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Alte Geschichten vom Rhein

Hermann Cardauns: Alte Geschichten vom Rhein - Kapitel 2
Quellenangabe
authorHermann Cardauns
titleAlte Geschichten vom Rhein
publisherButzon & Bercker
yearo.J.
correctorJosef Muehlgassner
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Der gute Dechant Ensfried.

Geschichte aus dem zwölften Jahrhundert.

Die Glocken der Kölner Kirchen läuteten gerade Mittag, als der Dechant Ensfried von St. Andreas die Treppe des Pfarrhauses von St. Maria-Ablaß herabstieg, so eilig, als die glatten Stufen und seine alten Beine es gestatteten. Er war fast siebzig Jahre alt, ein kleines mageres Männchen. Der Pastor, sein Freund, hatte ihm den Pelzrock bis ans Kinn zugeknöpft und ihm die Mütze tief über die Ohren gezogen – denn es war bitter kalt – so daß von seinem Gesichte nicht viel mehr zu sehen war als die Nasenspitze. Als er aber das Läuten hörte, nahm er die Mütze ab und betete andächtig den Angelus. Die Jahre hatten tiefe Furchen in seine Züge eingegraben, aber es war noch immer ein schöner Kopf, vielleicht schöner denn jemals. Den kahlen Scheitel – seit langer Zeit schon brauchte er sich die Tonsur nicht mehr scheren zu lassen – umgab ein Kranz von schneeweißen Löckchen. Er hatte frische, rote Backen, und um den welken Mund und in den blauen Augen lag ein solcher Ausdruck von Liebe und Sanftmut, daß du auf den ersten Blick gesagt haben würdest: das ist gewiß ein guter Mensch.

»Es ist doch kalt,« sagte Ensfried und zog die Mütze wieder über die Ohren. »Ach du lieber Gott, was sollen in dem harten Winter die armen Leute anfangen! Die Spatzen fallen erfroren von den Dächern herunter, und da sitzt so manches Kind Gottes zitternd in der zugigen Stube, während wir sündigen Diener des Herrn hinter dem warmen Ofen hocken. Könnte ich nur an mein Holz! Aber die Monika hat den Schlüssel und gibt ihn nicht heraus; sonst hätten wir nächstens selbst keins, glaubt sie. Wie nur das Frauenzimmer so dumm reden kann und ist doch 20 Jahre bei mir Köchin gewesen. Aber warte nur, du alter Küchentyrann, ich soll dich schon kriegen!«

Ensfried war während dieses Selbstgesprächs vorsichtig die etwas abschüssige Strecke neben der alten Maria-Ablaß-Pfarrkirche – heute steht nur noch das Kapellchen – hinuntergestiegen und war fast bei dem schmalen Gäßchen angelangt, welche vom Entepohl (Eintrachtstraße in neuhochdeutscher Übersetzung) zum Katzenbug führte. Dort hatte die liebe Jugend eine stattliche Bahn angelegt und rutschte herunter nach Herzenslust. Als sie den Dechanten gewahrten, machten sie schnell den Weg frei; aber kaum hatte Ensfried den Fuß auf den spiegelglatten Streifen gestellt, da glitt er aus und wäre hingeschlagen, wenn nicht ein vierschrötiger Kappusbauer aus der Weidengasse im letzten Augenblick ihn geschnappt hätte.

»Hopp hopp, Hochwürden,« sagte er und stellte Ensfried sorgfältig wieder auf die Füße; »das hat noch einmal knapp gut gegangen ... Wollt ihr euch wohl heimpacken, ihr Rabaukenvolk,« schrie er; »seht ihr nicht, was ihr beinahe für ein Unglück angerichtet hättet? Was, ihr steht noch da? Ich will euch Beine machen« – und er schwang seinen Stock, daß die Schar schreiend auseinanderstob.

»Langsam Heinz,« wehrte der Dechant ab. »Jugend hat keine Tugend, und wir haben es vor 50 und 60 Jahren gerade so gemacht. Kommt einmal her, ihr Jungens,« rief er den Kindern zu, die wieder herangesprungen kamen, ohne sich um den dicken Heinz zu kümmern. »Was habt ihr eben getan?«

»Die Bahn geschlagen, Hochwürden,« erscholl es im Chor.

»Dann schlagt sie weiter, aber paßt auf, daß ihr kein Bein brecht.«

Im Nu war er von einem Rudel Kinder umdrängt, die ihm die Hand küßten und um Heiligenbildchen bettelten. Er kaufte sich mit dem Rest seines Vorrats los u. ging weiter, war aber noch keine zehn Schritt gegangen, als ein zerlumpter alter Bettler ihm begegnete.

»Nun, Hermann was gibt es denn schon wieder?«

»Was es gibt Hochwürden? Wie könnt Ihr so fragen? Hunger und Kummer und Elend alle Tage, die Gott erschaffen hat. Wer mir das in meinen jungen Jahren vorausgesagt hätte, daß ich einstens noch um mein Brot betteln müßte!«

»Das habt Ihr, menschlich gesprochen, nicht verdient. Ein braver Arbeiter seid Ihr alleweil gewesen, und daß Ihr den rechten Arm brachet, war nicht Eure Schuld. Aber um Himmelswillen, Mann, was habt Ihr für Hosen an? Die bloßen Beine sieht man ja durch die Löcher, und das bei dieser Kälte?«

»Ja, wenn ich andere hätte.«

Ensfried griff in die Tasche und zog seinen Beutel heraus. »Ach du lieber Himmel,« sagte er betrübt, »Job auf seinem Misthaufen hat nicht weniger gehabt. Wo ich doch nur immer mit dem Gelde bleiben mag! Erst gestern noch hat mein Neffe Friedrich mir einen Gulden geliehen, zum unwiderruflich letztenmal, wie er sagte, was er freilich schon oft gesagt hat, und nun ist es schon wieder alle. Aber halt, so kann ich Euch nicht gehen lassen, wartet einen Augenblick.«

Zwischen der Pfarrkirche und einer hohen Gartenmauer lag ein kleiner Platz, kaum 30 Schuh lang und breit. An dieser Stelle wurde auf Palmsonntag ein Altar gebaut, von dem aus der Erzbischof dem Volke die Ablässe verkündigte und davon trug auch die Kirche den Namen. Ensfried spähte rechts und links: kein Mensch war zu sehen, man hörte nur die Jungen auf der andern Seite der Kirche lärmen. Rasch schlüpfte Ensfried in den hintersten Winkel des kleinen Platzes.

Nach einigen Minuten kam er wieder heraus, in der Hand ein Päckchen tragend. »Hier, Hermann,« sagte er »da habt Ihr etwas gegen die Kälte, und nachher kommt Ihr Euch bei mir die Suppe holen. Und jetzt behüt' Euch Gott, ich bin eilig.«

Ehe der Bettler antworten konnte, war Ensfried auf und davon und eilte an den »sechzehn Häusern« vorbei, die man jetzt kurioserweise Sachsenhausen nennt. Mitunter schaute er sich ängstlich um, als habe er einen schlechten Streich begangen und fürchtete, es komme ihm jemand nachgelaufen. Und es war auch ein Streich gewesen, aber von jenen einer, die unser Herrgott in dem großen Kontobuch auf die gute Seite schreibt.

*

Das Andreasstift war ein großer Gebäudekomplex, eine kleine Welt für sich. Im Hintergrunde, die übrigen Bauten hoch überragend, lag die stattliche Stiftskirche. Vor kurzem war die Chorpartie fertig geworden, ein reich gegliederter Bau in Kleeblattform mit Kuppel und zwei Türmchen, ganz ähnlich wie die herrliche Choranlage von St. Aposteln, während das ältere Langhaus im äußern einfachere Formen zeigte. Davor lagen, mit der Kirche ein mächtiges, den Kreuzgang umschließendes Viereck bildend, die andern Stiftsgebäude, die Propstei, das Kapitelhaus, der Schlafsaal, die Backstube und andere Wirtschaftsräumlichkeiten.

Ensfried hatte bei seiner Ernennung zum Dechanten die schöne Amtswohnung nicht bezogen; er überließ sie einem Kollegen gegen einen Zins, der pünktlich in die Taschen der Armen floß, und blieb in dem kleinen Hause gegenüber dem Stift wohnen, das er von seinen Eltern geerbt hatte. Das war nun schon 20 Jahre her; eben so lange schon wohnte sein Neffe Friedrich bei ihm. Ensfried hatte das früh verwaiste Kind zu sich genommen, und auch als Friedrich es glücklich bis zum Stiftsvikar gebracht hatte, blieben sie zusammen hausen. Das war für beide ein Glück. Der junge Mann wurde, nicht zum mindesten durch den täglichen Umgang mit seinem Verwandten, ein wackerer Priester, und daß er dabei praktischen Sinn für die Dinge dieser Welt besaß, war gerade kein Schaden. »Ich muß auf den Ohm achtgeben,« pflegte er zu sagen, »sonst kommt er mir noch ganz unter die Füße.« Ohne ein Knauser zu sein, war er in Geldsachen doch vorsichtiger als der alte Herr, und fand hierbei in der sehr wirtschaftlich angelegten Monika eine treue Bundesgenossin, Konflikte über mein und dein kamen nicht selten vor, aber länger als eine Stunde waren die beiden sich nie böse gewesen.

Friedrich ein angehender Dreißiger von kräftigem Wuchs, saß in der guten Stube des Hauses, bei ihm zwei Hausfreunde; der Kanonikus Gottfried, der beim Domdechanten als Notarius fungierte, u. der Kaufmann Hartlieb, eine breitschulterige Gestalt in reicher Bürgertracht mit einem unternehmenden, aber gutmütigen Gesicht.

»Hab' ich's Euch nicht vorausgesagt, Ihr Herren?« begann Friedrich. »Mittag ist schon vorbei, und wir warten und warten. Aber so macht er's immer. Gäste zu Tisch bitten, das tut er gern, und dann vergißt er's wieder. Soll mich verlangen, ob er für den werten Besuch überhaupt hat kochen lassen.«

»Nun, da könnt Ihr Euch doch beruhigen,« meinte der Kaufmann mit einem versteckten Lächeln; »sonst hätte die Monika uns längst die Ohren voll geklagt.«

»Das ist wahr, aber fast wundert es mich; und wenn ein armer Mensch gekommen wäre, so hätte er ganz sicher zum mindesten sein eigenes Mittagessen verschenkt und das meinige vielleicht dazu, ich kenne das. Aber Ihr glaubt nicht, wie er's treibt, je länger je lieber. Das Dutzend Zinshühner, die am 1. September vom Merkenicher Hof einkommen, war am ersten Tage verschwunden. Auf Martini hatten wir eitle fette Gans am Spieß, daß es durch das Haus duftete; aber gerade vor Mittag kommt ein Weiblein aus der Schmierstraße mit einem Suppentopf. Die Monika ist eben im Keller, um eine Flasche Gielsdorfer zu holen – das ist nämlich der beste, den wir haben, und er ist doch leicht genug – und im Augenblick hat er dem Weiblein die Gans zugeschustert. Als ich hinter das Unglück kam, war sie mit dem Braten auf und davon. Schwarzen Hunger hätte ich gelitten, hätte ich mich nicht bei Euch, Herr Gottfried, zu Gast gebeten.«

»Hoffentlich hat es Euch geschmeckt,« tröstete der Kanonikus.

»Ich danke; die Gans war gut und der Drachenfelser auch. Aber nun hört, welchen Schabernack er mir jüngst gespielt. Auf St. Andreas bringt der Klosterpächter von Widdersdorf uns jährlich 6 Schinken. Die nehme ich immer unter meine besondere Obhut; denn sie sind ein gut Teil der Pfründe, und der Bauer versteht sich auf die Mast. Täglich ging ich in die Vorratskammer und zählte die Schinken ab; wahrlich, ich war ganz erstaunt, daß noch keiner fehlte. Aber er hat mich schön hinters Licht geführt. Gestern steige ich auf die Leiter, um einen Schinken herunter zu holen, und was sehe ich? An der Mauerseite sind alle sechs angeschnitten, ein paar schon bis zur Mitte. Wer es getan hat, brauch ich Euch nicht zu sagen, und wer es bekommen hat, versteht sich von selbst.«

Hartlieb lachte herzlich, und auch der Kanonikus konnte sich nicht ernst halten. »Ja, ja,« sagte er, »das ist er, wie er leibt und lebt; und wenn man ihm Vorstellungen macht, wird er antworten: »Was wollt Ihr? Ich habe doch dem Friedrich seine Hälfte gelassen!«

»Ganz richtig!« rief Friedrich, »genau seine Worte! Aber was nutzt mir das? Schinken essen muß er doch; oder meint Ihr, ich werde dem Ohm, der aus mir einen ordentlichen Menschen gemacht hat, die Bissen vorzählen?«

»So ist's recht, lieber Freund; und wenn Ihr's dem Ohm antun könntet, dem Heiligen würdet Ihr's nicht antun. Denn ein Heiliger ist er nun einmal, das laß ich mir nicht abstreiten. So lange ich ihn kenne, und das sind jetzt schon vierzig Jahre, hab' ich nichts denn Gutes und Liebes an ihm gesehen. Ach, die schöne, goldene Zeit, als er noch Pastor in Siegburg und ich ein Schulbub war! Es ist mir wie gestern, daß ich ihn zum erstenmale sah; freilich war's auch unter Umständen, die man nicht so leicht vergißt. Ich hatte Maikäfer in der Mütze mitgebracht und in der Schule fliegen lassen; zur Strafe wurde ich über die Bank gelegt, bekam das Fell gegerbt und schrie, daß man es über die Straßen hören konnte. Da kommt der neue Pastor herein, spricht mit dem Lehrer und bestellt mich auf den Nachmittag zu sich. Ich war ein arger Strick dazumal, bei dem jedes gute Wort verloren zu sein schien; aber geredet hat er zu mir, daß mir das Wasser in die Augen schoß, und als er mich zum Schluß auf seinen besten Kirschbaum schickte, habe ich bei mir selbst hoch und teuer versprochen: dem machst du keinen Verdruß mehr. Die ganze wilde Schule hat er herumgedreht, ohne ein böses Wort, mit Scherzen und Spielen und dann mit ernster Lehre. Wenn man ihm zu bedenken gab, ob er nicht durch seine Gutmütigkeit uns Taugenichtse erst recht in den Grund und Boden verderbe, pflegte er zu antworten: »Lasset die Kindlein zu mir kommen, denn ihrer ist das Himmelreich,« – und er hat recht behalten. Der ganze Sieggau hat uns um unsern Pastor beneidet; denn er war ein Priester nach dem Herzen Gottes, der Tröster der Witwen und der Vater der Waisen, aller Freund und Berater. Und als er nach Köln versetzt wurde, hat der ganze Ort geweint.«

»Er ist ein Engel im Fleische,« fiel Friedrich ein. »In der ganzen St. Paulus-Pfarrei, die von unserm Stift pastoriert wird, und weit darüber hinaus, kriecht er in alle Löcher, darin Armut und Elend wohnen. Die Kleider gibt er vom Leibe weg, und für seine dürftigen Brüder in Christo ist ihm kaum das Beste gut genug. Wo er all das Brot, den Wein und das Geld hernimmt, das er tatsächlich verteilt, ist mir unbegreiflich. Freilich, im Leihen für andere Leute ist er nicht blöde – habe auch darin Erfahrungen gemacht. Wenn die Not an den Mann geht, so kommt es ihm nicht darauf an, zu tun, wie der hl. Christpinus, von dem sie erzählen, er habe Leder gestohlen, um Schuhe für die Armen zu machen – aber das ist nicht wahr. Neulich kommt er ins Backhaus, als gerade das frische Brot zu den Stiftsherren gebracht werden soll, sucht sich die besten Stücke aus und sagt den Herren einen schönen Gruß, und: recht sei es eigentlich nicht von mir, aber ich hätte das Brot nötig, und sie würden es wohl verschmerzen können. Im Kapitel sollte darüber ernstlich mit ihm darüber geredet werden, aber keiner hat es übers Herz gebracht. Wenn die hungrigen Schelme von Gremberg und aus der Bensberger Gegend kommen, um gestohlene Schänzchen feil zu halten, kauft er ihnen ganze Schiebkarren voll ab. »Aber Ohm,« sagte ich dann wohl zu ihm, »was wollt Ihr denn damit anfangen?« »Ich?« antwortet er darauf; »gar nichts, ich kann ja das Zeug nicht brauchen, aber die Leute brauchen das Geld.« Und doch ist er nicht bloß so ein sanfter Heinrich, der sich von aller Welt auf der Nase herum tanzen läßt. Über schlechte Priester, deren es ja leider manche gibt, habe ich ihn reden hören, daß mir das Herz im Leibe zitterte; und auf der Kanzel hält er dem Volk seine Sünden vor, daß es tönt, wie die Posaune des Gerichtes. Nur wer an ihm selbst eine Schlechtigkeit verübt, der hat einen Freibrief. Vor drei Wochen – ich hab' es bis jetzt noch keinem erzählt, weil er's nicht haben wollte – sitzt er ganz allein zu Hause. Da kommt der verlaufene Schottenmönch Moëngal, den sie aus St. Martin fortgejagt haben, in die Stube mit dem Messer in der Hand, faßt ihn am Schopf und will Geld haben – der dumme Kerl! Als wenn der Ohm jemals Geld behielte, wenn er welches hat! Ich komme darüber herein und will dem sauberen Patron das Handwerk legen. Der Dechant aber sagt: »Laß das, Moëngal hat bloß einen dummen Spaß gemacht; und nun geh hinaus, ich habe etwas mit ihm zu reden.« Was sie mit einander geredet haben, kann ich nicht vermelden; aber das weiß ich: Moëngal ist herausgekommen, leichenblaß und die Augen voll Tränen, hat sein Lotterleben an den Nagel gehängt und tut jetzt in einem Kloster als Knecht schwere Buße. Nein,« rief Friedrich, und schlug mit der Faust auf den Tisch, »auf den Dechanten laß ich nichts kommen, obwohl er schuld daran ist, daß ich manchmal noch ärgern Hunger leiden muß als gegenwärtig, und das ist wahrlich keine Kleinigkeit.«

Es klopft an der Haustüre. »Endlich,« riefen die drei wie aus einem Munde. Man hörte die alte Monika über den Flur schlurfen, und gleich darauf trat Ensfried ins Zimmer.

»Ei, sieh' da,« begann Ensfried, den Gästen beide Hände entgegen streckend, »das ist aber schön von euch, daß ihr mich heimsucht. Wollt ihr mein einfaches Mahl mit mir teilen, so sollt ihr von Herzen willkommen sein.«

»Oho, Gevatter,« antwortete Hartlieb, »Ihr dürft nicht gar so bescheiden sein. Heute wird's doch gewiß hoch hergehen? Ihr habt uns ja schon vorgestern eingeladen.«

»Eingeladen?« Ensfried sah sehr verlegen aus. »Ach richtig! O, mein alter Kopf will nichts behalten; habe ja auch der Monika Auftrag gegeben. Verzeiht, daß ich es für einen Augenblick vergaß und Euch so lange warten ließ. Aber gleich wird angerichtet sein.«

Friedrich, dem schon wieder eine düstere Ahnung gekommen war, atmete erleichtert auf, führte den alten Herrn an den Kamin, und fing an, ihm den Pelzrock auszuziehen. Plötzlich fuhr er zurück, schlug die Hände zusammen und rief: »Um des Himmels willen, Ohm! Wo habt Ihr denn Eure Hose gelassen?«

Ensfried wurde rot bis über die Ohren, knöpfte den Rock schleunigst wieder zu und stotterte: »Meine Hose? Wie meinst du das? Aber wahrhaftig – hm – sie muß mir ausgefallen sein.«

»Jawohl, ausgefallen; nur habt Ihr so ein klein wenig dabei geholfen. Und wer hat sie denn aufgehoben? Oder liegt sie etwa noch auf der Straße?« – »Nein,« beruhigte der Dechant ihn, »auf der Straße liegt sie natürlich nicht – wie du nur so etwas denken kannst. Der Hermann mit dem lahmen Arm hat sie mitgenommen.«

»Da habt ihr ihn wieder, wie er leibt und lebt,« brummte Friedrich, während Ensfried aus dem Zimmer lief. »Den Tod könnte er sich holen bei der Kälte. Laß doch das dumme Lachen bleiben, Hartlieb! Und Ihr, Herr Gottfried, braucht nicht so gerührt auszusehen wie ein Leichenbitter.« Dabei wischte er sich selbst die Augen.

Fünf Minuten darauf kam Ensfried zurück. Der Pelzrock war verschwunden, und was er an den Beinen trug, war zwar nicht schön, aber es war doch eine Hose.

»So,« sagte er vergnügt, »der Schaden wäre schon wieder gut gemacht. Nun aber kann's auch losgehen,« Er steckte den Kopf zur Türe hinaus. »Monika, wird's bald? Die Herren sind hungrig.«

Aus der Küche über dem Flur antwortete ein unverständiges Knurren. Jetzt erschien ein hageres Weib, grauhaarig und runzelig, aber noch stramm auf den Beinen. In der einen Hand trug es einen halben Schinken, in der anderen einen Laib Brot, legte beides auf den Tisch und brummte: »Das ist das Essen, ich wünsche guten Appetit.«

Die beiden Geistlichen wechselten einen verständnisvollen Blick, während der Kaufmann hell auflachte. Ensfried aber fragte streng: »Was soll das heißen? Bringet die Suppe herein und lasset die Possen bleiben.«

»Was, Possen?« rief Monika empört und stemmte die noch kräftigen Arme in die Seiten. »Den ganzen Morgen habe ich gesotten und gebraten im Schweiße des Angesichts; eine Stunde vor dem Angelus laufe ich Hals über Kopf in die Rattenfalle, um ein paar Flaschen Wein auf Borg zu holen; denn das Restchen im Keller war schon wieder auf die Wanderschaft gegangen, was weiß ich wohin? Und als ich wiederkomme, sind die Hühner verschwunden, der Braten desgleichen, und der Dechant nicht minder. Geweint hab' ich vor Zorn und mich geschämt, es dem Herrn Friedrich zu sagen. He, ist der krumme Jörg wieder dagewesen oder die Kathrin mit den vier Waisenkindern? Wie oft hab' ich euch gebeten, wenigstens das Mittagessen stehen zu lassen! Aber dann bekomme ich zum Bescheid: »Gebet, so wird euch gegeben werden.« Na, gegeben habt Ihr wieder einmal, nun könnt Ihr auch sehen, wo Ihr was kriegt. Ach, daß ich so etwas erleben muß!« Monika schlug die Schürze vor die Augen und schluchzte.

Ensfried sah hilflos im Kreise herum. Da sagte Hartlieb: »Gevatter, laßt Euch's nicht anfechten. Ich glaube, Eure Köchin hat sich nur einen Scherz gemacht. Seht einmal in der Wohnstube nach, dort wird sie wohl angerichtet haben.«

Zögernd öffnete Ensfried die Tür zum anstoßenden Zimmer. Der kleine Tisch, hinter welchem sein Lehnstuhl stand, war mit feinem Linnen gedeckt, einladend duftete es aus der Suppenschüssel, und auf dem Nebentisch dampfte ein mächtiger Braten zwischen blinkenden Flaschen.

»Wahrhaftig,« rief Ensfried erstaunt. »Aber wie ist das möglich? Die alte Kathrin ist doch wirklich dagewesen, und ich hab ihr vielleicht etwas mehr mitgegeben, als nötig war. Monika, wie habt Ihr das fertig gebracht?«

Die Köchin aber schüttelte den Kopf und lachte und weinte durcheinander.

»Seht Ihr, Herr Dechant,« sagte Hartlieb, »Ihr habt wieder recht behalten: Gebet, und es wird gegeben werden. Ein Glück war es freilich, daß ich früh genug kam, um in Eure leeren Töpfe zu gucken und ein wenig zu sorgen, daß ich nicht um mein Mittagessen käme. Und nun setzt Euch, alter Freund, und laßt es Euch schmecken; und wenn Ihr nichts dagegen habt, holt sich Monika auch einen Teller.«

*

Die Gäste waren gegangen. Ensfried saß noch in seinem Lehnstuhl, behaglich das letzte Glas Wein schlürfend, und sagte zu seinem Neffen: »Siehst du, Friedrich, unser Herrgott läßt mich nicht im Stich.«

»Das mögt Ihr wohl sagen; oder ich fürchte doch, er schickt Euch nicht alle Tage einen Gast wie Hartlieb ins Haus. Und wie denkt Ihr Euch eigentlich, daß das Ding fürder gehen soll? Ihr habt mir den letzten Gulden abgeliehen, habt selbst keinen Heller in der Tasche und von unsern Pfründen wird in den nächsten Wochen nichts fällig. Was nun? Geld leihen? Ihr steht schon ziemlich in der Kreide, und mir borgt kein Mensch. Mancher tat es schon gern, sagt aber: »Das wäre Butter an den Galgen geschmiert; denn der Ohm nimmt es ihm doch wieder ab.« Wenn Ihr uns nicht eines schönen Tages gar das Haus über dem Kopfe verkauft!«

Ensfried wurde rot, antwortete aber ruhig: »Sei doch nicht so ängstlich, mein lieber Junge. Hätte ich nicht mein Lebtag so fest auf das Wort der hl. Schrift gebaut von den Vögeln des Himmels, die unser himmlischer Vater ernährt, von den Lilien des Feldes, die nicht arbeiten nicht spinnen, und doch schöneres Gewand tragen, als Salomon in all seiner Herrlichkeit, ich wäre längst vor Kummer und Sorge in die Grube gefahren. Schau, als deine Mutter selig verstarb und ich dich in mein Haus aufnahm, hatte ich so viel Vermögen wie du auch, nämlich keinen Groschen. Wie du nun am ersten Abend in deinem Bettchen lagst, war mir gar bedrängt ums Herz, bis mir der Satz einfiel: »Wer da ein Kind aufnimmt in meinem Namen, der nimmt mich auf.« Ich schlief getröstet ein, und am folgenden Morgen fand ich zehn Dukaten in einem alten Strumpf. Ob der Herr einen seiner Engel zu mir armen Sünder geschickt, ob er eines guten Menschen Herz gerührt hat, ich weiß es nicht. Seitdem habe ich immer fröhliches Gottvertrauen gehegt; knapp ging es zwar öfters, aber Hunger haben wir doch selten gelitten. Du hast mir Segen ins Haus gebracht und Freude für meine alten Tage.«

Friedrich saß da mit feuchten Augen. »Gott lohne Euch, Ohm,« sagte er leise, »was Ihr an mir getan, und fern sei es von mir, wider Euch zu murren. Indessen, ich sehe kein Loch mehr dadurch. Heute abend können wir noch ein Stück von unserm Schinken essen – von meinem Schinken eigentlich,« fügte er lächelnd bei. »Ihr wißt ja – aber morgen ist Freitag, und da hört das Fleischessen auf.«

»Ach was,« unterbrach ihn der Dechant, »mahnt uns doch Christus: »Sorget nicht auf morgen; denn der morgende Tag wird sorgen für sich selbst.« Und da fällt mir ein,« fuhr er weiter fort, »gerade auf morgen, ob er's gewußt hätte, hat uns der Erzbischof Philipp zum Mittagessen eingeladen. Gewiß, du hast Recht, ich hätte manchmal eifriger sorgen sollen für das tägliche Brot, schon um deinetwillen und wegen der Monika, der treuen Seele; auch wär' es gut gewesen, ich hätte mehr daran gedacht, was nach meinem Absterben aus euch beiden werden soll, – denn lang wird's nicht mehr dauern, bis Gott mich abruft. Aber zum Wohltun hat es mich immer wie mit Gewalt gezogen. Höre, mein Sohn, was mir in den Tagen meiner Jugend begegnet ist. – Du bist der erste, dem ich es erzähle, und auch dir bekenne ich es nur, weil ich fühle, daß mein Pfad sich abwärts zum Grabe senkt. Mir träumte in einer Nacht – ich war noch ein junger Kleriker und lebte in den Tag hinein wie so mancher andere – ich ging über den Kirchhof. In der Mitte desselben sah ich einen hohen schwarzen Grabstein, und auf dem Hügel davor kniete eine dunkle Gestalt, deren Antlitz ich nicht zu erkennen vermochte. Da leuchtete es auf in der Finsternis, auf dem Grabstein erschien in Flammenschrift die Zahl V, und bei ihrem Lichte erkannte ich das Gesicht der Gestalt: sie trug meine Züge. Sie stand auf, deutete auf die Ziffer und schaute mir fest in die Augen. Ich wollte fliehen; aber meine Füße waren wie festgewurzelt, und unverwandt mußte ich auf das Gespenst und die schreckliche Zahl sehen Als ich in Schweiß gebadet erwachte, war es mir, als habe ich stundenlang so gestanden und auf mein eigenes Grab geschaut. Ein erschreckliches Erwachen war es! Hatte der Himmel eine Mahnung gesendet, oder hatte der Fürst der Finsternis sein Blendwerk mit mir getrieben? Was bedeutet die Zahl? Stunden oder Tag oder eine längere Frist? Da regte sich in mir Todesangst, die Verzweifelung und die Stimme des Versuchers: »Was hast du nun gehabt und genossen von deinem jungen Leben? Fünf Jahre, das wird's allerhöchste sein, was dir noch bleibt. Benutze die Zeit, ergib dich der Welt und ihren Freuden; und wenn du nun einmal Priester sein mußt, so sei es wie so manche andere, die sich an der Ehre und der Pfründe genügen lassen.« Gott sei Dank, ich habe gekämpft und gesiegt, und von jener Stunde ab bin ich ein ernster Mann geworden, alle Tage des Wortes Christi gedenkend: »Niemand kennt den Tag und die Stunde, da der Herr kommen wird,« und der süßen Verheißung: »Was ihr dem geringsten meiner Brüder tut, das habt ihr mir getan.« Ihm dienend in seinen Brüdern, habe ich des himmlischen Bräutigams geharrt, und als ich das fünfte Jahr in Kraft und Gesundheit vollendete, da war die Eitelkeit der Welt aus meinem Herzen geschwunden. Jetzt sind zehnmal fünf Jahre vorbei seit jener Nacht, und vielleicht morgen schon darf ich sprechen: »Nun laß, o Herr, deinen Diener in Frieden fahren.«

Mit tiefem Ernst hatte der Greis gesprochen. Friedrich antwortete nicht. Er kniete nieder, küßte des Oheims Hände und legte sie zum Segen auf sein Haupt.

*

Andern Tages gingen Onkel und Neffe zur Erzbischöflichen Pfalz am Domhof, einem breiten, niedrigen Bau mit gekuppelten Rundbogenfenstern, aus denen man einen schönen Blick auf den Rhein, den alten Dom und die anstoßende Stiftskirche Maria zu Stiegen hatte. Mit freundlicher Würde empfing sie Erzbischof Philipp von Heinsberg, der als Anhänger und später als Gegner des Kaisers Friedrich Rotbart so gewaltig in die Geschicke des Reiches eingegriffen hatte. Ein Priester, wie er sein soll, war er nicht gewesen; das Schwert hatte er besser geführt als den Bischofsstab, und im Rate der Fürsten saß er lieber als in der Synode. Wunderdinge erzählte man sich von ihm, wie er noch als Domdechant zu des Erzbischofs Rainald Tagen dem Pfalzgrafen die Burg Rheineck mit keckem Handstreich weggenommen und bei Tusculanum geholfen habe, die Römer aufs Haupt zu schlagen. Schwere, aber siegreiche Fehde hatte er geführt gegen Herzog Heinrich den Löwen, und wenig fehlte, so hätte er selbst mit dem Kaiser einen Waffengang gemacht. Jetzt war er älter und ruhiger geworden, sorgte eifrig für die Vergrößerung und Verwaltung des Stiftsgebietes und kümmerte sich auch um das Seelenheil seiner Herde mehr als in den frühern, kriegerischen Zeiten. Übrigens war er ein leutseliger Herr, der einen Spaß vertragen konnte, und Ensfried von Herzen gewogen.

Außer diesem und seinem Neffen waren nur wenige Gäste anwesend: der Dompropst Konrad, der Domdechant mit seinem Notarius Gottfried, sowie einige andere Stiftsherren und Ministerialen. Das Essen war einfach, aber gut, und der Wein wurde nicht gespart. Beim Nachtisch warf der Erzbischof zufällig einen Blick zu Ensfried hinüber. Er sah wie dieser rasch was in die Tasche steckte, und dabei verstohlen umschaute, ließ sich aber nichts merken.

Als die Tafel ausgehoben war und die Gäste sich empfehlen wollten, nötigte Philipp sie, gegen seine Gewohnheit, noch etwas zu verweilen. In einem Nebengemach setzen alle sich um den lodernden Kamin und plauderten von diesem und jenem. Unmerklich lenkte der Erzbischof die Unterhaltung auf Ensfried, und ehe dieser es sich versah, war schon unter allgemeiner Heiterkeit ein halbes Dutzend lustiger Stücklein erzählt, in denen er die Hauptrolle spielte. Auch die Hosengeschichte wurde nicht vergessen. Hartlieb mußte wohl geschwätzt haben; denn Friedrich und Gottfried, welchen der Dechant einen vorwurfsvollen Blick zuwarf, versicherten hoch und teuer, sie hätten nichts verraten.

Der Erzbischof strahlte vor Vergnügen. »Das war brav von Euch, wenn auch unvernünftig, mein lieber Ensfried,« sagte er herzlich: »an Euch können wir, was das Wohltun betrifft, uns alle ein Exempel nehmen; und was die Hauptsache ist: niemals weiß Eure Rechte, was die Linke tut. Ich glaube, das erstreckt sich bei Euch sogar auf die Beine. Kurz, Ihr seid ein rechter Haushalter des Herrn, und gewiß geht Ihr nimmer vor die Türe, ohne etwas zum Verschenken mitzunehmen. Seht doch einmal, ihr Herren, was er wieder für dicke Taschen hat. Gewiß ein paar Dutzend Äpfel für die Kinder: morgen ist ja St. Nikolaustag. Zeigt einmal her, Herr Dechant, ob Ihr auch eine gute Sorte habt; sonst gebe ich Euch bessere.«

Ensfried wurde feuerrot. »Verzeihen Eure Gnaden,« stotterte er, »es sind keine Äpfel, wirklich nicht. Es sind – ich dachte – ich wollte –«

»Nur keinen Widerspruch, bei meiner Ungnade. Heraus mit dem schweren Gepäck! Was? Ihr wollt noch immer nicht? Herr Domdechant, helft dem Kollegen ein wenig.«

Im nächsten Augenblick waren Ensfried die Taschen umgedreht, und zum Vorschein kam ein artiger Vorrat feines Weizenbrot und Backwerk.

»Was?« rief der Erzbischof mit dem ernstesten Gesicht, das er aufsetzen konnte: »Leckerbissen von unserer erzbischöflichen Tafel? Das ist stark! Ensfried, wißt Ihr etwa noch, wie das siebente Gebot lautet?«

»Du sollst nicht stehlen,« antwortete Ensfried, halb beschämt, halb trotzig, »und gestohlen habe ich auch nicht. Ihr habt es richtig geraten, hochwürdigster Herr, ich wollte ein bißchen St. Nikolaus spielen heute abend, hatte aber kein Geld; und da habe ich mir denn geholfen, wie es eben ging. Von all den guten Dingen, die ihr da seht habe ich keinen Bissen gegessen, sondern mir mein Teil, in die Tasche gesteckt. Am liebsten hätte ich es auch mit dem Wein so gemacht; aber das ging leider nicht, und darum habe ich ihn auf Euer Wohlsein getrunken.«

Die ganze Gesellschaft schüttelte sich vor Lachen. Nur der Erzbischof bewahrte seine finstere Miene, obwohl es ihm hart ankam, und sagte stirnrunzelnd: »Ihr habt sehr unrecht getan, Herr Dechant. An unserm Tische darf kein Mensch etwas zu sich stecken, es sei denn in seinen Mund. Ihr hättet nur Euer Teil genommen, meint Ihr? Dann beneide ich Euch um Euren guten Magen; denn was da liegt, ist ja ein ganzer Haufen und genug fast für drei Mann – und mit dem Wein, nun, das hätte noch eben gefehlt. Aber das kommt von Eurem ewigen Heimlichtun. Ein Wort von Euch, und ich hätte Euch ein paar Körbe voll für die Kleinen mitgegeben. Aber nein, das muß immer so hinten herum gehen. Strafe muß sein. Die härteste Buße für Euch ist wohl, daß Ihr Eure Schelmenstreiche in meiner Gegenwart anhören müßt. Wohlan, ihr Herren, wer von dem Dechanten von St. Andreas noch etwas recht Böses weiß, der soll es berichten.«

Ensfried seufzte, aber er glaubte doch die gute Meinung zu merken und wartete geduldig auf das, was kommen sollte. Die andern flüsterten eine Weile untereinander, hier und da hörte man sie kichern.

Dann begann der Kanonikus Hermann von St. Gereon: »Mit Verlaub, Herr Erzbischof, ich habe schlimme Dinge zu melden; und kaum sollte man glauben, daß ein so frommer Mann solches verüben könnte. Als wir im Oktober Patrozinium feierten, waren zwei Prämonstratenser von Steinfeld herübergekommen, um uns bei Predigt und Beichthören auszuhelfen. Auf den letzten Tag lud Ensfried die Mönche und mich zu Gast. Nun dürfen die Prämonstratenser kein Fleisch essen; Fisch aber war in der ganzen Stadt nicht zu haben, es sei denn solcher, den man riechen konnte. Jetzt vernehmet die arge List. Ensfried hat zur Köchin gesagt: »Monika, mach' uns ein gutes Schweinragout, aber ohne Knochen; tu tüchtig Essig und Pfeffer darin, damit man nicht recht schmecken kann, was es ist. Wenn du dann aufträgst, mußt du sagen: Feiner Seefisch, ihr Herren, wohl bekomm's euch.« So ging es denn auch. Ich merkte gleich, was los war; aber die beiden Mönche, die nie einen Seefisch gesehen hatten, aßen in aller Unschuld. Aus einmal nimmt der eine etwas von dem Teller, stößt seinen Gefährten an, denn zu sprechen verbietet ihnen die Regel, wenn sie nicht gefragt werden – und zeigt es ihm. Was war's? Ein Schweinsöhrchen! Der Dechant aber ist ganz wild geworden und hat gerufen: »Bruder Heinrich, was treibt Ihr da für dummes Zeug? Mönche sollen nicht vorwitzig sein, sondern essen, was ihnen vorgesetzt wird. Oder meint Ihr etwa, daß Seefische keine Ohren hätten wie andere Fische auch?«

Ein herzliches Gelächter ertönte. Nur der Erzbischof blieb ruhig und bemerkte trocken: »Saubere Späße das! Ensfried, was soll das heißen?«

»Es war kein Fisch zu haben,« antwortete der Dechant kleinlaut, »und ich konnte die guten Mönche doch nicht hungrig wieder abziehen lassen. Außerdem ...«

»Schon gut, auf der nächsten Synode sprechen wir uns genauer. Bis dahin kommt Ihr alle Freitage zu mir speisen, damit ich Euch besser unterrichte in den Geboten der Kirche und nebenbei auch, ob die Fische Ohren haben oder nicht. Genug davon! Wer ist jetzt an der Reihe?«

»Verzeiht, gnädiger Herr,« begann der Ministeriale Emicho, »meine Geschichte ist nichts weniger als fein; aber ich vertraue, dem Laien werdet Ihr es nicht verübeln. Ich will es ganz ehrbar und wahrheitsgetreu berichten, und wenn es Euch nicht gefällt, so habe ich keine Schuld. Ihr kennt vielleicht den Krämer Dietrich in der Johannesstraße und sein Weib Adelheid. Nicht? Nun, ich dachte, weil in der ganzen Stadt so viel von der Sache geredet worden ist. Die beiden lebten also seit Jahren in Unfrieden. Böse waren sie eigentlich nicht, aber ein gar verdrießliches Ehepaar. Er hatte allzeit Sorgen im Kopf und Wolken auf der Stirne, und sie machten das Wetter nicht besser. Manchmal ging er auch seinen Ärger vertrinken, und wenn er dann mit einem dicken Kopf heimkam und sie ihm in den Weg lief und ihm böse Worte gab, so schlug er sie braun und blau, was ihm dann des Morgens natürlich leid tat. Zum Überfluß ging es ihm eine Zeitlang nicht besonders im Geschäft. Da fing er an, zu kargen und zu sparen und der Frau kaum das Notwendigste zu geben. Darüber wurde sie noch immer bitterer und saurer, erachtete ihn für einen Wüterich und Geizkragen, und als er einmal die Theke offen stehen ließ, nahm sie ihm 20 Gulden fort. Das setzte einen schönen Sturm! Er tobte wie ein Unsinniger, hat auch gleich Verdacht auf Adelheid geworfen; aber sie leugnete hartnäckig, und beweisen konnte er es nicht. Nun, es schadete ihm nicht viel; das Geschäft ging wieder besser, und so wäre wohl Gras über die Sache gewachsen, wenn nicht das Gewissen der Frau geschlagen hätte. Ausgegeben hatte sie das Geld nicht, sondern nur als einen Notpfennig zurückgelegt für den Fall, daß ihr Eheherr noch knickeriger würde. Aber es brannte ihr auf dem Herzen, und schließlich ging sie zu Ensfried und gestand ihm alles – ich darf es ruhig erzählen; denn es war nicht in der Beichte, und es ist endlich doch alles herausgekommen. Der Dechant hat ihr natürlich den Kopf gewaschen und ihr klar gemacht, sie müsse das gestohlene Gut zurückgeben; aber das wollte sie nicht. Dann schlüge ihr der Dietrich die Knochen entzwei, weil sie gestohlen habe und obendrein gelogen, sagte sie; auch könne sie das Geld nicht wieder in die Theke legen, wie Ensfried ihr riet, ihr Mann werde schon merken, wie das zugehe, und dann käme die Sache zum nämlichen Ende. Darauf hat Ensfried den Kopf geschüttelt und nach reiflicher Überlegung des schwierigen Falles gesprochen: »Das ist eine so verwickelte Sache, wie sie mir noch nicht vorgekommen ist, ein förmlicher casus; aber ich will versuchen, alles wieder in die Reihe zu bringen. Geht jetzt heim, Frau Margaret, und werft das Sündengeld – mit Respekt zu melden, Herr Erzbischof – in den Abtritt.«

»Unerhört,« rief Philipp, dem es verdächtig um die Mundwinkel zuckte. »Wahrlich, Ensfried, Ihr seid mir ein schöner Seelenarzt.«

»Ei, so laßt doch den Mann erst fertig erzählen,« erwiderte Ensfried, diesmal ganz ärgerlich. »Ihr wißt ja noch nicht, wie das Ende lautet.«

»Es tut mir leid zu sagen,« fuhr Emicho fort, »daß das weitere fast noch schlimmer ist als der Anfang. Die Frau hat getreulich getan, was der Dechant ihr riet, und gemeint, nun sei alles in Ordnung. Herr Ensfried aber – und darin muß ich ihm recht geben – ward der Ansicht, so lange die 20 Gulden nicht wieder in die Hände des Eigentümers kämen, sei es ganz einerlei, ob sie unten lägen oder in Frau Margaret's Tasche, und die Schwierigkeit fange jetzt erst an. Nun vernehmet die listige Tat. Er geht zu Dietrich, der, ganz erstaunt über den hohen Besuch, einen Kratzfuß nach dem andern macht, spricht vom Wetter und allerhand Sonstigem, und als der Krämer vor Stolz und Freude kaum noch weiß was er sagt, fragt er ihn vor den Kopf: »Wenn ich euren – salva venia, Herr Erzbischof – Abtritt fegen lasse, darf ich dann behalten, was ich darin finde?« Der Mann sagt in seiner Verdutztheit ja und versichert sogar, es werde ihm eine große Ehre sein; nur müsse der Herr Dechant die Kosten bezahlen, denn umsonst bekommt man in Köln gar nichts mehr, den Rest könnt Ihr erraten. Die 20 Gulden sind gefunden worden, was allerdings nicht ganz leicht war, und Ensfried hat sie noch desselbigen Tages den Armen gegeben.«

»Abscheulich,« rief der Erzbischof, sich auf die Lippen beißend. »Herr Dechant, was habt Ihr zu Eurer Verantwortung zu sagen?«

»Dreierlei,« antwortete Ensfried keck, »Erstens gehörte das Geld eigentlich auch der Frau, und der Mann hat ihr nicht genug gegeben: zweitens war es doch verloren, so oder so; und drittens hab' ich's ja nicht für mich behalten. Auch könnte man viertens sagen –«

»Hört auf, hört auf!« unterbrach ihn Philipp. »Ihr seid ja ein Moralist, bei dem einen angst und bange wird. Berichtet mir lieber, wie es mit dem Dietrich und der Adelheid abgelaufen ist.«

»Das war's ja gerade, was ich noch bemerken wollte. Gut ist's abgelaufen, sehr gut. Zwar hat er gleich erraten, wie alles zusammenhing, und ein paar Augen gemacht, als wollte er gleich über sein zitterndes Weib herfallen. Aber da kannte er mich schlecht: eine volle Stunde habe ich in ihn hineingeredet, bis ihm das Weinen kam und er mir in die Hand versprach, alles solle vergeben und vergessen sein. Und er hat fein Wort gehalten,« schloß Ensfried triumphierend: »die beiden leben jetzt wie die Engel im Himmel, als ein Exempel für die Nachbarschaft, und alle Jahre schicken sie mir auf meinem Namenstag den größten Kuchen aus ihrem Laden.«

»Das entschuldigt Euch einigermaßen,« sagte Philipp; »vor die Synode freilich gehört auch dieser Fall; es scheint, Ihr bekommt ein langes Register. Aber aller guten Dinge sind drei: Herr Dompropst Konrad, Ihr seht mir so aus, als wenn Ihr etwas wüßtet!«

»Ja, leider,« entgegnete der Gefragte, und zwar betrifft es mich selbst. Auf Martini sind's schon drei Jahre geworden, seit ich ihm sein Haus abgekauft habe. Viel wert war es nicht, denn es lasten Erbzinsen darauf; aber der Preis war gut, und ich habe ihn bar bezahlt. Ich habe zuerst lange gewartet, bis ich ihn mahnte, ganz freundlich und gelinde. Anfänglich hatte er mich vertröstet und Ausflüchte gemacht, er habe noch keine andere Wohnung gefunden und so weiter, endlich aber hat er mir fast ins Gesicht gelacht und mich dreist beschieden: »Mein lieber Konrad, du siehst doch, daß ich ein alter Mann bin, mit dem es sicher nicht mehr lange dauert; warte noch ein klein wenig, dann bekommst du mein Haus von selbst. Bis dahin aber muß ich doch irgendwie Unterkunft haben.« Das Geld ist nämlich längst fort. So ließ ich mich immer wieder hinhalten, und er ist imstande, hundert Jahre alt zu werden. Jetzt aber bin ich's müde: morgen vormittag, Herr Dechant, komme ich zu Euch und nehme mein Haus in Besitz.«

»Ohm, Ohm,« rief Friedrich, »was habt ihr da angestellt? Nichts habt Ihr mir davon gesagt, – freilich hab' ich's längst kommen sehen.«

Der Erzbischof warf einen raschen Blick auf den Propst, von dem alle Welt wußte, daß er keiner Fliege ein Leid antun könne, und wandte sich ruhig wieder zu Ensfried: »Das ist eine sehr schlimme Geschichte, Herr Dechant. Ist Euer Haus wirklich Herrn Konrad verkauft und anggeschreint? – Ja? Dann kann Euch kein Mensch mehr helfen, darin verstehen die Kölner Schöffen keinen Spaß. Oder wißt Ihr etwa noch einen Ausweg?«

Ensfried war blaß geworden. Er warf Friedrich einen bittenden Blick zu und drückte ihm leise die Hand. Eine Weile schaute er stumm zu Boden. Dann zog ein Leuchten über das liebe Gesicht, er hob den Kopf und sagte: »Es ist gut, Herr Konrad. Ihr seid in Eurem Recht. Morgen sollt Ihr Euer Haus haben; ich habe bis dahin ein anderes, klein zwar, aber groß genug für mich ... Und nun gebt mir Urlaub, Herr Erzbischof, ich muß zur Vesper.«

Die Gäste entfernten sich, nur der Dompropst blieb zurück. Philipp fragte lächelnd: »Nun?«

»Verzeiht, daß ich mit dem guten Manne einen Scherz trieb,« antwortete jener. »Ich wußte wohl, Ihr würdet mir nicht zutrauen, daß ich den ehrwürdigen Greis auf die Straße jagen könne. Aber er selbst glaubt es am Ende, und das täte mir leid. Indessen, ein kleiner Schrecken macht ihn wohl vorsichtiger für die Zukunft. Um die dritte Morgenstunde werde ich zu ihm gehen.«

»Ich komme auch,« schloß der Erzbischof, und für die ausgestandene Angst will ich ihm eine Freude machen.«

*

Als Ensfried mit seinem Neffen aus der Vesper nach Hause kam, stand ein mächtiger Korb auf dem Tische, vollgepfropft mit Obst und Backwerk; nur zwei Eckchen waren freigeblieben, und in jedem stak eine Flasche Wein.

»Sieh, da,« rief Ensfried fröhlich, »das kommt gewiß vom Erzbischof. Kommt einmal herein, Monika! Habt Ihr schon gesehen? Da ist wohl St. Nikolaus hier gewesen?«

»Jawohl,« antwortete die Alte grämlich, »und der Knecht Ruprecht auch; der hat sich nach Euch erkundigt. Schade, daß er Euch nicht traf: sein großer Sack war wie gemacht für Euch; dann hättet ihr doch eine Wohnung gehabt. Ach, ich weiß schon alles,« schloß Monika und trocknete sich die Augen.

»Ach was,« tröstete Ensfried, »das wird sich morgen schon finden; und heute ist Nikolaus-Abend. Hier, Monika, ist Euer Teil von der Bescherung; jetzt gehen wir zu den Kindern. Ihr tragt uns den Korb, und wenn wir zurückkommen, trinken wir ein Glas Wein zusammen.«

Die Nacht war hereingebrochen, während die drei von einer Hütte zur andern gingen. Und ein schöner Gang war es. Selbst Monika wurde vergnügt, als ihr Korb immer leichter wurde und sie in all die strahlenden Kindergesichter sah. Die meiste Freude aber hatte Ensfried selbst. Hatte er die Kleinen beten lassen, so spielte er mit ihnen, daß lauter Jubel durch die ärmliche Stube scholl, und auch für die Alten hatte er immer ein freundliches Wort. War er auf der Straße, so dauerte es ihm zu lange, bis er wieder in ein neues Haus kam. »Lauft doch nicht so, Ohm,« mahnte ihn Friedrich; »Ihr rennt Euch ja die Seele aus dem Leibe.« Er aber lachte und antwortete: »Glaub schon, daß du nicht beibleiben kannst; ich bin heute abend dreißig Jahre jünger geworden.«

Als sie spät am Abend heimkehrten, wollte Friedrich mit dem Ohm noch ein vernünftiges Wort reden, was denn nun andern Tages werden solle, wenn der Dompropst wirklich das Haus begehre. Ensfried aber ließ ihn nicht einmal aussprechen. »Laß ihn nur kommen,« sagte er, »ich spiele ihm einen Streich, über den er sich wundern soll; und am Nikolausabend will ich mich nicht mit Sorgen plagen. Hier dieses Glas bringe ich dir, Friedrich, zum Dank für alles, was du an mir getan – Monika, wollt Ihr Euch wohl einschenken! – und wenn ich nicht mehr bei dir bin, dann denk an mich und meine arme Seele und halte mir die Monika in Ehren; sie hat's verdient trotz all ihrem Knotern. Und nun angestoßen!«

Die Gläser klangen zusammen; Monika knixte gerührt, und Friedrich meinte kopfschüttelnd: »Der Ohm ist aber heut abend ausgelassen.«

*

St. Nikolaus war gekommen, ein schöner, klarer Wintertag. Die Sonne blitzte auf dem Schnee und schaute freundlich in das Stübchen, in welchem Ensfried auf seinem Lehnstuhl saß. Lange vor Tagesanbruch war er aufgestanden, obwohl es ihm dumpf im Kopf und schwer in den Beinen war. Friedrich hätte ihn gern aus der Kirche gehalten; aber das war verlorene Mühe. Nachdem er die heilige Messe gelesen, kniete er noch lange auf den kalten Steinen in inbrünstigem Gebet. Ganz durchfroren kam er heim. Das Frühstück rührte er kaum an. Es fehlte ihm nichts, sagte er, er sei ein wenig kalt und müde; man möge ihn ein Stündchen allein lassen, Ruhe und Wärme würden ihn schon wieder in Ordnung bringen.

So saß er schon eine gute Weile, die Hände über den Knien gefaltet, die Augen aus ein Kruzifix gerichtet, das zwischen einem Bilde des heil. Nikolaus und dem Kindlein in der Krippe an der Wand hing. Sein Gesicht zeigte bald tiefen Ernst, bald ein glückliches Lächeln. Jetzt öffneten sich die schmalen Lippen: »Zu Bethlehem geboren ist uns ein Kindelein,« klang es in leisen, zitternden Tönen. »Es will nicht mehr mit dem Singen,« murmelte er; »ich komme, Herr Jesus, ich komme.« Dann war es ganz still.

Vorsichtig trat Friedrich in das kleine Gemach. »Ist's Euch wieder besser, Herr Ohm?« fragte er leise. »Er schläft,« flüsterte er und ging auf den Zehen zum Sessel. Jetzt schaute er dem Greis ins Gesicht und fuhr jäh zusammen; hastig griff er nach des Oheims Hand, kalt und schlaff lag sie in der seinen, und mit lautem Wehruf stürzte er hinaus um Hilfe zu holen.

*

Eine Stunde war vorüber! Ensfried lag regungslos auf seinem Lager; daneben standen Erzbischof Philipp, der Dompropst, Rutger, der Arzt und Hartlieb, dem die Tränen über die Backen liefen. Friedrich und Monika knieten schluchzend am Boden. In aller Eile hatte man ihm die heilige Ölung gespendet und zur Ader gelassen. Es sei ein Schlaganfall, meinte Rutger; vielleicht werde er noch einmal zu sich kommen, aber dann werde es auch rasch zu Ende gehen.

Jetzt schlug Ensfried die Augen auf und lächelte sanft, als er all die bekannten Gesichter sah. »Ihr seid hier, Herr Erzbischof?« kam es mühsam und abgebrochen von seinen Lippen. »Das ist schier zu viel der Ehre. Seht Ihr Konrad, ich halte Wort: mein neues Haus ist bereit, auf dem Kirchhofe von St. Andreas, und die Möbel zimmert mir der Schreiner in drei Tagen. So lange müßt Ihr Euch freilich gedulden.«

»Vergebt mir das törichte Wort,« sagte der Dompropst schmerzlich; »in solchen Dingen soll man nicht scherzen. Seht her, weshalb ich gekommen bin,« fuhr er fort und zog ein Pergament hervor; »hier ist der Kaufbrief, mitten durchgerissen, den wollt' ich Euch bringen. Aber habt Ihr mich denn wirklich für so hartherzig gehalten?«

»Ach, das hab' ich mir gar nicht überlegt,« antwortete Ensfried. »Euch aber, Herr Propst, danke ich von Herzen für die reiche Gabe; Ihr wißt ja, für mich habe ich das Geld nicht gebraucht.«

Dumpfes Geräusch drang aus dem Nebenzimmer herüber. »Was ist das Friedrich?« fragte der Sterbende mit verlöschender Stimme.

»Leute, denen Ihr Gutes getan habt. Zu Hunderten stehen sie im Flur und auf der Straße, weinen und beten und wollen nicht glauben, daß der Herr Euch zu sich nimmt.«

Ensfried seufzte. Was soll aus meinen Armen werden?«

»Das ist meine Sorge,« antwortete der Erzbischof und reichte ihm die Hand. Alle, die in Euch einen Vater verlieren, sollen meine Kinder sein. Das sei mein Erbe von Euch; hüten werde ich es als treuer Verwalter, so wahr mir Gott helfe.«

Ensfried hatte sich bald aufgerichtet. Ein Lächeln verklärte seine Züge. »Gott sei gelobt,« flüsterte er – noch einen leisen Druck der Hand, dann sank er zurück in die Kissen. Friedlich, ohne Kampf war er hinübergegangen. Prüfend beugte der Erzbischof sich über den Toten, drückte ihm sanft die Augen zu und sagte: »Selig sind die Barmherzigen; denn sie werden Barmherzigkeit erlangen.«

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