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Alte Geschichten vom Rhein

Hermann Cardauns: Alte Geschichten vom Rhein - Kapitel 3
Quellenangabe
authorHermann Cardauns
titleAlte Geschichten vom Rhein
publisherButzon & Bercker
yearo.J.
correctorJosef Muehlgassner
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Rutger von Wolkenburg.

Eine Ritter- und Mönchs-Geschichte aus dem Siebengebirge.

Nun, Bruder Heinrich, was wolltet Ihr mir denn von dem Grafen Wilhelm von Jülich erzählen?« Der Prior Cäsarius von Heisterbach, der diese Frage stellte, saß mit dem Angeredeten auf dem Gipfel des Petersberges. Er war ein stattlicher Mann mit klugem Gesicht, den das wallende Cisterciensergewand vortrefflich kleidete. Während der letzten Jahre hatte er etwas mehr studiert, als ihm zuträglich war. Der Pater Arzt hatte ihm deshalb mehr Bewegung und frischere Luft verordnet, als der Klostergarten bot, und ihm als Ferien-Erholung gestattet, jeden Morgen nüchtern auf den Petersberg zu gehen und in der Wallfahrts-Kapelle die heilige Messe zu lesen. Das Mittel schlug an. Zuerst freilich wollte es noch nicht recht mit Atem und Beinen, aber von Tag zu Tag kam ihm der Berg niedriger und der Weg besser vor, das blasse Gesicht zeigte wieder eine feine Röte, und die treuherzigen Augen blickten wieder so frisch wie nur jemals.

In jener Zeit – nämlich Anno 1216 – sah es auf dem Petersberg etwas anders aus wie heutzutage. Als 28 Jahre vorher Mönche von Himmerode auf dem breiten Bergrücken ein Kloster gründeten, hatten sie angefangen, den dichten Wald auszuroden; aber sie waren nicht weit gekommen. Wenn der Winter ins Land zog, strich der Wind doch viel schärfer über die Höhe als im Tal, auch war der Boden steinig, und die Ernte lohnte nicht die schwere Mühe. Schon bald zogen sie deshalb hinunter ins Peterstal und bauten sich ein neues Heim, welchem die mächtigen Heisterbäume und der klare Bach den Namen schufen. Der Wald beeilte sich, das verlorene Gebiet oben auf dem Berggipfel zurückzuerobern; krummes Unterholz und Brombeerranken nisteten sich in den spärlichen Trümmern ein, die von dem ersten armseligen Klosterbau noch übrig geblieben waren; hellgrüne Buchenbüsche und breite Farnwedel, hie und da von einem jungen Eichbaum überragt, wuchsen auf den magern Wiesen und Feldern. Nur ein Stück Rasen um die Marien-Kapelle war freigehalten und am Rande des Plateaus da und dort ein Plätzchen ausgehauen worden, damit die Pilger von Königswinter, Oberkassel usw. sich ausruhen und ihren heimatlichen Kirchturm sehen könnten. Auf die schöne Aussicht gaben sie nämlich nicht viel, wie denn überhaupt die Naturfreude im heutigen Sinne im Mittelalter ein wenig bekannter Begriff gewesen ist.

Pater Cäsarius bildete in dieser Hinsicht schon eine Ausnahme, ohne deshalb ein Schwärmer zu sein. War er mit der Messe zu Ende, so ging er nicht in das Stübchen des Bruders Heinrich, der an der Kapelle das Hüter- und Meßner-Amt versah, sondern setzte sich ganz vorn an den Bergrand, nach der Rheinseite zu – genau dorthin, wo später der Herr Nelles Bier und Wein ausschenkte – lauschte aus die Drosseln und Buchfinken und schaute wohlgefällig auf den blitzenden Strom, die stolzen Berge, die zahllosen Burgen und Kirchen. »Fast so schön wie in unserer Vaterstadt, dem heiligen Köln,« hatte er sogar einmal gesagt, als er auf seinem Lieblingsplätzchen mit dem braven Pastor Eberhard von St. Jakob zusammensaß. Der aber hatte ihn bös angeschaut und geantwortet: »Pater Prior, Ihr solltet Euch als Kölner schämen, so was zu sagen!«

Heute pflog er mit dem Bruder Heinrich eine lange und anziehende Unterhaltung. Seit Jahren sammelte er Legenden, Sagen, Anekdoten und Schwänke aller Art, um sie als Stoff für eines seiner vielen Bücher zu gebrauchen – auch was ich Euch hier erzähle, steht darin, allerdings mit etwas anderen Worten – und da war nun Bruder Heinrich einer seiner Hoflieferanten. Der ließ sich nämlich von Priestern und Mönchen, Rittern und Bauern, die bei der Kapelle ihre Andacht zu verrichten kamen, Altes und Neues aus aller Herren Länder melden, weltlich und fromm, ernst und heiter, grob und fein, wie es sich gab. Am liebsten hörte er von Geistern und Gespenstern. Er war eine gute Seele, aber ein bißchen abergläubisch und glaubte an alles mögliche steif und fest. Auch gerieten ihm seine Geschichten nicht selten durcheinander, oder er verzierte sie mit allerhand eigenen Zutaten, wenn sie ihm nicht spannend genug vorkamen. Etwas Böses dachte er sich dabei mit nichten, und hatte er erst zwei- oder dreimal sein Gemisch von Wahrheit und Dichtung zum besten gegeben, so war er aufrichtig überzeugt, daß er es selbst genau so und nicht anders gehört habe, und zwar von einem Augen- und Ohren-Zeugen. Ähnliches soll auch im zwanzigsten Jahrhundert zuweilen noch vorkommen, besonders in den Zeitungen. Zu ihm also sagte Pater Cäsarius: »Nun, Bruder Heinrich, was wolltet Ihr mir denn von dem Grafen Wilhelm von Jülich erzählen?«

»Er hat den Lohn seiner Taten empfangen.«

»Versündigt Euch nicht! Wie könnt Ihr das wissen?«

»Ritter Walter von Endenich hat ihn nach seinem Tode gesehen.« – »Was Ihr sagt?«

»Aber so hört doch! Vor sechs Wochen war Walter krank, schwer krank, und man glaubte, es werde zu Ende gehen. In einer Nacht – es war auf Simon und Juda – hat es schrecklich gestürmt, und die Leute zu Endenich haben einen feurigen Schein am Himmel gesehen und Raben krächzen gehört, wohl tausend an der Zahl. Der Ritter hat entsetzlich gestöhnt und um sich geschlagen, aber am Morgen war ihm besser. Seitdem ist er rasch wieder zu Kräften gekommen und hat erzählt, in jener Nacht habe er einen bösen Geist an seinem Bett gesehen, der ihm Geld und Gut und Ehre und Gesundheit versprochen, wenn er ihm den Treu-Eid leistete. Der Ritter aber, ein gar frommer Herr, hat ein Kreuz geschlagen und nach der Seele des bösen Grafen von Jülich gefragt, der bei Lebzeiten sein Lehnsherr gewesen war. Der Teufel hat sich lange gesträubt, aber als Walter ihn beschwor, hat er gesprochen: »Kennst du die Schlösser Wolkenburg und Drachenfels jenseits des Rheines? Nun, wären sie von Eisen und würden mit den Bergen, auf denen sie stehen, an jenem Orte versenkt, wo die Seele des Grafen Wilhelm weilt, schmelzen würden sie wie Wachs, ehe du auch nur die Augen schließen könntest.« Dann ward der Ritter entrückt in das Reich des Schreckens; dort sah er einen tiefen Brunnen voll Schwefelflammen und mit glühendem Deckel und darin den Grafen von Jülich mit dem Christenverfolger Marentius. Wüteriche gleicher Schuld sind sie im Leben gewesen, ward ihnen auch im Tode gleiche Strafe.«

»Still, still!« mahnte der Prior; »denn das Gericht ist Gottes. Allerdings, wenn ich sehe, wie so oft, und besonders in unseren traurigen Zeiten, die Großen dieser Welt Werke der Finsternis üben, dann gedenke ich zitternd der Rache des Herrn. Wie kommt es denn wohl, daß so wenig Fürsten und Edle zu den Jahren des Greisenalters gelangen? Sie plündern die Armen und deren Tränen ersticken sie vor der Zeit. Schlimmer denn je ist's geworden, seit zwei Könige um das Land streiten und die Fürsten tun und lassen können, was ihnen beliebt. Und wie im Reich, so im Kölner Erzstift. Seit den Tagen meiner Jugend sind fast immer zwei zu gleicher Zeit gewesen, die sich Erzbischof von Köln nannten – einer soll Herr sein, sagt schon Homerus; aber den kennt Ihr nicht, Bruder Heinrich. Und dazwischen haben die Grafen und Ritter Riemen geschnitten aus der Bürger und Bauern Haut. Jetzt aber, so hoffe ich zu Gott, soll's endlich wieder besser werden; der neue Erzbischof Engelbert wird den kleinen Tyrannen das Handwerk schon legen.«

»Zuvörderst müßte der Wolkenburger dort drüben dran,« sagte Brüder Heinrich und schüttelte die Faust gegen die Burg, welche sich links vom Drachenfels aus einem dichtbewaldeten Kegel erhob. Ist das ein Schirmvogt unseres Klosters? Ein Schindvogt ist er, denn Schinden und Schaben ist seine ganze Vogtei und Ritterschaft. Soll er das Gericht hegen oder das schlechte Volk aus dem Klosterbann jagen, das sich nach dem langen Krieg allerwärts herumtreibt, dann sitzt er faul auf seinem Schloß und läßt alles laufen, wie es eben läuft; aber die Stiere von der Weide und die Trauben vom Stock stehlen, das versteht er; und wenn er mit seinen Rüden und Zechbrüdern, den Hungerleidern hinten aus dem Sieg-Gau, auf die Jagd reitet, ist ihm der Weg durch das Kornfeld alleweil der liebste, und wenn er dafür sogar einen Umweg machen müßte. Neulich kam er heraufgestiegen und heischte von mir Wein. Ich hatte keinen Tropfen; aber als ich ihm in aller Freundlichkeit und mit bescheidener Entschuldigung Milch brachte, goß er mir den Krug über die Kutte und gab mir einen Backenstreich, den ich drei Tage gefühlt habe. Aber man sieht auch auf den ersten Blick dem fuchsigen Schlingel an, wes Geistes Kind er ist, rotes Haar und Eschenholz gedeihen nur auf schlechtem Boden.«

Pater Cäsarius hustete verlegen – Bruder Heinrich war nämlich selbst stark blond, wenn auch nicht so arg wie der Wolkenburger – und sagte: »Jawohl, Rutger ist ein schlimmer Herr; aber den gebe ich noch nicht auf. Früher war er so übel nicht: wild und unbändig, jedoch nicht böse, dabei gastfreundlich und tapfer wie kein zweiter. Erst als er mit König Otto über die Alpen zog, hat er sich im Welschland unter all dem wüsten Kriegvolk das Fluchen, Trinken und Würfeln angewöhnt, und jetzt treibt er es schon arg mit seinen lockern Gesellen. Zudem hat er mit unserm Kloster einen alten Span, wißt Ihr: wegen der Bergwiese hier am Petersberg, und da kühlt er mitunter an uns sein Mütchen. Aber seine kluge Frau hält er noch immer in Ehren, und so lange einer das tut, ist noch Hoffnung vorhanden.«

»Ja, ja,« brummte der Bruder, »Ihr habt immer noch etwas am Nächsten zu loben, und wäre er auch der ärgste. Wer weiß, ob er nicht gerade wieder einen Streich ersonnen hat, der Euch von Eurer guten Meinung bekehrt. Wenn Ihr gleich über die Bergwiese geht, so seht Euch vor, Ihr könntet ihm in die Quere kommen. Und nun gehabt Euch wohl, ich muß zum Läuten gehen.«

Die Flurkarten, welche die vereidigten Geometer des dreizehnten Jahrhunderts von der Königswinterer Feldmark angelegt haben, sind leider spurlos verschwunden. Trotzdem kann man mit voller Bestimmtheit versichern, daß schon damals ein Fußweg in den scharf eingeschnittenen Sattel zwischen Petersberg und Nonnenstromberg hinunterführte, um sich dort rechts nach Königswinter und links nach Heisterbach zu verzweigen. Diesen Pfad wählte Cäsarius zur Heimkehr. Er betete seinen Rosenkranz und betrachtete dazwischen die schöne Legende von dem frommen Edelmann, der so innige Andacht zur Muttergottes hegte, daß man nach seinem Tode in seinem Herzen den Gruß Ave Maria eingeschrieben fand. Rutger v. Wolkenburg und seine Tücken hatte er darüber vergessen; aber als er aus dem Buchenwald auf die Bergwiese trat, fiel ihm der Ritter wieder ein.

Die Bergwiese – Ihr könnt sie noch heutzutage sehen – liegt gerade aus der flachen Kammhöhle zwischen den beiden genannten Bergen, rings von Wald umgeben. Vor zwanzig Jahren hatten die Heisterbacher Mönche sie aus einem Sumpf in üppiges Grasland umgeschaffen. Kein Mensch hatte sich darum gekümmert, bis Rutger mit seinem großen Durst und seinem kleinen Geldbeutel aus Italien heimkam und auf einmal behauptete, die Wiese gehöre zu seinem Grund und Boden. Beweisen konnte er das zwar nicht, aber auch im Klosterarchiv war nichts Sicheres darüber zu finden. Als nun der Abt sich erbot, seinen Besitzstand durch die bekanntesten ältesten Leute beschwören zu lassen, lachte der Ritter ihm unter die Nase: die Wiese sei sein und was die alten Esel sagten, sei ihm gleichgültig. Der Abt machte darauf gute Miene zum bösen Spiel, sprach von den großen Verbesserungen, die sein Vorgänger mit viel Mühe und Geld an das Sumpfloch angelegt, von Pachtzins und Abfindungssumme. Aber Rutger blieb bei seinem ersten Wort, und als der Abt ihm endlich mit dem Grafengericht drohte, antwortete er höhnisch: der Herr Graf habe in bestehenden Kriegläufen wichtigere Dinge zu tun, sei zudem sein guter Freund, und der Herr Abt könne ihm in Gnaden gestohlen werden.

Seitdem trieb er allerhand Unfug. Eines schönen Morgens fanden die Mönche die Wiese rattenkahl abgemäht, ein andermal derartig zerstampft, daß man glauben konnte, Herr Rutger habe die Wiese als Reitbahn benutzt. Die hübschen Grenzsteine aus Stenzelberger Trachyt mit dem sauer eingehauenen Wappen des Klosters wurden ausgeworfen, und als der Abt neue aufstellen ließ, fand man sie gleich am nächsten Tage neben den Löchern, in letzteren aber Haselstöcke, an denen Mönchsfratzen baumelten. Bald war denn auch dem Abt die Sache gründlich verleidet; er ließ die Steine liegen und schickte nur ab und zu einen Knecht auf die verwahrloste Wiese, um ein paar Stücke Vieh grasen zu lassen und so wenigstens das Klosterrecht zu wahren – kurz, wie man im neunzehnten Jahrhundert gesagt haben würde: Er ritt auf einem Prinzip herum.

Als Pater Cäsarius jetzt die Bergwiese betrat, war der Klosterknecht Hartlieb gerade mit der Wahrung dieses Prinzips beschäftigt, das heißt, er lag auf dem Rücken so lang wie er war und warf zuweilen einen schläfrigen Blick auf die zwei Rinder und drei Hammel, deren Hut ihm anvertraut war. Sobald er aber den Prior gewahrte, sprang er hurtig auf die Füße und verzog seinen breiten Mund zu einem freundlichen Grinsen. Den Pater hatten nämlich die Knechte gern, denn er legte oft beim Abt ein gutes Wort ein und war stets bereit, ihnen aus der Klemme zu helfen.

Das hatte auch Hartlieb noch vor kurzem erfahren. Er kam einmal erheblich vergnügter wie sonst von der Oberdollendorfer Kirchweih zum Kloster zurück, weil der gute Rote, der auf der Dollendorfer Haardt wächst, ihm stark zu Häupten gestiegen war. In seiner Freude hatte er nicht so genau wie sonst auf den Weg acht gegeben, war in den Heisterbacher Fischgraben gefallen und hatte hernach mit groben Reden den Bruder Pförtner gescholten, weshalb er keinen Zaun angelegt. Darüber war Abt Gevard gekommen, hatte die Stirne gerunzelt und einen Wink gegeben, der zwei Zaunstecken mit den dazu gehörigen Männern herbeirief – um den nassen Hartlieb aufzutrocknen, wie der Abt sich ausdrückte. Schon schien die Katastrophe unvermeidlich, da trat Cäsarius hinzu und meinte: »Herr Abt! Es war das erstemal, und der Rote ist heuer ganz besonders gut geraten« – und der Abt hatte die Strafe in Gnaden erlassen. Von dem Tage ab wäre Hartlieb für den Prior durchs Feuer gegangen; denn was einmal in seinen dicken Kopf Eingang gefunden hatte, das saß auch fest. Deshalb sprang er so flink auf und sagte mit der ganzen Liebenswürdigkeit, deren er fähig war: »Grüß Euch Gott, Pater!«

In Ermangelung einer Taschenuhr sah der Prior nach der Sonne, und da er sich überzeugte, daß er noch ein Viertelstündchen Zeit habe, setzte er sich zu Hartlieb auf einen der ausgeworfenen Grenzsteine und begann mit ihm zu plaudern. Seine Hoffnung, der Hirt habe eine neue Gespenstergeschichte auf Lager, wurde nicht getäuscht. Gerade schilderte Hartlieb ihm das feurige Roß, das allnächtlich von Königswinter nach Heisterbach rennt – durch die Luft natürlich – da hielt er erschreckt inne: Hufschlag klang den Bergpfad von Königswinter herauf, jetzt blitzte es zwischen den Bäumen, und am Waldrande erschien Rutger von Wolkenburg, gefolgt von zwei berittenen Knechten und einem Rudel Hunde.

Der Ritter, ein großer, starker Mann mit rotem Haar, trug ein dickes Wams von Wildleder; einen Jagdspieß hielt er stoßgerecht in der Hand, während die Knechte Armbrüste führten. Als er die beiden erblickte, leuchtete es zornig in seinen Augen auf, und er spornte den Rappen zu einem mächtigen Satz.

Dann aber erkannte er den Prior, ließ sein Tier langsam gehen, hielt es dicht vor dem Mönche an und sagte in spöttischem Tone: »Ei, sieh da, Pater Cäsarius! Was verschafft mir denn die Ehre, Euch auf meinem Grund und Boden begrüßen zu dürfen? Hab' gar nichts dagegen, wenn Ihr hier Rast haltet; Euch mag ich schon leiden trotz meines Zankens mit den Kuttenträgern zu Heisterbach. Aber Eure Gesellschaft gefällt mir schlecht. Sagt an: Was soll der Kerl und das Viehzeug?«

»Brauch' ich Euch das noch zu sagen?« entgegnete der Prior. »Das Klosterrecht ...«

»Ah bah! Klosterrecht hin, Klosterrecht her, das kennen wir schon. Abteiliche Vierfüßler auf meinem Grund und Boden nebst einem Hirten und zum Überfluß auch noch der Prior dabei – unerhört! Quadrupes pauperiem fecit – seht Ihr, ich habe noch etwas von dem vielen Latein behalten, das wir mitsammen auf der Schulbank im Kölner Andreasstift gelernt – und das heischt schwere Buße. Das Vieh hat mein Gras im Bauch, und da ich das Gras allein nicht zurücknehmen kann, muß ich das Vieh mitnehmen. Heda! Klaus! Kurt! fangt mir die Tierchen ein und schafft sie in unsern Stall.«

»Herr!« fuhr Cäsarius auf, das werdet ihr nicht tun, das wäre ja Straßenraub!«

»Sachte, sachte, Herr Pater, sonst werde auch ich hitzig. Für Euch tut's mir fast leid: habt Ihr doch meinem Weib in seiner Krankheit beigestanden, aber den Tort, den mir Euer Abt da wieder angetan, kann ich nicht dulden.«

Nachdem er ein Weilchen überlegt hatte, fuhr er höhnisch fort: Ein ganz einfacher Rechtsfall! Die Wiese ist bestritten, da werden wir den Streit wohl teilen müssen: Euch die Hälfte und mir die Hälfte von Gras und Vieh; da ich aber den dritten Hammel nicht gut durchschneiden kann, so will ich mich großmütig mit einem Rind und zwei Schafen begnügen. Wahrhaftig, Salomon hätte nicht, weiser urteilen können! Klaus, Kurt, vorwärts! Greift mir das schwarze Rind und zwei von den Schafen!«

Die Knechte saßen ab. Hartlieb, der Miene machte dazwischen zu treten, bekam eine Ohrfeige, daß er zurücktaumelte. Im Nu waren die blockenden Schafe mit zusammengekoppelten Beinen über die Pferde gelegt, dem Rind ein Stück über die Hörner geworfen und mit einem Schelmenlied zog die saubere Gesellschaft von dannen.

Fünf Minuten später verließen auch Cäsarius und Hartlieb die Bergwiese in entgegengesetzter Richtung und den Waldpfad nach Heisterbach hinunter. Der Prior betete seinen Rosenkranz weiter, freilich mit ganz anderen Gefühlen als vordem; dicht hinter ihm kam Hartlieb mit dem kleinen Rest seiner Schutzbefohlenen und sagte allerhand Dinge, die Rutger von Wolkenburg glücklicherweise nicht mehr hören konnte.

Es war wunderschön im Walde. Hundert Fuß und mehr strebten die moosbewachsenen Stämme kerzengerade in die Höhe; durch die breiten Kronen strahlte die Sonne und warf helle Lichter auf das braune Laub, das fußhoch zwischen den Bäumen lag. Hier sprang ein Reh auf, dort ein Hase; die Vögel jubilierten, daß es eine Lust war. Aber die zwei Wanderer sahen und hörten nichts. Nur als am Petersberg ein Kuckuck sich vernehmen ließ, spitzte Hartlieb die Ohren und schrie aus voller Kehle: »Kuckuck! Wie lange wird der Dieb noch leben!« Aber der Vogel war unermüdlich, und beim zwanzigsten Rufe meinte der Knecht verdrießlich: »Na, wenn der noch zwanzig Jahre lebt, dann stiehlt er uns mehr Kühe, als wir haben.«

Er hatte seinem Herzen Luft gemacht und legte den Rest des Weges schweigend zurück. Jetzt zeigte sich zwischen den Stämmen die Mauer, welche in weitem Viereck das Kloster, den Garten und ein schönes Stück Hochwald umschloß. Eine kleine Strecke gingen sie die Mauer entlang, dann bog der Weg rechts um die Ecke, und sie traten, vom Bruder Pförtner mit dem Friedensgruß empfangen, durch das Portal, zu dessen Seiten St. Benedikt und St. Bernhard, der Begründer des abendländischen Klosterwesens und der Stifter des Cistercienser-Ordens, die Wache hielten. Eine Allee von schönen Ulmenbäumen führte zu dem geräumigen, von Ställen und Scheunen umgebenen Wirtschaftshofe, an welchen zur Linken das eigentliche Kloster sich anschloß. Die Gebäude waren einfach, meist in Lehmfachwerk errichtet; aber alles war musterhaft sauber, allerwärts verdeckten Efeu und traubenschwere Weinranken die braunen Wände, und der Wald bot einen prächtigen Rahmen.

Aufwand und Kunstgeschmack verriet nur die noch im Bau begriffene Kirche – elf Jahre darauf ist sie eingeweiht worden. Um die Wende des Jahrhunderts hatte man den Bau begonnen, noch ganz nach der alten Art, den massigen Mauern, Pfeilern und Gewölben und kleinen Fenstern. Dann war ein welscher Pater ins Kloster gekommen, Bernhard, der Baumeister aus Nordfrankreich. Wunderdinge erzählte er von den Kirchen, die man jetzt dort baue. Viele Tage und Nächte zeichnete er, ehe er ans Werk ging. Immer herrlicher wuchsen die Strebepfeiler und schlanken Säulen empor, kühn und leicht spannte er die Gewölbe. Der frühere Baumeister hatte anfänglich mit dem Kopf geschüttelt und gemeint das ganze Ding werde nächstens zusammenfallen; es sei ein Jammer für all die Arbeit und die schönen Steine. Mit der Zeit aber war er immer nachdenklicher geworden und eines Tages war er zu dem jungen Kollegen getreten und hatte bescheiden gesagt: »Pater Bernhard, das hätte ich nimmer gekonnt! Euer Werk wird man preisen noch über viele hundert Jahre.«

Cäsarius war in das Zimmer des Abtes gegangen und hatte ihm die böse Kunde gebracht. Abt Gevard war, obwohl schneeweißes Haar die Tonsur umgab, noch immer ein schöner Mann. In Haltung und Zügen konnte man sehen, daß er nicht immer die Kutte getragen. Bis über sein vierzigstes Jahr hinaus hatte er auf seiner Burg jenseits des Rheines gesessen, ein Kriegsmann und Jäger wie seine Standesgenossen, aber der Bessern einer von Herzen brav, wenn auch die Schale rauh geworden war seit dem Tode seines Weibes – im ganzen ein zufriedener, glücklicher Mann, bis man ihm den einzigen blühenden Sohn heimbrachte, den Todespfeil in der Brust. Das Hatte ihn ins Herz getroffen. Drei Tage saß er in der Halle, düster vor sich hinbrütend, ohne Speise und Trank, ohne ein Wort zu sprechen, und keiner seiner Diener wagte, ihm zu nahen. Endlich war er in die Rüstkammer gewankt, hatte sich gewappnet vom Kopf bis zu den Füßen, den besten Hengst aus dem Stalle geholt und war davon geritten – niemand wußte wohin. Erst nach Jahren erfuhr sein Bruderssohn, dem er die Botschaft geschickt, er möge kommen und der Burg warten, daß der Ohm nach Heisterbach geritten sei, daß soeben gegründet worden war, aber schon eines Rufes sich erfreute. An der Pforte band er das Roß fest, lange kniete er vor dem Altar der kleinen Kirche in heißem Gebet; dann legte er Schwert und Schild auf die Stufen und bat den Abt, ihn aufzunehmen in die Zahl der Brüder. Noch lange hatte er zu ringen mit seinem Schmerz und seinem stolzen Sinn; aber endlich fand er den Frieden. Bald nachdem er widerstrebend die heiligen Weihen empfangen, erhob die Wahl der Mönche ihn zur Würde des Abtes.

Kein Zug des scharf geschnittenen Gesichtes veränderte sich, während der Prior ihm seinen Bericht erstattete. Erst als Cäsarius schwieg, erschienen auf seiner Wange zwei brennend rote Flecken, und hastig fuhr sein Arm zur Seite, wo er einst das Schwert getragen. Dann lächelte er schmerzlich und sagte mit vollkommener Ruhe: »Es ist gut, Pater Prior; wir wollen im Kapitel weiter darüber reden.«

Am Nachmittag rief ein Glockenzeichen die Mönche in den Kapitelsaal, ein niedriges kühles Gelaß, dessen Gewölbe ein einziger Mittelpfeiler stützte. Es wäre der Mühe wert für einen Maler gewesen, das Bild zu zeichnen. Die Hälfte des Saales lag in dämmerigem Halbdunkel, obwohl goldenes Sonnenlicht durch die kleinen Rundbogenfenster brach und grell einen Teil der malerischen Gestalten in langem Ordenskleide beleuchtete. Männer aus allen Ständen hätte er gesehen; Ritter und Bürgerkinder und Bauernsöhne, manchen, dessen Erscheinung vermuten ließ, daß nicht einzig und allein ein vollerfaßter, weltverachtender Beruf ihn aus der Welt in die Einsamkeit geführt habe, und daneben Gesichter, in denen ein guter Beobachter lesen konnte von Gottesfrieden und mühsam unterdrückter Weltlust, von kaum gebändigter Leidenschaft und vom Glück der Entsagung.

In tiefem Schweigen standen die Mönche, als der Abt begann, von der neuesten Gewalttat des Wolkenburgers zu berichten. Jetzt ging ein dumpfes Murmeln durch die Reihen, und als er endete, brach der Unmut in derben Ausdrücken los. »Der Schindvogt!« scholl es aus einer Ecke, »der nichtnutzige Rotkopf,« aus der andern, »der Rinderdieb, der Ritter vom gestohlenen Schaf! Im Grabe würde sein Vater sich herumdrehen, wenn er's wüßte.« Nur mit Mühe gelang es dem Abt, die Ruhe herzustellen. In gemessenem Tone sprach er: »Pater Cäsarius, Euch als Prior steht es zu, das erste Wort zu sagen; was ist Eure Meinung?«

»Es ist Raub und Landfriedensbruch,« entgegnete der Gefragte, »und darüber hat der Graf zu richten. Aber Ihr alle wißt, was vom Grafen zu holen ist, wenn er überhaupt im Lande weilt. Er ist des Wolkenburgers alter Kriegskamerad und Trinkbruder, und wer die Krähe beim Krähengericht verklagt, der wird auch ein Krähenurteil bekommen. Ich weiß keinen Rat, als daß wir die Sache Gott befehlen, – der mag's ändern.«

Der Pater Kellermeister bat um Erlaubnis, zu reden und wendete ein: »Dem möchte ich nicht beistimmen. Kämpfen müssen wir für unser gutes Recht, wenn es auch vorläufig nicht viel helfen sollte. Beim Grafen freilich ist gar nichts zu machen; aber wozu ist denn der Erzbischof von Köln da? Er ist Herzog von Rheinland und Westfalen und aller Klöster seines Sprengels oberster Schirmherr; und wenn unser Vogt uns schädigt, statt uns zu schützen, muß er zum rechten sehen. Viel Gutes habe ich vom Erzbischof Engelbert gehört. Eifrig pflegt er das Recht, das in den Kriegszeiten fast vergessen worden ist. Kommen die Armen und Bedrückten zu ihm, so läßt er alles stehen und liegen, um sie geduldig anzuhören, und schon mehr als einen adeligen Dieb hat er unter dem Torbogen seines Raubnestes hängen lassen; nicht umsonst trägt er in der einen Hand den Bischofsstab, in der anderen das Schwert als weltlicher Reichsfürst, dem vom Kaiser der Blutbann verliehen ist. Seit gestern weilt er in Bonn, um die Huldigung der Bürger entgegenzunehmen. Schickt einen Boten zu ihm, Herr Abt; ich vertraue, schon morgen ist er zur Stelle.«

Ein beifälliges Gemurmel folgte, und auch der Abt nickte. »Ihr habt recht, und noch heute abend soll der Bote nach Bonn reiten. Und dennoch – mir tut's leid um den Wolkenburger, wenn die Vergeltung über ihn hereinbricht. Böse Gesellen haben ihn verdorben. Sein Vater, dessen Gebein in unserer Kirche ruht, hat's wahrlich nicht um uns verdient, daß wir den Sohn ins Elend treiben. Noch einmal wollen wir ihn mahnen. Mag's helfen oder nicht, wir haben dann das Unsrige getan. Doch, wer will die Botschaft an den wilden Mann übernehmen?« Die Mönche schwiegen; denn keinen gelüstete es, mit dem Wolkenburger anzubinden. Da rief eine helle Stimme: »Ei, so schickt doch den Bruder Wolfram.«

Der Mönch Walter hatte es gerufen, den sie den Erzpoeten nannten. Einst war er fahrender Sänger gewesen und hatte manch loses Lied gedichtet, bis man ihn krank und elend an der Klosterpforte fand und aus Barmherzigkeit aufnahm. Die kecke Zunge aber hatte er mitgebracht, ist auch bald aus dem Kloster entwichen.

Einige jüngere Mönche kicherten, aber das Gesicht des Abtes wurde finster. »Ihr solltet Euch schämen,« hub er an, »daß Ihr des guten Bruders spottet. Indessen, wer weiß, ob nicht Gott des Einfältigen sich bedienen will, um Euren Witz zu schanden zu machen? Bruder Wolfram, was dünkt Euch, wollt Ihr gehen?«

Schüchtern trat Wolfram vor, ein kleiner, gebückter Mann von etwa sechzig Jahren. Fast von Kindesbeinen an lebte er im Kloster, zuerst in Himmerode, von wo er mit den ersten Mönchen zur Gründung des Tochterklosters an den Rhein gekommen war; und Großes hatte man von dem Jüngling sich versprochen, so fromm und eifrig war er, so klug und gelehrt, und dabei stets freundlich und guter Dinge. Da stieß ihm ein Unglück zu; als er das Glöckneramt versah, stürzte der Klöppel herab und verletzte ihn am Kopf. Drei Wochen lag er zwischen Leben und Tod; er genas, aber der alte wurde er nimmer. Sein Geist war nicht gerade umnachtet, aber wirr flatterte und sprang er von einem zum andern. Jetzt konnte Wolfram die Schrift erklären, daß alle staunten, und im nächsten Augenblick verfiel er auf einen Schwank; mitten im Gebet konnte er hell auflachen, weil er einen drolligen Einfall gehabt, und gleich darauf kniete er wieder, versunken in Andacht. Nur eins vergaß er nie: Gehorsam und Demut. Darum liebte ihn der Abt und duldete nicht, daß man mit dem Armen Spott treibe.

»Ich glaube nicht, daß ich in der Sache helfen kann,« begann Wolfram mit stockender Stimme. »Mir ist manchmal so heiß im Kopf, und dann sage ich Dinge, über welche die Leute lachen. Aber,« setzte er in festerem Tone hinzu, »Ihr wünscht es, und da muß ich gehorchen. Hat doch St. Bernhard einmal Öl statt Wein getrunken, weil der Abt ihm, unkundig, was das Gefäß enthielt, zu trinken befahl, und hat es nicht einmal bemerkt. Aber was soll ich tun und reden auf der Wolkenburg?«

»Das weiß ich selbst nicht recht,« antwortete gütig der Abt. »Gott mag Euch die gute Rede eingeben, und dann bringt zurück von dem gestohlenen Vieh, was Ihr kriegen könnt. Jetzt aber ist es Zeit zum Gebet.«

Die Mönche verließen den Saal. Mitten unter ihnen ging Bruder Wolfram, nachdenklich den Kopf schüttelnd. Jetzt glitt ein vergnügtes Lächeln über sein Gesicht. »Bringt mit, was Ihr kriegen könnt, hat der Abt gesagt; das ist klar wie die Sonne, und das muß ich mir merken. Will's schon machen, aber St. Bernhard muß mir auch ein wenig dabei helfen.«

Andern Tages, zwei Stunden vor Mittag, bestieg Bruder Wolfram einen Esel – denn er hatte kürzlich die Gicht gehabt und war noch schlecht zu Fuß – und ritt, den Bruder Pförtner mit herablassendem Kopfnicken grüßend, zum Tore hinaus. Der Abt trug freilich Bedenken, ob es ratsam sei, dem Wolkenburger gerade in die Suppe zu fallen; aber Wolfram meinte: »Stiehlt er unser Vieh, so soll er mich wenigstens füttern,« und der Abt ließ ihn ziehen.

Während er am Nordabhange des Peterberges über die Höhe ritt, jenseits deren Königswinter liegt, bot er einen merkwürdigen Anblick. Er hatte seinen unruhigen Tag; in seinem armen Kopfe ging es noch bunter durcheinander wie gewöhnlich, und den Weg verkürzte er sich durch fast beständiges Sprechen. Anfangs widmete er seine Aufmerksamkeit ausschließlich dem Esel. »Braves Tier,« sagte er zärtlich und klopfte den Grauschimmel auf den struppigen Nacken, »du und ich, wir bringen die Sache ins reine. Wenn der Wolkenburger sich sperrt, dann schreien wir zusammen, daß er meint, sein Steinkasten falle übereinander, wie die Mauern von Jerichos beim Schalle der Posaunen. – Holla, mein Freund, laß die Rüben stehen! Das ist kein Klosteracker mehr, und wenn's die Dollendorfer Bauern sehen, könnten sie uns übel mitspielen. Willst du wohl –« Wolfram faßte den Zügel; er zog und zog. Der Esel nahm den Kopf zwischen die Vorderbeine, schlug hinten aus, und Wolfram schlug kopfüber hinunter.

Glücklicherweise fiel er in hohes Laub und auf einen Ameisenhaufen, sodaß er keinen Schaden nahm. Er erhob sich langsam und warf dem Esel einen verdutzten Blick zu. »Nun, nun,« sagte er begütigend, »das war doch gerade nicht nötig. Aber du wirst es wohl so schlimm nicht gemeint haben; denn im Grunde bist du doch nur ein dummes Vieh, obwohl du zur Abtei gehörst. Und nun komm her; der Klügste gibt nach, und wir müssen heute miteinander auskommen.«

Der Esel gab wirklich nach, ließ ihn wieder aufsitzen und schritt gemächlich vorwärts, während Bruder Wolfram weiter plauderte. Nachdem er eine horazische Ode rezitiert, einen Psalm gebetet und dazwischen seinen Gefährten freundlich angeredet hatte, fiel ihm plötzlich sein Auftrag ein, und sein Gesicht zeigte den Ausdruck kläglicher Hilflosigkeit. »Wenn ich nur nicht wieder eine Dummheit mache,« jammerte er. »Was soll ich nun eigentlich zu dem bösen Manne sprechen? Es wäre ja nicht das erstemal, daß er seinen Schabernack mit mir triebe, und gerade heute kann ich meine Gedanken noch schlechter zusammenhalten. O weh! Das gibt sicher noch ein Unglück.« Im nächsten Augenblick hatte er seinen Kummer vergessen und trällerte ein heiteres Liedchen, das er vom Erzpoeten Walter gelernt hatte.

Der Wald hörte auf, und über eine breite Rundung schweifte der Blick des Mönches stundenweit in die Ferne. Tief zu seinen Füßen floß der Rhein, ein breites Silberband, sichtbar vom schroffen Burgfelsen von Rolandseck bis weit nach Norden, wo einige Türme des heiligen Köln über den Horizont tauchten; zu beiden Seiten des Stromes die Ebene in üppiger Fruchtbarkeit, jenseits sanfte, waldgekrönte Höhen, zur Linken die trotzigen Kegel des Drachenfels und der Wolkenburg.

Bruder Wolfram hielt an; er schaute und schaute, bis ihm die Tränen in die Augen traten. »Wie schön, wie schön!« murmelte er; »wie herrlich hast Du, o Herr, meine Heimat geschaffen!« Er faltete die Hände und stimmte an mit klangvoller Stimme: »Herr, großer Gott, Dich loben wir.« Der Bann war gebrochen, leise betend ritt er weiter.

Der Pfad senkte sich, lief eine kurze Strecke durch die mit Reben und Gärten bedeckte Fläche zwischen dem Gebirge und dem ummauerten Flecken Königswinter und führte jenseits derselben scharf bergan. Wolfram stieg von seinem Tier. »Muß schon meine alten Knochen selbst ein Stückchen weiterschleppen,« sagte er, »denn der Gerechte erbarmt sich sogar seines Viehes. Du bist auch nicht mehr der jüngste Asinus, und heiß genug wird's dir schon geworden sein.« Keuchend gewann er den ersten steilen Anstieg, ritt am Burghof vorbei – war damals ein Lehnsgut der Drachenfelser, heute gehört er dem reichen Baron von Sarter, dem Drachenburger – und kletterte langsam, den Esel zum zweitenmal am Zügel führend, auf holprigem Pfad zur Wolkenburg hinauf. Steinbrüche gab es noch nicht bis auf einen einzigen, wo man die Steine zum Bau der Burg geholt hatte. Die Drahtzäune sowie die Tafel mit der Inschrift: »Verbotener Weg« sind auch erst später erfunden worden.

Endlich stand Wolfram, tief aufatmend, oben und trat durch das offene Tor in den von hohen Mauern umgebenen Schloßhof. In der Mitte stand ein starker Turm, links lagen die Ställe, rechts das Wohngebäude, ein plumper Bau von Trachytquadern.

Kaum war er zu Atem gekommen, als Rutger von Wolkenburg in der Türe seines Hauses erschien. Er war ein wenig rot im Gesicht und bei ausgezeichneter Laune. »Willkommen, hochzuverehrender Bruder Wolfram,« rief er laut über den Hof hinüber, »willkommen oberster Feldherr der Heisterbacher Reiterei. Was steht zu Euren Diensten, hochwürdigster Herr? Wollt Ihr etwa die Wolkenburg stürmen?«

Wolfram ging stumm über den Hof, pflanzte sich dicht vor dem Ritter auf, sah ihm fest ins Gesicht und rief mit donnernder Stimme: »Ihr Nichtsnutz, gebt den Ochsen und die Schafe heraus, die Ihr uns gestern gestohlen habt.«

Rutger starrte ihn ganz verblüfft an, um sofort in ein ausgelassenes Gelächter auszubrechen. »Ihr seid nicht bei Trost, Mann. Indessen wenn's Euch gelüstet mögt Ihr's versuchen? Seht Ihr den Stall da drüben? Dort stehen die Tiere. Geht hinein, nehmt sie und kehrt heim in Frieden; nur müßt Ihr Euch freilich vor den bissigen Hunden ein wenig in acht nehmen – ich brauche nur zu pfeifen, so habt Ihr sie an der Kehle –, und wenn Euch einer meiner Knechte aus Versehen den Schädel einschlüge, so sollt' es mir leid tun. Nun, weshalb greift ihr nicht zu? Mein ritterlich Wort zum Pfande: Bekommt Ihr nur ein Hammelbein in die Hand, so ist alles Euer, was Ihr begehrt. Aber jetzt genug des Scherzes. Laßt die Flausen, tretet ins Haus und tut mir Bescheid bei Tisch. Wenn ihr Mönche auch den leibhaftigen Satan aus mir machen möchtet, Rutger von Wolkenburg läßt keinen Wanderer ungelabt von seiner Schwelle ziehen.«

Wolfram hatte aufmerksam, mit gesenktem Haupte, zugehört. Für einen Moment blitzte es in seinen Augen aber als er aufschaute, sah er so harmlos und kindlich drein wie nur jemals. »Ich danke Euch, Herr,« antwortete er; »Hunger und Durst habe ich schon. Hab' ich Euch gekränkt mit scharfem Worte, so nehmt's mir nicht weiter übel. Ihr wißt ja, seit mir der Glockenklöppel auf den Kopf fiel, bin ich nicht mehr so klug wie ehedem, und dann, mit Verlaub – er lachte laut auf – gestohlen habt Ihr die Tiere ja doch.«

Rutger stimmte herzlich in die Heiteretei seines Gastes ein und führte ihn in die Halle, wo ein paar junge Edelleute hinter dem Humpen saßen. Gleich begannen sie, den Schloßherrn mit seinem Begleiter zu necken; ob der Glatzkopf ihm schon die Disziplin gegeben habe, wann er nach Heisterbach ins Noviziat reite, fragten sie, und was der losen Reden mehr waren. Auch Wolfram bekam sein Teil, ein Mönchsschwank jagte den andern. Aber er blieb die Antwort nicht schuldig. Für jede Kloster-Anekdote wartete er mit einem geprellten Ritter auf, wurde auch einige Male sackgrob, machte dabei aber ein so gemütliches Gesicht, daß die Junker ihm nichts übel nehmen konnten und endlich erklärten: wenn alle Mönche so wären wie er, dann kämen sie auch ins Kloster, nur müsse Wolfram Novizenmeister sein. Die drei Weltleute leerten einen Becher nach dem andern und tranken dem geistlichen Genossen tapfer zu. Wolfram tat regelmäßig Bescheid, nippte aber kaum am Weine und entschuldigte sich mit der Regel.

Das Kleeblatt war im besten Zuge, als die Wolkenburgerin eintrat. Sie war eine stattliche Frau, die einst schön gewesen sein mußte; jetzt freilich zeigte das Gesicht Falten, und um den Mund lag ein leidmütiger Zug. Sie reichte dem Mönch freundlich die Hand, speiste die andern Gäste mit einem kühlen Gruß ab, und machte dem Gemahl über das vormittägige Trinken Vorstellungen, die aber nicht viel zu fruchten schienen. Überhaupt ließ die Gesellschaft sich nicht im mindesten stören. Auch Bruder Wolfram behielt seine gute Laune und erzählte so lustige Dinge von Ritterfräulein und Edelfräulein und Edelfrauen, daß Frau Ida ihn zuerst verwundert ansah und endlich mitlachte.

Punkt zwölf Uhr ging man zu Tische. Wolfram aß seine Suppe mit gutem Appetit, lobte die Zubereitung und zog melancholische Vergleiche mit der Klosterkost. »Meistens Hülsenfrüchte,« sagte er, »nach des weisen Pytagoras Lehre: heute Bohnen und Erbsen, morgen Erbsen und Linsen, übermorgen Linsen und Bohnen, und so weiter. Es fehlt etwas an Abwechselung, aber es schmeckt doch. Zu allem Gemüse nehmen wir nämlich drei Gewürze: erstens die schwere Arbeit, zweitens die langen Nachtwachen und drittens die Erwägung, daß wir doch nichts anderes kriegen. Wir werden alte Leute dabei.«

»Würde mir schlecht behagen,« meinte Herr Rutger, vor welchen eben der Diener einen mächtigen Braten hinstellte. »Wie steht's denn bei Euch mit dem Fleischessen? Habe mir sagen lassen, das sei durch die Regel verboten. Das ist der Hauptgrund, weshalb ich Euch das lebendige Fleisch fortnahm. »Was wollen die frommen Mönche damit anfangen?« sprach ich zu mir. »Es ist ja sine beständige Versuchung für sie, und die willst du ihnen doch ersparen.«

»Habt Ihr aber ein zartes Gewissen!« antwortete Wolfram trocken. »Wäret Ihr im Hungerjahr zu Hause gewesen, so hättet Ihr sehen können, wozu wir das Fleisch gebrauchen. Alle Tage ließ der Abt einen Ochsen schlachten für arme Leute, nur Freitags und Samstags nicht, weil dann gefastet werden muß, zum Ersatz aber für den Sonntag drei auf einmal.«

Herr Rutger war flüchtig errötet, fuhr aber spöttisch fort: »Also kein Fleisch? Tut mir leid für Euch, Bruder Wolfram. Nun, so riecht wenigstens einmal an dem Braten, habe lange keinen besseren bekommen.«

Wolfram überlegte einen Augenblick; dann sagte er bescheiden: »Mit Verlaub, Herr Rutger, gebt mir nur mein Teil; ich war lange krank, habe vom Abt Dispens, und Ihr könnt mir schon ein Stückchen gönnen.«

»Von Herzen gern,« antwortete der Wolkenburger und schob ihm eine Hammelkeule auf den Teller.

Wolfram machte sich sofort an die Arbeit. Die ungewohnte Kost schien ihm schlecht zu munden, aber er aß tapfer drauflos. Als er fertig war, tat er einen langen Atemzug, wischte sich den Mund ab, nahm den Knochen in die Hand und fragte: »Herr Rutger, war das auch eines von unsern Schafen?«

»Das habt Ihr geraten,« antwortete der Burgherr schmunzelnd, »und zwar das fetteste. Habe es sofort extra für Euch schlachten lassen; denn so lieben Besuch bekomme ich nicht alle Tage.«

»So, so, das freut mich zu hören. Aber, wie habt Ihr doch eben gesagt, als wir zusammen im Hofe standen?

›Bekommt Ihr nur ein Hammelbein in die Hand, so bekommt Ihr alles, was Ihr wollt,‹ oder so ähnlich. Hier Herr Rutger, ist das Bein« – Bruder Wolfram schwenkte triumphierend seinen Knochen – »und hier« – er klopfte sich wohlgefällig auf den Bauch – »ist das dazu gehörige Fleisch. Also: heraus mit dem Rest!«

Der Wolkenburger wurde abwechselnd blaß und rot; seine Frau sprach leise aber eifrig auf ihn ein; die beiden Junker rückten verlegen mit den Stühlen.

»Was, Ihr zaudert noch? Ist das Euer Ritterwort, das Ihr mir verpfändet habt? Ich weiß wohl, Ihr haltet mich für einen Simpel, und das bin ich auch, seit Gott mir die schwere Prüfung schickte. Jetzt aber bin ich bei gesunden Sinnen und weiß ganz genau, was ich sage und tue. Soll es Euch nicht ein Zeichen sein, daß Gott mir auf eine Stunde oder zwei meinen Verstand zurückgegeben hat, damit der einfältige Mönch den klugen Ritter überliste?

Mit der Dispens freilich hat es seinen Haken. »Bringt mit, was Ihr kriegen könnt,« hat mir der Abt befohlen; ich mag das etwas zu wörtlich genommen haben, als ich von dem Schaf aß; aber ich denke, der Abt und St. Bernhard vergeben es meiner Einfalt und meinem guten Willen. Ihr aber sollt mir halten, was Ihr versprochen habt. Und wollt Ihr's nicht tun meinetwillen und für Euer Ritterwort, dann« – der Mönch sprang vom Stuhl, hoch aufgerichtet stand er da, mit freilich erhobener Hand und flammenden Augen – »dann Rutger von Wolkenburg haltet Wort um Eurer armen Seele willen.«

Rutger zuckte zusammen. Mit der Linken hielt er krampfhaft die Stuhllehne umfaßt, während die Rechte nach dem Dolch fuhr. Aber sie sank schlaff zurück, kein Laut kam über seine bebenden Lippen. Mit schwankendem Schritt ging er aus der Halle, ihm nach sein Weib.

Bruder Wolfram schaute ihm ernsten Blickes nach. Als die Tür sich hinter dem Ritter schloß, nahm sein Gesicht wieder den gewöhnlichen Ausdruck an, und ruhig, als wäre nichts vorgefallen, setzte er sich nieder. »Euer Wohl, Ihr Herren,« sagte er, nickte den schweigenden Junkern zu und leerte gemütlich seinen Becher.

Eine halbe Stunde verstrich. Die Junker waren lautlos hinausgeschlichen. Wolfram stand am Fenster und sah in das blühende Rheintal hinunter.

Endlich trat Rutger wieder ein. Er ging gerade auf den Mönch los und sagte mit fester Stimme: »Bruder Wolfram, Ihr habt das Spiel gewonnen, und was noch fehlte, das hat mein Weib mit verständiger Rede getan. Nicht bloß beschämt habt Ihr mich, sondern auch mein Herz gerührt. Oft genug habe ich mein Wort schlecht genug gehalten; aber von heute ab soll es wieder zu Ehren kommen. Und was ich tue, daß tue ich auch ganz. Auf dem Fleck reite ich mit Euch nach Heisterbach; daß Rind nehmen wir mit, und wegen des übrigen, das ich im Kloster getan, biete ich mich dem Abt zu Schadenersatz und Buße. Nur um eins bitte ich: wir reiten quer hinüber durch den Wald, damit die Spießbürger zu Königswinter mich nicht etwa in Zukunft einen Ochsentreiber schelten. Ist's Euch recht, so schlagt ein.«

Kräftig schlug Wolfram in die dargebotene Rechte und sagte vergnügt: »So gefallt Ihr mir, Herr Rutger. Aber wenn wir zum Kloster kommen, reitet Ihr vor und laßt mich den Ochsen hinterhertreiben. Es ist nicht nötig, daß Walter auf Euch ein Spottlied dichtet. Und was wir hier miteinander gesprochen, das bleibt, so viel wie möglich, hübsch unter uns. Dem Abt freilich müssen wir es berichten, und dann möchte ich's mit Eurer Erlaubnis auch dem Pater Cäsarius melden, der kann's später einmal in sein Buch schreiben.«

Kurz darauf ritten die beiden einträchtig am Hirschberg vorbei an das Tal hinunter, durch welches die Straße nach Ittenbach führt, und jenseits des Baches den steilen Hang zur Bergwiese empor, Bruder Wolfram erzählte wieder Stücklein, bis die ernste Miene seines Begleiters sich aufhellte. Auch der Esel war in versöhnlicher Stimmung. Auf der Wolkenburg hatte man ihn gut gepflegt, und zudem hatte er in dem Ochsen, der mit einem Strick an seinem Sattel festgebunden war, einen alten Bekannten gefunden. So verlief die Reise ohne Unfall und in schönster Harmonie.

Schräg blickte die Abendsonne durch den Hochwald, als der kleine Zug die Mauer des Klostergartens erreichte. Hier begegnete ihnen Hartlieb, der Knecht, der sie erstaunt betrachtete und nicht übel Lust zeigte, vor Rutger die Flucht zu ergreifen. Wolfram aber raunte ihm einige Worte ins Ohr und übergab ihm seine vierbeinige Beute.

Im Klosterhof herrschte reges Leben. Ein Dutzend Rosse war an die Bäume gebunden, und an langer Tafel saßen reisige Knechte hinter dem Weinkrug, neugierig Rutger und den Mönch musternd. Noch ehe diese eine Frage stellen konnten, trat aus der Klosterpforte eine hohe Gestalt, in priesterlicher Kleidung, Abt Gevard an seine Seite.

»Der Erzbischof,« murmelte Rutger erbleichend, sprang aus dem Sattel und beugte vor dem finster dreinblickenden Fürsten das Knie.

»Sieh da!« begann Engelbert, »Herr Rutger von Wolkenburg! Wenn man den Wolf nennt, kommt er gerennt. Soeben war von Euch die Rede, und schöne Dinge muß ich hören. Morgen früh wäre ich zur Wolkenburg geritten, um Euch heimzusuchen und Eure Ställe zu besehen; es sollen Tiere drin stehen, die nicht hinein gehören. Was habt Ihr zu Eurer Verantwortung zu sagen, ehrloser Mann? Soll ich Euch Hochzeit halten lassen mit des Seilers Tochter, wie es schon manchem friedbrecherischen Schelm Euresgleichen geschehen ist?«

Schweigend blieb Rutger knien, mit tief gesenktem Haupt. Statt seiner ergriff Bruder Wolfram das Wort: »Wollt Ihr einem armen Mönch die Rede gestatten, Herr Erzbischof? Dann bitte ich Euch, bestellt das Aufgebot ab, von dem Ihr eben spracht. Der da vor Euch kniet, ist nicht mehr der Ritter Rutger, der gestern unser Vieh raubte, sondern ein anderer Mann, und ich bin sein Bürge.«

Und nun begann Wolfram zu berichten, was auf der Wolkenburg geschehen war. Engelbert hörte ihm aufmerksam zu; immer heller wurden die strengen Züge, jetzt zuckte es um seinen Mund, und endlich konnte er nicht mehr an sich halten: er hielt sich die Seiten und lachte laut hinaus. Auch Abt Gevard stimmte ein und sagte bittend: »Macht's gelinde, Herr Erzbischof! Sein Vater war ein wackerer Degen, und ich vertraue, auch der Sohn wird Euch noch Freude machen.«

»Nun, wenn auch Ihr Euch verbürgt, soll Gnade für Recht ergehen. Steht auf, Rutger von Wolkenburg, und höret meinen Spruch. Für alles, was Ihr an der Abtei verbrochen habt, sollt Ihr bessern nach des Abtes Begehr. Die Strafe sei Euch erlassen, nur die Vogtei nehme ich aus Eurer Hand; ich selbst werde hinfür des Klosters Recht und Frieden schirmen, und wehe dem, der ihn bricht. Wenn Euch der Teufel wieder versucht, dann gedenket dieser Stunde; der Tod hat Euch nahe genug gestanden, und daß Ihr so glimpflich davon kommt, möget Ihr diesem guten Mönch danken, der mit Gottes Hilfe das Böse zum Guten gewendet.«

Mit tiefem Ernst hatte Engelbert die letzten Worte gesprochen. Jetzt flog es wieder wie Sonnenschein über das schöne Antlitz: »Ihr, Bruder Wolfram, habt Euch schwer gegen die Klosterregel verfehlt mit dem Fleischessen; aber ich denke, der Abt legt ein gutes Wort für Euch ein. Eine Buße freilich kann ich Euch nicht ersparen: gleich geht Ihr mit mir zur Abendtafel und eßt statt der Hammelskeule Forellen. Und Ihr Herr Rutger, sollt neben Eurem neuen Freunde sitzen.«

Es war dunkel geworden, als der Wolkenburger von der Tafel aufstand, um Abschied zu nehmen. »Herr Abt,« sprach er, »nochmals bitte ich Euch, laßt alles vergeben und vergessen sein. Euch, Bruder Wolfram, mag der reiche Gott im Himmel lohnen, was Ihr an mir getan habt. Ihr aber, Herr Erzbischof – wenn Ihr einmal einen tapferen Mann nötig habt zum Dreinschlagen, dann laßt den Wolkenburger rufen.«

Mit drei Schritten war er zur Tür hinaus; denn es wurde ihm feucht um die Augen, und das mochte er nicht gern sehen lassen. Draußen stand sein Hengst. Ohne den Bügel zu berühren schwang er sich in den Sattel und sprengte hinaus in die mondhelle Nacht.

*

So, das wäre meine Geschichte, und um den Kollegen von der Feder die Mühe zu sparen, will ich die Rezension gleich dahinter setzen. Daß dieselbe schlecht ausfallen muß, versteht sich von selbst. Die Idee hat der Verfasser aus dem alten Cäsarius – allerdings eingestandenermaßen – gestohlen, einen Teil der Einkleidung desgleichen, und wenn auch der auf seinem eigenen Felde gewachsene Rest erträglicher wäre, als er wirklich ist, so bleibt doch diese mittelalterische Gesellschaft in Harnisch und Kutte als Lektüre für Kinder des 19. Jahrhunderts der reine Anachronismus. Zu meiner Entschuldigung kann ich nur geltend machen, daß der Schuldige in letzter Instanz ein anderer ist, und zwar Herr Domkapitular Haffner in Mainz. Auf der Katholiken-Versammlung zu Amberg hat er gegen die »gemeinschädliche Romanleserei« und ihre Beförderung durch »unsere literarischen Fabrikarbeiten« geeifert, und ganz besonders ist er den Zeitungs-Feuilletons an den Kragen gegangen, was ich ihm auch im großen und ganzen nicht übel nehme. Zehn Prozent dieser Romane und Novellen, hat er gemeint, seien humoristische und daher weniger gefährlichen Inhalts; zwanzig Prozent seien Kriminal-Novellen, die von nicht angestellten, hungrigen Rechtspraktikanten verfaßt würden, und siebzig Prozent seien Liebesgeschichten, verfaßt von stellenlosen Gouvernanten. Das war eine Herausforderung, und entschlossen nahm ich den Handschuh auf. Ich bin weder ein hungriger Rechtspraktikant noch eine stellenlose Gouvernante, für einen Humoristen hat mich noch kein Mensch gehalten, – und zum Beweis habe ich mein Feuilleton geschrieben, das sich in keiner der drei Kategorien des Mainzer Professors unterbringen läßt. Die ganze Verantwortung trägt Herr Haffner; ihm. dem geistlichen Ritter des Geistes, sei darum, auch diese Mönchs- und Rittergeschichte freundlich gewidmet.

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