht zu trauen.

Die alte Madame Kummerfelden, die ihrer Zeit in Weimar, Leipzig und Hamburg eine recht angesehene Schauspielerin gewesen war und jetzt auf ihre alten Tage unten in Weimar eine Nähschule gegründet hatte, die sehr in Flor und Achtung stand und die sie in ihrem eigenen kleinen Hause abhielt, das »am Entenfang« hieß, weil es an einer Schleuse des Lottenbaches lag, bis zu der die Enten von der Lottenmühle ihre Reisen ausdehnen konnten, – diese alte Madame Kummerfelden, die oft, wenn sie Ferien in ihrer Nähschule gegeben hatte, bei Försters oben tagelang steckte, sagte, wenn sie ihrem großen Freund, dem Förster, nach seinem Schläfchen in den Weg lief: »Da geht er umher wie ein brüllender Löwe und suchet, welchen er verschlinge.«

So war es auch, er band dann gern mit aller Welt an und suchte Streit, und wer im Hause irgend konnte, der ging ihm dann aus dem Wege.

In dem Manne steckte eine Riesenhaftigkeit, die er sonst ganz gut zu beherrschen wußte, aber in der schwachen Stunde nach dem Schläfchen, in der er noch nicht alles wieder recht beisammen hatte, brach sie ihm wie unter den Händen hervor.

Und bei noch einer Gelegenheit war er ganz armselig. Er litt etwas an der Gicht, oder am Podagra, am »Bock« 11 sagte er, denn er war jahrelang in Tirol bei einem vornehmen Herrn Förster gewesen, und in Tirol nennt man das Podagra: »den Bock«.

Wenn er den Bock hatte, war er hilflos wie ein Kind und kroch mit seinem Bock ins Bett und machte einen Spektakel, so daß alle im Haus Respekt vor des Vaters Bock hatten.

»Vatter,« sagte Ludschevadel, wenn er nicht so ganz bei Laune war, »Vatter, was ist Ihnen denn?«

»Der Bock noch lange nicht!« brummte er dann.

Da war dieser aber gewöhnlich schon im Anmarsch, denn sonst hatte der Förster keine schlechte Laune, und dann begann ein großes Treiben im Haus, dann mußten Betten gewärmt werden und Habersäcke ließ er sich heiß machen, alle zehn Minuten einen, und allerhand Thee wollte er trinken, um nur um Gottes willen seinen Bock los zu werden.

Da mußte jeder Gast zurückstehen und alles zurückstehen. Das wußten die Leute auch; wenn sie an dem Tag kamen, an dem der Förster den Bock hatte, durften keinerlei Ansprüche gemacht werden.

Der Bock gehörte nun einmal mit in die Familie und man mußte seit Jahren schon mit ihm rechnen.

Dem Förster war es gar nicht recht, daß sie seinen Bock als so etwas ganz Gewöhnliches ansahen.

Der Förster hätte gewünscht, daß die Leute jedesmal in neues Entsetzen darüber mit ihm zusammen ausgebrochen wären. – Und wehe dem, der des Vaters Bock für einen Augenblick vergaß und im Uebermaß seiner Gesundheit einmal auflachte, dem machte der Förster die Hölle heiß.

Das war so eine eigene Sache mit dem Bock.

Eine ordentliche Verwundung hätte er als Ehrensache ohne Augenzwinkern ertragen. Das war etwas für Männer, dagegen hatte er nichts einzuwenden und hatte es auch durchgemacht.

Er hatte einst einen Hieb über seinen Dickkopf bekommen, daß die Schwarte eine Handbreit auseinandergeklafft hatte; das war in der Ordnung gewesen, – aber der Bock war keineswegs in der Ordnung, da war nichts Ehrenhaftes dabei.

12 »Eine Schweinerei,« wie der Förster sich ausdrückte.

Und noch heute hätte er sich das Fleisch von den Knochen hauen lassen, wenn es darauf angekommen wäre, wenn es wahrhaft heiliger Ernst einmal werden sollte: »Alte,« sagte er, wenn sie miteinander am späten Abend noch allein in der Wohnstube saßen, »wenn einmal der deutsche Teufel wachgeblasen wird, da bin ich auch dabei – so lang bleib' ich ein junger Mann. – He – umsonst bin ich kein solcher Bär. Ich fahr' einmal nicht in die Grube, ohne ein paar Dutzend Lumpenhunde vorausgeschickt zu haben.«

Und wenn die Försterin über solche Rede zu jammern begann, schlug er mit der Faust auf den Tisch: »So ein Weib hat kein Herz im Leib!«

Und wenn die Försterin dann das Ihre darauf sagte, meinte er: »Geh, du bist eine Memme.« Und dann saß er und brütete vor sich hin und schlug wieder mit der Faust auf den Tisch.

Das harte Los des Vaterlandes ging dem Wackeren nah – und bei jeder neuen Schmach, die ihm zu Ohren kam, war er ein schwer getroffener Mann.

*

Der Kanonendonner der Schlacht am 14. Oktober 1806 dröhnte und rollte bis über Weimar hin, bis hinauf ins Rödchen, der Himmel war bleiern, der Oktobernebel lag schwer auf der Erde. Und in diesem Nebel wüteten die Völker gegeneinander, brüllte der Tod und waltete das Schicksal. In Weimar zitterten aller Herzen.

Der Förster war in tiefer Erregung. Er war gerade unten in Weimar gewesen, als die Truppen vom Erfurter Thor her in die Stadt gezogen kamen, und er war einer der Ersten gewesen, die von der Affaire bei Saalfeld zu hören bekommen. Kurfürstlich sächsische Soldaten hatten zu ihm von Saalfeld gesprochen, vom 10. Oktober, und der Förster hatte geflucht und gewettert und hatte so mehr und mehr Leute um sich und die Kurfürstlich-sächsischen angezogen.

Ein preußischer Offizier war spottend hinzugetreten und den Förster hatte sein böser Jähzorn überkommen: »Maulheld, verdammter!« hatte er geschrieen – und wäre dem 13 Preußen an die Kehle gesprungen, hätten ihn die Umstehenden nicht ebenso erregt zurückgehalten.

Es war vom Förster eine böse Stimmung ausgegangen.

Und als der Riese seine äußere Ruhe wiedergewonnen hatte, da stand er und sah Regiment auf Regiment an sich vorüberziehen, Infanterie, Kavallerie und Artillerie, und auch die fünftausend Silbermänner, die auserlesene Mannschaft.

Aber sie hatten ihm alle nicht gefallen.

»Das sind die Rechten nicht,« hatte er immer wieder, wenn neue Scharen an ihm vorüberkamen, in seinen blonden langen Bart gemurmelt und den Kopf dazu geschüttelt.

In das Lager auf dem Horn war er gar nicht gegangen, sondern wieder hinauf in das Rödchen und war oben im Ettersberg seiner Pflicht nachgekommen.

Als am 14. Oktober die ersten dumpfen Kanonenschüsse dröhnten und die Frauensleute oben im Rödchen sich nicht zu lassen wußten vor Aufregung und Angst, ging der Förster über die Felder unter die drei großen einsamen Kiefern, die zwischen der Ettersburger Chaussee und dem Rödchen noch stehen, drei düstere Bäume, und schaute auf Weimar hinab und auf die Höhenzüge hin, hinter denen eine große Schlacht geschlagen wurde.

Er hat den ganzen Tag nichts gegessen und nichts getrunken und kaum mit jemand gesprochen, wie ein Verzweifelter.

Einmal sagte er und strich Schlimpimperlein über das Haar: »Das wird ein böser Tag für alle Deutschen,« und dann zur Frau: »Geh, Alte, und nehmt mit, was ihr meint, das ihr nehmen müßt. Geht bis zur vierten Wildraufe, da richtet euch in der Hütte ein, du und die Mädchens und die Magd. – Und daß sich keines hier sehen läßt, bis ich euch hole.«

Die Försterin wollte nicht, redete drein, da reckte er sich auf und stand wie aus Erz gegossen vor ihr.

Und als das Haus leer war, schloß er's ab und ging hinunter nach Weimar.

Das war um die dritte Stunde am Nachmittag gewesen. Er kam mitten hinein in den Durchzug der geschlagenen Truppen, die in grenzenloser Unordnung durch die Straßen sich wieder zurück zum Erfurter Thor wälzten, und 14 die Franzosen mit ihren Geschützen schossen von der Altenburg aus ihnen nach.

Da zog das Elend hin und das Pflaster dröhnte davon. Sie waren alle vom Schicksal Gezeichnete, die schwer Blessierten, von denen welche quer über den Pferden hingen, und die abgequälten, todesmatten, blutbefleckten Davongekommenen und die Kanoniere mit den schwarzen Gesichtern, die ihnen der Atem der Schlacht gefärbt hatte, als wäre ihnen Trauerflor darüber gebunden, und die zertrümmerten Geschütze ohne Räder und die Gäule mit dem wilden, blutdürstigen Blick, die die wütenden Schrecken, die entfesselte Riesenwut der menschlichen Bestie mitgesehen und mitgerast hatten. – All das quoll gehetzt und verfolgt grausenerregend durch die engen Gassen, als sollten die auseinandergesprengt werden.

Die Luft dröhnte von den Kanonenschlägen, die Häuser zitterten, die Fenster klirrten – und jedes Herz lebte in Angst und Grauen. Dann auf eine Weile Stille, schwüle Stille, ein sanfter Abendhimmel, todesruhige Straßen, das herbstliche Abendzwitschern der Spatzen, die ganze Gleichgültigkeit der Natur über dem Städtchen ausgebreitet. In den Häusern herzensbange Geschäftigkeit. – Dämmerung. –

Und mit der Dunkelheit das Hereinbrechen des Schicksals, das alles Ahnen der bebenden Herzen überstieg.

Der Feind in der Stadt! Der Feind mit allen Rechten des Siegers – des Stärkeren!

Furchtbar klar muß es zu Tage treten, wenn die dicken Köpfe etwas begreifen sollen.

Und es trat zu Tage, das unantastbare Recht des Stärkeren – so klar zu Tage, daß auf den dicken, dumpfen Köpfen die Haare zu Berge standen, die Flammen aus den friedlichen Häusern schlugen, wilde Schreie aus den stillen Bürgerstuben hinaus in die Nacht gellten – Schreie, die ausgestoßen wurden, weil alles bedroht war, das Leben, das Gut, Ehre, das Obdach – alles.

Angstschreie vor dem Recht des Stärkeren heulten von Haus zu Haus, drangen durch alle Ritzen und Fenster, durch Rauch und Qualm, durch die düstere wilde Nacht.

So erfuhren sie das Recht des Stärkeren!

Jetzt zweifelten sie nicht mehr. Daß sie so etwas 15 erleben mußten – die dumpfen braven Leute im Schloß und im Städtchen! – Die Zähne klapperten ihnen vor dieser großen Lehre, die von Zeit zu Zeit über die verschlafene Menschheit hindonnert, die große Lehre, daß unter dem bürgerlichen Ehrenrock, dem Zopf, dem Bausch, dem Schleppkleid, der Halsbinde, den engen Stiefeln, der ehrbaren Zimperlichkeit, der würdevollen Vortrefflichkeit, dem ganzen gedrehten, geschwänzelten Behaben die Bestie wohnt – die wilde, blutdürstige Bestie, an die niemand recht glauben will – und die, wenn ihre Zeit wieder einmal gekommen ist – hohnlachend die Maske abwirft und sie in Schmutz und Blut stampft und nackt und unverstellt hervorspringt zu Mord und Wut und Raserei, zu jeder Scheußlichkeit und Schändlichkeit bereit, die Bestie aller Bestien, der es keine nachthut. – Da ist's ihr wohl, dem sonst geschnürten, eingeengten Vieh.

Die Schreie der Mißhandelten das ist Musik, die hat es lange nicht gehört! Heut' ist's sein Recht! Offen und unversteckt! Alles ist erlaubt! Es ist Wonne, es ist Raserei, der Schaum steht vor wilder Lust, das sein zu dürfen, was sie ist, der Bestie vor dem Maul und es heißt ehrlicher Krieg und Mannesmut und alles ist in schönster Ordnung.

Solches haben die Leute in Weimar bei finsterer Nacht und bei hellem freundlichen Sonnenschein kennen gelernt. Bei hellem freundlichen Sonnenschein, der der Menschen Elend naiv und göttlich gleichgültig beleuchtete. Die helle Sonne, die hat den Weimaranern damals weh gethan; wie war das häßlich, diese helle Sonne über all dem Greuel – taktlos!

Und sie hatten doch gemeint, daß der Himmel mit ihnen weinen müßte. Das hätten sie sich nicht vorgestellt, das machte sie betroffen. Er lachte und das war auch in der Ordnung so – vielleicht hielt er's mit den Franzosen.

In dunkler Nacht, die von brennenden Häusern zuckend erhellt wurde, und im hellen bösartigen Sonnenschein, da war ein alter blonder großer Bursche auf seinen starken Beinen Tag und Nacht unterwegs. Er hatte keine Sorge für das eigene Haus und hielt es mit allen, die bedrängt waren. Wie ein Teufel fuhr er durch die Straßen, durch das wilde, schleppende, brüllende Pack, stürzte da in ein 16 Haus und dort in eins, und wo er eintrat, war eine ruhige, gesunde Kraft eingetreten, die geängstigten Leute sahen auf. »Da ist der Förster,« sagten sie – und da gab es immer zu thun für ihn. Er trat den Plünderern, die sich, von der unsinnigen Todesangst der Bürgersleute angestachelt, aufgeregt fühlten und sich ihrer Gewalt freuten, ruhig, gut gelaunt entgegen, riß den Mund auf und lachte das eindringende Diebsgesindel an und packte den ersten besten am Kragen und hielt ihn in die Höhe und ließ ihn zappeln und zeigte ihn gutmütig lachend wie einen Hasen den geängstigten Leuten und dem Gesindel, das nicht wußte, was es davon halten sollte – der alte Riesenbursche mit der Riesenkraft und dem guten Humor verblüffte sie und sie zogen ab – für einmal wenigstens.

»Da ist eine Kraft von Zwanzig drin!« sagte der Förster und schlug sich auf die Brust – und nickte den Leuten zu: »Ruhig Blut – ruhig Blut! – Verblüfft sie doch, die Hunde!« rief er den Zitternden, Hohläugigen, Bangwangigen zu.

»Wenn in jedem Haus so ein blonder Kerl säß, da würden sie so artig kommen und so vorsichtig nehmen, aus Angst, daß sie was auf die Tatzen bekämen.« – Das sagte er immer wieder und immer wieder und begriff nicht, daß die Leute es nicht verstanden und nicht thaten, was er wollte, daß er keinen einzigen solchen blonden Kerl irgendwo fand, sondern lauter Leute, die drei Tage lang in der Gänsehaut steckten mit blauen Lippen, blauen Nägeln und klappernden Zähnen.

Der Förster vom Rödchen und Goethes kleines Weib, seine kleine tapfere Freundin, von der ihr später einmal hören sollt, wie ihr die wilden Tage hingegangen sind, das waren die einzigen frischen Leute in Weimar, die nicht nur an sich und ihr Hab und Gut dachten, sonder für andre zu sorgen Zeit und Kraft fanden.

Mit den Großen, den berühmten Leuten befassen meine Geschichten sich nun einmal nicht, wie ich schon oft gesagt habe, sonst könnte ich an dieser Stelle auch von der edlen Herzogin sprechen. – Für einen Fürsten ist es eine dankbare Aufgabe, die Kräfte einmal ein wenig zusammenzunehmen und zu handeln, wie es sich für einen gesunden 17 Menschen, dem das Herz auf dem rechten Flecke sitzt, schickt, denn es wird als Riesenthat, als Ausnahmethat in alle Winde und alle künftigen Jahrhunderte geblasen, als Ruhmeszeugnis und menschliches Armutszeugnis zugleich. Ich bleibe bei den Unbekannten, den Vergessenen und erzähle, wie der Förster vom Rödchen durch die Straßen läuft und schaut, wo etwas zu retten, zu helfen ist, wie er mit den Hausvätern in der Vorwerksgasse, denen sie die Häuser angezündet haben, das Feuer löscht. Sie haben eine Spritze herbeigezogen und arbeiten im Schweiße ihres Angesichts. Niemand denkt daran, ihnen beizuspringen. – Es brennt und brennt rettungslos. Sie müssen ihre Spritze und ihre saure Arbeit gegen die Plünderer verteidigen.

»Saukerl!« ruft der Förster, als ihm ein Franzose mit der flachen Klinge eine überhaut; – aber läßt den Schlauch nicht los, der den Wasserstrahl in die wilde Glut schickt.

Um die Spritze drängt und tollt und schwadroniert es jetzt. Sie schimpfen und wüten. Sie wollen nicht, daß gespritzt wird. Es soll brennen. Aber am Förster vom Rödchen zerschellt alles Schwadronieren und Wüten wie Wellen an einem Felsen.

Er reißt den Mund weit auf und lacht und lenkt seinen Schlauch und lenkt ihn auf die Franzosen, da zischt es unter sie hinein – Teufel auch! – Das hätte der Förster mit dem Leben büßen können! Aber er lacht dazu – und es hätten nicht Franzosen sein müssen.

»Bravo!« rufen sie. So leicht beweglich sind sie wie bei uns nur die Gassenbuben.

Der Förster spritzt weiter, jetzt wieder in die Glut hinein und zwei armselige Hausväter pumpen zähneklappernd; da reißen die Franzosen dem Förster aus dem Rödchen den Schlauch aus den Händen. Zu Zwanzig fielen sie über ihn her; – an der Schulter trägt er eine hübsche Wunde davon. – Dann zertreten und zerschlagen sie den Schlauch. »Da kann ich nichts machen,« sagte der Förster. »Hunde, verdammte!«

Er ließ sich seine Wunde von einem alten Weib verbinden, das den Kopf noch so weit bei einander hatte, um zwischen den Trümmern ihrer Habseligkeiten dem Förster einigermaßen zu helfen. –

18 Darauf versucht er sein Glück weiter. An dem Morgen, als die Weimaraner auf Befehl vor dem Schlosse, in welchem der Franzosenkaiser zur Zeit residiert, ein Hoch ausbringen sollen, weil er die Stadt so gnädig verschont habe, da ist's ihm, dem Förster, als hätten hundert Teufel ihn in der Mache.

»Sie werden's thun, die Memmen! die Kriecher, die Schlangenbäuche!« sagte er sich. Und wieder fährt er wie ein Teufel in der Stadt herum und geht ein und aus ungehindert in den Häusern ohne Thüren, denn die Thüren waren alle zerschlagen, und er tritt in die wüsten Stuben, in denen kein Stück mehr an seinem Platz steht, nichts als Trümmer und Lumpen und elende verängstigte und verhungerte Gestalten. –

»Na,« ruft er, so mitten im Elende stehend: »Heut' früh sollt ihr für die Schweinerei hier, und daß er euch die Haut auf den Knochen ließ, ›Vivat‹ rufen vor dem Schloß. Das laßt euch gesagt sein, wer wirklich so eine gottverdammte Nachteule ist und ihm vorm Fenster krächzt, den zieh' ich bei Gelegenheit übers Leder, daß es dampft – daß ihr's wißt – ich bin am Platz.«

So läuft er von Hausvater zu Hausvater und macht überall ein Donnerwetter.

In einem Hause hatte er eine Alte durch das Gewühl in Sicherheit gebracht, dort die Kinder, – in einem andern hatte er einen Kranken vor den Diebsgesichtern beschützt – überall hatte er irgend etwas ausgerichtet und sich Dank verdient, da konnte er schon etwas wagen. Wenn auch wenige von den braven Bürgersleuten begriffen, weshalb er sich so darüber ereiferte, daß sie dem Kaiser Napoleon ein Hoch bringen sollten – dafür war er ja Kaiser. Mein Gott, und wenn es sich um einen Kaiser handelt, muß einmal Hoch gerufen werden unter allen Umständen, sei es wie es sei – und Napoleon war den Weimaranern auch ganz recht. Es gab viele, die hätten es gar nicht ungern gesehen, wenn – – na, es ist eins wie's andre schließlich, meinten sie. Jetzt waren es Kriegszeiten – aber in Friedenszeiten da mochte der Napoleon so übel auch nicht sein. Es ist alles Wurst, – das waren so die Gedanken der braven Weimaraner und des guten deutschen Volkes damals.

19 Solche blonde alte Burschen wie der Förster vom Rödchen, solche verrannte Genies der Vaterlandsliebe, so blinde tolle Teufel voller Haß und Schmerz, die waren selten, selten, wenn jetzt auch die Geschichte der damaligen Tage davon zu wimmeln scheint, – so selten wie die Verrückten, die Tobsüchtigen oder seltener.

Und an jenem Morgen, da war der Förster an seinem Platz, da sah er jeden, der gehorsam angeschlichen kam, um unter Napoleons Fenstern mitjubeln zu helfen. Wie waren sie alle verhungert, wie sahen sie alle aus; elende Jammerlappen!

Der Förster stand wie ein General und musterte seine Rekruten. Es waren ihrer nicht gar zu viele gekommen und die Versammelten waren greulich in der Klemme. – So unter Napoleons Fenstern stehen zu müssen zum Hochrufen, nach glücklich überstandener Plünderung und ausgehungert, erfroren, klappernd, übernächtig, nüchtern, das war ihnen schließlich auch zu dumm, und der stramme Förster vom Rödchen, dem aller Teufel nichts anhaben konnte und der sie sich so listig betrachtete, als dächte er: »Wer's Maul zuerst aufsperrt, der kriegt auch die Plätzerte zuerst!« – der bedrückte sie stärker als Napoleon, der hinter niedergelassenen Gardinen für die Weimaraner gewissermaßen nur ein Begriff war – und von einem bloßen Begriff haben sich die Weimaraner wie alle braven Deutschen ihr Lebtag keinen Begriff machen können. Es muß etwas Thatsächliches, Sichtbares, Hörbares, Fühlbares sein und darf hinter keiner Gardine stecken – dann –!

Der Förster riß das Maul hoch auf und lachte sie an und schlug in die Hände und gab so mit einemmal selbst das Zeichen zum Hochrufen – und das hätte eigentlich der Bäckermeister Schilling thun sollen. Jetzt waren sie ganz außer Fassung. Ein paar fingen wirklich ganz heiser und erbärmlich an zu rufen; aber das klang, als wenn ihnen der Magen knurrte und sie machten auch solche Gesichter dazu, als wären sie's gar nicht gewesen, und dann riefen noch ein paar wehleidig und jammervoll, als hätten sie Leibschmerzen und so heulten sie da unten in ihrer seelischen und leiblichen Not – und kein Mensch hätte es mit dem besten Willen für Hochrufen halten können, was man auch 20 in einer solchen Stunde und in so erbärmlichem Zustand keinem Hund und selbst einem verschüchterten Deutschen nicht zumuten konnte.

»Herr mein Gott, daß der Kerl da oben von dem Gewinsel nichts gehört hat! Das verdienen die Lumpen wahrhaftig nicht,« denkt der Förster. »Solch ein Volk! wenn ich Er wäre, mit der Hundspeitsche wollt' ich sie zusammenhauen!«

Und als der Förster der geplünderten Stadt den Rücken kehrt, fährt er in einem Karren einen armen Blessierten, der auf den bloßen kalten Fliesen der Stadtkirche mit hundert andern gelegen hatte, hinauf ins Rödchen. Und er hat ihn wohl ins Stroh gebettet und ist so vorsichtig mit ihm wie mit einem Wiegenkinde, weicht jedem Stein aus und zieht den Karren sorgsam und ängstlich, achtet auf die Wunde in der Schulter nicht, die ihm das Ziehen beschwerlich genug macht.

Und zu Hause angelangt, bettet er den armen Burschen, es ist ein Sachse, in sein eigenes Bett und holt die Frauensleute aus dem Versteck herbei und treibt sie an, zu thun, was sie thun können.

Er ist ungeplündert geblieben, der Förster; zu dem versteckten einsamen Haus ist niemand hingekommen.

Aber leer will er nicht ausgehen – es sollen noch Blessierte herauf. In jedes Bett einen. Die Gesunden mögen schlafen, wo sie wollen. Die Försterin jammert darüber.

»Wenn Gott uns so augenscheinlich vor dem Kriegselend behütet hat, weshalb schleppst du's herauf?«

»Daß die Weiber keine Ehre im Leibe haben – auch mein's nicht!« sagt der Förster düster und geht seiner Wege und fährt mit dem Karren wieder zur Stadt hinab. –

»Und deine Wunde!« jammert die Försterin ihm nach.

»Die ist der Bock noch lange nicht!« ruft er ihr gut gelaunt zu.

Und es geschah, wie der Förster gesagt hatte, in jedes Bett im Hause kam ein Blessierter, und die Weiber mußten die armen Burschen pflegen wie ihre Brüder, und das Försterhaus im Rödchen ist den armen Gesellen nach aller Not und allem Elend in der Erinnerung geblieben wie ein Paradies.

21 Das ungefähr waren zu jener Zeit die Leute im Rödchen.

Und wieder einmal müssen wir uns mit einem harten Winter abgeben, mit solch einem großen Schneewinter, der die Liebschaften weich einhüllt, so zart, so frisch, so glückselig, so weltverloren, der die Träume mit offenen Augen so ungestört, das Wandeln zwischen den hohen Schneewällen so köstlich macht.

Gott weiß, was alles da geschah. Es war im Winter 1808, zwei Jahre nach der großen Plünderung. Oben im Rödchen steckten sie in der Schneewildnis, Weg und Steg verschneit. Die Post, die auf der Ettersburger Straße seit lange schon auf Schlittenkufen ging, war alle nasenlang festgefahren und konnte nicht eher weiterkommen, bis der Schneepflug aus Ettersburg oder aus Weimar, oder wenn das Malheur hinter dem Ettersberg geschah, aus Buttelstädt ihr zu Hilfe kam.

Im Rödchen hörte man ganz entfernt und leise über die Schneefelder hin das Posthorn klingen.

Der Postillon blies allemal, wenn er in der Nähe des Rödchens vorüberfuhr, denn die Förstersmagd war sein Schatz.

Das Posthorn aber war der einzige Ton, der die große Schneestille rings umher belebte, und wenn es erklang, da steckte nicht nur die Magd den Kopf zum Fenster hinaus, auch Schlimpimperlein und Ludschevadel machten das Winterguckloch im Wohnstubenfenster auf und lauschten ganz andächtig, bis der letzte Ton verklungen war, dann gingen sie wieder an ihre Arbeit.

Draußen der Wald sah sonderbar aus. Die jungen Bäume hatte der Schnee zur Erde niedergedrückt und sich über sie gelegt, dichter und dichter, daß es die wunderlichsten Gestaltungen gab. Wie gebückte verschneite Männlein sahen die jungen Fichten aus, »getauchte Männer« wie das Volk sagt, und die jungen Erlen hatten sich wie Bogen über die Erde gelegt und trugen ihre gewaltige Last, und die alten, kahlen Bäume hielten mit ihren geduldigen Armen ganze Schneedächer fest. Die großen Tannen hatten schneeweiße Kuppeln auf den breiten grünen Zweigen, die sie eng an sich gedrückt hielten, und die Spitze hing ihnen von der 22 Schneelast tief herab und jeder Graben und jede Unebenheit war verschneit.

Im Garten lag eine Schneewehe gerade am Hause an, daß oben aus dem ersten Stock des Försters Dackel ganz bequem zum Fenster hinausspazieren konnte.

Beim Rauhfrost war eine unbeschreibliche Herrlichkeit, da hingen an jedem schneefreien Zweiglein dicke Eiskrystalle wie Schuppen und Zapfen, und feine Krystallschleier waren darüber gewebt, und der ferne Wald lag wie in einer weißen, glitzernden, blitzenden Wolke. Wenn der Förster heimkam in seinen riesenhaften Schneestiefeln, hatte er über seinem alten Schafspelz einen köstlichen Spitzenüberzug, und sein Bart glitzerte, und an den Augenbrauen waren zarte Krystalle aufgeschossen und die Pelzkappe flimmerte und tropfte. Der Dackel war ebenso weiß bereift.

Aber die Mädchen hatten ein gehörig einsames Leben oben im Rödchen, sahen nichts als Rabenzüge und vor dem Fenster auf dem Futterbrettchen die dicken, aufgeplusterten Amseln, die blauen, flinken Meisen und vor dem Kuhstall die Spatzen und die haubigen Goldammern.

Gegen Abend, wenn die Sonne eisig niedergegangen und an manchem Tag die Wölkchen über der verschneiten Erde rosig färbte, kamen die Rehe zum Futterplatz.

Vom Fenster aus konnte man sie durch die jungen Stämme sehen. Vorsichtig, in langer Reihe, eins nach dem andern, wie eine Prozession, und verschwanden hinter der großen Futterraufe, eins nach dem andern, immer spähend – immer in Sorge.

Wenn die Schneebahn auf der Ettersburger Straße in stand war, kamen wohl ein paar verwegene Spaziergänger bis hinauf ins Rödchen gestiegen und ließen sich einen Glühwein brauen und hingen die Pelzröcke an dem Ofen im Wohnzimmer auf. Der Glühwein, den sie bekamen, das war zwar nur ein echter Jenenser Roter, aber der Förster hatte so seine Kniffe damit, die er niemand recht verriet – aber man wußte schon; er hatte eine solide Quelle in Jena, er bekam seinen Wein gut ausgelesen, und in Erfurt hatte er wieder einen guten Freund, der schickte ihm jedes Jahr mit dem Boten ein leeres Madeirafaß, und in das Madeirafaß wurde der brave Jenenser einlogiert – und suchte dann 23 seinesgleichen. – Die Schneeläufer wußten deshalb sehr wohl, weshalb es sie zum Glühwein bis in das Rödchen hinaufzog.

Unter diesen Bürgersleuten, die hin und wider das Wagnis ausführten, Försters in ihrer winterlichen Einsamkeit aufzusuchen, war oft ein junger Maler zu finden, der in Gesellschaft oder einsam zum Rödchen hinaufkam, doch wie es schien, nicht nur des Glühweins halber. Die Ludschevadel hatte es ihm angethan. Daraus machte er kein Hehl, Wohn- und Gaststube war im Winter bei Försters eins geworden und so saß denn die Familie mit ihren Gästen traulich zusammen.

Ludschevadel brachte hausfraulich und bescheiden ihrem Anbeter den Glühwein und setzte sich dann neben ihn nieder, in aller Gemütsruh, der junge Heinrich Strobel gefiel auch ihr – und da sie in der Hauptsache miteinander im Reinen waren, nahmen sie es einfach und ruhig.

Der Förster aber sah wieder mit Aerger vor seinen Augen, ganz offen und unverhohlen, eine neue Liebesgeschichte entstehen, die ihm wieder eine Tochter kosten sollte – und er konnte nichts dagegen thun, die Sache nahm ihren Lauf.

Aber von Ludschevadel hatte der Förster es sich doch nicht gedacht, deren war er so sicher gewesen. Sie hatte schon einige zu seinem größten Wohlbehagen und Triumph ohne weiteres ablaufen lassen, war mit Leib und Seele der elterlichen Wirtschaft ergeben und war ein rechtes Hauskind. – Wie oft hatte sie gesagt, daß sie nun und nimmermehr aus dem Rödchen gehen würde, – aber trau einer den Frauenzimmern.

Da ließ sich nichts machen, das wußte er aus Erfahrung – und so saßen sie alle miteinander beisammen, Schlimpimperlein kühl und gleichgültig über ihre Näherei gebückt; die Sache ging sie nichts an.

Niemand gab sich mit ihr ab – und daß Ludschevadels Anbeter hin und wider auf seine trockene Art ein paar Worte an sie richtete, das war für sie nicht der Rede wert. Sie war an solche Brosamen, die von einer andern Tisch fielen, nicht gewöhnt; das paßte ihr nicht.

Unten in Weimar hatten sie eine Tante, die 24 Schlimpimperlein gerne auf ein paar Wochen im Winter bei sich gehabt hätte, um ihr etwas zu gute zu thun. Aber der Förster wollte das nicht, besonders nicht seit Schmirankel mit ihrem Mann nicht mehr in Weimar lebte, sondern nach Eisenach versetzt war. So saß Schlimpimperlein oben und langweilte sich.

Der junge Heinrich Strobel fühlte sich wohl im Haus, er war so ein Biedermann, der die geordneten ruhigen Verhältnisse liebte, ein langer hagerer Bursche mit unglaublich emporstehendem Haar, das keiner Mode der Welt sich bequemt hätte, mit einem grauen unregelmäßigen Gesicht und guten gescheiten grauen Augen. Er hatte auch schon des Vaters Bock oben mit erlebt und sich dabei wie ein guter Sohn bewährt.

Der Förster war heimgekommen mit einem Gesicht, einem so starren entsetzten Gesicht, hatte kein Wort gesprochen, seinen Pelz ächzend abgeworfen und sich starr und steif an den Ofen gesetzt.

Die Försterin, die bedenklich auf ihn geschaut hatte, sagte ganz erschreckt: »Ach Herr Jes, der Bock – da bringt dem Vatter nur alles, die Betten wärmt und die Habersäcke.« Die Mädchen sprangen und thaten, was ihnen geheißen war. Der Förster aber regte sich nicht, hielt seine, mit einem wollenen Lappen eingewickelte Hand, wie ein Wickelkind vorsichtig auf dem Knie und stöhnte.

»Diesmal ist der Bock im Daumen,« sagte er trostlos.

Heinrich Strobel, der vom Bock schon alles Nähere wußte, sagte: »Förster, alles was recht ist; – aber den Bock haben Sie nicht im Daumen, wenn nämlich der Bock wirklich Podagra bedeutet, dann kann der Bock nur im Fuß stecken.«

»Wieso?« sagte der Förster.

»Im Daumen hat eben kein Mensch noch das Podagra gehabt,« antwortete der Maler trocken.

»Woll – woll – sel woll,« sagte der Förster mißtrauisch. Das war eine tirolische Erinnerung das »Woll – woll – sel woll« und auch der Bock war eine tirolische Erinnerung.

Jetzt fingen die beiden an über den Bock zu streiten, und der Förster vergaß ganz die Schmerzen und stritt aus Leibeskräften, zum Erstaunen der Försterin.

25 »Jetzt geben Sie mal den Daumen her, Förster, daß ich seh, was eigentlich los ist. Geben Sie nur,« sagte der Maler, als der Förster zögerte, und schälte den kranken Daumen aus dem alten wollenen Tuch, das der Förster im Umfang von einer alten Elle sich um die Hand gewickelt hatte, schaute und befühlte ihn, während der Riesenmensch mit geschlossenen Augen und zusammengebissenen Zähnen wie bei einer schweren Operation im Stuhl saß.

»Förster,« sagte der Maler, »da ist ein Splitterchen im Gelenk. Gott weiß, – ich seh's – 's is ein bissel tief drin, 's wird rausschwären.«

»O – woh',« meinte der Förster stöhnend und verächtlich, stand auf und ging ohne rechts und links zu sehen in sein Schlafzimmer und kroch in die gewärmten Betten und ließ sich auf den Daumen und zur Fürsorge auch gleich auf die Füße die heißen Habersäcke legen. Und in der Wohnstube hörte man ihn bald gewaltig schnarchen. Der Bock war also wirklich nicht gekommen. Und sie hielten sich im Wohnzimmer alle mäuschenstille, damit der »Vatter« seinen Schreck ungestört verschlafen könnte.

Als der junge Strobel nach einigen Tagen wieder durch den Schnee heraufgestapft kam, hatte der Förster seinen Daumen immer noch, trotzdem das Splitterchen richtig herausgeschwärt war, der Vorsicht halber mit einem großen weißen Schnupftuch umwickelt – und darüber lachte der Maler und meinte, daß sie mit dem dekorativen Daumen einen Tarock miteinander spielen wollen.

»Er hat Recht gehabt,« sagte der Förster, »der Bock war's nicht.« –

»Na also,« meinte der Maler und schob seine langen Beine unter den Tisch und steckte dem Förster die Karten zwischen den umwickelten Daumen und die Finger und hatte bei allem, was er that und sagte, so einen trockenen Humor, der bei ihm nicht in den Worten lag. Ludschevadel saß, während ihr guter Freund mit dem Vater spielte, neben ihm mit ihrer Arbeit und man sah ihr an, wie glücklich und ruhig sie sein mochte und wie lieb ihr der lange Mensch war.

In einer Pause, die sie im Spiel machten, sagte der Maler: »Bei euch, wenn man von der Chaussee abbiegt – wissen Sie, Förster, gerade wo der Ettersburger Forst den 26 Zwickel macht, – da stehen drei ungeheuer traurige Bäume, – kennen Sie die?«

Schlimpimperlein lachte, der kam das komisch vor.

»Ja, ja, mag sein,« meinte der Förster, »Bäume haben oft so etwas – – so etwas – –.« Der Förster kam nicht weiter und schaute nachdenklich vor sich hin.

»Riesig traurig,« wiederholte der Maler. »Ich weiß nicht, ich bin doch sonst so weit hasenrein in der Beziehung, aber mir legt sich's immer sonderbar auf den Buckel, ordentlich naß, wenn ich an den Bäumen vorüberkomme. Sie stehen da, als wenn sie über etwas Entsetzliches nachgrübelten.«

Schlimpimperlein hatte ihre Arbeit sinken lassen, und auf ihr süßes Gesicht trat ein ganz weiches, verächtliches Lächeln und sie sagte: »Ja, und da hängt an jedem von den traurigen Bäumen ein Schnupftuch herab, Herr Strobel, zum Thränen abwischen.«

»Sehr gut,« meinte Heinrich Strobel und lachte, Ludschevadel aber blickte ärgerlich auf ihre Schwester. Sie kannte die drei traurigen Bäume auch und erinnerte sich, wie damals bei der Schlacht von Jena, als der Kanonendonner herüberdröhnte, der Vater unter den Bäumen gestanden hatte und sie wollte nicht, daß jemand ihren guten Freund lächerlich fand. Er war es ihr ganz und gar nicht. – Sie liebte ihn mit einem Gefühl der Hochachtung. Es war so eine ernste Liebe – so eine Liebe wie zwischen Ehegatten, denn Ludschevadel war nicht spielerisch, sie war ein pflichtgetreues ruhiges Mädchen mit einem Herzen wie Gold, und Heinrich Strobel war ein Biedermann vom Scheitel bis zur Sohle. Er hatte sich bittersauer bisher durchs Leben schlagen müssen.

Sein Vater war ein kleiner Beamter in Kapellendorf bei Weimar gewesen und hatte seinem Sohn während der Lehrzeit nichts mehr als zwei bis drei Korb Kartoffeln jährlich in die Stadt zukommen lassen können und was über die Kartoffeln ging, das hatte er sich dazu verdienen müssen. Und wie weit er mit Kartoffeln reichte, das läßt sich nachrechnen, wenn man bedenkt, daß der Korb zu damaliger Zeit vierzig bis fünfzig Pfennig im Preise stand. Aber er war über die böse lange Zeit mit Hangen und Bangen und durch die Hilfe gutmütiger Leute und durch Fleiß und 27 Anstelligkeit für alle möglichen Dinge gekommen, durch Nachhilfestunden und Bilderkolorieren im Landes- und Industriecomptoir bei Bertuch und durch Handlangerdienste aller Art, und war ein ganz reputierlicher Porträtmaler und Kupferstecher geworden, der seinen eigentlichen Wohnsitz in Leipzig hatte, aber nach Weimar, Jena und Eisenach seine Porträtreisen machte. Es hatte sich da bei jedesmaliger Wiederkehr etwas für ihn zusammengefunden. Diesmal hatte er sich für längere Zeit in Weimar niedergelassen, weil es auch in Rudolstadt und Schwarzburg und Umgegend mancherlei zu thun gab und besonders durch Bertuch hatte er einen großen Auftrag bekommen. Ludschevadel hatte also allen Grund, ihren guten Freund hochzuachten. – Sie war stolz auf ihn, und das ärgerte Schlimpimperlein. Sie gönnte der Schwester den Heinrich Strobel. Er war nicht der Mann, den sie sich gewünscht hätte. Er war ihr langweilig. Aber weil sie im Winter so gar nichts hatte, was sie freute, ärgerte sie sich über die beiden, die miteinander sich bethaten, als gäbe es nichts Besseres und Schöneres und Vortrefflicheres als Ludschevadel und Heinrich Strobel – und darüber war Schlimpimperlein vollständig andrer Meinung, sehr ungerechter Weise, denn es ist zu bezweifeln, ob sie ein besseres und vernünftigeres Mädchen wie ihre ältere Schwester und einen größeren Biedermann wie ihren künftigen Schwager jemals gesehen hatte.

Aber was fragt so ein schönes Ding wie Schlimpimperlein danach, wenn es Langeweile hat.

Wenn Heinrich Strobel aber von den Weimarschen unten erzählte, da spitzte Schlimpimperlein die Ohren. Herr Gott, was hätte sie darum gegeben, unten in Weimar bei der Tante sein zu dürfen, die sie so gern bei sich gehabt hätte.

Es war in Weimar immerhin noch etwas los; wenn es auch nicht mehr so zuging, wie ums Jahr 1777 etwa, von welcher Zeit die Försterin zu erzählen wußte, so war doch auch um 1808 noch für ein junges lebenslustiges Mamsellchen mancherlei zu hören und zu sehen. Da war gerade jetzt die Zeit der Redouten im Stadthaus und Komödie aller nasenlang und Schlittenfahrten und abends auch in den Bürgerhäusern Thees und Gesellschaftsspiele.

28 Und das schöne Geschöpf, das seine Schönheit in der Einsamkeit und Langenweile wie eine bange Last umhertrug, litt und quälte sich. Sie waren alle versorgt im Haus, nur sie nicht. Ludschevadel und Heinrich Strobel und die ganze Zufriedenheit in den vier Wänden erregten das heißblütige Ding. Es war die große Herzenseinsamkeit, in der sie lebte, von der die Zufriedenen und Befriedigten nichts wissen, und die sie nicht verstehen – und verlachen und nicht beachten.

Um diese Zeit gerade war es dem alten blonden Riesen, dem Förster, wohl in seiner Haut und in seinem Haus.

Der umgangene Bock, der hohe Schnee und der weiße Schneehimmel, der Flockenfall, die Einsamkeit und Weltabgelegenheit besänftigten die heftigen Gefühle und machten dem Behagen und der Zufriedenheit Platz.

Es war ihm so wohl unter seinen Leuten und mit einer großen Zärtlichkeit hing er an seinem jüngsten Kinde, dem Schlimpimperlein, dem einzigen, das noch sein eigen war. Wenn sie etwas mürrisch und gelangweilt durch das Zimmer ging, zog er sie zu sich heran und hielt sie mit seinen unbezwinglichen Armen ein wenig an sich gedrückt.

Wie er ihr nachsah, wenn er sie wieder frei ließ! Sie war sein Stolz, sein Glück, das lag so deutlich in seinen offenen Zügen ausgeprägt, – und sie, das kühle Schlimpimperlein, fand diese Zärtlichkeit mindestens sehr unnötig, es kam ihr komisch vor und war ihr peinlich.

Sie verstand ihn nicht.

»Lassen Sie mich, Vatter – lassen Sie mich!« sagte sie halb schmollend, halb verlegen, wenn er sie so im Zimmer auffing und sie festhielt, und sie machte sich los und sträubte sich.

Sie war ärgerlich darüber.

Ludschevadel aber that der Vater dann leid, sie wußte selbst nicht weshalb.

Er kam ihr wie gekränkt und zurückgestoßen vor und sie hatte einen Aerger über ihre Schwester. – Weshalb that sie das dem guten Manne an? Ludschevadel sprach darüber mit ihrem Verlobten, als sie miteinander bei Sonnenuntergang zur Wildraufe gingen, um die Rehe kommen zu sehen. Da schlang er den Arm um sein Mädchen und sagte:

29 »Ludovika,« er nannte die Schwestern bei ihrem Taufnamen, nie anders, »die ist ein rechtes Weibchen.«

»Du, wie denn,« frug Ludschevadel – »ich bin doch ein Weibchen?«

»Freilich, aber ein gutes dazu, ein ganzer Mensch, ein guter Kamerad und mein lieber Freund.«

»Die Weibchen, die nur Weibchen sind,« sagte Heinrich Strobel und wußte sich nicht recht auszudrücken – »die – die – vor denen graust's mich. Schöne Katzen und so hexenhaft wie Katzen – seelenlos. Wenn man nicht in sie verliebt ist, ist man so einsam mit ihnen wie mit einer Katze.«

»Wie weißt du denn das?« frug Ludschevadel – und legte ihren Kopf an seine Schulter. »Ludovika kennst du ja kaum. Sie kann auch anders sein. Sie kann manchmal gut sein, so mit einemmal, man weiß nicht wie, da fängt sie an zu weinen und es thun ihr längst vergangene Dinge leid.«

»Ja wohl,« sagte Heinrich Strobel trocken. »Meine erste Liebe war auch so. Verfluchte Katzen!«

»Aber sie ist doch deine Schwägerin,« sagte Ludschevadel ruhig.

»Ah was – Schwägerin, die schert sich den Teufel darum – Schwägerin!« Heinrich Strobel lachte.

»Ach geh', du sollst sie eben gern haben – so ein Kind wie sie ist, wir haben uns alle miteinander gern im Haus.

»In der Familie muß man einen wie den andern lieben, Heinrich, sonst ist der ganze Frieden nicht mehr im Haus.

»Findest du es bei uns nicht mehr hübsch?«

Das alles frug und sagte Ludschevadel durcheinander.

Und er schloß sie in die Arme und küßte sie.

»Du bist mein Weibchen und mein Kamerad, dabei bleibt's,« sagte er. – »Mir ist so wohl!«

Es war der ganze Frieden oben im Rödchen, wie Ludschevadel gesagt hatte, so wie Frieden auf Erden aussieht. Die Mutter und Ludschevadel und der Verlobte, die waren wirklich friedlich. In dem treuen unbiegsamen Herzen des Försters aber saß jetzt ein Wurm. Es graute ihm vor der 30 Vereinsamung, wenn die Töchter einmal alle aus dem Hause sein würden. Da konnte er sich in Ruhe nicht hineinfinden.

Die verheiratete Tochter war ihm wie gestorben und die Ludschevadel stand nur mit einem Schritt mehr im Haus – und nur Schlimpimperlein lebte ihm noch ganz, war noch ganz sein Kind. Die wollte er nicht hergeben.

»Mein Gott, was haben die Mädchen vom Heiraten – was haben sie denn, die armen Narren?« dachte er bei sich.

»Für Schlimpimperlein müßte mir schon einer vom Himmel fallen.« Dem ersten besten wollte er sie nicht geben.

So saßen sie einmal alle bei einander und Schlimpimperlein neben ihrem Vater.

Der war den ganzen Abend auffallend still gewesen. Ludschevadel hatte schon gemeint, daß der Bock im Anzuge sei, aber da legte der Förster den Arm um Schlimpimperleins Nacken und zog sie zu sich heran und bückte sich zu ihr nieder und begann langsam und schwerfällig und bog sich immer tiefer zu Schlimpimperleins Ohr. Er sprach nur für sie allein: »Da war einmal ein Vatter,« sagte er – »dem ging es auf Erden sehr wohl. Er hatte ein schönes Haus, ein gutes Weib und drei Kinder, das waren lauter Mädchen, und er hatte sie alle drei sehr lieb, die älteste hieß Schmirankel, die mittelste Ludschevadel und die jüngste war die Schlimpimperlein.«

Jetzt paßten sie alle auf, denn der Vater erzählte etwas von ihnen selbst, aus dem eigenen Hause, aber weil er so ganz seinen großen blonden Kopf zu Schlimpimperlein hingebogen hatte, als wollte er es sie bloß hören lassen, da arbeiteten alle unverdrossen und thaten, als ginge es sie nichts an. Heinrich Strobel zeichnete für Ludschevadels Wäsche die Namenszüge auf. Es lag ein ganzer Berg gezeichnete Wäsche und ungezeichnete vor ihnen, und er war dahinter fast versteckt.

»Als die drei, Schmirankel, Ludschevadel und Schlimpimperlein klein waren,« sagte der Förster leise, »da stritten sie miteinander und Schlimpimperlein sagte: ›Ich hätte den Vater geheiratet, wenn er die Mutter nicht genommen hätte;‹ ›nein,‹ sagte Ludschevadel, ›nein, ich hätte ihn geheiratet.‹ Darüber stritten sie alle drei miteinander. Schlimpimperlein aber meinte, sie hätte es zuerst gesagt.

31 »Der Vater nahm sie, eins nach dem andern auf seine Kniee, schaukelte sie und hatte seine Freude an ihnen und war stolz auf sie.

»Als sie aber groß wurden, da dachten sie nicht mehr daran, den Vater zu heiraten – sondern ein reicher vornehmer Mann kam und holte die Schmirankel zum Weib – und sie verließ das Vaterhaus und ging ihrem Glücke nach.

»Sie hatte ihn lieb und er hatte sie lieb und sie bekamen Kinder, aber ein Krieg brach herein und die Armut kam und der Meister Tod und Schmirankel war traurig und betrübt – kein Mensch kann solchem Leid entgehen.

»Aber auch Ludschevadel folgte einem Manne, einem reichen Fürsten, und auch sie ging ihrem Glücke nach und war glücklich; aber kein Glück besteht auf Erden. Der Mann wurde ihrer überdrüssig und verließ sie und nahm eine andre und ließ sie mutterseelenallein in Kummer und Schmerz.

»Kein Mensch kann solchem Leid entgehen, wenn es über ihn hereinbricht.

»Und als sie an ihren Schwestern sah, wie das Schicksal mit den Menschen umspringt und wie auf Erden kein Glück ist, dem man vertrauen kann, da sagte sie unter heißen Thränen: ›Da ist ja mir das allerbeste Teil geworden.‹ – Und sie blieben bei einander, der alte Vater und das Schlimpimperlein und sie pflegte ihn, bis der Tod sie schied. – Aber sie leben heute noch.«

Da hörte der Förster mit seinem Märchen, wie abgebrochen auf. Sein Töchterchen hatte sich von seinem Arme losgemacht und stand mit heißem Gesicht und mit Thränen der Ungeduld von ihrem Stuhle auf.

»Nein, Vater, das wäre nichts für mich – das nicht – nein!« Und da brachen die Thränen aus ihren schönen Augen mit voller Gewalt hervor. – »Weshalb denn ich gerade!« schluchzte sie.

Der Förster stand auch auf und ging im Zimmer auf und nieder, hielt die Hände auf den Rücken und brummte in den Bart hinein: »Große Kinder – fremde Kinder.« Er ging ganz gebückt, der starke Mann.

Sie rissen sich von seinem Herzen los, die Kinder, die einen sanft und kaum merklich, die andern schmerzhaft und grausam.

32 Er verstand den Lauf der Welt nicht und sträubte sich.

Die andern wagten nicht aufzublicken, als der Vater so auf und nieder ging, und Schlimpimperlein saß mit schnell getrockneten Thränen, aber trotzig da.

Heinrich Strobel reckte seinen Kopf über den Wäschewall, der vor ihm lag, auf und sagte wohlgelaunt, um die schwüle Stille zu unterbrechen: »Aber Förster, daß Ihr den Strobel in einen reichen Taugenichts verwandelt habt, der noch dazu sein Weib sitzen läßt, darüber müssen wir noch miteinander ein Hühnchen rupfen.« –

»Das weiß kein Mensch, was er thut oder nicht thut« – sagte der Förster feierlich. »Heut liebt man einander, morgen läßt man einander!«

»Aber Fürst ist der Strobel drum doch noch nicht, so wenig als er die Anne jemals läßt!« Dabei gab er seiner Braut einen herzhaften Kuß.

»Auch was Rechtes, Fürst! – Fürst oder Lump – Wurm oder Wurm. Es kommt auf eines heraus. Man soll an keinem Menschen hängen, das ist das Sicherste und Beste. Da schlägt man dem Schicksal ein Schnippchen. Merkt's euch – – –

»Die Schlimpimperlein ist klug, die hängt hier an niemand. – Wohl ihr.«

Das sagte der Förster bitter, während er auf das Mädchen blickte, das scheinbar gleichmütig über die Näherei gebückt saß.

»Wie eine Gans wird der Mensch gerupft, Strobel, bis er zuletzt so nackt und bloß dasteht wie zu Anfang. Zu Anfang weiß er nichts und zuletzt will er nichts mehr wissen, das ist der ganze Unterschied. Das bißchen Ehre, das sie einem lassen müssen, wohl oder übel – das ist zuletzt das Einzige, was bleibt. Man könnte sich die Mühe sparen.«

Mit diesen Worten ging der Förster hinaus.

»Ludovika, warum hast du denn das gethan,« frug Anne vorwurfsvoll, auf ihre ruhige milde Art.

Da weinte Schlimpimperlein und sagte: »Du hast gut reden. Was hat man denn vom Leben? Dir hätte er sagen sollen, du sollst bleiben – da hätte ich sehen wollen!«

»Wenn du einmal einen Bräutigam hast, wird er's dir 33 auch nicht sagen – Er läßt dich gehen, wie er mich gehen läßt,« sagte die Braut ruhig.

»Er wollte dir ja nur zeigen, wie lieb er dich hat und da bist du – so.«

»Da hätte er sagen sollen, was er wollte,« antwortete das Mädchen. »Wie soll ich das verstehen.«

 

Alles nimmt einmal ein Ende – auch die Langeweile und Einsamkeit eines schönen Kindes, das seiner Schönheit froh werden möchte. Endlich kommt etwas, lang erwartet oder unvorhergesehen, aber es kommt.

Und so sahen sie tags darauf, nachdem Schlimpimperleins Lebensdrang so ungeduldig geworden war, wie ein Füllen, dem ein Zaum angelegt ist, und das nach allen Seiten ausschlägt, eine lange Schlittenreihe die Ettersburger Chaussee heraufkommen.

»Ja,« sagte Ludschevadel, »was ist denn das!« als die Schlitten alle zum Feldweg, der zum Rödchen führte, einlenkten. Sie rief im Eifer Schlimpimperlein herbei, die aber der Sache außerordentlich kühl entgegensah.

»Ein paar unten aus Weimar,« meinte sie gleichgültig.

»Du bist eine Feine,« sagte Anne-Ludschevadel lachend. »Du läßt dir freilich nicht in die Karten sehen. Na! verstell dich nur nicht!« Ludschevadel packte sie an den Schultern und zog sie im Kreise herum.

»Geh, laß mich, was ist denn da weiter!«

Ludschevadel aber freute sich ganz offen und ehrlich für sie. »Aber was haben wir ihnen vorzusetzen, das möchte ich wissen! Wer denkt denn an so viele Gäste auf einmal!« rief sie.

Da ging aber schon die Thür auf und Heinrich Strobel sprang herein und hatte eine rote spitze Kappe auf. »Sie bringen alles mit, ihr Mädchens, seid ohne Sorgen.«

»Desto besser!« rief Ludschevadel, »aber wie siehst du denn aus?«

»Masken,« sagte Schlimpimperlein träumerisch.

Und da kam es auch schon ins Zimmer gequollen. Draußen hörte man die Schlittenpferde mit ihren Glöckchen läuten.

Die Försterin kam aus der Küche gestürzt.

34 »Ja du meine Güte! Die ganze Redoute aus dem Stadthaus kommt ja da auf den Schlitten!«

Sie standen ganz betreten alle drei über den tollen Menschenschwarm, der mit einemmal in ihre winterliche Einsamkeit übergeflossen kam.

Aus Tüchern und Pelzen sprangen die sonderbarsten Figuren: Harlekine und Ritterfrauen, weiße Bäcker und Mönche, Teufel und Bäuerinnen. Manche trugen Masken und manche schauten aus ihren Kapuzen und Kappen mit den rotgefrorenen Gesichtern unternehmend in die Welt hinaus.

Aber ob Masken oder keine, die Förstersleute hatten noch lange nicht ihre fünf Sinne bei einander, um irgend jemand erkennen zu können. Draußen warf es jetzt mit Schneeballen an die Fenster und die Schlittenglöckchen läuteten so hell und lustig in die Schneeeinsamkeit hinaus. Und jetzt klang gar vor der Thür eine Fiedel.

Sie hätten nicht verwunderter sein können.

Schlimpimperlein war ganz verstummt und schaute nur träumerisch in das Gewimmel hinein.

Die Förstersmagd war sogleich gesprungen und hatte im sogenannten Saal, in dem bei sommerlichem Regenwetter schon gar manches Tänzchen abgehalten war, ein gehöriges Feuer angezündet.

Inzwischen steckten sie alle miteinander noch in der großen Wohnstube.

Große Körbe wurden jetzt hereingeschleppt und eine kleine Frau kommandierte.

»Das ist ja die Rätin Tiburtsius,« sagte die Försterin zu Ludschevadel.

Die Frau Rätin war aber als Königin der Nacht aus ihrem Pelz gekrochen, steckte in einem engen schwarzen Kleid, das mit goldenen Papiersternen besät war, band sich in aller Eile, um vollständig zu sein, einen großen Stern, den sie im Strickbeutel gehabt hatte, auf dem Kopf fest und fing an in den Körben zu wirtschaften, wobei ihr die vortreffliche Magd Kathrine, die sie mitgebracht hatte, half.

Das Ganze war also die sogenannte Lawine der Frau Rätin Tiburtsius, die sich in Schlitten zum Rödchen herausgewälzt hatte.

Bald durchzog das ganze Haus ein gewürziger 35 Kaffeeduft. Tiburtsiusens Kathrine und die Försterin brauten ihn miteinander. Das Feuer im Saale brannte in voller Eile und mit Geprassel, daß das eiserne Oefchen pustete, fauchte und glühte und die schwarzen Rohre, die durch den halben Saal liefen, knisterten und vor Hitze dröhnten.

Wie im Handumdrehen war es warm, wenn auch in den Ecken und an den Fenstern sich noch ein eisiges Lüftchen aufhielt, das wurde bald von den lustigen Masken verscheucht, die jetzt in den Saal einströmten und Tische und Bänke rückten und lachten und lärmten. Ludschevadel und die Försterin brachten die Tassen und die kleine, dicke Tiburtsius kramte in Kuchen und er, Tiburtsius, der als Maske seinen langen weißen Flausrock trug, auf den ihm sein kleines Weib einen großen goldenen Stern auf dem Rücken genäht hatte, mußte die Berge von Kuchen, die die Königin der Nacht auf Schüsseln lud, auf die verschiedenen Tische verteilen. Er trug eine weiße Zipfelmütze auf dem Kopf, die als Troddel einen Stern hatte, und so war der Herr Rat ein billig hergestellter Abend- oder Morgenstern.

Und bald saßen sie alle und schwatzten und wärmten sich und tauchten ihren Kuchen in den Kaffee.

Die Försters saßen auch alle mit am Tisch.

»Teufel auch,« rief der Apotheker, »wenn das nicht gemütlich ist!« Und er stieß mit seiner Kaffeetasse links und rechts an und dienerte dabei.

Heinrich Strobel hatte einen jungen Menschen neben sich sitzen, der allen, wie es schien, fremd war, und den er den Förstersleuten als Herrn Friedrich Herzlieb vorstellte; »ein Verwandter von der kleinen Mienchen Herzlieb in Jena, die ich vergangenes Jahr gemalt hab',« sagte er. »Ich hab' ja von ihm erzählt.

»Er ist mein Gegenstück in allen Dingen,« dabei faßte Heinrich Strobel das Gegenstück am Kragen. »Seht her, auch in Hinsicht des Mammons. Weiter: arbeite ich wie ein Pferd, er spielt nur und bringt mehr fertig wie ich. Ich bin borstig,« damit streckte Heinrich Strobel seinen unglaublich starr aufstrebenden Haarschopf vor, »er ist ein Karnickel an Zartheit der Behaarung.

»Aus mir machen sich die wenigsten was, die Frauenzimmer gar nichts – bei ihm ist das anders.

36 »Ich habe ihn mir zur Ausgleichung nach Weimar kommen lassen.

»Er geht unten bei Excellenz Goethe ein und aus, so ein Grünschnabel und ich könnte darüber verrecken, wenn ich mir in den Kopf gesetzt hätte, auch einmal so einer Ehre teilhaftig zu werden.

»Na, ich gönne dir's! Und hiermit überliefere ich euch diesen Herzbruder und Seidenhasen. – Ich denke, daß ich selten mehr ohne diese Menschenspecies heraufkommen werde, weil wir eben Ergänzungsstücke sind.«

»Die Sache sieht anders aus, wie Strobelmeier sagt,« unterbrach ihn der junge Mensch mit einer leichten Liebenswürdigkeit, »er ist nämlich mein Herr und Meister.«

»Welche von beiden ist nun deine Braut, Strobelmeier?« frug er unvermittelt und blickte auf Schlimpimperlein und Ludschevadel, die eben mit einer Ladung Tassen an den Tisch traten.

»Rate,« sagte Heinrich Strobel.

Der Kamerad legte die Arme auf den Tisch und schaute auf beide Mädchen. Er gehörte zu den Menschen, bei denen der Hals richtig auf dem Rumpf sitzt und der Kopf wieder sein und künstlerisch, nicht grob zugehauen am Hals ansetzt, wie sich's eigentlich gehört. Es ist alles vortrefflich an ihm gebildet, in schönster Ordnung. – Etwas Weiches, Lässiges ist über die ganze Gestalt ausgegossen. Seine Lippen sind auch weich, sybaritisch, in seinen Augen liegt etwas Lebendiges. Er ist blond.

»Strobelmeier,« so nannte er seinen Freund, »ist es die Kleine?«

»Reingefallen,« lachte Strobel. »Wann lernst du mich kennen!«

»Ich denke die Gegensätze.«

»Aber heiliger Strohsack, den Gegensatz doch nicht heiraten, Junge, den muß man jeden Augenblick wieder los werden können, wie wir beide einander, zum Beispiel.«

»Also Sie, Demoiselle,« wandte er sich an Anna, »Sie werden diesem Lebenskünstler angehören?«

»Wie denn, Lebenskünstler?« frug Ludschevadel – wie nicht angenehm berührt von der Art des jungen Menschen.

»Lebenskünstler, freilich Lebenskünstler, wissen Sie 37 vielleicht, wie er sein Geld aufbewahrte, als wir miteinander in Dresden studierten, Demoiselle.«

»Wenn er nämlich eins hatte,« warf Heinrich Strobel dazwischen.

»Das vorausgesetzt. – Da hat er's in der ganzen Stube verstreut zwischen die Betten geschmissen, unter das Bett, auf den Ofen, in den Ofen, in die Asche, zwischen die Möbel, überall hin, und wenn er ein Geld brauchte, hat er gesucht und gewirtschaftet und ist auf allen vieren herumgekrochen – aber so kam nie die Zeit, daß er mit gutem Gewissen hätte sagen können: Ich hab' wirklich nichts mehr, denn irgendwo konnte immer etwas noch stecken. – Und wissen Sie, wie er damals seine Abendsuppe sich kochte? Er hatte so etwas, das er seinen Apparat nannte, einen Henkeltopf an einem Bindfaden, den hing er an einen Nagel, und der Nagel steckte in einer Kiste, die auf seinem Tisch stand, und unter den Topf stellte er sein Licht und bei dem Licht, das kochen und leuchten mußte, hat er gearbeitet – und wie gearbeitet. – Wissen Sie denn das auch noch nicht?« frug er eindringlich.

»Nein,« sagte Ludschevadel und hatte sich auf einen Stuhl niedergelassen und sah mit eigentümlich bewegtem Ausdruck auf ihren Bräutigam, der gleichgültig dasaß, als wenn's ihn nichts anging. »Das ist kein Mensch, der Strobelmeier,« fuhr der Kamerad fort – »das ist kein Mensch! Da hat er gar nichts erzählt. Auch nicht, wie er geheizt hat?«

Ludschevadel schüttelte den Kopf.

»Es war gehörig kalt, Demoiselle, die Fenster waren hinaufgefroren und wir sitzen bei ihm, in seiner Bude, vier Stock hoch unter dem Dach. Er ist ganz wohlgemut; daß es ein Ding wie Heizen gibt, fällt ihm gar nicht ein.

»Da schaut er uns mit einmal an: ›Ihr habt wohl kalt – wie?‹ ›Ich glaub' schon,‹ sagt einer und schüttelt sich.

»›Wart, das werden wir gleich haben,‹ meint der Strobelmeier, kriecht unter den Tisch und holt einen uralten Pappdeckel vor. – Jetzt schlägt der Strobelmeier Feuer und zündet seinen Pappdeckel im Ofen an. – ›So, nun haben wir's gemütlich!‹ meint er. Und ich sag' Ihnen, Demoiselle, 38 wir hatten es gemütlich, da war keiner, der die Herzlosigkeit gehabt hätte, noch weiter zu frieren.

»Und wieder einmal war ein armer Teufel bei ihm auf der Bude krank geworden, da hat er nachts um Zwölf, weil es auch bitter kalt war, ein altes zerfallenes Faß aus dem Hof vier Stock hoch heraufstibitzt und wollte damit heizen, macht aber so einen greulichen Spektakel, weil die Faßdauben nicht ohne weiteres auseinander wollten, daß er das ganze Haus aufweckte.

»So geht's, wenn man Luxus treibt,« sagt er da.

»Er war eben kein Mensch. Es konnte ihm nichts etwas anhaben.«

Da reichten sich die beiden Verlobten die Hände – und schauten sich beide an, als wollten sie sagen: »Wir, wir verstehen einander,« und in den Augen der Braut lag so ein unendliches Vertrauen so offen und ehrlich ausgesprochen – und Heinrich Strobel versank in diesen vertrauensvollen Blick. Er schien ihm gut zu thun.

»Mir ist wohl,« sagte er zu seinem Kameraden trocken und ruhig.

»Das mag eine feine – feine Geschichte sein, die du da eingefädelt hast,« meinte der Kamerad.

»Eine feine, haltbare Geschichte,« antwortete Heinrich Strobel.

Schlimpimperlein war, während die drei miteinander sprachen, aufgestanden und hinausgegangen.

»Wo ist denn das kleine Wunder hin?« sagte Friedrich Herzlieb, als er nicht mehr sprach, und schaute sich um.

»Kleines Wunder ist gut,« meinte Strobel, für sich – halblaut.

Es währte nicht lange, da trat sie wieder ein. Sie hatte ihr Hauskleid abgelegt und war in das weiße Sommersonntagskleid geschlüpft, sah liebreizend in ihrer taufrischen Jugendlichkeit aus. An der Brust trug sie eine frische Rosenknospe und einen Resedazweig und einen Heliotropstengel. Die Blumen hatte sie von dem Winterblumenfenster der Försterin sich abgeknickt.

»O weh, dein Freund hat ihr gefallen,« sagte Ludschevadel leise zu ihrem Bräutigam, »der arme Vatter! Sie 39 ist noch so jung, die hätte gut noch warten können. Mir thut er selber leid, wenn er so bald allein ist.«

»Da kennst du aber den Vater schlecht, der läßt sich zweimal so eine Lehre wie gestern abend nicht geben, der wird froh sein, wenn sie geht,« sagte Heinrich Strobel.

»Da kennst du ihn nicht, Heinrich. Es ist etwas Eigenes. Wie sie ein ganz kleines Kind war, ist es schon so gewesen.«

»Gestern hat sie ihm einen Tritt versetzt, dünkt mich, an dem ich wenigstens genug hätte.«

»Aber Eltern, was ertragen die nicht mit ihren Kindern und bleiben ihnen doch gut.«

»Mütterchen,« sagte Heinrich Strobel freundlich, und dann: »Es ist aber doch kaum zu glauben, daß so ein Engelskind, wie sie jetzt so da steht, so ein hartes, rohes Herz haben kann.«

»Nimm du einmal so ein Jüngelchen oder ein kleines Mädchen, um es zu küssen, wenn es nicht will, da wirst du sehen, wie es schreit und zappelt und hat dann noch lang kein rohes Herz. So ist's bei ihr auch,« sagte Ludschevadel.

»Sie hat eine gute Schwester, das scheint mir das Beste an ihr zu sein,« sagte Heinrich Strobel.

Als Schlimpimperlein eintrat, hatten sich aller Augen auf sie gerichtet. Sie war ein kleines Wunder, das blütenjunge Weibchen, in seiner zierlichen Jungfräulichkeit mit dem runden weißen Gesicht, den braunen kühl blickenden Samtaugen.

»Von den Waltersmädchen ist doch eins schöner und braver, als das andre, von oben angefangen, der jüngste Käfer ist wirklich ein exquisites Frauenzimmerchen,« meinte der Apotheker. Es währte nicht lange, da wurden die Bänke und Tische an die Wände gerückt, der Fiedler stellte sich in Positur und die Masken schwirrten im Tanz untereinander. Alles tanzte, jung und alt.

Dazwischen wurde dem Jenenser, der in seinem Madeirafaß logierte, gehörig zugesprochen. Manche tranken ihn als Bowle, manche als Punsch und wieder manche verehrten ihn am meisten in Form eines derben Glühweins.

Die Försterin verstand ihn auf alle Art genießbar zu machen – und er that auch auf alle Art seine Wirkung. 40 Es war unsäglich gemütlich oben in dem einsamen verschneiten Rödchen.

Und mitten in dieser bürgerlich behäbigen Heiterkeit genoß ein junges schönes Paar die Glückseligkeiten der Jugend, schwenkte sich im Tanz und fühlte und sah nur sich allein.

Das alles geschah im Rödchen, in welchem vor dunklen Zeiten Doktor Faustus geboren war, im Rödchen, das über den Trümmern eines vergessenen Dorfes, über Gräbern vergessener Menschen aufgebaut und aufgewachsen war.

Zu Schlimpimperlein ist endlich das Glück und die Jugendlust heraufgekommen, sie brauchte sich deshalb nicht mehr nach Weimar hinabzubemühen – ihre unbeachtete Schönheit ist keine Last mehr, die Langweile ist weggewischt und sie selbst liebenswürdig wie ein glückliches Kind.

Sie ist es jetzt, die den Vater aufsucht und sich an ihn schmiegt.

»Das sollte man vordem wissen,« sagte der Förster zu Heinrich Strobel – »ehe man die Kinder auf die Welt setzt, glücklich kann man sie selbst nicht machen, das thun andre. Lieben thun sie uns auch nicht, Gott bewahre, das ist ganz etwas andres. Wenn es ihnen die Fremden wohlgemacht haben, fällt ein Brosamen für uns ab, und geht es ihnen nicht, wie sie wollen, kommt unsre Liebe ihnen erst recht armselig vor.

»So ein alter Mensch lernt nicht aus.«

Das Leben ging über den Förster hinweg, und er begann sich als Alter zu fühlen.

Die Jungen eroberten die Welt um ihn her.

Er verlegte sich, wenn er daheim saß, aufs Grübeln und wurde schweigsamer und teilnahmloser als sonst.

Er hatte da nichts mehr zu thun, wo er sich in seinem Eigentum, im unbestrittenen Besitz, geglaubt hatte. Wie Seifenblasen zerplatzte vor seinen Augen, was er für fest wie Felsenstein gehalten. Ganz anders sah alles aus, wie er geglaubt. Auf festem wohlgegründeten Boden hatte er zu stehen gemeint und wie es hell wurde, sah er, daß er auf einer treibenden Scholle stand, an der die Wasser von allen Seiten gierig fraßen, um sie bald ganz aufzulösen.

Er war nachdenklich geworden.

An Kraft hätte er es mit all dem jungen Volke 41 aufnehmen können. Er fühlte sich stark und gesund und mußte zurücktreten, andre machten sich breit.

Nicht nur im engen Hause war's ihm nicht wohl. Das weite Vaterland bedrückte ihn noch tiefer und schwerer und versank vor seinen Augen in Schmach und Knechtschaft.

Durch die Einflüsse des Lebens wurde aus dem mächtigen alten Burschen einer von den einsamen Menschen, den die andern nicht verstehen.

Die Försterin und die beiden jungen Paare aber freuten sich des Lebens.

Der Försterin ging es wohl auch nah, daß sie in absehbarer Zeit die Töchter hergeben mußte; aber es war auch ein gutes, zufriedenstellendes Gefühl, daß sie dieselben so sicher angebracht hatte. Sie war stolz darauf.

Alternde unversorgte Töchter im Hause zu haben, wäre ihr wie eine Schmach erschienen.

Lächeln mußte sie aber gar oft über die große Verschiedenartigkeit ihrer beiden Paare. – Das war unruhiges Blut, die beiden Jüngsten! Sie, die Kleine, wohl zwar nicht, die blieb die Kühle, aber der junge Herzlieb machte so viel Wesens von ihr und von seiner Liebe zu ihr, wie der Försterin noch nichts vorgekommen war. Und daß Schlimpimperlein sich alle Ueberschwenglichkeiten gefallen ließ, nahm sie doch wunder. Sie hatte ihre Mädchen so einfach und bescheiden erzogen, daß sie gemeint hätte, die Haare müßten sich der Kleinen sträuben bei dem Gethue. – Aber im Gegenteil, wie ein Götzenbild, das mit Behagen den Opferduft schnuppert, so ließ sie sich jede Vergötterung gefallen.

Er war von ihrer Schönheit, ihrem Liebreiz berauscht, so daß sein Freund Heinrich Strobel es liebte, ihn manchmal mit einer Bemerkung abzukühlen.

»Mein Gott, Junge,« sagte er ihm, als sie einmal miteinander vom Rödchen abends Weimar wieder zugingen, »so faß doch die Sache einfach auf, sie ist ein nettes Mädel, sie wird dein Weib, sie wird Kinder gebären, deinen Haushalt führen und ein altes Weib werden. Du siehst, die Sache wird im Sande verlaufen.«

»Strobelmeier!« rief der junge schöne Mensch. »Jetzt zum Teufel bleib mir mit deiner altbacknen Weisheit zu 42 Haus. Verschände mir das Götterkind da oben nicht,« er zeigte zum Rödchen zurück.

»Bleib mir mit deiner Ehe, deinen Kindern und Windeln vom Hals, deinen Hebammen und Pfarrern und Kindergeschrei – pfui Teufel.«

»Na, pfui Teufel – was denn pfui Teufel?« sagte Heinrich Strobel trocken. – »Du willst Familienvater werden, da kommen dir und deinem kleinen Balg da oben diese Sachen alle über den Hals!«

»Strobelmeier!« rief der junge Herzlieb, »ich erkenne dich ja gar nicht, ein Philister warst du doch weiß Gott nie!«

»Bin auch keiner.«

»Die Ludschevadel da oben macht dich dazu.«

»Lieber Junge,« sagte Heinrich Strobel ernst, »das bitte ich mir aus, – an die rühr' mir nicht – das verstehst du nicht. Es braucht auch kein Mensch zu wissen, was sie mir ist. Mit ihr spielen und es mit ihr treiben, wie mit einer Dirne – nein – das eben nicht. Sie soll mein Weib werden – der Freund fürs Leben. – –

»Ich habe dir's gesagt, wie's mit mir steht. Ich hab' mich durchs Leben würgen müssen; da oben,« auch er zeigte, wie vorhin sein Kamerad, zum Rödchen zurück, »da oben habe ich mein Lebensglück gefunden.«

Sie schwiegen beide.

»Aber verurteilen, dächte ich, solltest du's auch nicht, wenn ich mich an dem wundervollen Geschöpf freue, Strobelmeier.«

»Gewiß nicht. Aber es schadet auch nichts, denke nur manchmal daran, daß sie dein eheliches Weib werden wird, daß sie Mutter deiner Kinder wird.«

»Na natürlich wird sie das, der arme Narr,« sagte Friedrich Herzlieb; »aber weshalb soll ich ihr und mir das beste Glück damit verderben. – Oder meinst du vielleicht, mir ist's nicht ernst mit ihr, – Strobelmeier?«

»Nein,« sagte der, »das mein' ich nicht; – meint' ich's aber – ehe ich den Leuten, dem Förster oben, durch meine Schuld, weil ich dich brachte, so etwas anthun ließ, fiel einer von uns beiden, mein lieber Junge.«

»Wer denkt denn daran, du struppiger Kerl. Was stellst denn du dir vor? Totschlagen lass' ich mich lieber, 43 und jetzt halt dein Maul, Pfaff, und laß mich mein schönes Kind feiern, wie's mir beliebt.«

»Jawohl,« sagte Heinrich Strobel und summte vor sich hin:

»Und schrieb mit Tinte
dem Kinde
'nen Liebesbrief,
drei Ellen lang
mit Tinte.
Dem Kinde
Juchhe!«

So gingen sie miteinander.

Friedrich Herzlieb aber feierte sein schönes Kind weiter wie's ihm beliebte. Da er der Sohn wohlhabender Eltern war, fehlte es ihm nicht an Mitteln, seine Liebste zu schmücken und zu erfreuen. Ein Bote lief jeden Tag von Weimar zum Rödchen hinauf mit Blumen und Briefchen, Bändern und allerhand Sächelchen.

Einmal kam er selbst und brachte ein wunderschönes Halsband mit, zog es aus dem Futteral und wollte es seiner Braut um das schlanke Hälschen legen.

Der Förster aber, der zugegen war, legte dem jungen Mann die Hand auf die Schulter.

»Nein, mein Bester, das steck' Er wieder ein, ist sie einmal Euer Weib, dann hab' ich nichts dagegen.

»Mein Mädchen darf das nicht. Mir behagt's nicht, wenn eine Braut sich so beschenken läßt. Punktum.«

Es war Mai geworden, ging auf den Juni zu. – Das Rödchen war in voller Pracht, die Leute zogen hinaus, um sich am jungen Grün zu freuen, an dem Duft der Birken, am Garten der Förstersleute, der im Blütenschmucke prangte. Es war jetzt alles aufgebrochen, die Pfingstrosen, rote und rosa, Nachtviolen, Iris in allen Farben, Stiefmütterchen und Vergißmeinnicht, Primeln und Narzissen, die Beerensträucher trugen ihre goldgelben Träubchen, die Apfelbäume blühten noch und hatten die rosigen Blumenschälchen weit geöffnet, und die dichten dunklen Gaisblattlauben dufteten mit hundert Wohlgerüchen. Das hohe Lied des Frühlings in tausend frohen, neu erwachten Tönen 44 und von jungen Düften begleitet, stieg von der Erde gen Himmel auf.

Da war's im Rödchen schön und da hatte die Försterin alle Hände voll zu thun, um ihre Gäste zu befriedigen, und auch die Mädchen hatten zu helfen von früh bis abends. Am Vormittag Kuchen backen, Kaffee brennen und alles für etwaige Gäste herrichten und nachmittags die Gäste bedienen und mit ihnen plaudern.

Die Zeit der Lindenblüte war jetzt gekommen und die Zeit der Rosen, der Centifolien.

Die Lindenblüte wurde, wie wir wissen, seit Menschengedenken mit Tanz und Fiedel unter dem alten Baum, dem Stolz des Rödchens, der uralten Dorflinde, gefeiert. Auch dieses Jahr.

Das ließen sie sich nicht nehmen, die Leute, so traurig es im deutschen Lande aussah.

Seit zwei Oktobern war die Kirchweih um Weimar ausgefallen, aber jetzt zur Lindenblüte, da sollte etwas nachgeholt werden.

Das einsame Haus im Rödchen hatte seine Gerechtsame, die gleichsam wie an ihrem letzten Halt dort hängen geblieben waren, und die dem verschwundenen Dorfe, das im Bruderkriege zerstört wurde, einst eigentümlich gewesen waren. Der »Heimrich« oder das Hegemahl, das wurde da oben gefeiert, seit Menschengedenken und weit über Menschengedenken hinaus. Das war ein Fest, das noch von alter Gerichtsbarkeit herrührte, die auf eingehegter Wiese einst stattfand, einer Feldgerichtsbarkeit – und die mit einem Mahle, dem Hegemahle, schloß und dieses wieder gegen Morgen, wo noch einmal frisch ausgeschenkt und kalt aufgeschnitten werden mußte, dem »Hahnewackel«, dem Ende des Heimrich. »Heimer« aber hießen die Bauern, die, die ein Heim haben.

Um Weimar, unter alten Linden, da findet man noch hie und da uralte Steintische, die das Volk jetzt »Heinrichstische« nennt, Heimrichstische, aus alten Irrblöcken gehauen, an denen einst Gericht gehalten wurde.

Ein Heimrich, ein Hegemahl sollte nach altem Brauch im Rödchen wieder gefeiert werden, das ließ sich jung und altes Volk in Weimar nicht nehmen. Unter der blühenden 45 Linde mußte getanzt und an den langen Tischen vor dem Försterhaus mußte getafelt werden bis zum Hahnewackel und wenn es im deutschen Lande noch trauriger, schmachvoller und hoffnungsloser ausgesehen hätte. Die weimarischen Bürger waren behagliche Leute, konnten sich nicht fortwährend ereifern und beklagen. Man muß die Dinge nehmen, wie sie sind, und damit gut.

Der Förster fand, es wäre wahrlich nicht an der Zeit, Freudenfeste zu feiern und unnütz Geld auszugeben, wo Kriegskontribution das Land schwer drückte, Fremde sich breit machten und deutsche Fürsten und Bürger Knechtsgestalt angenommen und keiner so hoch im deutschen Lande stand, der nicht demütig den Rücken vor dem großen Tyrannen und seinen Schergen gebeugt hätte.

Aber so ein geplagter Bürgersmann will auch einmal aufatmen, und was geht ihn schließlich die Demütigung der Großen an. Er muß hart genug an Gut und Leben darunter leiden.

Hol's der Teufel! Er will aus dem Elend heraus. Er will ein freier Mensch sein, der sich um nichts schert, als um sein eigen Haus und Hof und Haut. – Er will heraus und wär's auf ein paar Stunden. So kam es, daß mitten im Juni, wo die Erde voller Rosen strahlt und duftet und die Linden blühen, die Bienen schwärmen und die ganze Natur im Festkleid prangt, das sie auch angelegt, ohne nach Krieg und Frieden der Großen zu fragen, die Ackerbürgersleute aus Weimar ein Frühlings- und Freudenfest oben im Rödchen feierten, auf dem es lustig, so ausgelassen und reichlich zuging, als lebte man im tiefsten Frieden und nicht in Not und Gefahr.

Am Nachmittag begann die Herrlichkeit, da saßen sie an den Kaffeetafeln. Am Ehrenplatz der alte Kaufmann Zunkel, mit dem hohen Rohrstab, der einen gewaltigen Silberknauf hatte. Den Stab mußte er als Ehrenältester beim Hegemahl tragen, mußte so den ersten Tanz anführen, den Stab hochheben, wenn ein Trinkspruch gehalten wurde. Er war es auch, der Streitigkeiten zu schlichten hatte. So hatte sich auf ihn die sagenhafte Macht des hohen Richters der Feldgerichte, durch Jahrhunderte abgeschwächt, übertragen.

Ihm stand auch das schöne Recht zu, zwischen Braten 46 und Nachtisch, die jungen Mädchen, die am Hegemahl teilnahmen, zu küssen, wozu er einen Umgang um die Tafel halten mußte.

Mit feierlichem Kaffeetrinken begannen sie und tanzten dann bei hellem Sonnenschein unter der blühenden Linde; Vogelsang und Bienengesumme in der golddurchwirkten Krone über ihnen.

Die Waltersmädchen waren heute von allen Verpflichtungen freigesprochen. An ihrer Stelle waren Mägde aus der Stadt mit herausgebracht, die die Bedienung besorgten. – Beide Bräute trugen weiße Kleider und Schlimpimperlein hatte auf dem schönen Kopf einen Kranz von Centifolien, der ihr die Augen beschattete, Ludschevadel trug nur ein bescheidenes Rosensträußchen am Busen.

Schlimpimperlein, am Arme ihres Verlobten, war ein liebreizender Anblick. Die zarte volle Gestalt von dem engen dünnen Kleid umgeben, die zärtlichen runden Arme, das feine Hälschen, die zarten Schatten des jungen Busens.

Sie war ein Anblick, der grünem und dürrem Mannsvolk zu Kopf stieg – und sie hätte keinen Augenblick zu Atem kommen können, wenn ihr Verlobter sie einem einzigen zum Tanze gegönnt hätte; aber er hielt sie am Arm und im Arm den ganzen Abend.

Das war der Försterin recht und sie lobte ihn, denn ihr schien die Schönheit ihres Mädchens für ein Bürgerskind nicht recht am Platz.

Sie hätte ihr gern etwas angelegt oder abgenommen, – und doch schlug ihr das Herz vor Freude zwischen Braten und Kochen und Schelten und Fragen und Antreiben der fremden Mägde, daß sie ein so schönes Kind besaß. – Ludschevadel war eine liebe Seele, die niemandem besonders auffiel und mit allen gut auskam. Sie tanzte mit jedermann, mit alt und jung und sprach mit allen anmutig und bescheiden. Wenn sie zu ihrem Heinrich zurückkehrte, schaute er sie glücklich und zufrieden an und sie ihn strahlend, und sie saßen miteinander und atmeten den Lindenduft ein und hielten sich an der Hand und schauten auf das Getriebe, das zuerst im Sonnenschein sich tummelte und auf das der Mond später sein mildes Licht warf und über das Fackeln- und Windlichterschein zuckte.

47 Am Abend ging das rechte Leben erst an, da kam das eigentliche Hegemahl an die Reihe, und nach dem Trinken und Essen erwachten die Lebensgeister. Die herrliche Sommernacht hüllte alle ein und drängte sie zusammen auf den erleuchteten Platz unter der Linde. – Und in diesem hellen Kreis wimmelte es wie ein Mückenschwarm, der ums Licht schwärmte. – Nur hie und da fiel ein heißgetanztes Pärchen aus dem glänzenden Zauberkreise ab und wandelte im Dunkeln.

Und wie sie sich schwangen und wie sie lachten und flüsterten und wie die Herzen schlugen, und der Wein die Sinne belebte und trübte! Entfernt im dichten Gebüsch sangen die Nachtigallen, denen Liebessehnsucht die kleinen Herzen sprengen wollte.

Dem Förster war's nicht wohl zu Mute. Sie kamen ihm so erbärmlich vor, die gedankenlosen Leute – wo Tod und Krieg und Schmach und Not über die Erde hinzog und alles mit sich riß, vernichtete, zerstampfte, wo keiner seines Lebens und seines Gutes sicher war, wo Könige in den Staub getreten wurden und jeder Mutter junger Sohn sein Blut einem frechen Eroberer ohne Gnade und ohne Ehre hinopfern mußte.

Er fühlte sich einsam, verlassen in seinen heiligsten Gefühlen auch von den Seinen. Seine beiden jüngsten Liebesleute tanzten mit unversieglichen Kräften.

So aneinander geschmiegt, in geheimnisvoll dämmriger Nachtluft, einsam unter Menschengedränge dahinzufliegen, den nahen Atem zu fühlen zwischen Blütendüften und die jungen warmen Körper, und jede Regung, Liebesluft und Liebesglut und jede Bewegung Zärtlichkeit und Schönheit und Jugend – das steckt die Sinne an allen Enden zugleich an, wie eine feindliche Stadt, das flackert und loht, das möchte in Flammenglut die ganze Welt begraben. – Und dieses Mückenpärchen fiel auch vom Lichtkreis ab.

Die Kleine hing so matt wie ein gehetztes Wild am Arme ihres Liebsten, der Rosenkranz auf ihrem Haar duftete, – die Rosen hatten sich warm und welk ihr tief in die Stirn gesenkt. Dem jungen Bräutigam vergingen die Sinne. Ihr kühles Herzchen hatte ihn oft irregeführt; er hatte sich erschöpfen müssen in Zärtlichkeit, Aufmerksamkeit, um ein 48 gnädiges Lächeln seines schönen kleinen Götzen zu erhaschen. – Und jetzt, welches Wunder! – jetzt war er Herr und Meister, zitternd, mit klopfendem Herzen lag sie in seinen Armen.

Jetzt fuhr sie zusammen. Das waren Schritte! – Gleichgültig kühl legte sie ihren Arm in den seinen und ging mit ihm, und sie begegneten Heinrich Strobel, mit dem sprach sie harmlos und liebenswürdig, als hätte kein Windhauch ihr die Seele bewegt. Ihrem Begleiter aber war, als würde ihm der Hals zugeschnürt, er hätte kein Wort hervorbringen können.

»Was für eine kleine süße Hexe war sie doch!«

Friedrich Herzlieb wollte heute nicht mit seinem Strobelmeier vom Rödchen hinabgehen, wartete nicht bis zum Morgengrauen bis beim Hahnewackel das Fest sich neu auflebte, sondern ging früher, als die Sommernacht dunkel, nachdem der Mond untergegangen war, über der Erde lag. Als er von seiner Braut Abschied nahm, flüsterte er mit ihr und frug sie bang und erregt und sie erwiderte ihm flüsternd und berührte leicht seine Lippen mit einem Küßchen.

»Aber du, tanz mir nicht – tanz mir nicht mehr,« sagte er, da lachte sie und er stürzte davon in die dunkle Nacht hinaus.

»Wo ist er denn?« frug Heinrich Strobel, als er Schlimpimperlein allein auf dem Tanzplatz stehen sah.

»Fort ist er gelaufen.«

Da lächelte Heinrich Strobel.

»Wie wär's denn mit 'nem Schwagertanz?« meinte er, »den wird er doch erlauben? Wir sind einander ungefährlich, wir beide, denke ich.«

»Ich denke es auch,« sagte sie kühl, »der Herr Schwager mag mich nicht besonders.«

»Wenn Sie brav sind, Schlimpimperlein, mag ich Sie schon, weshalb nicht – schon um Ihrer Schwester willen.«

»Sehr schmeichelhaft,« sagte Schlimpimperlein.

»Und wenn Sie an Ihrem Vater gut machen, was Sie Böses gethan haben!«

»Na, was denn?« frug Schlimpimperlein ungeduldig.

»Damals, im Winter, den Abend eh' ich den Herzlieb brachte.«

49 »Daß ich nicht wüßte.«

»Als der Vater Ihnen das Märchen erzählte.«

»Ach gehen Sie, Herr Schwager, das ist nett nachträglich, da kann sich meine Schwester freuen, wenn Sie so sind. Der Vater hat das längst vergessen, mein Gott!« Sie war sehr ungeduldig.

»Das hat er nicht vergessen, Schwägerin, vielleicht vergißt er's sein Lebtag nicht. – Sie müssen das gut machen, Ludovika, mir hat's schon längst auf dem Herzen gelegen. Heut sag' ich's Ihnen.

»Diesen Vater, daß Sie den kränken konnten!

»Machen Sie's gut. Und nun den ›Schwagertanz‹.«

»Er möchte nicht, daß ich tanze.«

»So,« sagte Heinrich Strobel lächelnd, »Sie böses Kind, vorhin wollten Sie doch, und nun weil ich Sie gescholten habe, möchten Sie mich strafen.«

»Nein, er will es wirklich nicht.«

»Ich bin da ausgeschlossen, meine Beste, bei dem Verbot. Sagen Sie ihm, Sie hätten mit dem Schulmeister getanzt, das ist ungefährlich.«

Sie tanzten den Schwagertanz miteinander.

»Hast du mich mit dem kleinen Affen gesehen?« frug Heinrich Strobel seine Braut. »Wie nahmen wir uns aus?«

»Nicht besonders, mein Herr Liebster; wir sehen schon besser miteinander aus, glaub' ich.«

»Das wollt' ich meinen. Sie ist ein Weibchen, wie ich dir sagte, geradeso ein Weibchen, wie ich damals meinte, eine Katze. – Was weiß ich! Prost Mahlzeit, wenn bei Herzliebs einmal die Herzliebe verraucht und die Tasse Schokolade ausgetrunken sein wird, möcht' ich um die Welt nicht in Friedrichen seiner Haut stecken.

»Jetzt ist der arme Teufel so verliebt, daß er davongelaufen ist. Vor so einer fressenden Liebe bewahre einen der Himmel!«

Heinrich Strobel und Ludschevadel hielten den Hahnewackel aus bis zuguterletzt.

»Auch des Lebens Hahnewackel miteinander, so Gott will, bis ans Ende,« sagte Heinrich Strobel, und Anne Ludschevadel gab ihm die Hand darauf.

»Wenn die Kinder,« fuhr er etwas weitsichtig fort, 50 »einmal alle verheiratet und untergebracht sind, da haben wir beiden Alten dann unsern Hahnewackel, dann leben wir noch einmal auf, gerade wie das Hegemahl.« Das Bild gefiel ihm und er spann es aus und variierte es noch weiter, und seine Braut hörte ihm friedlich und glücklich zu.

Die Nacht, die auf diese festlich durchlebte folgte, erwachte Ludschevadel, sie schlief mit Schlimpimperlein in der Dachkammer zusammen. Der Mond schien durch das Kappfenster in einem breiten Strahl in das Zimmer hinein. Die alte Schwarzwälder Uhr tickte, und Ludschevadel konnte nicht wieder zum Einschlafen kommen. Sie dachte an Heinrich Strobel, an das schöne Fest, an ihr tiefes stilles Glück, an die Zukunft, die so schön und sicher vor ihr lag, an ihr künftiges Heim, an ihre Aussteuer, an alles, was sie an der Seite des geliebten Mannes erwartete. Wie wollte sie es ihm hübsch und behaglich machen! Sie lächelte dabei, als sie sich's vorstellte, wie gut er's haben würde; die schwere Jugend sollte ihm vergessen gemacht werden.

Mit einemmal aber hatte sie das unbestimmte Gefühl, als wäre sie allein im Zimmer, als wäre Schlimpimperlein nicht da. »Ludovikchen,« rief sie vorsichtig, um sie nicht zu wecken, und doch so laut, daß die Schwester es hören konnte, im Fall sie auch wach läge.

Sie erhielt keine Antwort – da lauschte Ludschevadel noch ein Weilchen, erhob sich dann und schaute nach dem Bette der Schwester, da war es wirklich leer, und wie von ungefähr berührte sie die Kissen, die waren kalt. Schlimpimperlein mußte schon lange aufgestanden sein. Daß sie nichts gehört hatte, sie waren doch miteinander schlafen gegangen!

Einen so sonderbaren Schreck empfand sie.

Es war ihr, als müßte Schlimpimperlein etwas geschehen sein. Sie schlüpfte in Rock und Schuhe, horchte zur Thüre hinaus, da war alles dunkel und still im Haus. An der Schlafstube der Eltern horchte sie, weil sie meinte, Schlimpimperlein könnte zur Mutter gegangen sein, wenn ihr vielleicht nicht wohl war, auch da war alles still. – Im Wohnzimmer war sie auch nicht, – im ganzen Hause nicht. Wo war sie denn? In die Nacht hinausgegangen?

51 Ludschevadel verstand es nicht, weshalb sollte sie denn das gethan haben?

Sie öffnete die Hausthür und trat in die milde Juninacht hinaus. Der Jelängerjelieber und die Lindenblüten dufteten im Mondenschein. Es war eine köstliche Nacht.

»Ludovikchen!« rief Ludschevadel leise. »Ludovikchen!« Es war ihr so bang ums Herz.

War's ihr nicht, als wenn sie Schritte jetzt hörte, eilige Schritte? Nein, jetzt war's still.

Eine Nachtigall hub an zu schlagen: Tü – tü – tü – »Ludovikchen!« rief sie jetzt lauter. Wo war die denn um Gottes willen?

Anne Ludschevadel ging weiter bis an den Garten.

Wie der Mond so unbeschreiblich über allen Sträuchern und Blüten lag! Wie alles undeutlich schimmerte und eine Nachtigall sang fort und fort: Tü – tü – tüüü.

Wie heilig schön war alles. Schöner noch als am Tage. – Aber die Nacht ist nicht für die Menschen gemacht, die sind da beiseite geschafft. Tags über gehört ihnen die Erde, nachts nicht mehr, nachts gehört sie sich selbst an. So etwas empfand Ludschevadel, als sie scheu den nächtlichen Garten betrat.

»Ludovikchen! Ludovikchen!« rief sie zaghaft.

Und wie erschrak sie, als die Schwester aus einer Laube trat und ihr entgegenkam.

Sie wußte gar nicht, was sie sagen sollte.

»Nun, weshalb kommst du denn?« frug Schlimpimperlein.

»Was thust du denn hier?« frug Ludschevadel endlich. »Ich fand oben das Bett leer und hab' dich überall gesucht.«

»Das war nicht nötig, ich geh' nicht verloren.«

»So allein in der Nacht – da draußen, das hast du nie gethan. War dir denn nicht wohl?«

»Mir war wohl.«

»Na, komm.« Anne Ludschevadel wollte sie an der Hand fassen.

»I, laß mich!« sagte Schlimpimperlein ärgerlich.

So gingen die beiden Schwestern, ohne wieder miteinander zu reden, und legten sich zum zweitenmal diese Nacht schlafen.

52 Ludschevadel aber war es bang zu Mute.

»Hast du denn die Schritte nicht gehört, die ich hörte, als ich rief?« frug Ludschevadel nach einer langen Weile, bekam aber keine Antwort, denn Schlimpimperlein schlief fest und ruhig.

Der Sommer verging leise abnehmend, wie er leise ansteigend gekommen war, die Blätter färbten sich, der scharfe Herbstduft stieg aus dem feuchten gefallenen Laub auf.

Oben auf dem Rödchen wurde eifrig genäht und zugerichtet, denn zu Mitte Oktober war die Hochzeit der Jüngsten. Friedrich Herzlieb hatte auf nichts zu warten, es waren wohlgeordnete und glückliche Verhältnisse, in denen er lebte.

»Gönnen wir's ihnen,« sagte Heinrich Strobel zu seiner Braut, »bei uns geht's ein bißchen langsamer, aber was lange währt, wird gut. Und so zwei Mädchens auf einmal verlieren, das würde dem Alten jetzt hart ankommen.«

»Jawohl, gönnen's wir ihnen, du goldenes Herz,« sagte Ludschevadel.

»Der Alte gefällt mir jetzt gar nicht mehr,« meinte Heinrich Strobel darauf. »Daß er sich so ganz in die Politik hineinvergräbt, ist nicht gut. Das sollte keiner thun, der nichts dabei mitzusagen hat. Befriedigung kann's doch nimmer geben – und es frißt ihm am Herzen, dem braven Menschen. Wenn man ihn doch davon abbringen könnte, du.«

»Das ist eins mit ihm, Heinrich.«

»Wenn wir viele solcher Förster Walter hätten, sollte es dem in Erfurt doch verdammt schwer werden, das solltest du sehen, Anna, das würde anders werden.«

»Freilich,« sagte Anna.

»Solche Schmachtlappen! Ich kann's mir vorstellen, wie das so einem Kraftmenschen wie unserm Alten in die Galle fährt. Es ist ein elendes Schauspiel; das wird man in hundert Jahren erst überschauen. Jetzt ist zu viel darum und daran, weißt du, zu viel zu sehen und zu hören. Es ist so eine angenehme Aufregung dabei – und sie schwärmen im Grunde für den Riesenteufel. Er strömt Leben aus, wie ein Gewitter. Sie grausen sich auch wie bei einem Gewitter, aber es prickelt ihnen doch in den Nerven – und 53 das französische Theater! Ich glaube, in Weimar gibt's schöngeistige alte Weiber beiderlei Geschlechts, die das ganze deutsche Reich um ein Freibillet zu einer Vorstellung geben, in der sie Talma hören können, und es segnen, daß Napoleon gekommen ist und bei uns festsitzt, weil er Talma mitgebracht hat. – Das ist schon ein Opfer von tausend und aber tausend Leben wert. So klar denken sie's natürlich nicht, aber sie fühlen etwas Angenehmes, – als wäre Paris zu uns gekommen. Und Paris ist Paris! Weißt du, Vaterlandsliebe ist etwas – wie soll ich sagen – sie ist doch eine Art Treibhauspflanze, in Gottes freier Natur wächst sie nicht. – Es ist eine gezüchtete Pflanze. Weiter als ihr die Wurzeln reichen, geht auch einer natürlichen Menschenpflanze der Erdboden nichts an.«

Heinrich Strobel hatte hiermit eine seiner längsten Reden, die er je von sich gegeben, gehalten.

»Du solltest doch einmal mit dem Vater so sprechen,« sagte Anna.

»Thu' ich auch, hab' ich auch gethan – oft; aber der Alte donnert mich jedesmal so nieder, vor dem bin ich wie eine Pfütze im Vergleich zu einem Strom. Dem Alten kommt's gar nicht vor, als ob ich gerade in so ein Horn tute, wie er eins hat. Es ist ihm viel zu nüchtern. Ich glaube, er meint, ich rede das Gegenteil von dem, was ich rede, so wild wird er jedesmal.

»›Ihr verdammten Lumpenhunde‹ heißt's da, so in dem Stil: ›Ja, das glaub' ich, das wär' euch recht!

»›So eine Saugesinnung, und das nennt ihr Schöngeisterei? Dafür wollt ihr euer Vaterland verraten. – Ein Künstler hat doch nie und nimmer ein Herz im Leib. Da sieh dir diese Kumpane unten in Weimar an. Ist da ein warmer Tropfen Blut zu finden? Was kauf' ich mir denn für euer bißchen Faselei! Geht mir, ihr eiskaltes Volk!‹ und so weiter – aber es schafft ihm Erleichterung. Und manchmal muß man die Schleusen bei ihm öffnen.«


Es hieß zu dieser Zeit, daß Karl August dem Kaiser Napoleon ein großes Fest in Weimar geben würde, und 54 alle Köpfe und Mäuler waren voll davon – ein Fest – das war etwas!

Die Fürstlichkeiten würden alle von Erfurt nach Weimar kommen. Zwei Kaiser, vier Könige, acht regierende und nicht regierende Herzöge, deutsche, französische, russische Matadore und Magnaten.

All diese Majestäten, Hoheiten, Durchlauchten, Excellenzen, alles drunter und drüber nach Weimar!

Was würde es da zu sehen geben! Großer Allmächtiger! Das war ja, um sich neue Augen und Ohren und einen neuen Anzug zu bestellen! Das war etwas für die Weimaraner!

Talma und das ganze französische Theater sollte auch kommen. Herrlichkeit über Herrlichkeit!

Es war eine großartige Aufregung überall zu spüren. Man sprach von Dingen, die alles Dagewesene überstiegen. Es gab Bürger, die ihre Häuser abputzen ließen. – Man wollte Unerhörtes aushecken; aber über Illumination, Stadtbekränzung, Bälle für alle Gilden, Aufzüge, Einholungen, weiße Jungfrauen kamen sie doch nicht hinaus. Die Phantasie gab nichts weiter her. Aber sie fühlten's, das war gar nichts. – Na, der Hof wird schon etwas ausfindig machen! Aber was? Es gab Leute, die den ganzen Tag auf den Straßen herumliefen, um irgend etwas zu erfahren, was sie weiter tragen könnten. Es war in Weimar eine Stimmung, als fielen alle Feste auf Gottes Erdboden mit einemmal auf einen einzigen Tag zusammen und man stände am Vorabende dieses Monstrefesttages.

Die, die gebrannt hatten, einmal nach Erfurt zu kommen und nicht gekommen waren, konnten sich nun die ganze Herrlichkeit in der Nähe nach Herzenslust begucken. Es fiel ihnen nur so in den Schoß. Aber noch wußte immer noch niemand etwas Näheres, womit die Ueberschwemmung höchster und allerhöchster Herrschaften eigentlich gefeiert werden sollte. Hoftafel und französische Komödie, das war abgemachte Sache.

Hofball natürlich auch – aber das Allgemeine – das Allgemeine! – das, wobei es etwas zu sehen und zu hören gab, das war es, was alle Gemüter bewegte. – Und schließlich erfuhren sie's. Eine Treibjagd auf dem Ettersberg – und den andern Tag die Besichtigung des 55 Schlachtfelds bei Jena. Napoleon wollte es dem Kaiser Alexander von Rußland zeigen und dort eine Hasenjagd abhalten. Und es wurde an einem Triumphtempel mit Säulen, Altären, Guirlanden gebaut, von dem aus er bequem alles seinem hohen Vetter zeigen konnte. Die Säulen sollten mit Blumen reich geschmückt sein, und die Besiegten, Niedergetretenen bauten höflich und unterthänig, wie es zu jener Zeit gut geschulten Deutschen zukam, diesen hübschen Pavillon, von dem aus er ihr Feld der Schmach behaglich übersehen konnte. Sie schmückten ihn liebevoll mit Blumen, Sprüchen und Guirlanden, wie einen Weihnachtsbaum, waren so voller Festerregung, daß sie nichts hörten und nichts sahen, und es gab gar manche, die sich durchaus nicht recht klar wurden, an was sie eigentlich bauten.

Der Förster oben im Rödchen war über die allgemeine Feststimmung und über die sinnige Hasenjagd wie ein Rasender. Die Leute trugen ihm diese Feststimmung hinauf, tranken nachmittags in der Oktobersonne unter den bunten blätterregnenden Bäumen ihren Kaffee und schwadronierten. Der größte Kummer, den sie bei der ganzen Angelegenheit laut werden ließen, war schließlich, nicht alles zu sehen zu bekommen.

Die Leute, die am Erfurter Thor herumwohnten, wurden glücklich gepriesen und fühlten sich auch als etwas ganz Besonderes. Eine unbezwingliche Heiterkeit und Schaulust durchströmte alle Herzen.

Vom Förster wollten sie Näheres über die Ettersburger Jagd erfahren, kamen aber übel bei ihm an. »Jagd?« sagte er. »Wenn ihr das Jagd nennt, mir ist's recht. Ihr werdet ja hindrängen, – das zieht von allein – da braucht ihr mich nicht.«

Auf dem Ettersberg, auf einer freundlichen Waldwiese wurde aber ebenso ein Pavillon gebaut, wie auf dem Schlachtfelde bei Jena, an dem das zusammengetriebene Wild vorübergehetzt werden sollte, um in aller Bequemlichkeit niedergeschossen zu werden.

Als der Förster vor siebenundzwanzig Jahren hinauf ins Rödchen gezogen war, da hatte er erbärmliche Wildverhältnisse oben im Berg angetroffen. Und ihm und dem Oberförster in Ettersberg war es gelungen, einen gesunden 56 reichlichen Wildstand zu erhalten – und jetzt in Zeit von ein paar Stunden sollte alles in Grund und Boden vernichtet werden.

Der Förster war wie ein geschlagener Mann, wortkarg und finster, besorgte alles, was ihm vom Hofamt aus befohlen wurde, mit peinlichster Gewissenhaftigkeit; aber tagelang hörten die Seinigen kein Wort von ihm.

»Das geht mir ans Leben,« sagte er eines Abends, als die Mädchen schon schlafen gegangen waren, zu seiner Alten.

Die war froh, daß er endlich wieder sprechen konnte – das hatte ihr Angst gemacht, das Schweigen.

»Siehst du, es wird ja so schlimm nicht werden, so heiß wie gekocht wird, ißt man nicht. Sie werden dir ja doch nicht das ganze Wild zusammenschießen.«

»Mögen sie's in Gottes Namen! Es ist ihnen immer noch nicht Blut genug geflossen – den Narren! Ein ganz neues Schauspiel, eine Metzelei!

»Ich glaube, sie wollen ihn damit kitzeln. Sie wollen ihn an Blut riechen lassen. Ich glaube, sie wollen ihm einen Rippenstoß geben, doch endlich wieder an sein Handwerk zu gehen.«

»Ach du,« sagte die Försterin, »ereifere dich doch nicht so, nach meiner dummen Meinung da denken sie sich gar nichts dabei. Sie wissen nur nicht, was sie mit ihm anfangen sollen!«

»Stimmt,« sagte der Förster.

»Eine Kugel sollten sie ihm zwischen die Rippen jagen, statt sie an einem elenden Rehbocke zu verpuffen, das sollten sie mit ihm anfangen,« brummte er in den Bart hinein.

Die Försterin drückte ihm die Hand auf den Mund.

»So red' doch nich' sohin, Alter – du willst uns wohl alle unglücklich machen.«

»Seid ihr denn glücklich?« donnerte er sie an.

»Die Kinder doch, Alter, so junges Volk ist immer glücklich und gar wenn's auf die Hochzeit zugeht, da schert sie nichts.«

»Das ist ein sauberes Leben.« Der Förster schlug mit der Hand auf den Tisch. »Ich wollte, daß mich der Teufel holte. – Ist denn irgendwo eine Freude zu sehen!«

57 »Die Kinder sind brav, Alter.« Und sie fügte hinzu: »Du undankbarer Mensch, du!«

»Nicht wahr, du weißt noch was,« rief er und lachte laut auf.

»Ich weiß gar nicht, wie du mir vorkommst. Da sind doch andre wahrlich schlimmer daran als wir.«

»Oho, ich merke schon, jetzt geht's ans Fressen und Saufen. Ich soll mich übers Fressen freuen?«

»Wie du das nennst!«

»Die Gabe Gottes soll ich sagen!«

»Ja, wir sollen dafür danken.«

»Gut – auch gut! Hat mir Gott ein Maul gegeben, mag er's auch stopfen!«

»Aber er stopft's so manchen nicht.«

»Dann wird er eben ein ganz andres Gesicht haben, als du es dir vorstellst. Was weiß ich! Große Herren haben das so an sich, daß man nicht weiß, wie und wo.«

»Du lästre nicht, das straft sich.«

»Jawohl,« da lachte er wieder. »Da hätte er viel zu thun, wenn er alle, die er tritt und die deshalb schimpfen, strafen wollte.«

»Denk doch, wie glücklich wir immer waren, wie treu und gut ich's mit dir gemeint hab'!« sagte die alte Frau weinend.

»Du willst auch eine Extra-Belobigung für deine Treue haben, nicht wahr? Ich soll mich auch hinsetzen und mich auch darüber freuen, daß du mich wahrscheinlich nicht hintergangen hast.«

»Das nicht. – Ich wollte dir nur sagen, daß ich doch immer meine Pflicht gethan habe und das Haus wohl gehalten habe, die Kinder geboren und erzogen, und daß wir immer ehrliche und von allen geachtete Leute waren. Ist denn das nichts, Alter?«

»Es muß wohl was sein.« Seine Stimme klang weicher. »Ehrliche, geachtete Leute, das sind wir weiß Gott immer gewesen. – Das bleiben wir auch, Alte.« Er gab ihr die Hand und schüttelte sie ihr.

»Mich packt's manchmal, als ob es mich zerreißen wollte. – Siehst du, bei mir wird's nicht eher gut, als bis einmal ernstlich zum Aufmarsch geblasen wird, bis alle 58 Schlafmützen mitsammen erwachen – dann soll's einer mit uns aufnehmen! Dann bin ich auch dabei, Alte.«

* * *

Es war abends vor der großen Hofjagd. Im Försterhaus im Rödchen ging es drunter und drüber. Da waren die Oberförster aus Ilmenau und Stützerbach einquartiert, die beide zur Jagd befohlen waren. Forstgehilfen liefen aus und ein. Aus den umliegenden Ortschaften kamen die Landleute, die nachts über den Treiberdienst im Ettersberg versehen sollten. Es war ein gewaltiges Hin und Her, und wie ein Feldherr der Förster Walter mitten darunter. Jeder wendete sich an ihn, er mußte herhalten für zehn. Die Forstgehilfen zogen mit ihren Treibern ab, um sie zu postieren.

Wagen voll Jagdnetze fuhren vor und nahmen den Förster mit, der beim Aufstellen derselben zugegen sein mußte. Den Forstgehilfen wurde Abendbrot gereicht, Bauersleute gingen aus und ein und holten sich Fackeln. Vom Walde her tönte das Schreien und Lärmen der Treiber die ganze Nacht durch, und auf dem sonst so stillen Berge war eine Hölle losgelassen. Feuer brannten am Waldessaum, da tranken und lagerten die Bauern und brüllten und johlten.

Die Försterin mußte ein gutes Abendessen für die Kameraden ihres Mannes herrichten und wollte sich nicht lumpen lassen. Sie sollten einen Begriff bekommen, wie man bei Förster Walter lebt, und so arbeitete sie mit zwei Mägden und den Töchtern im Schweiße ihres Angesichts.

Es mußte auch mancherlei zu einem opulenten Frühstück hergerichtet werden, und im Hause ging und kam es wie im Taubenschlag.

So geht's: dem Förster drückte alles, was in dieser Zeit geschah, das Herz ab, und der Försterin war's zu Mut, wie an ihrem Ehrentag. Sie wollte Familie und Haus glänzen lassen und ließ sich deshalb keine Müh' verdrießen. Die alte Kummerfelden, die die Nählehrerin der Waltersmädchen gewesen, war auch mit oben, um mit ihrer zierlichen Altweibergeschäftigkeit die Försterin zu unterstützen. Sie war allerbester Laune, das war so etwas für sie. Bei der Aussteuer für Schlimpimperlein mußte sie auch raten, und das Hochzeitskleid wurde ohne die Kummerfelden auch 59 nicht beschafft. Wer einmal bei der Kummerfelden in die Nähschule gegangen war, wendete sich in allen Lebenslagen, in Freud und Leid, an die prächtige Frau, und sie versagte Rat und Hilfe nirgends, solange ihr die Kräfte aushielten.

In das Rödchen hinauf ging sie übrigens gar zu gern, die Förstersleute waren ihr sehr lieb und das muntere Leben im Hause behagte ihr.

Mitten in ihrer eifrigen Geschäftigkeit, sie rührte einen gewaltigen Heringssalat zusammen, schnitt Salzgurken und Schinken und hantierte mit allerlei Feinheiten, die sie zu ihrem Salat brauchte, und war dabei so flink und behende und sauber in ihrem geblümten Kleide und der großen Haube, da rief sie nach Schlimpimperlein.

»Ludovikchen, mein Kind,« sagte sie, »ist das eine Art, wie ein glückliches Bräutchen sich beträgt, das in ein paar Tagen Hochzeit halten soll. Ich schau' dir die ganze Zeit jetzt zu – ist dir nicht wohl?«

»Mir ist wohl,« sagte Schlimpimperlein gleichmütig.

»Ueberanstrengen thust du dich aber nicht, dächte ich. – Ich hab's ja gesehen, die ganze Zeit hast du da am Fenster gelehnt, und wo sind denn die roten Backen hin? Na? Du Mädel, verdirb dir die schöne Zeit jetzt nicht mit weiß Gott was. – Schmacht' nicht so, – ich rat's dir. Die Ehe kommt dir bald genug über den Hals, – geh, sei frisch, wer wird denn bei allem Glück wie eine Wehmutsspritze dastehen. Wenn man in etwas frisch gehen muß, ist's in die Ehe. Glaub mir, da darf man gar manches Mal den Humor mit allen Leibeskräften halten, damit er einem nicht auskommt. – Und was sind denn das für Geschichten, wenn er mit dir herumscharmutziert, da bist du ja ganz obenauf?

»Kaum ist der fort, läßt du die Flügel hängen.

»Na, das sag' ich dir, da wirst du schön hereinfallen, – da kennst du die Männer schlecht.

»Glaubst du denn, das geht so fort, wenn du Frau bist? Du weißt nicht, was Ehemänner für miserable Müffe sind. Wenn da die Frau nicht für beide den Humor hat, ging' es ja weiß Gott in jedem Haus wie bei den Trappisten zu.

»Geh nur um Gottes willen frisch in die Ehe, sonst bist du verloren. Verloren, sag' ich; wenn's in einem Haus 60 brummig zugeht und trübselig, dann wollt' ich lieber beim Teufel sein, sag' ich.

»Also Kopf oben und merk dir's, vom Mann mußt du nie etwas verlangen, das wie Aufmunterung aussieht. Jeder Ehemann, jeder deutsche wenigstens, ist im Handumdrehen ein Muff, ein muffiger Muff. Na, erschrick nur nicht, wenn's kommt, dann kommt's, denn kommen thut's sicher. – Thu das Deine! – und daß ich dich nicht wieder stehen sehe, als wär' dein Brot auf die Butterseite gefallen. – Geh, mach was, Faulpelz.«

Schlimpimperlein blieb bei der herzhaften Rede der Kummerfelden ziemlich indolent stehen und drehte an einem Brotkügelchen.

»Na,« sagte die Kummerfelden.

Da schaute Schlimpimperlein auf – und der Kummerfelden war's gerade, als wenn die Augen der kleinen Braut voll Thränen ständen.

»Na,« sagte sie noch einmal mit merkwürdiger Betonung. »Hast du was? Oder riecht dir der Hering und Zwiebel zu stark?«

»Was soll ich denn haben?« sagte Schlimpimperlein, »gar nix.«

»Also, dann zeig's auch.«

Jetzt hatte die Kummerfelden gesagt, was sie zu sagen hatte, und wendete sich wieder zu ihrem Salat und schnitt und hackte so emsig darauf los, als wäre dieser Salat von wahrhaft unermeßlicher Bedeutung für das ganze menschliche Geschlecht.

Abends spät, als die Förster abgetafelt hatten und ihre Pfeife bei einem Gläschen Jenenser, der noch immer im Madeirafaß logierte, schmauchten, die Kummerfelden und die Försterin, Ludschevadel und Heinrich Strobel gemütlich in der Küche saßen, in der die Mägde noch den letzten gespülten Napf an Ort und Stelle brachten, stand Schlimpimperlein unten vor der Thür und sah zu, wie den Bauersleuten von einem Forstgehilfen Fackeln verteilt wurden; da legte sich ein Arm um ihren Nacken.

»Wo treibst du dich denn herum, Katz'?« frug eine frische, muntere Stimme.

Schlimpimperlein war zusammengefahren.

61 »Nur nicht schreckhaft! – Komm, Weibchen – kleines.« Willenlos ging sie mit ihm und sie schlüpften heimlich in den dunkeln Garten. Auf den Wegen lag das bunte, feuchte Laub und die Herbstblumen dufteten so wehmütig. Das war der Duft der sommerlichen Reseda nicht mehr, der sonnendurchwärmte Duft – der war so herbstlich geworden, so schwer und mit der Ausdünstung der gefallenen Blätter vermischt. Der Mondenschein lag über den herbstlichen Bäumen, dem herbstlichen Nebel.

Sie gingen stumm miteinander, das Mädchen fest und wie angstvoll an ihren Bräutigam geschmiegt.

»Nun sind wir bald am Ziel, mein armes, kleines Närrchen,« sagte er. – »Wart' nur noch ein paar Tage, dann ist die dumme Komödie aus.«

»Ja, aber es ist Zeit, Friedel; Friedel, denk doch! Wenn's doch früher gegangen wäre mit der Hochzeit.«

»'s ist ja alles gut, Engelskind, – der Alte wollt' es nicht – so ein Narr. Aber sei nur ruhig, die paar Tage thun nun nichts mehr, die halten wir aus. Morgen um die Zeit sind wir wieder einen Tag weiter; was meinst du, die Zeit wird schon vergehen. – Nur Mut.«

»Der Vater thut mir leid,« sagte sie, »daß es ihm mit den Rehböcken so zu Herzen geht,« meinte Schlimpimperlein und weinte.

»Deswegen thut er dir leid?«

»Deswegen,« antwortete sie leise, »und noch – außerdem auch.«

»Ach, laß das! – Mein Gott, wenn du dächtest, wie ich denke, da ist nichts, gar nichts, um sich zu kümmern.«

Da hielt er sie innig an sich gepreßt – und sie schwiegen beide.

Wie er sie so hielt, empfand er, wie das Angstvolle in ihr nachließ, und wie sie sich dem Wohlgefühl, ihm nahe zu sein, hingab.

»Gottlob,« sagte er. Und nun plauderten sie miteinander und lachten und zählten die Tage, die noch vergehen mußten.

Und damit sagten sie sich gute Nacht.

Schlimpimperlein ging hinauf in ihre Dachkammer, um sich schlafen zu legen, und Friedrich Herzlieb gesellte sich zu 62 den Förstern und zu Heinrich Strobel, mit denen er morgen früh in den Wald ausrücken sollte.


Der große Tag der Ettersburger Jagd und des Einzugs der Kaiser, Könige, Herzöge und Fürsten in Weimar brach sonnig an. Es war ein Tag wie in goldenes Licht getaucht, frisch wie Champagner, ein Herbsttag ohnegleichen. Die Straße von Erfurt nach dem Ettersberg war von unzähligen Wagen, Reitern und Fußgängern bedeckt.

Die Monarchen, an der Landesgrenze von dem Herzog und der ganzen Jägerei zu Pferde empfangen, langten mit ihrem Gefolge unter dem Schalle der Jagdfanfaren gegen ein Uhr mittags an. – In der Mitte des freien Rasenplatzes im Ettersburger Wald, in dem riesigen Jagdpavillon, der vierhundertfünfzig Schritte in der Länge und fünfzig Schritte in der Breite maß, und in den großen Seitenbalkons und -pavillons verteilten sich die gekrönten Häupter mit ihrem Gefolge. Die mittlere Abteilung des großen, reichgeschmückten Baues war für die beiden Kaiser und für die Könige bestimmt.

Wie mochte sich der alte simple Ettersberg verwundern, was für ein Wesen mit einemmale auf ihm getrieben wurde! – Er, der, solang er nun langgestreckt dalag, immer nur in Einsamkeit gelegen hatte. Auf seinem Rücken sproßte ihm der tiefe grüne Buchenwald, der die stillen, flinken Rehe barg und die lustigen Vögel. Auf seinen kahlen Seiten wehten die langen Gräser im Wind und leuchteten die weißen Distelsterne – und Regen und Schneewasser legten geheimnisvolle Schätze bloß, die er in seinem Innern barg, Versteinerungen von Pflanzen und Tieren, die von dunkeln versunkenen Jahrtausenden erzählten, als Meereswogen über die langgestreckten Seiten des uralten Berges hinrollten, jahrtausendelang und wieder jahrtausendelang, längst versunkene Pflanzen und Tiere da oben ihr Wesen trieben – jahrtausende- und abermals jahrtausendelang.

Jetzt nach ungezählten Zeitläuften machte das Menschenvolk sich hier oben einmal wichtig, auf ein paar kurze Stunden. – Ob das den alten Berg in Erstaunen setzte? Schwerlich. Er war an Eintagskreaturen aller Art gewöhnt, an 63 welche mit Flossen und Schuppen, an welche mit Klauen, an andre mit Federn und Schnäbeln, an kriechende, schwimmende, fliegende, hüpfende, ringelnde; er hatte Kampf und Liebe zwischen aller Art Bestien jahrtausendelang mit angesehen – und jetzt diese bunten, wunderlichen Geschöpfe, die er auf seinem Rücken zu tragen hatte, die sich so merkwürdig wichtig benahmen, voreinander tänzelten und schwänzelten, Männchen machten wie die Hasen, vor dem einen krochen, den andern fast über den Haufen rannten, die sich mit bunten Lappen und Flicken behangen hatten und Gesichter schnitten, als wären sie die Herren der Welt – und andre schnitten Gesichter, als wären sie geringer als das geringste Tier, ja es gab gar kein Tier, das je so ein armseliges Gesicht gemacht hätte, wie diese bunten Kreaturen. – Das war dem alten Berge neu. So etwas hatte er noch nicht in der Nähe gesehen – noch nie. Alle Geschöpfe waren bisher ihres Weges harmlos hingeschwommen, gelaufen, gehüpft und geringelt. Und die Arten untereinander hatten miteinander verkehrt, wie es sich eben gehört, wenn einer vor dem andern nichts voraus hat.

Er hatte sich auch schon manchmal in den ungezählten Jahrtausenden, die er so still dalag und von Geschöpfen aller Art umtummelt und belaufen war, seine Gedanken gemacht über die ungeheure Mordlust, die in jeder Bestie steckt. Was hatte er nicht schon für Erhaschen, Erbeuten, Zerfleischen, Verzehren mit angesehen. Der Schwache hatte immer sein Grab im Leibe des Starken gefunden. – Es war dem alten Berg noch nie ein Geschöpf begegnet, das nicht Mordlust und Todesangst gekannt hätte. Was hatten sie in der kurzen Zeit ihres Daseins nicht alles angerichtet und ausgestanden, diese unseligen Kreaturen. Aber die sich so sonderbar auf seinem Rücken drehen und wenden, was thaten denn die? Die mordeten, wie er noch nie etwas gesehen! Sie standen da, wie aus dem Ei geschält, so appetitlich, und machten unausgesetzt Männchen und sahen so harmlos aus, harmloser wie die Hasen. Und satt und wohlgefüttert verstanden diese furchtbaren Tiere mit der freundlichsten Miene zu morden, schnipp-schnapp, da stürzten des alten Berges schöne Rehe blutend zusammen und andre tobten in Angst und Qual vorüber, um sich zu retten – 64 Todesangst in jedem Glied, Verzweiflung in den Augen – da war kein Entkommen!

Die bunten, possierlichen Geschöpfe waren gräßlicher als alles, was der Berg vordem gesehen hatte! Wie das arme Wild zitterte und bebte! Die schönen, stillen Augen, wie die um Erbarmen flehten! Und die Bunten mordeten lustig darauf los – mordeten – mordeten ohne Hunger. Der alte Berg fühlte aus Herzenswunden Blut in sich einsickern. Er fühlte Todeszuckungen.

Hätte er aber gewußt, daß einer, den er die Ehre hatte, auf seinem Rücken zu tragen, der Mächtigste unter allen andern war, der, der sich unter ihnen hervorgethan hatte und sich anmaßte, mit seinem ganzen Thun und Treiben auf Erden Weltgeschichte zu machen –»Weltgeschichte«, diese bunte, giftige Eintagsfliege, da hätte der alte Berg aus voller Brust gelacht, gedonnert, das wäre ihm nach allem, was er mit angesehen, seit ungezählten Jahrtausenden komisch vorgekommen.

Er hatte doch wahrlich Bestien aller Art gekannt und hatte sie ihr ganzes Leben bös herumwirtschaften sehen – ganz gewaltig – aber Weltgeschichte zu machen, das war noch keiner in den Sinn gekommen – ganz gewiß nicht. Aber der verdammt freisinnige Berg blieb still, jedenfalls aus tief angeborener Devotion.

Die Treiber hetzten das unglückselige Wild stundenlang und ganze Rudel stürzten in Todesangst an dem blumengeschmückten Pavillon vorüber, in dessen Mitte Napoleon unter den Fürsten stand und heiter mit großem Eifer und wenig Glück auf die vor Angst sinnverwirrten schlanken Flüchtlinge schoß.

Um den eingehegten Rasenplatz, der zu der großen Metzelei ausersehen war, hatte man Buden mit Eßwaren aufgeschlagen, für die Bevölkerung, die so nah als thunlich dem köstlichen Schauspiel sein wollte, daß zwei Kaiser, vier Könige, acht regierende und nicht regierende Herzöge, Majestäten, Königliche Hoheiten, Hoheiten sich vergnügten.

Wohin man sah, Jubel, Essen und Trinken, lodernde Feuer, Spannung, Erregung und wie ein Blutdunst über der erlauchten Gesellschaft. Unter den gestickten Uniformen saß ihnen Jagdlust, ließ die Augen blitzen, die Herzen 65 schneller schlagen, jagte die Blutwellen rascher durch die Adern. Vornehm oder gemein, sie lag in der Luft, sie war da, sie fuhr auch den Treibern in die Glieder, die sich an den Feuern wälzten nach der durchwachten Nacht im Walde, während der sie das Wild zum großen Tag zusammengehetzt hatten. Wie horchten sie auf die Fanfaren! Wie jubelten sie, wenn es verlautet, wieviel sie drüben wieder zur Strecke gebracht hatten, wie soffen sie, wie fluchten sie, was hätten sie darum gegeben, wenn sie die vornehme Arbeit hätten mitthun dürfen. – Das wäre etwas für sie gewesen, so gut wie für Kaiser, Könige und Herzöge.

So in die verdammten Viecher hineinzuschießen, blind und toll.

Bei den Feuern da kramten sie statt dessen Schauergeschichten aus, schwatzten von Jagdglück, von Mord und Totschlag, von Weibern und Liebesgeschichten. Einer überbot den andern. Es war eine Stimmung wie um Mitternacht, so überreizt, so überlustig, so wild, und doch schien die krystallklare Oktobersonne über das laute Treiben. Förster Walter mußte an allen Ecken und Enden zugleich sein. In ihm kochten und brauten die heftigsten Gefühle. Zwischen Befehlen und tausend Hetzereien empfand auch er gar wohl den Blutdunst, der sich allen auf die Sinne legte. So eine Kreuzschwerenotjagd hatte es da oben wahrlich noch nicht gegeben, und daß sie keine je wieder so halten konnten, dafür sorgten sie selbst. »Da zum Teufel sollte doch« – träumte der Förster –»zwischen allen Hetzern einer sein, der den Mut hätte – weiß Gott – wo so viel unschuldig Blut vergossen wird – schuldiges zu vergießen. Hier wäre der Platz für den Rächer. – Wo nimmt so ein Teufel den Mut nur her – so voller Schuld, wie der, den ich meine, mitten unter Waffen, mitten unter Feinden, unter Kugeln, von denen eine einzige den Weg zu verfehlen brauchte, zu stehen und sich zu vergnügen, so als könnte Rache und Verrat nie und nimmermehr ihn erreichen. – Das ist's eben! – Das ist's! – Da wag' es einer! – Und es wagt es keiner – trotz allem Haß – nicht einer!«

Den Riesen, den Förster, trieb es immer wieder wie gebannt, einen Blick auf den kleinen Mann zu werfen, vor dem Könige zitterten. Wie der so dastand, wie aus Elfenbein so 66 fest, so gelblich, so breitschultrig und mit dem verdammt zusammengeknufften Nacken – und mit den Adleraugen um sich blickte und so gottserbärmlich schoß – – so verteufelt schlecht schoß –

Da war's dem Förster, als drehten sich seine Sinne im Kreis – der Mann machte ihn schwindeln – da stand er unbezwinglich und in Feindesland so sicher wie ein Heiligenbild. – Und nicht lange konnte es dauern, da würde er wieder die Kriegsfurie und Tod über die Erde schicken, den Tod tausendfach, wie Gott ihn schickt, ruhigen Herzens. – Was war dem Leben! Was waren dem Tausende von Leben – Was war dem tausend- und abertausendfältiger Mord! – –

Und bei all dem schoß er so schlecht – so hundsföttisch schlecht, daß es dem Förster in den Fingern zuckte. Seinen jüngsten Forstgehilfen hätte er maulschelliert. Er hatte nie so gefühlt, nie ähnlich; ihm war's, als hätte er dem leibhaftigen Teufel gegenüber gestanden und hätte ihn betrachten dürfen.

Es war eine Jagd, die den Leuten zu Kopfe stieg. Es war so eine verdammte Festfreude, so eine Erregung und Schaulust, so etwas fieberhaft Gespanntes, so eine tolle Gedankenlosigkeit.

Und morgen die Hasenjagd auf dem Schlachtfelde von Jena! Der Förster mußte bitter auflachen. – Es war nicht besser auszudenken! Und alle Welt machte diese Hasenjagd mit, ohne zu mucksen – und er, dieser gelbliche, kleine Mann, wie mußte er im stillen lachen – lachen über die Komödie, die er sich erlauben durfte. Wie weit durfte er denn eigentlich gehen? Kam es ihm denn nicht selbst spaßig vor?

»Gott verdamme sie – sie verdienen's nicht besser« – das war des alten Riesenburschen Schmerzens- und Stoßseufzer während des wilden Treibens auf dem Ettersberge.


Die beiden Maler, Heinrich Strobel und Friedrich Herzlieb, hatten mit den Förstern die Jagd mitgemacht, und es war ihnen von der ganzen Herrlichkeit nichts entgangen. Die Förster hatten sie kameradschaftlich reichlich mit Champagner versorgt, und so hatten auch sie den Ueberfluß dieses 67 üppigen Hoffestes kennen gelernt. Der wilde Zauber war ihnen zu Kopfe gestiegen, der Glanz und die Pracht, der köstliche Weingenuß, die Nähe des großen Kriegsgottes und all der gekrönten Häupter. Es war so etwas Fabelhaftes bei der ganzen Sache und trug das Zeichen einer Ausnahmsstunde an sich.

Die beiden wichen einander nicht von der Seite, hörten und sahen alles mitsammen und ließen es sich wohl sein.

»Mach nur, daß uns unser alter Griesgram nicht immer in den Weg läuft, Strobelmeier; wenn der sieht, daß wir uns erlustigen, hält er uns für Gotteslästerer, der Alte,« meinte Friedrich Herzlieb, als sie miteinander an einem der Schenktische standen und sich gütlich thaten. »Ich habe nicht gesehen, daß der Dickkopf einen Tropfen angerührt hätte.«

»Alle Achtung,« sagte Strobel, »ich glaub's auch nicht.« – Friedrich Herzlieb war fidel und obenauf wie ein Schulbub, nahm den ganzen Handel von der leichten Seite und freute sich über die Pracht, »die famosen Kerle«, wie er sagte. Der Napoleon machte ihm großen Spaß, das Volk draußen zwischen den Buden, an den Feuern, der kostbare Herbsttag, die tolle Jagd. Er sah alles schön und heiter – und war ganz Künstler. – Was er sah, das faßte er leidenschaftlich auf, was es bedeutete, damit gab er sich nicht ab – das Stürzen des Wildes riß ihn hin.

»Strobelmeier!« rief er. »Siehst du, man muß leben! Man muß unausgesetzt Neues sehen – und fühlen, dann ist man selbst neu geboren. In der Alltäglichkeit verrostet unsereiner. – Strobelmeier, ich weiß nicht, wie du es anfängst, so ein schändlicher Philister zu sein und dabei so ein Prachtkerl.«

Als der Jagdzug der Monarchen nach Weimar hinunterzog, trieben sich die beiden noch zwischen den Feuern und den Buden umher.

Die Oktobersonne stand tief am Horizont und vergoldete die wehenden braunen Grasbüschel auf den kahlen Seiten des Ettersberges an der Hottelstätter Ecke. – Die Feuer fingen nun schon an zu leuchten, die Nebel sanken, die Leute rüsteten sich zur Heimfahrt. – Aber in die Treiber, die um die hochaufgeschürten Feuer lagen, war jetzt erst das rechte 68 Leben gefahren. Es wurde gejohlt und gebrüllt. Die Weiber und Schätzchen hatten sich, wo es nichts mehr zu sehen gab, zu ihnen gesellt, und es regte sich ein lautes, wildes Leben. Die Buden mit Eßwaren waren von malerischen Gestalten umlagert.

Die Forstgehilfen luden das zur Strecke gebrachte Wild auf den Wagen, um es in Sicherheit zu bringen. Ganze Fuhren hatte es gegeben, die Weimaraner konnten sich gütlich thun. Und wagenvoll haben sie's später, als kein Mensch mehr davon essen wollte und konnte, im Verein mit den Hasen vom jenaischen Schlachtfeld nachts in die Ilm werfen müssen. Das Volk durfte in den nun vereinsamten eingefriedigten freien Platz strömen, auf dem kurz vordem Kaiser, Könige und Herzöge unnahbar gethront hatten. Und mit Hast und Neugier, diesen geheiligten Platz zu sehen, stürzten sie hin und betrachteten ihn mit staunender Ehrfurcht, als wäre noch etwas von der vergangenen Herrlichkeit daran hängen geblieben.

Strobel und Herzlieb traten, als sich die Masse verlaufen hatte, in den gewaltigen Pavillon.

Friedrich Herzlieb stellte sich auf den Platz, auf dem Napoleon gestanden hatte, und blieb da stumm mit geschlossenen Augen stehen.

Heinrich Strobel saß mit übergeschlagenen Beinen auf der Brüstung und schaute sich seinen Herzbruder an.

»Was treibst du denn da?« Er bekam aber keine Antwort.

»Ein erbärmliches Leben,« sagte Friedrich Herzlieb und sah mit schwimmenden Augen auf Heinrich Strobel. »Es lohnt sich nicht! So ein elender Schlucker, ein Wurm unter Würmern! Wie so einem Riesenkerl zu Mute sein mag! – Wenn ich daran denke, ist mir's, als steckten wir andern alle wie die Hühnchen in der Eierschale.

»Wie müssen dem gewöhnliche Sterbliche vorkommen?«

»Wie Schweine,« sagte Heinrich Strobel. – »Er hat's ja selbst gesagt, von den Deutschen wenigstens.«

»Ja, ja,« sagte Friedrich Herzlieb.

Sie vergnügten sich auf diesen geweihten Plätzen wie zwei ausgelassene Buben, beschnüffelten alles und trieben es, bis die Dämmerung mehr und mehr hereinbrach. Friedrich 69 Herzlieb zog es zu den Feuern zurück, und an den Buden blieben sie hangen und tranken Glühwein: da hatte sich jetzt alles zusammengefunden: Förster, Forstgehilfen, Bürgersleute mit ihren Weibern und Töchtern.

Die Feuer waren hochaufgeschürt, die Treiber johlten und sangen, und der weimarische Wirt, der auf den Einfall gekommen war, einen Kessel mit Glühwein oben auf dem Ettersberge aufzuthun, machte die besten Geschäfte. – Der Wein war scharf gewürzt und heiß wie der Teufel und that an dem nebligen Oktoberabend gut.

Der Mond stand jetzt schon am Himmel. Die Feuer leuchteten grell und in dem Lichtschimmer schwirrte es wieder wie damals beim Hegemahl, wie Mückenschwärme um die Flammen.

Die Forstleute saßen auf langen Holzbänken um den Glühweinkessel, und Heinrich Strobel mit seinem Herzbruder strich bald da, bald dort herum.

»Walpurgisnacht,« sagte Friedrich Herzlieb.

»Walpurgisnacht, wo?« frug Strobel und packte ihn mit einer Hand am Schopf. – »Da oben – wie gewöhnlich?«

»Gottlob, auch unter dem Schädel,« sagte Herzlieb.

»Aber sieh einmal dorthin, Strobelmeier!«

Sie gingen miteinander und stiegen über Stock und Stein.

Um ein gewaltiges Feuer hatten die Treiber einen Tanzplatz gemacht, da ging es hoch her.

Sie tanzten sich an dem kalten Oktoberabend heiß. Vorwitzige Bursche sprangen johlend durchs Feuer – die Mädchen kreischten, Funken sprühten.

Der dunkle Rauch wälzte sich, vom Luftzug niedergedrückt. über die wirbelnden Paare hin.

Die Forstleute kamen, auch vom Wein erhitzt, den beiden Malern nach. – Der Wirt stellte seinen Glühweinkessel bei diesem Feuer auf, das den Sieg über alle andern davongetragen hatte, die nach und nach verglommen, und alle Mücken strömten dem einen großen Schwarme zu. Das Leben und Treiben, Johlen und Schreien, Funkenstieben, Tanzen und Trinken wuchs mächtig an. Friedrich Herzlieb goß ein Glas nach dem andern von dem heißen Wein in 70 sich ein und tanzte mit einer drallen Dirne, einer Magd aus Weimar.

Als er einmal an Heinrich Strobel, der sich zum Gehen, wie es schien, bereit gemacht hatte und auch sein Jagdgewehr schon über die Schulter gehängt hatte, vorüberraste, hielt ihn der am Aermel auf. »Ich geh' jetzt gleich, komm mit.«

»Laß mich zufrieden.«

Strobel aber kannte den Kumpan und wollte ihn nicht zurücklassen. Wenn einmal der Lebensdrang in seinem Herzbruder geweckt war, wurde er zügellos wie ein junges Fohlen, das sich frei fühlt. – Und der wilde Abend an dem prasselnden Feuer, der Glühwein, der Tanz mit der urwüchsigen Dirne, das war etwas für ihn. Zu jeder andern Zeit hätte Strobel ihn austoben lassen, aber heute nicht, und nicht unter den Augen der Gäste aus dem Rödchen, wenige Tage vor der Hochzeit.

Was sollten sie sich denn denken, die Leute! und der Förster – nie und nimmermehr durfte er Herzlieb lassen, wenn es nicht ein Unglück geben sollte. – Der Förster verstand keinen Spaß.

»Also,« sagte Strobel, »jetzt mach, wir müssen gehen.«

»Teufel auch, häng' ich denn an dir?« rief Herzlieb verdrossen und umfaßte die Dirne wieder zum Tanz.

»Rächt so!« sagte die. – »Nu' gerad erscht rächt.«

Heinrich Strobel aber langte nach Herzliebens Hand und faßte sie.

»Komm, Alter, wir haben mancherlei miteinander ausgefressen und ich hab' dich meines Wissens nie zurückgehalten. – Folg mir heut.«

Darüber lachte die Magd und schlug Herzlieb auf die Schulter. – »Jesses!«

Herzlieb wurde ungeduldig, der Wein stieg ihm heiß zu Kopf.

»Geh deiner Wege!« rief er.

»Nein,« sagte Strobel.

»Gut, dann bleib also!« und wieder packte er die Dirne, um zum Tanze anzutreten.

Strobel hielt ihn wieder zurück.

»Morgen wirst du dich darüber ärgern,« sagte Strobel. 71 »Ein paar Tage vor der Hochzeit mit deinem kleinen Mädchen, das wird dir selbst nicht gefallen!«

»Du bist ja sehr besorgt« meinte Herzlieb.

»Der Herr macht Hochzeit!« lachte die Dirne. »Gucke, gucke!«

»Jetzt hol dich der Teufel!« rief Herzlieb, »und thu' nicht so heilig! – So rein wie du will ich auch zum Hochzeitstag kommen!« lachte er und sah auf Strobel mit verschwommenen Augen. Dann legte er die Hand auf Strobels Schultern und zog ihn zu sich heran – und bog sich zu ihm hin, als wollte er etwas heimlich sagen: »Frag sie doch – sie, zum Beispiel,« sagte er, aber mit einer Stimme, die er nicht in der Gewalt hatte, –»sie, – wie's denn mit ihr steht? – Weißt du, Alter, – frag sie einmal, du Duckmäuser! – In Ruh' sollt ihr mich lassen!«

»Herzlieb!« schrie Strobel.

Aber Herzlieb taumelte auf ihn zu. Heinrich Strobel stieß ihn von sich. Beide stürzten. Da geschah etwas! – – Ein Schlag. – Ein Dröhnen. – Pulverdampf. – Ein Todesschrei. –

Da lag einer vorn übergestürzt auf dem Antlitz und einer hockte da, starr, aschfahl – und eine dralle Magd schrie auf: »Das hat er awer selbst gedahn! – Ich hab's gesehen! – so wahr mir Gott helf!«

Jetzt stürzte alles im ungewissen, flackernden Licht des Feuers auf den Gestürzten zu. Der andre blieb starr – aschfahl. Ein Murmeln lief durch die Menge, so dumpf, so düster. Von den Forstleuten bogen sich etliche zu dem Getroffenen nieder und richteten ihn auf. – Da quoll ihm beim Aufrichten ein Blutstrom aus dem Munde. Und sie sahen in ein Gesicht, das von ungeheurer Todesangst verzerrt war, – und das Gesicht war starr auf Heinrich Strobel gerichtet, verzweifelt, so angstvoll und entsetzt. Es war, als wenn der Schwergetroffene reden wollte, man sah ihn sich quälen – unerhört quälen. Er arbeitet. – Es gelang nicht. – Ein gurgelnder Schrei – und der Kopf sank weit zurück.

Heinrich Strobel kniete jetzt neben ihm – und hielt ihm den Kopf und sah in die gebrochenen Augen – starr und sinnlos.

72 Die dralle Magd wich nicht von den beiden, stand aufrecht da und wiederholte immerfort in ihrem Schreck: »Das hat er awer selbst gedahn! Ich hab's gesehn! Mein Wort darauf.«

Ein großer Mensch machte sich durch die Menge Platz. Man wich ihm angstvoll aus – und er stand vor der Leiche des Verlobten seines jüngsten Kindes.

Der Oberförster aus Ilmenau trat auf ihn zu, packte ihn an der Hand und sagte: »Da ist ein Unglück geschehen, alter Freund!«

»Das seh' ich.« –

Tiefste Stille.

»Strobel?« frug der Förster.

Der antwortete nicht und starrte vor sich hin.

Der Oberförster aus Ilmenau aber sagte: »Ich bezeuge es vor Gott und zu jeder Stunde. Er ist auf Herrn Strobel zugestürzt und hat sein Gewehr zu packen bekommen, da geschah das Unglück. Er mochte des Guten zu viel gethan haben.«

Stumm bog sich Schlimpimperleins Vater zu dem Verlobten seines Kindes nieder, legte ihm die Hand aufs Herz und hielt die schlaffen Hände des Toten in den seinen.

Einer rief: »Schickt zu einem Arzt hinunter.«

»Ach was, Arzt, dem hilft kein Arzt mehr, der hat die ganze Ladung im Leibe.«

»Faßt einmal an.« Er hob ihn und trug ihn mit einem Forstmann in einen der Wagen, die an den Buden standen. Sie legten ihn zurecht und thaten Tannenzweige unter ihn, die vom Wildaufladen noch dalagen. Der Förster führte das Pferd am Zaum. Strobel und der Förster aus Ilmenau, der im Rödchen einquartiert war, folgten stumm.

Als der schwermütige Zug unter den drei alten Kiefern angelangt war, wo der Weg zum Rödchen abzweigt, sagte der Förster: »Ich geh' voraus.«

Er ging und sein Gast folgte ihm – Strobel hatte ihm ein stummes Zeichen gegeben.

So blieb er allein unter den Bäumen, die er einmal die drei traurigen Bäume genannt hatte, und wachte über seinen stillen Herzbruder, der lang ausgestreckt und kalt im offenen Wagen aus Tannenzweigen lag. Der Mond 73 schimmerte auf dem entstellten Gesicht. Das alte Pferd wurde hin und wider unruhig, als witterte es den Tod.

Heinrich Strobel war es so, als wenn es ihn selbst getroffen hätte.

Und wenn er zehnmal unschuldig war – und wenn es Hunderte bezeugten. Er hatte ihm doch den Tod gebracht – und war ein gebrochener Mensch, vom Schicksal gezeichnet. Grauenhaft ernst lag der junge, leichtsinnige Bursche vor ihm, und er starrte auf ihn hin und riet an dem Rätsel, das kein Lebender je erraten hat.

Die letzten Worte, die der Unglückliche trunken gesprochen – bewegten sich in Heinrich Strobels Kopf wie dumpfes, wie banges Unglücksgeläute. Und bei diesem dumpfen Dröhnen sah er Dinge und Gestalten; – alles wie mit einemmal in die tiefste Hölle der Schmerzen gestoßen, aus einem harmlosen Lebensgenuß heraus.

Jetzt mußte er im Hause sein, der Förster. – Jetzt sprach er das Entsetzliche aus. – Jetzt! – Ihm war es, als strömte der Jammer wütend auf ihn ein. Er fühlte mit jedem, mit dem Förster in seinem stummen Schmerz über das Unglück seines Kindes, mit der Mutter – mit seiner armen Anne. Das hatte sich alles mit einem Schlage verändert! Ihm gehörte sein Lebensglück nicht mehr – sein erstes – sein einziges. – Da stöhnte er tief auf. –

Heinrich Strobel war das Blut in den Adern erstarrt.

Nun saß er da und das unerbittliche Schicksal schoß seine Pfeile, einen nach dem andern, auf ihn ab und alle fuhren mitten ins Herz, verwundeten, zerrissen, marterten – aber töteten nicht.

Der Tote stand zwischen ihm und Anne, der war nicht fortzudrängen. – Unerbittlich war er da.

Wo sollten sie den Mut hernehmen glücklich zu sein. – Wie sollte er, der Gebrandmarkte, nach der ruhigen reinen Anne die Hand ausstrecken?

Herzliebens kleine Braut, die sah er jetzt vor sich – endlich auch die! –

Er sah sie in ihren Thränen. Er sah sie ganz überwältigt – von ungeheurem, ungeahntem Schmerz verwirrt. – Er sah, wie sie sich vor dem Toten mit dem entstellten 74 Gesicht entsetzte – graute und fürchtete. Wie sie zusammenschauerte.

Und jetzt hörte er wieder die letzten Worte Herzliebs sich im Kopfe dröhnen. – Was bedeuten sie? Was wollen sie? – Sollte da noch andres kommen?

Er blickte fragend auf den starren Toten.

Da kam der Förster über die kahle Anhöhe allein zurück und ohne zu reden faßte er den Gaul wieder am Zaum und führte langsam den toten Verlobten seinem Hause zu und denen, die den jammervollen Anblick nun erwarteten.

Heinrich Strobel ging wieder hinter dem Wagen her. Er war ohne Hut. Der leichte Wind wehte sein straffes aufrechtstehendes Haar hin und her, wie einen Büschel. Er sah so sonderbar aus, das unregelmäßige fahle Gesicht, die lange knochige Gestalt, das Düstere, Trostlose, das über ihm lag. Er war nicht einer von den Festgebauten, denen die Wassergüsse, die Sturmstöße des Schicksals äußerlich nichts anhaben können, die glatt und ansehnlich bleiben, wie die Fischottern zu Wasser und zu Land.

Er ging so zugerichtet, so umgewandelt und zerzaust.

Tief in der Nacht. – Der Tote liegt auf einem Bette aufgebahrt auf weißen Tüchern und mit weißen Tüchern bedeckt in dem sogenannten Saal, in dem zu Karnevalszeit die lustigen Masken in dem verschneiten Rödchen sich vergnügt hatten.

Die Kummerfelden hat ihm zu Häupten zwei Kerzen gestellt.

In dem dämmerigen Raum, ganz einsam, sitzt Heinrich Strobel und hat den struppigen Kopf in die Hände vergraben und läßt sich von seinen Gedanken, ohne sich zu regen, martern und bis aufs Mark quälen.

Er hält still.

Die andern sind alle vor kurzem, dem Namen nach, zur Ruh' gegangen, nachdem niemand mehr wußte, was thun, nachdem sie stumpf geworden waren.

Wäre die alte Kummerfelden nicht gewesen – da hätte der Tote jetzt noch auf der Matratze im Vorhaus gelegen. Niemand hätte sich zu helfen gewußt. Niemand hätte etwas zu thun gewagt.

Die Försterin hatte nichts machen können, als den Kopf 75 ihres unglücklichen Kindes zu halten, den das arme Geschöpf an sie gepreßt hielt.

Schlimpimperlein war wie ein Mensch mit Brandwunden gewesen, der liegen bleiben will, wo er liegt, dem es Entsetzen ist, angerührt zu werden, der nicht angesprochen sein will, keine Hilfe will, nur liegen in seiner Qual. – Heinrich Strobel hatte wie gebannt auf das unglückliche Mädchen gesehen.

Es war in ihrem Schmerz etwas so Scheues, so Gedrücktes; wie ein geschlagener Hund lag sie da. – Herzliebs letzte Worte dröhnten Strobel fort und fort in den Ohren.

»Heinrich, Heinrich!« hatte seine Anne gerufen und war ihm schluchzend um den Hals gefallen, »armer Heinrich!«

Der Förster aus Ilmenau war da zu ihnen getreten. »Ihm geschieht nichts, Jungfer Anne, kein Mensch wird ihm etwas anhaben. Der ist daran so unschuldig wie ich und alle, die dabei standen.«

»Ja, gelobt sei Gott – das ist er! – Aber wie soll er mir denn je im Leben wieder froh werden,« – da war sie in heiße Thränen ausgebrochen und war zu ihrer kleinen Schwester gegangen, hatte sie der Mutter aus den Armen genommen und sie still hinaus in die gemeinschaftliche Schlafkammer gebracht, hatte sie da auf ihr Bett niedersitzen lassen und war immer noch in heißen Thränen vor ihr niedergesunken – und so weinten die beiden Mädchen, ohne ein Wort zu finden, miteinander.

Mit einemmal fühlte Anne sich von ihrer Schwester wie zurückgestoßen, die richtete sich auf, streckte die Arme von sich und schrie auf: »Anne! – Anne! Anne! Der Vatter schlägt mich tot – Anne, was soll ich thun!« Dann stürzten die Thränen so wild und unaufhaltsam aus ihren Augen. Ihr Körper zuckte in Qual. Und Anne stand da und blickte beim Schein des trüben Lichtes mit entsetzten Augen auf die unglückliche Schwester.

»Anne, – Anne!« wimmerte die.

»Was willst du denn? Was denn?« frug Anne zitternd. Ihr ahnte dunkel etwas und verschloß ihr den Mund, die Kniee bebten ihr, die Lippen trockneten ihr aus und alles drehte sich wie im Kreise. –

Sie frug nicht wieder.

76 So schwiegen sie beide und regten sich nicht. –

»Anne« – jammerte es von neuem – »Anne.« –

Die fühlte sich durchschauert von dem Hilferuf, aber konnte sich nicht regen.

Da sank ihr die Schwester zu Füßen, umfaßte ihr die Kniee und flüsterte ihr etwas so Jammervolles zu.

»Der Vatter schlägt mich tot! – Der Vatter schlägt mich tot, wenn er's erfährt!« schrie sie.

Anne stand ohne sich zu bewegen, die Wangen brannten ihr vor Scham und Qual. – Sie schwieg – sie reichte der Schwester nicht die Hand. Sie rührte sich nicht und ließ sie sich zu Füßen liegen und sah, wie sie sich krümmte vor Angst und Qual. – Sah oder sah sie es nicht?

»Anne!« schrie die Schwester laut.

»Was soll ich nur thun!« rief Schlimpimperlein, »sprich doch, ich soll . . .« und wieder weinte sie herzzerreißend.

»Ich soll mich umbringen – du – das willst du!« sagte Schlimpimperlein zitternd. – »Sag doch!« –

»Nein« – antwortete Anne wie im Traum. –

Aber sie blickte nicht auf die Schwester, sondern geradaus vor sich hin.

»Was soll ich denn thun?« jammerte das arme verlassene Geschöpf, auf das ganz unvermittelt alle Schrecken des Lebens gefallen waren, Schuld und Tod. – Sie bekam keine Antwort.

Die Schwester wendete sich von ihr ab und ging ans Fenster, stand da ruhig. preßte die gefalteten Hände an die Stirn und sah in die Dunkelheit hinaus.

Schlimpimperlein schleppte sich auf ihr Bett, legte sich da hin und blickte mit zitternder Angst auf ihre Schwester wie auf ihren Richter. –

Schwere Schritte kamen die Treppe herauf.

»Der Vatter,« sagte Anne.

Sie faßt Schlimpimperleins Hand und preßt sie – und sieht auf die Schwester mit einem Blick so gequält – so unglückselig, daß es der wie ein Schauer überläuft.

»Daß mir's der Vatter nicht erfährt,« sagt sie fest. »Du bist still.« –

Jetzt legt sich eine Hand auf die Thürklinke – der Förster tritt ein.

77 »Kind,« sagt er bebend und sinkt am Lager seiner Jüngsten hin und faßt ihre Hand und küßt diese Hand, und Schlimpimperlein fühlt die Thränen ihres großen, starken Vaters auf die Hand tropfen:

»Vatter! – Vatter!« ruft sie fassungslos.

Annes Blick ist unerbittlich auf sie gerichtet. – Der Förster fährt fort sein unglückliches Kind zu liebkosen.

Das Mitleid hat ihn nicht ruhen lassen. Er mußte bei ihr sein. Er sieht schlecht aus. Anne denkt: gerade als wenn der Bock kommen wollte.

Schlimpimperlein liegt stumm und still und läßt alles über sich ergehen wie einen reißenden Strom. Das plötzliche Todesentsetzen, ihr Schuldgefühl, ihre Verlassenheit, den bittern Schmerz, die Todesangst vor Schmach und Strafe, die Hoffnungslosigkeit und Hilflosigkeit, die rührende Güte ihres Vaters, sein Mitleiden, seine Thränen, die wie Feuer brennen – und das Grauen vor ihrer stummen entschlossenen Schwester, die wie ein furchtbarer Engel in ihrer Reinheit vor ihr steht, die etwas unerbittlich von ihr zu verlangen scheint, die etwas will und weiß, wo es nichts zu wollen gibt als den Tod, keinen Ausweg und keine Rettung. Aber das Erschreckendste von allem sind die Mitleidsthränen des Vaters, die sich mit einem Wort, wenn sie die Wahrheit sagte, umwandeln würden zu einem grausenerregenden Schauspiel.

Sie liegt still und stumm. Ein Wort und eine Regung und sie würde fassungslos sein. Es würde alles gestanden, alles gesagt sein.

Anne aber steht an ihrem Bettende und läßt sie nicht aus den Augen.

Der Vater geht, nachdem er sein armes Kind auf die Stirn geküßt und ihr zum letztenmal zart und ängstlich mit den harten Fingern die Hand gestreichelt hat. – Er sieht schwerfällig und gealtert aus.

Und als er gegangen, bricht Anne zusammen und schluchzt, als wollte sie sich zu Tode weinen.

»Er darf nichts erfahren – nie!« – das ringt sich wieder und wieder zwischen dem heißen Schluchzen hervor. – »Guter allmächtiger Gott, hilf uns!« ruft sie sinnlos.

Schlimpimperlein graut es vor ihr. – Was war aus der vernünftigen Ludschevadel geworden!

78 Ihr schwindelt – sie kommt sich vor wie in die Hölle geworfen und sie weint und weint.

So vergeht die Nacht. Die herbstliche Morgendämmerung bricht an. Es wird fahl und hell. – Ludschevadel wäscht sich das Gesicht, das trostlose, verzweifelte Gesicht – steckt sich die Haare fest, bringt ihre Kleidung in Ordnung und tritt an Schlimpimperleins Bett.

»Daß ich ruhig gehen kann« – sagt sie, »versprich mir, nichts zu thun ohne mich. – Versprich mir's – und halt's. Sei still.«

Das sagte sie mit tiefem traurigen Ernst und reichte Schlimpimperlein die Hand hin.

Die wagte nicht die Hand zu fassen und blickte die Schwester an wie ein geschlagener Hund.

»Was willst du denn nur?« frug sie – und zögerte mit ihrer Hand.

»Ludschevadel!« schreit sie mit zitternder Stimme – »du willst doch – – Ludschevadel, ich fürcht' mich so. – Ich kann's nicht! Sag' ihm, daß er mich erschießen soll wie Friedel – sag's ihm.«

Und jetzt brach ein Schmerzenstrom los – bei diesen Worten, so unaufhaltsam, so wild – so jammervoll. Ludschevadel stand still und blaß und ließ es vorüberrauschen.

Als die Gewalt nachließ, sagte sie: »Nimm das zurück!«

»Bitt' ihn, daß er auch mich erschießt!« jammerte das arme Geschöpf. – »Mir ist's ja gleich, wer ihn erschoß – wenn er tot ist!«

»Du sollst's nicht denken – du darfst nicht,« sagte Anne fest. – »Er that's nicht, so wahr Gott lebt. Sage es selbst, daß du's nicht glaubst!«

Schlimpimperlein starrte sie an – und blickte in die entschlossenen traurigen Augen! –

»Was du willst, Ludschevadel: Er hat es nicht gethan!«

»Er hat's wahrlich nicht gethan!« sagte Ludschevadel feierlich. – »Er ist ein Mensch so treu und gut wie Gold – so einzig gut! – Siehst du, wie kein Mensch auf der Erde, so klug und brav.« –

Ludschevadel rannen die Thränen über die bleichen Wangen, und sie stand still und rührend da. –

79 »Gib mir jetzt deine Hand und sag mir, daß du nichts thun willst ohne mich und daß du alles thun willst, was ich dir sage.« –

Da legte das arme Mädchen die Hand in die der Schwester.

»Ich will nicht, daß du stirbst – Ludovika. – Aber ich will vor allem nicht, daß der Vatter es erfährt – das wäre schlimmer als der Tod!« –

»Ich geh' jetzt – und du sprich mit keinem Menschen – auch wenn die Mutter kommen sollte – kein Wort.«

»Kein Wort,« antwortete Schlimpimperlein und sah durch Thränen auf die Schwester – und wagte nichts zu fragen und zu sagen.

Anne Ludschevadel ging leise die Treppe hinab – und leise nach dem Saal, in dem der Tote lag. Die Thür stand auf und sie blieb auf der Schwelle stehen.

Der Tote lag im grauen Morgenlicht in seinen weißen Tüchern. Die beiden Lichter ihm zu Häupten glommen qualmend, tief herabgebrannt. Der Talg war an den Leuchtern in großen Zapfen herabgeflossen.

Heinrich Strobel, mit dem Kopf an einem der Fensterpfosten gestützt, das straffe Haar zerwühlt wie in Fittichen abstehend, saß ganz in sich versunken mit geschlossenen Augen.

Daß er nicht schlief, gewahrte Anne an seinem tiefen Stöhnen.

»Heinrich,« flüsterte sie von der Schwelle aus über den Toten hinweg.

Heinrich Strobel stand auf und kam auf sie zu.

»Was willst du, Anne?« sagte er und sah auf sie mit einem liebestraurigen Blick.

»Komm mit, Heinrich.«

Er ging mit ihr und sie traten miteinander zum Hause hinaus und gingen in dem grauen Morgennebel ohne zu sprechen vorwärts. Der Nebel lag dicht und kalt an den nassen gelb und braunen Bäumen an.

Heinrich hatte ihre Hand gefaßt. – »Willst du sprechen, Anne?«

Sie sah ihn an, wie jemand, der schon mit dem Tode ringt, sprechen möchte und nicht kann – und sie gingen weiter Hand in Hand – und wagten sich nicht anzusehen.

80 »Was ist denn, Anne?« sagte er. Da standen sie bei den drei Kiefern, von denen sie so oft gesprochen.

»Jetzt sind wir unter den verfluchten Bäumen,« meinte Heinrich Strobel, »nun sag, was du zu sagen hast! Du willst mit dem Unglücksvogel nichts mehr zu thun haben. Mach's kurz. – Ich weiß schon.«

»Heinrich!« rief sie angstvoll. Sie schlang die Arme um seinen Hals und weinte an seiner Brust und weinte und weinte. –

Jetzt hob sie den Kopf und sah ihn an und faßte seine beiden Hände. – »Gott hat den Toten zwischen uns gedrängt,« sagte sie langsam, »– – – und noch etwas andres, Heinrich.«

Er stand stumm und fahl und düster vor ihr.

Sie sagte mit Worten, was er am Abend unter diesen traurigen Bäumen, als er bei seinem Herzbruder Wache hielt, gedacht hatte.

Die beiden treuen Menschen standen und trugen miteinander das Schicksal, das über sie hergefallen war. – Sie trugen eine schwere Last – und dachten nicht daran sie abzuwerfen, abzuschütteln, was abzuschütteln war.

Und ob er zehnmal unschuldig war, daß der frische, leichtsinnige Gesell jetzt unter den weißen Tüchern als Toter lag – durch ihn war es doch geschehen!

Er war doch die Veranlassung und blieb die Veranlassung. Durch ihn war Unglück gekommen. – Gott hatte ihn als Werkzeug gebraucht – um Jammer hereinbrechen zu lassen. – So ein Werkzeug ist und bleibt gezeichnet. Ein Richtschwert wird nimmermehr zum Brotmesser gebraucht.

Die beiden fühlten gleich. Sie waren dieselbe Art Menschen. Sie ergänzten einander nicht, sie waren eins. Ihre Liebe war Friede; eine kampflose Liebe fürs Leben.

Sie schauten einander in die traurigen Augen und verstanden einander. – Sie hatten nicht zu reden gebraucht, dachten dieselben Gedanken, – fühlten dieselbe Qual und die düstere Stunde war die Krone ihrer Liebe. – Sie waren eins – ganz eins, für immer eins.

»Was noch, Anne? – Du sagtest – –.« Er legte 81 ihr den Arm um die Schulter und zog sie dicht zu sich heran.

»Anne.« – Und wie ein Schreckenslaut rief er fassungslos: »Deine Schwester . . .!« Weiter sprach er nicht. Er schaute sie an, fragend – wissend. Er sah ihr bis auf den Grund ihrer Seele, bohrte seinen Blick in ihre Augen.

»Heinrich!« Und leise wie ein Thränenstrom rang sich die traurige Geschichte der Schwester ihr vom Herzen.

Das arme gute Mädchen stand wie ein abgeschiedener Geist. Alles war von ihr gefallen, alles Irdische, Hoffnung und Liebe und jedes Lebensglück. – In ihren Zügen war eine rührende Entsagung ohnegleichen zu lesen.

»Heinrich!« Sie sank vor ihm in die Kniee und hob die gefalteten Hände hoch zu ihm empor.

»Rette uns, Heinrich.«

Dem hagern Gesellen mit dem struppigen aufstrebenden Haarschopf liefen die hellen Thränen über die fahlen Wangen, als er sie so vor sich knieen sah.

»Mach sie zu deiner Frau, Heinrich – dann sind wir gerettet! Nur dann. Wenn der Vatter es erführ'! Du weißt doch, der Vatter!«

So in Todesangst sprach und kniete sie da. – Und er hob sie nicht auf. Er ließ sie knieen, starrte auf sie hin wie im Traum.

»Anne, mein Weib!« schrie er auf.

Sie hielt noch immer die gefalteten Hände hoch.

»Rette uns, Heinrich – rette uns! – Wenn der Vatter es erführ'!« Sie wußte nichts mehr zu sagen. Sie fand die Worte nicht.

Und so kniete sie und hielt immer die gefalteten Hände hoch und sah auf seine Lippen.

»Heinrich! Heinrich!«

»Anne.«

Und sie nannten ihre Namen gegenseitig. Das war alles, was sie konnten.

»Wenn nicht Rettung kommt, gibt's ein Unglück sondergleichen! Wenn es auf Erden etwas gibt, das ihn und uns davor behüten kann. – Heinrich – wenn es etwas gibt?«

Sie kniete immer noch in ihren Thränen vor ihm.

Er wendete sich stumm, mit einem starren grauen 82 Gesicht von ihr ab, lehnte sich mit dem Kopf an einen der rotbraunen Kiefernstämme und schloß die Augen.

So blieben sie unbeweglich.

Dann wurde unter den Unglücksbäumen so treu und todestraurig geredet, so hoffnungslos und gut, wie es hin und wider auf dieser Erde geschieht.

Als sie dem Trauerhause zugingen, sprachen sie nicht mehr miteinander. Zwischen ihnen war alles abgethan.

»Heinrich,« sagte sie endlich, als sie ins Haus traten, »ich sage es ihr: und den Eltern jetzt gleich – dann ist's geschehen.«

Als sie an Schlimpimperleins Bett trat, fand sie die schlafend. – Und sie sah in das verweinte Kindergesicht.

»Ludovika,« sagte das ernste blasse Mädchen.

Mit einem Jammerruf erwachte sie. Es war das erste Mal in ihrem Leben, daß sie im Unglück eingeschlafen und im Unglück wieder erwachte.

»Was!« flüsterte sie bang.

Ludschevadel stand ruhig vor ihr. »Es gibt nur einen Weg.«

»Daß ich sterbe,« sagte Schlimpimperlein.

»Nein – du mußt Heinrichs Frau werden,« antwortete das arme junge Weib kurz und schroff.

Da traf sie ein Blick ihrer Schwester, ein so sonderbarer verblüffter, entsetzter Blick, so etwas Verwirrtes im Blick und etwas, als wenn sie mitten in ihrem Elend lachen wollte.

Sie saß stumm und starr, als wäre ein Blitz vor ihr niedergegangen.

Dann warf sie sich mit dem Gesicht auf die Kissen und schluchzte: »Friedel! Friedel!«

Ihre Schwester stand unbeweglich vor ihr und sah mit den entschlossenen Augen auf sie nieder. Sie ließ ihr Zeit sich auszuweinen.

»Es gibt den einen einzigen Weg,« sagte sie tonlos. – »Oder hast du den Mut auf und davon zu gehen in die Fremde, daß man, wenn man dich tot findet, nie erfährt, wohin du gehörtest, dann geh' und mach' dich auf den Weg; aber geh' auch –!«

»Anne!« schrie Schlimpimperlein auf.

83 »Wenn's der Vatter erfährt, schlägt er dich doch zu Schanden – und über uns alle kommt Elend und Schmach genug. Ich weiß nicht, weshalb der brave Mann, der sich sein Lebtag nichts hat zu Schulden kommen lassen, wegen seiner Tochter untergehen soll. – Das soll er nicht – du!«

Anne sprach leidenschaftlich erregt – und war so blaß und traurig – und so fest und unbezwinglich in ihrem Mut.

Schlimpimperlein in ihrem trostlosen Elend saß armselig zerknickt vor ihr.

»Kannst du sterben, hast du Mut?«

Sie sah auf die strenge ernste Fragerin, die sie mit ihren Blicken nicht los ließ.

Die Augen füllten sich dem gepeinigten Geschöpf wieder mit Thränen und sie sah zur Schwester auf und sagte: »Nein, Anne, nicht.«

Anne wankte nicht, ging unaufhaltsam auf ihr Ziel zu, mit dem rührenden Fanatismus und riß ihre unglückliche Schwester mit sich. Ja, es war, als faßte Schlimpimperlein endlich angstvoll selbst nach der rettenden Hand, die sie aus Schmach und Not, die über sie zusammenschlagen wollten wie dunkles Wasser, zu retten suchte, sie und die andern mit ihr.

Und so kam es, daß Anne mit ihrer Schwester und Heinrich Strobel vor die Eltern trat und das wunderlichste Geständnis machte.

»Bist du von Sinnen!« rief die Försterin entsetzt – und faßte ihren Mann an der Schulter. »Hör doch!« rief sie.

Anne aber sprach ruhig: »Der Heinrich und ich, wir haben zu sühnen, Mutter, wir dürfen an Glück miteinander nicht mehr denken.«

Der Förster blickte Anne durchdringend an mit so ein Paar düstern Augen. – »Nun, und die andern beiden?« frug er.

»Die sind entschlossen« – sagte Anne für sie.

»Strobel,« sagte der Förster.

»Es ist so, wie Anne sagt – wir sind entschlossen.«

»Du auch, Mädchen!« wendete sich der starke blonde Mensch an seine jüngste Tochter.

»Ja,« sagte diese leise.

Der Förster lachte ingrimmig auf. Die Heftigkeit, das 84 Mißtrauen schoß ihm in die Augen. Die breite Brust begann zu keuchen.

»Alter,« jammerte seine Frau auf.

Da trat Anne zu ihrem Vater.

»Vatter,« sagte sie in großer Einfachheit und mit einer Reinheit, die auf den heftigen Mann wirkte, als spräche ein Engel mit ihm. »Das ist eine große Sühne vor Gott – Vatter. Da darfst du nicht auffahren – da ist auch nichts daran zu ändern – das ist wie es ist. – Wir drei verstehen einander – und wir werden verantworten, was wir thun. – Du kennst ja Heinrich. – Und wenn die Leute die Mäuler aufsperren, so laß sie es thun. Es ist vor Gott nichts Unrechtes, was geschieht.«

Es lag wie ein schwerer Bann über allen. als fände niemand den Mut, zu fragen. Sie waren verstummt und betäubt unter der Schwere des Schicksals.

* * *

Der Förster wurde krank, sei's, daß er sich auf der Hetzjagd erkältet hatte, oder war's die vielgestaltete Aufregung, in der sein heißes Blut nun schon tagelang kochte. Sein ingrimmigster Feind, der Bock, hatte sich wirklich gemeldet.

Er legte sich ins Bett unter heiße Habersäcke und stöhnte und schrie auf und raste vor Qual und frug nichts und sagte nichts.

Anne und die Försterin hatten alle Hände voll zu thun, um dem ungeduldigen Kranken alles zu verschaffen, was er wollte und wünschte.

Die gerichtliche Untersuchung des traurigen Falles und das Begräbnis gingen vor sich, ohne daß der Förster auf seinem Schmerzenslager etwas davon erfuhr; ohne daß er ein einziges Mal gefragt hätte. Es wurde auf das einstimmige Zeugnis aller, die bei dem Unglück zugegen gewesen waren, Heinrich Strobels völlige Schuldlosigkeit festgestellt. Der blieb ein freier, unbescholtener Mann.

Die Kummerfelden war es, die alle Nachrichten ins Rödchen hinausbrachte und von Anne einen verschlossenen Brief an Strobel mit herabnahm, der sich seit jenem Morgen nicht mehr bei den unglücklichen Leuten hatte sehen lassen.

85 In diesem Briefe standen die wenigen Worte: »Heinrich nicht zögern, um unsertwillen und ihretwillen nicht.«

Der Brief war ohne Ueberschrift und ohne Unterschrift.

Als Anne ihn der Kummerfelden übergab, konnte die ihrer Bewegung nicht Herr werden und sagte: »Komm, Ludschevadel, Anne, wollte ich sagen – und geh' ein Stück mit mir vors Haus.«

»Siehst du,« sagte die Kummerfelden mit ihrem wackeligen Altweiberstimmchen. »Ich muß statt deiner Mutter mit dir reden. Du gutes Mädchen – die kann's dir nicht, die bringt's nicht übers Herz. Als du gestern abend drin beim Vatter warst, da hat sie's mir unter Zittern und Zagen gestanden. Die Mutter denkt sich alles – die weiß alles. Das kannst du dir denken, ein Weib und eine Mutter. – –

»Weißt du, Anne – da kann man gar nichts darüber sagen – ich nicht und die Mutter nicht – dafür gibt's keine Worte.«

Sie drückte mit ihren lebendigen flinken Fingerchen Annen die Hand, und die hellen jungen Thränen liefen ihr über das kleine ältliche Gesicht.

»Soll's denn wirklich geschehen, Anne?«

»Ja – bald – aber bald –.«

»Gott sei gelobt, daß der Vatter den Bock hat!« sagte die Kummerfelden. »Aber ein Mannsbild ist immer kurios, was einem Frauenzimmer durchsichtig ist, da entdeckt so ein Mann noch lange nichts – auch ohne Bock. Gottlob, daß es so eingerichtet ist. Siehst du, und wenn es denn nun einmal wirklich geschehen soll, da wäre meine Meinung, man müßte mit einem einzigen Menschen ganz offen reden und dieser Mensch wäre der Herr Oberkonsistorialrat Voigt. – Wenn du mich's machen läßt, Anne, richt' ich dir's ein, ich kenne ihn ja, daß alles in größter Schnelle vor sich geht – ohne Aufgebot, wenn's sein muß oder mit nur einem Aufgebot. Er ist ein Mann, der dein großes Opfer zu schätzen weiß – dir helfen wird und der schweigen wird, Anne. – Und habt dann einen würdigen Fürsprecher, wenn die Leute anfangen, die Mäuler über euch aufzureißen. Und siehst du, es muß, wenn es geschehen soll, schnell geschehen – du armes Kind.«

»Ja – bald – bald,« sagte Ludschevadel flehend –»und eh' der Vatter wieder gesund ist.«

86 Die alte kleine Kummerfelden hatte ihrem Herzen auf ihre Art Luft machen müssen, umarmte und streichelte das arme Ludschevadel, auf deren glattgescheiteltes Haar der feine kalte Oktoberregen fiel. – –

Die alte Kummerfelden aber hat das schwere Opfer von Anne und Heinrich mit Feuereifer aufgefaßt und alles wie für ihre eigene Sache gethan – und alles eingeleitet. Sie ist gelaufen und hat gesprochen und hat ihren guten Freund, den Oberkonsistorialrat Voigt, in die jammervolle Geschichte eingeweiht.

So war es schon am Sonntag, daß die Försterin, die Kummerfelden, Ludschevadel und das junge Paar, in der Sakristei vor dem Altar standen und das bittere Opfer dargebracht wurde.

Der Oberkonsistorialrat Voigt selbst vollzog die Trauung und drückte Heinrich Strobel die Hand, als der die Ringe mit seiner jungen Frau gewechselt hatte.

Als das Paar vom Altar getreten war, da mochte es dem braven Oberkonsistorialrat zu Herzen gehen und er winkte Anne zu sich an den Altar heran und ließ sie niederknieen auf dem Kissen, auf dem ihr Heinrich vordem gekniet hatte und der Priester legte ihr bewegt die Hände aufs Haupt und segnete sie.

Da ging ein jammervolles Schluchzen durch die alte Sakristei, die Försterin hatte sich in ihrem Leid nicht mehr aufrecht halten können und hatte das Gesicht auf die Stuhllehne der Kummerfelden gestützt. – Die Kummerfelden saß aber mit hocherhobener Haube und sah auf ihre Nähschülerin mit verklärten, thränenden Augen. Heinrich Strobel hatte sich abgewendet und blickte nach dem vergitterten Fenster in den grauen Morgenhimmel hinein. Er sah gealtert und aschgrau aus. Sein straffes Haar stand ihm glanzlos und melancholisch in die Höh'. Die hagere Gestalt war in sich zusammengesunken.

Die Extrapost des jungen Paares hielt hinter der Kirche vor Oberkonsistorialrat Voigts Amtswohnung. Und so nahmen sie Abschied voneinander in der alten Sakristei. Die Försterin reichte ihrem Schwiegersohn die Hand. »Strobel,« sagte sie bebend –»Strobel« . . . weiter kam sie nicht. Sie konnte nicht sprechen.

87 Ihrer Jüngsten gab sie auch die Hand und flüsterte ihr mit gebrochener Stimme ins Ohr: »Erbarm' sich Gott deiner!«

Schlimpimperlein war angstvoll wie ein verscheutes Tier. Sie trug Kranz und Schleier und war in diesen weißen Schleier ganz eingehüllt und weinte vor sich hin, sah aber lieblich aus.

Die Kummerfelden nahm ihr den Schleier und den Kranz nach der Trauung ab, legte beides vorsichtig in eine Pappschachtel, gab ihr die in die Hand zum Mitnehmen und hing ihr das warme Reisemäntelchen um und setzte ihr eine Kapuze auf. – Dann gingen alle aus der hinteren Kirchthür hinaus, um das junge Paar zum Reisewagen zu bringen, der sie nach Leipzig führen sollte. Anne und Heinrich gaben sich erst vor der Kirchenthür stumm die Hand und schauten sich an wie in der Todesstunde. Dann half Heinrich Strobel seinem jungen Weib behutsam in den Wagen, stieg selbst hinein, die Pferde zogen an und die schwerfällige alte Kutsche rumpelte den unbequemen Weg hinter der Jakobskirche hinab, bog in die Jakobsgasse ein und war verschwunden.

Die Frauen gingen miteinander stumm durch die noch morgenstille Stadt dem Rödchen wieder zu.

Als sie den einsamen Feldweg, der zum Rödchen führt, einschlugen, blieb Anne hinter der Mutter und der Kummerfelden zurück, um allein zu gehen. Ein feiner kalter Oktoberregen rieselte nieder. Die Kummerfelden hielt über sich und die Försterin den großen roten Familienschirm mit dem messingenen Knauf gespannt.

Der Weg war aufgeweicht und schlüpfrig – Stoppeln, wohin man sieht, nichts als Stoppeln, verkrüppelte und entblätterte Weiden, Rabenzüge, grauer gleichmäßiger Himmel und als Ziel das vereinsamte spätherbstliche Rödchen, den fahlen Wald, das Haus, in das das Unglück eingezogen ist, der vom Bock geplagte mißmutige Förster und die ganze öde Hoffnungslosigkeit, die da oben auf ihr Opfer lauert.

Anne wagte nicht den Kopf zurück nach Weimar zu wenden, da war die Allee mit den hohen Pappeln, die nach Apolda führt, lang, unendlich lang zu verfolgen. Sie fürchtete sich, in weiter Entfernung undeutlich einen schwarzen verschwindenden Punkt zu sehen.

88 Und so schaute sie nur und einzig nach dem Rödchen hinauf, ohne zu denken, stumpf und trostlos.

Die Försterin wendete sich um und rief ihr zu: »Anne, sowie wir nach Hause kommen, muß neuer Haber für den Vatter geröst' werden.«

»Ja!«

Da sah sie im Geist, wie ihre Schwester im Schleier und Kranz heute in aller Himmelsfrühe vor dem Bett des Vaters gestanden hatte, um Abschied zu nehmen – und der Förster in einem wilden Schmerzensanfall mit ihr ein paar Worte gesprochen hatte, ein paar nichtssagende scheue Worte. – Er hatte ihr die Hand nicht gegeben.

Anne wußte nicht, was sie vom Vater denken sollte. Er war von der heimtückischen Krankheit wie vom Teufel besessen, litt körperlich mit wütendem Widerstreben und auch im Geiste. – Ahnte er etwas? Ließ er den Dingen ihren Lauf? Ahnte er nichts?

Anne konnte sich darüber nicht klar werden. In ihrem Kopf tauchte ein Gedanke auf, den sie mit heiliger Scheu wie eine Gotteslästerung von sich wies, der wieder untertauchte; aber wie einen hellen wunderbaren Schimmer zurückließ, der ihr die ganze Seele erfüllte. Und der Gedanke, ausgedacht, mochte vielleicht sein: Ist es die heilige Geschichte von der Erlösung? Einer gab sich unschuldig hin und opfert sich für die andern – und aller Zorn ist verraucht und die Strafe ist zurückgezogen und die Sünde vergeben. 89

 

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