Projekt Gutenberg

Textsuche bei Gutenberg-DE:
Startseite    Genres    Neue Texte    Alle Autoren    Alle Werke    Lesetips    Shop    Information    Impressum
Autoren A-Z: A | B | C | D | E | F | G | H | I | J | K | L | M | N | O | P | Q | R | S | T | U | V | W | X | Y | Z | Alle
Gutenberg > Anton Edzardi >

Altdeutsche und Altnordische Helden-Sagen

Anton Edzardi: Altdeutsche und Altnordische Helden-Sagen - Kapitel 32
Quellenangabe
typelegend
authorUnbekannte Autoren
titleAltdeutsche und Altnordische Helden-Sagen
publisherVerlag von Albert Heitz
printrunZweite Auflage
editorAnton Edzardi
year1880
translatorFriedrich Heinrich von der Hagen
correctorJosef Muehlgassner
senderwww.gaga.net
created20150512
projectid9d926f7d
Schließen

Navigation:

Neunundzwanzigstes Kapitel

Ueberschrift: »Brynhild's Harm nimmt noch zu«.

Nach diesem Gespräche legte Brynhild sich zu Bette; und drang diese Kunde zu König Gunnar, daß Brynhild ||150) krank wäre. Er ging zu ihr und fragte, was ihr wäre. Sie aber antwortete nichts und lag, als ob sie todt wäre. Und als er sehr in sie drang, antwortete sie: »Was machtest du mit dem Ringe, den ich dir gab, und den König Budle mir beim letzten Abschiede geschenkt hatte Der Ring, den Sigurd (in Gunnar's Gestalt) von Brynhild erhielt, stammte demnach von Budle, war also nicht Andvaranaut; s. oben S. 133*., als ihr Gjukunge zu ihm kamet, und drohtet zu heeren und zu brennen, wenn ihr mich nicht erhieltet? Diese (jüngere) Sagenfassung, welche eine gewaltsame Erwerbung Brynhild's (durch Kriegsdrohung oder Krieg) voraussetzt, findet sich auch in Oddr. u. s. w.; s. Germ. 23, 177-79. 187 f., wo über diese Stelle und ihr Verhältniß zu Sig. sk. gehandelt ist. Vgl. unten S. 162**. Darauf nahm er mich beiseite Wörtlich: »führte mich zu einer Besprechung«. und fragte, welchen ich erköre von bettelt, die gekommen wären. | Ich aber erbot mich das Land zu vertheidigen und Häuptling zu sein über ein Dritttheil des Heeres. | Da war unter zwei Dingen zu wählen Wörtlich: »Da waren zwei Wahlmöglichkeiten vorhanden«., daß ich dem mich vermählen müßte, so er wollte, oder alles Gutes und seiner Freundschaft verlustig sein; doch sagte er, seine Freundschaft würde mir besser frommen, als sein Zorn. | Da überlegte ich bei mir, ob ich seinen Willen [thun], oder manchen Mann erschlagen sollte: doch fühlte ich mich unfähig, mit ihm zu streiten. Und es kam dahin, daß ich mich dem verhieß, der auf dem Rosse Grane mit Fafni's Erbe geritten käme und durch meine Waberlohe ritte Man beachte die Bedingungen für Brynhild's Erwerbung, die hier zusammengestellt sind., und die Männer erschlüge, die ich [ihm] bezeichnen würde. | Nun getraute sich keiner zu reiten als Sigurd allein; der ritt durch das Feuer, denn ihm fehlte es dazu nicht an Muth; er erschlug den Wurm und Regin und fünf Könige Welche? Die Zahl fünf ist vielleicht formelhaft gebraucht. Vgl. aber HS. 354., nicht aber du, Gunnar, der du bleich wardst wie eine Leiche, und bist du kein König noch Held. Ich aber habe das gelobt, daß ich den allein lieben wollte, der als der Vortrefflichste geboren D. h.: »Den Vortrefflichsten, der je auf die Welt gekommen«. wäre, das aber ist Sigurd. | Nun bin ich eidbrüchig dadurch, daß ich ihn nicht habe; und deshalb muß skal »ich soll«, »es ist mir beschieden«. ich dir den Tod rathen. Damit ist der Grundgedanke der (älteren) nordischen Sage ausgesprochen: Brynhild muß (entweder Gunnar oder) Sigurd tödten lassen, um ihren Eid, nur dem Trefflichsten anzugehören, halten zu können. Sie läßt Sigurd nicht aus Haß tödten, sondern aus Liebe, und folgt ihm selbst in den Tod, um wenigstens im Tode mit ihm vereint zu sein. Auch habe ich Grimhild Uebles zu lohnen: kein herzloseres noch böseres Weib giebt es als sie.« Gunnar antwortete, so daß wenige es hörten: »Manche Lügenworte hast du ausgestoßen, und du bist ein boshaftig Weib, da du die Frau schmähst, die dich weit übertrifft: nicht war sie unzufrieden mit ihrem Loose, wie du thust, noch ||151) | quälte sie todte Männer Ist Aehnliches gemeint, wie Thidr. s. Kap. 366 (S. 392) von Grimhild berichtet?, und keinen mordete sie, und lebt mit Lob.« Brynhild antwortete: »Nicht habe ich Heimlichkeiten gehabt, noch Unthaten verübt Wie du mir vorwirfst? Richtiger wohl: wie Grimhild., und (doch?) anders ist meine Sinnesart: williger wäre ich, euch zu erschlagen.« Darauf wollte sie Gunnar tödten, Hogne aber legte sie in Fesseln. Da sprach Gunnar: »Nicht will ich, daß sie in Fesseln liege.« Sie antwortete: »Kümmere dich nicht darum, denn nimmer siehst du mich hinfort fröhlich in deiner Halle, nicht beim Trinken, noch beim Brettspiel, noch in traulichem Gespräch, nicht [siehst du mich] mehr kostbare Gewänder mit Gold überspinnen Vgl. oben S. 111, Kap. 24 Anfang., noch dir Rath geben.« Sie nannte das ihren größten Harm, daß sie nicht Sigurd zum Gemahl hätte. Sie richtete sich auf und begann zu weben, [so heftig,] daß das Gewebe zerriß Wörtlich: »Sie schlug ihr Gewebe (schoß oder warf den Einschlag durch den Aufzug ihres Gewebes, vgl. auch unten S. 168†), so daß es entzwei ging«.; und gebot die Kammerthüren zu öffnen, so daß man ihre Wehklage weithin hören möchte. Nun war große Klage D. h.: »Da hub Brynhild große Wehklage an«., und man hörte sie durch die ganze Burg.

Gudrun fragte ihre Kammermägde, warum sie so unfroh und betrübt wären, »was ist euch denn, warum geberdet ihr euch wie sinnlose Menschen? welch ein Schreckbild habt ihr gesehen?« Da antwortete eine Frau ihres Gefolges, die Svafrlad Svafrlödh. hieß: »Dies ist ein unseliger Tag, unsere Halle ist voll von Jammer.« Da sagte Gudrun zu ihrer Vertrauten: »Steh auf, wir haben lange geschlafen, wecke Brynhild; wir wollen zu Tische gehn und fröhlich sein.« »Das thue ich nicht (sagte sie), daß ich sie wecke oder mit ihr rede; manchen Tag Genauer »manches dœgr«, s. oben S. 31*. trank sie weder Meth noch Wein, und ist der Götter Zorn über sie gekommen.« – Da wandte sich Gudrun an Gunnar: »Geh hin zu ihr (sprach sie), und sag', ihr Kummer wäre mir leid.« »Es ist mir verboten (sagte er), ihr zu nahen oder mit ihrem Gute mich zu befassen (?).« Dennoch ging Gunnar zu ihr und versuchte auf manche Weise ihr Rede abzugewinnen, konnte aber keine Antwort erlangen. Wörtlich: »Nichts erlangen hinsichtlich der Antwort«. Da ging er fort zu Hogne und bat ihn zu ihr zu gehn. Der sagte zwar, daß er wenig Lust dazu habe; doch ging er, lockte aber [auch] nichts aus ihr heraus.

Und ward nun Sigurd aufgesucht und gebeten, zu ihr zu gehn. Der erwiderte kein Wort, und dabei blieb es ||152) den Abend. Am folgenden Tage aber, als er von der Thierjagd kam, ging er zu Gudrun und sprach: »So hat es mir vorgeschwebt D. h. »das habe ich geahnt«., daß dies etwas Gewaltiges zu bedeuten habe (schlimme Folgen haben werde), daß sie so vor Zorn bebte Wörtlich: »Dies [ihr zorniges] Erbeben«., und wird Brynhild sterben.« Gudrun antwortete: »Mein Herr, große Wunder geschehen an ihr D. h. »höchst seltsam geht es mit ihr zu«.: sie hat nun [schon] sieben Tage und Nächte Sieben dœgr (s. oben S. 31*), also 3½ Tage. geschlafen, so daß keiner wagte, sie zu wecken.« Sigurd antwortete: »Nicht schläft sie; [vielmehr] brütet sie über großartigen Plänen gegen uns.« Da sprach Gudrun unter Thränen: »Das ist ein großer Harm, deinen Tod zu wissen: geh lieber und besuche sie, und sieh, ob ihr Unmuth sich lege: gieb ihr Gold, und besänftige so ihren Zorn.«

Sigurd ging hinaus, und fand den Saal offen; er wähnte, sie schliefe, und schlug die Betten von ihr zurück und sprach Hier beginnt wieder ein Wechselgespräch, dem sichtlich Strophen zu Grunde liegen.: »Wach' auf, Brynhild, die Sonne scheint über die ganze Burg, und [nun] ist genug geschlafen: wirf den Harm von dir, und nimm Fröhlichkeit an.« Sie sprach: »Wie magst du so dreist sein Wörtlich: »Was bedeutet [diese] deine Kühnheit«., daß du kömmst mich zu besuchen? Keiner war schlimmer gegen mich bei diesem Betruge.« Sigurd antwortete: »Warum redest du mit niemand? Was betrübt dich denn?« Brynhild antwortete: »Dir will ich meinen Zorn sagen.« Sigurd sprach: »Bethört Eigentlich »behext«. bist du, wenn du wähnest, daß ich dir feindselig gesinnt sei; und ist der dein Mann, den du erkorest.« »Nein (sagte sie), nicht ritt Gunnar durch das Feuer zu mir, und nicht brachte er mir als Brautschatz Erschlagene Gemeint ist wohl Fafni's Tod, dessen Zeichen der mitgeführte Hort war. Die Tödtung Fafni's [und der Erwerb seines Hortes] kann in sofern als gezahlter Brautschatz bezeichnet werden, als er die nothwendige Vorbedingung für Brynhild's Erwerbung (als Beweis der Furchtlosigkeit nämlich) war, s. Germ. 23, 177**. dar. Ich verwunderte mich über den Mann, der in meinen Saal kam, und ich glaubte eure Augen zu erkennen Diese waren nicht mit verwandelt ( Sig. sk. 36, 5 f.), vgl. oben S. 26***., doch konnte ich es nicht gewiß unterscheiden vor dem Schleier, der über meinem guten Geiste Eigentlich »Schutzgöttin« ( hamingja = Dis, s. oben S. 56**. 99†; vor deren Augen lag es wie ein Schleier, so daß sie mich nicht vor der Täuschung schützen konnte. lag.« Sigurd sprach: »Nicht bin ich ein vornehmerer Mann als die Söhne König Gjuke's: sie erschlugen den Dänen-König und einen mächtigen Häuptling, den Bruder König Budle's.« Vgl. oben S. 1271 und HS. 256. Brynhild antwortete: »Viel Böses habe ich ihnen aufzuzählen: erinnere mich nicht an meinen Harm. | Du, Sigurd, erschlugst den Wurm und rittest durch das Feuer, und zwar um meinetwillen, und nicht waren dort König Gjuke's Söhne.« Sigurd antwortete: »Keineswegs ward ich dein Mann und Die übliche Uebersetzung »und doch warst du« scheint mir dem Zusammenhange nicht zu entsprechen. du mein ||153) Weib, und ein trefflicher König zahlte dir Brautschatz.« D. h. vermählte sich mit dir, s. oben S. 63**. Brynhild, antwortete: »Nie sehe ich Gunnar so, daß mein Herz ihm zulachte Dieselbe Wendung braucht Signy von Siggeir (oben S. 172), auch von Gudrun's Verhältniß zu Atle wird sie gebraucht, s. unten S. 1761., und gram bin ich ihm, obschon ich es vor andern verhehle.« »Erstaunlich Eigentlich: »Erschrecklich«. ist es (sagte Sigurd), einen solchen König nicht zu lieben. Was betrübt dich denn zumeist? Mir scheint, als wenn seine Liebe dir besser wäre denn Gold.« Brynhild antwortete: »Das ist mir das Schmerzlichste in meinem Harm, zu wissen, daß ich es nicht zuwege bringen kann, daß ein scharfes Schwert in deinem Blute geröthet werde.« Sigurd erwiderte: »Deswegen sei unbesorgt: nicht lange wirst du warten brauchen, bis ein scharfes Schwert mein Herz durchbohren wird; auch kannst du dir nichts Schlimmeres wünschen, denn du wirst mich nicht überleben, und unserer Lebtage werden von nun an nur noch wenige sein.« Brynhild antwortete: »Nicht geringe Hinterlist gab dir [diese] deine Worte ein Sie meint, Sigurd habe durch die Aussicht auf ihren, von dem seinigen unzertrennlichen Tod sie von den gegen ihn gerichteten Mordplänen abbringen wollen. Gewöhnlich wird anders übersetzt.; [aber] nachdem ihr mich um alle Lust betrogen habt, achte ich Ich fasse diesen Satz mit ok als Nachsatz. des Lebens nicht im geringsten.« Sigurd antwortete: »Lebe du und liebe König Gunnar und mich, und all mein Gut will ich dafür geben, daß du nicht sterbest.« Brynhild antwortete: »Nicht kennst du recht meinen Sinn: du überragst alle Männer, aber keine Frau ist dir leider (verhaßter) geworden denn ich.« Während ich (meinem Schwur nach) grade von dir, als dem Vortrefflichsten, geliebt werden müßte. Sigurd entgegnete: »Anderes ist wahrer: ich liebe dich mehr als mich [selbst], obschon ich jenem Trug unterlag – und das ist nun nicht [mehr] zu ändern –; denn immerfort, nachdem ich [wieder] zur Besinnung gekommen war Nach der Wirkung des Vergessenheitstrankes., härmte es mich, daß du nicht meine Frau warst. Doch unterdrückte ich es, so viel ich vermochte, dieweil ich im Königssaale war, und freute mich doch dessen, daß wir alle beisammen waren. Es kann auch sein, daß das in Erfüllung gehn muß, was vorhergesagt ist Daß Sigurd ermordet werden werde, s. oben S. 894. 1062. 1222; Grip. 50; vgl. auch unten S. 160††., und nicht soll [mir] davor bangen.« Brynhild antwortete: »Allzu lange hast du versäumt, mir zu sagen, daß mein Harm dich betrübt: nun finden wir dafür keinen Trost Hilfe, Ausweg, Erlösung. [mehr].« Sigurd antwortete: »Gerne wollte ich, daß | wir beide Ein Bett bestiegen und du meine Frau wärest.« ||154) Brynhild antwortete: »Nichts ist es mit solchen Reden: nicht mag ich zwei Könige haben in einer Halle, und eher will ich mein Leben lassen, als daß ich König Gunnar betrüge« – und gedachte nun daran, wie sie sich auf dem Berge trafen und sich Eide schwuren – »jetzt aber ist das alles gebrochen, und ich will nicht leben.« | »Nicht gedachte ich deines Namens (sagte Sigurd), und nicht erkannte ich dich eher, als bis du vermählt warest: und das ist ein gewaltiger Harm.« Da sprach Brynhild: | »Ich schwur den Eid, dem Manne anzugehören, der durch meine Waberlohe ritte, und den Eid wollte ich halten oder aber sterben.« »Lieber, als daß du stirbst (sprach Sigurd), will ich dich nehmen und Gudrun verlassen.« Und | so schwollen ihm die Seiten Vor Kummer., daß die Panzerringe entzwei sprangen. »Nicht will ich dich (sprach Brynhild), aber auch keinen andern.«

[Da] ging Sigurd hinweg. So heißt es im Sigurdsliede Sigurdhar-quidha. Das hier der Saga zu Grunde liegende Sigurdslied, welchem die folgende Strophe angehörte, ist höchst wahrscheinlich dasselbe, dessen Schluß ( Brot) nach der Lücke in der Hdschr. der Lieder-Edda erhalten ist; man nennt es »das lange« im Gegensatz zu dem sogenannten »kurzen« Sigurdsliede ( Sig. sk.).:

Hinaus ging Sigurd
Fort vom Gespräche,
Der Liebling der Helden Eigentlich: »Der holde Freund der Männer«.,
Und senkte das Haupt;
Daß das eisengewobene
Panzerhemde
Dem kampffrohen [Fürsten]
An den Seiten zersprang.

Und als Sigurd in die Halle trat, fragte Gunnar, ob er wisse, welchen schweren Kummer sie hätte, und ob sie ihre Sprache [wieder-] hätte. Sigurd sagte, daß sie sprechen könne.

Nun ging Gunnar abermals hin zu ihr, und fragte, worin ihr Kummer bestehe, und ob es irgend Abhilfe dafür gebe. »Ich will ||155) nicht leben (sagte Brynhild); denn | Sigurd hat mich betrogen, und nicht minder dich, da du ihn in mein Bette steigen ließest. Nun will ich nicht zwei Männer zugleich in Einer Halle haben, und dies soll Sigurd den Tod bringen oder dir oder mir: denn er hat das alles an Gudrun gesagt, und sie wirft es mir nun vor.«

 << Kapitel 31  Kapitel 33 >> 






TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.