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Alte Liebe und anderes

Wilhelmine Heimburg: Alte Liebe und anderes - Kapitel 1
Quellenangabe
typenovelette
booktitleAlte Liebe und anderes
authorW. Heimburg
year1906
firstpub1906
publisherUnion Deutsche Verlagsgesellschaft
addressStuttgart
titleAlte Liebe und anderes
pages300
created20080807
sendergerd.bouillon@t-online.de
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5 Alte Liebe.

Wirklich ein behagliches, ein allerliebstes Nest hatte sie sich geschaffen, in dem sie nun ihre »alten Tage« leben wollte. In einer Villenstraße Dresdens, erster Stock, Halbetage, fünf Zimmer und Gartengenuß. Außer ihr vorläufig nur die Familie des Wirtes im Hause, die andere Hälfte ihrer Etage war eben frei geworden. Das alte Fräulein, das dort wohnte, starb vor vierzehn Tagen, nachdem sie fünfundzwanzig Jahre dort gewohnt hatte. Bevor der Mietzettel ausgehängt wurde, mußte das Quartier erst neu hergerichtet werden. Der Wirt hatte versprochen, die Maler und Maurer erst kommen zu lassen, wenn sie, Helene Wilkens, in die Sommerfrische gereist sei. Wirklich rücksichtsvoll für einen Hauswirt! – Nein, sie ist durchaus glücklich, aus der kleinen Vaterstadt fortgezogen zu sein nach dem Tode ihres Vaters. Das alte Haus dort mit den trüben Erinnerungen, in dem ihre Seufzer und ihre Tränen lebendig geblieben waren, in dem jeder Raum ihr erzählte von aufgeopferten Wünschen und ungestillter Sehnsucht, von dem Verkümmern und Verblassen ihrer Jugend, das hätte sie beinah erdrückt, nun sie es allein bewohnen sollte mit diesen Erinnerungen.

8 Sie war hier erst wieder aufgelebt, und hier erst würde sie vergessen lernen. Hier, wo sie nichts mehr erinnerte und mahnte an ihres Herzens einzige große Liebe.

Es wurde aber auch Zeit, wenn sie noch etwas haben wollte vom Dasein. Sie war vierzig Jahr gewesen vor ein paar Wochen! Man sah es ihr nicht gerade an. Wenn sie angeregt war, bekamen ihre Wangen Farbe und ihre Augen wieder Glanz; aber mitunter, wenn die Erinnerung sie heimsuchte, dann hatte sie das Gesicht einer müden kranken Frau.

Ein wenig voller war sie geworden in ihrem öden Dahinvegetieren zwischen der Krankenpflege des Vaters und den Kaffees, in denen das gesellige Leben ihrer Vaterstadt bestand. Im ganzen fühlte sie sich alt, recht alt, wenn sie sich auch noch freuen konnte am Schönen.

Die Mittel, angenehm zu leben, waren ihr reichlich zu teil geworden. Das ganze Vermögen hatte sie bekommen als einzige Erbin. Alles gut angelegt in Staatspapieren, auf der Reichsbank deponiert. Sie freute sich, wenn sie mit der unterschriebenen Quittung in das elegante Banklokal wanderte, um die beträchtlichen Zinsen zu erheben. Das war auch ein Zeichen vom Alter! Es hatte eine Zeit gegeben, da hatte sie dieses Geld gehaßt aus der tiefsten Tiese ihres jungen Herzens. Damals, als der Vater ihr sagte. »Ja, begreifst du denn nicht, Kind, daß der Wendenfels in erster Linie an dein Geld denkt?«

Kein Beschwören, kein Beteuern der Tochter hatte geholfen, ihn von seiner Meinung zu bekehren. Der junge Leutnant ging eines Tages mit einem Korbe heim – ließ sich versetzen und – tröstete sich nach Jahr und Tag mit einer andern. Er war schon Hauptmann, als er heiratete, und er nahm ein ganz armes Mädchen. Mit mühsam unterdrückten Tränen erzählte Helene Wilkens ihrem Vater von der armen Heirat, die der Verschmähte gemacht hatte. Aber der alte Herr schwieg sich darüber aus.

Ja, der Mann hatte sich getröstet über seine fehlgeschlagenen Hoffnungen, – sie konnte es nicht. Sie schickte einen Freier nach dem andern fort. Es war, als habe der Frost, der über 9 ihr junges Liebesglück daherfuhr, mit den ersten Knospen auch alle Fähigkeit zu einem späteren Blühen vernichtet.

Nun war sie endlich ruhig. Das machte das Alter und die veränderte Umgebung. Sie konnte manchmal lächeln, wenn sie daran dachte, was aus ihren Freundinnen geworden war, die ausnahmslos verheiratet waren, deren junges Glück sie bitter beneidet hatte, wenn sie ihnen auch mit möglichster Haltung den Brautkranz wand oder Patenstelle annahm bei dem kleinen Nachwuchs. Oh, sie lachte sie jetzt alle aus in ihrem sorglosen Dasein, – sie wurde von ihnen beneidet!

Heute nachmittag war eine dieser Freundinnen zu Besuch bei Helene Wilkens; die war irgendwie nach Dresden verschlagen 10 worden mit ihrem Mann, der sich Professor nannte und junge Leute zum Fähnrichexamen vorbereitete. Die beiden Damen saßen im gemütlichen Erkerzimmer Helenens am Kaffeetisch, und die verärgerte und abgehetzte Professorin, die sich mit Mühe und Not ein Stündchen freigemacht hatte von den Pflichten ihres großen Haushaltes, ließ die musternden Augen umgehen über alle die traute Behaglichkeit und sagte mit einem Seufzer: »Du hast's gut, Lenchen! Ja, wenn ich heute noch einmal davorstände, ich heiratete nicht. Aber was weiß man denn als junges Mädchen, lieber Gott! Ich spreche so oft zu meinen Töchtern: Kinder, heiratet nicht, macht's wie Tante Lenchen Wilkens, – was geht der ab?«

»Na, weißt du, Sophiechen, das glauben dir die jungen Dinger doch nicht, das laß man!« meinte Helene. »Ich hab's meinem Vater auch nicht geglaubt, wenn er sagte: Was geht dir ab? Du hast's doch gut bei mir!«

»Ja, ja, freilich!« murmelte die Professorin und tunkte ein Stück Kuchen in den Kaffee.

»Und dann,« fuhr Helene fort, »es war auch nicht leicht, alles stillschweigend aufzugeben. Das Schwere und Bittere liegt hinter mir. Du hast alles Süße und alles Glück zu rechter Zeit gehabt, und wenn du nun ein bissel Sorgen hast, so ist es doch nur gerecht. Ebenso, daß ich nun noch ein bißchen Behaglichkeit und Selbständigkeit erlebe.«

»Nun,« meinte die andre neckend, »vielleicht heiratest du noch und kriegst dein Süßes nach.«

Und als Helene Wilkens herzlich zu lachen begann, lachte sie mit, meinte aber doch: »Höre, Lenchen, du siehst stattlich genug noch aus, – es muß nur einer sein, der für deine Jahre paßt. – Übrigens sag mal, hast du je etwas von deinem ehemaligen Bräutigam gehört?«

»Nichts, Sophiechen, als daß er geheiratet hatte und Witwer geworden ist. Das war das einzige. – Gott weiß, ob er noch lebt!«

»Zu schade war's doch. Es war ein zu reizender Mensch,« meinte nachdenklich die Professorin.

11 »Liebenswürdig und gut und hübsch fand ich ihn wenigstens!« bestätigte Helene leise. »Nun, jetzt denkt man ja ruhig über die Geschichte.«

In diesem Augenblick ging die Entreeglocke, und gleich darauf kam ein allerliebstes Mädchen von ungefähr siebzehn Jahren in das Zimmer, küßte Tante Wilkens die Hand und schlang die Arme um den Hals der Professorin. »Herzensmutti, bist du böse, daß ich dich abhole? Sieh mal, der Weg vom Seminar geht doch hier vorbei – –« und dabei unterbrach sie sich beständig, um das Mutti schallend auf Wangen, Stirn und Augen zu küssen. Und die Professorin lachte und verwies dem Töchterlein ernstlich solch unstatthaftes Benehmen, aber ihre Augen strahlten plötzlich, und sie strich zärtlich über die blühende Wange des Kindes.

Als Tante Wilkens den jungen Gast noch mit Kuchen und Schlagsahne gefüttert hatte und die Damen sich verabschiedeten, sagte Helene plötzlich mit melancholischem Lächeln zu der Freundin: »Ich glaube, Sophiechen, du tauschest doch nicht mit mir!«

Die Professorin antwortete nicht. Sie mochte wohl die Sehnsucht in den Augen des einsamen Mädchens lesen.

»Adieu, Liebe!« sagte sie nur. »Wenn du von deiner Schweizerreise zurück bist, komme ich mal wieder. Ach, siehst du, eine Schweizerreise, das ist der unerfüllte Wunsch meines Lebens geblieben. Gelt, Mizzi, die Tante hat's gut, die kann reisen!«

Als sie fort waren, stand Helene Wilkens eine ganze Zeitlang im Erker und schaute auf die im Abendsonnenlicht schimmernden Fenster der gegenüberliegenden Villa und auf die grünen 12 Rasenflächen des Vorgartens. Solange sie hier in Dresden wohnte, hatte sie sich noch nicht so einsam und trostlos gefühlt wie nach diesem kleinen Erlebnis. Und es war doch weiter nichts geschehen, als daß ein Kind mit seiner Mutter gekost hatte.

Ihren Gedanken ließ sich nicht Vernunft predigen, sie wanderten mit den beiden, die sie eben verlassen hatten. Eng aneinander geschmiegt waren sie dahingegangen ihrem kargen Heim zu. Das alte bittere Weh, der alte herzzerreißende Neid, den Helene weit hinter sich wähnte, hatte sie ja nun auch hier gefunden.

* * *

Es war später Oktober geworden, als Helene Wilkens von der Reise zurückkehrte. Sie hatte sich angesichts der Gotthardbahn in Luzern ganz rasch entschlossen und war an die italienischen Seen gegangen. Sie brauchte ja niemand zu fragen, hatte Freiheit, Zeit und Geld schrankenlos zu ihrer Verfügung.

Ja, und das ist doch ein sonderbares Gefühl, so von niemand vermißt zu werden. So zu wissen: es wartet keiner auf dich, du kannst ausbleiben, sokange du willst. Ein Gefühl, das frieren macht und traurig stimmt.

Auf der Rückreise freute sie sich aber doch ein wenig auf ihr trauliches »zu Hause«. Sie kam übrigens als echte Hausfrau unangemeldet, um zu sehen, wie's die Luise treibe, wenn sie nicht daheim war. – Der Zug lief an einem regnerischen kalten Abend gegen acht Uhr in die große Halle des Hauptbahnhofes ein. Helene Wilkens stieg aus, übergab ihr sämtliches Gepäck und den Schein über den großen Koffer einem Dienstmann, schlüpfte in eine Droschke und kam nach kurzer Fahrt durch Dunst und Nebel vor dem Hause an. Ihre Fensterreihe war natürlich dunkel, aber nebenan, – ach ja richtig, die andre Hälfte der Etage ist ja nun wohl bewohnt! Freilich, da war das Erkerzimmer erhellt. Hoffentlich angenehme Nachbarschaft, die da zugeflogen war.

Wer mochte es sein? Droben stand sie im erleuchteten Treppenhause still. Hier links blinkte ihr an der Korridortür auf blankgeputztem Messingschild ihr Name entgegen, das heißt, 13 es stand da einfach nur »Wilkens«. Denn in der großen Stadt brauchte nicht jeder Bummler zu wissen, daß hier nur ein einzelnes Fräulein wohne.

Auf der rechten Seite war ein einfaches Porzellanschildchen befestigt. Helene konnte den Namen nicht lesen auf dieser Entfernung. Sie war aber doch neugierig, und ehe sie den Knopf ihrer elektrischen Glocke drückte, ging sie leise hinüber und beugte sich zu dem Schildchen hinunter.

»Oberstleutnant a. D. Wendenfels« las sie zurückfahrend. Sie fühlte, wie das Erschrecken zitternd durch ihren Körper rann und wie ihr die Füße schwer wurden, die sie doch rasch wieder auf die andre Seite tragen sollten. Aber ehe sie noch klar denken und sich entfernen konnte, wurde die Tür vor ihr geöffnet, und sie stand, gerade als habe sie direkt zu ihm hinein gewollt, vor einem großgewachsenen älteren Herrn in grauem Haar und militärisch gestutztem Schnurrbart, der sofort den Hut abnahm und höflich fragte: »Sie wünschen, gnädige Frau?«

Es war dieselbe Stimme, die sie nie hatte hören können ohne Herzklopfen – klar, schneidig, bestimmt, – ein bißchen dunkler vielleicht, ein wenig müder als damals. Und dieselbe elegante Erscheinung war es noch, nur ein wenig fremd in der Zivilkleidung, ein wenig vornüber gebeugt, ein wenig voller vielleicht –

Ihre zitternde Hand faßte den Schleier unter dem Kinn zusammen, und im Umwenden murmelte sie: »Verzeihung, ich verwechselte eben – ich wohne noch gar nicht lange hier.«

Sie ging rasch zu ihrer Seite hinüber und läutete dort mit aller Macht. Aber als der schrille Ton verhallt war, scholl seine Stimme hinter ihr: »Fräulein Wilkens! Helene – Helene Wilkens!«

Sie wendete den Kopf und sah ihn neben sich.

»Nein, ist es denn möglich?« sprach er weiter. »Helene, Sie? Ich las wohl den Namen dort, aber wie konnte ich denn denken, daß der Zufall – Geben Sie mir doch Ihre Hand, daß ich sie küsse. Wenn Sie wüßten, wie mich das freut – glücklich macht!«

Es lag eine so überzeugende Wahrheit in seinen Worten, daß auch ihr Gesicht sich erhellte. Sie sagte ebenso herzlich, aber 14 leise und mühsam: »Wirklich, ein sonderbarer Zufall, Herr Oberstleutnant! Auch ich freue mich sehr!« Und dabei drückte sie wieder mit aller Kraft auf den elektrischen Knopf, so daß drinnen ein schrilles, langgedehntes Klingeln anhob. Aber es blieb totenstill hinter der Türe.

»Mein Mädchen ist offenbar nicht zu Hause,« fügte sie rasch und ängstlich hinzu und noch immer mit der tiefen Bewegung kämpfend, die sie jählings überfallen hatte bei diesem Erkennen.

Die Treppe herauf kam eben das Stubenmädchen des Wirts, um einen Korb Wäsche in die Mansarde zu tragen. Wie es die Dame erkannte, erschrak es: »O Gott, gnä' Fräulein, Luise ist zur Kirmeß nach Oberndorf gefahren. Die wird nicht wiederkommen vor Zwölfen. Haben denn gnä' Fräulein keinen Drücker bei sich?«

Nein, den hatte sie nicht nach der Schweiz und Italien mitgenommen.

»Wollen das gnä' Fräulein in der Wohnung unten warten? Die Herrschaft ist freilich nicht daheim. Ich könnte aber rasch einen Schlosser holen!« schlug das Mädchen vor.

»Ih bewahre!« sagte der Oberstleutnant, »das gnädige Fräulein wartet bei mir. Mein altes Hannchen bringt schon ein Abendessen und eine Tasse Tee noch zu stande. Bitte, Fräulein Wilkens!« Er war hinübergegangen, schloß die Flurtür auf und trat zur Seite, um sie vorausgehen zu lassen.

Einen Augenblick zögerte Helene noch, dann lächelte sie. Sie hatte eben beinahe vergessen, daß sie eine alte Dame geworden war und jede Ziererei geschmacklos sein würde. So schritt sie ihm voran in die Wohnung.

Die alte Dienerin, die herzukam, machte ein höchst verblüfftes Gesicht, als sie ihren Herrn, der eben in den Klub hatte gehen wollen, wiederkommen sah mit einer Dame, der er zart und rücksichtsvoll Mantel und Hut abnahm.

»Hannchen, machen Sie Tee!« befahl er. »Und ein bissel kalten Aufschnitt besorgen Sie! Die Dame kommt von der Reise. – So, und nun bitte hier herein, Fräulein Wilkens!«

Es war das Erkerzimmer, das drüben auch ihr Wohnzimmer 17 bildete. Ebenso traulich, nur in andrer Art. Dunkel die Möbel und Stoffe, tiefe plumpe Sessel, Waffen an den Wänden und hohe Büchergestelle. Das einzige Lichte, das durch die mit leichtem blauen Zigarrenrauch versetzte Luft schimmerte, war das lebensgroße Ölbild einer Frau in weißem Kleide. Es hatte seinen Platz über dem Schreibtisch.

Helene Wilkens sah weg. Das Bild tat ihr weh. Sie wählte den Sessel, der mit dem Rücken nach dort stand.

Er ging in der Stube auf und ab.

»Das ist doch wie ein Traum!« sagte er endlich, vor ihr stehen bleibend. »Und wissen Sie, vorhin hatte ich noch gerade an Sie – an uns – gedacht. Wie das so kommt, – Kleinigkeiten machen das oft. Mich brachte das Nebelwetter darauf. So ein Tag war es, Helene, wissen Sie noch, als wir –«

»Sollen wir überhaupt davon reden?« unterbrach sie ihn leise und ängstlich.

Er schwieg einen Augenblick wie betroffen.

»Nein,« sagte er dann, »wenn es Ihnen unangenehm ist, nicht.«

»Unangenehm ist nicht das rechte Wort, – traurig ist es.«

»Ja,« gab er zu, »traurig ist es, aber auch schön. Ehrlich gestanden, es ist das einzige Schöne, das einzige Poetische geblieben in meinem Leben. Ich habe die Erinnerung daran aufgehoben in meinem Herzen, sie wie eine Kostbarkeit bewahrt in festverschlossenem Schrein. Alles, was nachher kam, das war –«

Wie sie ihn erstaunt, fast unwillig ansah, blieb er stehen. »Ich will Ihnen wahrlich keine Klagelieder vorsingen,« sagte er, »es wäre unrecht. Ich bin rechtschaffen glücklich gewesen in meiner Ehe. Aber sehen Sie, Sie waren für mich doch die erste Liebe, die Unerreichbare, das Rätsel. Meine Jugend selbst waren Sie. Ich hab's nie verwunden, daß ich scheiden mußte von ihr, ohne sie in mein Alter mit hinüber zu nehmen. – Ich weiß nicht, ob Sie mich verstehen – Sie haben vielleicht das alles längst vergessen, – haben –«

»Ich verstehe Sie schon, Wendenfels!« unterbrach sie ihn. »Aber« – sie lachte ein wenig wie verlegen. »Ich sage 18 nochmals: Wozu sollen wir darüber reden? Wir sind so alte einsame Menschen geworden –«

»Die nichts weiter haben als die Erinnerung!« ergänzte er. »Und wenn so zwei der Zufall einmal zueinander bringt, dann sollen sie ein bißchen spazieren gehen in dem Paradies der Vergangenheit. Das Recht haben sie wahrlich, eben weil sie alt geworden sind und weil alles in dieser Erinnerung so rein und so wunderschön und traurig ist. – Und jetzt fangen wir an bei jenem Herbstabend, wo wir unter der Linde in Ihres Vaters Garten auf immer Abschied genommen haben bei Nebel und Regen und beide geweint haben um unser zerstörtes Glück. Sie, Helene, recht herzbrechend in Ihr weißes Tüchlein und ich über Ihrem blonden Köpfchen an meiner Brust. Sie werden's nicht gemerkt haben, aber ich gestehe es gern ein, es waren die letzten Tränen in meinem Leben, sie haben alles Weiche in mir mit fortgenommen. Und nun sagen Sie, Helene, was brachte das Leben Ihnen nach jener Stunde?«

Sie legte den feinen Kopf gegen die Lehne des Sessels und sah an ihm vorüber aus blassem Gesicht. »Nichts!« sagte sie halblaut. Es schauerte sie selbst dabei, als sie in ein Wort faßte, was doch jahrelange Sehnsucht und Einsamkeit für sie bedeutete.

Wie er schwieg, fuhr sie murmelnd fort: »Ich habe Vater gepflegt bis zu seinem Tode. Dann habe ich unser altes Haus zugeschlossen und bin hierher gezogen, – das ist alles.«

Nun blieb es so still, daß man die Uhr auf dem Schreibtisch ticken hörte. Endlich fragte sie wieder und ihre Stimme klang wie aus weiter Ferne her: »Ich weiß, Ihre Frau ist gestorben, Wendenfels. Aber ich weiß nicht, ob Sie allein geblieben sind oder ob Sie Kinder haben.«

»Eine Tochter habe ich,« antwortete er mit leiser Stimme.

»Kann ich sie sehen? Wo ist sie.«

Er schüttelte den Kopf. »In einem Sanatorium ist sie, das arme Ding.«

»Krank?« Helene richtete sich empor und sah dem Mann ins erblaßte Gesicht.

»Unheilbar ist sie, – das heißt, die Lähmung ist unheilbar, 19 sagt der Arzt. Sie kann lange leben in ihrem Siechtum. Übrigens, sie soll bald zu mir kommen mit einer Pflegerin,« fuhr er fort. »Ich mietete diese Wohnung schon ihretwegen. Sie mag nicht mit dem Rollstuhl auf die Straße, – hier ist der Garten. Ich 20 warte immer auf die Nachricht, daß sie mir schreibt: Ich komme, Vater! – aber bis jetzt vergebens.«

»Warum? Hält der Arzt für besser, wenn sie noch bleibt?«

»Nein, sie selbst. Sie will nicht zu mir kommen,« antwortete er und fuhr dann rasch fort: »Wir haben einen Versuch gemacht, wir wollten beide gern. Aber sie wurde blässer und elender, als sie schon ist, bei mir. ›Es ist so kalt bei dir, Papa!‹ sagte sie. – In der Anstalt hat sie junge Gefährtinnen, hat sie weiblichen Zuspruch, – ich bin ein so stiller Mensch geworden, Helene. Alles, was mir das Leben gebracht hat an Enttäuschungen, Sorgen und Widerwärtigkeiten, das pflege ich auszuschweigen. Das hat mich finster gemacht. Und darunter leidet sie, das macht sie kränker. –. Und, bei Gott, ich hänge an dem armen Geschöpfchen, fühle mich so schwer verantwortlich für sie, möchte alles tun – und all mein Werben bei ihr ist umsonst.«

Er saß jetzt ihr gegenüber in dem Sessel, und in seinem Gesicht zuckte und arbeitete es in mühsam verhaltenen tiefen Seelenschmerzen. Es war gut, daß die alte Dienerin meldete, der Tee sei serviert. Er richtete sich empor und bot mit einem schwachen Versuch zu lächeln Helene den Arm.

Sie saßen sich dann gegenüber im Speisezimmer, der Schein der Hängelampe lag auf ihren mit Silberfäden durchzogenen Haaren und zeigte ihnen die ernsten Linien um Auge und Mund, die die Zeit hineingezeichnet hatte. Ja, sie waren alt geworden und das Leid war durch ihr Leben getreulich mit ihnen gegangen von jener Stunde an, da sie sich trennten!

Helene aß und trank mechanisch ein wenig. Sie stieß auch mit ihm an, als er ihr ein Glas bot mit goldenem Rheinwein.

»Auf unsere Jugend, Helene!« sagte er dabei.

Ihr war zum Weinen bange und schwer in diesem Moment, und das durfte nicht sein, sie durfte nicht weich werden! In gezwungener Lustigkeit nahm sie nun ihr Glas.

»Und auf gute Nachbarschaft!« sagte sie lachend, obgleich ihr das Wasser in den Augen stand.

»Herr Gott, ja!«antwortete er. »Und darauf, daß unser Wiederfinden kein Traum gewesen ist morgen früh, wenn wir erwachen!«

21 »Nein, nein! Sie werden oft genug an meine Existenz erinnert und gestört werden, denn mein Klavierspiel habe ich nicht aufgegeben!« rief sie munter.

»Spielen Sie noch immer Beethoven, Helene?«

»O freilich!« sagte sie.

»Ja, der alte Herr war auch nicht unschuldig an unsrer Liebe. Meine Geige existiert ebenfalls noch. Da, sehen Sie –« er wies durch die offene Tür des Erkerzimmers nach einem Tischchen neben dem Violinpult. »Aber sie hat Ruhe, ich habe niemand, der mithält.«

»Das wäre am Ende der Moment, wo wir unsre unterbrochene Übungsstunde wieder aufnehmen könnten,« sagte sie, und ihr noch immer hübscher Mund lächelte wehmütig. »Wissen Sie noch, wo wir stehen geblieben sind? Nicht? O, ich weiß es genau. Ein schwarzes Kreuzel habe ich gemacht an jener Stelle in mein Notenbuch, – es war ja auch etwas wie eine Sterbestunde damals. Ich wurde zu Vater gerufen, da war der Brief an ihn gekommen von Ihrer Mutter und die ganze Sache kam zur Sprache und – wir spielten nie wieder zusammen –,« schloß sie traurig und leise. Aber sie hob den Kopf wieder. »Wie sagt doch Storm: Wir wissen's doch, ein rechtes Herz ist gar nicht umzubringen! Wir leben noch und wir spielen wieder, just an jener Stelle wollen wir dem Schicksal zum Trotz wieder anfangen. Nicht?«

»Ja, wenn wir das könnten!« sagte er leise, und seine dunklen Augen suchten die ihren. Da wurde sie plötzlich purpurrot.

»Es ist Zeit, daß ich nachsehe, ob meine Luise daheim ist!« stammelte sie, sich rasch erhebend. Sie schritt schon dem Erkerzimmer wieder zu und suchte nach ihren Handschuhen, hastig, verlegen.

»Luise ist natürlich noch längst nicht daheim!« sagte er. »Bleiben Sie, liebe Freundin, gehen Sie nicht in solcher Unruhe von mir. Zwei alte Freunde wie wir sollten geizig sein mit der Zeit. Kommen Sie, hier am Kaminofen die beiden Sessel, wir wollen weiter plaudern. Nicht von Vergangenem, nicht von Künftigem – von Ihren Reisen zum Beispiel –, und 22 ich, wenn ich darf, rauche eine Zigarre. Übrigens werde ich Hannchen auf Kundschaft schicken nach Ihrer Luise.«

Natürlich war Luise noch nicht zurück, und Helene Wilkens setzte sich beklommen in den Stuhl am glimmenden Feuer. Mühsam kam ein Gespräch in Fluß, – aber was er auch anhub, immer führte es auf alte, liebe, nie vergessene Pfade.

»Es hilft ja doch nicht!« sagte er. »Wir wollen nur ruhig von Ihrem Vaterstädtchen sprechen. Je mehr wir abstreben, desto bestimmter kommen wir hin, – da wohnte eben unsre Jugend.«

Nun fragte er, und sie erzählte. Alle die Leute von damals und deren Geschick wurde durchgenommen, was aus den Gassen, den Häusern, den Läden und Lädchen geworden war, mußte sie berichten. Sie hatten beide rote Wangen wie die Jüngsten, als plötzlich Hannchen eintrat und meldete, die Luise sei heimgekommen und sei kreidebleich vor Schrecken geworden, als sie erfahren habe, ihre Dame sei wieder daheim. Helene erhob sich.

»Ich danke Ihnen, lieber Freund, für Ihre Gastfreundschaft, geben Sie mir Gelegenheit, sie zu erwidern. Aber nicht morgen und übermorgen, – ich war lange abwesend und bin eine zu eitle Hausfrau, um Ihnen mein Heim in mangelhafter Ordnung zeigen zu wollen.«

Ein paar Minuten später stand sie in ihren eigenen vier Pfählen. Wie schwindelig war ihr zu Mute! Sie tadelte das Mädchen nicht, sie antwortete kaum, nur allein wolle sie sein, sagte sie. –

Ein paar Tage später kam der Herr Oberstleutnant in der Nachmittagstunde herüber zu ihr. Sie plauderten und tranken Tee miteinander, und dann sagte Helene: »Wendenfels, ich soll Sie grüßen.«

»Von wem?«

»Von Ihrem Töchterchen. Ich war oben auf dem ›Weißen Hirsch‹, habe sie besucht. Nun möchte ich Ihnen einen Vorschlag machen, den wir beide, die Else und ich, uns ausgedacht haben: Geben Sie mir das Kind in Pension. Sie ist dann in weiblicher Pflege, und sie ist in Ihrer Nähe, und wenn es sie fröstelt 23 bei ihrem stummen Vater, den ich übrigens gar nicht so schweigsam finde, – so kommt sie wieder zu mir und wärmt sich.«

Er hatte sich aufgerichtet und sah sie erstaunt und gerührt an. »Das haben Sie getan? Das wollten Sie?«

»Ja! Herr Gott, was ist da Großes? Ich habe mich seit Vaters Tode schon längst wieder nach einer Pflicht gesehnt, nach einem Wesen, das ich hegen und pflegen kann. Sie tun mir etwas Gutes, wenn Sie Ja sagen.«

Er reichte ihr die Hand ohne ein Wort und ging still hinüber in seine Wohnung. Ein paar Tage später kam das kranke Töchterchen zu Helene.

Ein liebes, über seine achtzehn Jahre ernstes Geschöpf, das sich schwärmerisch Helenen anschloß.

Jeden Nachmittag schob Helene den Fahrstuhl hinüber in die Wohnung des Vaters, und jeden Abend um Sieben rollte dieser sein Kind wieder zurück in ihr Heim. Zuweilen blieb er dann noch als Gast bei der Mahlzeit der beiden Damen. Gegen Weihnacht machten sie nach Tisch Arbeiten für die Kinderbescherung, die Helene halten wollte zu Elsens Freude. Und wenn die Hände des kranken Mädchens sich mühten, ein Püppchen anzuziehen oder Rosen aus Seidenpapier für den Christbaum zu formen mit vor Eifer glühenden Wangen, dann trafen sich die Blicke des Mannes mit denen Helenens verstohlen, und sie lächelten 24 sich zu, froh über das bescheidene Glück des armen Kindes. Und Helene Wilkens war wunschlos glücklich in dieser Zeit.

Da platzte eines Abends die Freundin Sophie, die Professorin, in diese Idylle hinein. Sie hatte Wendenfels auch gekannt und ebenso die Liebe der beiden, aber keine Ahnung von ihrem Wiederfinden. Sie saß stumm vor Überraschung und schaute von einem zum andern. Mühsam kam ein Gespräch in Fluß, das sie von dem sonderbaren Zufall unterrichtete, der Helene mit ihrem Jugendfreund wieder zusammenführte, aber die Professorin antwortete nicht, und schon nach einem Weilchen erhob sie sich, um zu gehen. Helene begleitete sie auf den Korridor.

»Lene, ich bitte dich,« begann dort die Freundin, indem sie energisch in ihre Paletotärmel fuhr, »nun frag mich nur nichts und erkläre mir nichts mehr und rede überhaupt nichts, – ich bin ganz benommen, ich könnte dir nicht antworten, nur eines muß ich fragen: Warum heiratet ihr euch nicht?«

»Wer?« rief Lene erblaßt.

»Nun, ihr! Du und der Wendenfels. Es wäre doch das einzig Richtige.«

»Aber – aber –« Helene rang nach Luft. Es war ihr, als habe jemand plötzlich die bescheidene blasse Sonne abgesperrt, die über ihrem Leben aufgegangen war, seitdem sie mit Wendenfels verkehrte.

»Aber warum denn?« stotterte sie endlich hervor.

Doch die alte Freundin blieb hierauf die Antwort schuldig, weiter nichts sagte sie als: »Na, lebe wohl, Lene, beherzige das!« Dann war sie gegangen.

Da stand die arme Helene und drängte nur mit Macht die Tränen zurück. Wie alt muß man denn werden, bis man tun und lassen kann, was man will, ohne albernen Verdächtigungen ausgesetzt zu sein?

Und was denn nun? Jetzt, wo ihre Unbefangenheit dahin war, schien ihr die Situation selber unmöglich.

Mit einem einzigen Wort hatte diese Sophie sie in Wirren und Sorgen gestürzt, die zu lösen ihr unmöglich dünkten. Ganz verstört trat sie in die Küche und sagte dem Mädchen, es möge 25 sie entschuldigen bei den Herrschaften drinnen, sie habe plötzlich Kopfweh bekommen und müsse sich niederlegen.

Dann war sie allein in ihrer Schlafstube. Sie stand vor dem Spiegel und sah ihre weißen Haare an. Merkwürdig, hatte sie sich verjüngt, oder war es der Zorn? Sie hatte rote Wangen und blitzende Augen. Das vergrämte schlaffe Gesicht, das ihr sonst entgegenblickte, war verschwunden. Und ihr ehrliches Herz gestand es ihr zugleich ganz freimütig: Ich liebe ihn noch immer, und wenn der Verstand da oben unter den gebleichten Haaren auch darüber lächelt! Ich bin die alte geblieben, ich bin noch jung. – Und der Verstand antwortet darauf: Was nun? Dein Herz hat eben die Rechnung ohne den Wirt gemacht. Das Kind hast du geholt, hast ihm eine Heimat geboten, und der Mann sonnt sich in den Strahlen deiner Güte, und die Menschen machen Glossen über dich und verunglimpfen dein Leben. Ja, Lene, was tust du nun? Hättest du nach mir gefragt! –

O, sie wußte weder aus noch ein!

Du müßtest verreisen! sagte der Verstand wieder. Bitte das Kind, während der Zeit zu seinem Vater zu gehen. Kündige heimlich die Wohnung und bleibe lange fort, lange – komm gar nicht wieder, – sieh zu, wo du wieder ein Heim findest, ein ganz einsames, freudloses. Die Welt ist unduldsam und niemand verschont sie, nicht jung, nicht alt. –

Sie saß fassungslos in dem tiefen Sessel an ihrem Bett und hörte, wie man den Rollstuhl der Kranken in das Schlafzimmer fuhr, wie die Pflegerin diese zu Bett brachte und 26 beruhigend zu ihr sprach. Das arme Kind schien sich über ihr Kranksein zu beunruhigen, denn sie hörte, wie man ihm sagte, die Tante würde morgen wieder ganz wohl sein.

Die Korridortüre war längst ins Schloß gefallen, Wendenfels nach drüben gegangen. Er würde nie wieder sitzen in ihrem traulichen Zimmer, – nie. Das ertrüge sie nicht, daß man solches von ihr dächte – nein. –

Schnell mußte sie nun einen Entschluß fassen, – schnell. – Aber welchen? –

Am andern Morgen schrieb sie ihm ein paar Zeilen, sie müsse zu einer Verwandten reisen, die zufolge einer dringlichen Besprechung ihre Gegenwart wünsche. Ob Else so lange zu dem Vater übersiedeln könne mit der Pflegerin? Sie, Lene, sei überzeugt, daß das junge Mädchen jetzt so aufgetaut gegen ihn sei, daß es nicht mehr frieren werde bei ihm. Er möge nur verzeihen, daß sie ihm nicht einmal Adieu sagen könne, aber sie habe so entsetzliche Eile fortzukommen.

Den Brief in der Tasche, wanderte sie den ganzen Tag umher zwischen dem halbgefüllten Koffer in ihrer Schlafstube und dem Fahrstuhl des Kindes, das blasser noch als gewöhnlich dasaß und mit großen vorwurfsvollen Augen das sonderbare Gehabe ihrer Tante betrachtete. Und diese schämte sich ihrer Lügen und ihrer Feigheit und meinte doch, nicht anders handeln zu können, als wie sie tat.

Die Dunkelheit kam früher als sonst, es war kaum vier Uhr. Mit bangem Herzen stand Helene in ihrem Erkerzimmer. Sie hatte den Brief noch immer nicht hinübergeschickt. Nun mußte es bald geschehen. Die Koffer waren gepackt, um acht Uhr ging der Zug. Jetzt konnte sie auch dem Pflegetöchterchen Mitteilung machen, denn heute war Wendenfels im Klub und kam nicht vor neun Uhr zurück. Else mochte mit der Pflegerin heute noch hier schlafen, morgen früh würde der Vater ja bestimmen, was geschehen solle.

Sie erinnerte sich, noch einige nötige Berechnungen am Schreibtisch erledigen zu müssen, da trat jemand in das Zimmer.

In der Meinung, es sei das Mädchen, sagte Helene, die 29 noch am Fenster stand: »Bitte, zünden Sie die Lampe an und stellen Sie sie auf den Schreibtisch.«

Aber statt der Antwort kam nur ein rascher energischer Schritt über den Teppich und eine besorgte Männerstimme fragte: »Verzeihen Sie mir, wenn ich störe. Die Unruhe treibt mich her. Ist es denn wirklich wahr, daß Sie reisen müssen; wie mir meine alte Hanne sagte.«

Helene Wilkens wandte den Kopf herum.

»O, über diesen Dienstbotenklatsch!« Sie lachte verlegen. Und so tief dämmerig es war, sah er doch die Verlegenheit über ihre Lüge auf ihren Wangen brennen.

»Helene,« sagte er, »Sie wollen fort, aber das dulde ich nicht. Es ist meine Sache, zu gehen. – Aber ist es denn nötig?«

Er hatte ihre Hand ergriffen und hielt sie fest in der seinen. »Haben wir uns gefunden, um uns wieder zu verlieren?« fragte er leise. »Gestern – vorgestern, alle Tage vordem schon habe ich Sie fragen wollen darum, – auch ohne durch die sonderbaren Blicke der Frau Sophie erinnert zu werden. Helene, willst du –« er stockte, sie hatte sich heftig von ihm gewandt und war in das Zimmer zurückgetreten.

»Nein – nein – nicht weiter!« stotterte sie. »Sprechen Sie nicht weiter! Es war unüberlegt, was ich tat, – man soll nicht blindlings seinem Herzen folgen – aber nichts hat mir ferner gelegen, als mit meinem Tun für das arme Kind diese Frage heraufzubeschwören. Gewiß nicht – glauben Sie mir, ich wußte nicht, daß man selbst in weißem Haar nicht handeln kann wie man will, ohne mißverstanden zu werden.«

Sie wollte an ihm vorüber, da vertrat er ihr den Weg.

»Nein, zum zweiten Male lasse ich mich nicht in die Ecke stellen,« sagte er leise. »Was willst du denn, Helene: ich stände in diesem Augenblick hier, auch wenn das arme Kind dort drinnen gar nicht existierte, und mit der nämlichen Frage: Willst du mich noch, Lene?«

Es war unheimlich still in der Stube. Nichts als das leise Schluchzen der Frau, die am Flügel lehnte und nicht fähig war zu antworten. Da trat er neben sie und zog sie an sich.

30 »Helene, wollen wir nicht das alte Notenbuch wieder hervorsuchen und da wieder anfangen, wo du dein Kreuzel damals gemacht? Wollen wir aus deinem Kreuzel nicht einen Stern machen? Ein goldenes Glücksternchen, das über unsrer alten treuen Liebe scheinen soll? Ja? Du willst? Herz, ich danke dir, – und nun sei gut, sei ruhig!«

»Ach, laß mich doch weinen,« bat sie, »ich war ja eben noch so unglücklich – und nun –«

»Nun packe deinen Koffer wieder aus, ich packe den meinen. Und weißt du, wo ich hin will? In deine Vaterstadt will ich, das alte Haus in Stand setzen für uns, denn wenn du so denkst wie ich, können wir dort erst so recht glücklich sein, wo die Erinnerung an unsere Jugend wohnt in den traulichen getäfelten Stuben! Und in der alten Marienkirche, deren Turm in unsere Fenster sieht, da wollen wir uns trauen lassen. Nicht?«

»Ja,« sagte sie, »von dem alten Superintendenten, der neckte mich schon damals immer mit dir. Ach du,« fuhr sie fort, »und der alte liebe Garten, wie wird ihn Else genießen.«

»Und wir mit!« erwiderte er lachend. »Wir sind auch für uns da. Du weißt ja gar nicht, Lene, wie jung und schön du noch bist!«

»Aber, Otto!« sagte sie ernstlich abweisend. Doch dann lachte sie, und es klang wirklich ganz jung und glücklich.

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