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Altdeutsche und Altnordische Helden-Sagen

Anton Edzardi: Altdeutsche und Altnordische Helden-Sagen - Kapitel 11
Quellenangabe
typelegend
authorUnbekannte Autoren
titleAltdeutsche und Altnordische Helden-Sagen
publisherVerlag von Albert Heitz
printrunZweite Auflage
editorAnton Edzardi
year1880
translatorFriedrich Heinrich von der Hagen
correctorJosef Muehlgassner
senderwww.gaga.net
created20150512
projectid9d926f7d
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Achtes Kapitel

Ueberschrift: »Sigmund und Sinfjotle legen die [Wolfs-] Bälge an«.

Nun ist zu berichten, daß Sinfjotle dem Sigmund noch zu jung schien zur Rache mit ihm, und er wollte ihn zuvor etwas an harte Kampfesarbeit gewöhnen. Sie zogen nun des Sommers weit durch die Wälder und erschlugen Männer, der Beute wegen. | Sigmund schien [Sinfjotle] recht nach den Volsungen geartet, doch wähnte er, daß er König Siggeir's Sohn wäre, und dachte, er habe etwas von der Bosheit seines Vaters, aber den Heldenmuth der Volsunge, und meinte, daß er wenig an seinen Blutsverwandten hänge, denn | oft mahnte er Sigmund seines Leides, und spornte ihn sehr an, König Siggeir zu erschlagen.

Nun geschah es einmal, daß sie wieder in den Wald gingen, sich Beute zu schaffen; sie fanden aber ein Haus und darin zwei Männer schlafend mit dicken Goldringen. Diese Goldringe hängen mit der Verwandlung zusammen, und bedeuten, was in anderer Form durch die Wolfsbälge (s. u. Anm. ***) ausgedrückt ist, daß die Träger sich in Wölfe verwandeln können. Hier ist die Verwandlung unfreiwillig; freiwillig dagegen bei den Walkyrjen, die auch Schwanringe und Schwanhemden ( hamir) besitzen. Die waren verwunschen Eigentlich: »in Unheil gerathen«. Zauberkundige Leute, namentlich Zauberinnen, konnten nicht nur sich selbst, sondern auch andere, denen sie übel wollten, in Thiere verwandeln (R. Keyser, Samlede Afhandlinger, S. 365 f.). Man denke an die zahlreichen verwunschenen Prinzen und Prinzessinnen unserer Märchen., denn Wolfsbälge Wolfs- hamir; hamr ist eigentlich die äußere Hülle, deren Anlegung zugleich das Wesen des betreffenden Thieres verleiht; vgl. die Wolfsgürtel der Werwölfe (Maurer, Bekehrung 2, 102 f.). hingen über ihnen; jeden fünften Tag Eigentlich jedes zehnte dœgr: 24 Stunden umfassen zwei dœgr, die 12 Stunden des Tages und der Nacht. konnten sie die Wolfsbälge ablegen; sie waren Königssöhne. ||96) Sigmund und Sinfjotle legten die Bälge an und vermochten nicht wieder aus ihnen heraus zu kommen, und sie (die Bälge) behielten ihre frühere Eigenschaft D. h. in Wölfe zu verwandeln., | und [so] heulten sie [denn] wie Wölfe und verstanden beide ihr Geheul. Nun streiften sie auch durch die Waldmarken, und fuhr jeder von ihnen seine Straße. Sie trafen die Verabredung, daß sie sich dran wagen sollten, wenn es auch sieben Mann wären, aber nicht fürder, und der sollte einen Wolfsschrei thun, der in eine Fehde käme. »Brechen wir das nicht (sagte Sigmund), denn du bist jung und tollkühn, [und] den Menschen wird es gut scheinen dich zu jagen.« Nun fuhr ihrer jeder seine Straße; und als sie sich getrennt hatten, traf Sigmund auf [7 ?] Die Zahl ist unleserlich. Ich vermuthe 7 nach S. 32. Männer, und that einen Wolfsschrei; und als Sinfjotle das hörte, kam er herbei und tödtete sie alle. Sie trennten sich wieder, und als Sinfjotle weit durch den Wald gelaufen war, traf er elf Männer und kämpfte mit ihnen, und es geschah, daß er sie alle tödtete. Nun ward er [sehr] müde So schlafen auch die verwunschenen Königssöhne (S. 30); s. Maurer, Bekehr. 2, 106 f., lief unter eine Eiche und ruhte sich dort ... Hier ist ein kurzes Stück, sowie auch vorher und nachher die Wörter in [ ] unleserlich. Die Papierabschriften geben: Da kam Sigmund dorthin und sprach: »Warum riefest du mich nicht?« Sinfjotle sagte: »Nicht wollte ich dich zu Hilfe rufen« u. s. w. [Sinfjotle] sprach zu [Sigmund:] [»Du riefest?] mich zu Hilfe, um sieben Männer zu tödten, ich aber bin ein Kind an Jahren im Vergleich mit dir, und [doch] rief ich nicht um Hilfe, elf Männer zu tödten.« Da sprang Sigmund so heftig gegen ihn ||97), daß er zurücktaumelte und fiel: Sigmund biß ihn vorn in die Gurgel. An diesem Tage vermochten sie nicht aus den Wolfsbälgen zu kommen. Sigmund warf ihn sich auf den Rücken und trug ihn heim in die Hütte und saß über ihm, und wünschte die Wolfsbälge zu allen Teufeln. Eigentlich: »er hieß die Trolle (Unholde) die Wolfsbälge holen.«

Sigmund sah eines Tages zwei Wiesel, wie eins das andre in die Gurgel biß; jenes lief zu Walde, und brachte ein Blatt und legte es auf die Wunde, und alsbald sprang das [andere] Wiesel geheilt auf. Dieser Zug begegnet verschiedentlich in den Märchen: Grimm's Märchen Nr. 16 (Bd. III, S. 26). Anders gewandt bei Grundtvig-Leo I, 3 ff. [= Saxo Gramm. S. 243 f.]. Sigmund ging hinaus, und sah einen Raben Der Rabe ist Odin's Vogel, der durch ihn das heilende Blatt sendet, wie durch Hliod (in Gestalt einer Krähe) den fruchtbar machenden Apfel an Reri (oben S. 8, Anm. †). mit dem Blatte fliegen und es ihm bringen. Er legte es über Sinfjotle's Wunde, und dieser sprang sogleich gesund auf, als wenn er nimmer wund gewesen wäre.

Darauf gingen sie zu der Erdhütte und blieben da, bis zu der Zeit, da es ihnen beschieden wäre, die Wolfsbälge abzulegen: da nahmen sie dieselben und verbrannten sie und wünschten, daß sie niemandem [mehr] zum Schaden gereichten. Sie hatten aber in ihrem unheilvollen Zustande í theim úskopum (»während dieses Mißgeschicks«), d. h. als Werwölfe. manche Heldenthat in König Siggeir's Reiche vollbracht.

Als nun Sinfjotle erwachsen war, da meinte Sigmund ihn genug erprobt zu haben. Nun währte es nicht lange, daß Sigmund Vaterrache nehmen wollte, wenn es sich dazu anlassen würde. Da gingen sie eines Tages fort von der Erdhütte, und | kamen spät Abends zu König Siggeir's Hofe und traten in die Vorstube, die vor der Halle war; dort aber waren Bierfässer, da[hinter] verbargen sie sich. Die Königin wußte nun, wo sie waren, und beschloß zu ihnen zu gehn; und als sie zusammen kamen, da faßten sie den Rath, daß sie die Vaterrache ausführen wollten, sobald es Nacht würde.

Signy und der König hatten zwei Zwei Kinder, wie oben S. 25 f., obwohl hier nur eins des Verraths sich schuldig macht. Sind die zwei Kinder aus jener Darstellung herübergenommen? Vielleicht ist überhaupt rückwirkender Einfluß des analogen Zuges der Sage von Gudrun anzunehmen, die auch ihre und Atle's beide Kinder tödtet (u. Kap. 38, Abs. 2); oder es ist die doppelte Tödtung eines mit Siggeir erzeugten Kinderpaares durch Signy oder auf ihr Geheiß aus Nebeneinanderstellung verschiedener Fassungen des gleichen Sagenzuges entstanden. (Vgl. die folgende Anmerkung.) junge Kinder, die spielten mit Goldringen am Boden und ließen sie über den Estrich der Halle rollen und sprangen ihnen nach. Ein Goldring lief weiter fort nach der Stelle des Hauses, wo Sigmund und Sinfjotle waren; | der Knabe aber sprang hinterdrein, den Ring zu suchen. Da sah er zwei Männer sitzen, groß und grimmig, die hatten tief herabreichende Helme und weiße Panzer an. Da lief er in das Innere der Halle zu seinem Vater und sagte ihm, was er gesehen hatte. Der König argwöhnte nun, daß es gegen ihn gerichteter Verrath sein werde.

Signy hörte, ||98) was sie sagten; sie stand auf, | nahm die beiden Kinder, und ging hinaus in die Vorstube zu ihnen und sagte, sie sollten wissen, daß die sie verrathen hätten: »und ich rathe euch, daß ihr sie tödtet.« Sigmund sagte: »Nicht will ich deine Kinder tödten Vorher (S. 26) hatte Sigmund diese Scheu nicht gehabt. Wie der Widerspruch sich erklären mag, darüber s. die vorige Anm. ( rim. übrigens: »Ich tödte nicht mehr der Kinder dein«)., obschon sie mich verrathen haben.« Sinfjotle aber bebte nicht davor zurück, schwang sein Schwert und tödtete beide Kinder, und warf sie hinein in die Halle vor König Siggeir. Der König stand auf und rief seine Mannen auf, die Männer zu ergreifen, welche sich am Abend in der Vorstube verborgen hätten. Da sprangen die Männer dorthin fort, und wollten sie ergreifen; die aber wehrten sich wohl und mannhaft, und lange Oder »bei weitem«? meinte der es am schlimmsten zu haben, der ihnen am nächsten war. Am Ende wurden sie aber von der Uebermacht bewältigt und gefangen genommen und demnächst in Bande geschlagen und in Fesseln gelegt, und saßen sie dort die ganze Nacht.

Nun überlegte der König bei sich, welches Todes er sie sterben lassen sollte, den sie am längsten fühlten. Als nun der Morgen kam, ließ der König einen großen Hügel machen von Steinen und Rasen; und als der Hügel fertig war, | ließ er eine große Felsplatte mitten in den Hügel setzen, so daß die eine Kante der Felsplatte empor stand, und die andere nach unten gekehrt war: sie war so groß, daß sie auf beiden Seiten an [die Felswand] reichte, so daß man nicht an ihr vorbeischlüpfen konnte. | Nun ließ er Sigmund und Sinfjotle ergreifen und in den Hügel setzen, auf jeder Seite einen von ihnen, dieweil es ihm härter schien, wenn sie nicht beide beisammen wären, und doch jeder den andern zu hören vermöchte. Und als sie nun dabei waren, den Hügel mit Rasen zuzudecken, | kam Signy dazu, und trug Stroh im Busen, das warf sie Sinfjotle in den Hügel zu, und bat die Knechte es dem Könige zu verhehlen. Die sagten es zu, und darauf ward der Hügel geschlossen.

Und als die Nacht kam, sagte Sinfjotle zu Sigmund: »Keineswegs, mein' ich, wird es uns eine Zeit lang an Speise gebrechen: | hier hat die Königin Speck in den Hügel geworfen und denselben mit Stroh umhüllt.« Und wieder betastete er den Speck | und fand, daß das Schwert Sigmund's darein gestoßen war; er ||99) erkannte es am Griff, denn es war dunkel in dem Hügel, und sagte es Sigmund; des freuten sie sich beide. Sinfjotle schob die Schwertspitze über die Felsplatte und zog Das Hinundherziehen beim Sägen ist gemeint. (Bugge übersetzt: »drückte aus Leibeskräften«.) mit Macht: das Schwert schnitt in den Felsen. Sigmund ergriff nun die Schwertspitze, und so durchsägten sie die Felsplatte zwischen ihnen und ließen nicht eher ab als bis sie mit Sägen fertig waren, wie es im Liede Das (der Saga hier zu Grunde liegende) Lied ist bis auf die folgende Halbstrophe verloren. heißt:

Sie sägten mit Macht
Den mächtigen Fels
Mit dem Schwerte, Sigmund
Und Sinfjotle.

Nun waren sie beide los zusammen im Hügel und zersägten Stein und Rasen Hdschr. jarn (Eisen), statt torf oder jordh? (vgl. rim.). und entkamen so aus dem Hügel.

Sie gingen nun hin zu der Halle; da lagen alle Leute im Schlafe. | Sie trugen Holz an die Halle und legten Feuer an das Holz. Die aber, so darinnen waren, erwachten von dem Qualm, und davon, daß die Halle über ihnen brannte. Der König fragte, wer den Brand gestiftet hätte. »Hier sind wir, Sinfjotle, mein Schwestersohn und ich,« sagte Sigmund, »und wir wähnen, du sollst merken, daß die Volsunge nicht alle todt sind.« Vgl. oben S. 25, unten S. 58 und 77. Er hieß seine Schwester herauskommen und von ihm hoher Ehren theilhaftig werden und wollte ihr so ihren Kummer Wegen des Mordes ihres Gatten. Darauf bezieht sich Signy's Antwort. Man vergleiche das Anerbieten Dag's an seine Schwester Sigrun »zum Entgelte des Harms«, daß er ihr den Gatten Helge erschlagen. ( Helg. Hund. II, Str. 34.) büßen. Sie antwortete: »Nun sollst du erfahren, ob ich dem König Siggeir den Mord König Volsung's nachgetragen habe: ich ließ unsere Kinder ermorden, weil sie mir zu träge zur Vaterrache schienen; | und ich war es, die in den Wald zu dir kam, in einer Wahrsagerin Gestalt, und Sinfjotle ist unser Sohn: er hat davon so gewaltigen Heldenmuth, daß er sowohl Sohnes-Sohn als Tochter-Sohn König Volsung's ist. | Ich habe darnach allewege gerungen, daß König Siggeir den Tod empfangen sollte; ich habe so sehr darnach gerungen, daß die Rache vollzogen würde, daß ich unter keiner Bedingung [länger] leben darf; und ich will nun freudig mit ihm sterben, obwohl ich ihn wider Willen zum Manne hatte.« Sodann küßte sie Sigmund, ihren Bruder, und Sinfjotle und ging [wieder] hinein ins Feuer und sagte ihnen »Lebewohl«. ||100) Darnach fand sie da den Tod mit König Siggeir und seinem ganzen Hofe.

Vater und Sohn verschafften sich Heervolk und Schiffe, und fuhr Sigmund zu seinem Stammeserbe und vertrieb den König aus dem Lande, der sich darein gesetzt hatte.

Sigmund ward nun ein mächtiger und hervorragender König, weise und hochstrebend. | Er hatte eine Frau, die Borghild hieß. Sie hatten zwei Söhne, der eine hieß Helge, der andere Hamund. Und als Helge geboren war, kamen Nornen Vgl. S. 64* und 87**. dazu und weissagten ihm [sein Schicksal] und sprachen, er sollte der berühmteste aller Könige werden. Sigmund war da aus der Schlacht gekommen und ging mit einem Lauch Der über das Gras hervorragende Lauch ist das Bild des Andere überragenden Helden (u. Kap. 32 Anfg.). Die Ueberreichung des Lauchs muß man hier mit Bugge symbolisch verstehn: Helge soll zu einem hervorragenden Helden heranwachsen. seinem Sohn entgegen, und gab ihm damit den Namen Helge und folgendes als Geschenk zur Namensverleihung Wer einen Namen verlieh, mußte dem Benannten ein Geschenk machen (als nafnfesti »Namensfestigung«), unser Pathengeschenk, s. Weinhold, Altn. Leben, S. 263.: Hringstad und Solfjall, und ein Schwert, und hieß ihn wacker werden und den Volsungen nachschlachten. Er (Helge) ward hochherzig und beliebt und übertraf die meisten andern Männer in jeglicher Tüchtigkeit. | Es wird gesagt, daß er sich auf eine Heerfahrt begab, als er fünfzehn Winter Seit etwa 1000 Mündigkeitstermin auf Island und in Norwegen. alt war. Helge war König über Heervolk, Sinfjotle aber war ihm beigegeben, und beide führten Kriegsvolk.

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